John Clare
(* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864 Northampton General Lunatic Asylum, Northampton, England)
IN EINSAMKEIT IST ZAUBER, der entzückt,
Ist Fühlen, das die Welt nicht kennt noch mißt,
Ist grüne Lust, die wunden Geist erquickt,
Wenn das Getös der Welt verklungen ist,
Deren Lust allein im Spott auf Gutes liegt.
Grün-Einsamkeit bringt seinem Kerker Licht;
Der Vogel lacht, die Füchsin scheut ihn nicht;
Er ist der Crusoe seiner abgelegnen Matten,
Wo grüne Eichen ihm die Mittagsrast beschatten.
THERE IS A CHARM in Solitude that cheers
A feeling that the world knows nothing of
A green delight the wounded mind endears
After the hustling world is broken off
Whose whole delight was crime at good to scoff
Green solitude his prison pleasure yields
The bitch fox heeds him not – birds seem to laugh
He lives the Crusoe of his lonely fields
Which dark green oaks his noontide leisure shields
Deutsch von Manfred Pfister. Aus: Englische und amerikanische Dichtung. Gesamtwerk in 4 Bänden Zweisprachig
München: C.H. Beck, 2000. Rund 2700 S.: In Kassette ISBN 978-3-406-46464-5
Herausgegeben von Werner von Koppenfels, in Verbindung mit Eva Hesse, Heinz Ickstadt, Friedhelm Kemp, Horst Meller, Manfred Pfister und Klaus Reichert. Band 2: Englische Dichtung: Von Dryden bis Tennyson, S. 363-365 (978-3-406-46458-4)
Lesetipp: John Clare: Reise aus Essex und andere Selbstzeugnisse, übersetzt von Esther Kinsky. Matthes und Seitz, Berlin 2017
Stefan George
(* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno)
„Die Fibel“ nannte Stefan George die Auswahl „“erster Verse“, die 1901 als erster Band einer Gesamtausgabe erschienen. Er gab den Gedichten ein Vorwort mit:
Einem verfasser der schon ein leben hinter sich hat bereitet es nur getrübte freude seine frühen schöpfungen der mitwelt zu übergeben. Denn seine freunde und verehrer die den druck betreibend auf eine schöne offenbarung warteten werden vielleicht mit einer enttäuschung belohnt: sie werden das für die zukunft bedeutsame – sofern es nicht aus persönlichen gründen oder als zu unfertig ausgeschieden ist – gar oft verhüllt und verflüchtigt vorfinden und sie bedenken zu wenig dass die jugend gerade die seltensten dinge die sie fühlt und denkt noch verschweigt. Wir die dichter aber erkennen uns in diesen zarten erstlingen wieder und möchten sie unter unsre besondere obhut nehmen .. wir sehen in ihnen die ungestalten puppen aus denen später die falter leuchtender gesänge fliegen und lassen uns gern durch sie erinnern an die zeit unsrer reinsten begeisterung und unsrer vollen blühwilligkeit.
Wechsel
Ich sah sie zum erstenmal … sie gefiel mir nicht:
Es ist an ihr nichts schönes
Als ihre schwarzen schwarzen haare.
Mein mund berührte sie flüchtig eines tags
Und sehr gefielen mir ihre haare
Und auch ihre hand…
Es ist an ihr nichts schönes
Als ihre haare – ja – und ihre feine hand.
Ich drückte sie etwas wärmer eines tags
Und sehr gefiel mir ihre hand
Und auch ihr mund.
Heute ist nichts mehr an ihr
Was mir nicht sehr gefiele
Was ich nicht glühend anbetete.
Stefan George: Die Fibel. Auswahl erster Verse. Düsseldorf und München: Helmut Küpper vormals Georg Bondi, 1969, S. 100

Màrius Torres
Rose Als sagtest du mir, während die Luft dich entblättert: »Sterben ist so leicht!« Und alles in mir wirft ein: »So leicht für eine Rose!« Rosa Com si em diguessis mentre t'esfulla l'aire: – Morir és tan fàcil! – I tot en mi et contesta: – Tan fàcil a una rosa! –
Mit freundlicher Genehmigung aus: Màrius Torres: Poesies / Gedichte. katalanisch / deutsch. Ausgerwählt und übertragen von Àxel Sanjosé. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 46f
Slata Roschal
Fingergedicht
Drei Finger heben
Mit zweien bekreuzen
Den dritten stehen lassen
Der vierte wird beringt beschriftet
Der fünfte weint und will ins Bett
Und vorher noch ins feuchte Warme
Gehört der Finger in den Mund
Im Leben so viel Wasser eingesaugt
Und trotzdem seltenes Erstaunen
Wenn deine Finger schwarze Nägel
In meine Fingerkuppen bohren
Mit freundlicher Genehmigung aus: Slata Roschal, Wir verzichten auf das gelobte Land. Gedichte. Leipzig: Reinecke & Voß, 2019, S. 45
Ein frühes Beispiel aus der japanischen Lyrik. Prinz Ariwara no Narihira (825-880) war einer der sechs „göttlichen Dichter“ oder auch „Dichterweisen“ des 9. Jahrhunderts.
