Unter der Überschrift Ein Avantgardist des Fin de Siècle schreibt der Gießener Anzeiger über Richard Dehmel. / 14.2.02
Die Berliner Zeitung schreibt über den DDR-Kulturpolitiker Alexander Abusch, der in den 50er Jahren auch seinen Freund Johannes R. Becher heimlich attackierte:
Lilly Becher [Bechers Witwe] … verwahrte in einem Tresor Gedichte aus den Jahren 1956/57, die Bechers tiefe Resignation in Gleichnissen ausdrücken. Sie versah sie mit handschriftlichen Anmerkungen. Eines heißt „Der Jäger“:
Ich bin ein Wild, der Jäger hats erlegt, / Und um mich her versammelt sich die Meute. / Gewisse Leute: „Seht, welch eine Beute!“ / So kläffen sie. Der Jäger schweigt erregt.
Denn er, der Jäger, war er nicht einst Wild / Und fiel gehetzt der Meute auch zur Beute? / Nun sieht er in dem Wild sein Gegenbild / Und schweigt beredt zu dem Gekläff der Leute.
Unter die Überschrift setzte Lilly Becher ein erklärendes A. A.
Berliner Zeitung 14.2.02
Am Anfang war der Zauberspruch: „Eiris sazun idisi,…..sazun hera duoder,/ suma hapt heptidun, …..suma heri lezidun,/ suma clubodun….. umbi cuoniowidi:/ insprinc haptbandun, …..invar vigandun.“ …: „Einst sassen frauen …..sassen frauen hier und dort. / Einige hefteten stricke…..einige hinderten’s heer, / einige fingerten …..an fesseln: / entspringt den haftbanden! …..entkomm den feinden!“
Ob der aus dem Frühmittelalter stammende Zauber bei Thomas Kling gewirkt hat, muss offen bleiben, aber zumindest hat er ihn übersetzt und in seinen „Sprachspeicher“ aufgenommen, der die Ergebnisse seiner Reise durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Lyrik zusammenfasst. In dem 360 Seiten starken Buch geht es dem auf Hombroich lebenden Lyriker nicht um die eigenen Gedichte, sondern darum, „zu zeigen, was die deutsche Sprache dichterisch zu bieten hat“. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 14.2.02
Nach der 1999 von ihrem Hausverlag spendierten bibliophilen Werkausgabe gibt es nun von Sarah Kirsch neue Kurzgedichte, noch kürzere als die 1996 in dem Band «Bodenlos» erschienenen, keines länger als zehn Zeilen. Es sind staunenswerte Epiphanien und kleine lyrische Wunder an sprachlicher Präzision, so wie dieses Drei-Worte- Gedicht: «Kiebitze segelnde / Trauerrandbriefe.» «Schwanenliebe» ist ein lyrischer Zyklus von bemerkenswert prosaischem Seitenumfang, ein Kalenderbuch. So etwas kann nur schreiben, wer das Einssein mit der Natur immer wieder als ein Beisichsein erfahren hat, tägliche einsame Übungen in gedanklicher Askese und meditativer Konzentration vorausgesetzt. / Beatrix Langner, NZZ 14.2.02
Sarah Kirsch: Schwanenliebe. Zeilen und Wunder. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2001. 258S., Fr. 35.20.
Not surprisingly, Paul Eluard’s 10 poems are among the strongest, especially “I love you,“ “The earth is blue like an orange,“ and “The lover,“ with its endearing first line, “She is standing on my eyelids.“ The poems of the dadaist Philippe Soupault, the Mexican author Octavio Paz, Benjamin Peret, and his beloved, the painter Remedios Varo, are also memorable. Varo’s poem is funny and wicked, though it doesn’t give off a small fraction of the heat generated by Joyce Mansour’s poems.
Finally, as someone who’s often a bit suspicious of translations, I think it’s unfortunate that the poems aren’t presented in their original language in addition to English (most of them were presumably written in French). When Rene Char alludes to “unquenchable pane“ in “The nuptial countenance,“ is that a play on words? A surreal image? A typo? Without more investigation, we’re left guessing at the answer to that question and others.
This story ran on page D5 of the Boston Globe on 2/14/2002.
