59. Gabriela Mistral

Zu jener Zeit kam nach Temuco eine hochgewachsene Dame in langen Kleidern und Schuhen mit niederen Absätzen. Sie war die neue Direktorin der Mädchenschule. Sie kam aus unserer australen Stadt, von den Schneefeldern an der Magallanes-Straße. Sie hieß Gabriela Mistral. Ich sah sie in ihren Priestergewändern durch die Gassen meines Dorfes gehen und hatte Angst vor ihr.

Der ängstliche Knabe sollte seine Meinung bald ändern, denn die hochgewachsene Dame erwies sich als sehr freundlich und sie weckte seine Liebe zur russischen Literatur. Zudem ermutigte sie ihn, seine Schreibversuche nicht aufzugeben. Diese Geschichte wirkt fast so, als wäre sie erfunden, zu schön, um wahr zu sein: Die erste Begegnung zweier künftiger Nobelpreisträger – Gabriela Mistral, die eigentlich Lucila de María del Perpetuo Socorro Godoy Alcayaga hieß und Neftali Ricardo Reyes Basoalto, später bekannt als Pablo Neruda. (…)

1945 verlieh die Schwedische Akademie ihr den Nobelpreis für Literatur „als große Sängerin der Gnade und der Mutterschaft“. Das war der erste Literaturnobelpreis, der nach Lateinamerika ging. Mistral reiste nur deshalb zur Entgegennahme des Preises nach Stockholm, weil sie ihn als eine Anerkennung für Lateinamerika verstand. Acht Jahre später ehrte Chile seine große Dichterin mit dem Nationalpreis für Literatur. Doch erst 1954 stattete sie dem Land wieder einen kurzen Besuch ab. Am 10. Januar 1957 erlag Gabriela Mistral in den USA einer Krebserkrankung, ihrem Wunsch entsprechend wurde sie in Montegrande, dem Ort ihrer Kindheit beigesetzt.

La divina Gabriela, die göttliche Gabriele, so nannten sie ihre Landsleute. Pablo Neruda, der andere chilenische Nobelpreisträger, lud sie ein, ihren alten Groll zu vergessen:

Komm Gabriela, geliebte Tochter dieser Rapsfelder, dieser Steine, dieses Gigantenwindes. Wir alle heißen dich freudig willkommen. (…) Du bist Chilenin. Du gehörst dem Volk. (…) Du bist eine ergreifende Vorkämpferin für den Frieden. Aus diesen und anderen Gründen lieben wir dich.

/ Gabriele Töpferwein, Quetzal. Politik und Kultur in Lateinamerika

Quellen:

58. Nina Cassian gestorben

Nina Cassian, als “Grande Dame” der rumänischen Poesie gefeierte Dichterin, Malerin und Komponistin, ist tot. Sie starb am Dienstag im Alter von 89 Jahren in New York.

Das berichtete die rumänische Nachrichtenagentur Mediafax am Mittwoch unter Berufung auf die Familie der Künstlerin. Cassian war für ihre surrealistisch beeinflusste, sinnlich-intellektuelle Lyrik und für ihren bohèmehaften Lebenswandel in Rumänien berühmt. (…)

Ab 1985 lebte sie in den USA. Cassian hat mehr als 50 Gedichtbände veröffentlicht. Einige Gedichte sind auch in englischer, italienischer und deutscher Übersetzung erschienen. Als bedeutendes Zeitdokument gilt ihre rumänisch erschienene dreibändige Autobiografie. / t-online.de

57. Wer nicht für uns ist…

Ich habe viele meiner russischen Freunde verloren. Ich kann diese Begeisterung in den Augen nicht sehen, wenn von „Anschluss“ die Rede ist oder von „Annexion“ oder davon, dass die Ukrainer „bald nichts mehr zu essen haben werden und dann selbst darum bitten werden, sich mit uns zu vereinigen“. In Moskau heuert man ukrainische Gastarbeiter mit Schadenfreude für die allerunqualifiziertesten Arbeiten an. Ein ungeheurer Ausbruch von Patriotismus.

