Not first sight, often enough, but a second look – it is a mysterious thing with poetry that it finds its own moment. The poets that have meant most to me – Lowell, Bishop, Schuyler – all, as it were, were rudely kept waiting by me. I had their books, or I already knew some poems of theirs, but there was no spark of transference. Then it happened, and our tepid prehistory was, quite literally, forgotten beyond a lingering embarrassment at my own callow unresponsiveness. It was as though they had always been with me, and I found it difficult, conversely, to remember our first encounter. / Michael Hofmann über Lieblingsdichter, speziell James Schuyler, LRB Volume 24 Number 3 | cover date 7 February 2002
Beobachter haben mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen, dass der Premier nun schon zu diffuser Kaiserlyrik Zuflucht nimmt. „Ich hoffe, das Volk wird so heldenhaft sein wie jene Kiefern, die trotz Schnee auf den Zweigen immergrün bleiben.“ Die Durchhalteparole stammt aus einem Kapitulations-Poem von Kaiser Hirohito nach dem Zweiten Weltkrieg. / Berliner Zeitung 6.2.02
Es sah einmal so aus, als schriebe Andreas Okopenko seine Lyrik für eine kleine Minderheit. Als 1980 im Verlag Jugend & Volk Okopenkos Gesammelte Lyrik erschien, war das ein Unterfangen, das erhebliche Widerstände überwinden musste. Nie hatte sich Okopenko in den Vordergrund gedrängt, nie war er der Mann für die großen Auftritte. Er hatte einen guten Ruf, aber für die erste Liga schien ihn niemand vorgesehen zu haben. …
Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt. Bei Okopenko findet der Leser Gedichte, die aus der Laune des Augenblicks geboren sind, und dem Kleinen, Unscheinbaren, Nebensächlichen Tiefe und Sinn verleihen. Der Lyriker spricht vom Fluidum, wenn er erklärt, was es mit jenen Momenten auf sich hat, die kurzfristig das Glück unverhoffter Schönheit feiern. Ihnen sucht er Dauer zu verschaffen: „Eine Straße im Grün / in das du trittst / und da schimmert es: / das sind Schienen.“ …
Am Montag wurde dem 1930 im slowakischen Kaschau / Kosice geborenen Andreas Okopenko in Salzburg der Georg-Trakl-Preis, eine der wichtigsten Lyrik-Auszeichnungen im deutschen Raum, überreicht. … Den Trakl-Förderungspreis für Lyriker unter 40 Jahren erhielt Martin Tockner, Jahrgang 1966. Tockner stammt aus dem Salzburger Land und ist bislang noch nicht literarisch hervorgetreten. / Anton Thuswaldner FR 6.2.02
Der Atlantic vergleicht die Nobelpreisverleihung an V.S. Naipaul mit einer amerikanischen Ehrung für Ezra Pound:
A group of eminent American writers appointed by the Librarian of Congress—including W. H. Auden, T. S. Eliot, and Robert Lowell—awarded the 1948 Bollingen Prize to Ezra Pound , for The Pisan Cantos . Because Pound had spent the war broadcasting propaganda for Mussolini, and was at the time in a mental hospital, having been judged unfit to stand trial for treason, the award not surprisingly caused a storm of protest, even though the judges insisted that they had taken as their guiding principle only „that objective perception of value on which any civilized society must rest,“ and denied that their decision had any political significance. Dwight Macdonald disagreed: the award was political, not to say „the brightest political act in a dark period,“ precisely because the judges had rebuked totalitarianism, whose worst horror is that it „reduces the individual to one aspect, the political … and I think we can take some pride as Americans in having as yet preserved a society free and ‚open‘ enough for it to happen.“ / The Atlantic , Feb. 2002
Zwanzig Jahre hatte er an einer deutschen Version der «Divina Comedia» (immer unterschied er an der ungewohnten, aber historisch korrekten Schreibung des Wortes mit einem m den Kundigen vom Ahnungslosen) gearbeitet, mit der er nicht etwa Dante ins Deutsche hatte übersetzen, sondern die literarhistorische und sprachgeschichtliche Lücke hatte heilen wollen, die das Fehlen eines deutschen Dante im ausgehenden Mittelalter hinterlassen hatte.