Vier Monate nach den Ereignissen, da die publizistische Hysterie längst wieder abgeflaut ist, veröffentlicht nun die österreichische Literaturzeitschrift „manuskripte“ (Nr. 154) in ihrer aktuellen Ausgabe ein Gedicht des Lyrikers Thomas Kling, das unmittelbar unter dem Eindruck der terroristischen Attentate entstanden ist, gleichwohl für die ästhetische Verarbeitung des Schocks eine gültige Form gefunden hat. Das Gedicht vermeidet den Fehler der meisten Texte, die mit großem Meinungsgefuchtel und Betroffenheitsbekundungen den „Schock“ vermeldeten, dass „nichts mehr so sei wie zuvor“. „Manhattan Mundraum zwei“ darf dagegen als erstes Gedicht zum 11. September gelten, das über die Bekundung unsagbaren Entsetzens hinausgelangt. Das Gedicht schreibt das phänomenale Großstadtpoem „Manhattan Mundraum“ fort, das Klings preisgekrönten Gedichtband „morsch“ (1996) eröffnete. Anstatt sich in larmoyanten Spekulationen zu ergehen, sucht Kling die Nähe zu den Verfahrensweisen des Dichters Paul Celan. Er arbeitet mit Techniken der extremen Engführung, verkürzt den Stoff auf wenige Schlüsselchiffren, die in ihrer Rätselstruktur unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Ereignisse des 11. September werden im Text selbst nicht explizit; sie sind zurückgenommen in suggestive Chiffren: das „loopende auge“, der „algorithmen-wind“, die „lichtsure“, das „totnmehl“. Mitunter glaubt man Anspielungen auf Augenzeugenberichte zur Katastrophe zu vernehmen, nebst einem deutlichen Hinweis auf Celans „Todesfuge“, etwa im Begriff der „Luftsiedler“, denen bei Celan „ein Grab in der Luft“ geschaufelt wurde. / Michael Braun, Rheinpfalz Online 12.2.02
Auf der Bühne im Central-Theater sind an einem mannshohen Gestänge Gongs und Klanghölzer aufgehängt, große Pauken und Saiteninstrumente, die Monochorde, haben Besitz vom Raum ergriffen. Ganz vorn steht winzig ein halb volles Glas mit Wasser, so spröde und leise wie die Lyrik Paul Celans sonst erscheint. Die Performance „Zwischen immer und nie“ der Stuttgarter Manuela Ruh und Arno Schostok versucht eine Symbiose von Musik und gesprochener moderner Lyrik. /Petra Weber-Obrock, Eßlinger Zeitung 12.2.02
Über den Konflikt zwischen Hindus und Moslems in und um Kaschmir berichtet Ilja Trojanow:
Die gegenwärtige Dominanz einer antagonistischen Einstellung deutet zum einen auf tiefsitzende Verunsicherung, zum anderen auf einen bitteren Kampf um Pfründen. In solchen Zeiten geraten die wunderschönen Zeilen des Dichters Amir Khusrau aus dem 12.Jahrhundert allzu schnell in Vergessenheit: Manto shudam to man shudir – Ich bin du und du bist ich. / NZZ 11.2.02
Warum es die Türkei nicht schafft, Frieden zu schließen mit ihrem berühmten Dichtersohn Nazim Hikmet – selbst zu dessen 100. Geburtstag nicht –
schreibt Christiane Schlötzer in der Süddeutschen , 11.2.02
Olympische Gedichte von Pindar und Bacchylides stellt die RubrikPoet’s Choice: By Edward Hirsch in der Washington Post vor, Sunday, February 10, 2002; Page BW12
«Hott’z Mülleinnnijomm pegunnen, mörrckstde auchch nüxx mööhr darvunnen.» So dichtet Matthias Koeppel; andere anders in:
Axel Kutsch und Anton G.Leitner (Hrsg.): Unterwegs ins Offene. Erste Gedichte aus einem neuen Jahrtausend. Verlag Landpresse, Weilerswist 2000. 118S., Fr. 35.-.
