In einem Dorf in der Nähe von Arles F ist am Dienstag der Berner Mundartlyrik-Pionier Ernst Eggimann 79-jährig gestorben. Mit seinen Gedichtbänden „Henusode“ und „Heikermänt“ prägte er in den 1960-er und 1970-er Jahren die Schweizer „modern mundart“-Bewegung.
(…)
Als Ernst Eggimann einmal in Frankfurt eine Lesung hielt, gab es stehende Ovationen und sogar Lob von der Lyrik-Legende Ernst Jandl, erinnerte sich Ernst Eggimann einmal in einem Interview.
Verstanden haben dürften die wenigsten Anwesenden Gedichte wie „weiteresweichsei/ nei/ mirweikeis/ weitereshertsei/ nei/ mirweikeis/ weiteresschpieguei/ neidanke/ weiteramändkesei/ nei/ mirweikeis/ wasweiterde“.
Schon die Zürcher dürften Mühe mit solchen Lautgedichten haben, und trotzdem waren die „Züri-Hegle“ für Eggimanns literarischen Durchbruch verantwortlich. / Liechtensteiner Vaterland
www.Lyrikfestival.de / Die Literaturszene besteht nicht nur aus Bestsellerautoren und Preisträgern. Es gibt eine Offszene aus Lyrikern, die auf der Bühne zuhause sind. Sie performen ihre Gedichte in ihrem ganz eigenen Stil, treten aber bei Poetryslams eher selten auf. Ihre Wortkunst entfaltet sich magisch und popschamanisch, ihre Lesungen sind legendär! Und wir reden hier nicht von vergangenen Tagen, denn diese Dichter sind kein Mythos, sondern leben im Hier und Jetzt. Sie produzieren Livelyrik mit Tiefgang! Tiefenliterarische Ekstasen! Das 1.Offlyrikfestival fand 1995 im Kölner BelAir statt. 1996 dann das zweite im Kieler SubRosa. Lyrikperformer wie stan lafleur, Alex Nitsche, Harald ‚Sack‘ Ziegler, Peter Rech, Thorsten Nesch, Hadayatullah Hübsch, Ron Schmidt und Tom de Toys intonierten ihre poetischen Texte mit teilweise geradezu theatralischer Stimmakrobatik – ein Fest für die Ohren, progressive Lyrik der Offszene so zu erleben! Mit 20-jähriger Verzögerung plant nun das G&GN-INSTITUT das 3.Festival in Düsseldorf, mit einigen Veteranen und Newcomern der Lyrikszene. Ausnahmedichter mit ungewöhnlicher Gegenwartslyrik und Bühnentalent: Eventliteratur vom Feinsten! EXISTENZIELLE TABULOSE POESIE! Bewerbungsmodalitäten hier: http://lyrikszene.jimdo.com/bewerbung/
1775, nach dem Abschluss seines Studiums, kehrte er nach Ulm zurück, wo er 1783 eine Sammlung seiner Gedichte herausgab und sich in der Folgezeit dem Erzählen zuwandte. Sein Roman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“ erschien 1776 im gleichen Verlag wie Goethes „Werther“ und wurde zum Bestseller. Eine große Wirkung hatten auch Millers Gedichte: über 220 Vertonungen bezeugen ihre Sangbarkeit.
Ihre Themen und Bilder seien keine anderen als die „in den Charts von heute“ – so urteilt Literaturwissenschaftler Michael Watzka, der Millers Gedichte neu herausgegeben hat. Morgen, Freitag, um 19.30 Uhr, stellt der in den USA forschende Absolvent des Weißenhorner Gymnasiums im Rahmen der „Literaturwoche Ulm“ seine Miller-Ausgabe in der Ulmer Zentralbibliothek vor. / Vergessener Literaturstar aus Ulm – weiter lesen auf : http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Vergessener-Literaturstar-aus-Ulm-id34445217.html
Johann Martin Miller: Liederton und Triller. Sämtliche Gedichte. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Michael Watzka. Berlin, Elfenbein Verlag, 22 Euro.
„Habt keine Scheu, steht auf, macht euer Ding, hört aufs Publikum – und kennt eure Klassiker“. Lyrik zu lesen, das gehe bei jungen Slammern in den USA inzwischen immer mehr verloren, erzählt deren Idol Marc Kelly Smith.
