Georg Weerth
(* 17. Februar 1822 in Detmold; † 30. Juli 1856 in Havanna, Kuba)
Das Hungerlied
Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.
Und am Mittwoch mußten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!
Drum laß am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich –
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!
Entstanden vor 1845/46. Erstdruck in: Bruno Kaiser (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Ein Lesebuch für unsere Zeit. Weimar: Thüringer Volksverlag 1952, S. 331f.
Aus: Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 1, Berlin: Aufbau, 1956, S. 193f
Klabund
(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos; eigentlich Alfred Georg Hermann Henschke)
Deutsches Volkslied
Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Daß ich so traurig bin.
Und Friede, Friede überall,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Kaiser Rotbart im Kyffhäuser saß
An der Wand entlang, an der Wand.
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Bist du, mein Bayernland!
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Ich rate dir gut, mein Sohn!
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Roßbachbataillon.
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein,
Von der Wiege bis zur Bahr‘!
Mariechen saß auf einem Stein,
Sie kämmte ihr goldenes Haar.
Sie kämmt’s mit goldnem Kamme,
Wie Zieten aus dem Busch.
Sonne, du klagende Flamme:
Husch! Husch!
Der liebe Gott geht durch den Wald,
Von der Etsch bis an den Belt,
Daß lustig es zum Himmel schallt:
Fahr‘ wohl, du schöne Welt!
Der schnellste Reiter ist der Tod,
Mit Juppheidi und Juppheida.
Stolz weht die Flagge schwarzweißrot.
Hurra, Germania!
Aus: Klabund, Die Harfenjule. Berlin: Die Schmiede, [1927], S. 3f
Elke Erb
Reim dich, oder ich freß dich
Der Zug ist in den Bahnhof eingefahren.
Das leergetrunkene Glas steht auf dem Tisch.
Den Schutzgöttern gedankt, den römischen Laren!
(Ihr Name, der gesuchte, ist gefunden.)
Den Alten hat man rehabilitiert.
Die Schuldigen jedoch nicht inhaftiert.
Die wurmstichigen Balken sind ersetzt.
Die Nimmermüden können ausruhn jetzt.
Die Wunde ist bestrichen und verbunden.
Was haben wir zum Mittagessen? Fisch.
4.8.1976
Aus: Elke Erb: Gedichtverdacht. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips. Berlin, Wuischke u. Schupfart: roughbook 048, 2019, S. 5
Aus der agadischen Dichtung, „meist in vulgär-aramäischer Sprache verfassten Dichtungen“, „die kolossalen jüdisch-nationalen Schriften der Talmude und Midraschim aus der Zeit von 200 v. Chr. bis 800 n. Chr.“. „Sie heisst Hagada, Agada (Gesagtes), weil sie von dem, der sie verkündet, nicht brauchte recipirt, gehört worden zu sein, es genügte, dass sie gesagt wurde.“
DER WELTBÜRGER
Als Gott den Menschen schuf aus Erdenstaub,
Da nahm er Staub von allen Erdenenden,
Aus Ost und West und Süd und Nord zugleich,
Auf dass der Erdensohn allüberall,
Wohin er kommen mag, zu Hause sei;
Auf dass die Erde nicht im Westen spreche,
Wenn sterbend sich ein Erdensohn aus Osten
In ihrem Mutterschoose betten möchte:
„Ich nehme dich nicht auf, du Sohn des Ostens!
Du bist aus meinem Schoose nicht genommen.“ —
Wohin des Menschen Fuss ihn tragen mag,
Wo immer seine Stunde kommt zu scheiden,
Da findet er allüberall die Mutter,
Da ruft allüberall dieselbe Stimme:
„O komm, mein Kind, in meinen Schoos zurück.“
A.M. Tendlau.
Aus: Polyglotte der orientalischen Poesie. Der poetische Orient, enthaltend die vorzüglichsten Dichtungen der Afghanen, Araber, Armenier, Chinesen, Hebräer (Althebräer, Agadisten, Neuhebräer), Javanesen, Inder, Kalmücken, Kurden, Madagassen, Malayen, Mongolen, Perser, Syrer, Tartaren, Tscherkessen, Türken, Yeziden etc. In metrischen Übersetzungen deutscher Dichter. Mit Einleitungen und Anmerkungen von Dr. H. Jolowicz. 2. veränd. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1856, S. 287
Else Lasker-Schüler

(Gedichte 1906-1913)
Heute vor 150 Jahren wurde Else Lasker-Schüler geboren.
