76. Klagruf
Sarah Kirsch (1935-2013 )
Zwei Gedichte
Klagruf
Weh mein schneeweißer Traber
Mit den Steinkohlenaugen
Der perlendurchflochtenen Mähne
Den sehr weichen Nüstern
Dem schöngewaltigen Schatten
Ging durch! Lief
Drei Abende weit war nicht zu bewegen
Heimzukehren. Nahm das Heu nicht
Wahllos fraß er die Spreu
Ich dachte ich sterbe so fror ich
Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche (1973)
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Meine Worte gehorchen mir nicht
Kaum hör ich sie wieder mein Himmel
Dehnt sich will deinen erreichen
Bald wird er zerspringen ich atme
Schon kleine Züge mein Herzschlag
Ist siebenfach geworden schickt unaufhörlich
Und kaum verschlüsselte Botschaften aus
Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind (1976)
Wie erst heute zu erfahren, starb Sarah Kirsch am 5.Mai
75. Arabische Privatbibliothek
Die Refaiya-Bibliothek umfasst 488 Handschriftenbände, darunter 89 Sammelhandschriften. Im Laufe des Erwerbungsprozesses wurden einige der Refaiya-Handschriften aussortiert, einige der Sammlung hinzugefügt, so dass die zunächst in Leipzig unter der Signatur D.C. erfassten 432 Bände von 1853 bis 1855 auf 488 erweitert wurden. … Unter ihnen befinden sich auch 16 wertvoll verzierte und illuminierte Bücher sowie, nach Fleischer, zwölf vermutliche Autographen. Bezüglich des Inhalts der Werke hob Fleischer zurecht als bemerkenswert hervor, dass die in nahöstlichen Moschee- und Madrasa-Bibliotheken ubiquitären koran- und religionswissenschaftlichen Werke, Kommentare und Metakommentare in dieser privaten Bibliothek “in angemessenen Schranken” gehalten sind und dass die spezifische Zusammensetzung der Sammlung einen offensichtlich “planmässig(en)” Charakter habe.
Tatsächlich bildet die Refaiya einen Querschnitt durch die Vielzahl traditioneller islamischer Wissensgebiete mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Büchern zur Poesie (44 Exemplare) und Mystik (41 Exemplare). Auch andere Genres, die in öffentlichen islamischen Handschriftenbibliotheken eher selten bzw. gar nicht zu finden sind – wie historiographische Werke, Biographien, belles lettres / Adab-Literatur, Reiseberichte, Jagdliteratur, Naturwissenschaften und nicht zuletzt Erotik -, sind mit jeweils mehreren Exemplaren vertreten. Die älteste, wissenschaftlich sehr wertvolle Handschrift (Vollers Nr. 0505) ist eine Sammelhandschrift, die aus drei Werken besteht. Zwei davon sind auf das Jahr 990 AD (380 h.) datiert und beinhalten die Diwane (Gedichtsammlungen) der Dichter Abū Ṭālib ‛Abd Manāf (0505a) und Abū´l-Aswad ad-Du´alī (0505b). Das dritte Werk, der Diwan von Suḥaim ʽAbd Banī l-Ḥasḥās (0505c), ist unvollständig und nicht datiert, kann aber mit größter Wahrscheinlichkeit demselben Jahrhundert (oder Jahr?) zugeordnet werden, zumal alle drei Werke von demselben Kopisten geschrieben wurden. / Mehr
Kaʽb b. Zuhair b. Abī Sulmā [al-Muzanī]
ق 1أ, 1ب:
كعب بن زهير بن أبي سلمى [المزني]
lebte im 1./7. Jh.
Lobgedicht auf den Propheten Muḥammad in 58 Basīṭ-Versen mit kurzen Interlinearglossen.
Literatur:
Werner Diem, Studien zu Überlieferung und Intertextualität der altarabischen Dichtung. Das Mantelgedicht Kaʿb ibn Zuhayrs. Wiesbaden 2010
Bl. 1r-2v:
über die Entstehung des Gedichts
Bl. 2v-3r:
Nachricht, die Abū ʽAbdallāh Muḥammad b. Abī l-Ḥasan an-Naḥwī von Rašīd ad-Dīn Abū l-Ḥasan Yaḥyā b.ʽAlī al-Qurašī hörte, dass der Prophet einem Jüngling im Traum gesagt habe, dass derjenige, der dieses Gedicht dreimal rezitiert, ins Paradies komme
18.4.-14.7.2013: Verena Klemm: „Refaiya 1853 – eine Bücherreise von Damaskus nach Leipzig“. Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek Leipzig
74. Literaturfest Salzburg
Sie sei nicht verrückt geworden, sie habe Reime gemacht, sagt die in den USA lebende Klüger, die mit der Literatur, speziell mit Gedichten, gelebt und überlebt hat. Um die Sprache als analytisches, zuweilen verstörendes, auf Nuancen pochendes, Erinnerungen speicherndes Lebenselixier dreht sich auch beim Literaturfest Salzburg vieles. Eröffnet wird die viertägige Veranstaltung heute um 19.30 Uhr in der großen Universitätsaula mit Lesungen von Ruth Klüger, Eckhard Henscheid und Eva Menasse. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 22.5.
