Gertrude Stein
(* 3. Februar 1874 in Allegheny, heute Pittsburgh, Pennsylvania; † 27. Juli 1946 in Neuilly-sur-Seine)
Call It A Table
Do not dispute me.
Oh no.
Do you call it a table.
sog a disch
sog ned i hob ned recht.
owa na.
soxt oiso des is a disch.
Ernst Jandl
Nenn Es Tisch
Streit mit mir nicht.
Oh nein.
Nennst es Tisch.
Erica & Raymond Federman
Ist eın Tisch
Nix da.
Du verstehn!
Sagst du Tisch dazu.
Jennifer Poehler
Rufname Tisch
Widersprich mir nicht.
Gib keine Widerworte.
Sag einfach Tisch
zu dieser Sahnetorte.
Norbert Hummelt
Aus: Gertrude Stein: Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Zürich: Arche, 1993, S. 36-38
72
Ich meinte, alles meistre mein Verstand,
er löse glatt des letzten Rätsels Band.
Doch nun im harten Licht der Wirklichkeit
erkenne klar ich, daß ich nichts erkannt!
Aus: ‚Omar Chajjām und seine Vierzeiler nach den ältesten Handschriften aus dem Persischen verdeutscht von Christian Herrnhold Rempis. Tübingen: Verlag der deutschen Chajjam-Gesellschaft, 1935, S. 70
Ich sprach: Mein Herz ward nicht vom Wissen ausgeschlossen,
wenige der Rätsel blieben, die nicht begriffen wurden.
Trotzdem, wenn ich’s mit Verstand betrachte, (seh ich):
mein Leben schwand und nichts ward mir bekannt.
Ebd. S. 120
Ich sprach: mein Herz soll Wissenschaft verstehen;
Und wenig war, was ich nicht eingesehen:
Doch wenn ich’s schaue reiferen Gesicht’s:
Das Leben ist vorbei – und ich weiss nichts.
Joseph von Hammer-Purgstall, aus: Der poetische Orient. Leipzig 1856, S. 500
Kein großer Dichter? Mag sein. Wer nur Abgesichert-Kanonisches liest, kann inzwischen hier mit Goethe und Schiller weitermachen. So, jetzt sind sie weg und ich kann fortfahren: Wer von Schubert vertont und von Burschenschaftlern auf der Wartburg verbrannt wurde (also seine Bücher), wer Runge und Friedrich beeinflußt und Adam Smith übersetzt hat, von dem kann man schon mal was lesen.
Ludwig Gotthard Kosegarten
(auch Gotthart Ludwig Kosegarten, Ludwig Theobul Kosegarten, * 1. Februar 1758 in Grevesmühlen; † 26. Oktober 1818 in Greifswald)
Thomson’s Hymne.
So rollt in nimmermüdem Reihentanz,
So ändert sich das Jahr, und mannigfach
Verklärt sein Wechsel, großer Vater, dich.
Im holden Frühling webet überall
Dein zarter Liebesodem. Weit und breit
Ergrünen die Gefilde. Wohlgeruch
Durchweht die Luft. Der Berge falbes Moos
Wird jung. Das Waldthal lächelt. Freude strömt
Und Leben sprüht in jedes offne Herz.
Doch voller noch, und noch gewaltiger
Verklärt, o Gott, sich deine Glorie
In schwüler Pracht des Sommers. Mächtig reift
Der Sonne kochend Feuer Obst und Korn.
Oft hören wir in lautem Donner dich,
In sanftem Lispeln oft, um Mitternacht,
Wann sinkt des Abends und der Frühe Thau.
Der Herbst erscheint. Nun öffnet mildiglich
Sich deine Hand und spendet Segen aus.
All Auge harret dein. All Leben speist
Und sättigt sich an deinem reichen Tisch.
Im Winter, Ewger, wie so feyerlich,
Wie furchtbar ist dein Kommen! Sturmesnacht
Und Wolkendunkel hüllen deinen Thron.
Auf Wetter rasselt Wetter. Hagel rauscht
Vor Wirbelwinden her. Gewaltig fährst
Du auf der Winde Wagen. Bange knieet
Die Welt, und schaut dir stumm und schweigend nach.
[…]
Aus: Ludwig Gotthard Kosegarten: Poesieen. Bd. 1. Leipzig, 1798. S. 44f
James Thomson
Hymn on Seasons
Based on J. Logie Robertson’s 1908 Oxford text.
