Li Tsching-dschau
(starb wahrscheinlich zwischen 1151 und 1155 im Alter von über siebzig Jahren in Dschin-Hua)
Über Poesie
Gleichen Gedanken, die poetisch sind, denn nicht
der Elster, wenn es Nacht wird? – Sie umkreist
dreimal den Baum, den rechten Zweig zu finden –
und findet ihn – und findet doch nicht Ruh …
Aus: Chinesische Frauenlyrik. Tzi-Lyrik der Sung-Zeit von Li Tsching-dschau und Dschu Schu-dschen. Aus dem Chinesischen von Ernst Schwarz. München: dtv, 1985, S. 15
Jens Peter Jacobsen
(* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 ebenda)
Fortsetzung und Ende des Gedichts Arabeske, dessen Anfang hier am 30. April zu lesen war. Sechs Zeilen vom Anfang der Strophe sind hier erneut eingerückt, um den Kontext verständlich zu machen. Die deutsche Fassung stammt von Rainer Maria Rilke.
Glühende Nacht.
Langsam brennst du hin über die Erde.
Der Träume seltsam wechselnder Qualm
wallt und wirbelt auf deiner Spur dir nach,
glühende Nacht.
– Die Willen sind Wachs in deiner weichen Hand,
und Treue biegt wie Schilf in deinem Wehen,
und was ist Einsicht, lehnt sie sich an dich,
und was ist Unschuld unter deinem Blick,
der zwar nichts sieht, doch wild den roten Strom
in allen Adern so zur Sturmflut ansaugt,
wie es der Mond tut mit des Meeres Wassern.
– Glühende Nacht.
Gewaltige blinde Mänade.
Her durch das Dunkel blitzen und schäumen
seltsame Wellen von seltsamem Laut,
Anklingen von Bechern
und des Stahls hurtiger singender Klang,
austropfendes Blut und Röcheln von Blutenden
und das schwere Brüllen des Wahnsinns vermischt
mit dem heiseren Schrei purpurroter Begier.
– Aber der Seufzer, glühende Nacht?
der Seufzer, der anschwillt und stirbt,
stirbt, um neu zu erstehn,
der Seufzer, du glühende Nacht!
Sieh, die seidne Welle der Gardine teilt sich,
eine Frau, hoch und herrlich,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab.
– Heiliges Leid in deinem Blick,
Leid, das Hülfe nicht kennt,
hoffnungsloses
brennendes, zweifelndes Leid.
– Nächte und Tage schwirren über die Erde.
Jahreszeiten wechseln wie Farben auf Wangen,
Geschlecht auf Geschlecht in langen dunklen Wogen
rollt über die Erde,
rollt und vergeht,
indes die Zeit langsam stirbt.
Wozu das Leben?
Wozu der Tod?
Wozu leben, wenn wir doch sterben sollen?
Wozu kämpfen, wissend, daß das Schwert
dennoch uns entwunden wird einmal?
Dieser Scheiterhauf von Qual, wozu?
Tausend Stunden Lebens langsam leidend,
langsam ausgehn in des Todes Leiden.
Ist dies dein Gedanke, hohe Frau?
Ruhig stumm steht sie auf dem Baikone,
hat kein Wort, kein Seufzen, keine Klage,
hebt sich dunkel von der dunklen Luft ab
wie ein Schwert durchs Herz der Nacht.
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A. Reitzels Boghandel, 1978, S. 571ff
Zum Geburtstag Gottfried Benns (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin) zwei Gedichte.
1
Nehmen Sie jene erste
tauende Nacht im Jahr
und die strömenden blauen
Streifen des Februar,
Nehmen Sie jene Verse,
Reime, Strophen, Gedicht,
die unsere Jugend erhellten
und man vergaß sie dann nicht,
nehmen Sie von den Wesen
die man liebte und so,
jenen Hauch des Erlöschens
und dann salu und Chapeau –
ach, diese spärlichen vollen
Schläge des Herzens und
über uns fallen die Schollen –
leben Sie wohl, Klabund! –
Aus: Gottfried Benn, Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Hrsg. Bruno Hillebrand. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1988 (27.-30. Tsd.), S. 146. Das Gedicht schrieb Benn als Widmungsgedicht in Klabund, Gesammelte Schriften, 1922. Erstdruck 1955.
