POETISCH DENKEN (DIGEST)

Hannes Bajohr

POETISCH DENKEN (DIGEST)

hört ihr das
so höhnen honigprotokolle

ab und zu
in der ferne

la la la
tch tch tch

ich ging hinaus
in der zeit

[Die je zwei häufigsten 3-Gramme aus den in Christian Metz‘ Buch »Poetisch Denken« erwähnten Lyrikpublikationen Monika Rincks, Jan Wagners, Ann Cottens und Steffen Popps mit CasualConc 1.9.7 nach der Häufigkeit ihres Auftretens geordnet; nacheinander ausgegeben (1. Strophe: Rinck; 2. Strophe: Wagner; 3. Strophe: Cotten; 4. Strophe: Popp).J

Aus: Krachkultur 20/ 2019, S. 69

Zwei Minuten

Ibn Hazm

(* 7. November 994; † 15. August 1064)

Ibn Hazm (Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī / أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي) war ein arabischer Universalgelehrter und Dichter aus Córdoba, Al-Andalus.

ICH KÜSSTE EINMAL

Mich frug ein Freund, wie viele Lebensjahre
Bereits auf meinen Schultern ruhten.
Ich sprach: „Im höchsten Falle zwei Minuten.“
Er wies bestürzt auf meine weißen Haare.

Da sagte ich: „Wir müssen klar erkennen,
Wie sich verteilt des Lebens Wert und Maß.
Ich küßte einmal so, daß ich es nie vergaß.
Den Rest der Erdenzeit kann ich nicht Leben nennen.“

Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg/Br.: Klemm, 1955, S. 108

„Drum sei auch der Grundstein ausgehauen“

Karel Hynek Mácha

(* 16. November 1810 in Prag; † 6. November 1836 in Leitmeritz)

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle

Hadert nicht, daß ich am Bau euch rüttle,
der in kurzer Zeit von selbst zerfiele;
denn wenn Ratten an dem Sockel nagen,
wird nicht bald das Haus im Winde schwanken?
Wenn sich losgelöst die Giebelplanken,
werden Mauern lang das Dach noch tragen?
Soll sich dann ein neues Haus erheben,
ist es ratsam, daß man’s wieder duldet
auf demselben alten Grundstein eben,
der den Fall des vorigen verschuldet?
Drum sei auch der Grundstein ausgehauen,
neuen Sockel legt in gute Erde,
um darauf das neue Haus zu bauen,
dessen Dach euch vor der Glut Beschwerde
wird beschützen und vor Sturmeswinden.
Sollte mir, bevor das Haus geschaffen,
meines Geistes Wachsamkeit erschlaffen
(Schläfrigkeit ist schwer zu überwinden),
möge an des toten Meisters Stelle
ein Geselle sich ins Mittel legen,
daß er auf den vorgezeigten Wegen
arbeitsam den neuen Bau erstelle.

Übersetzt von Otto F. Babler

Aus: Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. Ausgewählt und kommentiert von Ludvík Kundera und Eduard Schreiber. München: DVA, 2006, S. 176

Niemand hört mir zu

Michail Lermontow

(Михаи́л Ю́рьевич Ле́рмонтов; * 3. Oktober jul./ 15. Oktober 1814 greg., Moskau; † 15. Juli jul./ 27. Juli 1841 greg. im Duell in Pjatigorsk)

ICH REDE, NIEMAND HÖRT MIR ZU

Ich rede, niemand hört mir zu … ich bin allein.
Der Tag versinkt … gefärbt in dunkelrote Streifen,
Die Wolken ziehen westwärts, Feuerschein
Fällt laut aus dem Kamin. – Die Zukunftsträume reifen,
Erfüllen mich … und alles was mal war
Zieht jetzt an mir vorbei in gleichförmiger Schar,
In der mein wirrer Blick vergeblich sucht zu greifen
Wenigstens einen Tag, der hoffnungsvoll und klar!