A HYMN ON THE SEASONS.
These, as they change, Almighty Father! these
Are but the varied God. The rolling year
Is full of Thee. Forth in the pleasing Spring
Thy beauty walks, Thy tenderness and love.
Wide flush the fields; the softening air is balm;
Echo the mountains round; the forest smiles;
And ev’ry sense, and ev’ry heart, is joy.
Then comes Thy glory in the summer-months,
With light and heat refulgent. Then Thy sun
Shoots full perfection through the swelling year;
And oft Thy voice in dreadful thunder speaks,
And oft, at dawn, deep noon, or falling eve,
By brooks and groves, in hollow-whispering gales.
Thy bounty shines in Autumn unconfin’d,
And spreads a common feast for all that lives.
In Winter awful Thou! with clouds and storms
Around Thee thrown, tempest o’er tempest roll’d,
Majestic darkness! On the whirlwind’s wing
Riding sublime, Thou bidd’st the world adore,
And humblest nature with thy northern blast.
[…]
Mehr Thomson hier:
Wolfgang Schlüter: Die Jahreszeiten. The Seasons. James Thomson. Weil am Rhein, Basel: Urs Engeler Editor, 2003

Marie Luise Kaschnitz
(* 31. Januar 1901 Karlsruhe, † 10. Oktober 1974 Rom)
Ich vergesse so viel
Ich vergesse so viel
Das meiste
Nur einiges nicht
Nicht die englische Tänzerin
Mit den roten Schuhen
Nicht den brennenden Bergahorn
Vor der Eigernordwand
Auch nicht die Toten
Mit Kalk übergossen
Wie sie glänzten im Mondlicht
Zeit schöner Engel
Mit dem Kranz im Haar
Und der Pistole im Gürtel
Im Briefkasten liegt ein Zettel
Verlaß das Haus
Und ein anderer
Jesus war bei dir
Jesus wer soll das sein?
Ein Galiläer
Ein armer Mann
Aufsässig
Eine Großmacht
Und eine Ohnmacht
Immer
Heute noch.
Aus: Marie Luise Kaschnitz: Notizen der Hoffnung. Ausgewählte Gedichte. Auswahl Heinz Czechowski. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1984, S. 158f
Adelbert von Chamisso
(* 30. Januar 1781 auf Schloss Boncourt bei Ante, Châlons-en-Champagne, Frankreich; † 21. August 1838 in Berlin)
An Fouque
Kann nicht reden, kann nicht schreiben,
Kann nicht sagen, wie mir ist!
Mir ist wohl und bang im Herzen,
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.
Mit der Arbeit will’s nicht vorwärts.
Wie so leer es um mich ist.
Wie so voll ist’s mir im Herzen!
Kann nicht ernst sein, kann nicht scherzen,
Kann nicht wissen, wie mir ist.
Kann nur fühlen, kann nicht wissen,
Kann nicht sagen, was es ist,
Könnt ich singen, liebes Leben,
Würden Töne Kunde geben,
Wie es mir im Herzen ist.
Μελέτης Αποστολίδης (Meletis Apostolides)
AN EINEM SELTSAMEN ORT, SEPTEMBER ’74
und ich steckte immer noch in Uniform
und Armeestiefeln.
Du fürchtetest, dass ich gekommen wäre,
um deinen Frieden zu stören.
„Es tut mir leid, ich habe kein Bett,
das ich dir anbieten könnte“, sagtest du.
Vor Monaten hatte ich zum letzten Mal in einem Haus geschlafen.
„Der Boden ist okay“, flüsterte ich.
„Ich habe auch keinen Boden“, fuhrst du fort
und ließt mich in der Luft hängen,
– entrückt
starrte ich auf meine Schritte.
Übersetzung aus dem Englischen: Achim Wagner
Meletis Apostolides ist Architekt, Maler und Dichter. Er wurde 1950 in Lapta geboren und lebt in Nikosia.
Heute statt eines Gedichts eine Probe als Spurenaufnahme. Elija Levita ist ein Gelehrter und Dichter aus Deutschland. Levitas Mameloschn, Muttersprache war Jiddisch. (Standard-)Deutsch mußte er erst lernen, es war gerade in der Mache, er lernte Hebräisch und Latein, schrieb gelehrte Bücher auf Hebräisch und Ritterdichtungen auf Jiddisch. Er kam nach Padua, Venedig, Rom (dort lernte er Martin Luther kennen, der bei ihm Hebräisch lernte), Isny im Allgäu und Konstanz, eine Berufung an die Pariser Sorbonne schlug er aus.
