Kritiker gesucht

Poetry rarely makes the front page of The Wall Street Journal, but throw in 100 million bucks and the newspaper starts to get interested. Last Monday it ran a story about Poetry magazine, a 90-year-old institution in the world of American letters, receiving just such a sum from one Ruth E. Lilly, the drug company heiress.

So beginnt Philipp Marchand einen Aufsatz im Toronto Star vom 16.12.03 Sein Artikel schließt messerscharf:

We need critics, first of all, who can tell good verse from bad, and who then can act as collaborators with poets, guiding the reading public through the wilderness of various forms and pointing to the genuine triumphs of language that some poets have wrought. Until we get such critics, the audience of poets will remain almost entirely other poets.

hua fei hua

Toby Litt, a novelist from London, was adjusting the shape of his mouth to get the right pronunciation of hua fei hua? the Chinese phrase for „a flower is not a flower.“ He had just learned it from Chinese poet Ye Yanbin. / Bericht über eine Chinareise britischer Autoren in China Daily 13.12.03

The „Poet of Palestine“ died

Renowned Palestinian poet Fadwa Toukan, known as the „Poet of Palestine,“ died Friday at her home in Nablus. She was 86.

Toukan, whose poems have been translated into English and Farsi, was famous for her poetry depicting the suffering of the Palestinian people living under occupation.

She was also an avid promoter of woman’s rights and through her poetry, reflected the hardships faced by women in the male-dominated Arab world. / Jerusalem Post 13.12.03

Links: „I Found It.“ Modern Arabic Poetry / Gedicht: „A life“ / The vision of Henry /
[viele Links in diversen Sprachen bei Google! – aber auf Deutsch?]

Vertreten in den Anthologien: Nimm eine Rose und nenne sie Lieder. Poesie der islamischen Völker (Hg. Annemarie Schimmel) Eugen Diederichs 1987 / Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute (Khalid al-Maaly) Das Arabische Buch 2000

Hier eins ihrer Gedichte über Palästina:

Enough for Me

Enough for me to die on her earth
be buried in her
to melt and vanish into her soil
then sprout forth as a flower
played with by a child from my country.
Enough for me to remain
in my country’s embrace
to be in her close as a handful of dust
a sprig of grass
a flower.

Vergessene Klassikerin

In seinem 1962 veröffentlichten Lyrikband Schattenland Ströme ließ Johannes Bobrowski drei Gedichte aufeinander folgen, von denen jedes einer jüdischen Dichterin gewidmet ist. Eines von ihnen richtete sich an die 1940 nach Schweden emigrierte und von da an in Stockholm lebende Nelly Sachs, ein anderes an Else Lasker-Schüler. Das dritte Gedicht ist mit „Gertrud Kolmar“ überschrieben und endet mit den Zeilen: „Wenn ich deiner gedächte:/ Vor die Buche trat ich,/ ich hab befohlen der Elster:/ Schweig, es kommen, die hier/ waren – wenn ich gedächte:/ Wir werden nicht sterben, wir werden/ mit Türmen gegürtet sein?“ Bobrowski gedenkt der einzigen der drei Lyrikerinnen, die der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie nicht entkommen war und ihr 1943 in Ausschwitz zum Opfer fiel, mit einer Sprache, die „rostig von Blut“ ist – und indem er in der letzten Zeile fast wortwörtlich aus ihrem Gedicht „Die Jüdin“ zitiert, aus dessen Auftaktversen: „Ich bin fremd.// Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,/ Will ich mit Türmen gegürtet sein,/ Die steile, steingraue Mützen tragen/ In Wolken hinein.“ / Jan Wagner, FR 13.12.03

Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Herausgegeben von Regina Nörtemann.Wallstein Verlag, Göttingen 2003. Drei Bände, 1248 Seiten, 98 Euro.