In keinem Restaurant bekommt man mehr Krimsekt, alles wurde bei Siegesfeiern ausgetrunken. Ständig ist davon die Rede, dass wir ohne Gefühle von Gotterwähltheit, ohne imperiale Emotionen gar nicht mehr wir wären, das russische Volk. Vor den Einberufungskommissionen drängen sich russische Freiwillige, die es den „Bandera-Leuten“ zeigen wollen.

Mich hat Gorbatschow erstaunt. Selbst er ließ sich von der nationalistischen Welle erfassen und erklärte, die Krim hätte schon längst heimgeholt werden müssen. Dass die historische Gerechtigkeit wiederhergestellt sei. Da allenthalben die antiwestliche Hysterie angefacht wird, redet auch er nicht mehr vom europäischen Weg, von der Partnerschaft mit Europa, von allgemeinmenschlichen Werten.

Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Gehört zur fünften Kolonne, zu den Finsterlingen vom State Departement. Das stalinistische Vokabular ist vollständig wiederhergestellt: Verräter, Abtrünnige, Helfershelfer der Faschisten. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Stalinisten jetzt orthodox sind. In Kaluga tötete während eines Betriebsfestes ein Bankangestellter einen Kollegen. Die beiden stritten über die Ukraine.

Am verhasstesten sind jetzt die Liberalen. Die Liberalen sind schuld an den verfluchten neunziger Jahren, am Verlust des Imperiums. Das Volk verlangt, die Wohnungen der Liberalen zu konfiszieren, sie einzusperren, zu erschießen. Das von Gott erwählte Volk! Das Fernsehen führt die Feinde vor. Etwa den bekannten Rockmusiker Andrej Makarewitsch, dem alle Auszeichnungen und sein Orden für Verdienste ums Vaterland aberkannt werden sollen. / Svetlana Alexijewitsch, FAZ

56. Hu yu yux

Charles Bicalho has worked and translated songs from the Maxakali, such as the “Sacred Song of the Leaf”, composed with an extreme economy of means. The poem-song, which the Maxakali call yãmîy in their language, fuses its rhythms with the very movements of nature, in a cycle of constant renewal and repetition. The movements of the leaf and the poem as interconnected:

hu yu yux
hu yu yux

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

leaf comes
flying with
yãmîy comes
falling with

hu yu yux
hu yu yux

Other invaluable efforts include the work of Pedro Cesarino, who has recently published a translation of the “Yawa shõka”, or “Song to attract wild pigs” from the Marubo people.

Bruna Franchetto is currently working on the translation of female songs from the Kuikuru, and Douglas Diegues, an important Brazilian poet living close to the border of Brazil and Paraguay – where the Guarani language is still spoken by a significant part of the population, has recently published his translation of the “Ayvu Rapyta”, a long and powerful poem from the Mbya Guarani.

Brazilian poetry hasn´t been totally impervious to these traditions. The most important Brazilian poet in the XIX century, Joaquim de Sousândrade (1832 – 1902), delved into the Amerindian cosmogonies to write his epic “O Guesa” (1884), of which the most famous canto is the highly experimental “Wall Street Inferno”, with its babelic poliphony of languages. / Ricardo Domeneck, Babelsprech

55. Contemporary Brazilian Poetry

Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Mit der Reihe “Türmer der Nachbarn” wollen wir den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung erweitern. Wir sind froh, dass wir diese Erweiterung nun auch organisatorisch abbilden können, denn wir konnten das Hilda Magazine und die holländische Seite Samplekanon für eine Kooperation gewinnen. Nachdem Max Oravin im ersten Beitrag die junge Finnische Dichtung vorgestellt hat, widmet sich die folgende Serie der Dichtung in Brasilien. Ricardo Domeneck, Herausgeber von Hilda und Lyriker zwischen Brasilien und Berlin nähert sich mit angemessener Vorsicht einem Feld, das viel zu lange als ausschließlich Portugiesisch beschrieben worden ist. Aber Brasilien ist älter und jünger als die Geschichte portugiesischer Kollonisation, vor allem ist dessen Lyrik pluralistischer. Diese Vielfalt verfolgt der Autor in den kommenden drei Ausgaben. In diesem ersten Block zunächst einige grunlegende Überlegungen, eine historische Einleitung und ein Teil zur gegenwärtigen Performance Kunst in Brasilien. (Wir haben den Artikel nun zunächst im Englischen Original veröffentlicht; eine Übersetzung werden wir in den folgenden Wochen anfertigen und so bald wie möglich nachreichen)

