Der (Achtung!) deutsche Surrealist (!!) K.O. Götz, 1914 in Aachen geboren, wird am 22.2.04 90. Ja, obwohl es in deutschen Literaturgeschichten und Anthologien fast nicht vorkommt, gibt es das! (Nennen wir mal Max Hölzer, Unica Zürn, Anneliese Hager, Johannes Hübner, Lothar Klünner, Richard Anders). Hier ein Artikel der Sächsischen Zeitung (21.2.04):
1933 schuf er erste abstrakte Arbeiten; 1935 begann er mit seinen Spritzbildern – lange vor Jackson Pollock. Der blutjunge K. O. Götz wurde mit dem Mal- und Ausstellungsverbot der Nazis belegt, wagte sich aber auch während seiner Soldatenzeit an abstrakte Kompositionen. Dass er 1940/41 in Dresden Dienst tun musste, geriet dem jungen Maler zum Nutzen. Er absolvierte ein Semester an der Dresdner Kunstakademie und schloss Freundschaft mit Otto Dix, Will Grohmann und Edmund Kesting.
Götz gründete 1959, im Jahr seiner Teilnahme an der Documenta II, gemeinsam mit Otto Greis, Heinz Kreutz und Bernard Schultze in Frankfurt/Main die Gruppe Quadriga. Das innovative Quartett arbeitete im Geist des Tachismus, den K. O. Götz in der großen Strömung des Informel aufgehen ließ – mit seinen genial gesetzten und kühn die Leinwände beherrschenden Pinselzügen. …
1999 schrieb Götz 121 surreale Gedichte über Maler und Malerinnen, die seinen Lebensweg gekreuzt oder gar begleitet haben.
… K. O. Götz ließ seinen Schülern alle erdenkliche Freiheit der Entfaltung; er hat die verschiedenen Temperamente erkannt und sie zu unorthodoxen Wegen ermutigt. „Gonschior, machen Sie daraus einen Knüller, machen Sie ein großes Format.“ Nicht etwa Pinselschriften oder Bildstrukturen vermittelte Götz seinen Schülern, sondern, so Franz Erhard Walther, Haltung und ein klares Verhältnis zur Kunst. „Richter, das müssen Sie weglassen“, empfahl Götz, als es um ein allzu surrealistisches Detail ging.
Bis 18. April 2004 im Museum Küppersmühle Duisburg, Philosophenweg 55, geöffnet Mi. 14–18, Do. 11–18, Sbd./So. 11– 18 Uhr; Katalog 20 Euro
Hier kann man die handgeschriebenen Kollegengedichte (103!) im Faksimile sehen. Darunter z.B.: Marcel Duchamp, Otto Dix, Joseph Beuys, Asger Jorn oder Lucebert. Ein Gedicht beginnt so:
Für Elke Starke
Ossip und Nadeshda
Mandelstam haßte Uhren,
er hat nie eine besessen.
Unbeweglich die Zwiebel der Zeit.
Was ist schon ein Ziffernblatt:
Ein Schnurrbart krabbelt über einen Teller (Mandelstam)
Seitdem Ossip im Jahre 1934
ein wahrlich kritisches Gedicht über den
Kremelbergbewohner mit den dicken fetten
Würmerfingern
losgelassen,
schwebt über ihm die Todesstrafe.
Die Zähmung eines unsichtbaren Würfels
war nicht seine Art.
(…)
Hier die Gesamtausgabe im Rimbaud Verlag.
Hier Bilder des Malers.
Hier ein Bericht des hr, wie der fast blinde Maler immer noch malt.
Weitere Artikel: Rolf-Gunter Dienst, FAZ 21.2.04 (Offline) / Gotthard Knapp, SZ 21.2.04:
Einer der letzten Zeugen des Informel, der Maler und Lyriker Karl Otto Götz, wird am Sonntag 90 Jahre alt …
Fast neun Jahre seines Lebens hat der junge K. O. Götz – nach seinen ersten bildnerischen Versuchen – beim Militärdienst und anschließend als Soldat im Krieg totgeschlagen. Dass dabei, trotz Malverbot, Zeit blieb für intensive Experimente mit abstrakten Filmen und Fotogrammen, kommt dem Nachgeborenen wie ein Wunder vor. Im großen allgemeinen Aufbruch der abstrakten Malerei nach dem Krieg hat Götz mit seinem zunächst abstrahierenden, dann dynamisch freien gestischen Malstil rasch internationale Anerkennung gefunden. Als einziger Deutscher wurde er 1949 in die internationale Gruppe „Cobra“ aufgenommen, und 1952 hat er die deutsche Gruppe „Quadriga“ mitbegründet.
