Das sechzehnte und letzte Irrenhaussonett

Von Jesse Thor

Oh hört: – ein Mensch, wie ihr – zerfallen und im Mark verwest,

denk ich noch immer nicht daran, wer meine karge Zeche zahlt.
Wenn heute auch der blanke Unfug mein Gedächtnis überstrahlt
und stammelnd mir das Vaterunser durch die Backen bläst.

Das ist, als wenn der Herbstwind frostig auf den Feldern singt.
Er krächzt und pfeift und kollert aus dem letzten Loch.
Er weiß, daß ich nicht mehr sein Schatten bin, der springt.
Und bin ich sein Gefährte nicht – was bin ich noch?

Ein Barrabas vielleicht – der heulend durch die Straßen irrt?
Nun macht es mir schon wenig aus, wie man mich nennt –
wenn andren Leuten ebenfalls einmal der Rock zu enge wird.

Bespitzelt und verleumdet und von Bauernfängern denunziert,
geh ich vorbei, wie einer, der sich selber und die Seinen kennt:
Die Freiheit ist durchaus nicht mehr mein Argument.

In der FAZ vom 15.8.02 schreibt Michael Lentz über den Dichter Jesse Thoor, der 1905 in Berlin geboren wurde und das „dritte Reich“ durch Flucht über Österreich und die Tschechoslowakei nach Großbritannien überlebte. Er starb vor 50 Jahren in Österreich.

Grassens Sonette

Über Günter Grassens politische Sonette schreibt Jan Wagner in der FR vom 15.8.02.

Beat Rules

Richard Wilbur was a truly fine poet – a Pulitzer Prize winner and U.S. poet laureate – but one suspects his influence on the culture has been largely limited to the increasingly insular, hermetic circle of academic poetry. It’s the work of Kerouac and his fellow Beats that has kept poetry alive as a cultural force in its most vibrant contemporary forms: poetry slams, song lyrics, rap music. In the work of artists from Bob Dylan to Jim Morrison to Cee-Lo, Talib Kweli and Jill Scott, one hears the influence of Kerouac, LeRoi Jones and Allen Ginsberg. …

The enduring appeal of the Beats comes from affirmation, not negation, in the way Gregory Corso here affirms his identity as a poet:

And of all the fires that die within me,
there’s one burns like the sun;
it might not make day my personal life,
my association with people,
or my behavior toward society,
but it does tell me my soul has a shadow.

Beat Poets, edited by Carmela Ciuraru, reviewed by Michael Harrington. ( The Philadelphia Inquirer 14.8.02)

Zanzottos Pracht

Hier, in den ephemeren Dingen einer marginalisierten Schöpfung, in den Koseworten der Kindheit und magischen Sprachformeln, findet Zanzotto La BeltÀ, die „Pracht“ und „Schönheit“, die er zur Textur seiner Dichtung verwebt. Inmitten all der „Kling-Dinge“ und Kose-Laute tastet der Dichter nach einer „intimen Sprache“ der Berührung: „Ich sehne. Und beginne den Himmel zu sehnen. Stehe / im Himmel. In allem was mir gab einen Himmel zu sehen / allem was mich hier im Wohligen ließ. / Gestern: Rücken Geiziger-Geliebter-(ist weiblich), unleidliche Zuwendung heute, Leier- / Lyrik leier-leier. Aber wir werden uns finden / oder ich und meine entfernteste Fee. Fee-Ich.“ / Michael Braun, FR 13.8.02

Andrea Zanzotto: La BeltÀ / Pracht. Gedichte Italienisch und Deutsch. Hrsg. und übersetzt von Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse. Urs Engeler Editor, Basel 2001 / Folio Verlag, Wien 2001, 240 Seiten, 19,50 .

Zeugnisse eines Schiffbruchs

Aus Kuba berichtet die NZZ am 12.8.02:

«Diese Gedichte hat eine Verwandte von mir geschrieben, die hier in der Nähe lebt – in einer noch absurderen Situation als ich», empfiehlt Doña Esmeralda ein kleines Buch. Die Anthologie mit dem programmatischen Titel «Zeugnisse eines Schiffbruchs» zeichnet ein intimes Stimmungsbild. Die ersten 22 Verse widmet die 50-jährige Autorin Lourdes González ihrem Geburtshaus, das wegen der finanziellen Not in ein «Paladar» umgewandelt wird. «Nachdem schon alle Sachen weg waren, verkaufte ich mich selbst einige Male, was aber zu wenig brachte, und so boten wir auch die Haustüre feil», führt Lourdes González den Leser ein. Die Dichterin stellt drei Tische und zwölf Stühle ins Gästezimmer, wo abends betuchte Besucher speisen: ausländische Herren «im besten Alter», von jungen Kubanerinnen begleitet.

