Beispieltexte vom Düsseldorfer Offlyrikfestival
Gedicht für eine nächtliche Kneipenbekanntschaft
Beginnend mit zwei Strophen Sozialneid & mit einem schönen alten irischen Trinkspruch endend
Ich hab versucht so zu reden wie du’s tust Elisa
Doch ich kann deine Sprache nicht sprechen
Mein Wort ist ein Virus in der Automatik der Städte
Mein Job bleibt prekär und deiner ein Verbrechen
Ich bin nur ein Blumenverkäufer mein Herz
Meine Worte sind Dornen mit Rosen dran
Und du bist ne Frau die gern mal abends chic ausgeht
Und trinkst dir deinen Spaß mit Prosecco an
Nimm den Kopf vom Tresen und halt ihn ins Licht
Ich bin von deiner Schönheit besessen
Was du mir versprichst das halte ich nicht
Und bis morgen haben wir uns vergessen
Komm spiel mir vor es wär schön wenn ich bliebe
Sei zärtlich wenn du in mein Verstehn sinkst
Sei freundlich und wenn du mich fickst tu’s mit Liebe
Ich wart mal ab während du mich schön trinkst
Du sagst du wettest du könntest einen Mann aus mir machen
Und in mir ne Flamme aus Ehrgeiz entfachen
Mit einer Sprache so rein wie man sie nur in Hannover spricht
Wo man lang – aber gepflegt – hinters Sofa bricht
Ja verdammte Scheiße!
Das hab ich doch alles schon probiert, ich wollte ja
Gern ihre Erwartungen erfüllen
Ich hab mich doch auf den goldenen Scheißhäusern der Kultur
Von sarkastischen Comedylaffen
Mitten ins Sprachzentrum fisten lassen
Bis zur Logorrhoe
Ich hab nen Baum gefällt, ein Haus gesprengt, nen Sohn erschossen
Ich hab mich kaum verstellt, hab den Ball versenkt und es genossen.
Ich hab Mythen erzählt und Tüten geraucht und Blüten getrocknet
Ich hab Sterne geschluckt und immer war es bloß aus Liebe.
Ich hab sonst nichts, das ich dir geben kann, Elisa
Ich bin kein Politiker, ich lass
Beim Sprechen beide Hände über der Bettdecke
Und starr auf meine Wände
An denen Abreißkalender hängen
Wie die schwarzen Krähenschwärme meines
Gewissens am winterlichen Himmel
Manchmal Elisa wache ich auf
Am falschen Ende der Nacht
Mit nem Staubsauger im Magen
Und die Tachonadel
Am Anschlag meiner Angst
Ritzt mir Buchstaben ins Herz
Und die Trugbilder meiner Videoclipwahrnehmung
Kratzen an meiner Netzhaut
Gemeinsam mit dem Wahnwitz dieser Welt
Elisa: Aus meinem Frühling wird niemals dein Lenz
Aus meinem Klapprad wird niemals dein Benz
Elisa auch du erträgst nur die Welt
Auch wenn du meinst dass dein Geld sie gestaltet
Doch was sie im Innern zusammenhält
Ist öde verfault und veraltet
So leg deinen Kopf zur Ruhe Elisa
Erinnre dich dran wem du alles verdankst
Dann kauf dir ein paar neue Schuhe Elisa
Und gib deine VisaCard den Supermarktpunks
Dann findest du vielleicht und endlich Sinn
In einem Bett aus Asche und Glut
Elisa – Gott segne und erhalte dein schönes Kinn
Und den Tresen auf dem es ruht
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 07. Stan Lafleur (19:05 + 22:05):
der boxer
auf der hoehe von fallobst siedelten sie
ihn gern an, die besserwisser an den seilen
dabei tat er stets was er konnte. was er
wollte, auszer sich durchzuboxen, stand
nur in gottes geheimem tagebuch. dasz
sie ihm als kind n kotelett um den hals
binden muszten, damit wenigstens die
hunde mit ihm spielten, gab er einmal
in der late-show preis. seine lebrigen
handschuhe hingen da bereits laengst
um den hals eines stillen Bewunderers
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 06. Kai Pohl (18:45 + 21:45):
abgewetzte behauptungen und unbrauchbare kommentare zur lage der lüge wär die liga egal die lüge stabil wär der nebel im wald der nabel der welt doch man ahnt ja nicht in dieser durchgestylten gegend ob die häuser entlang der straßen oder die straßen entlang der häuser gebaut sind nagel versenkt kabel gekappt balg abgestillt bewerbungstraining die längste kurzvita aller zeiten text direkt in den mailbody tippen das subjekt der begierde kann offenbleiben in der sprache der engel sind |: wort und welt :| beinah deckungsgleich ich konzentriere mich auf bilder von draußen: wolken treiben ihrer auflösung entgegen sinn meint i. allg. etwas nebulöses poesie meint i. allg. die dichtkunst milch meint i. allg. |: kuhmilch :| entsteht in den euterdrüsen wo (besser: wodurch) entsteht das gedicht? entsteht es beim schreiben? beim lesen? beim vorlesen? oder erst, falls es jemand versteht? milch versiegt, wenn nicht gemolken wird worte treiben zum ort ihrer auflösung aber auflösung ist kein ort und keine lösung ich habe aufgehört nach einem sinn zu suchen nach dem stil der originalität oder mit dem arsch in richtung markt zu wedeln unsinn ist der einzige hebel der schönheit der stil hemmt die kraft für