/ Der Erfinder des Poetry Slam bei einem Besuch in Ulm, Südwestpresse
Am Ende des Abends spielt Balmes Ausschnitte aus einem Gespräch mit Kling vor, das er ein knappes Jahr vor dessen Tod aufgezeichnet hat. Klings Stimme ist zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Flüstern. „Das Fragment ist das heile Teil der Moderne“, hört man ihn sagen. Und weiter: „Wenn man seinen Frieden damit macht, dass man über das Fragment gar nicht hinauskommt, weil abschließbar nichts zu machen ist, das lehrt einen auch Bescheidenheit, und das sollte man früh genug lernen.“ / FAZ
Bereits 1936 äusserte er gegenüber André Malraux den Verdacht, Stalin wolle ihn vernichten. Wenig später verfasste Bucharin ein speichelleckerisches «Poem über Stalin», weil er keine Zeitungsartikel mehr schreiben durfte. Im März 1937 wurde er verhaftet.
Im Gefängnis brachte er eine phantastische Selbstanklage, eine Kritik seiner eigenen «antileninistischen theoretischen Anschauungen», zu Papier. Ausserdem entstand eine theoretische Schrift über den «Sozialismus und seine Kultur». Der Druck, der auf Bucharin während seiner Haftzeit lastete, war enorm. Zwischen Juli und September 1937 wurde er jede Nacht verhört. Trotzdem schaffte er es, seine – selbstverständlich atheistischen – Gedanken zum Anfang und Ende des Ichs in verschiedener Form aufzuzeichnen: in 187 Gedichten, in seinen «Philosophischen Arabesken» sowie im autobiografischen Romanfragment «Zeiten». In höchster Verzweiflung schlug Bucharin Stalin in einem bizarren Brief vom Dezember 1937 vor, ihn nach Amerika auszuweisen, um dort Trotzki bekämpfen zu dürfen. Zuletzt bat er seinen Peiniger um fünfundzwanzig Jahre Lagerhaft im eisigen Norden, wo er eine Universität, mehrere Museen und eine Zeitschrift gründen wolle . . .
Tragisch endete Bucharin in der Tat. Im dritten der Moskauer Schauprozesse (gegen den «Block der Rechten und Trotzkisten») wurde er zum Tode verurteilt und am 15. März 1938 auf einer der Moskauer Hinrichtungsstätten erschossen – Stalin erfüllte ihm nicht einmal die letzte Bitte, er möge ihn durch eine Giftpille Selbstmord begehen lassen. /
Der tschechische Dramatiker und ehemalige Dissident Josef Topol ist im Alter von achtzig Jahren gestorben. «Mit ihm verliert die tschechische Kulturszene eine weitere Ikone und Legende», sagte der Kulturminister Daniel Herman. Josef Topol galt neben Václav Havel und dem am 6. Juni verstorbenen Ludvík Vaculík als bedeutendster Schriftsteller, der das Bürgerrechtsmanifest «Charta 77» unterzeichnete.
Seine Theaterstücke und Gedichte waren im Kommunismus jahrzehntelang verboten, das von ihm mitbegründete Theater «Divadlo za branou» in Prag wurde 1972 geschlossen. / NZZ
Der Dichter Humberto Ak’abal gehört zu den Maya-K’iche‘, der grössten Gruppierung der Maya in Guatemala. Maya-K’iche‘ ist auch die Sprache, in der er seine lautmalerischen Gedichte schreibt.
(…) Wenn die Gedichte fertig sind, überträgt er sie selbst ins Spanische (…) Erich Hackls deutsche Versionen sind eingängig, nur selten einmal bleibt er an einer Redewendung haften. Schade bloss, dass wir die Gedichte nicht mit den spanischen Versen vergleichen können. Dafür dürfen wir ab und an Texte in Maya-K’iche‘ bestaunen.
Humberto Ak’abal benutzt nicht die Fachsprachen der Lexika, sondern findet seine Wörter auf der Strasse, auf den Märkten ebenso wie zwischen den Dorfgerüchen oder bei den Frauen am Fenster nebenan. Manche Bezeichnungen aus dem Maya-K’iche‘ lässt er im Original stehen und schmilzt sie in die Gedichte ein, «urikil kaj» etwa, was aus den Pilzen eine «Himmelskost» macht, oder «nonoch’», was so viel wie «der Schatten eines Menschen» meint. Andere Gedichte bleiben ganz in der ursprünglichen Sprache – und man kann als Leser nur vermuten (oder sich wünschen), dass das «Waq‘ waq‘ waq’» des Feuers oder das «Yoooooooooojjjjjj» des Wassers reine Lautmalerei sind. / Nico Bleutge, NZZ
Humberto Ak’abal: Geistertanz. Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von Erich Hackl. Waldgut-Verlag, Frauenfeld 2014. 99 S., Fr. 25.–.