2
Innerlich 5.
Das Dichterpack, der abgefeimte Pöbel,
das Schleimgeschmeiß, der Menschheitslititi,
ein Stuhlbein her, ein alter Abtrittsmöbel,
ein Schlag – der Rest ist Knochenchirurgie.
Und dann den Mörtel auf die Strafgallionen
verlötet und den After zugespickt,
Gehim-Kamorra, Barrabas-Kujonen,
nun den gestirnten Himmel angenickt.
Aus: Ebd. S. 127. Erstdruck 1922.
Frida Bettingen
(*5. August 1865 in Ronneburg; † 1. Mai 1924 in Jena)
Kriegsbild
Ein stummes Haus, die hingestürzte Bank,
der Dachstuhl brennend, mit gesenktem Bogen,
der schwarze Efeu wurzelnackt, und krank,
das Tor des Todes eisern aufgezogen.
Die roten Äpfel rösten am Spalier,
der Erntekranz darrt an gesengten Bohlen,
ein Schmetterling klebt an der Scheunentür,
irgendwo wimmert ein verstecktes Fohlen.
Am Zaun streift eine Katze, hungernd, geil,
um das Gehöfte kreisen schwer die Raben,
der Mond liegt im zerschoßnen Brunnenseil…
Wie hingemauert stehen unsre Knaben.
Aus: Frida Bettingen. Versensporn 14. Jena: Poesie schmeckt gut, 2014, S. 9 (Erstdruck)
Jens Peter Jacobsen
(* 7. April 1847 in Thisted; † 30. April 1885 ebenda)
Von den wenigen Gedichten, die J. P. Jacobsen … geschrieben hat, ist Arabeske unbestritten das großartigste. Im Herbst 1873 verbrachte Jacobsen einige Wochen in Florenz, und um diese Zeit wahrscheinlich hat er Michelangelos berühmte Rötelzeichnung, oder richtiger: die Kopie davon gesehen, die in den Uffizien hängt; das Original befindet sich in England. Jacobsen, der damals wußte, daß er von Tuberkulose angegriffen war, veröffentlichte sein Gedicht 1874. Außer dem Porträt einer ruhigen und trauernden Frau sind darin drei Naturvisionen zu sehen: der hohe Wellenschlag des leuchtenden Tages; der angsterfüllte Windhauch des Abends, der Seufzer der glühenden Nacht. Bei der stolzen Frau, die auf dem Balkon erscheint, sind Lebensfreude, Angst und die fieberhafte Lebenssehnsucht verstummt; geblieben ist nur der vielwissende, heilige Schmerz ihres Blickes.
ARABESKE
Zu einer Handzeichnung von Michelangelo
(Frauenprofil mit gesenktem Blick in den Uffizien)
Griff die Woge Land?
Griff sie Land und versickerte langsam
rollend mit den Perlen des Kieses
wieder hinaus in der Wogen Welt?
Nein. Steil steigend wie ein Streitroß
hob sie hoch ihre nasse Brust.
Durch die Mähne sprühte Schaum hin,
schneeweiß wie ein Schwanenrücken.
Strahlender Staub und regenbogiger Nebel
zitterten auf durch die Luft:
und ihn werfend
und teilend*
flog sie, breit, auf Schwanenschwingen
in der Sonne weißes Licht.
Ich kenn deinen Flug, du fliegende Woge.
Aber der goldne Tag wird sinken,
wird, in der Nacht dunklen Mantel geschlagen,
müde sich legen zu Ruh.
Tau wird glitzern in seinem Hauch,
die Blumen zu-sein rings um sein Lager,
eh du dein Ziel noch erreichst.