den wurf ich sollte mich anfreunden mit den spinnen in der küche mit den fliegen und den milben mit den larven im holz ich sollte die mücken achten die hummeln im hintern sowieso ich sollte mich besser mit den spatzen verständigen die in den hohlräumen der fassade hausen mit den tauben im kastanienbaum mit dem fuchs und mit der krähe die gleich um die ecke wohnen ich sollte meine ungeduld den wolken überlassen den worten und dem licht ich sollte meine schuld dem holunder vermachen meine unschuld dem nebel und dem abendglühen ich sollte aufhören diese abgewetzten behauptungen zu wiederholen |: das wetter spielt verrückt :| dabei kann das wetter gar nicht verrücktspielen »überholen ohne einzuholen« klingt wie repetieren ohne zu kapieren krepieren ohne gelebt zu haben worte kreuzen der lösung entgegen die erde dampft wie ein frisches grab ich möchte sterben an diesem tag der viel zu schön zum sterben ist das laub der birken rauscht wie ein zitat
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 05. Maroula Blades (18:25 + 21:25):
Mandala
(Übersetzung von Xochil A. Schütz & Martin Jankowski)
I choreograph myself to the situation,
creating maps of inner and outer worlds,
pentagrams, circles, compact shapes,
houses of pure air for the mind to breathe in.
No cages.
Freethinkers and the morally bankrupt are welcome.
No painful extractions from the mind.
I softly go behind, touching the deepness,
the unknown factor
where demons flee the details, the yellow fog.
Meditative art.
Like a battery I work off the positive and the negative,
every shade holds a secret that is pivotal to life.
A dominion of ages,
a universe,
listening to dark and light tones,
easing down the slave lake of life.
I brush away cobwebs from the corners of thoughts,
stored in cryogenic rooms at the base of memory.
Wade in my maternal peace,
paint the joys and the pains,
use the spaces in my sphere; make my body pregnant with colour.
Let the colours bleed, it’s my wish,
as every tint is vast and beautiful,
every line infinite,
climbing frames, leading upwards and outwards.
Where I exist,
freedom has a place to grow, free of a hunched back
to flow brightly back to the source, the light.
Ich choreographiere mich in die Gegebenheiten,
erschaffe Pläne innerer und äußerer Welten,
Pentagramme, Kreise, kompakte Gebilde,
Häuser aus purer Luft, dass der Geist aufatme.
Keine Käfige.
Freidenkende und moralisch Bankrotte: Sie sind willkommen.
Keine schmerzhaften Extraktionen aus dem Geist.
Sanft trete ich dahinter, berühre die Tiefe,
den unbekannten Faktor,
wo Dämonen die Details fliehen, den gelben Nebel.
Meditative Kunst.
Wie eine Batterie verarbeite ich das Positive und das Negative,
jede Nuance enthält ein Grundgeheimnis des Lebens.
Eine Herrschaft der Zeiten,
ein Universum,
den dunklen und hellen Tönen lauschend
den Sklavensee des Lebens beruhigend.
Ich wische Spinnweben aus den Ecken der Gedanken,
gespeichert in eisigen Kammern auf dem Grund des Gedächtnisses.
Wate in meinen mütterlichen Frieden,
male die Freuden und die Schmerzen,
nutze die Räume in meinem Bereich, schwängere meinen Körper mit Farbe.
Lasst die Farben bluten, es ist mein Wunsch,
denn jeder Farbton ist gewaltig und schön,
jede Linie unendlich,
erklimmt die Rahmen, führt hinauf und hinaus.
Wo ich bin
hat Freiheit einen Platz zu wachsen, ohne gekrümmten Rücken
um gleitend zurückzufließen zur Quelle, zum Licht.
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 04. Alexander Nitsche (18:05 + 21:05):
Krimsekt
lesen & schreiben
haben wir uns gegenseitig beigebracht.
es gab immer einen unter uns
der es noch oder noch nicht konnte.
wir schrieben auf gekalkte bananenblätter
buchstabensuppen ohne bedeutung:
krimsekt kamikaze. gelegentlich gedichte.
wie dieses hier immer acht zeilen lang.
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Heute: 03. Harald ‚Sack‘ Ziegler (17:45 + 20:45):
Alle Menschen
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt oder jetzt
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Das stimmt so, wenn man mal d‘rüber nachdenkt
Werden alle hier gleichzeitig alt.
Immer älter, älter, älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
geboren werden , älter, älter, älter, älter, tot
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Egal ob sie jetzt 7, 12, 24, 32, 48, 70 oder 80 sind
oder ob sie gerade auf die Welt kommen,
alle werden gleichzeitig alt.
Alle Menschen werden älter.
Alle Menschen werden gleichzeitig alt.
Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde
werden alle Menschen gleichzeitig alt.
Ab jetzt!