73. American Life in Poetry: Column 420
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There’s something wonderful about happening upon a musician playing for his or her own pleasure, completely absorbed in the music. Jeff Daniel Marion is a fine poet from east Tennessee. And here’s a woman playing the bagpipes.
Playing to the River
She stands by the riverbank,
notes from her bagpipes lapping
across to us as we wait
for the traffic light to change.
She does not know we hear—
she is playing to the river,
a song for the water, the flow
of an unknown melody to the rocky
bluffs beyond, for the mist
that was this morning, shroud
of past lives: fishermen
and riverboat gamblers, tugboat captains
and log raftsmen, pioneer and native
slipping through the eddies of time.
She plays for them all, both dirge
and surging hymn, for what has passed
and is passing as we slip
into the currents of traffic,
the changed light bearing us away.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.
Poem copyright ©2012 by Jeff Daniel Marion, whose most recent book of poems is Father, Wind Publications, 2009. First appeared in Still: The Journal, an online publication, Winter 2013. Poem reprinted by permission of Jeff Daniel Marion.
Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
72. Walter Höllerer 1922-2003
Nach seinem Debüt 1952 mit dem Gedicht-Band “Der andere Gast” setzte sich Walter Höllerer auch für die Lyrik anderer Autoren ein, gab zum Beispiel 1956 die laut Untertitel als “Lyrikbuch der Jahrhundertmitte” angelegte Anthologie “Transit” heraus. Warum Lyrik?
“Ich versuche mit meinen Gedichten das zu sagen, was sich den Leitartikeln und dem programmatischen Reden entzieht, was aber als harte Realität nicht zu verleugnen ist. Gedichte schreiben ist für mich ein notwendiger Vorgang gegen jede Versimpelung und gegen das Sand-in-die-Augen-Streuen, gegen böswillig gesteuerte und genährte Denk- und Faktenverschiebungen und gegen uneingesehene, unreflektierte Vorurteile …”
Walter Höllerer machte West-Berlin zu einem Zentrum der literarischen Moderne. Legendär die von ihm initiierten Lesungen etwa der publikumsscheuen Ingeborg Bachmann oder der Amerikaner John Dos Passos und Allen Ginsberg. Als Professor an der Technischen Universität förderte er viele junge Leute, die später herausragende Autoren wurden wie Hermann Peter Piwitt, oder gründete die Zeitschrift “Literatur im technischen Zeitalter”, in der die Ideen des Strukturalismus und der Linguistik zum ersten Mal in Deutschland eine breitere Wirkung entfalten konnten. / Christian Linder, DLR
71. Luft und Worte
In der Arbeit von Gabrielle Hattensen löst sich das Gedicht des englischen Lyrikers Percy Bysshe Shelley (1792-1822) beinahe auf, der Druck auf Japanpapier und die Präsentation auf transparenten Ebenen machen es „durchsichtig“, es wird zu Luft und Worten. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt in die raumfüllende Installation von Ingrid Heuser, in der sie Buchstaben an kleinen Fallschirmen fliegen lässt.
Heuser lebte lange in Asien und hat dort zahlreiche Ausstellungen realisiert. Ihr Sujet sind hängende Installationen, üblicherweise Torsos. Wörter lasse sie nun das erste Mal fliegen, gesteht die Künstlerin.
Die Geschichte „Brennesseln“ von Christoph Meckel füllt das Zimmer, in der Luft, aber auch auf den gestalteten Seiten in den Vitrinen.
Ganz dem Experiment hat sich die in Köln lebende Künstlerin Nora Schattauer verschrieben: nachdem sie in den 90er Jahren mit Wachs, Öl oder Gummi gearbeitet hat, erläutert Dr. Soltek, seien es heute ausschließlich Salzlösungen, mit denen sie Blätter gestalte: „Was passiert mit Flüssigkeiten und wie dehnen sie sich aus?“ In ihren Laborbüchern dokumentiert sie akribisch den bestimmten Augenblick, in dem „es wird“. / Familien-Blickpunkt
„…nur von Augenblickes Dauer…“
vom 17. Mai bis 7. Juli 2013 im Klingspor-Museum
70. Poetopie
als unsere Katze starb, geschah uns, wozu sie nicht fähig war – wir haben geweint
Hansjürgen Bulkowski

