Rauhreif-Verlag

Eine Edition für Gedichte und lyrische Prosa will der Rauhreif-Verlag sein, den nun Curt Zimmermann (Nimrod-Literaturverlag) weiterführt. Der idealistische Kleinstverleger startet mit zwei ausserordentlich schön gestalteten Lyrikbänden. Dabei stellen sich zwei Schreibende aus sehr verschiedenen Lebensaltern, Ariane Braml (*1969) und Carlo Gianola (*1924), mit einer Auswahl an Gedichten vor. / NZZ 19.8.02

  • Ariane Braml: Im Sterngras reisst der Wind. Gedichte. Rauhreif-Verlag, 2002. 103 S., Fr. 31.-. –
  • Carlo Gianola: Mandelblüten, Muscheln und Algen im Haar. Gedichte. Rauhreif-Verlag, 2002. 179 S., Fr. 33.-.

Geheime Gedichte

In der Übersetzung des St. Galler Seferis-Spezialisten Evtichios Vamvas sind «Drei Geheime Gedichte» von Seferis erschienen – ein zyklischer Gesang mit grossem Atem.

Urquelle und Schöpfungsgrund dieser Lyrik ist das Meer, das Seferis in immer neuer Gestalt besingt – als Ort der Stille, der sanften Wellen, der Hitze, aber auch als dunkles Lebensrätsel. «Das Meer; was ist mit dem Meer geschehen?», fragt eines der Gedichte, blendet das verstörende Bild eines «vereiternden» Meers ein und erinnert an das Glück aus Jugendzeiten in den tiefen Worten des «Meergreises»: «Ich bin dein Ort – / vielleicht bin ich Niemand / aber ich kann zu dem werden, was du willst.» /
St. Galler TAGBLATT vom Montag, 19. August 2002.

Giorgos Seferis: Drei Geheime Gedichte, übersetzt von Evtichios Vamvas, Verlag Ivo Ledergerber, St. Gallen 2001.

Ira Cohen, Schamane

Wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs war auch Cohen stets ein rastloser Nomade und Abenteurer und lebte unter anderem in Tanger und Katmandu (heute wieder in New York). Mit seinen Filmen und Fotografien, die zwischen Ethnografie und Surrealismus anzusiedeln sind, dokumentiert der «Multi-Media-Schamane» Ira Cohen (Florian Vetsch) seine ganz persönliche Mystik. Als Lyriker hat Cohen eine ganze Reihe von Gedichtsammlungen herausgegeben, aber erstaunlicherweise hat nur ein einziger kleiner Band in den USA den Weg in die «offiziellen» Verkaufskanäle gefunden.

«Alles ist gleichzeitig wahr / Der Fluss des Lebens rauscht beständig / Bleib auf der Schwelle, kauf dir einen ImPersonal Computer / bade im Schimmer grenzenloser Virtualität / Dezentriere deine Vision, überschreite / die Grenzen menschlicher Natur». Ira Cohen, der grosse Unbekannte und wortgewaltige Derwisch unter den amerikanischen Lyrikern, wartet auf seine Entdeckung. /
Clemens Umbricht, Tagblatt 19.8.02

Ira Cohen:, Where the heart lies / Wo das Herz ruht, Rohstoff Verlag Herdecke, Fr. 28.-. – Ira Cohen: Brief an Kaliban & Andere Gedichte, Göttingen.