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Heute: 02. Clemens Schittko (17:25 + 20:25):
Weiter im Text
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Faden ist gerissen
die Würfel sind gefallen
die Tage sind gezählt
nichts kommt mehr
und nichts findet noch statt
es war alles schon mal da
jede Note wurde schon einmal gespielt
jedes Wort wurde schon einmal gesprochen
jeder Strich wurde schon einmal gezeichnet
gebt endlich auf
es ist vorbei
wir sind am Ende
der Kuchen ist gegessen
der Drops ist gelutscht
die Messe ist gelesen
alle Fragen wurden gestellt
es gibt nur noch Antworten
es gibt nur noch Wahrheiten
alle austauschbar
alle beliebig
alle gleich gültig
nichts kommt mehr
und nichts ereignet sich noch
es ist einfach nichts
nicht einmal die Leere
nicht einmal das Nichts
es ist vorbei
der Zug ist abgefahren
Schicht im Schacht
Affe tot
aus die Maus
Ende im Gelände
es ist schlichtweg aus
nur der Tod ist gewiss
erkennt ihn endlich an
Weiterlesen
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Nach der ersten längeren Unterbrechung in 16 Jahren jetzt wieder jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: RoN Schmidt, Büchnerpreis für Jan Wagner, übergangene Dichter, Ekkehard Maaß und sein Salon, Lavant, Marx, Celan, Tracy K. Smith – und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
G&GN-INSTITUT, 3.Offlyrikfestival 7.7.2017 / Der Programmablauf des „wichtigsten Lyrikfestivals des Jahres“ (Twitter-Zitat KUNO Matthias Hagedorn) im Düsseldorfer HdU (Haus der Universität) gleicht einem Marathon; denn die 9 Performer treten in zwei Durchläufen ohne große Pause auf, damit die Veranstaltung pünktlich um 23 Uhr beendet ist. Daher beginnt der Einlass bereits um 16 Uhr, so daß der Moderator Herr De Toys das Festival um exakt 17 Uhr mit den üblichen Danksagungen eröffnen kann. Die Lyrikzeitung gehört zu den Medienpartnern und präsentiert nun von allen Beteiligten ein Beispielgedicht in der Reihenfolge ihres Auftretens (Programmablauf mit verlinkten Kurzbiographien siehe www.Lyrikmarathon.de):
Songtext 1996 © CD „wir werden fliegen“
ICH UND MEIN GEHIRN
MEIN LIEBLINGSTHEMA
DER NABEL DER WELT
ALS ÜBERLEBENSSCHEMA
PROBLEME OHNE LÖSUNG
KÖNNEN NUR ENTSTEHN
WENN WIR SIE ÜBERHAUPT
UND WIE WIR SIE SEHN
IMMER SIND WIR AUCH
EIN TEIL DER BETRACHTUNG
BEWUNDERUNG BEIM EINEN
IST BEIM ANDEREN VERACHTUNG
UNSCHÄRFE ENDLOS
FÜHRT ZU KATASTROPHEN
WIE DOMINOSTEINE
FALLEN ALLE PHILOSOPHEN
MUSIK VON HEUTE
MUSIK VON GESTERN
LIEBE UNTER BRÜDERN
UND LIEBE MIT SCHWESTERN
LIEBE IST NACH WIE VOR
DIE STÄRKSTE KRAFT
WENN AUCH IM KOPF
OFT EIN ZWEIFEL KLAFFT
WENN ICH DAS SEHE
KANN ICH NUR SEHN
DASS SCHILDKRÖTEN
IMMER AUF
SCHILDKRÖTEN STEHN
Gedichte der anderen Teilnehmer an den kommenden Tagen jeweils um 6:00 Uhr in der Früh.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis 2017 an den Lyriker Jan Wagner.
Die Preisverleihung findet am 28. Oktober 2017 im Staatstheater Darmstadt statt.
Begründung der Jury:
»Jan Wagners Gedichte verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz. Entstanden im Dialog mit großen lyrischen Traditionen, sind sie doch ganz und gar gegenwärtig. Seine Gedichte erschließen eine Wirklichkeit, zu der Naturphänomene ebenso gehören wie Kunstwerke, Sujets der Lebens- wie der Weltgeschichte, erste Fragen und letzte Dinge. Aus neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen, mit einem Gespür für untergründige Zusammenhänge und mit einer unerschöpflichen Phantasie lassen sie Augenblicke entstehen, in denen sich die Welt zeigt, als sähe man sie zum ersten Mal. Für diese poetische Sprachkunst, die unsere Wahrnehmung ebenso schärft wie unser Denken, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2017 an Jan Wagner.«
Als in der letzten Woche mit Jan Wagner ein Lyriker als diesjähriger Träger des Georg-Büchner-Preises gekürt wurde, war ich mir mit Jan Kuhlbrodt einig, dass uns eine Lyrikerin lieber gewesen wäre, die diesen Preis schon seit Jahrzehnten verdient, ihn aber aus fadenscheinigen Gründen noch nicht bekommen hat: Elke Erb.
Nun hat diese großartige Autorin gleich drei Handicaps:
Sie schreibt sogenannte schwierige Texte, die vielleicht nicht gleich beim ersten Lesen verstanden werden.
