Der Steirer Alfred Kolleritsch, Herausgeber der „manuskripte“, feiert heute in seiner Stadt, Graz, den 85. Geburtstag. In der „Presse“ referiert Norbert Mayer ein Gespräch über große Literaten und das Dichten als sinnliche Erfahrung. Ausschnitt:
Die Germanistik in Graz erwies sich zu seinem Missfallen in den Fünfzigerjahren noch immer als deutschnational: „Das waren Unterjochungssysteme, mit wenig Bezug auf die moderne Literatur.“ Bis zur Pensionierung unterrichtete er Deutsch und Philosophie am Akademischen Gymnasium. „Ich habe mit den Schülern fröhlich Literaturgeschichte betrieben, natürlich auch die moderne.“
In den „manuskripten“ aber herrschte Avantgarde, die von reaktionären Kreisen vor allem am Anfang angefeindet wurde. Es gab den Vorwurf der Pornografie, ein Prozess drohte, das Unterrichtsministerium verbot die Verbreitung eines Heftes, persönliche Angriffe gegen den Lehrer Kolleritsch folgten.
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Das Gesicht des Dichters hellt sich auf, wenn er an jene denkt, die mit ihm in Graz aufgebrochen sind, um die Literatur zu erobern. Er freut sich über neue Generationen, denen er beim Durchbruch hilft: „Es gibt immer wieder Wellen. Mit den Wienern gab es früh eine Blüte der experimentellen Lyrik. Dann hat Thomas Bernhard viele geprägt. Er war ein Zyniker. Wichtig war auch Werner Schwab, dessen erstes Buch ich zu Residenz vermittelt habe.“ Von den Jüngeren lobt er Andreas Unterweger, Valerie Fritsch, Eva Schmidt, Thomas Stangl, Clemens Setz . . . Es wird eine lange Aufzählung.
Wie in sozialen Netzwerken zu erfahren, starb am 10. Februar der iranisch-schwedische Dichter Sohrab Rahimi. Er wurde am 20. Dezember 1962 in Shahrekord geboren. Er veröffentlichte Gedichtbände und einen Roman und übersetzte aus dem Persischen. Zwei seiner Bücher schrieb er auf Schwedisch. Er war Mitglied des Schwedischen Schriftstellerverbandes und des schwedischen PEN. Für sein Werk erhielt er mehrere Stipendien in Schweden und Dänemark und einen Spezialpreis des Nikolai-Gogol-Preises in der Ukraine 2013.
Nachruf des schwedischen Autors Kristian Carlsson (schwedisch)
Poetry Slams, bei denen Lyriker sich in linguistischen Ergüssen messen, sind inzwischen in München kultiviert. Bisher waren diese nur für Hörende – bei „Spoken Word meets Deaf Poetry“ im Gasteig traten nun auch gehörlose Dichter auf.
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Sowohl die Texte der hörenden als auch der gehörlosen Poeten sind voller Spitzen und Witze. Leider gehen diese bei den Gebärdengedichten durch die Übersetzung mitunter verloren. Dafür besitzen die gehörlosen Slammer eine weitaus stärkere Bühnenpräsenz. Obwohl der ungeübte Zuschauer die Gebärden nicht versteht, unterstreichen ihre Mimik und Gestik die Zeilen, und Emotionen lassen sich deutlicher erkennen.