Contemporary Brazilian Poetry, In The Singular:
Giving Voice to a Few Tongues, Silencing Hundreds
(in the best Brazilian style)

by Ricardo Domeneck

Auszug:

One of the huge problems in such a task is that Brazil, a country of continental proportions, tends to be seen by ourselves and others as “unified”. One language, one culture, much in the way we look at other continental-sized countries such as Russia or China, forgetting the myriad of “minor” languages spoken in the countries, unprotected by oficialdom, hiding “traditions-other”, if you allow me the strange construct.

This seems particularly forbidding for my present task when I think of Brazil, a territory where nothing is more efficient than the agents of the status quo. A Nation-State unified in its territory after the independence from Portugal, unlike Hispanic America which broke into several republics, because every single rebellion and every single revolution was crushed by a centralized Government without mercy. When asked why Brazil enjoys such an image of peace when discussed abroad, if I myself constantly talk of its violence, I usually say that this phenomenon takes place because at every instance of rebellion, nobody is left alive to tell the story.

I once wrote on the same matter saying that one must escape the danger of discussing “contemporary Brazilian poetry” as if “contemporary”, “Brazilian” and “poetry” possessed some sort of quidditas, a given essence agreed upon by all. Just to mention this fictive “Brazilianness”, Mário de Andrade, an important Modernist poet and theoretician from São Paulo, in the south of Brazil, once wrote in a poem about a man, living in the North and having just come home from work, ending the poem, called “Discovery”, with the line: “This man is as Brazilian as I am.” But are all experiences in the territory as Brazilian as the next one? Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987) had already questioned this in a poem apropriately titled “National Anthem”, from his first book, saying in its last lines:

“Our Brazil is in another world. This is not Brazil.
No Brazil exists. Would Brazilians however exist?”

And if they do exist, when have they begun to? Take any school manual for Brazilian Literature and the answer will be: 1500, with the “arrival” of the Portuguese, which I will ask your permission to rewrite here as the Invasion of the Portuguese. Their choice is political and clear: Brazil and Brazilians, and therefore Brazilian poetry, produce and express themselves in Portuguese.

But that lands us right back on the problem of some voices in the midst of much silence. Either we consider Brazilian Literary Tradition as beginning in 1822, when the country became independent of Portugal, or we must consider the production of signs in that territory from its very beginning. After all, German Poetry does not begin in 1871. Again, we are faced with a decision which is not only literary, but political.

Megalomaniac, maybe – but a political choice

This is not literary criticism, Ricardo. This is anthropology.”
a Brazilian poet and friend, reacting to the first draft of this article.

What Jerome Rothenberg has called Ethnopoetics in his critical work in the United States, has only found practitioners in Brazil in the past couple of decades. In anthologies like “Technicians of the Sacred” (1968) and “Shaking the Pumpikin: Traditional Poetry of the Indian North Americas” (1972), Rothenberg collected poetry from ancient cultures such as the Maya and Egyptian, along with poetry from the early 20th century indigenous cultures, creating parallels between their language art practices and those of our historical avantgarde which showed us the true meaning of what tradition could be, beyond our romantic notions of the “national”, and displaying what true historical synchrony could mean to our literary studies.

This is important to note because when I start discussing a few poets and poetic practices in Brazil today, conducted in Portuguese, it must be clear that several traditions are still active in Brazil today, in indigenous languages, striving to survive, and this article will have silenced all of them.