Mit diesem Begriff des rumänischen Avantgardisten M. Blecher (1909-1938, –> 23, L&P 9.2.04) beschreibt der aus Rumänien eingewanderte Lyriker, Erzähler und Essayist Richard Wagner Aspekte unserer medialen (Non)Existenz:
Wir leben in einer visuellen Gesellschaft. Menschen gehen zu Empfängen, um dort, wie sie sagen, ihr Gesicht zu zeigen. Gleichzeitig wirkt ein Gesichtsverbot, das der Islam den Frauen auferlegt, um sie als Teilhaber der allgemeinen Belange auszuschalten. Es gibt das Verbergen des Gesichts im Fall der Zapatisten oder in der Vermummung des Schwarzen Blocks, auf den Demos. Die Zapatisten und die Autonomen entziehen sich damit nicht nur der Ordnung, sondern auch dem Gesetz. Wer nicht gesehen wird, der untersteht nicht den Normen, der Gerichtsbarkeit. Als Folge besteht ein Vermummungsverbot. Vermummt treten aber auch die Polizeikräfte auf, speziell die Sondereinheiten. Sie begeben sich jeweils auf das Terrain ihrer Gegner, um diese besser bekämpfen zu können, wie sie behaupten. Damit erscheint auch der Gesetzeshüter verdeckt.
Nichts ist mehr an seinem Platz, wir leben mit ständig changierenden Bedeutungen. Es herrscht «unmittelbare Unwirklichkeit» (M. Blecher). / NZZ 21.2.04
Über den schwedischen Lyriker Bengt Emil Johnson (geboren 1936 in Saxdalen, Dalarna) schreibt Lukas Dettwiler, NZZ 21.2.04:
Als langjähriger ehemaliger Mitarbeiter des Schwedischen Rundfunks präsentiert er auf dem Kulturkanal P2 in seiner Sendung «Voljär» (Voliere) weiterhin monatlich eine Vogelstimme (unter http://www.sr.se/p2/p2pippi/arkiv.stm im Internet zu hören). Hier, im Gedicht «Pfingstvögel», läuft ein Gelbspötter französischen Philosophen rhetorisch den Rang ab.
Im Volksglauben war der Zaunkönig Gottes Vogel,
die Elster hatte Kontakt mit dem Teufel persönlich.
Über den Gelbspötter hat Tillhagen nichts zu berichten.
Die Mönchsgrasmücke hiess Einsiedler unter den Bauern,
Hortling verzeichnete Dutzende Namen des Eichelhähers.
Ein gelbbauchiger Bastard . . . mochte er heissen,
der Virtuose, der jetzt wieder zu den Erlen beim
alten Kartoffelkeller zurückkehrte. Ja, gewiss,
er hat sich gemacht im Winter am Äquator . . .
Grosszügig verteilt er das Leihgut, montiert
das Zitat zur persönlichen Komposition.
Hippolaïs icterina – du warst ein Postmodernist
lange vor allen französischen Philosophen!
«Ich glaube nicht, ich höre», sagt der Lyriker Johnson, der als Kind schon eine Art Plaudereien über die Natur zu schreiben begann.
Hier sein Gedicht „Kleine Abhandlung über das Schreiben“
Ein intimes Verhältnis zu ihrer Sprache pflegen die Isländer, die, wenn sie denn wollten, mittelalterliche Prosa fast ebenso mühelos lesen könnten wie die Tageszeitung. Fremdwörter halten sie von ihrer Sprache fern, für neue Phänomene suchen sie nach eigenständigen Lösungen. So schuf vor bald fünfzig Jahren ein Professor ein isländisch-englisches Spezialwörterbuch der Flugzeugsprache. Ob sich ein Wagemutiger findet, um das Werk ins 21. Jahrhundert hinein fortzuführen, bleibt abzuwarten. Die technische Terminologie des 20. Jahrhunderts hat man vollständig islandisiert. Der Computer ist weiblichen Geschlechts und wird «tölva» genannt, was sich auf «völva» reimt – die Seherin, die Frau mit dem Zauberstab, die in einem tausend Jahre alten Gedicht dem Götterchef Odin (deutsch: Wotan) das Schicksal der Götter und Menschen prophezeite. / Aldo Keel, NZZ 21.2.04
Kleinzahler might be considered a postmodern metaphysical poet. He makes a complex cognitive music, his poems often sprung from a conceit deftly played out: “A Beautiful Mind“ undoes the feel-good inanity of the movie, enacting instead a vivid brain-surgery fantasia (“You can imagine the mess / and attendant motor disturbance“). In “The Hereafter“ the newly dead poet gets a private screening of his life: “A 20-million-dollar home movie it is. . . . What a lot of erections, voidings, pretzels, / bouncing the ball against the stoop. / She really did love you, all along.“ Hell is not, it would seem, other people.