Elijah Levita, auch Elias Levita, Elia(s) Levi, Élie Lévita, Elia Levita Ashkenazi, Eliahu Levita, Eliyahu haBahur, jiddisch Elye Bokher, hebräisch אליהו בן אשר הלוי אשכנזי), wurde am 13. Februar 1469 in Ipsheim oder Neustadt an der Aisch geboren; er starb am 5. Januar/28. Januar 1549 in Venedig. Zu seinen Werken gehört auch ein Jiddisch-Hebräisch-Lateinisch-Deutsches Wörterbuch (siehe Abbildung).
Eine Strophe aus einem Versroman in jiddischer Sprache: Paris un Wiene.
Ich fürcht mich, ich red zu fil;
drum wil ich sein seforim legen nider,
un fun töusch ding ich reden wil.
doch mus ich kumen ouf in wider:
wer wert iz machen purim-spil,
wer spruch, wer cale-lider?
wer wert ganze bücher reimen un schreiben,
das ir mit lachen wert di zeit vertreiben?
2: sein = meine, seforim hebräisch = Bücher. Er will also die gelehrten, d.h. hebräischen, Bücher niederlegen und töusch, deutsch reden; natürlich das Deutsch seiner Herkunft, Jiddisch.
5: iz =itz, jetzt; Purimspiele, also Gedichte zur Feier des Purimfestes
6 Sprüche, also wohl nicht gesungene kleine Gedichte; cale-lider: hebr.-jidd. Brautlieder
7 wert: wird
Wer dem Klang des Originals nachspüren will, hier nur der Hinweis, dass „ch“ immer wie in ach ausgesprochen wird, also auch in ich, mich, bücher; und die Vokale immer kurz sind: red, fil, wil, legen. Und das S kann in hebräischer Schrift wie im Deutschen auch ein Sch sein: Schpil = Spiel.
Aus: Paris un Wiene: Ein jiddischer Stanzenroman des 16. Jahrhunderts von (oder aus dem Umkreis von) Elia Levita. Hrsg. Erika Timm. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2015
Ein deutscher Dichter. Kommt er in der deutschen Literaturgeschichte vor? Von einer weiß ich; sie ist in den USA erschienen und heißt „Eine neue Geschichte der deutschen Literatur“, herausgegeben von David Wellbery und anderen. Wird er irgendwann einmal ins Deutsche übersetzt? Vielleicht zum 600. Geburtstag im Jahr 2069?
Bernd Jentzsch
(* 27. Januar 1940 in Plauen)

Erstdruck: Akzente 13 (1966) S. 138
Achim von Arnim
(* 26.1.1781 in Berlin; † 21.1.1831 in Wiepersdorf)
Pendellied
Der zweyte Gesang der Dichterschule
Stunden fliehen,
Ziehen Tage,
Jagen Jahre;
Bahre, Trauer,
Trauerjahre
Fahren über;
Trüber schwebet;
Bebet winkend,
Sinket Liebe.
Der erste Gesang der Dichterschule
Liebegluthen
Fluthen immer,
Immer strebe,
Bebe nimmer;
Immer wendet,
Endet Wähnen
Thränen Schmerzen,
Herzenssehnen.
Aus: Ariel’s Offenbarungen. Roman, Bd. 1 (1804)
Robert Burns
(* 25. Januar 1759 in Alloway, Ayrshire; † 21. Juli 1796 in Dumfries, Dumfriesshire)
I MURDER hate by field or flood,
Tho’ glory’s name may screen us;
In wars at home I’ll spend my blood,
Life-giving wars of Venus:
The deities that I adore
Are social Peace and Plenty;
I’m better pleased to make one more,
Than be the death of twenty.
Mord hass ich, ob in Feld, in Flut,
Mag uns die Ehr‘ auch fordern;
Ich geb im Liebeskampf mein Blut
Im Venus-Zeugungs-Orden.
Ich bete andre Götter an,
Glück, Frieden, Wohlbehagen,
Mach‘ lieber Einen neuen Mann*
Als Zwanzig zu erschlagen.
(Deutsch M.G.)
*) Oder natürlich eine lassie: „Die alte Natur … machte mit dem Mann ihr Gesellen-, mit den lasses, O! ihr Meisterstück“ (Green Grow the Rashes, O!).