(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)
GEBET
Meinem teuren Halbbruder, dem blauen Reiter
Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinem Stern als Siegel.
Und wandle immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.
O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.
Bertolt Brecht
(* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)
Orges Wunschliste
Von den Freuden, die nicht abgewogenen.
Von den Häuten, die nicht abgezogenen.
Von den Geschichten, die unverständlichen.
Von den Ratschlägen, die unverwendlichen.
Von den Mädchen, die neuen.
Von den Weibern, die ungetreuen.
Von den Orgasmen, die ungleichzeitigen.
Von den Feindschaften, die beiderseitigen.
Von den Aufenthalten, die vergänglichen.
Von den Abschieden, die unterschwänglichen.
Von den Künsten, die unverwertlichen.
Von den Lehrern, die beerdlichen.
Von den Genüssen, die aussprechlichen.
Von den Zielen, die nebensächlichen.
Von den Feinden, die empfindlichen.
Von den Freunden, die kindlichen.
Von den Farben, die rote.
Von den Botschaften, der Bote.
Von den Elementen, das Feuer.
Von den Göttern, das Ungeheuer.
Von den Untergehenden, die Lober.
Von den Jahreszeiten, der Oktober.
Von den Leben, die hellen.
Von den Toden, die schnellen.
(1956)
Amy Lowell
(* 9. Februar 1874 in Brookline, Massachusetts; † 12. Mai 1925 ebenda)
Shore Grass
The moon is cold over the sand-dunes,
And the clumps of sea-grasses flow and glitter;
The thin chime of my watch tells the quarter after midnight;
And still I hear nothing
But the windy beating of the sea.
Strandgras
Kalt ist der Mond über den Sanddünen
Und die Gräserbüschel am Meer gleiten und glitzern;
Meine Uhr schlägt dünn die Viertelstunde nach Mitternacht;
Und noch höre ich nichts
Als das Windklatschen des Meeres.
Aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Hrsg., übertragen u. m.e. Nachwort v. Jürgen Brôcan. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006, S. 162f
Heinz Czechowski
(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)
1961
An der Elbe
Sanft gehen wie Tiere die Berge neben dem Fluß.
Nur zu ahnen die Brücke, doch eben noch da.
Und von den Wiesen mischt sich ein Duft
mit dem Geruch dumpfen Wassers. Wir sind ganz nah.
Und Geräusche sind wenig: das Gurgeln des Wassers,
ganz leis nur in Blättern und Gräsern ein Wind.
Kein Mensch sonst. Nur wir. Und die große Stille
geht in uns ein – nur wir Liebende sind.
Hier sind wir zu Haus. Und der Himmel ist hoch.
Und die Nacht läßt die Sterne des Sommers drin reifen.
Ganz nah dein Gesicht. Und dann spüre ich noch,
wie die kleinen Wolken die Pappeln fast streifen.
Und wie ein Glücklichsein in uns sich vermählt
mit der großen Schönheit der Welt.
(Bekanntschaft mit uns selbst. Gedichte junger Menschen, Halle 1961, S.57)
1982
Sanft wie Tiere gehen die Berge neben dem Fluß
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(Heinz Czechowski: »Ich, beispielsweise« hg. v. Christel u. Walfried Hartinger, Leipzig: Reclam, 1982, S. 5)
Ernst Wilhelm Lotz
(* 6. Februar 1890 Culm an der Weichsel, Westpreußen; † 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich)
O Nacht!
Nacht! Du sollst mit deinen dunkelbraunen Haaren
Mich zudecken, mich bewahren
Vor der herzlosen Sonnengöttin mit den Lichthaaren.