Und sie ist bei den falschen Verlagen, klein, fein, aber ohne viel Einfluss.
/ Annett Gröschner, piqd
Privatmann vergibt Alternativen Büchner-Preis
Und wer bekommt den Georg-Büchner-Preis wieder nicht? Wolf Wondratschek. Das geht nicht, findet ein Privatmann. Und machte den Dichter jetzt zum ersten Preisträger eines flugs ausgerufenen Alternativen Büchner-Preises. / Volker Weidermann, Spiegel
Perlentauchers Magazinrundschau über die spanische Wochenzeitung El Pais Semanal, 1.5.2017:
Guillermo Altares unterhält sich mit dem 1953 in Haiti geborenen und 1976 vor politischer Verfolgung nach Kanada geflohenen Schriftsteller Dany Laferrière, der seit 2014 Mitglied der Académie française ist: „Wenn Rassisten etwas hassen, dann dass der, den sie attackieren, sie versteht. Das macht sie krank. Sie können es nicht ertragen, dass der, den sie verachten, mit ihnen sprechen will und der Ansicht ist, dass sie einfach die Wirklichkeit nicht begreifen. So ging es James Baldwin, als er in den sechziger Jahren verkündete, dass die Weißen nicht nach Europa und die Schwarzen nicht nach Afrika zurückkehren würden – es bleibt keine andere Möglichkeit, als sich zusammenzusetzen und zu verhandeln, den anderen einfach ausscheiden, das wird es nicht geben und das ist auch nicht die Lösung. Für das Europa der Gegenwart gilt das genauso. Le Pen sagt, nachdem es in Frankreich mehrere Millionen Arbeitslose gibt, soll man mehrere Millionen Schwarze und Araber ausweisen. Das hat keinen Sinn, aber ich verstehe das Problem. Doch es werden nicht mehr Arbeitsplätze entstehen, wenn man diese Leute rauswirft. Wir müssen dem Denken wieder Bedeutung verschaffen.“
Nicht ohne Koketterie beginnt sie ein Gedicht mit dem Geständnis: „Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf.“ Thomas Bernhard, der sie seit 1956 kannte und 1987 die schöne Auswahl „Gedichte“ veröffentlichte, muss diesen Vers im Kopf gehabt haben, als er an seine Lektorin Elisabeth Borchers schrieb: „Die Lavant ist eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnt auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Strassenkreuzung in Wolfsberg mit einer Riesentankstelle und tippt ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich grossartiger, als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer verbreitet worden ist.“ / Harald Hartung, faz.net 13.5.
Karl Marx Menschenleben Stürmisch entfliehet Der Augenblick; Was er entziehet, Kehrt nicht zurück. Tod ist das Leben Ein ewiger Tod; Menschenbestreben Beherrscht die Noth; Und er verhallet In Nichts dahin; Und es verschallet Sein Thun und Glühn. Geister verhöhnen Ihm seine That; Stürmisches Sehnen, Und dunkler Pfad; Ewiges Reuen Nach eitler Lust; Ewiges Breuen In tiefer Brust; Gierig Bestreben Und elend Ziel Das ist sein Leben, Der Lüfte Spiel. Groß es zu wähnen Doch niemals groß, Selbst sich zu höhnen, Das ist sein Loos. / Mehr: über dieses und die 400 weiteren Seiten Marxscher Lyrik in FAZ 10.6. (Uwe Wittstock)
Drei Auszüge aus einem Aufsatz von Cathy Park Hong im Poetry Magazine über Paul Celan und Doris Salcedo:
(1)
Salcedo’s sculptures are anti-monumental. She works with humble domestic objects like wooden wardrobes, chairs, and tables that are sparely arranged in an exhibition space. Inspired by Paul Celan, she repeatedly refers to his poetry in her titles, like Unland: audible in the mouth, Shibboleth, and Unland: the orphan’s tunic.
(2)
Out of all his poems, “Death Fugue” was the most anthologized and the most quoted for its haunting, incantatory power and its clear references to the concentration camps. As his poetry became more idiosyncratic — his syntax more gnarled, his images more gnomic and mineralogical, his syllables more neologistic — Celan grew to loathe “Death Fugue.” It dogged him, overshadowing his other works, and fearing he was becoming a mouthpiece for Jewish Holocaust poetry, Celan later refused to let “Death Fugue” be further anthologized. Meanwhile, “Death Fugue” became a German obsession, a fixture at commemorative events. The scholar Sidra DeKoven Ezrahi wrote,
At some subliminal level the Germans have come to know the poem … at such an early age and on ceremonial occasions that it has become an incantational procedure rather than an intended text.
Rather than an act of rememberance, the recitation of “Death Fugue” turned into a mantra to ward off difficult engagement with the past. But this is how it is when a poem becomes commemorative. It becomes all pious gesture and drained of meaning. When a poem becomes commemorative, it dies.
