2001 April

Sprache / abgehetzt / mit dem müden Mund / auf dem endlosen Weg / zum Hause des Nachbarn.

Johannes Bobrowski, ein unbekannter Dichter aus Friedrichshagen, habe im Jahre 1962 mit dem Rücken zum Fenster gestanden und sieben Gedichte vorgelesen, erzählte Klaus Wagenbach. Die Gruppe 47, die im Jahr nach dem Mauerbau in dem Haus am Wannsee zusammentraf, wo das Literarische Colloquium residiert, sei derartig beeindruckt gewesen von dem Dichter aus Ost-Berlin, dass sie Bobrowski „spontan“ den Preis der Gruppe 47 zusprach, der quasi schon an Peter Weiss vergeben gewesen war. Der unabhängige Ton, der in der westdeutschen Mode der Zeit keine Entsprechung hatte, der Klopstock-Anklang habe die Gruppe 47 „entzückt“, Bobrowskis großes Thema, der „deutsche Osten“, wie man damals noch sagte, die Geschichte und die Verstrickungen der Deutschen im Baltikum, in Polen und Ostpreußen hätten die meisten Mitglieder der Gruppe 47 jedoch kaum interessiert, sagte Wagenbach am Sonntag im LCB auf der ersten Veranstaltung der neuen Johannes-Bobrowski-Gesellschaft. / Berliner Zeitung 10.4.01

Theodor-Kramer-Preis an Stella Rotenberg

Der erstmals ausgeschriebene Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil geht an die in Österreich geborene und in England lebende Lyrikerin Stella Rotenberg. Dies hat der als Jury fungierende Vorstand der Theodor-Kramer-Gesellschaft einstimmig beschlossen. Der Preis ist ein Würdigungspreis, der nicht aufgrund von Einreichungen vergeben wird und mit mindestens 50.000 Schilling dotiert. Die Autorin wird bei der Verleihung am 23. April in Wien aus ihrem Werk lesen, die Laudatio werden Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser halten. / Der Standard 11.4.01

Michael Hofmann

wurde 1957 in Freiburg geboren und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in England. Seine Gedichte schreibt er in Englisch; er hat sich als literarischer Übersetzer ins Englische einen Namen gemacht. Der Vater ist der bekannte, 1993 verstorbene deutsche Schriftsteller Gert Hofmann. Vor dessen aufgebahrter Leiche steht ein Messingschild mit seinem Namen: «Dr. Gert Hofmann.» Auch daran erinnern sich Michael Hofmanns Gedichte. «It was a fugitive childhood» heisst es in einer Strophe des Titelgedichtes. «Eine Flüchtlingskindheit» übersetzt Marcel Beyer . Die Fortsetzung gibt seiner Version Recht: Der Vater jagt den Vierjährigen um den Tisch, fällt hin, bricht sich den Arm, «den er wider mich hatte erheben wollen». Wieder keine Berührung. Fein macht die «Feineinstellungen» auch die in solchen Szenen spürbare, leise Ironie Michael Hofmanns. / NZZ 11.4.01

The new Republic recommends

André Breton opens What is Surrealism with a „remark“ made by Isidore Ducasse, also known as the Comte de Lautréamont : „At the hour in which I write, new tremors are running through the intellectual atmosphere; it is only a matter of having the courage to face them.“ The Surrealists took Lautréamont’s poems and his Chants de Maldoror and, working backwards, made him into a sort of crooked grandfather for their movement… / TNR 10.4.2001 (Newsletter )

Seamus Heaney’s new book

of poems is the consciously late work of a master poet meditating on the origins and inevitable ending of his life and art. Like most of Heaney’s books, it is a compendium of poetic genres: eclogue, elegy, epigram, joke, yarn, meditation, ecstatic lyric, after-dinner speech and more — all subtly tuned to diverse vocal registers in an array of verse forms fitted to various occasions, showing again Heaney’s will (and ability) to speak of many kinds of experience to many kinds of reader.

Electric Light
By SEAMUS HEANEY – Farrar, Straus and Giroux

Mit Leseprobe, Heaney-Special (mit den Besprechungen seiner früheren Bücher seit 1967 und Artikeln von und über Heaney) und Audio: Seamus Heaney Reads ‚Keeping Going,‘ ‚The Strand‘ and Others (September 18, 1996)/ New York Times 8.4.01 (kostenlos, aber Anmeldung erforderlich)

Lupins

They stood. And stood for something. Just by standing.
In waiting. Unavailable. But there
For sure. Sure and unbending.
Rose-fingered dawn’s and navy midnight’s flower.
Seed packets to begin with, pink and azure,
Sifting lightness and small jittery promise:
Lupin spires, erotics of the future,
Lip-brush of the blue and earth’s deep purchase.
O pastel turrets, pods and tapering stalks
That stood their ground for all our summer wending
And even when they blanched would never balk.
And none of this surpassed our understanding.

Featured Author: Allen Ginsberg

„Spontaneous Mind: Selected Interviews, 1958-1996,“ by Allen Ginsberg. Edited by David Carter.

