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Strähnen – Stränge – Fäden

Ein Buch gegen die Wertigkeiten, die den Literaturbetrieb gemeinhin ausmachen: Aber nein, es muss kein Jahrhundertroman sein, heißt es dazu im neuen Buch von Gerhard Jaschke. Es muss noch nicht einmal ein Roman sein. „Kurumba oder Die nicht geschriebenen Sätze“ ist wohltuend unaufgeregt, wenn es um die Abwehr solcher Erwartungshaltungen geht. Das Buch ist ein schlichtes Protokoll einer anderen literarischen Existenz. Diese ist nicht am Rand des literarischen Marktes angesiedelt und definiert sich auch nicht gegen ihn, sondern setzt sich selbst aus einem anderen Zentrum, nämlich von dort, wo Gerhard Jaschke seit Jahrzehntenlebt und schreibt.

Das Biotop der Wiener Zeitschrift „Freibord“, die Jaschke viele Jahre lang herausgegeben hat, ist eine der Nährsubstanzen, von der das Buch lebt. Autorinnen und Autoren, die dazugehörten (von Joe Berger über Hermann Schürrer bis Werner Herbst) oder dazugehören und der Austausch mit ihnen werden in „Kurumba“ wie selbstverständlich vorausgesetzt. Das schreibende Ich ist in eine spezielle Wiener Szene eingebunden. Mit ihr verbindet sich keine hochfahrende Erwartung, sondern eine pragmatische Sicht des eigenen Tuns. Am Schreiben zweifelt man nicht, und vor dem Schreiben resigniert man nicht. Es ist eine Aufgabe, die man übernommen hat und weiterführt. Auch mit Kurumba. Punktum.

Anstatt einer Gattungsbezeichnung gibt Jaschke seinem Buch den Untertitel „Strähnen – Stränge – Fäden“. /  Die Presse

Gerhard Jaschke 
KURUMBA oder Die nicht geschriebenen Sätze 
Strähnen – Stränge – Fäden. 180 S., geb., €18 (Sonderzahl Verlag, Wien)

Poetopie

pass auf – die ungeduldigen Wörter entwischen dir vorzeitig aus dem Mund

Hansjürgen Bulkowski

Vom Eischlupf

Vom Eischlupf, der neue, von Dagmara Kraus herausgegebene Band, beinhaltet sechs Gedichte von Miron Białoszewski, die im polnischen Original abgedruckt und von insgesamt 16 Autor/innen nachgedichtet werden. Jedes Original wird durch 7 bis 16 variantenreiche Nachdichtungen begleitet. In den Varianten kann man einen Bogen erkennen. Von den spielfreudigen, ja in ihrer Spielfreudigkeit am meisten der Idee des Originals ähnelnden Texten, wie z.B. bei Konstantin Ames, Christian Filips, Kenah Cusanit, Norbert Lange, Peter Dietze und Ulf Stolterfoht, geht es hin zu den Versuchen, die eher eine sinngemäße Annäherung und Übersetzung wagen (Sophie Reyer, Kerstin Preiwuß, Przemek Zybowski). Beide Versuche sind berechtigt, beide entfernen und nähern sich zugleich dem Original – und hier wird deutlich, warum es manchmal mehrerer Übersetzungen bedarf, um das komplexe Ganze eines Gedichts in eine neue Zielsprache zu übertragen, seine Arbeitsweise, sein Spiel, sein ironisch-absurdes Konstrukt zu vermitteln. / Adrian Kasnitz, Fixpoetry

Miron Białoszewski  ·  Dagmara Kraus (Hg.)
Vom Eischlupf

Nachdichtungen
Mit einem unveröffentlichten Brief des Dichters. 
Leipzig: Reinecke & Voß, 2015  ·  70 Seiten  ·  10,00 Euro
ISBN: 978-3-942901-16-1

Kroatische Lyrik

Kroatien – den meisten von uns fallen zu diesem Land sonnige Küsten an der Adria ein. Manche erinnern sich auch an den Krieg in den neunziger Jahren. Viele werden feststellen, dass sie eigentlich wenig über das Land wissen. An Literatur und Gedichte werden die wenigsten denken. Dabei hat Kroatien eine sehr reiche lyrische Szene: Ivana Bodrožić Simić, Branko Čegec oder Vesna Parun sind nur einige wichtige zeitgenössische kroatische Dichter, deren Lyrik ins Deutsche übersetzt wurde.

