Der Beat hört nicht auf zu hämmern

Unter dem Titel „Der Beat hört nicht auf zu hämmern“ lesen die Dichter Peter Rühmkorf und Günter Grass am 26. November im Greifswalder Dom aus ihren Werken, teilt das Koeppenhaus mit. / OZ 29.10.03

Zum Tode des Lyrikers Heinz Piontek

Heinz Piontek beginnt seinen autobiografischen Roman „Dichterleben“ mit dem Satz „Der Winter begann wie ein Vergnügen“. Da ahnt der Leser, dass dieses Dichterleben sich schnell dem „Winter unsers Missvergnügens“ nähert.

Nun sind alle seine Jahre, geträumt und wahr, versunken. Heinz Piontek ist am Sonntag 77-jährig in Rotthalmünster bei Passau gestorben. Er war ein vielseitiger, belesener und zurückhaltender Mann. Als Autor hat er sich auf vielen Feldern erprobt und bewährt, wenngleich er vor allem als Lyriker (und Anthologist) im Gedächtnis bleibt. Piontek, 1925 im oberschlesischen Kreuzburg geboren, gehörte zu jener Generation, die um ihre Jugend betrogen wurde.

„Die Furt“ war 1952 sein erster Gedichtband. In ihm klingt jene Selbstreflexion an, die sein Werk durchzieht: „Endlose Furt, durch die Fährnis gelegt – / werd‘ ich das Ufer gewinnen? / Strauchelnd und zaudernd, vom Springfisch erregt, / such ich der Angst zu entrinnen.“ / Peter Dittmar, Berliner Morgenpost 29.10.03

Nachruf in der NZZ vom 29.10.03 / FAZ 28.10.03 / Spiegel 28.10.03

Celan ohne Kommentar

Der Verzicht der Herausgeber auf Kommentare, die erst nach Abschluß der gesamten Textedition in gesonderten Bänden erscheinen sollen, wirkt vor dem Anschwellen der biographisch-positivistischen Celan-Exegese wohltuend und korrespondiert mit Celans poetologischer Absicht, biographische Spuren und konkrete Bezüge aus seinem Werk zu tilgen und ein Gedicht als ein Sprachgebilde zu begreifen, das, wie in seiner Büchnerpreis-Rede „Der Meridian“ ausgeführt, „ins Offene, Leere und Freie“ weist.

Die Probleme, mit denen Benutzer der Bonner Ausgabe konfrontiert sind, lassen sich nicht auf die spröde Methodik der Bonner Ausgabe zurückführen, sie sind in Celans Arbeitsweise selbst begründet. Der Autor hatte zwar in den frühen fünfziger Jahren begonnen, die jeweiligen Zeugen zu seinen Gedichten in Mappen zu ordnen und die Stufen auszuscheiden, die vor dem liegen, was Celan als „qualitativen Wechsel“ bezeichnet hat, den Moment, in dem das Wort zu einem Wort des Gedichts wird. So finden sich in den Konvoluten kaum Notizen, Wortlisten oder in losem Zusammenhang stehendes Material, das Feld des zu edierenden Textbestands wurde vom Autor selbst weitgehend abgesteckt. / Beate Tröger, FAZ 28.10.03

Paul Celan: „Der Sand aus den Urnen. Mohn und Gedächtnis“. Historisch-kritische Ausgabe. 2.-3. Band. 1. Teil: Text. 2. Teil: Apparat. Herausgegeben von Axel Gellhaus unter Mitarbeit von Holger Gehle und Andreas Lohr in Verbindung mit Rolf Bücher. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 600 S., geb., 98,- [Euro].

Arabische Dichtung in Darmstadt

Gibt es so etwas wie den positiven Kehrwert eines Schlages ins Gesicht? Wenn ja, dann erfuhr man ihn beim «Fest arabischer Poesie», welches die Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eröffnete. Machmud Darwish, der zur «Stimme Palästinas» erhobene, in der gesamten arabischen Welt hoch verehrte Dichter, Darwish, der Unnahbare, in der Frage des Nahostkonflikts als unversöhnlich Geltende, tritt als Erster vors Publikum, beginnt seine Lesung mit einem Gedicht, betitelt «Frieden». Auch im zweiten vorgetragenen Text kehrt das Wort siebenfach wieder; in einem weiteren Gedicht klingt die imaginäre Rede an den «Feind» elegisch, ohne Schärfe. Mehr noch als der grosse Name machte dies Darwishs Auftritt zum Ereignis. …
[Der Syrer Adel] Karasholi, der seit gut vierzig Jahren in Deutschland lebt, schreibt auf Deutsch wie auf Arabisch – und eine Lyrik, die, noch indem sie am Dazwischensein leidet, von beiden Seiten einseh- und einfühlbar ist. Dass aber Verständlichkeit nicht allein von solcher Nähe zu Deutschland abhängt, bewiesen die sinnlichen Verse der Syrerin Salwa an-Neimi so gut wie die subtile Verschränkung von Bildern und Ideen in Texten des aus Bahrain stammenden Qassim Haddad. / Angela Schader, NZZ 27.10.03

