Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

Ketzerfrage

Gleich zu Beginn müssen wir die Ketzerfrage stellen: Würden diese Gedichte heute noch Aufmerksamkeit beanspruchen, hieße ihr Autor nicht Thomas Bernhard und erschienen sie nicht im Rahmen einer großangelegten Werkausgabe? Wohl kaum. Sie sollten es aber! Nicht alle Stücke darin sind gelungen, wenn man die höchste Meßlatte anlegt — das gewiß nicht, es ist viel jugendlicher Quark dabei, einer von der Sorte, der nicht von allein fest wurde und sich darum allerhand Töne von anderen Stimmen leihen mußte; — und wäre dies der gesamte Befund, wäre das Buch vielleicht weniger Rede wert und nur aus biographischen Gründen interessant, doch folgen auf die Versuche des jungen Thomas Bernhard eine Reihe bemerkenswerter Gedichte, die unabhängig von ihrer nicht zu übersehenden motivischen Hindeutung auf das spätere Prosawerk bestehen können —: ihnen wird man freilich nur gerecht, wenn man sie aus dem biographischen Interesse herauslöst und in einen literarhistorischen Kontext stellt, weniger hochtrabend gesagt: wenn man sie mit den Produkten seiner Zeitgenossen vergleicht. / Jürgen Brôcan, Fixpoetry

Thomas Bernhard · Raimund Fellinger (Hg.)
Thomas Bernhard, Band 21: Gedichte
(Werke in 22 Bänden)
Suhrkamp 2015 · 601 Seiten · 39,90 Euro
ISBN: 978-3-518-41521-4

Das Gedicht ist…

Herr Conrady, Sie haben sich ein Berufsleben lang immer wieder mit Lyrik befasst. Was bedeutet Ihnen Lyrik?

Conrady: Ich sträube mich gegen eine allgemeine Bestimmung, was Lyrik sein soll. Solche Bestimmungen sind sehr beliebt, etwa der Vers ist die Heimat des Gefühls. Ich halte dagegen die erste Zeile eines Gedichts von Christoph Meckel: „Das Gedicht ist nicht der Ort wo die Schönheit gepflegt wird…“ Was mich interessiert an der Lyrik, ist der Versuch des genauen Sprechens. Also bitte nicht heute noch Gedichte schreiben im Stil von Eichendorff und Brentano. Die haben wir ja. Und wer meint, nur in solchen gereimten oder auch ungereimten Versen sei echte Lyrik vorhanden, der verstellt Zugänge zu modernen Ausdrucksweisen. / Westfälischer Anzeiger

Produktive Doppeldeutigkeit

In seinem berühmten Vortrag „Probleme der Lyrik“ erklärte Gottfried Benn einmal, ein Gedicht entstehe nicht dadurch, dass ein melancholischer Jüngling eine blühende Heidelandschaft betrachte. Bei Dorn nimmt man dagegen an, dass zu viel blühende Heide betrachtet wurde, wie auch der auf dem Einband abgedruckte Fliederbusch nahelegt, der im abschließenden Gedicht angeführt wird. Bei Benn heißt es dann weiter, ein Gedicht müsse entweder „exorbitant sein oder gar nicht“. Gelungene Gedichte gebe es sehr selten. Ein solch wirklich sehr gutes Gedicht ist das bereits erwähnte „Trost“ von Anne Dorn. Während einige Gedichte der Autorin kaum Vages enthalten oder gar mit Erläuterungen versehen werden, so ist es bei „Trost“ dagegen die produktive Doppeldeutigkeit und die assoziative Andeutung, die den Reiz ausmachen; Altern und Tod ermöglichen die Reflexion über letzte Fragen. / Nils Bernstein, literaturkritik.de

Anne Dorn: Jakobsleiter. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2015.
88 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783940691682

Poetopie

die Kunst, sich ganz vernünftig aufzuregen

Hansjürgen Bulkowski

Gestorben

lauter niemand – Berliner Zeitschrift für Lyrik+ Prosa, Literaturlabor teilt mit, daß die Autorin Isabella Vogel gestorben ist:

Sie war uns eine liebe und aufrechte Freundin und eine langjährige Mitstreiterin von Lauter Niemand. Sie fand gestern ihre letzte Ruhe auf dem Heidefriedhof in Berlin Mariendorf.

Einige Texte beim Poetenladen und bei lauter niemand.