Sie hat mich verzaubert mit Zaubersprüchen,
Mit Sonnenstrahlen=Flüchen,
Daß ich außen wie Gold glänze und scheine
Und anderes sage, als ich meine,
Daß ich wie schönes Wetter auf die Fluren strahle
Und grün=goldene Bilder male,
Da ich der Sorgen gelacht
Und hohngelacht den Finsternissen, –
Und doch ist mir meine Seele zerrissen
Bei jedem Sonnenliede! –
O Sterne der Nacht!
O dunkler Friede!
Aus: Ernst Wilhelm Lotz: Gedichte, Prosa, Briefe. Hrsg. Jürgen von Esenwein. München: edition text + kritik, 1993
„Lotz hat auch Gedichte von Verlaine sowie Rimbauds „Bateau ivre“ (Das trunk‘ne Schiff) übertragen. Eine Ausgabe seines Gesamtwerks liegt noch immer nicht vor.“ (mehr)
Henriette Hardenberg
(* 5. Februar 1894 in Berlin; † 26. Oktober 1993 in London)
Sterben
Noch in bleichem Hoffen,
Wie ein Licht, das flackert,
Um den Docht des Lebens,
Fällt empfindlich sichtbar,
Sachte bröckelnd,
Das Gerüst des Menschen,
Rasch zersplittert.
Draußen dröhnt die Stadt
Ihren Arbeitstag.
aus: Henriette Hardenberg: Südliches Herz. Nachgelassene Dichtungen. Zürich: Arche, 1994, S. 58
Volkslieder der Kurden
II. Liebeslied
Es ist dein Wuchs dem Alef* gleich,
Die Brust an schwarzen Flecken** reich,
Wohl an dreihundert zähl’ ich!
Es soll die Brust mein Heil’genschrein,
Soll Kirche mir und Kloster sein,
Kein andres Bethaus*** wähl’ ich!
Mag Erzerum zu Grunde geh’n,
Darf ich zu deinem Munde geh’n,
So bin ich überselig!
Deutsch von Friedrich Bodenstedt
* Alef, der Anfangsbuchstabe des arabischen Alphabets, wird häufig von den Dichtern des Morgenlandes gebraucht, um den schlanken Wuchs eines Mädchens zu bezeichnen.
** Schwarze Flecke gelten als eine Hauptzierde der Frauen im Orient. Diejenigen, welche von der Natur nicht mit dieser Zierde bedacht sind, suchen auf künstliche Weise solche Schönheitsflecke zu erzeugen, indem sie Stirn, Wangen, Kinn, Hals und Brust mit Nadeln durchstechen, und dann eine dunkle Tinktur hineintröpfeln.
*** Bekanntlich beten die Kurden, welche großentheils zu den Yesiden oder Teufelsverehrern gehören, gar nicht zu Gott, nach dem Grundsatze, der gute Geist werde ihnen ohnehin nichts zu Leide thun.
Aus: Jolowicz, Heimann [Hrsg.]: Der poetische Orient enthaltend die vorzüglichsten Dichtungen der Afghanen, Araber, Armenier, Chinesen, Hebräer (Althebräer, Agadisten, Neuhebräer), Javanesen, Inder, Kalmücken, Kurden, Madagassen, Malayen, Mongolen, Perser, Syrer, Tartaren, Tscherkessen, Türken, Yeziden etc. In metrischen Übersetzungen deutscher Dichter mit Einleitungen und Anmerkungen von Dr. H(eimann) Jolowicz. 2. veränd. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1856, S. 627
Gertrude Stein
(* 3. Februar 1874 in Allegheny, heute Pittsburgh, Pennsylvania; † 27. Juli 1946 in Neuilly-sur-Seine)
Call It A Table
Do not dispute me.
Oh no.
Do you call it a table.
sog a disch
sog ned i hob ned recht.
owa na.
soxt oiso des is a disch.
Ernst Jandl
Nenn Es Tisch
Streit mit mir nicht.
Oh nein.
Nennst es Tisch.
Erica & Raymond Federman
Ist eın Tisch
Nix da.
Du verstehn!
Sagst du Tisch dazu.
Jennifer Poehler
Rufname Tisch
Widersprich mir nicht.
Gib keine Widerworte.
Sag einfach Tisch
zu dieser Sahnetorte.
Norbert Hummelt
Aus: Gertrude Stein: Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Zürich: Arche, 1993, S. 36-38
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