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Die genuine Digitalpoesie unserer Tage, die zur Medienkunst zählt, nutzt Sprache als reines, vom Semantischen losgelöstes Material für akustisch-visuelle Installationen und Online-Experimente. Ist aber die genuine Lyrik unserer Tage, die mit Permutationen und Kombinationen immerhin mathematischen Verfahren folgt, völlig frei von digitalen Einflüssen? Das habe ich mich gefragt und diese Frage an deutschsprachige Lyrikportale weitergegeben. Die zahlreichen ausführlichen Antworten, von denen ich hier aus Platzgründen nur einige auszugsweise zitieren kann, könnten glatt den Grundstock einer germanistischen Dissertation bilden.
Schreibt Elke Heinemann in der FAZ (jetzt auch online). Und gibt damit glatt ein Beispiel für Chancen und Gefahren digitaler Kommunikation. Bei der analogen (sich selektiv digital präsentierenden) Zeitung bündelt Fachfrau für Diskurs Brocken und Bröckchen aus „zahlreichen ausführlichen Antworten“ zu einem Feuilletonartikel. In der germanistischen Dissertation dann bündelt Fachmann noch mehr Material zu einer 250seitigen Facharbeit, die, von den Gutachtern gelesen, ihm einen akademischen Titel einbringt und später von anderen Spezialistinnen zitiert (manchmal auch nur bibliographiert) wird.
Ein digitales Medium könnte das gesamte Material vernetzt präsentieren, mit einem oder mehreren Kommentaren versehen und der selektiven Benutzung des Publikums überlassen. Ein (utopisches) Kommunikations-und Wissensmodell ohne einschränkende Regularien, bei dem es „nicht darum [geht], zu zeigen, wie tiefgründig oder klug Texte sein können*, sondern darum, inwieweit die Diskurse von Ärzten, Wissenschaftlern, Romanciers[, Lyrikern, Kritikern] und anderen die Sachverhalte, die sie zu analysieren vorgeben, erst schaffen.“** Aber wer will das schon?
Die Besprechung für den Leser hinter den großen Zeitungsseiten endet mit einem Zitat, das Neugier weckt:
Ich schließe mich hier dem Herausgeberteam des Lyrikportals karawa.net an, das mir schreibt: „Wenn der Begriff des ,Digitalen‘ Konsens für ein fortschrittliches Literaturverständnis zu werden droht, ist es selbstredend poetische Pflicht, ihn als solchen zu sabotieren.“
Ein guter Gedanke. Und schwupp! vom Feuilleton vereinnahmt. Ich wüßte zu gern, was das Herausgeberteam (aktuell Konstantin Ames / Sonja vom Brocke / Richard Duraj / Mara Genschel / Norbert Lange / Léonce W. Lupette) außer dem einen Satz noch geschrieben hat. Vielleicht gibt uns die Zeitung ja in 4 Wochen weitere Bröckchen.
*) die zu besprechenden Texte und nicht zu vergessen die Besprechung selber
**) Jonathan Culler: Literaturtheorie. Eine [sehr] kurze Einführung. Stuttgart: Reclam, 2002, S. 26
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