For all their dazzle, these poems do not ask you to like them. They are a free — albeit occasionally dyspeptic — offering, arising from a commitment to track “How thus the Streaming Familiar / Is made to transfigure / Magick’d in the Candle’s Glow.“ The poet’s humor is sometimes whimsical, often elegiac and intermittently quite savage, particularly in his epistle-poems, modeled ingeniously after Horace. / Maureen N. Mclane, NYT*) 22.2.04
THE STRANGE HOURS TRAVELERS KEEP
By August Kleinzahler.
98 pp. New York: Farrar, Straus & Giroux. $22.
Hier*) eine umfangreiche Leseprobe aus dem besprochenen Band.
Der tschechische Komponist Bohuslav Martinů vertonte 1957 das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten Dichtungen der Menschheit. Jetzt wird das Oratorium in Weimar und Leipzig aufgeführt. Für die Rolle des Sprechers konnte Dieter Mann gewonnen werden.
Hier eine Probe aus der ersten Tafel in der Übersetzung von Albert Schott:
(Schamkat ist die Frau, die von Gilgamesch beauftragt wird, den wilden Enkidu zu zivilisieren durch Beischlaf)
Ihren Busen machte die Schamkat frei,
Tat auf ihren Schoß, er nahm ihre Fülle,
Sie scheute sich nicht, nahm hin seinen Atemstoß,
Entbreitet‘ ihr Gewand, daß auf ihr er sich bettete,
Schaffte ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes –
Sein Liebesspiel raunte er über ihr.
Shamhat threw her cloak aside and he saw her body.
Shamhat walk close up to him and he smelled her charming scent.
Shamat leaped on Enkidu and wrapped her legs about his groin.
Shamhat pressed her mouth on Enkidu’s mouth, her tongue parting his lips
Shamhat heating mound expanded his trembling cock
Shamhat beat her cunt on his stiffened cock until breathless they collapsed.
Shamhat showed him her civilizing force for seven nights.
Shamhat changed his scent so the herds stampeded from him in terror.
andere englische Fassung:
Shamhat unclutched her bosom, and he took in her voluptiousness.
She was not restrained, but took his energy.
She spread out her robe and he lay upon her,
she performed for the primitive the task of womankind.
His lust groaned over her…
Maureen Gallery Kovacs, in: The Epic of Gilgamesh. Stanford 1989, S. 9
[Kommt Zeit, kommen mehr Übersetzungen, mal zum Vergleich! Also in den nächsten Tagen!]
Rainer Dietleins Gilgamesch-Projekt (Umsetzung in Bilder)
so die Überschrift eines Vortrags des neuen Vorsitzenden der Theodor-Storm-Gesellschaft Husum, Heinrich Detering. / Thüringische Landeszeitung 21.2.04
In der NZZ vom 19.2.04 schreibt Sieglinde Geisel über Digitale Poesie: p0es1s
p0es1s. Digitale Poesie. Bis 4. April im Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin (www.p0es1s.net). Als Begleitpublikation ist im Hatje-Cantz-Verlag das Buch «p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie» erschienen, 336 S., Euro 25.-.
Mehr: Alexander Kluy, FR 21.2.04
Das neue Buch des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch La Ta’tadhir ‚Amma Fa’alt (Don’t Apologise for what you Did), is in many ways also a return for Darwish to poetry as poetry, schreibt Al-Ahram Nr. 678.
/ Februar 2004
Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus befürchtet, dass der Auftritt der arabischen Welt als Gastland der Frankfurter Buchmesse zur Propaganda-Veranstaltung staatlicher Organe werden könnte. Die Buchmesse verwehrt sich gegen jegliche Zensurmaßnahmen.
Frankfurt/Main/Kairo – Die Arabische Liga, die für die arabische Beteiligung verantwortlich ist, werde von den einzelnen Staaten unter Druck gesetzt, so Machfus. Sie soll in Frankfurt vom 6. bis 10. Oktober 2004 nur eine staatlich sanktionierte „Fassade“ der arabischen Literatur präsentieren, schrieb der 92-Jährige in einem am Donnerstag veröffentlichten Kommentar der ägyptischen Wochenzeitung „Al-Ahram Weekly“. / Spiegel.de
Der Originalartikel hier (Al-Ahram 678). Auszug:
But it is well known that Arab governments maintain facades that seldom reflect the reality of life in their countries, and I fear that it will be the figures who constitute these facades that will represent the Arab world at this important event.