– Und bist du heran an das goldene Gitter
und streifst leis, ausspannend den Flug,
hin über die breiten Gänge des Gartens,
hin über Wogen von Lorbeer und Myrten,
über der Magnolia dunkle Krone,
unter dem Nachschaun ihrer hellen, ruhig-scheinenden,
unter dem Nachschaun ihrer starrenden Blumenaugen,
niedriger hin über verschwiegen flüsternde Iris,
getragen, gewiegt in erleichtert weinende Träume
von der Geranien Duft,
von der Tuberosen und des Jasmins schweratmenden Duft,
getragen heran an die weiße Villa
mit den mondhellen Scheiben,
mit ihrer Wache von hohen dunklen,
hohen treuen Cypressen:
so vergehst du in der Ahnungen Angst,
brennst auf in deiner bebenden Sehnsucht,
gleitest weiter wie ein Luftstrich vom Meer,
und du stirbst in der Weinranken Laub,
rauschendem Laub von Weinranken
am marmornen Rand des Balkons.
Während die kalte Seide der Balkongardine
langsam sich in schweren Falten schaukelt,
und die goldnen Traubenbüschel
aus den angstvoll-bösen Ranken
fallen in des Gartens Gras.
Glühende Nacht.
Langsam brennst du hin über die Erde.
Der Träume seltsam wechselnder Qualm
wallt und wirbelt auf deiner Spur dir nach,
glühende Nacht.
(Fortsetzung folgt)
Deutsch von Rainer Maria Rilke. Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A. Reitzels Boghandel, 1978, S. 568ff
*) Rilke hat das Wort „ham“ in Vers 11f falsch verstanden. Es ist nicht das Pronomen „ihn“, sondern das Substantiv ham = Haut. Stefan George übersetzt die beiden Verse: „Hülle geworfen, / Hülle gewechselt“ Anm. der Hrsg.
Arabesk. Til en Haandtegning af Michel Angelo.
Kvindeprofil med sænkede Blikke i Gangen mellem Pitti og Ufficierne
Tog Bølgen Land?
Tog den Land og sived langsomt,
Rallende med Grusets Perler,
Atter ud i Bølgers Verden?
Nej! den stejled som en Ganger,
Løfted højt sin vaade Bringe;
Gjennem Manken gnistred’ Skummet
Snehvidt som en Svanes Ryg.
Straalestøv og Regnbu’taage
Sitred op igjennem Luften:
Ham den kasted’,
Ham den skifted’,
Fløj paa brede Svanevinger
Gjennem Solens hvide Lys.
Jeg kjender din Flugt, du flyvende Bølge;
Men den gyldne Dag vil segne,
Vil, svøbt i Nattens dunkle Kappe,
Lægge sig træt til Hvile,
Og Duggen vil glimte i hans Aande,
Blomsterne lukke sig om hans leje,
Før du naa’r dit Maal.
— Og har du naa’t det gyldne Gitter
Og stryger tyst paa spredte Vinger
Henover Havens brede Gange,
Henover Laurers og Myrthers Vover,
Over Magnoliens dunkle Krone,
Fulgt af dens lyse, roligt blinkende,
Fulgt af dens stirrende Blomsterøjne,
Nedover hemmeligt-hviskende Iris,
Baaret og dysset i graadmilde Drømme
Af Geraniernes Duft,
Af Tuberosers og Jasminers tungtaandende Duft
Baaret mod den hvide Villa
Med de maanelyse Ruder,
Med dens Vagt af høje, dunkle,
Høje, trolige Cypresser,
Da forgaar du i Anelsers Angst,
Brændes op af din skjælvende Længsel,
Glider frem som en Luftning fra Havet,
Og du dør mellem Vinrankens Løv,
Vinrankens susende Løv,
Paa Balkonens Marmortærskel,
Mens Balkongardinets kolde Silke
Langsomt vugger sig i tunge Folder,
Og de gyldne Drueklaser
Fra de angstfuldt-vredne Ranker
Fældes ned i Havens Græs.
Glødende Nat!