Im Netz: Kolmar-Seite Falkensee / orte. Kontextverlag / Wer war Gertrud Kolmar / Les mondes de Gertrud Kolmar (L´humanité) / Reinhard Döhl /

Neger-Idyllen

Doch auch viel direkter noch war Herder ein Kritiker des Kolonialismus: Dem 114. Humanitätsbrief, der einen Gedichtzyklus mit dem sarkastischen Titel «Neger-Idyllen» enthält, ist eine eindrucksvolle Einleitung vorangestellt: «Der Neger malt den Teufel weiss, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. ‹Warum giessest du mir Wasser auf den Kopf?›, sagte jener sterbende Sklave zum Missionar. – ‹Dass du in den Himmel kommest.› – ‹Ich mag in keinen Himmel, wo Weisse sind›, sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit!» / Luca Di Blasi, NZZ 13.12.03

Literatur:
  • Solbrig, Ingeborg, Herder and the „Harlem Renaissance“ of Black Culture in America: The Case of the „Neger-Idyllen“, in Herder Today: Contributions From the International Herder Conference, November 5-8, 1987, Stanford, California 402 (Kurt Mueller-Vollmer, ed. 1987).
  • Shelley, Philip Allison. „Crèvecoeur’s Contribution to Herder’s „Neger-Idyllen““. The Journal of English and Germanic Philology, vol. 37, 1938, p. 48-69. Urbana : The University of Illinois. ( Article extrèmement érudit sur l’influence de l’oeuvre de St. John de Crèvecoeur en Allemagne, et particulièrement sur le „Neger-Idyllen“ de Herder.)

NZZ bringt zum 200. Todestag Herders außerdem einen Artikel von Marion Heinz und Jochen Johannsen über Herders Humanitätsphilosophie.

Zwischenzustand

Was die sprachschöpferische Energie dieser Verse an neuen, treffenden Wörtern hervortreibt, wird auch im Deutschen spürbar. Substantive können hier als Verben Gestalt gewinnen, Verben wiederum in ihrer Gegensätzlichkeit zusammengefügt werden: «lebst du? / bist du gestorben? / Sohn? / lebstirbst du noch einmal». So gelingt es Gelman immer wieder, noch den scheinbar eindeutigsten Satz über das «Land, in einer Militärmütze verschwunden», in eine poetische Offenheit zu übersetzen. «Die Dämmerung senkt sich über / das Wort, das im Sichtbaren schwebt / wie ein Mond.» Es ist dieser Zwischenzustand, in dem Juan Gelmans Verse ganz leicht werden wie ein «Vogel, der zur jetzigen / Stunde fliegt, um sie / in Vergangenheit zu verwandeln». / Nico Bleutge, NZZ 13.12.03

Juan Gelman: Spuren im Wasser / Huellas en el agua. Gedichte/Poemas. Ausgewählt, eingeführt und aus dem argentinischen Spanisch übersetzt von Juana und Tobias Burghardt. Teamart-Verlag, Zürich 2003. 159 S., Fr. 33.-.

Günter Seuren gestorben

Der Schriftsteller Günter Seuren, geboren 1932 in Wickrath/ Niederrhein, starb am Mittwoch in München. Seuren, der vor allem als Erzähler und Drehbuchautor bekannt wurde, debütierte 1961 mit dem Gedichtband „Winterklavier für Hunde“.

Nachrufe: SZ 13.12.03 / FR 13.12.03

Hölderlins „Die Kürze“

In der Frankfurter Anthologie, FAZ 13.12.03, stellt Wolfgang Schneider Hölderlins Gedicht „Die Kürze“ vor.

Stötteritzer Shakespeare

Vom „deutschen Shakespeare“ zum Regionalautor:

Anne-Kristin Mai: Christian Felix Weiße (1726-1804) – Leipziger Literat zwischen Amtshaus, Bühne und Stötteritzer Idyll. Biographische Skizze und Werkauswahl, Sax Verlag, Beucha 2003, 15 Euro
Leipziger Volkszeitung 12.12.03

Hier ein Gedicht – gewiß nicht shakespearisch, aber lesenswert:

An die Muse

Hier nimm die sanfte Leier wieder,
O Muse, die du mir geliehn;
Nun sing ich weiter keine Lieder,
Die von der Jugend Freuden glühn.

Verzeih, wenn ich zu schwach gespielet;
Die Liebe fodert unser Herz;
Das wenigste hab ich gefühlet;
Das meiste sang ich bloß aus Scherz.

Von Waffen und vom Haß umgeben,
Sang ich von Zärtlichkeit und Ruh;
Ich sang vom süßen Saft der Reben,
Und Wasser trank ich oft dazu.

Kömmt einst der goldne Friede wieder,
Fühl ich einst gar der Liebe Glück,
Vielleicht wag ich dann schönre Lieder:
Dann, Muse, gib sie mir zurück.

