Mathematik auch hier, bei Dylan Thomas – ein wenig anders:
Here we go again: the early lyrical brilliance in suburban Swansea – „the Rimbaud of Cwmdonkin Drive“, he called himself; the drink, from the start – by the time he was 20 he was on a pint of bitter for each of his years every day; the descent upon Soho and Fitzrovia, and the marriage to someone drunker even than he – Dylan and Caitlin, begetters and prophets of Sid and Nancy; their long binge, blurred and doomed, of cadging, gatecrashing, drinking, drugging and sex; the squalid seaside idyll in Wales; the orgiastic buffoonery in America; the swansong of Under Milk Wood; the death at the Chelsea Hotel, aged 39.
Lyric poets are like mathematicians, and tend to have done by their mid-twenties. / The Telegraph 28.12.03
Dylan Thomas: a New Life
Author: Andrew Lycett
434pp, Weidenfeld and Nicolson, £20
ISBN 0297607936
Anglo-Ägyptisches hier:
Azza Kararah remembers British poet and critic D J Enright, her former teacher at Alexandria University, whose first book, Season Ticket, was published in Alexandria in 1948.
/ 24.12.03
Of course, it is an exaggeration to make Creeley responsible for either the virtues or the faults of modern poetry, but he did teach, in the early ’50s, at Black Mountain College, a highly influential, experimental centre for artists in the hills of North Carolina, and he did edit the Black Mountain Review, which published a lot of avant-garde American poets, such as Allen Ginsberg, Denise Levertov and Charles Olson. He and Olson also did formulate theories of poetry that were pretty radical, including the notion that poets should shape their poems according to the rhythms of their breathing and speech. And he has written verse that is among the most demanding of our age. But in the latest of his many collections of poetry, If I Were Writing This, Creeley also demonstrates that, among other things, he has a clear voice that communicates unmistakeable feeling. / Toronto Star 24.12.03
Bei einer Autorin, die zu Lebzeiten nur drei Gedichtbände veröffentlicht hat, in die wiederum nur Teile grösserer Zyklen eingegangen sind, spielen editorische Fragen eine zentrale Rolle. Deshalb kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass mit dieser Ausgabe eine neue Epoche der Kolmar-Forschung beginnt.
Warum das alles so lange gedauert hat? Vielleicht genügt hier der Hinweis auf eine Geschichte: In den fünfziger Jahren beantragte Hermann Kasack bei der Mainzer Akademie der Wissenschaften eine Kolmar-Ausgabe in der Reihe «Verschollene und Vergessene». Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: Gertrud Kolmar sei keine vergessene, sondern eine überhaupt erst zu entdeckende Autorin. Literarische Entdeckungen sind häufig ein plötzliches Ereignis. Manchmal aber vollziehen sie sich über Jahrzehnte hinweg. Im Fall von Gertrud Kolmar sind wir noch mitten auf dem Weg. / Manfred Koch, NZZ 23.12.03
Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Hg. v. Regina Nörtemann. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003. 3 Bde., 1232 S., Abb., Fr. 153.-.
Vom 110. Geburtstag des Steuermanns und Dichters Mao Tse-Tung berichtet China Daily:
A 20-part television series will also air depicting the life of the late leader through examination of his poems.
Von der Zeitschrift befragten jungen Leuten sagte der Name eher wenig (komische Frisur und sowas). / 23.12.03
«Ich habe die Ezra Pound University besucht», so formuliert er es selbst: Pound hatte bekanntlich den Ehrgeiz, mit dreissig Jahren mehr über Dichtung zu wissen als jeder andere lebende Mensch. Fast wäre Eliot Weinberger Sinologe geworden, und heute noch übersetzt er Gedichte seines Freundes Bei Dao ins Englische. Mit dreissig allerdings habe er feststellen müssen, dass er ein schlechter Dichter sei. «Dann entdeckte ich, dass man die Techniken der Dichtung auch in der Prosa anwenden kann, und so wurde aus einem unglücklichen Dichter ein glücklicher Essayist.» / Sieglinde Geisel, NZZ 23.12.03 über Eliot Weinbergers Essays (Edition Suhrkamp).
Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das „Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen.“ (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). („Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!“)
Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise („Beamte traf ich, aber keine Menschen!“). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: „sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht „auf dem land“ [sic] aus: laut u. luise wegzulassen.“ Die überwiesene Summe: DM 3,24 (OE S 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): „Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.“
Ein Fall Anders? Oh nein. Eher ein Fall Deutschland; ein Fall Literaturbetrieb. / Michael Gratz, in: Wiecker Bote 27-29/ 1999.