Aphra Behn

Die Weltzeitung FAZ steht der Weltzeitung NYT nicht nach und – porträtiert Aphra Behn, „vorbildliche Spionin, Intellektuelle und Dichterin des 17. Jahrhunderts“. / 18.8.02

Dada Queen

Die New York Times*) (18.8.) erinnert an die Dadaistin

Elsa von FreytagLoringhoven, die vor 75 Jahren auf mysteriöse Weise in Paris ums Leben kam:

A Dada poet and collagist, artists‘ model and troublemaker, she was called by those who knew her simply “the Baroness.“ In the late 1910’s and early 1920’s, the Baroness reigned among the intellectual avant-garde who laughed at sexual taboos and made art their revolution. But in the wildly colorful hothouse of Greenwich Village bohemia, the Baroness was the most exotic blossom of them all. “She is not a futurist,“ Marcel Duchamp said. “She is the future.“

 

Brion Gysin Reader

Da Gysin ein enorm in die Breite wirkender, Grenzen überschreitender Künstler war, finden sich in seinem literarischen Erbe die verschiedensten Textsorten: (…) frühe Cut-ups sowie Schriften zur Cut-up-Methode und der mit geschlossenen Augen zu betrachtenden, flickernden «Dreamachine» (beides bekanntlich Erfindungen Gysins); weiter Permutationsgedichte, die seinen Beitrag zur «poésie sonore» sichern, und Songs, wie Gysin sie etwa mit Steve Lacy oder Ramuntcho Matta vertont hat. Unter den Texten mit Erinnerungscharakter fällt «A Quick Trip to Alamut» auf, ein Text, der von Gysins früher Faszination durch Hasan-i Sabbah, den Alten vom Berg, erzählt, von der Bedeutung dieser Figur für seinen Freund William S. Burroughs und der Geschichte der Assassinen… / Neue Zürcher Zeitung, 17. August 2002

Jason Weiss (Ed.): Back in No Time / The Brion Gysin Reader. Wesleyan University Press, Middletown, Connecticut 2001. 354 S. Gebundene Ausgabe $ 60.-; Paperback-Ausgabe $ 24.95.

Lutz Rathenow

Von einem neuen Buch von Lutz Rathenow und des Dichters 50. Geburtstag lesen wir in der Ostthüringer Zeitung, 17.8.02

Sommernacht der Poesie

Der Lyriker und Kritiker Hauke Hückstädt zum Beispiel verbindet in seinen Erzählgedichten gedankliche Streifzüge mit Bildern von den sperrigen Einzelheiten der Industrielandschaften, mit gesammelten Sprachfetzen und Erinnerungen an seine Kindheit in der DDR. „Drück dich klar aus, aber mach es dir nicht zu leicht“, nennt Hückstädt dieses Verfahren selber. Wie der Lyriker Michael Hofmann, mit dem Hückstädt befreundet ist, wünscht er sich „Gedichte vom Format / und von der Beschaffenheit von Ziegelsteinen“. Gleichwohl sind seine Texte meist lang und nervös, manchmal aber auch schlicht lang- atmig und etwas flapsig – allein, die konzentrierte Aussprache des Vorlesers Hückstädt tröstet darüber ein wenig hinweg. / Stuttgarter Zeitung 17.8.02

Erlanger Poetenfest

Über das Erlanger Poetenfest vom 29.8.02 bis 1.9.02 berichten die Nürnberger Nachrichten am 17.8.02. Ein Schwerpunktthema heißt „Junge Lyrik aus Berlin und der Nähe“ mit vielen jungen Autoren und DJ-Begleitung.
Info: www.poetenfest-erlangen.de.

Julius Mosen

Und noch ein Dichter: An Julius Mosen (1803 – 1867) erinnert die Frankenpost, 16.8.02

Kräfte lassen nach

Sportliches aus Köln: die Kölnische Rundschau berichtet am 16.8.02 über ein Kräftemessen von Lyrikern aus NRW und den Niederlanden. Der Bericht spricht von einer Art Pisa-Schock der Literaturszene:

„Wir konnten feststellen, dass es in den letzten Jahren eine Auswanderung nordrhein-westfälischer Autoren gegeben hat. Zwei Drittel ziehen nach Berlin ab, und der Rest sucht sich eine neue Heimat in Hamburg oder München.“

(Manche freilich verschlägt es bis Vorpommern!)