Hier das Gedicht vorgetragen von der 2011-16 amtierenden Scots Makar (Nationaldichterin oder poet laureate) Liz Lochhead:
Dorothy Parker (* 22. August 1893 in Long Branch, New Jersey, USA; † 7. Juni 1967 in New York)
Résumé
Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.
Résumé
Klingen ritzen;
Flüsse sind nass;
Säuren ätzen;
Gift macht blass;
Colts sind strafbar;
Strick könnte nachgeben;
Gas stinkt furchtbar;
Da kannst du auch leben.
Deutsch von Ulrich Blumenbach
Aus: Dorothy Parker: Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Gedichte Englisch-Deutsch. Ins Deutsche übertragen von Ulrich Blumenbach und mit einem Nachwort von Maria Humnnmitzsch. Zürich: Dörlemann, 2017, S. 90f
Wilhelm Klemm
(* 15. Mai 1881 in Leipzig; † 23. Januar 1968 in Wiesbaden)
Das Autounglück
Das wird eine lange Heimfahrt geben!
Die silbernen Wolken zogen über uns hin.
Es wäre nichts, wenn alles immer im Gleise ginge,
Und ich hatte mir doch so sehr einen schönen September gewünscht!
Sei klug, sei geschickt, habe Vogelschwingen:
Gottes Gericht zu entgehen wird dir nicht gelingen.
Ich habe das nie bezweifelt, aber wo ist die Grenze
Zwischen Noch nicht und Schon vorbei?
Alle Schlagbäume Deutschlands schlossen sich ordnungsgemäß.
Nur der nicht, der unseren Wagen durchließ,
So dass er vor die Lokomotive geriet.
Wie war es doch? Eulenflügel trugen uns davon.
Louise von Plönnies
(geb. Leisler; * 7. November 1803 in Hanau; † 22. Januar 1872 in Darmstadt)
Heloise an Abälard
Wird, von der Liebe heil’gem Geist durchdrungen,
Nicht jedes Weib der Erde zur Madonne,
Nicht jedes Kind ein Heiland und in Wonne
Auf’s neu der alte Feind, der Haß bezwungen?
So wähn ich oft, im Traum von dir umschlungen,
Des künft’gen Lebens Himmel schon gewonnen,
Von einem Strahl der ew’gen Liebessonnen
Den neuen Leib in Seligkeit durchdrungen.
Ja, Mann und Weib sind Träger jener Flammen
Die schöpferisch das weite All durchglühen,
Drum strömen sehnsuchtsinnig sie zusammen.
Wenn alle Kräfte ihres Seins zur Klarheit
Gelangt, als Krone ihres Bunds erblühen,
Dann giebt sich kund des Bundes inn’re Wahrheit.
Jakob van Hoddis
Am 21. Januar 1911 erschien der Gedichtzyklus „Varieté“ in der Zeitschrift „Der Sturm“.
Varieté
I
Loge
Ein Walzer rumpelt; geile Geigen kreischen;
Die Luft ist weiss vom Dunst der Zigaretten;
Es riecht nach Moschus, Schminke, Wein, nach fetten
Indianern und entblössten Weiberfleischen.
Ah! Schwimmen in der dicken Luft die vielen
Dämlichen Köpfe, die ins Helle glotzen?
Drei Weiber lässt man auf der Bühne spielen,
Die süsslich mit gemeinen Gesten protzen.
II
Der Athlet
Und der Athlet tritt auf und staunen kannst de,
Wie er ein Brett mit seiner Faust zerhaut.
Er geht einher mit ungeheurem Wanste
Und feistem Arm und Nacken, schweissbetaut.
Und kurze Hosen schlottern um die Beinchen,
Die sind zu dünnen Stöckchen deformiert.
Prunkende Seide seine Füsschen ziert.
Ach! sind die niedlich! Wie zwei rosa Schweinchen.
III
Der Humorist
Ein alter Mann in einem neuen Fracke
Plärrt jetzt seine Liebesabenteuer.
Und besonders nach gewissen neuern
Abenteuern,
Spricht er, gleiche er dem Wracke,
Das auf den Wellen wackle ohne Rast,
Der Winds-„Braut“ preisgegeben, ohne Steuer,
Sogar mit halb verfaultem „Mast“.
IV
Tanz
Ein kleines Mädchen mit gebrannten Löckchen
In einem Hemd ganz himmelblau –
Die blossen Beine trippeln ohne Söckchen.
