Ulysses aus Charlottenburg: Thomas Brasch

Dort, im Gehäus seiner Isolation, sitzt er fest, dort spürt er das Herannahen der eigenen Vergänglichkeit, dort sehnt er sich für einige poetische Augenblicke nach einem Aufbruch in ein neues Leben, in dem er sein eigenes Ich zu spüren vermag: Was ist das zwischen einsam und allein / als wär ich nur vergangen wie im Flug / rings um die Erde doch ein Stein / bin ich mir nicht geworden. Ach genug // für einen zweiten andren Flug hab ich / noch Kraft und Lüfte auch. // Dass ich mich endlich selber brauch. In diesen sieben Zeilen hat der Dichter Thomas Brasch das Lebensprogramm seiner letzten Jahre zusammen gefasst. 

Der einst als „Ulysses aus Charlottenburg“ umjubelte Dichter besichtigt den Rest seiner künstlerischen Existenz. Das Resultat dieser poetischen Selbsterkundung sind bewegende, tief anrührende Gedichte eines Mannes, dem die Welt zerbrach und der schon bald nach Beginn seiner literarischen Karriere vom Vorgefühl des Untergangs zu sprechen begann. …

Am Ende eines dieser Gedichte erinnert sich der Dichter an die Urszene seiner Verlassenheit. Es ist der Abschied von der Mutter, ein Trennungsschmerz, der den Dichter noch nach Jahrzehnten immer wieder einholt. Mit diesem Abschied beginnen die Schrecken des Selbstverlusts:Weil ich das Eigene verloren habe / kann ich nichts mehr schreiben. / Jeder meiner Gedanken ist mir ganz fremd / und unnütz. Deshalb lasse ich ihn / gleich versinken, wenn er auftaucht. / Zu viel geredet. / Zu selten geschwiegen./ Und immer der Gedanke an Sterben. / Michael Braun, Freitag 50/2003

Thomas Brasch: Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer. Gedichte aus dem Nachlaß. Hrsg. v. Katharina Thalbach und Fritz J. Raddatz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, 208 S., 16,90 EUR

Und ein kleiner Einspruch. Zitat aus dem Artikel:

„Ein gewisser Hang zur Maßlosigkeit ist nicht zu übersehen; hier wird Brot nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit dem Beil abgehauen.“ Mit diesen warnenden Sätzen wurde der junge Brasch 1975 mit seinem Poesiealbum dem DDR-Publikum nur unter Vorbehalt anempfohlen.

Aber im Gegenteil, lieber Michael Braun! Mit diesen „warnenden Sätzen“ wurde niemand gewarnt. Das Poesiealbum Thomas Brasch war bei uns (ja, ich war dabei) Kult. Jede Wette, daß der „warnende“ Satz genau so gemeint war, wie wir ihn verstanden: als dringende Empfehlung.
(Oder haben Sie etwas gegen Maßlosigkeit?). – Eins der Gedichte, das ich bis heute fast auswendig kann, stand als letztes in dem 32-Seiten-Heft, das man abonnieren oder (damals noch) für 90 Pfennig am Zeitungskiosk kaufen konnte, auch in kleinen Städten:

WIE VIELE SIND WIR EIGENTLICH NOCH.
Der dort an der Kreuzung stand,
war das nicht von uns einer.
Jetzt trägt er eine Brille ohne Rand.
Wir hätten ihn fast nicht erkannt.

Wie viele sind wir eigentlich noch.
War das nicht der mit der Jimi-Hendrix-Platte.
Jetzt soll er Ingenieur sein.
Jetzt trägt er einen Anzug und Krawatte.
Wir sind die Aufgeregten. Er ist der Satte.

Wer sind wir eigentlich noch.
Wollen wir gehen. Was wollen wir finden.
Welchen Namen hat dieses Loch,
in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.

[ja, das Poesiealbum! Diese sieben Hefte habe ich beim Suchen nach Brasch aus der Reihe gezogen:

86 Zbigniew Herbert
87 Walt Whitman
88 Giuseppe Ungaretti
89 Thomas Brasch
90 Attila József
91 Jaroslav Smeljakow
92 Wystan Hugh Auden

(Alle noch von Bernd Jentzsch herausgegeben, der erst ein Jahr später, nach seinem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung, aus dem Amt und der Staatsbürgerschaft gefeuert wurde. – Übrigens blieb das Poesiealbum auch unter seinen Nachfolgern – auch Richard Pietraß wurde nach einiger Zeit gefeuert – lustvoll-subversiv.) Damit ließ sich lesen. – Mal bei Gelegenheit schreiben über den unterschiedlichen Status von Neugier und Subversion in den beiden Staaten, die ich beobachtet habe. Hallo, Tom!]