Der Poet Ace Mahbaz frotzelt sogar über die Hörenden, die sich während des Sprechens absurder Zeichen bedienen: „Da geht mal die Hand hoch und dann geht die wieder runter“, dolmetscht Svenja Markert, während Mahbaz wild mit beiden Armen rudert und die Zuschauer selbsteinsichtig lachen. „Das bedeutet doch gar nichts.“ / Hannah Vogel, Süddeutsche Zeitung
wir Filmschau-Nachspieler im Leben
Hansjürgen Bulkowski
Das war eine Genieküche der österreichischen Literatur: H.C. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener setzten mit der Wiener Gruppe die große Revolution des Wortes in Gang. Durch den Nationalsozialismus hatte die deutschsprachige Literatur den Anschluss an die Avantgardebewegungen verloren.Der polyglotte Artmann dominierte die Gruppe, die weniger Verband war als ein sich gegenseitig befruchtender Freundeskreis. Artmann machte seine Gefährten mit dem Dadaismus, vor allem aber mit dem französischen Surrealismus bekannt, so auch mit den „Verbarien“, rein assoziativen Wortsammlungen, die keine Poesie sind, sondern die Poesie im Kopf des Lesers entstehen lassen. Artmann war es auch, der den „Poetischen Akt“ proklamierte, demzufolge jeder, ohne auch nur ein Wort niederzuschreiben, in der Lage sei, poetisch zu handeln. Dichtung nicht mit Tinte auf Papier, sondern als Lebenshaltung. / Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung
Dass der Künstler Michelangelo Buonarotti (1475-1564) eines der Universalgenies der Renaissance war, belegen seine 302 Gedichte. Seine Sonette, Madrigale, Canzonen sind adressiert an einen Jüngling, in der späteren Lebenshälfte dann an die Adelige Vittoria Colonna*. / Der Standard – derstandard.at/2000029712313/Michelangelo-Ich-Liebe-Mit-Worten
Georg-Albrecht Eckle, „Michelangelo – Der Dichter.“ € 14,99 / 68 min. buñuel grünwald, München 2015
*) die nicht nur adlig, sondern selbst eine berühmte Dichterin war
Es wurde als bibliophile Rarität – 444 Stück Erstauflage – geboren und hätte eine bibliophile Rarität bleiben sollen, doch dann entschieden sich Autor und Verleger doch für eine Neuauflage mit weiteren 500 Stück: Die ersten 444 waren binnen weniger Wochen verkauft worden, und außerdem galt es einige Fehler auszubessern. Die Rede ist von einem Gedichtbändchen von Wolf Wondratschek mit dem Titel For a Life without a Dentist … / Christoph Winder, Der Standard
Wolf Wondratschek, „For a Life without a Dentist. Raoulito-Gedichte“. Edition Ornament im Quartus-Verlag. € 20,50 / 56 Seiten. Zweite Auflage: Bucha-Verlag 2015. Zu beziehen ist das Buch direkt beim Verleger, und zwar über die E-Mail-Adresse jens-f@dwars. jetzweb.de
Nichts in der gegenwärtigen Lyrik ist kommunikativer als die auf den ersten Blick eingängigen Sätze, die schon in den Überschriften den Leser in den Sog der Verse ziehen: „Hilde ist bestimmt gar nicht nach Bonn gefahren“, „Ach wäre ich nur an der See geblieben“, „Du wirst doch jetzt nicht etwa traurig werden“, „Ich lebe mit einer Spinne zusammen“. Das weckt Neugier auf die zwischen Tragik und Komik balancierenden Episoden und Dramen, deren Verläufe in den Versen festgehalten sind. Der Sprecher des Gedichts gesteht unerfüllbare Wünsche und gibt unlösbare Rätsel auf.
Die Langgedichte des Thomas Kunst kommen in einem unaufgeregten Parlando daher, das fabulierend auf das Subversive der Wortfolgen setzt und zum Widerspruch herausfordert. Zwischen den lässig gestreuten Aussagen feiert das „Aber“ ein Fest. Dabei sperren sich die Gedichte gegen ein schnelles Einverständnis mit dem, wovon sie bildhaft erzählen: kleine Geschichten über Liebe und Tod, Familie, Einsamkeit zu zweit und durch Distanz wachsende Nähe. /Dorothea von Törne, Die Welt
Aktuell steht die Dichterin in ihrem 92. Jahr. Von der Ekstase des Schreibens will und kann sie nicht lassen, heute vielleicht weniger denn je. In ihrer Zettelwerkstatt in Wien-Margareten ist jetzt fleurs entstanden. Nach études und cahier liegt damit ein weiteres „Schulheft“ vor. Ein Pappband mit Tintenlinien auf dem Cover, Merkheft und Sudelbuch in einem, ein poetisches Diarium, von „24.3.14“ bis „31.5.15“ säuberlich datiert.