Brechtpreis für Silke Scheuermann

Die Schriftstellerin und Lyrikerin Silke Scheuermann hat am Freitag in Augsburg den mit 15.000 Euro dotierten Bert-Brecht-Preis erhalten. Die 42-Jährige deute und kommentiere in ihren Gedichten „Zeitgeschehen in ebenso filigraner wie kraftvoller Metaphorik und erreiche damit eine eigenständige Ästhetik von hoher Qualität“, urteilte die Jury in ihrer Begründung. / Neue Presse Coburg

Naturlyrik als Spiegel der Gegenwart (BR)

Karl Dedecius ist tot

Einer der letzten Vertreter der Kriegs- und Versöhnungsgeneration ist am 26. Februar 2016 im Alter von fast 95 Jahren in Frankfurt am Main verstorben. Prof. Dr. h. c. mult. Karl Dedecius, der unermüdliche Kulturvermittler zwischen Deutschen und Polen, arbeitete bis zuletzt an einem Bildband, der ein Resümee seines bewegten Lebens und Kulturschaffens ziehen sollte.

Von 1980 bis 1997 war Dedecius Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, das sich als Kultureinrichtung innerhalb kurzer Zeit ein hohes Renommee in Deutschland und Polen erwarb. Dedecius übersetzte mehr als 3.000 Gedichte, veröffentlichte regelmäßig polnische Lyrik in deutschen Verlagen, schrieb Essays zur polnischen Literatur und Geistesgeschichte, pflegte Freundschaften mit polnischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Von Darmstadt aus gab er die 50-bändige „Polnische Bibliothek“ heraus, ebenso wie das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“. Er beschaffte Stipendien für polnische Intellektuelle und organisierte Studienreisen für Journalisten, Übersetzer und Verleger aus dem Nachbarland. Nach dem politischen Umbruch in Polen 1989/90 zeigte er sich offen für eine Erweiterung des Profils des Instituts.

Das Deutsche Polen-Institut trauert um seinen Gründer und Mentor. In seinen Werken und in unseren Herzen lebt er weiter. / Deutsches Polen-Institut

Frauen wie Angela Merkel

Angela Merkel zeigt der Welt, wie leistungsfähig Frauen sind – phänomenal. Deutschland ist das politisch und wirtschaftlich stärkste Land Europas. Es ist auch das Land, das in den vergangenen Monaten am meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Es hat seine Nazi-Vergangenheit hinter sich gelassen und klärt die Kinder in der Schule früher als überall sonst über die Entstehung und die Gefahren des Faschismus auf. Deutschland verdankt seinen Erfolg seinem Bildungssystem und der Tatsache, dass Frauen wie Angela Merkel Führungsrollen spielen. / Erica Jong im Interview mit der FR

Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland

An einem Winterabend betreten eine kleine alte Dame und ein alter Herr am Stock eine Bühne in Frankfurt. Sie reden über ihr Leben, dann brandet Applaus auf. Rund 300 Menschen erheben sich von ihren Sitzen zu standing ovations für Marie Nejar und Theodor Wonja Michael: geboren 1930 und 1925, deutsch – und schwarz. Zeitzeugen und Überlebende einer Epoche, in der Menschen wie sie nicht erwünscht waren. Für jene, die sie nun so sichtlich ergriffen beklatschen, sind sie daher ganz besondere Vorbilder dafür, wie schwarze Menschen sich gegen den strukturellen Rassismus einer mehrheitlich weißen Gesellschaft behaupten können – und würdige Schirmherren der an diesem Abend begangenen 30-Jahr-Feier der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Jene 30 Jahre, auf die die Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland zurückblicken kann, lässt die ISD nun auch in einem beim Orlanda Verlag erschienenen Sammelband Revue passieren. „Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“ heißt der von mehr als 50 Autorinnen und Autoren gefüllte Band, in dem auch Nejar und Michael porträtiert werden, genauso wie Menschen, die ihre Enkel und Urenkel sein könnten.

Die durch das fast 300 Seiten starke Werk gestreuten Kurzporträts schwarzer Menschen stehen neben stilistisch sehr vielfältigen Beiträgen, die von Gedichten über Erfahrungsberichte und Interviews bis hin zu Sach-Analysen reichen. Sie sind ein Verweis auf jenes ebenfalls bei Orlanda verlegte und für die Bewegung so wichtige Buch, das der neue Band vielfach zitiert: das von May Ayim und Katharina Oguntoye herausgegebene „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ aus dem Jahr 1986, in dem schwarze Deutsche erstmals in dieser Form für und über sich selbst sprachen.