(3)
This is the kind of literature that is lifeblood against the sanctimonious, sanctioned poetry that the establishment uses to exonerate themselves. It is not enough for a poem to be witness, to preserve a dated moment and give voice to puppets from the past. It’s not enough that a poem extol the virtues of survival and overcoming. What if the poet never overcomes? What if the poet hears the same bitter verdict when testimony after testimony has been given? What if that poet — and this is the ultimate emotional transgression that repels the reader who takes comfort in literature as forgiveness — still feels a shadow of hate and it is that hate that disfigures song into something broken? But see, the only way to get at that inalienable grief is to disfigure song. Celan was a sadist with the German language, shredding it down to find the kernel, and from those shreds, he created a third language:
Blackas memory’s woundthe eyes root for youin this plot bittenbright by the heart-teeth.SCHWARZ
wie die Erinnerungswunde,
wühlen die Augen nach dir
in dem von Herzzähnen hell-
gebissenen Kronland,
das unser Bett bleibt:
Als Besitzer der Wohnung Schönfließer Str. 21 machte die Staatssicherheit 1981 „Maaß, Ekkehard, ohne Tätigkeit“ aus. Dabei war Untätigkeit so ziemlich das Letzte, was man dem umtriebigen Hausherrn dieser „gastlichen Wartehalle in der Bleiernen Zeit“ (Wolf Biermann) nachsagen konnte. Peter Böthig nennt das Institut, seit 1978 Treffpunkt der Dichter- und Künstlerszene im Prenzlauer Berg, in seiner Dokumentation „Sprachzeiten“ einen Literarischen Salon. (…)
Als Freund und Nachbar kam für ein Jahrzehnt der georgische Dichter deutscher Sprache, Giwi Margwelaschwili; der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov floh 2002 hierher ins Exil. In Rheinsberg, wo Böthig Leiter des Tucholsky-Museums ist, wurde Bisultanov Stadtschreiber und erkämpfte sich das Asyl in Deutschland. Seit 1996 ist Maaß Präsident der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft mit Sitz in der Schönfließer Straße, die Nachtasyl für verfolgte Dichter und Künstler blieb. Schon die Stasi hatte in ihrer vielbändigen Ermittlungsakte „ständige Übernachtungen, Aufenthalt und Verpflegung negativ-feindlicher Personen“ festgehalten.
(…)
Widerlegt wird die Legende, die ganze Szene sei eine Inszenierung der Stasi gewesen. Nicht umsonst musste sich Sascha Anderson einmal heftig ins Zeug legen, um Uwe Kolbes Vorschlag für einen unabhängigen Schriftstellerverband zu sabotieren. Und sein IM-Kollege „Villon“ (alias Lutz Gattner) meldete der Stasi, die „Gedichte“ von Bert Papenfuß „sollten ausreichend sein, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen“. Boethig, selbst Salon-Teilnehmer, bis er 1988 verhaftet und abgeschoben wurde, beharrt deshalb darauf, in den Lesungen die „Keimzelle für einen in den 80er Jahren sich entwickelnden staatsunabhängigen Literatur- und Kunstbetrieb“ zu sehen. Die Textproben belegen das und fügen sich zu einer Anthologie, die man als Fundus einer damals von der Stasi verhinderten Anthologie lesen kann. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel
Die Library of Congress bestimmte die Lyrikerin Tracy K. Smith (45) zur neuen poet laureate der USA, der höchsten Ehre, die das Land auf diesem Gebiet zu vergeben hat. Sie folgt damit Autoren wie Rita Dove, Louise Glück, Billy Collins, W. S. Merwin, Charles Simic und zuletzt Juan Felipe Herrera.
Sie wolle in der Position als eine Art literarische Evangelistin kleine Städte und ländliche Gebiete besuchen, um Lyrikevents abzuhalten.
„Ich bin freudig erregt über die Gelegenheit, die Gute Nachricht der Poesie in Teile des Landes tragen zu können, wohin literarische Festivals eher selten gelangen.“
Frau Smith ist die 22. Inhaberin des 1937 begründeten Amts, das den offiziellen Titel „Poet laureate Lyrikkonsultant“(in) trägt. / New York Times 14.6.
Mehr: 4 poets you need to read, from new poet laureate Tracy K. Smith, PBS Newshour
Ich hätte da einen Vorschlag. Nachdem Deutsche Bücherei und Staatsbibliothek zur Deutschen Nationalbibliothek wurden, könnte man nicht in gebührendem Abstand von acht Jahrzehnten dem amerikanischen Beispiel folgen und einen Konsultanten für Lyrik auch bei uns einführen? Wenn man einen repräsentativen Namen braucht: Poeta laureatus, „gekrönter“ oder lorbeerisierter, National-Dichter, das gabs in Deutschland schon mal, vor vielen Jahrhunderten, auch damals nach ausländischem Vorbild. 1341 wurde Francesco Petrarca in Rom gekrönt. 1442 krönte Kaiser Friedrich III. in Frankfurt/Main Enea Silvio da Piccolomini (der später vom „Lyrikpapst“ zum wirklichen Papa der Kirche wurde). 1487 folgte mit Konrad Celtis der erste deutsche Dichter mit Lorbeerkrone.