Wahrscheinlich 1835/36 in St. Petersburg geschrieben

Deutsch von Karl Dedecius, aus: Karl Dedecius, Mein Rußland in Gedichten. München: dtv, 2003, S. 61

Никто моим словам не внемлет… я один.
День гаснет… красными рисуясь полосами,
На запад уклонились тучи и камин
Трещит передо мной. — Я полон весь мечтами,
О будущем… и дни мои толпой
Однообразною проходят предо мной,
И тщетно я ищу смущенными очами
Меж них хоть день один, отмеченный судьбой!

Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Michail Lermontow (1814-1841)

Strophen

Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,
Der durch Nebel leise schimmernd bricht;
Seh die Leere still mit Gott verkehren
Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte
Erde in der Himmel Herrlichkeit…
Ach, warum ist mir so schwer zumute?
Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Nichts hab ich vom Leben zu verlangen
Und Vergangenes bereu ich nicht:
Freiheit soll und Friede mich umfangen
Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.
Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,
Dass ich alle Kräfte in mir habe
Und in ruhiger Brust des Atems Gang.

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne
Stimme sänge, die aus Liebe steigt,
Und ich wüsste, wie die immergrüne
Eiche flüstert, düster hergeneigt.

(aus dem Russischen von Rainer Maria Rilke)


Wandr’ ich in der stillen Nacht alleine,
Durch den Nebel blitzt der Steinweg fern —
Redet Stern zum Stern im hellen Scheine,
Und die Wildniß lauscht dem Wort des Herrn.

Golden schimmernd, hinterm Felsenhange,
Dehnt des Himmels Blau sich endlos weit —
Was ist mir die Brust so schwer, so bange?
Hoff’ ich Etwas — thut mir Etwas leid?

Nein! mich lockt nicht mehr der Hoffnung Schimmer,
Und Vergangenes thut mir nicht leid —
Doch ich möchte schlafen gehn auf immer,
Freiheit such’ ich und Vergessenheit!

Aber nicht den kalten Schlaf der Truhe,
Nicht die Freiheit, die uns todt begräbt;
Ruhe möcht’ ich — doch lebend’ge Ruhe,
Drin noch athmend meine Brust sich hebt.

Unter immergrüner Eichen Fächeln
Möcht’ ich ruhen all mein Leben lang —
Vor mir schöner Augen Liebeslächeln,
Und in Schlaf gelullt von Liebessang.

Deutsch von Friedrich von Bodenstedt (1819-1892)


М.Ю. Лермонтов

I.

Выхожу один я на дорогу
Сквозь туман кремнистый путь блестит;
Ночь тиха. Пустыня внемлет Богу,
И звезда с звездою говорит.

II.

В небесах торжественно и чудно!
Спит земля в сиянье голубом…
Что же мне так больно и так трудно?
Жду ль чего? жалею ли о чём?

III.

Уж не жду от жизни ничего я,
И не жаль мне прошлого ничуть;
Я ищу свободы и покоя!
Я б хотел забыться и заснуть!

IV.

Но не тем холодным сном могилы…
Я б желал навеки так заснуть,
Чтоб в груди дремали жизни силы,
Чтоб, дыша, вздымалась тихо грудь;

V.

Чтоб всю ночь, весь день мой слух лелея,
Про любовь мне сладкий голос пел,
Надо мной чтоб, вечно зеленея,
Тёмный дуб склонялся и шумел.

1841г.

Hier gibt es eine andere Übersetzung (Eric Boerner)

Weitere mir zugängliche Fassungen:

  • Gedichte / Im Versmass des Originals von Friedrich Fiedler (Reclam 1893)
  • Rudolf Pollach, in Kay Borowsky: Fünfzig russische Gedichte (Reclam 2001)

Farbiger Herbst

Georg Trakl

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)

Farbiger Herbst

(1. Fassung von ‘Musik im Mirabell’ Sammlung 1909)

Der Brunnen singt, die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten;
Bedächtig, stille Menschen gehn
Da drunten im abendblauen Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut
Ein Vogelflug streift in die Weiten
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster,
In dunklen Feuern glüht der Raum,
Darin die Schatten, wie Gespenster.