Sollte Mayröcker tatsächlich jemals erzählt haben, so hat sie die dazugehörige Haltung – ich teile dem Leser etwas Wiederzugebendes mit – endgültig ad acta gelegt. Die Grande Dame der heimischen Moderne inszeniert einen Wortsturm. Tag für Tag platzen ihr poetische Sensationen aus dem Mund.
(…) Mayröcker ist endgültig zur Ovid-Figur geworden. Wie Daphne sich in einen Lorbeerbaum verwandelt, so zwingt sie ihr beschwerliches Leben, ihr besessenes Alter unter das Joch der Sprache. (…) Ein betörendes Sudelheft, aus dem man ständig exzerpieren sollte. / Ronald Pohl, Der Standard
Friederike Mayröcker, „fleurs“. € 23,60 / 154 Seiten. Suhrkamp 2016
Like poet Charles Bernstein, who addresses the myth of poetry’s difficulty in Attack of the Difficult Poems (2011), Jane Hirshfield argues for a rethinking of difficulty as a ‘‘path towards concentration’’. She notes Sartre called genius ‘‘not a gift, but the way a person invents in difficult circumstances’’.
Ten Windows offers access to poetry, revealing its light and air, tonic and charge. Hirshfield argues a poem can profoundly affect its reader: its ‘‘startlements displace the existing self with a changed one’’. Edward Hirsch in his similarly ecstatic How to Read a Poem (1999) collects poets’ metaphors of the journey of poem to reader, from Osip Mandelstam’s poet as seafarer and a poem’s ‘‘secret addressee’’ to Paul Celan’s image of the poem as a message in a bottle, only just retaining hope of the shoreline of attentive reading.
Hirsch imagines poetry’s reader — Wallace Stevens’s ‘‘scholar of one candle’’ — as joyful and awed: ‘‘We can hardly turn the page, so much do we linger with pleasure over the ecstatic beginning.’’ / FELICITY PLUNKETT, THE AUSTRALIAN FEBRUARY 13
Doktor Peng spricht mit Adrian Kasnitz, Auszug:
Sollten wieder mehr Gedichte gelesen werden? Wenn ja, warum?
Unbedingt! Lyrik passt eigentlich viel besser zu unserem Lebensstil der Kurzmitteilung und reduzierten Aufmerksamkeit. Bei Lyrik reicht es schon, eine Seite zu lesen, und der Tag ist gerettet! Gedichte sind nicht immer einfach zu knacken, sie bieten aber meistens mehrere Lesarten, mehrere Ebenen an. Sie sind oft ironisch und lieben die Sprache. Bei 700-Seiten-Schmökern muss ich immer sofort gähnen.
Der diesjährige Preisträger des mit 20.000 Euro dotierten Düsseldorfer Literaturpreises ist der in Dresden lebende Schriftsteller Marcel Beyer. Dorothée Coßmann und Rudolf Müller, Mitglieder der Jury, begründen die Wahl so:
Der Romanautor, Lyriker und Essayist Marcel Beyer findet in seinen Gedichten einen fein schwingenden Ton, der die Leser auf die Reise zu inneren und äußeren Welten mitnimmt und sie trägt. Mit seiner scharfsinnigen, akribisch genauen Sprache thematisiert Beyer alltägliche, ebenso wie politische, zeithistorische Themen, Erlebnisse, Erfahrungen, um sie zugleich als mediale zu zeigen und zu brechen. So auch in seinem zuletzt erschienenen Lyrikband Graphit, in dem er mit seiner Meisterschaft der gradlinigen, genauen Beobachtung außerordentlich beeindruckt.
Die Preisverleihung findet am Montag, den 6. Juni 2016 im Forum der Stadtsparkasse Düsseldorf statt.