Wenn es erst ein repräsentatives nationales Amt gibt, werden Bundesländer, Städte und Universitäten folgen* und (wieder) ihre eigenen Dichter krönen. Sie müssen keine Gedichte auf den Geburtstag der Würdenträger schreiben wie früher im Vereinigten Königreich. Ein republikanischer National-, Stadt-, Betriebs- oder Universitätsdichter. Dann werden auch die Zeitungen wieder regelmäßig Gedichte abdrucken. Ein kleines Gedicht unter den vielen Nachrichten des Tages? Das ist machbar, Herr Nachbar, Frau Nachbarin.
(Zur Wiedervorlage)
The two scenes collapse and expand in the same spectacular way as a ghazal couplet or sher does; these moments capturing convergence in divergence, the dance of the “contraries,” bringing together science and art, politics and spirituality, geography and history, East and West, led me to explore cosmopolitanism at the root of the ghazal form.
Cosmopolitanism is defined in the dictionary as “being free from local, provincial, or national ideas, prejudices, or attachments; at home all over the world”; it is necessarily an active appreciation of disparate entities, a rejection of narrow constructs of identities, in fact, a rejection of all strictures; it is an ownership as well as a divestment. It celebrates pluralism as fiercely as it forges an autonomous voice.
The ghazal, in its structure as well as its sensibility, not only allows contraries to cohabit but, in the best compositions, makes a demand to frame polarity in the same space. Once the matla, the opening couplet, introduces the refrain (or radif), the reader expects two things: one, that each successive couplet will be locked in by the same phrase/word/image of the radif, and two, that a wild freedom of perspective will be offered like a new puzzle piece that astonishes by fitting the given radif as perfectly as the previous one. / Shadab Zeest Hashmi, World Literature Today
L&Poe presents: Ganz neue Herbste nicht von Helmut Heißenbüttel
„le prix du poète de poésie libre au poète“ (Zeitungsmeldung), das ist so gut gesagt, daß man es nicht auch noch verstehen muß, n’est-ce pas? Mehr wäre dazu nicht zu sagen, es sei denn, man wollte es übersetzen. Da gibt es immer mehrere Möglichkeiten, Google entscheidet sich für diese: „der Preis des freien Verses Dichter zu Dichter“. Treffender vielleicht die Übersetzung des freien Online-Übersetzers PROMT: „Der Preis vom Dichter freier Dichtung dem Dichter“. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Bei den Ernst-Jandl-Tagen (30.6. bis 2.7. in Neuberg an der Mürz) erhält Monika Rinck den Ernst-Jandl-Preis 2017. Es lesen außerdem u.a. Ann Cotten, Daniel Falb, Mara Genschel, Birgit Kreipe, Ferdinand Schmatz, Christian Filips, Nancy Hünger, Kornelia Koepsell, Friederike Mayröcker und Anja Utler.
Ledbury Poetry Festival (30. Juni bis 9. Juli) – Großbritanniens größtes Poesiefestival findet zum 21. Mal statt
Am 4. Juli ist Independence Day in den USA. An diesem Tag im Jahr 1776 erklärten sich die 13 amerikanischen Kolonien zu einer neuen Nation.
Der 20. Hausacher Leselenz (5.-14. Juli)
Mit Carolin Callies (D), Safiye Can (D), Rocío Cerón (MEX), Valentina Colonna, (I) Zehra Çırak (D), Christoph Danne (D), Alice Gabathuler (CH), Nora Gomringer (CH / D), Simone Hirth (D / A), Ranjit Hoskoté (IND), Semier Insayif (IRQ / A), Jan Koneffke (D / A / RO), Els Moors (B), Tom Schulz (D), Tzveta Sofronieva (BG / D), Michael Stavaricˇ (CZ / A), Aleš Šteger (SLO), Suleman Taufiq (SYR / D), Ilija Trojanow (BG / D / A) u.v.a.
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (5. bis 9. Juli). Am Sonntag, dem 9. Juli, werden fünf Preise vergeben: Der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis, gestiftet von der Stadt Klagenfurt. Der mit 12.500 Euro dotierte erstmals vergebene Deutschlandfunk-Preis, gestiftet vom Deutschlandradio. Der mit 10.000 Euro dotierte KELAG-Preis, gestiftet von der Kärntner-Elektrizitäts-Gesellschaft. Der mit 7.500 Euro dotierte 3sat-Preis, gestiftet vom Gemeinschaftsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF, ORF, SRG und ARD. Der BKS-Bank Publikumspreis in Höhe von 7.000 Euro, verbunden mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt.
Drittes Offlyrikfestival 2017
10 Lyrik-Performer treten am 7.7.2017 in Düsseldorf auf: Maroula Blades, Kersten Flenter, Thomas Havlik, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Kai Pohl, Clemens Schittko, RoN Schmidt, Tom de Toys (Moderation) und Harald ‚Sack‘ Ziegler.
Internationales Poesiefestival in Medellin (8.-15. Juli)
Am 2. Juli 1964 wurde in den USA ein Verbot von Bildungstests als Voraussetzung zur Teilnahme an Wahlen verhängt. Manche denken darüber nach, ob man sie wieder einführen soll.