An die Austernfischer Ihr Hauptstadtvögel, Seid wert Ihr Eures Namens, Wohlan, so laßt mich Eins fragen: Die Ersehnte, Lebt sie? Ist sie gestorben?
Aus dem Ise-monogatari.
Anm. des Übersetzers: Miyako-dori, „Hauptstadtvögel“, Haemotopus, eine Strandläuferart.
Anm. M.G.: Austernfischer ist hier nicht ein Beruf, sondern ein anderer Name für den Vogel, der auch an der Nordsee vorkommt.

Aus: Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Originalen übertr. v. Dr. Julius Kurth. München u. Leipzig: R. Piper, 1909 – (Die Fruchtschale 17. Band), S. 30
Aus: Kokinshū. A Collection of Poems Ancient and Modern. Translated and annotated by Laurel Rasplica Rodd with Mary Catherine Henkenius. Princeton: University of Tokyo Press / Princeton University Press, 1984, # 411
411. When Narihira came to the banks of the Sumida River, which runs between Musashi Province and Shimōsa Province, he and his companions dismounted for a time, thinking longingly of the capital. „How endless the road I have come!“ they thought as they gazed across the river. The ferryman urged his party to come aboard quickly for night was near, and when all were aboard and about to cross the river, there was not one who did not long for someone left in the capital. Just then they saw a white bird with a red bill and red legs splashing about at the river’s edge. It was not a bird that was ever seen in the capital and so no one could identify it. When they asked the ferryman, he replied, „Why, it’s a capital bird!“ Narihira recited this poem.
na ni shi owaba iza koto towan miyakodori waga omou hito wa ari ya nashi ya
Ariwara no Narihira
oh capital bird if you are true to your name you will know tell me if the one whom I love is still in this world of partings
(…) The capital bird (miyakodori) is believed to be the modern yurikamome, a small gull with red bill and legs.
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Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
Die Lagerfeuer an der Küste, Mai 1914
Die Lagerfeuer an der Küste rauchen.
Ich muß mich niederwerfen tief in Not.
Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen.
Du bist mir nahe, Bruder, Tod.
Verworren zuckt Europa noch im Winde
Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer;
Durch die ungeheure Angst bricht her
Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde.
Es starb mein Pferd heut nacht in meiner Hand.
Wie hast Du mich verlassen, Kreatur!
Aus dem Kadaver steigt das fremde Land
hinauf zu einer andern Sonnenuhr.
Aus: Walter Hasenclever: Tod und Auferstehung. Neue Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff, 1917, S. 8
Johannes R. Becher
ER IST GESCHIEDEN, WIE ER LEBTE: STRENG,
Und diese Größe einte uns: die Strenge.
Uns beiden war vormals die Welt zu eng.
Wir blieben beide einsam im Gedränge.
Unwürdig wär ein: nihil nisi bene.
Der Juli summt ein Lied dir: „Muß i denn…”
Mein Vers weint eine harte, strenge Träne,
Denn er nahm Abschied von uns: Gottfried Benn.
Aus: Johannes R. Becher: Gedichte 1949-1958 (Gesammelte Werke Bd. 6). Berlin u. Weimar: Aufbau, 1973, S. 495
Gottfried Benn (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin-West)
Johannes R. Becher (* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Berlin-Ost)
Der italienische Dichter Ariost dichtet in seinem berühmten „Rasenden Roland“ von einem „holden Thal“ in Arabien, lieblich bewachsen mit Buchen und Tannen (obwohl: für hold-lieblich sah man wenig Licht und viel Graus), darin seltsame Gesellen leben: Schlaf, Müßiggang, Faulheit, Vergessenheit und Schweigen. Ein unschlagbares Team!
LUDOVICO ARIOSTO
(deutsch Ariost; * 8. September 1474 in Reggio nell’Emilia; † 6. Juli 1533 in Ferrara)
VERBORGEN lieget in Arabiens Gauen,
Von Stadt und Dorf entfernt, ein holdes Thal,
Das hohe Berge rechts und links umbauen,
Voll alter Tannen, Buchen ohne Zahl.
Vergeblich strebt der Tag hinein zu schauen;
Nie dringt dahin der Sonne heller Strahl,
Weil dichte Zweig‘ ihm jeden Weg verspünden:
Dort sieht man eine Höhle weit sich münden.
Es öffnet sich in schwarzer Waldung Grausen
Ein weiter Schlund, der tief in Felsen drang,
Um deren Stirn der Epheu seine krausen
Verflochtnen Ranken vielgewunden schlang.