Neue Zürcher Zeitung , 9.Februar 2002
In der „Welt“ bittet Franzobel die Venezianer, den Karneval nicht abzuschaffen, und definiert Rausch und Lyrik zugleich:
Der Rausch ist eine wunderbare Sache, das Desaster des Daseins zu vergessen, sich selber zu entfremden, sich erst zu erkennen, Lyrik. Der Rausch, dessen Zustand in manchen östlichen Kulturen erst der Wirklichkeit entspricht, wird in unserer prosaischen Gesellschaft bloß noch sanktioniert, gemaßregelt, bestraft. / Die Welt 9.2.02
Unter dem Gedichttitel „Zweites Vermächtnis“ fordert ein Vers: „Lasst die Lebenden in Frieden damit die Toten lebendig werden: ich will mich im Jenseits amüsieren“. Seit 1981 an jenen unbekannten Ort verzogen, hat sich der italienische Dichter und Nobelpreisträger Eugenio Montale zu Lebzeiten einiges einfallen lassen, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Er hat 84 Gedichte, zwischen 1969 und 1979 auf Zetteln und Postkarten verfasst, in elf nummerierte Umschlägen gesteckt. Diese hat er den treuen Händen seiner späten Muse, Annalisa Cima, anvertraut, eine identische Kopie in der Rechtsabteilung des Verlages Mondadori hinterlegt und per Testament das Prozedere des Erscheinens vorgegeben: Fünf Jahre nach Montales Tod 1986 durfte eine Stiftung damit beginnen, pro Jahr jeweils den Inhalt eines der elf ominösen Umschläge zu publizieren. 1996 brachte Mondadori erstmals das gesamte „Diario Postumo“ heraus./ Thomas Wild, Berliner Zeitung 9.2.02
Das postume Tagebuch. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Christine Koschel. 2 Bände. Kirchheim Verlag, München 1998 und 2001. 93 und 141 S., 16,90 bzw. 19,90 Euro.
la POÉSIE AMÉRICAINE :
L’épopée d’Ezra Pound
La réédition de ses fameux „Cantos“ est un événement. A l’heure où se construit l’Europe, on plonge dans une œuvre monumentale, un classique du XXe siècle./ Le Figaro 8.2.02
LES CANTOS d’Ezra Pound. Traduit de l’anglais (Etats-Unis) par Jacques Darras, Yves di Manno, Philippe Mikriammos, Denis Roche, François Sauzey, Flammarion, „Mille & une pages“, 980p., 26€.
Johann Lippet hat sich vom legendären «alphabet» seiner dänischen Kollegin Inger Christensen inspirieren lassen. Dass beim Vagabundieren in Wörterbüchern enorme poetische Sprachenergien freigesetzt werden können, demonstriert nun sein «Banater Alphabet». Der zentrale Schauplatz dieser poetischen Sehnsuchtsreise ist das ungarische Grenzstädtchen Hegyeshalom, ein Ort, der einst nicht nur die Lebenswelten von West- und Ost-Europa, sondern auch die Biografie des Dichters Johann Lippet zertrennte. 1951 im österreichischen Wels geboren, kam Lippet als Kind ins Banat, wo er nach Schule und Studium als Dramaturg arbeitete, bis er 1987 unter dem Repressionsdruck des Ceausescu-Regimes in die Bundesrepublik übersiedelte.
Sein «Banater Alphabet» entwickelt eine Archäologie des Heimatgefühls. In epischen Langzeilen durchschreitet der Wanderer nicht nur die Landschaft bei Hegyeshalom, also die Herkunftswelt seiner Vorfahren, sondern auch die Landschaft der Wörter, wobei es durch die von ihm zitierten Funde in alten Wörterbüchern zu gewaltigen Reibungen, Aufladungen und Erhitzungen des Sprachmaterials kommt. /Michael Braun, Basler Zeitung 8.2.02
Jan Koneffke: «Was rauchte ich Schwaden zum Mond». Gedichte. DuMont Verlag. 90 S., Fr. 34-
Klaus Hensel: «Humboldtstrasse, Römisches Rot». Liebesgedichte. Schöffling & Co.. 88 S., Fr.30.-.
Johann Lippet: «Banater Alphabet». Verlag Das Wunderhorn. 48 S., Fr. 24.-. ,
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