Ausgewählte Antikriegstexte von Tom de Toys jetzt auf den Seiten
—> http://www.versalia.de/profil/index.php?id=114 [WER SAH LIA?]
oder hier:
—> http://www.anti-literatur.de/gaeste/tomdetoys.php
Demnächst gedruckt: WARTEXTS bei „Wienzeile“
Es wurden keine mit Ihrer Suchanfrage – goethepächter – passenden Dokumente gefunden.
Es wurden keine Seiten mit „goethepächter“ gefunden. Meinten Sie: gutspächter ? Fragt Google. Okay, Leute, hier isses:
Sie haben aus Goethes Werk einen Werkhof gemacht für die schwer erziehbare Nation. Sie schalten darin wie Gouvernanten. Wie wenig Liebe zum Heutigen spür ich in ihrem Gehabe.
Sie haben sein Erbe gepachtet, und bleiben darin sitzen. Sie haben seine Schwellen gebohnert – aber wagen sich nicht mehr darüber. Sie leben mit seinen Büchern so, als würden die Bücher schon leben. Sie haben so mit ihnen zu tun, als hätten sie nichts mit sich zu tun.
Während wir, auf den Wiesen der öffentlichen Landschaft, mit ihm unsre Späße treiben. Sie sind neue Aristikraten; wir sind seine alten Freunde.
1968
(Volker Braun, in: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Reclam Leipzig 1975. Tatsächlich, das war vor 29 Jahren im fernen Land DDR: Das Land, das ferne, das sich seine Dichter verschwieg, wenns ging. Ging aber nicht immer. – Gilt aber immer.)
/ Februar 2004
Dziwny jest ten swiat — seltsam ist diese Welt: am vergangenen Samstag [geschrieben am 24.1.04!, vgl. L&P 01/2004] starb Czeslaw Niemen im Alter von 65 Jahren, einer der großen europäischen Sänger, ein König des Souls. Was bleibt uns anderes übrig, als sein Meisterwerk „bema pamieci obny rapsod“ aufzulegen und trüben Gedanken nachzuhängen. „Nicht kompatibel für den Westen“ war die „Ode to Venus“, die Niemen und die Gruppa SBB für die CBS aufnahmen. Nun kommt Polen im Westen an und man wird es als Lichtblick feiern können. Wieviel der guten, der aufregenden Popmusik ist überhaupt noch kompatibel in Zeiten, in denen Katja Ebstein als Entdeckung gefeiert wird? Ist es an der Zeit, auf die Rückkehr der Spinner zu hoffen? Oder muss man das Gesülze mit und über Air ertragen, die nicht nur Lost in Translation sind? Oh Venus, Venus, Venus singt Niemen am Ende seiner Predigt für Marlene Dietrich, während wir uns mit Pepsi auf den Superbowl vorbereiten, zu dem Britney, Pink und Beyoncé mit Schwertern aufmarschieren werden, das alte Hammergirl von Apple vergessen machend.
(schreibt ein „Jimmy“ hier; man kann nicht genug klagen, ja. Ale Niemen nie zyje.]
Dziwny jest ten kraj, fürwahr:
Die Musik auf der Scheibe „Sonderbar ist die Welt“ ist eine Provokation dem kommunistischen Regime gegenüber, und natürlich auch die bunten, grellen Klamotten, die Niemen und seine Bandmitglieder nicht nur auf der Bühne tragen, sondern auch im grauen sozialistischen Alltag. Niemen entwickelt sich zum Staatsfeind Nr. 1. Die staatliche Kulturbehörde denunziert ihn, aber sie lässt ihn gewähren. / MDR Niemen-Seite
Über Franz Schuberts Vertonung von Gedichten und Liedern des pommerschen Pfarrers und Dichters Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) spricht der Musikwissenschaftler Dr. Peter Tenhaef am Donnerstag, dem 19.2.04, um 20.00 Uhr im Greifswalder Falladahaus, Steinstraße 58/59. Kosegarten, der auch Professor an der Universität Greifswald war, machte u.a. den Maler Caspar David Friedrich auf die Naturschönheit der Insel Rügen aufmerksam. Bei der Bücherverbrennung der Studenten beim Burschenschaftsfest auf der Wartburg im Oktober 1817 waren unter 23 „undeutschen“ verbrannten Büchern auch drei von Kosegarten. (Wer von Schubert vertont und von „Turnvater Jahns“ Gefolgsleuten verbrannt wurde, kann nicht ganz uninteressant sein!)