So klang sein Dante, wie er hätte klingen können, wenn es einen solchen um 1300 denn gegeben hätte. Das Resultat seiner so stupenden wie vergeblichen Arbeit ist ein Werk in einem fiktiven Oberdeutsch, das er in einer eher peinlichen Audienz sogar dem Duce überreichen durfte. Bis 1943 lebte er einigermassen unbehelligt in Italien, seit 1943 aber, als die Macht de facto ganz an die Deutschen überging, war Borchardt wegen seiner jüdischen Vorfahren gefährdet. / Hans-Albrecht Koch, NZZ 5.2.02
Rudolf Borchardt – Rudolf Alexander Schröder : Briefwechsel. In Verbindung mit dem Rudolf-Borchardt-Archiv bearbeitet von Elisabetta Abbondanza. Edition Tenschert bei Hanser, München 2001. Band I: 1901-1918; Band II: 1919-1945. 740 S. bzw. 707 S., je Fr. 112.-.
Die Wiederentdeckung eines lange verschollenen Kunstschatzes erregt in England Aufsehen. Eine Sammlung von neunzehn Aquarellen des frühromantischen Dichtermalers William Blake (1757 bis 1827), die dieser 1804 als Illustrationen für eine Neuausgabe des Versessays „The Grave“ des schottischen Geistlichen und Lyrikers Robert Blair (1699 bis 1746) gemalt hat, ist, nachdem sie 165 Jahre lang als vermißt galt, bei einem Kunsthändler in Swindon in der Grafschaft Wiltshire aufgetaucht. / FAZ 5.2.02
…er verlangt seinen Briefpartnern (Gelehrten, Dichtern, Adeligen) oft genug das Äußerste an Geduld ab. Typisch in der keine Widerrede duldenden Entschiedenheit ist diese Stelle, aus einem in Vaucluse verfassten Schreiben an den Florentiner Theologen Francesco Nelli vom August 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ / Süddeutsche 4.2.02
FRANCESCO PETRARCA: Aufrufe zur Errettung Italiens und des Erdkreises. Ausgewählte Briefe, Lateinisch-Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Berthe Widmer. Schwabe & Co. Verlag, Basel 2001. 577 Seiten, 47 Euro.
I wish I’d been on the street in Madrid on that night in 1934 when Pablo Neruda, who was then Chile’s consul to Spain, told Miguel Hernández that he had never heard a nightingale. It is too cold for nightingales to survive in Chile. Hernández grew up in a goat-herding family in the Spanish province of Alicante, and he immediately scampered up a high tree and imitated a nightingale’s liquid song. Then he climbed up another tree and created the sound of a second nightingale answering. He could have been joyously illustrating Boris Pasternak’s notion of poetry as „two nightingales dueling.“
I once told this story to the fiction writer William Maxwell, and he said that learning how to sing like nightingales in treetops ought to be a requirement for poets. It should be taught, like prosody, in writing programs.
In der Reihe „Poet’s Choice“ schreibt Edward Hirsch über das Gedicht „To the nightingale“ von Jorge Luis Borges (in dem Sappho, Heine, Keatsund andere(s) spuken). / Washington Post , Sunday, February 3, 2002; Page BW12
I wish I’d been on the street in Madrid on that night in 1934 when Pablo Neruda, who was then Chile’s consul to Spain, told Miguel Hernández that he had never heard a nightingale. It is too cold for nightingales to survive in Chile. Hernández grew up in a goat-herding family in the Spanish province of Alicante, and he immediately scampered up a high tree and imitated a nightingale’s liquid song. Then he climbed up another tree and created the sound of a second nightingale answering. He could have been joyously illustrating Boris Pasternak’s notion of poetry as „two nightingales dueling.“
I once told this story to the fiction writer William Maxwell, and he said that learning how to sing like nightingales in treetops ought to be a requirement for poets. It should be taught, like prosody, in writing programs.
