Missachtung und Tabu

In der FR vom 6.3.03 geht Hanno Loewy noch einmal auf Klaus Brieglebs Streitschrift zum Thema Antisemitismus in der Gruppe 47 ein:

Mancher geht dabei so weit, Brieglebs Argumente zu pathologisieren. Reinhard Baumgart vergleicht ihn schließlich gar mit David Irving. Nun ja – als Paul Celan 1952 auf der 47er Tagung in Niendorf ausgelacht wurde, da hätte sein „pathetischer“ Vortragsstil die 47er, wie Walter Jens sich ganz arglos äußerte, an Joseph Goebbels erinnert. Man ist also selbst nicht zimperlich, wenn der Spaß aufhört. Die interessante Frage aber ist, warum eigentlich der Spaß gerade hier aufhört.

Ist Brieglebs Streitschrift am Ende doch nicht Ausdruck einer „Anti-Richter (-Walser, -Grass, -Raddatz, -Kaiser)-Obsession“ (Frauke Meyer-Gosau), sondern etwas Einfacheres: Ausdruck einer Wut? Einer Wut, die ein Spiel wie „mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“ unweigerlich erzeugt. Einer Wut, die in eine verletzende, vor allem aber eigene Verletzung preisgebende Verbindung von Polemik und Essay mündet. Ist Brieglebs Wut eine zwar nicht kluge, aber verständliche Reaktion auf ein Phänomen, dessen Gestalt wir im Verhalten eines Raddatz, eines Jens oder Baumgart erneut, sozusagen frisch studieren können?

Briegleb, Klaus
Missachtung und Tabu
Eine Streitschrift über die Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?
(Philo) ISBN 3-8257-0300-2
42,80 sFr / 24,90 Eur[D] / 25,60 Eur[A]

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