Langsomt brænder du henover Jorden;
Drømmenes sælsomt skiftende Røg
Flakker og hvirvles afsted i det Spor,
Glødende Nat!
Georg Kulka
(* 5. Juni 1897 als Georg Christoph Kulka in Weidling/Niederösterreich; † 29. April 1929 in Wien)
DER SOHN
/ Stein, Spitze des Turms, der, wenn er fiel, nicht auf die Erde, sondern in den Himmel fällt–: / die Mutter, in einer Reihe der Steine dieser Stein, vergaß nicht, vor dem, was sie bleibend nicht wußte, die Lider zu heben, obschon sie weiser sich dem Lied entzog, ungesungen / und nie mehr vernehmbar wird! /, bedachte und dachte und wendete den Mund nicht ab von seiner Müdigkeit: in vielen Gräben versänke ihr gutes Grab, längst durchschaute Leid die Trauer; er würde zu wenig leise, als daß in ihre Scham er laut dringen dürfte – reumütig wie sie, die, Mensch an Mensch, armselig war im letzten Satz: er werde groß sein!
Aus: Georg Kulka, Werke. Hrsg. Gerhard Sauder (Frühe Texte der Moderne). München: edition text + kritik, 1987, S. 9. Erstdruck in: Die Dichtung. Folge 1. Buch 4. München 1919
Anton Pincas
(Israel Pincas, ישראל פנקס; * 28. Januar 1935 in Sofia, lebt in Tel Aviv)
DIE FÜNFZIGER JAHRE
Die fünfziger Jahre
stellten einige eindringliche Fragen
und forderten auch
rasche Lösungen:
zum Beispiel, ob
man diesen Ort als endgültig
oder provisorisch
ansehen sollte
oder den Dingen
ihren Lauf lassen.
Und es gab natürlich das Problem der Identität.
Sie waren hier nicht gerade
verwurzelt, sprachen meistens Deutsch
mit den Nachbarn in der Ben-Yehuda-Straße,
der Ort sah wirklich ›provisorisch‹ aus, mein Onkel träumte von seinen Studienjahren in Leipzig, erwähnte das Haus in Sofia, die Perserteppiche, sprach öfters von seinen Besuchen in Bayreuth, von den drei Nächten des ›Ring‹,
begnügte sich vor dem Krieg
mit einer Reise nach Beirut,
nur zwei Stunden von Haifa,
versuchte sein Glück im Verkauf von Lüstern,
nichts von der ehemaligen Pracht,
nachmittags las er Partituren,
an den Festtagen achtete er immer noch auf die Fliege am Hemd,
und wenn es am Einkommen gebrach,
kamen die Tanten zu Hilfe:
die eine strickte, die andere
buk, färbte Knöpfe oder bereitete Marmelade,
und dem Rat des Schwagers zufolge zog
eine bis in die berühmte Stadt Paris,
um sich in den Mysterien
der Kosmetik auszubilden,
und nicht lange danach kehrte sie zurück
mit einem geheimen Rezept für Gesichtscreme:
eine Salbe, gewonnen
aus Gurkenschalen.
All das ging zu rasch vorbei.
Und gleich danach
begannen die Gebrechen.
Aus: Anton Pincas: Diskurs über die Zeit. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Hebräischen übertragen von Tuvia Rübner. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2012, S. 28f

Anton Pincas
(Israel Pincas, ישראל פנקס; * 28. Januar 1935 in Sofia, lebt in Tel Aviv)
WENN
Wenn ich schreibe, dass ich hier Freude hinterlassen möchte,
hinterlasse ich dann Freude?
Was hinterlasse ich, wenn ich schreibe,
ich möchte Freude hinterlassen?
Aus: Anton Pincas: Diskurs über die Zeit. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Hebräischen übertragen von Tuvia Rübner. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2012, S. 31
Carl Einstein
(* 26. April 1885 in Neuwied; † 5. Juli 1940 bei Pau in Frankreich nahe der spanischen Grenze)
GEDICHT
Dies taube Liegen auf Gedanken,
Hohl wie die Rücken gleitender Messer;
Der Schmerz vor Lauten, die Gedanken widerlegen.