Opaliger Dunst webt über das Gras,
Eine Wolke von welken, gebleichten Düften,
Im Brunnen leuchtet wie ein grünes Glas
Die Mondessichel in frierenden Lüften.

Georg Trakl: Das dichterische Werk. München: dtv, 1987 (71.-79. Tsd.), S. 142f

Abweichungen in der 2. Fassung in „Gedichte“ 1913:

Titel: Musik im Mirabell

Strophennr./Zeilennr.
1/ 1 Ein Brunnen singt. Die
1/ 2 zarten.
1/ 3 Bedächtig stille
1/ 4 Am Abend durch den alten G.

2/ 1 ergraut.
2/ 2 Vogelzug … Weiten.

3/ 1 Fenster.
3/ 3 Ein Feuerschein glüht auf im Raum
3/ 4 Und malet trübe Angstgespenster.

  1. Strophe komplett neu:

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe

Georges Schehadé

(* 2. November 1905 in Alexandria; † 17. Januar 1989 in Paris)

Bis auf einen indischen Berg aufgrund seiner Purpurfarbe
Und diesen Bronzegeruch den manchmal die Pferde haben
Lassen die welken Blätter uns kalt
Es gibt Traurigkeiten die nicht die unsrigen sind
Nur mein Herz ist mein Kind
Um zu berühren was wir geliebt
Werden wir ins Haus einer ländlichen Gegend gehen
Und der Engel einer Mauer wird unser Vorfahr sein

Aus Les Poésies, 1952
Übers. Heribert Becker

Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer u. Petr Král. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986 (2. Aufl.), S. 1202

Friedenshoffnung

Georg Philipp Harsdörffer

(* 1. November 1607 in Fischbach / Nürnberg; † 17. September 1658 in Nürnberg)

Friedenshoffnung bey noch schwebender Handlung zu Münster und Oßnabruck

Der Kriegsmann wil ein Schäfer werden

1
Trommel und Pfeiffen / Herpaucken / Trompeten /
Donnerkartaunen und Hagelmusqueten /
eiserne Schlossen / Blitz / Kugel und Keul /
Rauben / Mord / Brennen / und Jammergeheul /
Bluttrieffende Degen /
dollrasende Waffen /
das Puffen und Paffen
der rollenden Wägen /
entweiche nun weit
des guldenen Friedens behäglicher Zeit.

2
Sicherheit baue die dankbaren Felder /
Sicherheit hege die lustigen Wälder /
setze die Baume / vergleiche den Waal /
pflantze die Gärten und pflüge den Thal.
Die Quellen erhellen
vermählet den Auen;
das silberne Tauen /
beblume die Schwellen
an Ceres Altar /
Glück Segen und Wonne bekröne das Jahr.

3
Zieret ihr Lantzen und Pantzer die Posten
Harnisch und Spiese verfaulen und rosten /
Häcker und Wintzer vergessen das Leid /
Hirten und Heerde geniessen der Weid.
An Schiffbaren Flüssen /
erschallen die Flöten /
der Meisterpoeten /
den Frieden zu grüssen.
Ich lasse das Schwert
und führe (nicht Heere) die wollichte Heerd.

4
Ströme / so vormals die Threnen vermehret /
werden mit wehrten Gedichten verehret:
Bober und Elbe / die Donau / der Rhein
schenken für Lieder den niedlichsten Wein.
Die Najaden springen / die Heleconinnen
viel Neues ersinnen /
Sie pflegen zubringen
Ruhm würdige Lehr.
Ich schweige / dir Rumpler zu geben Gehör.