Hier pflegt in Ruh der schwere Schlaf zu hausen;
Rechts sitzt der dicke, fette Müssiggang,
Die Faulheit links, in ungestörter Musse;
Sie kann nicht gehn und ist nicht wohl zu Fusse.
Den Eingang wehret die gedächtnisschwache
Vergessenheit, die Keinen je erkannt.
Nie hört sie, nie bestellt sie eine Sache,
Und Jeden jagt sie von der Höhle Rand.
Das Schweigen geht umher und hält die Wache;
Filzschuhe trägt es und ein braun Gewand,
Und winket allen, die es wahrgenommen,
Ab mit der Hand, dass sie nicht näher kommen.
Deutsch von Johann Diederich Gries (1775-1842), aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 137/139
[IV, 92]
Giace in Arabia vna valletta amena
Lontana da cittadi e da villaggi,
Ch’ali’ ombra di duo monti e tutta piena
D’antiqui Abeti, e di robuſti Faggi,
Il Sole indarno il chiaro di vi mena
Che non vi può mai penetrar co i raggi,
Si glie la via da ſolti rami tronca
E quiui entra ſotterra vna ſpelonca.
[93]
Sotto la negra ſelua vna capace
E ſpatiofa grotta entra nel ſaſſo,
Di cui la ſronte l’Hedera ſeguace
Tutta aggirando va con ſtorto paſſo,
In queſto albergo il graue Sonno giace
L’Otio da vn cato corpulento e graſſo
Da l’altro la Pigritia in terra ſiede
Ch nò può ádare, e mal reggerti 1 piede.
[94]
Lo ſmemorato Oblio ſta ſu la porta
Non laſcia entrar, ne riconoſce alcuno,
Non aſcolta imbaſciata ne riporta
E parimente tien cacciato ognuno,
Il Silentio va intorno, e fa la ſcorta,
Ha le ſcarpe di feltro, e’l mantel bruno,
Et a quanti n’ incontra, di lontano
Che no debban venir cenna co mano.
Carl Einstein
(* 26. April 1885 in Neuwied; † 5. Juli 1940 bei Pau in Frankreich nahe der spanischen Grenze)
Heimkehr
Krieche der Erde.
Krümm dich der Wolke.
Willst du das, Mann?
In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt.
Endloser Wanderer, allein.
Tod läuft dich an,
Streut in rauchige Asche
Aufriß und Ruhm.
Junges leuchtet geehrt.
Jetzt nur Flecken, ein Wisch.
Dies alles.
Schwankst
Und streifst kaum
Gras, das die Hüfte umgrünt.
Keuche zum Himmel.
Knochen, Feigen und Sklaven
Hungert es uns.
Seele verloren, läßt es den Leichnam dir taumeln.
Deinen Schatten schreckt staubiger Abend.
Anderer Muscheln,
verschmäht und zergart,
frißt er.
Schämen zerbricht dich.
Ihnen ermattet
wirst du des Knaben Erde verspüren.
Niemand grüßt.
Niemand ein Wort.
Nie ruft den Namen
Die Stimme des Menschen.
Würge dir ein
Hungers Wege.
Aufwärts! da oben
klingende Türe.
VERHUNGERT.
Himmel grüßt zart,
Bietet dir Kommen und Schluß.
Aus: Die Aktion 9/10 (1917) Sp. 117f.
Karl Woermann
(* 4. Juli 1844 in Hamburg; † 4. Februar 1933 in Dresden)
Aus: Ruisdael
Teil IV:
1882.
Ein Bild von Ruisdael! „Fünfzehntausend Mark!“
Wer bietet mehr? „“Ich biete zwanzigtausend.
Es ist ein Prachtbild, Eichen, hoch und stark,
Beschatten einen Bergstrom, wild und brausend.““
„Was zwanzigtausend! Seht des Himmels Zelt,
Hier hellblau, hier von Wolken grau umwittert.
Seht, wie in diesem Stück begrenzter Welt
Des großen Weltgeists ew’ger Odem zittert.“
Wer bietet mehr? Die Kenner rings im Kreis,
Mit glühnden Blicken sitzen sie und bieten.
Jetzt: „Fünfzigtausend!“ Dieses ist der Preis
Fürs Bild des armen toten Mennoniten.
Der Händler lächelt: „Wer hat die Natur
Wie er gesehn, wie er gemalt den Norden?
Hätt‘ ich die Hälfte seiner Bilder nur,
Ich wäre lange Millionär geworden.“
Die Hälfte nur! Mit allen, ach, erwarb
Er selbst nicht einmal seines Grabes Klause;
Die zahlten milde Seelen. Der er starb,
Ach! Jakob Ruisdael starb im Armenhause.