Jang Jin-sung war der Hofpoet von Diktator Kim Jong-il. Dann musste er fliehen. Heute kämpft er mit seinem Insiderwissen gegen das System, das er einst lyrisch umschmeichelte.
(…) Wie einst bei den Nazis werde die Schiffskatastrophe auch in seiner Heimat als Untergang des Westens gedeutet, erklärt er. Weil am gleichen Tag, dem 15. April 1912, Staatsgründer Kim Il-sung geboren wurde, heißt es in Nordkorea, dass die Sonne damals im Westen unterging, um im Osten aufzugehen.
(…) Jang Jin-sungs Liebe zur Poesie begann mit den gesammelten Werken Lord Byrons. Als Jugendlicher konnte er einen Blick in das Buch werfen, von dem es in Nordkorea nur hundert markierte Exemplare gab, zu denen kaum jemand Zugang hatte. Die Gedichte des Briten, die er in koreanischer Übersetzung liest, faszinieren ihn. Durch sie lernt Jang auch, dass das Adjektiv „geliebt“ nicht allein für Kim Jong-il existiert.
Während Kim Il-sung vor allem Romanautoren protegierte, setzte sein Sohn auf die Lyrik als Propandainstrument. Jangs gefeiertes Gedicht „Der Frühling ruht auf dem Pistolenlauf des Herrn“ porträtierte den jüngeren Kim als Beschützer der gesamten koreanischen Halbinsel und propagierte dessen „Militär zuerst“-Politik.
Es schließt mit den Zeilen: „Das ist die Waffe/ die in den Händen eines niedrigen Mannes/ nur Mord begeht,/ aber wenn sie von einem großen Mann gehandhabt wird/ alles überwinden kann./ Die Geschichte hat gezeigt,/ Krieg und Gemetzel gehören/ den Schwachen./ General Kim Jong-il,/ und nur er,/ ist der Herr der Waffe,/ Herr der Gerechtigkeit,/ Herr des Friedens,/ Herr der Wiedervereinigung./ Ah, der wahre Führer des koreanischen Volkes!“ / Björn Rosen, Die Welt
Der Schriftsteller und Direktor des Archangelsker Literaturmuseums Boris Jegorow publizierte Anfang des Monats ein Buch, das einem einzigen Liebesgedicht Alexander Puschkins gewidmet ist. „Ein Augenblick, ein wunderschöner“ existiert nun in 210 Sprachen. In 140 von kleinen Volksgruppen gesprochen Sprachen erscheint das Gedicht zum ersten Mal.
Zuerst sammelten wir einfach alle bereits existierenden Übersetzungen von Puschkin-Werken in anderen Sprachen“, erzählt Jegorow. Die Pakete seien aus der ganzen Welt gekommen. Dann konzentrierte sich Jegorow auf „Ein Augenblick, ein wunderschöner“, eines der berühmtesten Liebesgedichte Puschkins, das 1825 geschrieben und kurz nach dem Tod des Dichters vom russischen Komponisten Michail Glinka mit Musik unterlegt wurde. (…) Zu den exotischsten Übersetzungen im Buch gehören die Sprachen Guarani, Kachuya, Maya, Maori, Pushtu, Sango, Fang, Hindi* und Cheluba.
Das Buch erscheint in einer Auflage von 4 000 Exemplaren. / russjahr.de
Hier die erste Strophe im Original und verschiedenen Übersetzungen:
Я помню чудное мгновенье:
Передо мной явилась ты,
Как мимолетное виденье,
Как гений чистой красоты.
Ja pomnju tschudnoje mgnowen’je:
Peredo mnoi jawilas‘ ty,
Kak mimoletnoje widen’je,
Kak genij tschistoi krasoty.
Ein Augenblick, ein wunderschöner:
Vor meine Augen tratest du,
Erscheinung im Vorüberschweben,
Der reinen Schönheit Genius.
(Eric Boerner)
Welch eine glückliche Sekunde,
Als ich dich sah zum ersten Mal!
Doch, kaum gesehn, warst du entschwunden,
Du, aller Schönheit Ideal!
(Martin Remané)
O Stunde seliger Vereinung,
Wo du erschienst mit holdem Gruß,
Gleich einer flüchtigen Erscheinung,
Der reinsten Schönheit Genius!