Leserbrief

Ja, lieber Michael Gratz,

was damals als vermeintliche „Warnung“ vor dem „Poesiealbum“ mit Th Brasch daherkam, war natürlich eine heimliche „dringende Empfehlung“. Da haben sie vollkommen recht. Im anderen Fall darf ich verneinen: Nein, gegen poetische „Maßlosigkeit“ habe ich überhaupt nichts. Im Gegenteil: Poetischer Extremismus ist manchmal eine Ausgangsbedingung von Schönheit. (Vgl. den Huchel-Preis an Hans Thill…)

Schöne Grüße: Michael Braun

Lieber Michael Braun: Meine Frage an Sie nach der Maßlosigkeit war natürlich rhetorisch gemeint! Gruß!


Fucking f…

Die FDJ-Nachfolgezeitung junge Welt schrieb nicht immer gegen (oder auch nur über) Zensur. Jetzt fällt es ihr natürlich leichter. Zumal wenn es um faschistische oder faschismusverdächtige Staaten (USA, Israel!) geht. Hier steht ein Artikel über US-Pläne, das Wort fuck zu verbieten. Lesenswert wegen längerer Auszüge aus einem Gedicht von John Cooper Clarke, Punk-Sänger & Poet.

(Aber Sie können auch den Originaltext lesen!)

Siehe auch: Antiimperialistischer Kollateralschaden: Eine Ausstellung in Schweden und die „Junge Welt“ (hagalil.com)

Hier zur Entspannung ein (harmloser) Haiku von Cooper Clarke:

TO-CON-VEY ONE’S MOOD
IN SEV-EN-TEEN SYLL-ABLE-S
IS VE-RY DIF-FIC

Am Ende des Stadtplans

Farhad Showghi will das „Unsagbare“ sagen, das, was hinter allen Worten steht. Vor großen Worten wie Liebe oder Einsamkeit scheut sich der Hamburger Dichter und Psychiater. „Das sind Kraftworte“, sagt er. „Sie beschreiben kaum, was in Menschen wirklich passiert.“ In seinem neuen Lyrikband „Am Ende des Stadtplans“ (Urs Engeler Editor, 17 Euro), den er im Literaturhaus vorstellte, tänzelt Showghi deshalb leichtfüßig am Rande des Unbewussten entlang. / Hamburger Abendblatt 16.1.04

(Biographie, Texte, Presseinfo bei Urs Engeler Editor)

Modern Poetry Top Ten

Im Independent vom 16.1.04 (?) stellt Brian Patten seine Modern Poetry Top Ten vor, angeführt von: Eliot, Waste Land/ Ginsberg, Howl/ Plath, Ariel. Einzige Nicht-Muttersprachler sind Pablo Neruda und Federico Garcia Lorca.

Sinnlos aufregend

(Kulturnachricht von Al-Jazeera*) english, 15.1.04)

Afghanistan’s Supreme Court has protested against the lifting of a ban preventing women singers from performing on state television. The legal body said the practice was un-Islamic, should not be repeated and did nothing for the respect within which women are held.

*) Vorsicht: sie zeigen das Bild einer singenden Frau.

Republikanischer Hofpoet

Eine Art republikanischer Hofpoet („poet laureate“) soll nach dem Vorschlag eines schottischen Sozialisten künftig jeden Januar ernannt werden. Ziel: Burns´ egalitären Idealen entsprechende Verse. / BBC 15.1.04

Link:

Burns for beginners
Robert Burns Country (dort gibt es zu den Gedichten automatisch öffnende Erklärungen der schottischen Wörter
Von Burns stammt (vielleicht doch nicht?) das bekannte Auld Lang Syne (Lexikon), aber dafür „Comin´ thro the rye“, das den Titel für Salingers „Catcher in the rye“ hergab.