Unter den von Schubert vertonten Texten Kosegartens ist auch diese asklepiadeische Ode mit positiver Mitte und etwas brutaler Coda:
An Rosa (II)
Rosa, denkst du an mich? Innig gedenk´ ich dein.
Durch den grünlichen Wald schimmert das Abendroth.
Und die Wipfel der Tannen
Regt das Säuseln des Ewigen.
Rosa, wärest du hier, säh´ ich in´s Abendroth
Deine Wangen getaucht, säh ich vom Abendhauch
Deine Locken geringelt
Edle Seele, mir wäre wohl!
Lieber lehn‘ ich an dir, als an der Einsamkeit
Trautem Busen. Mir klingt süsser der Flötenton
Deiner klagenden Stimme,
als das Säuseln im Tannenhain.
Jedes leisere Weh‘, Jedes verschwieg’ne Ach,
Das den Busen mir presst, haucht‘ ich dir öfter aus,
Schöpfe freieren Odem,
klomm heroischer felsenan.
Nie soll darum ein Freund meiner holdseligen
Rosa mangeln, und nie Milderung ihrem Gram!
Nie sei trostlos ihr Leiden,
ihre Urne nie blumenleer!
Komponiert 19.10.1815, D 316
Hörbuch: „Mit Ludwig T. Kosegarten nach Rügen“
Kosegarten kam 1792 als Pfarrer auf die Insel Rügen. Neben Naturbeschreibungen erzählt Kosegarten auch vom Alltag der Inselbewohner und ihrer Ausbeutung durch die französischen Besatzer, denen sie Bouillon, Wein und Kaffee liefern sollten. Eine „schöne Entdeckung für alle Rügen-Reisenden“, meint Rolf Michaelis, Die Zeit 8.6.2000.
„Mit Ludwig Theobul Kosegarten nach Rügen.“
Kassette. 1792. Lesung mit Musik
Audio Verlag, Berlin 2000, ISBN 3898130738
Kassette, 0 Seiten, 32,95 DM
[ Klappentext ]
Gelesen von Siegfried W. Kernen. Musik: Traugott M. Eberwein „Sinfonie Nr. 3, Es-Dur, op. 84“. 52 Seiten (Booklet). Mit diesem Briefroman begründete Ludwig Theobul Kosegarten (1758-1818) die Legende Rügen, die heute neue Blüten treibt. Der literarisch äußerst betriebsame Pastor, der in ausgiebigem Briefwechsel mit Herder und Goethe, Schiller und Caspar David Friedrich stand, schuf dazu eine Kunstfigur. Sein fiktiver Held aus gutem Hause schildert seine wahrhaft platonische Liebe zu der berühmten Insel, die er nach und nach für sich entdeckt. Er beschreibt einen katastrophalen Schiffbruch an der Küste des Vorpommerschen Eilands, geht mit den Fischern auf Heringsfang, erlebt eine Dorfhochzeit und erwandert Kap Arkona und die Stubbenkammer. Kosegarten selbst kam 1792 als Pastor nach Rügen.
Der seit 1994 in einem französischen Gefängnis einsitzende Terrorist Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, lässt demnächst von ihm eigenhändig geschmiedete Terrorgedichte veröffentlichen. Wie die französische Tageszeitung Le Figaro am Mittwoch berichtete, schmachtet der Venezolaner gern seine Rechtsanwältin Isabelle Coutant-Peyre in Versform an. Und seine Anwältin, die ihn daraufhin prompt heiratete, hat nun nichts Besseres zu tun, als die Gedichte in ihrer Anfang März erscheinenden Autobiografie zu veröffentlichen. Man weiß gar nicht, wen man von den beiden mehr bedauern soll, wenn man die Schmalzverse liest: „Erschüttert vom tiefen, fließenden, tellurischen Verlangen, deine Berge und deine Täler zu erkunden, sie zu streicheln, zu küssen, anzuknabbern, bis zur pyrotechnischen Explosion, andauernd, ekstatisch …“ – und so weiter, fließt dem Terrorpoeten das Herz über die Zunge. Wenn Gedichte töten könnten, Carlos hätte die tödlichste Kitschwaffe der Welt erfunden. / taz 19.2.04
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