(…) „Spiegelblicke“ ist so ein inhaltlich wie stilistisch vielfältiges und sachkundiges Kompendium Schwarzer deutscher Geschichte und Gegenwart geworden. Es stellt sich der ISD-internen Diversität, etwa durch Beiträge ostdeutscher, gehörloser, queerfeministischer, transgeschlechtlicher oder muslimischer Menschen. Und es thematisiert so unterschiedliche Aspekte wie die Stärkung von Kindern gegen Diskriminierungserfahrung, die Aufarbeitung deutscher Kolonialvergangenheit oder Debatten aus Medien und Kulturlandschaft. / Marie-Sophie Adeoso, FR

Diverse Herausgeber: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland. Orlanda Verlag 2016, 302 Seiten, 19,50 Euro.

Mesmerizing women poets?

… a word to the wise: beware the allure of the mesmerizing women poets — their language will pull you in, and you’ll fall utterly in love with their beautiful poetic imagery, and the next thing you know you’ll be writing extra-long analytical essays and getting lines like “Hope” is the thing with feathers – / That perches in the soul tattooed on the inside of your right arm. Or, you could just not beware, and totally indulge in the obsession. Like I have.

Here are 11 beautiful poetry collections by women poets to get you started. / E. Ce Miller, bustle.com

Gegendarstellung

Eine solche schrieb der Übersetzer Rainald Simon, der in einer Rezension der Übersetzung des Schijing (Schiking) von Raffael Keller scharf kritisiert wurde. Zitat:

Sehr geehrter Herr [oder eine (leicht) vergiftete Retourkutsche auf die Sonntagsergüsse des Herrn Bibliothekars] Raffael Keller,

nach der Lektüre Ihrer Brachial-Kritik meiner Shijing-Übersetzung wende ich mich in Form eines philologischen und durchaus polemischen Schreibens an Sie, obwohl ich Sie nicht kenne (nur diese Kritik & zeitgemäß aus dem Netz natürlich) und –entschuldigen Sie – auch Ihre offenbar wochenendlich erarbeiteten Übersetzungen nicht.

Die von Ihnen als Ausweis meines „Haderns mit der chinesischen Sprache“ herangezogenen Zeilen in Lied Nr.65 können unterschiedlich verstanden werden. Ich beschränke mich auf die Kurzanalyse der 5. Zeile: 知我者 zhī wǒ zhě: der Satz ist durch 者 zhě nominalisiert und kann als Relativsatz übersetzt werden, „Das, was..“oder „Derjenige, der…“ oder dann sicher auch „Wer…“. Meine Lösung beruht auf der Lesung in Umstellung von 我知者 wǒ zhī zhě „Das, was ich weiß…“. meine Begründung: Die im Altchinesischen (AC) des Shijing mögliche Umstellung betont das Verb 知 zhī, indem es an den Anfang gestellt wird. [folgt eine Gegenkritik der von Keller vorgeschlagenen Variante]

Rainald Simon (Hg.)
Shijing / Das altchinesische Buch der Lieder
Reclam
2015 · 856 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-15-010865-9

Transit

Franz Mon schreibt bei Hundertvierzehn über die Anthologie Transit von Walter Höllerer, die der Aktion Hundertvierzehn Gedichte des Blogs von S. Fischer zum Vorbild diente. Drei Auszüge.

Über K. O. Götz:

Kontur und Zug meiner poetischen Basis hatte ich gewonnen durch die Bekanntschaft mit dem Maler und Dichter Karl Otto Götz, den ich 1950 in der Zimmergalerie Klaus Franck kennengelernt hatte. Götz hatte dort eine Ausstellung und war vernetzt mit der Künstlergruppe COBRA und der Pariser Kunstszene. Um die in Gang befindliche aktuelle junge Kunst und Poesie bekannt zu machen, gab er eine winzige Zeitschrift ›META‹ – ursprünglich ›Metamorphose‹ – heraus, die er im Einmannbetrieb zusammenstellte, redigierte, drucken ließ und vertrieb. Die Hefte waren in einem weiten internationalen Horizont an den neusurrealen und informellen Tendenzen orientiert. Er selbst schrieb in diesem Duktus Gedichte, zunächst unter dem Autorennamen André Tamm.