Richard Anders erhielt 1998 als erster Preisträger den in Greifswald verliehenen Wolfgang-Koeppen-Preis. Zuletzt erschienen:
Anders, RichardGedichte und Protokolle(Galrev Druck- u. V.-G.) ISBN 3-933149-30-4
20,00 Eur[D] / 20,60 Eur[A] / 37,00 sFrRichard Anders: Wolkenlesen.
Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen.
(Wiecker Bote) September 2003 – Taschenbücher – 167 S.
15,00 EUR
ISBN 3-935458-06-1
Von einer Sizilienreise schrieb der 27-jährige Thomas Bernhard im Februar 1958 an die von ihm verehrte, 15 Jahre ältere Christine Lavant: „Meine liebe Christin‘, hast mich schon vergeßn? Ich Dich nicht. Ich hab Dich recht gern und denk‘ oft an Dich.“ Er schließt mit der Hoffnung, die Dichterin recht bald auf dem Tonhof wiederzusehen. / RENATE WIGGERSHAUS, FR 23.12.03
Christine Lavant: „Briefe an Maja und Gerhard Lampersberg.“ Hrsg. von Fabjan Hafner und Arno Rußegger. Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien 2003, 168 Seiten, 17 Euro
In der gleichen Ausgabe auch eine Besprechung von
Else Lasker-Schüler: „Briefe 1893-1913.“ Bearbeitet von Ulrike Marquardt. Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Band 6. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 836 Seiten, 124 Euro.
und dem politischen Mord an August Kotzebue schreibt die Berliner Morgenpost am 22.12.03
Interessantes zur Herkunft einiger DDR-Weihnachtslieder fördert Siegfried Stadler in der SZ vom 22.12.03 zutage. Hier einige Erstveröffentlichungsdaten:
Bald nun ist Weihnachtszeit – 1938 (HJ-Liederblatt)
Guten Abend, schön Abend – 1941
Es ist für uns eine Zeit angekommen – 1942 („Deutsche Kriegsweihnacht“, herausgegeben vom Hauptkulturamt der NSDAP)
Ein Beispiel:
Sehr populär wurde in der DDR das Weihnachtslied „Guten Abend, schön Abend“. Am Anfang, als es beispielsweise 1956 und 1958 in zwei Sammlungen des FDGB und der FDJ erschien, gab es weder Angaben zum dreistrophigen Text noch zur Melodie. 1961 ließ Ilse Naumilkat, die mit ihrem Mann beim Berliner Rundfunk wirkte, zwei Lied-Strophen urheberrechtlich schützen, die sie an eine bereits vorhandene erste Strophe angedichtet hatte. Doch woher die erste Strophe kam, blieb im Dunkeln. Zur Melodie hieß es seitdem jedenfalls, dass sie aus Kärnten stamme. Beim deutschen Volkslied-Archiv in Freiburg ist die alte Weise mehrfach notiert. Doch nicht in Kärnten, sondern in der Steiermark hat sie ihren Ursprung. Und zwar in einer handschriftlichen Sammlung eines Joseph Salzwimmer von 1798. Das Lied, das er niederschrieb, hebt mit den Worten an: „Ave Maria, Jungfräuliche Zier“ und verkündet wird „ein unerhört’s Ding von der himmlischen Hofstatt“, die der „Engel Gabriel bringt“. Der katholische Text lässt sich mühelos auf das vorweihnachtliche DDR-Lied singen. Wie aus ihm „Guten Abend, schön Abend“ wurde, ist nun leider auch ein „unerhört’s Ding“. Denn die rätselhafte erste Strophe war keineswegs vom Himmel gefallen. Sie findet sich in den „Liedern zur Weihnachtszeit“, die Ilse Lang 1941 im Kallmeyer Verlag herausgab, der auch die HJ-Liederblätter druckte. Seinerzeit bestand „Guten Abend, schön Abend“ nur aus der noch heute gesungenen ersten Strophe. Sie schließt mit den Worten: „Am Kranze die Lichter, sie leuchten so fein / Sie geben der Heimat einen helllichten Schein“. Zur musikalischen Heimat des Liedes hieß es: „Aus der Eiffel“. Wie man sieht, war die Heimat weit.
Gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin soll der Lyrikdebütpreis ab 2004 auf Sylt vergeben werden. Parallel wird ein Lyrikfestival „Sylt-Lyrik“ mit jeweils 16 Autoren stattfinden. Auch das Stipendienprogramm der „Kulturquelle“ soll erweitert werden. Geplant ist die Einrichtung einer Reihe „Literarisches Doppelleben Sylt-Berlin“, die ab 2004 internationalen Schriftstellern einen sechswöchigen Aufenthalt teils in Berlin, teils auf Sylt ermöglichen soll. (nf.) / BLZ 21.12.03
In Rolf Schneiders Berliner Anthologie, Berliner Morgenpost 21.12.03 ein Gedicht der wichtigen Dichterin Christa Reinig (ihre Ausreise aus der DDR betreffend):
Vor der Abfahrt
Sie kamen und suchten
unter der Bank, im Gepäcknetz
suchten sie jemand.
Danke, sagten sie zu mir.
Auf dem Dach, zwischen den Rädern
suchten sie jemand.
Unter meiner Mütze
suchten sie nicht.
Starr war die Erde.
Da nahm ich den Schnee.
In meiner Manteltasche
nahm ich den Schnee mit.
© Eremitenpresse, Düsseldorf
In seiner Reihe „Poet´s Choice“ (Washington Post 21.12.03) stellt Edward Hirsch die serbische Dichterin Radmila Lazic vor:
„I’ll laugh everywhere, weep wherever I can,“ the poet Radmila Lazic writes in A Wake for the Living, translated from the Serbian with great panache by Charles Simic. „Life is candied fruit and vinegar,“ she declares. „I add them to my verses in equal amounts.“ There is something bittersweet about Lazic’s utterly convincing work, which has the texture of lived experience.
A Wake for the Living brings together a representative selection from Lazic’s six collections of poetry. It is the first English translation of her work. Born in 1949, Lazic has a jaunty wit, a restless and irreverent intelligence and a startling way of stalking the truth. …
Lazic writes as a feminist with a dark sense of humor and a surreal imagination, a woman forthright about her desires („Let me get to the nitty-gritty,“ the speaker announces in „Dorothy Parker Blues.“ „I give you the visa/To my body — my homeland“) and unsentimental about marriage. She can no longer be hoodwinked by conjugal love. „Many times I fell in love forever,“ she ruefully recalls in one poem.
Gegen die Lesart Täter-Opfer in der Beziehung Ted Hughes – Sylvia Plath wendet sich ein Buch von Diane Middlebrook. Besprechung von Daphne Merkins, NYT 21.12.03 / vgl. auch Michiko Kakutani 14.10.03
HER HUSBAND
Hughes and Plath — A Marriage.
By Diane Middlebrook.
Illustrated. 361 pp. New York: Viking. $25.95.
Collected Poems of Ted Hughes, edited by Paul Keegan, reviewed by Ruth Padel. (From the Financial Times.)
Reviewed by James Parker. (From The Boston Globe.)
Reviewed by John Mark Eberhart. (From The Kansas City Star.)
Über die Premiere einer neuen Greifswalder Literaturzeitschrift mit dem unaussprechlichen Namen KLK/\USGABE*) schreibt die Ostsee-Zeitung vom 20.12.03:
Der 23jährige Student Innokentij Kreknin (Germanistik und Slawistik) ist gemeinsam mit den gleichaltrigen Siri Hölperl (Germanistik und Anglistik/Amerikanistik) und Heiko Lehmann (Germanistik und Philosophie) Redakteur von KLK/\USGABE, die von Junge[nd] Medien [Greifswald] e. V. mit Sitz in der Langen Straße herausgegeben wird. Wiecker Bote und Zonic sind schon am Markt.
Die erste Ausgabe von KLK/\USGABE ist sozusagen noch druckfrisch. Sie ist für 4 Euro im Buchhandel und übers Internet über http://www.kunstleutekunst.org zu haben. …
Die Mehrheit der Autoren kommt nicht aus Vorpommern. Viele, wie Tobias Falberg aus Nürnberg oder der Berliner Martin Jankowski, leben zumindest teilweise von ihrer Kunst. Mit dem 25-jährigen Simon Froehling ist ein Schweizer dabei.
(*“KLK“ darin steht für Kunst, Leute, Kunst – früher Braun das. Bisher erschienen als Beilage der Jugendzeitschrift Likedeeler). Zur Premiere im Falladahaus lasen u.a. Martin Jankowski und Richard Rocholl. Im Anschluß zog das Publikum ein paar hundert Meter weiter ins „IKUWO“ zum ersten Greifswalder poetry slam (Fortsetzung für Januar angekündigt)).
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