Lyrikstreit

Der Schriftsteller Günter Kunert hat die Zusage zum Nachdruck seiner Gedichte in einem Band der «DDR-Bibliothek» des Leipziger Verlages Faber & Faber zurückgezogen. Er habe «keine Lust, mit Stasi-Spitzeln in einem Band vereinigt zu sein», sagte Kunert dem Hörfunksender MDR Kultur. Nach Angaben des Senders hatten bereits zuvor Wolf Biermann und Reiner Kunze ihre Beiträge für den geplanten Lyrikband zurückgezogen. Der Hanser Verlag in München hatte die Lizenz zum Nachdruck für Kunerts Gedichte bereits erteilt, der Autor sagte jedoch, leider habe er verspätet erfahren, wer noch alles in dem Band vertreten sein solle. Darunter seien Leute, die «gegen Kollegen intrigiert und versucht» hätten, sie zu verdrängen. / Berl. Morgenpost 11.8.02

Ein Dichter

Über den vergessenen Dichter (Pleonasmus!) Joseph Kopf schreibt das St. Galler Tagblatt am 10.8.02:

1945 hat der 16-Jährige seine erste, nie publizierte Sammlung von 48 Gedichten mit der Widmung versehen: «Ein Künstler kann nicht zusehen, wie sein Werk unter den Händen des Pöbels zerbricht.» 27 Jahre später, in einem Radiointerview, differenziert Kopf zwischen Lyrikern, die der Publikumserfolg «korrumpiert», und solchen, «die das Wort ernst nehmen» – in seinem Fall um den Preis der Einsamkeit.

Dort (10.8.02) auch ein unpublizierter Text des Autors von 1955/56.

Arabiens Göttliche Komödie

Abu l’Ala al-Ma’arri (973-1058) ist eine aussergewöhnliche Erscheinung in der klassischen arabischen Literatur. Es trennen ihn Welten von jenen ungezählten Dichtern, auf die die Araber bis heute so stolz sind, weil sie in deren Poesie ein Echo ihrer vergangenen Grösse und die Spuren der Lebensart ihrer Altvorderen zu finden glauben. Ma’arris Einzigartigkeit manifestiert sich nicht nur in seiner 50-jährigen freiwilligen Isolation, sie liegt vor allem in seiner mutigen und unverfrorenen Haltung gegenüber dem Islam. Seine Prosa wie auch sein poetisches Werk sind ein untrüglicher Spiegel seines Pessimismus gegenüber den politischen Herrschern seiner Zeit und kühner Ausdruck seiner Skepsis gegenüber den «ewigen, absoluten» Wahrheiten des Glaubens. / Hassouna Mosbahi, NZZ 10.8.02

Abu l’Ala al-Ma’arri: Paradies und Hölle. Aus dem Arabischen von Gregor Schoeler. C.-H.-Beck-Verlag, München 2002. 223 S., Fr. 43.50.

Poesie des Korans

In der 112. Sure, «al-Ichlâs», ist das Einheitsbekenntnis zu einer Formel von grosser sprachlicher Eleganz verdichtet: Qul huwa allâhu ahad / Allâhu samad / lam yalid wa-lam yûlad / wa-lam yakun lahû kufûwan ahad. «Sprich: Gott ist Einer, / Ein ewig reiner, / Hat nicht gezeugt / und ihn gezeugt hat keiner», hat der Dichter Friedrich Rückert den Vers im 19. Jahrhundert übersetzt. In der Übertragung des (in seiner Bedeutung schwierig zu bestimmenden) Begriffes samad gibt Rückert zu erkennen, dass er im Zweifel vom Wortsinn abweicht, um den literarischen Charakter des Originals nicht zu verfehlen. Mag das aus theologischer oder wissenschaftlicher Sicht zu missbilligen sein, lässt sich aber auch nicht übersehen, dass es ihm und nur ihm unter den deutschen Übersetzern gelingt, die Poesie des Korans zu bewahren. /Navid Kermani, NZZ 10.8.02

Brecht

In der NZZ vom 10.8.02 schreibt Hannelore Schlaffer über die „sperrigen und widerständigen“ Aspekte in Brechts früher und später Lyrik:

Nicht das mittlere Tempo der Empfindsamkeit also, wie es der Vortrag traditioneller lyrischer Formen erfordert, macht Brechts Gedichte schön, sondern die schleppende Deklamation der Hymne mit erhobener Stimme.