Geboren wurden am 30. Juni 1807: Friedrich Theodor Vischer, 1814: Franz von Dingelstedt, 1911: Czesław Miłosz, polnischer Dichter, Nobelpreisträger; am 1. Juli 1742: Georg Christoph Lichtenberg, 1886: Jizchak Katzenelson (ermordet am 1. Mai 1944 in Auschwitz), 1919: Hans Bender; am 2. Juli 1724: Friedrich Gottlieb Klopstock, 1877: Hermann Hesse; am 3.Juli 1883: Frank Kafka, 1928: Günter Bruno Fuchs, 1937: Joochen Laabs (80. Geburtstag); am 4. Juli 1715 Christian Fürchtegott Gellert; am 5. Juli 1889: Jean Cocteau, 1941: Barbara Frischmuth; am 7. Juli 1887: Marc Chagall
Todestage: am 30. Juni 1990 „Matthias“ BAADER Holst, 2006: Robert Gernhardt, am 1. Juli 1916 der Dichter Siegfried Schlösser (vor Beaumont gefallen), 1952 der tschechische Dichter Fráňa Šrámek, 2016 Yves Bonnefoy; am 2. Juli 1778: Jean-Jacques Rousseau, 1961: Ernest Hemingway; am 4. Juli 1888: Theodor Storm, 1964: Samuil Marschak; am 6. Juli 1533: Ludovico Ariosto (Der rasende Roland); am 7. Juli 1956: Gottfried Benn
Die Literaturszene besteht nicht nur aus Bestsellerautoren und Preisträgern. Es gibt eine Offszene aus Lyrikern, die auf der Bühne zuhause sind. Sie performen ihre Gedichte in ihrem ganz eigenen Stil, treten aber bei Poetryslams eher selten auf. Ihre Wortkunst entfaltet sich magisch und popschamanisch, ihre Lesungen sind legendär! Und wir reden hier nicht von vergangenen Tagen, denn diese Dichter sind kein Mythos, sondern leben im Hier und Jetzt. Sie produzieren Livelyrik mit Tiefgang – tiefenliterarische Ekstasen! Das 1.Offlyrikfestival fand 1995 im Kölner BelAir statt. 1996 dann das zweite im Kieler SubRosa. Damals waren nur wenige Lyriker auch Performer. Es gab normale Lesungen. Und es gab die Socialbeat-Bewegung. Und die Zeit der Poetryslams hatte begonnen, aber damit auch schon der schleichende Trend zur Fastfoodliteratur und zur Comedy. Das Erzählen von einfachen, schnellen, unterhaltsamen Geschichten kam in Mode. Inzwischen gibt es wieder den Ruf nach „guten“ Gedichten, aber was ist eigentlich gut? Preisträger und große Verlage sind keine Garantie für Qualität, sondern nur –wenn überhaupt– für Massenkompatibilität. Muß ein Gedicht „schwierig“ sein, um nicht als „schwach“ zu gelten? Nein. Lyrik kann die Sensibilität für die Gegenwart fördern, indem sie existenzielle Fragen tabulos thematisiert und dabei weder abgehoben noch ordinär sein braucht. Lyrik ist die Stimme der Seele. Lyrik berührt und rüttelt wach. Der Performer verzaubert das Publikum mit seiner unerwarteten Rezitation. Mit 20-jähriger Verzögerung veranstaltet das G&GN-Institut das dritte Festival am 7.7.2017 im Düsseldorfer „Haus der Universität“ mit zahlreichen Veteranen der Lyrikszene. Ausnahmedichter mit ungewöhnlicher Gegenwartslyrik und Bühnentalent: Eventliteratur vom Feinsten! Lyrikperformances von RoN Schmidt, Clemens Schittko, Harald ‚Sack‘ Ziegler, Alexander Nitsche, Maroula Blades & George Henry, Kai Pohl, Stan Lafleur, Thomas Havlik, Kersten Flenter, Moderation: Tom de Toys
Ror Wolf
der vater spricht von dem franzos
der vater spricht von dem franzos
des kaisers maßkrug schwarzweißrot
steht zugeklappt auf der kommod
der vater spricht der krieg ist groß
der vater mittlerweile spricht
von dem franzos das kind lauscht still
die mutter lauscht es lauscht die magd
es lauscht der knecht der hund lauscht nicht
magd mutter knecht und kind und hund
die sitzen stumm am heißen herd
der vater spricht von dem franzos
tut auf den mund bis auf den grund
und hebt sein langes schießgewehr
der vater hat die zipfelmütz
die mutter hat die haube an
und knecht und magd die atmen schwer
auf dem gestell der gugelhupf
an dem die mutter gestern buk
auf der kommod der maßkrug steht
und der franzos im unterschlupf
der vater sich die pfeife stopft
moment franzos ist noch nicht tot
das zündholz brennt der maßkrug steht
auf der kommod die Standuhr tropft
die mutter hat die haube an
der vater spricht der knecht ist stark
die magd ist rund das kind ist klein
der hund hat seine pflicht getan
der schinken in der kammer hat
die maden und am harten käs
macht sich die ratte fett und pfeift
die fliege schwirrt die magd wird matt
die mutter macht die haube los
das kind muß auf den topf und schreit
und knecht und magd die sind zu zweit
der vater spricht von dem franzos
Ror Wolf (Pseudonym: Raoul Tranchirer wurde am 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale geboren. Sein Werk ist nichts für Liebhaber von Schubladen, fröhlich sprengt er alle Grenzen zwischen Lyrik und Prosa, Hoch- und Populärkultur, Scherz und Ernst, Literatur und Bildkunst, Vor-, Während- und Nachmoderne.