Aus: Georg Philipp Harsdörffer, Der Poetische Trichter. 2. Band. Nürnberg: Endter, 1648, S. 108ff

Hier in der Originalgestalt

Standhafter Stern

John Keats

(* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom)

Bright star, would I were stedfast as thou art—
Not in lone splendour hung aloft the night
And watching, with eternal lids apart,
Like nature’s patient, sleepless Eremite,
The moving waters at their priestlike task
Of pure ablution round earth’s human shores,
Or gazing on the new soft-fallen mask
Of snow upon the mountains and the moors—
No—yet still stedfast, still unchangeable,
Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever—or else swoon to death.

Sonett

O könnt ich gleichen dir, standhafter Stern:
Nicht hohen Lichts geheftet an die Nacht,
Betrachtend aus dem ewigen Auge fern,
Dem Eremiten gleich, der ruhlos wacht,
Bewegter Wasser priesterliches Amt,
Uns zu entsühnen längs der Küsten Kreis,
Vielleicht auch blickend auf der Maske Samt,
Wenn Neuschnee hüllt die Berge in sein Weiß;
O nein, doch standhaft, doch unwandelbar,
Zu fühlen, an der Liebsten Herz gelegt,
Wie lieblich reifend ihrer Brüste Paar
Sich senkt und hebt, vom Atem leis bewegt;
Erwachend nur dies süße Bild zu sehn
Und sonst, wie trüg ichs! klaglos zu vergehn.

Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Ding von Schönheit ist ein Glück auf immer. Gedichte der englischen und schottischen Romantik. Leipzig: Reclam, 1980, S. 435

Sag: stirbt auch die Seele?

Paul Verlaine

(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)

Für diese Verse wird man mich verleumden

Für Charles Vignier

GEBEUGT STAND ICH am Bett: ganz hingegeben
den keuschen Leib, lagst du im Abendschlummer.
Und ich begriff, als läse ich mit stummer
und jäher Klarheit: eitel alles Streben!

O welch ein flüchtig Wunder ist das Leben!
Ein Blumenhauch der Leib – ein krummer
Gedanke, wahnsinndrohend, läßt im Kummer
um dich – schlaf du! – mich wachend beben.

O Elend, dich zu lieben, zart und schmächtig!
Dein Atem geht, wie schon vom Tod verriegelt,
dein Auge scheint zum Sterben schon versiegelt,

dein Mund lacht irre schon und jenseitsträchtig,
noch träumend, daß er meinem sich vermähle!
Wach auf, geschwind, und sag: stirbt auch die Seele?

Deutsch von Hans Krieger, aus: Paul Verlaine: Poèmes. Gedichte. Waakirchen: Oreos, 2005, S. 41

VERS POUR ÊTRE CALOMNIÉ

À Charles Vignier

Ce soir je m’étais penché sur ton sommeil.
Tout ton corps dormait chaste sur l’humble lit,
Et j’ai vu, comme un qui s’applique et qui lit,
Ah ! j’ai vu que tout est vain sous le soleil !

Qu’on vive, ô quelle délicate merveille,
Tant notre appareil est une fleur qui plie !
Ô pensée aboutissant à la folie !
Va, pauvre, dors ! moi, l’effroi pour toi m’éveille.

Ah ! misère de t’aimer, mon frêle amour
Qui vas respirant comme on respire un jour !
Ô regard fermé que la mort fera tel !

Ô bouche qui ris en songe sur ma bouche,
En attendant l’autre rire plus farouche !
Vite, éveille-toi. Dis, l’âme est immortelle ?