Nachrichten

Die FAZ erinnert am 10.8.02 an die 1952 hingerichteten jüdischen Intellektuellen in der Sowjetunion. – In der Washington Post bespricht Rafael Campo am 11.8. neue Übersetzungen von Garcia Lorca, Rafael Alberti, Drummond de Andrade und Ketschua-Lyrik. – Alle schreiben über Nikolaus Lenaus 200. Geburtstag am 13.8.02, so die FAZ am 13., NZZ am 13., Der Landbote am 11.8. – Rolf Schneiders Berliner Anthologie der Berliner Morgenpost stellt am 10.8. ein Gedicht von Thomas Brasch vor. – Die SZ stellt am 9.8. Parfümpoesie von Albert Ostermaier vor. -. Die taz rezensiert am 6.8. Hörbücher von Grünbein und Burroughs, die FR drei Bücher über H.C. Artmann. – Schon am 19.7. schrieb Michael Braun in der BaZ: Gebrochenes Deutsch (6): Drei Ausgaben Lyrik-Jahrbuch – (online nur für Abonnenten).

orten vernähte alphabetien

Das Dafürhalten im Ende

Wars das?
Ich sprach die Worte
wie Butterbrot.
Unterlegte dem Fett
das Ende,
umspähtes Reimen, meine Manie.

Ists das?
Mich verlegte
aufs Brett die Wende,
geblähtes Aller Anfang
ist Zeremonie!

Wirds das?
Ich verdorrte, bin wach
und war tot.
Mich bewegte das Zett,
als Nest und sein Restgelände,
ich verschmäh es bin es
und orte
vernähte Alphabethie.

10/97

Dieses Gedicht eröffnet den Band

Angelika Janz: orten vernähte alphabetien. Texte
Greifswald: Wiecker Bote 2002
ISBN 3-935458-05-3 (10 EUR)

Im folgenden ein poetologischer Text der Autorin und Links auf weitere Texte und Informationen.

FragMentalität

Erfinden?
Sich einen eigenen Reim auf das machen, was noch gesucht werden will?
Was sich nicht kränkelnd ins Autobiografische zurückziehen will, weil es sich der Textverarbeitung verweigert, bevor der Text da ist, sucht sich eine Methode, die sich möglichst haarscharf vorbeimogelt an erinnerbaren Strukturen, um ungekünstelt frei einem alten literarischen Traum nachzueifern:
daß es gelungene Zusammenstöße gebe zwischen dem eigenen, phantasiebeträufelten Unvermögen zur Verähnlichung weit auseinander liegender Erschütterungen und dem jahrhundertelang praktizierten Trick der Durchbohnrung von Dach-und Bauchdecken zwecks Einschaltung sanft erschütternder Herd-und Nabelschau von langer Hand.
Wohin, wohin so schnell?
Dein eigen formulierter Satz, der literarisch schildern, wildern will, korrumpiert sich, denunziert sich, blamiert sich doch. Ungeahnte Wege und Strukturen der Beliebigkeit; der Sinnraum des durchpflügbaren Anbaufeldes ist längst versalzen. Tonnenschwere Gerätschaft preßt. Immer noch hieß das Schönste und Wahrhaftigste sich spontan, als sei es aus Wohldämmern bislang gerade ein wenig aufgescheucht auf dem Weg zum verstehenden Herzen. Den Zustand des Träumers nannten seine zufälligen Beischläfer Genie, dem aus der Ferne seiner übermüdeten Bedrückung ein Hinüberlangen in die Region der Belangbarkeit gelang. Jeder zusammenhängende Satz über Befindlichkeiten, Situationen, Zustände: er ist so lange überflüssig, wie er sofort in seine im Einzelnen lächerlich und sinnleer wirkenden Bestandteile aufgelöst werden kann, solange sich das sprechende Ich selber als BestandTeil empfindet.
Vernissagegemurmel vor der punktbestrahlten Grellheit fremder Bilder, in Übersetzungsbereitschaft, gierig blind, brechend angefüllt mit offenen Zuweisungen.
Der Horizont vor den aufgeklebten Textkörpern reißt, gebiert das erste Verbot an die Lyrik, das Worträtsel. Seine Anschlußzellen blähen sich erwartungsvoll auf: Die Selbstgewißheit des Buchstabierenden ist immer spekulativ. Wohin gelangen, wenn sich die Ankunft des Gelingens in seine zahllosen Möglichkeiten entzieht?
Angelika Janz,1985/99