Schloß Wiepersdorf

Über das Jubiläum des Künstlerhauses Schloß Wiepersdorf berichtet der Tagesspiegel am 16.8.02:

Die Sonntagsstille hält, staunte die dänische Lyrikerin Inger Christensen, gleich wochenlang an. Ringsum liegen weite Felder, die nächste größere Stadt ist ein gewisses Jüterbog. „Man kann nicht fortgehen“, schrieb Jürgen Becker, „es hieße sich / der Endlosigkeit der Chausseen zu überlassen“.

Den Fritz-Reuter-Literaturpreis

haben jetzt wieder die Stadt Stavenhagen und deren Fritz-Reuter-Literaturmuseum ausgeschrieben. Wer sich um den mit 1250 Euro dotierten Preis bewerben will, muss dazu bis spätestens 10. September Arbeiten einreichen, die seit Januar 2001 erstmals veröffentlicht wurden. Gefordert sind Lyrik oder Prosa in niederdeutscher Sprache, Arbeiten, die sich mit niederdeutscher Sprache befassen oder solche, die sich mit niederdeutsch schreibenden Autoren beschäftigen. Entgegen nimmt die Bewerbungen das Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen, Markt 1, in 17153 Stavenhagen. Die Preisverleihung findet am 7. November um 19.30 Uhr mit einer Festveranstaltung im Reutermuseum statt / Nordkurier 16.8.02

Ver-rückerter Piranesi

Weitgehend ist Rückert ja vergessen, einige Gebildete unter den Mahler-Hörern kennen die Kindertotenlieder,die sind von Rückert, ein halbes Dutzend Stücke, zu Herzen gehend, wunderbar rührend, sehr gute Gedichte auch, es ist leicht und gerecht, sie zu bewundern. Aber vor einigen Jahren hat Wollschläger (einer der jetzigen Rückert-Editoren, eigentlich wohl die treibende Kraft unter ihnen) alle Kindertotenlieder Rückerts herausgegeben, bei Franz Greno damals, und siehe, es waren nicht fünf oder sechs Gedichte seinerzeit gewesen, vor jetzt guten 165 Jahren, als Rückert Anlass hatte, den Kindertod zu bedichten, sondern 400 oder 500 Gedichte, 500 Seiten lang. Gefangener seines Leids, hatte Rückert, ein Piranesi des Dichtens, einem unliebenswürdigen Gott die Welt zurückgegeben: Reim- und Wörterverlies und -katakombe. …

Dieses Alterswerk [Das Liedertagebuch] rechtfertigt die ganze an sich ziemlich wahnwitzige Rückert-Ausgabe so sehr, dass man im Grund den Rest davor weglassen könnte. / Rolf Vollmann, Die Zeit 34/2002

Friedrich Rückerts Werke
Historisch-kritische Ausgabe, „Schweinfurter Edition“; herausgegeben von Hans Wollschläger und Rudolf Kreutner; Wallstein-Verlag, Göttingen 1998 ff.

Die Weisheit des Brahmanen
2 Bde., Werke 1835/36; bearbeitet von Hans Wollschläger und Rudolf Kreutner; 1998; 2 Bde., zus. 1115 S., 99,- €

Gedichte von Rom und andere Texte der Jahre 1817-1818
Bearbeitet von Claudia Wiener; 2000; 748 S., 74,- €

Liedertagebuch
Bd. 1/2, Werke der Jahre 1846-1847; bearbeitet von Rudolf Kreutner und Hans Wollschläger; 2001; 443 S., 59,- €

Bd. 3, Werke des Jahres 1848; bearbeitet von Rudolf Kreutner und Hans Wollschläger; 2002; 480 S., 49,- €
(Band 3 erscheint im Oktober 2002)

Mysteriös, faszinierendst und unbekanntest

nennt Sabine Franke in der FR vom 15.8.02 die Dichterin Christine Lavant.

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider. Otto Müller Verlag, Salzburg und Wien 2001, 160 Seiten, 15 .