Die andere Nacht der ermordeten Dichter

Als Nacht der ermordeten Dichter gilt der 12. August 1952, als auf Befehl Stalins zahlreiche der führenden jiddischen Dichter der Ukraine ermordet wurden, darunter David Bergelsson, David Hofstein, Lejb Kwitko, Perez Markisch und Itzik Fefer. Aber es gibt mindestens eine zweite Nacht, die den traurigen Titel tragen könnte. Am 29. Oktober 1937 wurden zahlreiche weißrussische Intellektuelle erschossen, darunter die Schriftsteller Anatol Wolny, Platon Golovatsch (Galawatsch), Ales Dudar, Michail (Michas) Sarezkij, Wasil Kawal (Kowal), Mosche (Moische) Kulbak, Jurka Ljawonny, Waleri Marakoj, Wasil Staschewski und Michas Tscharot.

Hier ein jiddisches Gedicht von Mosche Kulbak aus der Anthologie „Der Fiedler vom Getto. Jiddische Dichtung aus Polen“ (Reclam Leipzig 1968, herausgegeben und übersetzt von Hubert Witt).

Lied eines armen Mannes

Auf dem Boden sitzt bei Nacht ein armer Mann
mit einem dünnen Lächeln auf dem Gesicht.
Er singt, wie sowas, hör mal, leben kann,
denn überall hilft man sich schon und braucht ihn nicht.

Er streckt den langen Leib, wird länger und schwächer
er klagt und singt sein armundgraues Lied
und der gehörnte, der stechende Mond auf den Dächern
kriecht herum wie ein weißer Wurm und glüht.

O die gilbe Stimm des Armen voller Schrecken
in allen Winkeln dieser grauen Welt.
Stimm eines Menschen, angetan mit Säcken –
wie schwer sie sich aus ihrer Trauer schält.

Er singt die dünne Freud, die er aus Qual gewann
wie kühles Wasser unter nackten und verbrannten Steinen.
Auf dem Boden singt bei Nacht ein armer Mann
und rührt den Mond, doch weiter keinen keinen …

(S. 103f)

Nicht Poesie

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Bekenntnis

Das sind mir Worte nur und Klänge,
künstliches Reflexionsgedränge,
das hat nicht Herz, nicht Poesie,
das läßt mich kalt, ich weiß nicht, wie.

Gewiß: denn dem Poet,
wie ihr ihn liebt und ihn versteht,
sprang noch die Welt nicht jäh entzwei
in Ding und Dinges Konterfei,
dem ist noch nicht die Welt verdorrt
zum hohlen Klang und dürren Wort,
der sieht noch nicht in jedem Ding
sich selbst, der in die Dinge ging,
der findet sich nicht ewig wieder,
der pinselt seine warmen Lieder
herzhaftig nach der Wirklichkeit,
nach Grund und Sinn und Raum und Zeit,
als ob das alles Dinge wären,
die plastisch aus dem Chaos gären
und ohne Zweifel so bestehn,
wie er sie eben stets gesehn.

Mir aber klirrend eins, zwei, drei
sprang diese schöne Welt entzwei
und ließ mir, nicht viel mehr als nichts,
den Wiederschein nur jenes Lichts,
das rätselhaft die Nacht durchfährt
und dann für immer wieder in sie kehrt,
zwecklos, sinnlos und gänzlich einerlei,
was es in Wahrheit wohl gewesen sei.

Darum ich denn die Poesie,
wie ihr sie pflegt, verlach, ich weiß nicht, wie.

Aus: Versensporn 35: Gustav Sack. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 15

Du geh nicht sanft in diese gute Nacht

Dylan Thomas

(* 27. Oktober 1914 in Swansea, Wales; † 9. November 1953 in New York City) 



Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light.



Though wise men at their end know dark is right,

Because their words had forked no lightning they

Do not go gentle into that good night.



Good men, the last wave by, crying how bright

Their frail deeds might have danced in a green bay,

Rage, rage against the dying of the light.



Wild men who caught and sang the sun in flight,

And learn, too late, they grieved it on its way,

Do not go gentle into that good night.



Grave men, near death, who see with blinding sight

Blind eyes could blaze like meteors and be gay,

Rage, rage against the dying of the light.



And you, my father, there on the sad height,

Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.

Do not go gentle into that good night.

Rage, rage against the dying of the light.