Seine Biographie im Bautz ist noch nicht online.

Cervantes-Preis für Gonzalo Rojas

Der chilenische Dichter Gonzalo Rojas erhält den Cervantes-Preis, den führenden Literaturpreis der spanischsprachigen Welt. The Sacramento Bee ca. 12.12.03

Die Welt im Trilobitenauge

Im Kapitel „Philosophien“, dem gewichtigsten des Bandes, geht es nicht länger um sinnliche, sondern um geistige Gewissheit. Was ist die Zeit, welche Farbe hat der Schatten, und wie sah die Welt in den Augen der Vorfahren, zum Beispiel in denen der Urkrebse aus?

Die kambrischen Kristallaugen der Trilobiten
sahen eine Welt, die vielleicht
etwas mit der unseren verband,
ein Jahrmillionen altes „Vielleicht“,das grau geworden ist
und unterwegsstill verwitterte.

Von Heidegger, Frege und Athanasius ist in diesem Kapitel die Rede und davon, dass man die Existenz als etwas beschreiben kann, das ein Wert x auf einer Variablen f abgibt. / Iris Radisch, Die Zeit 51/2003, Literaturbeilage

Lars Gustafsson: Auszug aus Xanadu
Gedichte; aus dem Schwedischen von Hans Magnus Enzensberger und Verena Reichel; Hanser Verlag, München 2003; 99 S.,14,90 Euro

lyrikmail Nr. 670 10.12.2003

Es regt sich, schnarrt und ächzt im Kehlkopf drin
schlägt den harten Gong des Gaumens zwölfmal an
Gewalpert wird vielleicht ganz oben wo sichs wölbt
hier unten, wo der Kiefer leise knackt,
spukt es in der Lippenfurche, huscht ein Schatten übers Kinn
Statt Fäden: Speichelnetze. Was da sich drin verfängt
zappelt eine Weile, stirbt dann schnell wie hingesagt
In den Winkeln ist ein früh verwestes Wort verwoben
ein unterkühltes seilt sich von der Schartenspitze ab
durch klebrig, dichtgesponnenes Gemasch
beschlägt in Tau und lungenwarmem Dunst
Zehn Füße hat der mißgeborne Vers
die rudern, krabbeln um ihr Leben einen Laut
wenn nicht der Atemzug vom nächsten drüberfährt

(aus dem Zyklus „Stirnbilder – organische Portraits“)
Silke Andrea Schuemmer
(*1973)

die Autorin: promovierte Kunsthistorikerin, literarische Einzeltitel: „Triptychon oder Salzig schmeckt der Algenstrang“ Gedichte. edition fiebig berlin (1996), „Die Form des Fisches ist sein Wissen über das Wasser“ Prosa. Mariannenpresse. Berlin (1996), lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin (http://www.silke-andrea-schuemmer.de)

Erleben Sie die Autorin heute Abend (10.12.03) ab 20 Uhr im Podewil in Berlin-Mitte. Dort lesen die macondo Autoren Silke Andrea Schümmer, Stephan Reisner, Achim Wagner, Marcus Jensen, Silke Galla und Ron Winkler im Literatursalon Britta Gansebohm Lyrik und Prosa. macondo (http://www.die-lust-am-lesen.de/) ist eine Bochumer Literaturzeitschrift, von der soeben die 10. Ausgabe zum Thema „Genuss“ erschien.
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die Lyrikmail der Woche (Stand: 08.12.2003)

Befreiung des Empfindens

Einen neuen Gedichtband von Alfred Kolleritsch zeigt die Kleine Zeitung vom 10.12.03 an:

„Befreiung des Empfindens“, von Alfred Kolleritsch, Droschl-Verlag. 104 Seiten, 16 Euro

Luna Park

Ganz und gar nicht amused zeigt sich Paul Jandl über die „Vergnügungsgedichte“ von Franzobel, NZZ 9.12.03

Franzobel: Luna Park. Vergnügungsgedichte. Zsolnay-Verlag, Wien 2003. 176 S., Fr. 31.20.

Haiku

An old yellow tomcat
lies sleeping content,
he rumbles a heart

Ein Haiku aus dem Kurzweilschen Poesieautomaten. (s.u.). Ein Kommentar, Sydney Morning Herald 9.12.03 (To be or not to be, that is the qwerty. By Graeme Philipson)