Es mögen sich Begriffe um das Starre ranken,
Du bohrst dich in die Leere immer besser.
Bis du erschluchzt nach irrer Schreie Segen.
Daß deine aufgedrungen starren Augen schwanken,
Daß deiner Hohlheit Tore sich verbögen
Und du in deiner Nullheit niederbrichst.
Aus: Die Aktion Nr. 27/28, 1916, Sp.369
Bruno Quandt (25. April 1887 Düsseldorf – 18. Februar 1918 München-Gladbach – heute Mönchengladbach)
Hier Trupps von Streikern! Dort die Gruppe
Erregter um ein Extrablatt!
Hörst du nicht, wie die ganze Stadt
Aufheult wie eine Autohuppe!
Vom Auge bricht es. Schupp um Schuppe:
Ich war schon matt und sanft und satt.
Ein Inserat im Tageblatt,
Und schlurkste in der Bürgerschluppe?
Nun taucht vor uns ein Kontinent
Jäh auf, darauf wir plündernd landen.
In jedem Blut das gleiche Branden!
In jedem Blick das gleiche Flackern!
Freischar aus Dichtern, Geldschrankknackern,
Aus Huren, Sozis! Los! Es brennt!
Aus: Versensporn 26. Bruno Quandt. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 11. Zuerst in: Erze im Feuer, Leipzig 1913.

Ulrich Koch
ZWEIUNDZWANZIGSTER APRIL
Ich klopfe an eine Tür.
Niemand öffnet.
Es geht mir ausgezeichnet.
Ich schlafe alleine,
ich stehe alleine auf,
ich esse alleine.
Ich schäme mich
vor den Vögeln.
Es geht mir gut.
Auf der Weide steht ein Pferd.
Es grast.
Gleich wird es laufen.
Es geht mir gut.
Ich denke nach.
Ich weine.
Es geht mir gut.
Es ist zwei Uhr.
Es ist drei Uhr.
Es ist vier Uhr.
Es geht mir gut.
Ich stelle mir den Wecker.
Er klingelt.
Ich bleibe liegen.
Es geht mir sehr gut.
Ich liege im Bett und rauche.
Ich ziehe am Bleistift
und rauche auf Lunge.
Es geht mir gut.
Ich weine, als ich ins Taxi steige.
Ich weine, als ich mich wasche.
Ich weine sogar, als ich weine.
Ich weine sogar, als ich nicht weine.
Es geht mir gut.
Mit freundlicher Genehmigung d. Verf.
Die Dadaisten lachten über die Expressionisten – aber sie waren früher selber welche. 1916: Richard Huelsenbeck gehört zu den Mitbegründern von Dada in Zürich. Zwei Jahre früher veröffentlichte er expressionistische Gedichte wie dieses:
Richard Huelsenbeck
(* 23. April 1892 in Frankenau; † 20. April 1974 in Muralto, Schweiz)
Wir
Wir kennen nicht die Sterne und die Nacht,
Und nicht den Nebel, der sich wiegt auf Grüften;
Wir wiegen uns in unsern fetten Hüften,
Die Zimbel klittert und die Pauke kracht.
Wir schlafen bei den Weibern, die verderbt;
Gefängnisgitter waren oft herabgelassen,
Und öfter klang die Peitsche der Kawassen,
Die Väter haben heulend uns enterbt.
Wir sind der Wolf, der um die Plätze weht,
Auf Opfer lauernd und um Blut zu trinken.
Die Frösche knallen. Polizisten hinken.
Ein fetter Priester seine Backen bläht.
Wir wissen nicht, ob wir auch einmal enden.
Paris? Berlin? Es ist uns alles gleich.
Wir hämmern mit den giftgeschwollenen Händen
Uns unser großes Himmelreich.