1951

Bertram Reinecke

Do not go gentle into that good night 1. Versuch

Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
brenn, tobe Alter, eh der Tag zerfließt
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht

Der Weise weiß, ins Dunkel einst gebracht
daß auch sein Donnerwort kein Licht dreingießt
er geht nicht sanft in diese gute Nacht

Wer gut ist schreit, die letzte Woge kracht
und glänzt und tanzt, wie sie ins Wehr einschießt
entzündet Zorn wenn stirbt die helle Pracht

Der Wilde singt dem Tag der fliehend lacht
begrämt zu spät, das Ende seiner Frist
er geht nicht sanft in diese gute Nacht

Der Greis vom nahen Tod geblendet wacht
auf mit Kometenaugen, eh er schließt
entzündet Zorn, wenn stirbt die helle Pracht

Und Vater Du in düstrer Höhe, ach
daß Fluch Du, Segen nicht, nicht mein vergißt
Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht.

Bertram Reinecke     05.09.2008 

Chronik des Tages

Tadeusz Peiper

Aus: Chronik des Tages

5

Die Agentur P.O.E.T. berichtet:
In einem Poznaner Tageblatt wird in Kürze
der Artikel eines journalistisch glanz-
vollen Kopfes erscheinen,
darin tritt der Verfasser den literarischen Kritikern auf die Zehen,
dafür, daß sie den engen Zusammenhang nicht sehen
zwischen der Poesie und der Handelsbilanz.

1929

Deutsch von Heinrich Olschowsky. Aus: Der Mensch in den Dingen. Programmtexte und Gedichte der Krakauer Avantgarde. Hrsg. Heinrich Olschowsky. Leipzig: Reclam, 1986, S. 287

Du weißt

Heute ein Gedicht in vier Fassungen in drei Sprachen. Es war gestern abend auf der Veranstaltung mit dem norwegischen Dichter Jan Erik Vold im Greifswalder Koeppenhaus zu hören. Die deutsche und englische Fassung kann ich nur nach dem Gehör wiedergeben, aber ich konnte den norwegischen Originaltext einsehen.

Walter Baumgartner, der seit seiner Studentenzeit mit Vold bekannt und befreundet ist, gab eine deutsche Stegreiffassung in seiner Einleitung, nein zwei Fassungen, um dessen lakonische Schreibweise zu verdeutlichen. In einer ersten Fassung habe das Gedicht so gelautet:

Du weißt, wir
arbeiten mit Stille, wo andere
Bomben einsetzen.

Es ist ein Haiku aus einem ganzen Band mit, wenn ich mich richtig erinnere, über 150 Haikus. Es entstand in den 60er Jahren, während des Vietnamkrieges, auf den es sich natürlich bezieht. Baumgartner erläuterte, das sei dem Autor offensichtlich zu laut gewesen, zu eindeutig, zu wenig japanisch. In der Druckfassung, die 1970 erschien, heißt es:

Du weißt, wir
arbeiten mit Stille
wir

Vold selber trug in seinem dreisprachigen Programm, musikalisch begleitet von Ellen Bødtker (das Programm der beiden ist auf CD erhältlich: Sommeren der ute, 2015), eine englische Fassung vor:

As for us
we‘re working with
silence

Schließlich die norwegische Buchfassung:

du vet, vi
jobber med stillhet
vi

Aus dem Band Spor, snø (1970, unpag.)

NB: Zu dem Band gab es noch eine Anekdote. Nämlich das Buch wurde im norwegischen Parlament, dem Storting, diskutiert. Der norwegische Staat kauft von jedem Buch eine Anzahl Bücher auf und gibt sie an Bibliotheken. Wer zahlt, hat Mitspracherecht. Die Parlamentarier schimpften, es sei Verschwendung auf Kosten der Steuerzahler: auf seinen paar 150 Seiten steht jeder Dreizeiler auf einer eigenen Seite.