Welimir Chlebnikow
grashupfer
rasch war der goldschrieb gefluttert
tupfig sehr ädrigst verbostelt
da lupfte der hupfer den bauchkorb
verbarg er die binsige rupfe
tschiribombös profelurte kikieglitz
o schwansam
teich auf!
(Deutsch von Oskar Pastior)
Flügelchend mit dem Goldbrief
aus feinstem Faserwerk,
packte das Heupferdchen seinen Wanst korbvoll
mit Ufernem: Schilfen und Gräsern
Pinj, pinj, pinj! pardauzte die Roßpappel.
O schwanings.
O aufschein!
(Deutsch von Paul Celan)
Grasshopper
Glitter-letter wing-winker
gossamer grasshopper
packs his belly-basket
with credo-meadow grass.
Zin! Zin! Zin! sings
the raucous racket-bird!
Swan-white wonder!
Brighter, brighter, bright!
(Translated by Paul Schmidt)
Кузнечик
Крылышкуя золотописьмом
Тончайших жил,
Кузнечик в кузов пуза уложил
Прибрежных много трав и вер.
„Пинь, пинь, пинь!“ – тарарахнул зинзивер.
О, лебедиво!
О, озари!
1908 – 1909
Transkribiert:
(z = stimmhaftes s wie Sonne, sh = stimmhaftes sch wie Journal, ch wie in ach)
Kuznetschik
Krylyschkuja zolotopismom
Tontschajschich shil,
Kuznetschik w kuzow puza uloshil
Pribreshnych mnogo traw i wer.
„Pinj, pinj, pinj!“ – tarachnul zinziwer.
O, lebediwo!
O, ozari!
Am 28. Juni 1922 starb der russische Dichter Welimir Chlebnikow
Àxel Sanjosé hat das Lied des Heiligen Johann vom Kreuz / San Juan de la Cruz (Fassung siehe hier) neu übersetzt. Er schreibt dazu:
die vorgehensweise:
so viel an semantischen und syntaktischen strukturen wie möglich erhalten
die gebundenheit (im spanischen: silbenzahl und reim) durch entsprechend natürliche mittel im deutschen andeuten: jamben und alternanz von weiblichen und männlichen kadenzen, assonanz wenn möglich (auch erweiterte assonanz, z.b. hohe vs. tiefe vokale oder vordere vs. hintere)
entscheidend ist für mich, dass ein gefühl vom originären text rüberkommt.
Hier seine Fassung.
Fräulein Charlotte Brown, Bibliothekarin, schnappt über
Von Felix Jung
Heute habe ich beschlossen
Jedes Gedicht zu lesen, das je einer schrieb
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Ich weiß, es ist sehr egoistisch,
zu lesen. Jedes Gedicht, das je einer schrieb
hat seine guten Vorsätze. Ich weiß,
Ich weiß, es ist sehr egoistisch.
Ich möchte das glauben. Poesie
hat ihre guten Vorsätze. Ich weiß,
Gedichte lesen hilft nicht wirklich.
Ich möchte glauben, daß Poesie-
Bücher die Antwort sind. Ich beginne
Zu lesen. Poesie hilft nicht wirklich
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Bücher sind die Antwort. Ich beginne
Heute, hab ich beschlossen.
(Deutsche Fassung Michael Gratz)
Miss Charlotte Brown, Librarian, Goes Mad
Today, I have decided
to read every poem ever written
in the short history of our civilization.
I know it is a selfish thing
to read. Every poem ever written
has its good intentions. I know,
I know, it is a selfish thing.
I want to believe that. Poetry
has its good intentions. I know
reading poems can’t help much.
I want to believe that poetry
books have the answer. I’ll start
reading. Poems can’t help much
in the short history of our civilization.
Books have the answer. I’ll start
today. I have decided.
Felix Jung
Es ist ein Pantoum – eine malayische Gedichtform, von Franzosen (u.a. Victor Hugo und Charles Baudelaire) und Briten bzw. Amerikanern (neuerdings auch ein paar Deutschen, wie Oskar Pastior) adaptiert. Unter den (Reim-)-Spielformen (Sonett, Sestine, Villanelle etc.) vielleicht die extremste.
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Ingeborg Bachmann
Nichts mehr gefällt mir. Soll ich eine Metapher ausstaffieren mit einer Mandelblüte? die Syntax kreuzigen auf einen Lichteffekt? Wer wird sich den Schädel zerbrechen über so überflüssige Dinge – Ich habe ein Einsehen gelernt mit den Worten, die da sind (für die unterste Klasse) Hunger Schande Tränen und Finsternis.
Aus dem Gedicht Keine Delikatessen. Es entstand vermutlich 1963 und wurde 1968 in der Zeitschrift Kursbuch erstveröffentlicht.
Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren.
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