Tina Stroheker und Dragica Horvat stellen sie in der zweisprachigen Lesung vor. / Göppinger Kreisnachrichten

Mittwoch, 22. April ab 19.30 Uhr in der Stadtbücherei im Schloss Eislingen

Poesie als Störfall

Genschel setzt auf die große Verweigerung, auf die Abwehr aller gefälligen Literaturrituale, auf Poesie als Störfall. Den einzigen Weg für eine widerständige Poesie sieht sie im Gekritzel, im Durchstreichen der dichterischen Aura, in der Destabilisierung der Textautorität. Ihre Graphomanie setzt dabei auf einen extremen Minimalismus, auf die immer stärkere Skelettierung der Texte, bis fast nur noch das Weiß einer Heftseite als “Referenzfläche” zurückbleibt.

Als 2008 ihr Debüt Tonbrand Schlaf in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien, wurden ihre Gedichte vorschnell als selbstbezügliche Marotten und epigonale Aufwallungen im Gefolge Thomas Klings abqualifiziert. Seither arbeitet Mara Genschel an der Sabotage aller Üblichkeiten. Wenn sie zu einer Lesung eingeladen wird, müssen die Veranstalter mit sehr eigenwilligen Auftritten rechnen, langen Schweigepausen, gestischen Schrägheiten, koketten Performances. Bei einem Festival für experimentelle Literatur im österreichischen Linz bestand ihre Lesung mehr aus herausfordernden Blicken ins Publikum als aus der Darbietung von Gedichten. (…)

Übernimmt sie nun die Rolle der provokativen Hofnärrin im konfliktscheuen Lyrikbetrieb? Oder gleicht Mara Genschel doch eher einem angriffslustigen “Samurai”, wie Ann Cotten im Materialband behauptet? Sie erprobt jedenfalls eine ungewöhnliche Exit-Strategie, wie sie auch Bertram Reinecke in seinem einleitenden Essay zum Materialband empfiehlt: “Den Literaturbetrieb schwänzen.” / Michael Braun, Zeit online*

Bertram Reinecke (Hrsg.): Mara Genschel Material
Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2015; 100 S., 12,00 €

*) Wird das nur später gedruckt oder reservieren sie auch bei der Zeit das Randständige  für das WWW?

#maragenschel, #referenzfläche, #literaturbetrieb, #verweigerung

Christine Busta

In den 1950er-Jahren hat sie sich ihren Platz in der ersten Reihe der österreichischen Lyrik erschrieben, in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre geriet sie gegenüber den dominierenden Tendenzen der sprachexperimentellen und der politischen Lyrik ins Abseits und wurde als sprachkonservative Traditionalistin wahrgenommen. Liest man ihr Werk heute neu, könnte man in ihren besten Gedichten durchaus Strukturparallelen mit den lakonisch verknappten Versen von Elfriede Gerstl oder auch des frühen Rainer [sic] Kunze erkennen.

Die am 23.April 1915 – vor 100 Jahren also – geborene Christine Busta hat die Wörter und die Grammatik der Alltagssprache nie aufgebrochen, doch sie konnte überraschende Metaphern und Wortneubildungen wie „Brotstern“, „Nimmergrün“ oder „Amselstumm“ schaffen. Jedenfalls verstand sie sich nicht als jenes Monument gegen die Avantgarde, als das sie gelegentlich von Moderne-Verweigerern verehrt wurde. Geschadet hat ihr mit Sicherheit auch, dass sie aufgrund ihrer produktiven Anverwandlung christlicher Bildwelten als katholische Dichterin rezipiert wurde – vereinnahmt von kirchlichen Kreisen, in denen ihre Gedichte allzu leicht zu Predigtzitaten verkamen, und punziert von jenen, die mit katholischen Traditionen nichts am Hut haben wollen.

Beiden Seiten sollte eine Selbstdefinition Christine Bustas in Gedichtform zu denken geben, die sich in dem aus dem Nachlass herausgegebenen Band „Der Atem des Wortes“ findet: „Ich bin eine durch/das Christentum/gebrochene Heidin.//Aber ich bin für diese/Brechung dankbar.“ Die belebte, ja geradezu personalisierte Natur kann als eine poetische Konkretisierung dieser „heidnischen“ (naturreligiösen) Einstellung gelesen werden.