Zeitschriftenlese

„Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab“ – diesen Satz habe er mehrfach in die Alben seiner Mitschülerinnen kaligraphiert, erinnert sich Hugo Loetscher in einem Rückblick auf seine schriftstellerischen Anfänge. In der Zeitschrift Akzente, in der erstmals Gedichte des Schweizer Romanciers und Essayisten präsentiert werden, erläutert der 74-Jährige, welch lange poetische Sensibilisierung dieser jetzigen Publikation vorausging: vaterländische Dichtung im Deutschunterricht, Fragen zum Versmaß im Examen, eigenständige Entdeckung Gottfried Benns „beim Bibliotheksschnüffeln“, dann die ersten Literatursendungen im Fernsehen. Irgendwann hatte Loetscher sich so intensiv in die Lyrik eingelesen, dass er keinen Schritt mehr gehen konnte, ohne das eigene Erleben mit Zitaten zu untermalen: „Unabhängig der Meteorologie lässt der Frühling Jahr für Jahr sein blaues Band flattern, und schon ist mir, als flöge meine Seele nach Haus.“ / Roman Luckscheiter, FR 15.1.04

Akzente, Heft 6/2003 (Vilshofener Straße 10, 81679 München), 7,90 Euro. (Hugo Loetscher, Katarina Frostenson)
entwürfe, Heft 36, Dezember 2003 (Reichenbachstraße 122, CH-3004 Bern), 12 Euro. (Ulrike Draesner)
die horen, Heft 212, 4. Quartal 2003 (Postfach 101110, 27511 Bremerhaven), 9,50 Euro. (Thomas Chatterton, James MacPherson)

Derselbe daselbst am 14.1.04:

„Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens“, Heft 5 / 2003. Am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin hrsg. von Peter Wruck und Roland Berbig. 186 Seiten, 8 Euro. (Gottfried Benn)

Grazie Anarchie

Er sei, so hat Brendel deutlich gemacht, trotz seiner Bewunderung für die Kunstrevolutionäre des Dadaismus nicht an sprachexperimentellen Konstruktionen interessiert. Er bevorzugt Gedichte, die auf syntaktische und semantische Fassbarkeit setzen und Lesbarkeit nicht als Skandal empfinden. In einem programmatischen Gedicht erblickt ein «Dadaist» im Spiegel nicht nur einen verfremdeten Beethoven mit Schnurrbart, sondern auch die Elemente einer künstlerischen Dialektik, die auch der Autor für sich adoptiert hat: «Albernheit und Methode / Sinn im Unsinn / Grazie Anarchie / ein Stück Welt / zugleich absolut gar nichts.» / Michael Braun, NZZ 15.1.04

Alfred Brendel: Spiegelbild und schwarzer Spuk. Gesammelte und neue Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2003. 288 S., Fr. 34.60.

Vgl. auch SZ 15.1.04

Eigen-Beatler

Schliesslich war er ein Eigenbrötler und Einzelgänger, unempfänglich für die von den Beats extensiv genutzte Energie der Gruppe. Dennoch finden sich in Bukowskis Lyrik auch Elemente, die ihn in die Nähe der Beat-Generation rücken.
Da ist die ungeschminkte, schonungslose, bis zur völligen Selbstentblössung gehende autobiografische Aufrichtigkeit seiner Dichtungen. Da ist seine knallharte Darstellung der Triebe und Süchte zumal der männlichen Wunschmaschine. Oder die Bevorzugung des Banalen, Alltäglichen, das Auge, das sich am bisher von der Poesie ferngehaltenen Schmutz schult: «Beobachtung in die / Tat umgesetzt / ist die Essenz / der Kunst», meinte er programmatisch. … Bukowskis antiintellektuelle Haltung brachte stets geradlinige, einfache Zeilen hervor, die sich sofort erschliessen: «Studenten wollen, dass es geheimnis- / voll und bedeutend ist. // Ich will, dass es leicht ist. // Und das ist es», schrieb er im Gedicht «Barock und was noch alles»./ Florian Vetsch, NZZ 15.1.04

Charles Bukowski: 439 Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003. 992 S., Fr. 53.-.

Goncourt-Preis

Der Schweizer Lyriker Philippe Jaccottet hat den diesjährigen Goncourt-Preis für Lyrik erhalten. Der seit 50 Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller wird damit für sein Gesamtwerk geehrt. / NZZ 15.1.04

DICHTERWETTSTREIT

Für Leser in Vorpommern:

POETRY SLAM & PARTY

was im dezember einschlug, geht auf ein neues: die zweite runde des greifswalder DICHTERWETTSTREITS. die ’offene liste’ hängt wieder, mitmachen kann jeder, der eigene texte auf der bühne präsentieren will. für die kandidaten, eben für die slamer gibt es wieder freien eintritt. denn natürlich ist auch wieder party im blauen salon.