Der Düsseldorfer Literaturpreis zeichnet Autorinnen und Autoren aus, deren deutschsprachiges literarisches Werk inhaltlich oder formal Bezug auf andere Künste nimmt. Bisher wurden vierzehn Autorinnen und Autoren damit ausgezeichnet, darunter Patrick Roth, Christoph Peters, Katharina Hacker, Ulrich Peltzer, Ursula Krechel, Thomas Hettche oder zuletzt Michael Köhlmeier.
The surreal figure of Sir Arthur Quiller-Couch, who in the early years of the Cambridge English Faculty would greet a lecture audience composed largely of women with the word ‘Gentlemen!’ … / Terry Eagleton in The London Review of Books (Subscribers only)
Mit der Vernichtung der Juden Osteuropas verschwand auch die rund tausend Jahre alte Sprach- und Lebenswelt des Jiddischen fast vollständig. Aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangen, wurde sie in der aschkenasischen Diaspora um hebräisch-aramäische und slawische Elemente angereichert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte sie die Alltagskultur von mehr als zehn Millionen Menschen. Neben Czernowitz, Warschau oder Wilna war auch New York ein Zentrum des transnationalen „Jiddischlandes“.
Die Anfänge der jiddischen Literatur lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Ihre Repräsentanten im 19. und 20. Jahrhundert heißen Mendele Mojcher Sforim, Jizchak Lejb Perez, Scholem Alejchem, Itzik Manger oder Isaac Bashevis Singer (Literaturnobelpreisträger von 1978). Wie vital die Sprache aber noch immer ist, zeigt sich an der Aktualität von Lehnwörtern im Deutschen: Mischpoke, Schickse, meschugge, Tacheles, Reibach, Kaff, Schlamassel oder Chuzpe. Auch Neuschöpfungen wie „blizbrif“ (für E-Mail) könnten Karriere machen. (…)
Doch während viele jüdische Dichter aus der Bukowina – unter ihnen Paul Antschel (Celan) und die ebenfalls 1901 in Czernowitz geborene Rose Ausländer – ein deutschsprachiges Werk hinterließen, blieb Itzik Manger bis zuletzt ein jiddischer „Märchenprinz“.
Allein in seinem Warschauer Jahrzehnt von 1928 bis 1938 entstanden in dieser herrenlosen und vogelfreien „Hefker-Sprache“ sechs Gedichtbände, Prosatexte, Essays, ein Theaterstück, Filmlieder und wenige Wochen vor dem deutschen Überfall der Romanwelterfolg „buch fun gan-ejden“ (Das Buch vom Paradies). In den folgenden Jahren, als der Holocaust Mangers Familie, seine Heimat und die meisten seiner Leser vernichtete, wurden auch seine Bindungen an die deutsche Kultur zerstört.
Seine Erkenntnis aus dem Jahr 1940: „In meinen Träumen sehe ich Goethe mit einem Gummiknüppel in der Hand, Kant in einer SS-Uniform, sehe Faust mit einer Hakenkreuzbinde auf dem rechten Arm – und Blut, Blut, Blut, jüdisches Blut.“ / Willi Jasper, Tagesspiegel
Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 784 Seiten, 44 €.
«‹Route dégradée› ist ein viel / schöneres Wort als / Strassenschäden», so beginnt eines von Jürgen Brôcans Gedichten. Die sprachliche Differenz, die bei einer Fahrt durch Belgien registriert wird, scheint eher beiläufiger Natur zu sein, entpuppt sich aber als wichtig. Sie wird im Folgenden fruchtbar gemacht und leitet über zu dem Bild einer Landschaft, die historische Spuren trägt und geprägt ist von Veränderungen. Jürgen Brôcan ist leidenschaftlich gerne zwischen Sprachen unterwegs, als Leser, als Übersetzer und auch als Lyriker. Als Skeptiker zudem gegenüber den Worten: «Schuppenflügler / ist ein allzu rauhes Wort, / schöner wäre Staubschwinge», heisst es im Gedicht «Sommervogel». / Martin Zingg, NZZ
Jürgen Brôcan: Holzäpfel. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2015. 155 S., Fr. 31.90.
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