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1896], S. 1051
Edward Young
Wie arm, wie reich, wie gering, wie herrlich, wie künstlich zusammengewebt, wie wunderbar ist der Mensch! Und wie weit ist Derjenige über alle Verwunderung erhaben, der ihn so machte! der in unserm Wesen solche fremde und ferne Gränzen in einem Mittelpunkte vereinigte! Eine erstaunliche Vermischung verschiedener Naturen! Eine vortreffliche Verbindung entfernter Welten! Ein vorzügliches Glied in der unendlichen Kette der Dinge! Der halbe Weg vom Nichts zur Gottheit! Ein himmlischer Stral, verunreinigt und verschlungen! obgleich verunreinigt und entweiht, doch immer noch göttlich! Ein dunkles Bild im Kleinen von der vollkommensten Größe! Ein Erbe der Herrlichkeit! Ein schwaches Kind des Staubes! Ein hülfloser Unsterblicher! Ein unendliches Insekt! Ein Wurm! Ein Gott! – Ich zittre vor mir selbst, ich verliere mich in mir selbst! (…)

Youngs Nachtgedanken wirkten enorm auf Goethe und Zeitgenossen. Youngs Blankverse (fünfhebige Jamben, jambischer Pentameter) wurden in deutsche Hexameter und sogar in so unpassende wie anachronistische Alexandriner übersetzt. Johann Arnold Ebert gab den Originaltext mit danebenstehender Prosaübersetzung. Auch ein Pionier der Übersetzungspraxis.
How poor, how rich, how abject, how august,
How complicate, how wonderful is man!
How passing wonder He who made him such!
Who centred in our make such strange extremes!
From different natures marvellously mix’d,
Connexion exquisite of distant worlds!
Distinguish’d link in being’s endless chain!
Midway from nothing to the Deity!
A beam ethereal, sullied and absorb’d!
Though sullied and dishonour’d, still divine!
Dim miniature of greatness absolute!
An heir of glory! a frail child of dust!
Helpless immortal! insect infinite!
A worm! a god! — I tremble at myself,
And in myself am lost! (…)
Aus: Dr. Eduard Young’s Klagen, oder Nachtgedanken über Leben, Tod, und Unsterblichkeit : in neun Nächten. Autor / Hrsg.: Young, Edward ; Ebert, Johann Arnold. 1. Band, 1. Nacht. Braunschweig: Schröder, 1760, S. 19-23 (Mehr)
Englischer Text The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death & Immortality. Night I. On life, death, and immortality. https://www.eighteenthcenturypoetry.org/works/ayo19-w0010.shtml
Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg)
Die Sommernacht
(1766)
(Klopstock wußte, dass griechische Versfüße im Deutschen nicht funktionieren, und schuf seine Wortfüße)

Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab
In die Wälder sich ergießt, und Gerüche
Mit den Düften von der Linde
In den Kühlungen wehn;
So umschatten mich Gedanken an das Grab
Der Geliebten, und ich seh in dem Walde
Nur es dämmern, und es weht mir
Von der Blüthe nicht her.
Ich genoß einst, o ihr Todten, es mit euch!
Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung,
Wie verschönt warst von dem Monde,
Du o schöne Natur!
Giacomo Leopardi
(* 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel)
Scherz
Als ich, ein Knabe noch,
die Musen bat, dem Lehrling beizustehen,
da nahm mich ihrer eine bei der Hand,
und während mancher Stunde
macht ich mit ihr die Runde,
die Werkstatt anzusehen.
Sie wies mir den Bestand
zuerst des Kunstgerätes,
die wechselnde Verrichtung
sodann, wo sich ein jedes
zur Arbeit nützlich fand
an Prosa und an Dichtung.
Ich sah mich um und fragte:
„Wo ist die Feile denn?“ Die Muse sagte:
„Sie taugt nicht mehr; wir lassen sie beiseit.“
Und ich: „So mögt ihr sie
nicht wieder schärfen, wenn sie stumpf geworden?“
Sie sprach: „Das müssen wir, doch fehlt die Zeit.“
Deutsch von Hanno Helbling, aus: Giacomo Leopardi: Ich bin ein Seher. Gedichte. Kleine moralische Werke. Zibaldone. Leipzig: Reclam, 1991, S. 123
Scherzo
Quando fanciullo io venni
A pormi con le Muse in disciplina,
L’una di quelle mi pigliò per mano;
E poi tutto quel giorno
La mi condusse intorno
A veder l’officina.
Mostrommi a parte a parte
Gli strumenti dell’arte,
E i servigi diversi
A che ciascun di loro
S’adopra nel lavoro
Delle prose e de’ versi.
Io mirava, e chiedea:
Musa, la lima ov’è? Disse la Dea:
La lima è consumata; or facciam senza.
Ed io, ma di rifarla
Non vi cal, soggiungea, quand’ella è stanca?
Rispose: hassi a rifar, ma il tempo manca.
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