(Friedrich Fiedler)
Ich erinnere mich des wunderbaren Augenblicks: / Du erschienst vor mir / wie eine flüchtige Vision, / wie der Genius der reinen Schönheit.
(Rudolf Pollach) Prosaübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe
Ich erinnere mich an einen wundervollen Moment:
Vor mir war sie,
Wie eine flüchtige Vision,
Wie Genie der reinen Schönheit.
(Google Direktübersetzung)
Ich erinnere mich, ich wäre echt gut Ära:
Ich habe einen vor Ihnen
Wie ein kurzer Sicht,
Wie genial.
(Google, durch mehrere europäische und asiatische Sprachen gehetzt)
I still remember that amazing moment
You have appeared before my sight
As though a brief and fleeting omen,
Pure phantom in enchanting light.
(Mikhail Kneller)
I just recall this wondrous instant:
You have arrived before my face —
A vision, fleeting in a distance,
A spirit of the pure grace.
(Yevgeny Bonver / Dmitry Karshtedt)
A magic moment I remember:
I raised my eyes and you were there,
A fleeting vision, the quintessence
Of all that’s beautiful and rare
(unknown)
Das Puschkin-Dilemma: auf Deutsch will er einfach nicht gelingen. Nur die Prosaübersetzung und die Google-Spielchen klingen poetisch. Dagegen sind alle englischen Versionen stärker. Wir bräuchten ein Puschkin-Projekt.
*) Die „exotische“ Sprache Hindi übrigens ist nach Chinesisch und Englisch die meistgesprochene Sprache der Welt mit über 600 Millionen Sprechern.
Denn hier präsentiert sich eine Münchner Poeten-Gruppe, die sich genau die gemeinsame Arbeit an Texten zum Ziel gemacht hat, auch wenn sie einander natürlich nicht dauernd gegenseitig überschreiben möchten. Seit ungefähr elf Jahren treffen sich die elf Lyrikerinnen und Lyriker alle zwei Monate, zunächst unter dem Motto „Gulasch und Gedichte“, seit 2006 unter dem Namen „Reimfrei“. Wobei es keine Stilvorgaben geben soll und neben Ungereimtheiten aller Art auch Reime erlaubt sind. Einige in der Gruppe sind bereits bekannter als andere, Junge sind ebenso dabei wie etwas Ältere, veröffentlicht haben sie jedenfalls alle schon den einen oder anderen Lyrikband. Auf der Bühne stehen Karin Fellner und Frank Schmitter, Andrea Heuser und Jürgen Bulla, Augusta Laar und Sabina Lorenz, Ann-Kathrin Ast, Markus Breidenich, Armin und Christel Steigenberger und Ruth Wiebusch. Was heißt hier stehen: Die elf performen ihre Texte. / Antje Weber, Süddeutsche Zeitung
Knapp 100 Jahre nach Erstveröffentlichung liegt das ausserhalb Italiens so gut wie unbekannte Werk erstmals in deutscher Übersetzung vor – wer hätte gedacht, dass die Bizarrerien und Überspanntheiten der ersten historischen Avantgarde einmal derart unverkopft, unterhaltsam und frischweg von der Leber daherkommen können? / Matthias Hennig, NZZ
Filippo Tommaso Marinetti: Wie man die Frauen verführt. Aus dem Italienischen übertragen und mit einem Nachwort von Stefanie Golisch. Matthes & Seitz, Berlin 2015. 124 S., Fr. 21.90.
Wenn zwei dasselbe sagen, meinen sie auch dasselbe? Was meint Marianne Moore, wenn sie bzw. ihr Gedicht sagt, daß „auch ich sie nicht mag“, die Poesie, die Poesie*, und was meint Dr. Lieschen Müller mit den gleichen Worten?
Heute führt uns der verehrte Perlentaucher ein Beispiel vor Augen. Im Teaser der Magazinrundschau heißt es:
„Urlaub im Protektorat„? Das tschechische Magazin Aktualne winkt dankend ab. Lyrik? Sollte man auch besser lassen, meint die London Review.