Über Höllerers Anthologie:

Im Vergleich mit zeitnahen anderen Anthologien wie Wolfgang Weyrauchs drei Jahre später erschienenen ›Expeditionen. Deutsche Lyrik seit 1945‹, vermisst man in ›Transit‹ nur wenige Namen, etwa Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin, was durch die politisch bedingte Informationssperre bewirkt ist, oder die Wiener Autoren Gerhard Rühm, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, die nur vor Ort wahrgenommen wurden. Die Autoren der literarischen Revolte vor 1914, wie Heym, van Hoddis, Holz, Stramm, Trakl, auf deren Schultern auch die jüngeren stehen, blendet Höllerer bis auf wenige Beispiele aus. Zu diesen gehören Hesse, Benn, Arp, Brecht und Britting, die noch unmittelbar literarisch wirksam waren. Den Schwerpunkt bildet die Generation, die etwa 1915 einsetzt, sich um den Jahrgang 1920 vitalisiert mit Krolow, Celan, Heißenbüttel, Höllerer u.a. und in die Breite wächst mit den nach 1925 Geborenen. Der Jüngste unter ihnen ist Peter Hamm, Jahrgang 1937. So krass auch der Kulturbruch des sogenannten »Dritten Reiches« war, der diese Generation, ohne dass sie es merkte, literal strangulierte, sie entfaltet sich mit 76 der ingesamt 118 Autoren des Buches. (…)

Ich konnte dank meiner Kontakte und Wahrnehmungen während der Kombinationsarbeit seinen Fundus anreichern durch die surreal gepolten, in der Zeitschrift ›META‹ veröffentlichten Autoren Johannes Hübner und Lothar Klünner sowie Max Hölzer, durch Klaus Demus, auf den mich Celan aufmerksam gemacht hatte, Rainer M. Gerhardt und Klaus Bremer von der Freiburger Gruppe, Anneliese Hager, Katja Hajek, Britta Titel u.a.

Im Hinblick auf meine Vorstellung der kunst- und literaturübergreifenden Tendenz der Zeit kamen auch die Außenseiter Kandinsky, Schwitters und Klee mit ihren Gedichten in die Auswahl. Sie waren mir, damals ein Glücksfall, zugänglich geworden durch die 1946 in der Schweiz erschienene Anthologie ›Poètes à l’Ecart / Anthologie der Abseitigen‹ von C. Giedion-Welcker.

Über das letzte Kapitel und eine lustige Strategie des Herausgebers beim Verlag (die mich an Kriegslisten in der DDR agierender Herausgeber denken läßt):

Er pointiert dieses Kapitel, indem er die von mir empfohlenen Autoren mit surrealer Diktion mit meinen eigenen und den satz- und wörterstrukturellen Texten Heißenbüttels, Kandinskys und Klees kombiniert. Damit dreht Höllerer das letzte Kapitel aus der thematischen Orientierung der vorangegangenen. Er wittert allerdings, dass diese ungewöhnliche poetologische Perspektive im Hause Suhrkamp auf Widerspruch stoßen könnte, und wird vorsichtshalber bei der Präsentation des druckreifen Manuskripts eine Reihe dieser Gedichte zurückhalten und erst wieder einfügen, wenn es in die Herstellung geht.

Sibylla Schwarz 395

Heute vor 395 Jahren (im protestantischen Pommern galt da noch der julianische Kalender und es war Aschermittwoch, der 14. Februar) wurde in Greifswald in der Baderstraße 2 eine Tochter des Bürgermeisters Christian Schwarz geboren. Sie wurde in St. Nicolai auf den Namen Sibylla getauft. Ihr blieben nur 17 Jahre und 5 Monate, aber wie hat sie die kurze Zeit genutzt! Ihre Bücher und Manuskripte sind verlorengegangen, aber ihr Werk, 100 Texte, ist uns geblieben und leuchtet mit Phantasie, Ideenreichtum und Formenvielfalt bis heute und verzaubert immer noch die Leser, die bereit sind, ihr offen zu begegnen. Wer in Greifswald ist: ab 14 Uhr feiern wir vor ihrem Geburtshaus bei strahlendem Sonnenschein.

O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen /
Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen /
Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit /
Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit !
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken /
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken /
Der Geist steht auf den Sprunck / die Sprach ist ungehemt /
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt.
Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten /
Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten /
Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk /
Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk.
Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden /
Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden /
(…)

Hundertvierzehn Gedichte

114 Gedichte werden von sechs Leserinnen und Lesern, einem Zeichner und den Autorinnen und Autoren der Gedichte durch Randnotizen (bis zu 500 Zeichen) kommentiert. Auch die Randnotizen können kommentiert werden.

Die Gedichte werden wöchentlich in Gruppen veröffentlicht (zuerst 39 Gedichte am 24.2., dann drei Mal je 25 Gedichte am 2., 9. und 16. März), die Randnotizen täglich erweitert. Die Autorinnen und Autoren werden erst in einem Anhang genannt. / 114. Online-Magazin S. Fischer