 

Letzte Einzelveröffentlichungen:

  • 1996 „Schräge Intention“, edition ch, Wien
  • 2002 „orten vernähte alphabetien“, Lyrik und Prosa, Verlag Wiecker Bote Greifswald
  • In Vorbereitung: Erzählsammlung „Barackenleben“ und Essaysamlung: „In Scheindemokratien“

/ 5.8.02

 

Auf der lyrischen Baustelle

wird momentan wacker gearbeitet. – meint Sibylle Birrer in einer Zeitschriftenkritik, NZZ 5.8.02 Zitat (über „Drehpunkt“):

War die letzte Nummer erstübersetzten Miniaturen von Henri Michaux (1899-1984) gewidmet, so erinnert die jüngste Ausgabe an die 1984 verstorbene Schweizer Autorin Gertrud Wilker. Eingeleitet werden die grossteils unveröffentlichten Gedichte sowie das Prosastück durch einen Essay von Elsbeth Pulver, der auf wenigen Seiten Biographie, Werküberblick und kritische Würdigung mit beeindruckender Selbstverständlichkeit und Umsicht ausrollt. Die Novität ist denn die Erinnerung an ein schon fast vergessenes Stück Literaturgeschichte, in dem das lyrische Ich mit seiner Ernsthaftigkeit den Hintergrund schafft, vor welchem sich das heutige poetische Schaffen schalkreich und scherzhaft in Szene setzt.

  • Drehpunkt. Die Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 112, April 2002. 80 S., Fr. 14.- (Lenos-Verlag, Spalentorweg 12, 4051 Basel).
  • Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Nr. 18, April 2002. 85 S., Fr. 20.- (Urs Engeler, Dorfstrasse 33, 4057 Basel).

Auf beiden Homepages Leseproben aus dem aktuellen und aus älteren Heften. Hier Adolf Endler aus Zwischen den Zeilen:

Adolf Endler

Zwei Epigraphe. Nach Pound

1
«Fu I, der die hohe Wolke geliebt hat und den Berghang;
bedauerlicherweise gestorben am Alkohol.»

2
Die zweite Inschrift ist im ewigen Windhauch zerbröckelt;
sie gilt «unserm wortgewandten……….» – Mh, mh?

Adolf Endler in ZdZ 18

Strafstoßschießer

Seine Heimat ist Hasborn, nah bei Wittlich in der Eifel gelegen, wie das sächsische Klipphausen die des anderen Dorflyrikers Wulf Kirsten ist. Aber während Kirsten das alte Dorf mit seinen vergehenden Wörtern für vergangenes Gerät fast wie in einem Krampf des Gedächtnisses bewahren will, schreibt Kühn gelassen von dem, was er heute sieht. Er sieht das Ritual des sonntäglichen Fußballspiels, den „Strafstoßschießer“ als Helden: „Es ist in dieser Welt, / was einer wertvoll erachtet, / wertvoll, / dem Kind das Glitzerglas im Sand / und ihnen / der Ball im Tornetz / der Gegnermannschaft. / Da wird die Stimme laut / und wirft zum Halse fast hinaus / das Herz.“ / SZ 5.8.02

JOHANNES KÜHN: Nie verließ ich den Hügelring. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Irmgard und Benno Rech. Gollenstein Verlag, Blieskastel 2002. 167 Seiten, 18 Euro

Schaus und Budé

Über eine Lesung der beiden Lyriker Robert Schaus und Frans Budé berichten die Aachener Nachrichten (5.8.02):

Schaus und Budé kommen aus Ostbelgien bzw. den Niederlanden. Der 1939 in Nieder-Emmels geborene und bei Malmedy lebende Robert Schaus schreibt in deutscher und französischer Sprache, der 1945 in Maastricht geborene und dort lebende Frans Budé in niederländischer Sprache, jeweilige Übersetzungen liegen vor.