Aus: Die Aktion, Nr. 11, 14.3.1914, Sp. 237
Louise Glück
(* 22. April 1943 in New York City)
Blühende Pflaume
Im Frühling verkündet die Walddrossel aus den schwarzen Ästen
des blühenden Pflaumenbaums ihre alljährliche
Botschaft vom Überleben. Woher kommt ein solches Glück,
das die Nachbarstochter in diesen Gesang hineinliest,
und einstimmt? Nachmittags sitzt sie
im Halbschatten des Pflaumenbaums, wenn der sanfte Wind
ihren unberührten Schoß mit Blüten überschwemmt, grünlich weiß
und weiß, ohne eine Spur zu hinterlassen, anders
als die Frucht, die bei stärkeren Winden
ausfransende dunkle Flecken einzeichnen wird, im Sommer.
Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Herausgegeben, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. Stiftung Lyrik Kabinett, München 2006, S. 103
Der bitteren – wohl mehr existenziellen als poetologischen – Bestandsaufnahme von 1962 sei heute ein etwas anderes Gedicht hinzugefügt. Mehr folgt im Lauf des Celanjahrs.
ZRTSCH
Zahniger Zorn,
ich zätsche,
zundere,
zaibe.
Es ännt
hinterm Hirn,
es gegittert.
E-e-g! E-e-g!
Ich haare, ich harsche.
Öötschst. Heringst.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamop, 2005, S. 524.
Das Gedicht entstand am 25. Januar 1968 und war ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlicht. Es führt vor, dass Wortbildungs- und Satzbauregeln auch unverständlichen Äußerungen Bedeutungen mitgeben. Ob schon einmal jemand versucht hat, das in eine andere Sprache zu übersetzen?
Hölderlinjahr, Beethovenjahr, Hegeljahr… und Celanjahr. 100. Geburtstag im November (!), 50. Todestag heute!* Ich konnte mich nicht für ein Gedicht entscheiden und beschloss, etwa fünf an fünf Tagen zu präsentieren. Es sollten nicht zu bekannte und trotzdem mich bewegende Gedichte sein, Gedichte verschiedener Arten womöglich. Ich beginne mit
ARS POETICA 62 Das große Geheimnis - beim Bärlapp, da stands, auf der Wiesen. Ich hätte es pflücken können, leicht, mit zwei Zehen. Aber ich hatte zu tun, ich brachte Hyperion die Sprache bei, auf die es uns Hymnikern ankam. Er lernte gerne und brav. Beim Wort Hure wuchs ihm der braune Lorbeer schnell um Taktstock und Klaue: er hatte was man zum Reimen braucht, nach Pindar und einigen Ungarn, Finnen und Pruzzen. In seinem Vers stand die Zeit, im Licht ihrer schwäbischen Stunden, schnurrbärtig, jung und gesamtstumm. Sinnig, hört ich mich sagen, sinnig meinem andern, gestern im Schwarzwald halbierten Nachbarn, dem Mann mit der Dohle (und der vernähten Zäsur!) fehlte noch dieses Schatzwort. (Sonst wär auch die zweite Hälfte gestorben und aus- leg- bar.)
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. S. 473f.
Das Gedicht entstand am 2. und 3. Dezember 1962. An diesen beiden Tagen übertrug er auch ein Gedicht von Ossip Mandelstam: „Den steigenden Zeiten“. Eine frühere Fassung hatte als Untertitel „Eine Marginalie“. Natürlich spukt Hölderlin im Gedicht, der schwäbische Hymniker. Vielleicht auch Heidegger (mit der vernähten Zäsur) und manche Widersacher Celans in der unseligen Gollaffäre. Aber ich glaube, man kann sich in ihm bewegen auch ohne alles aufzudröseln. Celan hat es nicht selbst veröffentlicht.
*) Das Gedicht des Tages ist normalerweise Nacht-, Frühstmorgenarbeit. Diesmal war der Redakteur zu schlaftrunken und verdrehte die Daten. Wofür ich Celanfreunde um Entschuldigung bitte. Das Jahr ist noch lang, genug Zeit, Hölderlin-, Celan-, expressionistische oder einfach Gedichte zu lesen. Zum Beispiel jeden Morgen hier.
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