54. Zwei Ansichten

von Poesie und Realität:

Wiener Journal: Sie saßen zuletzt mit Kanzler Werner Faymann im Bruno-Kreisky-Forum auf dem Podium – dort prallten zwei Positionen aufeinander: der europäische Traum von Robert Menasse und der Pragmatismus des Bundeskanzlers. “Sie haben leicht reden”, meinte Kanzler Faymann: “Sie sind Dichter, können träumen, aber ich bin Kanzler und muss mit der Realität arbeiten.”

Robert Menasse: Die Gründerväter des europäischen Projekts waren ebenfalls Pragmatiker. Sonst würde es die EU ja nicht geben. Sie haben den europäischen Einigungsprozess sehr pragmatisch und nachhaltig auf Schienen gestellt. Pragmatismus bedeutet nicht, dass man sich kühne Ideen verbieten muss. Pragmatismus ist nichts anderes als eine Technik, mit der man Schritt für Schritt unter gegebenen Umständen, diese erweiternd, seine Ideen umsetzen kann, um einem Ziel näher zu kommen. Die heutigen politischen Repräsentanten haben ja nicht einmal mehr zum Pragmatismus ein pragmatisches Verhältnis. Sie glauben, Pragmatismus bedeutet, in den gegebenen Umständen irgendwie zu überleben. Sie halten Ideen für verwirrend und Ziele grundsätzlich für utopisch. Sie können mit dem Begriff Utopie nichts anfangen. Was sich real seit über sechzig Jahren an einem konkreten Ort, nämlich hier in Europa, entwickelt, ist ein Prozess, aber keine Utopie, kein phantastisches Nirgendwo.

Manche europäische Intellektuelle vermissen heute die große Erzählung im Zusammenhang mit Europa, die Poesie.

Mir fehlt in der gegenwärtigen politischen Sprache nicht die Poesie, sondern der Realitätssinn. Gäbe es diesen, fände er manchmal auch einen poetischen Ausdruck. Die großen politischen Reden mit poetischer Wucht waren ja immer Ausnahmeereignisse. Martin Luther Kings “Ich habe einen Traum” oder Kennedys “Ich bin ein Berliner”, Churchills “Blut, Schweiß und Tränen”-Rede. Die haben ja nicht täglich solche Reden gehalten. Aber sie wussten, was sie wollten, in einer Rede hat sich das verdichtet, und das hat nachhaltig gewirkt. Wissen Faymann und Spindelegger, was sie wollen? Ich glaube nicht. Sonst würden sie nicht so stammeln, sich so hilflos an Phrasen klammern. Ihre Sprache zeigt nur eines: Sie wollen wiedergewählt werden.

/ Wiener Zeitung

53. Pulitzerpreis

Der in Indien geborene Dichter Vijay Seshadri erhält den Pulitzerpreis in der Kategorie Lyrik für sein Buch “3 Sections”.

Die Pulitzerpreise für Journalismus, Literatur, Drama und Musik wurden zum 98. Mal vergeben.

Mr. Seshadris ’3 Sections’ ist eine Sammlung herausragender Gedichte, “die das menschliche Bewußtsein zwischen Geburt und Demenz untersuchen mit bald witziger bald ernster, mitfühlender und unbarmherziger Stimme”, heißt es in der  Mitteilung. Der Preis ist mit 10,000 Dollar dotiert.

Der Autor lehrt Lyrik und Sachbuch am Sarah-Lawrence-College für freie Künste in New York. Er wurde 1954 in Bangalore geboren und kam mit 5 Jahren in die USA, wo er in Columbus, Ohio aufwuchs.

Er ist der fünfte Autor indischen Ursprungs, der den begehrten Preis gewann. Der erste war im Jahr 1937 Gobind Behari Lal, der in der Kategorie Reportage ausgezeichnet wurde. 2000 erhielt Jhumpa Lahiri den Preis für Fiktion für ihren Erzählungsband “Interpreters of Maladies”. Geeta Anand wurde 2003 für Reportagen für das Wall Street Journal ausgezeichnet und  Siddhartha Mukherjee 2011 in der Kategorie Sachbuch. / NDTV