Sie singt: „Ach, tu mir nichts zuleide!
Ach Du! Heut werd ich Deine Frau.“
Dann tanzt sie gierig und mit Chic
Zu einer holprigen Musik.
Und durch die Wirbel blauer Seide
Siehst de den jungen Leib genau.
V
Die Inderin
Sie hebt den dünnen Arm; da duckt zum Sprunge
Das dunkle Pantherpaar, durch sieben Reifen
Fährt es hindurch mit elegantem Schwunge.
Und ihre bösen starken Pranken streifen
(Wenn sie verwirrt zurück zum Käfig taumeln)
Die Perlenschnüre, die … von einem lila Gurte …
Um ihrer nackten Herrin Hüften baumeln.
VI
Ballet
Neger schlenkern aufrecht mit den Beinen,
Auf dem Rumpfe gelbliche Trikots.
Und dazwischen tanzen unsere frechen kleinen
Weiber blond und nackend; ganz famos
Angezogen:
Nur mit goldenen Stöckelschuhn,
Mit denen sie die fauchenden Athleten
Behende in die dicken Nasen treten.
VII
Die Soubrette
Ein Weibsbild kommt als Jägersmann
Und schiesst auf ihrer Flinten.
Und sieht sich einen Vogel an
Und zeigt sich uns von hinten.
Ihr Hintern biegt sich unerhört
Auf Beinen stramm wie Säulen.
Sie singt: „Mich hat die Lieb verstört
Juchhei! im grünen Walde …“
VIII
Die Tänzerin
Wie mich die zärtlichen Gelenke rühren,
Dein magrer Nacken, Deiner Kniee Biegen!
Ich zürne fast. Werde ich Dir erliegen?
Wirst Du zu jenem Traum zurück mich führen,
Den ich als Knabe liebend mir erbaute
Aus süssen Versen und dem Spiel der schönen
Schauspielerinnen, linden Geigentönen
Und Idealen, die ich klaute?
Ach! keine fand ich jenem Traume gleich,
Ich musste weinend Weib um Weib vermeiden,
Ich war verbannt zu unermessnen Leiden,
Und hasse jenen Traum. Ich spähe bleich,
Und sorgsam späh ich wie Dein Leib sich wende,
Nach jeder Fehle, die im Tanz du zeigst,
Ich bin dir dankbar, da du doch am Ende
Mit einem blöden Lächeln dich verneigst.
[IX]
Lebendes Bild
Zwei Skribenten mit zu großer Neese
Sitzen vor der Wand aus gelbem Taft;
Und sie sorgen sich um die Synthese
Der Kultur und um die Jungfernschaft.
Denn der Teufel schreitet durch die Mitte
Und ist gänzlich ohne innern Halt.
Feurig federn seine langen Schritte,
Schwarz und wechselnd ist er von Gestalt.
Und er wedelt mit dem schlangenhaften Schweife;
Denn er hat mit einer Maus gehurt,
Und im Vordergrund raucht schon die Pfeife
Seine neugeborne Mißgeburt.
IX [X]
Schluss: Kinematograph
Der Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen
Der Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,
Ein lautlos tobendes Familiendrama
Mit Lebemännern dann und Maskenbällen.
Man zückt Revolver, Eifersucht wird rege,
Herr Piefke duelliert sich ohne Kopf.
Dann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf
Die Älplerin auf mächtig steilem Wege.
Es zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,
Bald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe
Felswand empor. Die Aussicht in der Tiefe
Beleben Kühe und Kartoffelfelder.
Und in den dunklen Raum – mir ins Gesicht –
Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!
Die Bogenlampe zischt zum Schluss nach Licht –
Wir schieben geil und gähnend uns ins Freie.
X [XI]
Draussen
Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuhter stelzt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-
pitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte
Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte kackte.
Egon Bondy
(* 20. Januar 1930 in Prag; † 9. April 2007 in Bratislava)
Ich las gerade die Nachricht
Ich las gerade die Nachricht vom Prozeß gegen die Hochverräter
als du mich besuchen kamst
Nach einer Weile zogst du dich aus
und als ich mich zu dir legte
warst du wie immer angenehm
Als du wieder fort warst
las ich sie zu Ende, die Nachricht
von ihrer Hinrichtung
[1950]
Übersetzt von Bettina Kaibach
Aus: Höhlen tief im Wörterbuch. Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte. Ausgewählt u. kommentiert von Urs Heftrich und Michael Špirit. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 130
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