The poetry and madness of John Clare

In early 1860, a poetry fan from London called James Hipkins wrote to Dr. Wing, the superintendent of the Northampton General Lunatic Asylum, inquiring after the welfare of one of the inmates, the nature poet John Clare. The sixty-six-year-old poet’s reply is one of the last things he wrote:

March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully

John Clare

Clare had been in the asylum for eighteen years, having previously spent four years in a private asylum in Essex. He had not once seen his wife in that time; three of his seven surviving children had died; his work had fallen into neglect, and his reputation, such as it was, focussed on his status as a peasant and as a lunatic. Jonathan Bate, in his biography, “John Clare” (Farrar, Straus & Giroux; $40), says of the Hipkins letter that “this is a voice not of madness but of quiet despair.” I’m not sure that he’s right—not caring whom you’re writing to or why you’re in a madhouse would be despair; not knowing is surely closer to insanity—but a reader can feel, and like, Bate’s empathy with Clare, his willingness to imagine the texture of his plight. / John Lanchester, The New Yorker 27.10.03

Hier ein in der Anstalt geschriebenes Gedicht des Dichters:

I Am

I am: yet what I am none cares or knows
My friends forsake me like a memory lost,
I am the self-consumer of my woes–
They rise and vanish in oblivious host,
Like shadows in love’s frenzied, stifled throes–
And yet I am, and live–like vapors tossed

Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life or joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
Even the dearest, that I love the best,
Are strange–nay, rather stranger than the rest.

I long for scenes, where man hath never trod,
A place where woman never smiled or wept–
There to abide with my Creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept,
Untroubling, and untroubled where I lie,
The grass below–above the vaulted sky.

Hier können Sie das Gedicht in drei verschiedenen Audioversionen hören (Realplayer).

Tierblut

In seiner Berliner Anthologie kommentiert Rolf Schneider ein Gedicht des (West-)Berliners Michael Wildenhain über den (Ost-)Berliner Bahnhof Ostkreuz und den dortigen, ehemaligen Zentralviehhof:

Das von Wildenhain evozierte Gebiet des Zentralviehhofs, einer Schlachtfabrik für viele Generationen von Berliner Metzgern, wurde inzwischen durch andere, weniger blutige Kommerzbauten substituiert. Was bleibt, stiften die Dichter. Wildenhain wird die Erinnerung an das einst hier vergossene Tierblut nicht los. Es färbt noch die Gefühle der Liebe metaphorisch ein. / Berliner Morgenpost 26.10.03

In der gleichen Reihe am 12.10.03 das Gedicht „Blick vom Funkturm“ (1931) des verschollenen Autors August Brücher. Und am 2.11.03: Hartmut Schmale, Gedichte liegen nicht auf der Straße.

Peter Rühmkorf

(Jahrgang 1929) gehört zu der zarten Handvoll Autoren, die dem lesenden Volk immer wieder Ohrwürmer schenken: „Bleib erschütterbar und widersteh“, „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“, „Die schönsten Verse der Menschen/ Na finden Sie schon einen Reim/ Das sind die Gottfried Bennschen/ Hirn, Lernäischer Schleim“/ so ungefähr schreibt die Ostseezeitung über eine bevorstehende Lesung von Rühmkorf und Grass im Greifswalder Dom, Mittwoch, 26.10.03

Nur zwei Dinge

In der NZZ vom 25.10.03 interpretiert Gernot Böhme Gottfried Benns Gedicht „Nur zwei Dinge“ – im Lichte Nietzsches:

Vor fünfzig Jahren hat Gottfried Benn ein Gedicht veröffentlicht, das man als die entmythologisierte Version von Goethes «Urworte. Orphisch» ansehen kann. Hier wie dort geht es um das menschliche Leben als einen Reifungsprozess und um die Konstellationen, in denen es sich vollzieht. Beide Dichter waren zur Zeit der Abfassung etwa in demselben Alter – Goethe 68, Benn 65 Jahre alt -, und sie sind einander in der herben Klarheit ihrer Altersweisheit durchaus verwandt. Was jedoch zwischen ihnen steht, ist Nietzsche und dessen radikale Zertrümmerung jeder Metaphysik.

Außerdem: Bernhard Dotzler betrachtet die nun abgeschlossene Benn-Werkausgabe:

Gottfried Benn: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. Bände VII/1 und VII/2, hrsg. v. Holger Hof. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. Je 687 S., Fr. 110.- (Subskriptionspreis).
Joachim Dyck / Holger Hof / Peter Krause (Hrsg.): Benn- Jahrbuch 1/2003. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. 265 S., Fr. 41.40.

Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2003. 234 S., Fr. 26.40.

Haiku in Wien?

Das nimmt Berlin nicht kampflos hin:

Erst vor ein paar Wochen fiel mir Uli Beckers Asphalthaikusammlung „Fallende Groschen“ in die Hände, ein Bändchen, das schon 1993 bei Maro erschien, in der von Armin Abmeier herausgegebenen Reihe „Die tollen Bücher“, prachtvoll illustriert von Henning Wagenbreth. Ob mich das vor zehn Jahren gepackt hätte, vermag ich nicht zu sagen, jetzt aber schnappte mich das Buch mit Macht. So schön huiii…! geht das los: „Um den Schlaf gebracht/ bin ich sowieso, Berlin -/ Augen auf und durch!“ … Fast hätte ich schon vergessen, dass ich in einer richtigen Stadt lebe; Uli Beckers Siebzehnsilber bringen Berlin auf den Punkt und schenken mir die Großstadt zurück. / Wiglaf Droste, taz/ die wahrheit vom 24.10.03

Lesetip

Mirana Zuschke schreibt in Sorbisch und in Deutsch. Mittlerweile hat sie einen eigenen Lyrikband veröffentlicht („Jaskrawe jasle“, Domowina-Verlag, Bautzen 2000) und ist mit ihren Gedichten in Anthologien und Zeitschriften vertreten. Die sorbische Sprache ist für sie die weitaus poetischere und klangvollere. „Im Sorbischen finden sich Laute, die noch zusätzlich zur Klangmelodie beitragen. Ich kann wesentlich mehr Nuancen ausdrücken, als ich das im Deutschen könnte“, beschreibt sie den Unterschied beider Sprachen. / Sächsische Zeitung 18.10.03

Lesetipp: Santera pantera, Lyrik aus Sorabia. Hrsg.: Roza Domascyna, Edition Thanhäuser, Ottensheim 2003, 124 Seiten, Broschur, ISBN 3-900986-53-3 (in sorbischer und deutscher Sprache).

Am Anfang war der Schlag

In the beginning there was Beat. Jack Kerouac’s On the Road, Allen Ginsberg’s Howl, William Burroughs’s Naked Lunch. Here were writers who took the same words everyone else had at the time and used them in new ways, much like the bebop jazz players of the ’40s who had the same notes at their disposal on their saxophones and trumpets and pianos but played the music as if it was a different form altogether. The Beats wrote like those jazz guys played, and were about pushing the boundaries and not accepting the status quo. Kerouac defined the Beat generation as „a swinging group of new American men intent on joy“. / Sydney Morning Herald 18.10.03

Raymond Queneau, Stilübungen

46 Werke von berühmten Künstlern aus der ganzen Welt, die zu diesen Variationen ihre Bilder zeichneten, präsentiert seit Mittwoch das Institut Francais. In Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Nicaise in Paris wurde es ermöglicht, diese zu Raymond Queneaus 100. Geburtstages konzipierte Ausstellung an die Warnow zu holen. [d.h. nach Rostock!].

Nicole Otto, Direktorin des Institut Francais, und Dr. Béatrice Gonzales-Vangell vom Institut für Romanistik betonten, dass diese Ausstellung erst zum zweiten Mal in Deutschland zu sehen sei. Raymond Queneau (1903 – 1977) arbeitete nach seinem Studium in Paris (1938) beim Verlag Gallimard, der auch das Buch „Stilübungen“ veröffentlichte. Die literarischen Tätigkeiten von Raymond Queneau umfassten nicht nur Romane und Gedichte, sondern auch Filmdialoge und Lieder. Zudem entwickelte er eine neue Schreibweise, die „neo francais“. Mit dieser Schreibweise wollte er weg von der Grammatik, hin zur Freude und Freiheit an der Sprache. Die „Stilübungen“, deren Idee nach einem Konzert (1947) entstand, beruhen ebenso auf das „neo francais“. Der Leser wird aufgefordert mitzuspielen und Dialoge mit den Werken zu führen. Mit Titeln wie „Traum“, „Vulgär“ oder „Botanisch“ schreibt Raymond Queneau in diesem Buch , „der Stil ist die Wirklichkeit“.

Noch bis zum 11. November zeigt das Institut Francais in der Stephanstraße 7 diese Ausstellung. / Ostsee-Zeitung, Rostock, 18.10.03

Der lag besonders mühelos am Rand

Hans Christophs Buch über Walter Höllerers Gedicht „Der lag besonders mühelos am Rand“, FAZ 18.10.03

Karl Wilhelm Ramler

Rolf Schneiders Berliner Anthologie: Karl Wilhelm Ramler, An die Stadt Berlin (Morgenpost 18.10.03)

Roald Dahl

Ein Lehrer hat ein unbekanntes Gedicht von Roald Dahl entdeckt, meldet der Independent vom 18.10.03.