Den Artikel von Ben Lerner faßt sie dann wie folgt zusammen:
London Review of Books (UK), 18.06.2015
Ben Lerner setzt die Verächtern [sic] der Lyrik in ihr Recht, die entweder gute Gründe für ihre Ablehnung hätten oder zur Avantgarde gehörten. Und er kommt dabei auf folgenden Gedanken: „Das große Problem der Dichtung sind: die Gedichte. Das erklärt vielleicht, warum Dichter selbst vor allem Dichter feiern, die dem Schreiben entsagen. An der Uni in den 90ern lasen die coolsten jungen Dichter, die ich kannte, Rimbaud und Oppen – zwei sehr große und sehr unterschiedliche Autoren, die beide jedoch die Kunst aufgegeben haben (Oppen allerdings nur zeitweilig). Rimbaud hörte mit zwanzig auf und wurde Waffenhändler; Oppen schwieg 25 Jahre lang, während er in Mexiko lebte, um dem FBI zu entkommen, das wegen seiner Gewerkschaftsarbeit ermittelte. Rimbaud ist das Enfant terrible, das durch das Sagbare brennt; Oppen ist der Dichter der Linken, dessen Schweigen eine Form der Hingabe ist. ‚Weil ich nicht schweige‘, schrieb Oppen, ’sind die Gedichte schlecht‘.“ Eines von Lerners Lieblingsgedichten ist Marianne Moores „Poetry“ und beginnt mit der Zeile: „I, too, dislike it.“
Leute, die nur die Überschriften und digestiven** Zusammenfassungen lesen, können sich beruhigt zurücklehnen. Die Autoritäten sind auf ihrer Seite. Wenn man den Artikel liest, merkt man, daß er nicht von Dr. Lieschen Müller ist und nicht den Lieblingsideen so mancher Lyrik- und Avantgardebasher entspricht, wie sie unter Lesern und Nichtlesern und sogar Autoren von Gedichten grassieren. Er empfiehlt auch gar nicht, die Poesie zu lassen, sondern er erörtert den Status der Dichtung in der Poesie und im Leben. Marianne Moore und Arthur Rimbaud, John Keats und Walt Whitman sind seine Gewährsleute, aber auch z.B. William McGonagall. Er hätte auch Friedrich Hölderlin oder Friederike Kempner nehmen können. Liest man Lerners Artikel, kann man über die Nähe von Hölderlin und Whitman nachdenken. Auch wenn sie nicht jedem Germanisten lieb sein mag. Beide wollten zu verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Umständen für ihren jeweiligen Ort nichts weniger als der Poesie einen Platz im Leben (wieder) erringen. Lerner schreibt:
Whitman’s dreamed union has never arrived, but his vision determines the nostalgist’s call for a poetry that could supposedly reconcile the individual and the social and so transform millions of individuals into an authentic people. Whitman deferred poetic realisation into the future (‘I stop somewhere, waiting for you’), but many poetry-haters act as though the project was realised at some unspecifiable moment in the past and then lost as the art and/or its public declined. This allows them to repudiate poems in the present while reasserting a Whitmanic belief in the power of poetry (if also thereby betraying Whitman’s belief in future perfectibility over any longing for the past).
Many cultural critics, with a kind of macabre glee, proclaim ‘the death of poetry’ every few years: our imaginative faculties, we fear, have atrophied; the commercialisation of language seems complete. The actual number of poems being written and read – a decade ago, James Longenbach reported there were more than 300,000 websites devoted to poetry – appears to be irrelevant to the certification of poetry’s death, because what the pronouncement reflects is less an empirical statement about poems than a cultural anxiety about our capacity for ‘alternative making’ or a longing for (an impossible, supposedly lost) universalism.
Great poets disdain the limits of actual poems, tactically defeat or at least suspend that actuality, sometimes quit writing altogether, becoming celebrated for their silence; bad poets unwittingly provide a glimmer of virtual possibility via the radicalism of their failure; avant-garde poets hate poems for remaining poems instead of bombs and nostalgists hate poems for failing to do what they wrongly, vaguely claim they once did.
*) Friederike Kempner
Die Poesie, die Poesie,
die Poesie hat immer recht.
Sie ist von höherer Natur,
von übermenschlichem Geschlecht.
Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie,
sie schimpfet nie, sie grollet nie,
sie legt sich in das grüne Moos,
beklagend ihr poetisch Los!
Aus: Friederike Kempner, Gedichte (1903)
**) laut Duden: di|ges|tiv (Med. Verdauung bewirkend; Verdauungs…); vgl. auch „Reader’s Digest“.
[Marcel] Beyers Gedichte folgen dem typischen Muster moderner Lyrik: Sie reimen sich nicht.
Obwohl seine Texte oft nur andeutungsweise verraten, wovon die Rede ist, obwohl man nach dem Hören eher dumpf bewundernd denn berührt dasitzt, verneigt man sich vor der Sprachgewandtheit des Dichters.
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