WANN: Sonnabend, 17.1.2004, 20.30UHR
WO: IKUWO, GOETHESTRAßE 1
eintritt: 3€

www.kunstleutekunst.org

Vgl. auch Ostseezeitung 14.1.04 oder L&Poe 19.1.04.

Gedanken

Wann ein Gedicht fertig ist und wie eine letzte Zeile beschaffen ist; wer an der Vorstellung schuld ist, daß man Literaturkritik durch Seminare lernt, statt durch das Lesen von Büchern und Kritiken; warum amerikanische Hochschulen in den letzten Jahrzehnten [ganz anders als deutsche] so gern Autoren einstellen – darüber denkt der amerikanische Autor Henry Taylor in einem (eMail-)Interview mit der Zeitschrift Tar River Poetry nach. / 13.1.04

Dichterstimme

Kennt man Tonaufnahmen von Celans Leseduktus beim Vortrag eigener Gedichte, verblüfft das deutlich reduzierte Pathos der vorliegenden Einspielung: Die artikulatorische Anverwandlung der fremdeigenen und eigenfremden Texte erkundet das Spektrum zwischen Nähe und Distanz in gedeckten Intensitäten.
Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte Celans zeitweilige Gefährtin Ingeborg Bachmann ihre frühen Gedichte eingespielt, die nun widerhallen im prekären Charme der Jugend: Hier Mädchenklang, dort symbolisches Dräuen, stockt die junge Bachmann mitunter in poetischem Pathos, um dann wiederum Silberstreifen der Sehnsucht in den anonymen Äther zu senden. / Christiane Zintzen, NZZ 13.1.04

Paul Celan: Gedichte von Sergei Jessenin und Ossip Mandelstam, übersetzt von Paul Celan, Autorenlesung WDR 1967. 1 CD (55 Min.), Der Hörverlag 2002, Fr. 25.70.
Ingeborg Bachmann: Gedichte 1948-1957, Autorenlesung. 1 CD (72 Min.), Der Hörverlag / NDR / SWR 2003, Fr. 17.40.

Lyrische Künstler-Lebensbeschreibung

Wenn ihn der Verlag in eine „Schweizer Tradition der zunächst verkannten und erst spät zu Ehren gekommenen großen Autoren“ einreiht, dann hat das natürlich mit Werbung zu tun und trifft Raebers Fall nur im Ungefähren, denn als verkannt kann zumindest der Lyriker keineswegs gelten. Für Bände wie „Die verwandelten Schiffe“ (1957), „FLUSSUFER“ (1963) oder „Reduktionen“ (1981) bekam er Ehrungen und Preise. Mit Versen hatte Raeber zu schreiben begonnen, sie zu schreiben hörte er nicht auf. Der erste Band der Werkausgabe, der diese und die weiteren poetischen Sammlungen vereinigt, gleicht so einer beeindruckenden lyrischen Künstler-Lebensbeschreibung, an der die artistische Entwicklung vom immer freieren Rilkisieren über das (klangbewusste!) Lakonisieren des Ausdrucks bis hin zu alemannischen Dialektgedichten, die den Bogen zur Sprache der Kindheit schlagen, ablesbar ist. / ROLF-BERNHARD ESSIG, SZ 13.1.04

KUNO RAEBER: Werke in fünf Bänden. Hg. von Christiane Wyrwa und Matthias Klein. Bisher erschienen: Bd. 1: Lyrik. 464 S. 24,90 Euro. Bd. 2 Erzählende Prosa. 519 S. 24,90 Euro. Bd. 3: Romane und Dramen. 527 S., 24,90 Euro.Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002/2003

Disposophobia

(a.k.a. what do messies – messing?). Im New Yorker vom 12.1.04 eine Geschichte von jemand, der fast erschlagen wurde von seiner eigenen Sammlung – der vielleicht größten und bestsortierten Zeitschriftsammlung in New York – in einer winzigen Wohnung in der Bronx. – Wenn jemand eine Sammlung in der Nähe hat, kann er – nur im Druck – Gedichte von Wislawa Szymborska lesen.