Ein Schock war das Bekanntwerden von Christine Bustas Involvierung in den Nationalsozialismus durch einen 2008 im Sonderzahl-Verlag erschienenen Materialienband, in dem auch Texte aus dem Busta-Nachlass im Innsbrucker Brenner-Archiv präsentiert wurden. Busta war NSDAP-Mitglied und aus der katholischen Kirche ausgetreten, und noch am 20.Juli1944 schrieb die damals 29-Jährige an ihren Mann, den Musiker Max Dimt, einen glühenden Nationalsozialisten: „Eben erfuhr ich im 22-h-Nachrichtendienst vom Anschlag auf den Führer, und Du darfst mir’s glauben, dass ich dem Himmel danke, dass er fehlging. Es wäre wohl unausdenkbar, wenn jetzt seine Hand vom Steuer sänke!“ Zitiert man diese Briefstelle, muss man aber zugleich darauf hinweisen, dass Busta nie dumpfe Blut-und-Boden-Lyrik geschrieben oder Preisgedichte auf den Führer und den Anschluss verfasst hat, wie sie sich im „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“ von Gertrud Fussenegger, Josef Weinheber oder Franz Tumler finden. / Cornelius Hell, Die Presse

#christinebusta, #attentat

Gestorben

Roland Links, einer der wichtigsten Verleger der DDR, starb am vergangenen Dienstag im Alter von 84 Jahren. Das teilte der Verlag seines Sohnes, der Berliner Christoph-Links-Verlag, mit. Links wurde am 1.3. 1931 in Kotzman (Kreis Czernowitz) geboren. Seit 1954 war er Lektor im Verlag Volk und Welt, dem führenden DDR-Verlag für internationale Literatur. Er begründete legendäre Reihen wie (mit Paul Wiens und Marianne Deichfuß) die Lyrikreihe “Antwortet uns!” und die Reihe “Spektrum”. Von 1979 bis 1990 leitete er die Verlagsgruppe Kiepenheuer in Leipzig, bis 1992 war er Geschäftsführer des Leipziger Insel-Verlags. Links hat nach 1989 die Fusion des ost- und westdeutschen Buchhändlerverbands zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels vorbereitet. / dpa/EB

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#rolandlinks

Der Dichter

Ein biografischer Roman über das Leben des Dichters Ivan Blatny ist mit dem wichtigsten tschechischen Buchpreis ausgezeichnet worden. Das teilten die Veranstalter des Preises «Magnesia Litera» am Mittwoch mit. Der Autor Martin Reiner zeichnet in «Der Dichter» (übersetzter Titel) das tragische Schicksal des Tschechen zwischen Exil und Wahnsinn nach. Der Preis ist mit umgerechnet 7300 Euro dotiert.

Nachdem Blatny 1948 ins Exil nach England gegangen war, wurden seine Gedichte in der sozialistischen Tschechoslowakei verboten. Der Flüchtling litt an Angst vor Verfolgung und verbrachte Jahrzehnte vereinsamt in britischen Heilanstalten. Erst 1977 publizierte Blatny wieder, nachdem eine Krankenschwester die Gedichte ihres Patienten an einen Exil-Verlag geschickt hatte. / europeonline

Martin Reiner: BÁSNÍK / ROMÁN O IVANU BLATNÉM. nakladatelství Torst, 2014. 978-80-7215-472-2
#derdichter, #básník

Daffodil

The most famous version of Wordworth’s “I Wandered Lonely as a Cloud,” or “Daffodils”—that landmark of English Romanticism, a pedagogical perennial that’s inspired thousands of stock photos of daffodil fields—turns two hundred this year. Most of us remember it fondly; some do not. “I am sure it is a great poem,” one YouTube commenter wrote in response to a spoken rendition, “but every ten-year-old Indian is tortured and tormented by [it] … As a kid I remember I had to memorize pages dissecting this poem, but one question always remained—What the hell is a daffodil? No Indian kid ever laid eyes on that flower.” / Dan Piepenbring, The Paris Review

daffodil, Gelbe Narzisse, Osterblume, -glocke

daffodil, Gelbe Narzisse, Osterblume, -glocke

#goldendaffodils, #wordsworth, #indiankids

I Wandered Lonely as a Cloud

BY WILLIAM WORDSWORTH

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

Schon kursieren Geschichten

Ostern ist vorbei, aber klingt das nicht festlich? Lyrik ist erstanden, alles wird gut:

Lyrik gilt manchen als schwer zugänglich; im deutschsprachigen Raum wirkte das Genre über Jahrzehnte stagnierend, vegetierend, gar tot. Doch in letzter Zeit scheint das Gedicht ein Comeback zu feiern. Lyrik wird wieder stärker nachgefragt, auch die Verlage zeigen vermehrt Interesse, zuletzt wurde in Leipzig der Buchpreis an einen Lyriker, Jan Wagner, verliehen.

So kündigt der ORF ein Gespräch mit Verena Stauffer an.

#wiedergeburtderlyrik

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