Allen Ginsberg died in 1997, but his „uniquely frank and vivid voice seems to sound again in its deftly edited pages“ of interviews conducted over 40 years, writes William Deresiewicz, who teaches English at Yale University. „Yet if anyone knew the difference between printed text and living speech, it was the poet who made immediacy the foundation of his art. Ginsberg talking is like Charlie Parker taking his saxophone out for a spin at the far reaches of harmony and rhythm; reading him is the mental equivalent of being driven at top speed down a winding mountain road.“

Deresiewicz concludes that „the stereotype of Ginsberg as a semiliterate primitive leaves one unprepared for his erudition and intellectual brilliance.“

Featured Author: Allen Ginsberg This retrospective includes reviews of Ginsberg’s books of poetry, journals and essays, articles about Ginsberg, a slide show and a tape of a live reading by Ginsberg from 1977. / New York Time s 8.4.01

Wounded by Un-Shrapnel. JAMES FENTON on Philip Larkin

It is often casually said of Larkin’s poetry that it expresses common experience, that it has its origin in the commonplace, or even—I have seen this in newspapers—that the famous catchphrases that have been drawn from it („What will survive of us is love,” „Books are a load of crap,” „Life is first boredom, then fear,” „They fuck you up, your mum and dad”) express a common point of view. But what strikes us most about Larkin is not the commonness but the singularity of the point of view. / New York Review of Books April 12, 2001

«O my America! My new-found Land!» Eros und Sprache im England der Renaissance

So vergleicht etwa Michael Drayton am Ende des 16. Jahrhunderts – ganz nach der petrarkistischen Mode der Zeit – in seinem Sonett «Idea No. 50» einen Liebenden mit einem zum Tode verurteilten Verbrecher. Der Mann erscheint dabei als Opfer; die Frau dagegen als einer von mehreren – männlichen! – Chirurgen, die den Verbrecher bei lebendigem Leib sezieren, weil es ihnen um die Entdeckung der Grenze zwischen dem lebenden und dem toten Körper zu tun ist. Das Gedicht beschreibt aber auch – in für elisabethanische Leser ziemlich unverstellter Form – den sexuellen Akt: die Wörter «cure» (sexuell erregen) und «kill» (zum Orgasmus bringen) hatten unzweideutige Konnotationen. Aber die Bilderfolge geht in ihrer auf die wirkliche Welt bezogenen Konkretheit noch sehr viel weiter, indem sie Sexualität in einen Kontext stellt, der von der Entdeckung, Eroberung und Kolonisierung fremder Länder, von Rechtsprechung, Strafvollzug,von den chirurgischen Eingriffen bei der Leichensektion und schliesslich von der tabuisierten absoluten Macht der Königin erzählt:

As in some Countries, farre remote from hence, The wretched Creature destined to die, Having the Judgement due to his Offence, By Surgeons beg’d, their Art on him to trie, Which on the Living worke without remorse, First make incision on each mast’ring Veine, Then stanch the bleeding, then trans-pierce the Coarse, And with the Balmes recure the Wounds againe; Then Poyson, and with Physike him restore Not that they feare the hope-lesse Man to kill, But their Experience to increase the more: Ev’n so my Mistres workes upon my ill, By curing me and killing me each Hour, Onely to shew her Beautie’s Sov’raigne Pow’r.

(So wie in gewissen Ländern, weit weg von hier, / ein armes Geschöpf, welches durch ein seinem Verbrechen gemässes Urteil zum Tode bestimmt ist, /von den Chirurgen einverlangt wird, damit sie an ihm ihre Kunst probieren, / indem sie ohne Mitleid an dem lebenden Körper zu arbeiten beginnen: / Zuerst schneiden sie jede einzelne der Hauptvenen auf, / dann stillen sie die Blutung, dann durchstechen sie den Körper, / und dann schliessen sie die Wunden mit Balsam wieder zu, / dann wenden sie Gift an, und mit Medikamenten machen sie dessen Wirkung wieder rückgängig, / denn sie wollen den hoffnungslosen Mann nicht töten, / sondern bloss ihre Erfahrung vermehren, / genau so verfährt meine Freundin mit meiner Krankheit, / sie heilt und tötet mich von Stund zu Stund, / bloss um mir die souveräne Macht ihrer Schönheit zu zeigen.)

In dem Sonett von Drayton spielt der Körper die zentrale Rolle. Er ist zwar auch der Ort der Sexualität, aber er hat im Laufe des Jahrhunderts neue Bedeutungen angenommen: Er gehört nicht mehr dem Individuum allein, sondern er ist vielmehr ein Mikrokosmos, in dem sich der Makrokosmos des Universums, der Welt und des Staatsabbildet. Der Staat selbst ist ein Körper, der Körper der Königin ist das Abbild des Staatskörpers. Der kranke Körper – und die Liebe gilt als Krankheit («work upon my ill») – bedeutet Rebellion gegen den Staat. / Christian A. Gertsch, NZZ 7.4.01

Außerdem bespricht die NZZ: Gödden, Walter / Kiefer, Reinhard : „Utopische Dichter“. Der Schmallenberger Dichterstreit 1956, Ernst Meister und die Folgen. Analysen und Dokumente Ardey Verlag, Münster, 2000, Broschiert, 155 Seiten, 19.80 DM

THE father of Keshan Gunawardena ,

the Eton schoolboy who died last week in a suspected suicide pact with his chronically ill mother, has described how he found his son’s last poem by the bodies… (schreibt die Sunday Times vom 8.4.01). Incl. Final poem of suicide pact son: Bovine Philosophy

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