In der Reihe „Poet’s Choice“ schreibt Edward Hirsch über das Gedicht „To the nightingale“ von Jorge Luis Borges (in dem Sappho, Heine, Keats und andere(s) spuken). / Washington Post , Sunday, February 3, 2002
Harsches Urteil aus Großbritannen:
Neither rhyme nor reason
sagt der Kritiker Robert Potts zur Gewinnerin des Eliotpreises, der Kanadierin Anne Carson (“ a poetic injustice „, nach seiner Meinung). Er hat den furchtbaren Verdacht, daß die Autorin aus purem Unvermögen auf Metrik verzichtet – auf alles andere offenbar sowieso. Dabei hätte es einen über die Maßen würdigen Preisträger gegeben,
Speech! Speech! by Geoffrey Hill (Penguin, £9.99), one of the few truly major English poets since 1945 and a writer whose poetic career has been exemplary: a parsimonious release of wholly crafted volumes, each of which has advanced and amplified a sophisticated engagement with large questions of history, philosophy, theology and aesthetics (etc.),
aber die Juroren haben halt versagt bzw. eine Chance verpaßt.
Mehr im Guardian , Saturday January 26, 2002 (Dichter und Kritiker widersprechen Potts hier .)
Auch anderswo fliegen die Fetzen (bzw. die Messer), wie ein Artikel in The Globe and Mail („Canada´s Most Trusted News Source“) vom 2.2.02 unter dem Titel „Who´s afraid of Anne Carson“ zeigt:
The knives were out even before Carson beat out Nobel Prize-winning poet Seamus Heaney earlier this month for the T. S. Eliot Prize for her latest book, The Beauty of the Husband: a fictional essay in 29 tangos. In a long screed in Books in Canada in July, 2001, Montreal poet David Solway says her „autistic performance“ is „all surface and no body.“
Another Montreal poet, Carmine Starnino , writing in Canadian Notes and Queries, sneered that Carson was „primitive “ and „unaccomplished“ and didn’t deserve to have her writing considered as poetry.
In Steffen Jacobs Gedichte-Kolumne diesmal ein Gedicht von Robert Gernhardt, dessen erste Zeile lautet:
Das ist der Nebel, aus dem Zombies steigen. / Die Welt 2.2.02
In der „Welt“ plädiert Bernd Wagner für Skepsis gegen literarisches Vereinswesen, indem er auch an seine DDR-Lehrjahre erinnert:
Was habe ich nicht für Wege zurückgelegt, um Gespräche führen zu können, die über das stets etwas Konspirative des kleinen Kreises hinausgingen. Verbände und Vereine sind die Erben der Salons in der Massengesellschaft. Der erste, den ich kennen lernte, war der „Kreis junger Autoren“, der Anfang der siebziger Jahre in einem Hinterzimmer des „Hotel Newa“ in der Invalidenstraße tagte, deren Namen eines gewissen Symbolgehaltes nicht entbehrte, denn die jungen Autoren waren zwischen 50 und 70 und ihre Ansichten so verstaubt wie das Mobiliar des Hotels. Das Elend nahm ein Ende, als Sarah Kirsch als meine Mentorin dafür sorgte, dass ich an der Schlacht zwischen staatstreuen und kritischen Autoren im „Schriftstellerverband der DDR“ teilnehmen konnte. Doch kaum war ich in dem Verband drin, war sie draußen, und die freigewordene Mentorenstelle nahm Paul Wiens ein, der seine Zeit als Lyriker hinter sich, aber, wie ich inzwischen weiß, als „Offizier im besonderen Einsatz“ des MfS stets ein offenes Ohr für mich hatte. / Die Welt 2.2.02
In der Mitte standen Holligers Trakl-Lieder, deren viertes, „Trompeten“ uraufgeführt wurde. Holliger vertont weniger Gedichte als gewissermaßen Dichter: Er sucht für seine Zyklen gern eine repräsentative Auswahl aus der stilistischen Vielfalt eines Schriftstellers.
Dem entsprechen dann auch die Kompositionsstrategien: „Ein Winterabend“ ist seiner strophischen Form entsprechend in eine ganz liedhaft symmetrische Gesangsmelodie gefasst, die fünf spiegelbildlich angeordneten Verse von „Rondel“ werden dagegen in einem komplexen, nur von Gesang und Harfe begleiteten Satz gespiegelt. / Berliner Zeitung 2.2.02
der deutschen Literatur. Dazu gehören auch slowenische Autoren wie diese zwei, die sich selbstbewusst auf einen eigenständigen Weg begeben. ath / schreiben die Salzburger Nachrichten über eine Lesung der Kärntner Slowenen Maja Haderlap und Fabjan Hafner (2.2.02)
In der NZZ-Reihe Kleines Glossar des Verschwindens schreibt Thomas Kling über die Totenrede. / NZZ 2.2.02
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