99. Nachricht aus Quebec

„Das Lyrikmilieu ist eines der härtesten und engstirnigsten, das ich in meinem Leben kennenlernen konnte. Hier ist man eifersüchtig, hier verunglimpft man einander auf besonders gehässige Weise. Auf jeden Fall mehr als bei Romanautoren, Dramatikern oder Essayisten. Das ist wohl umgekehrt proportional zur Zahl der verkauften Bücher und der Leser.“ / Pierre Graveline, Le soleil (Kanada)

98. Rae Armantrout bei luxbooks

Liebe Leserin, lieber Leser,

In diesem Herbst erschienen ausgewählte Gedichte aus dem Gesamtwerk der US-amerikanischen Dichterin Rae Armantrout bei luxbooks. Ihr aktueller Band „Versed“ ist Finalist des National Book Award, dem neben dem Pulitzer Prize bedeutendsten amerikanischen Literaturpreis. Zu den bisherigen Preisträgern des seit 60 Jahren verliehenen Preises gehören u. a.

in der Kategorie Prosa: William Faulkner, Saul Bellow, Philip Roth, John Updike, Joyce Carol Oates, Thomas Pynchon, John Irving, Don DeLillo, Cormac McCarthy und Jonathan Franzen

in der Kategorie Lyrik: William Carlos Williams, Wallace Stevens, Marianne Moore, Robert Lowell, Allen Ginsberg, John Ashbery, Frank O’Hara und Robert Hass

http://www.nationalbook.org/nba2009_p_armantrout.html

Rae Armantrout in Deutschland

Rae Armantrout war vom 12.-15. September in Deutschland und hat im Literaturhaus Frankfurt sowie an der Lesebühne Darmstadt mit ihrem Übersetzer Matthias Göritz aus ihrem Band „Narrativ“ (luxbooks, 2009, 978-3-939557-40-1) gelesen. Der Band bietet einen zweisprachigen Querschnitt durch das Werk der Dichterin. Ein Bericht über die Lesung von Florian Balke ist in der FAZ vom 16. September erschienen.

Wir wünschen viel Freude beim Entdecken dieser wunderbaren Dichterin!

Herzliche Grüße aus Wiesbaden
Annette Kühn & Christian Lux
luxbooks
wortfürwortfürwort
www.luxbooks.de

Zur Buchseite auf unserer Homepage:

97. Klangwelt

Hans Werner Henzes «Nachtstücke und Arien» für Sopran und grosses Orchester auf Gedichte von Ingeborg Bachmann waren am 20. Oktober 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen eine eigentliche Sensation. Für einige ein kleiner Skandal; für manche eine strahlende Offenbarung. Die Uraufführung im begehrten Sonntagnachmittags-Konzert – mit der blendenden farbigen Sopranistin Gloria Davy und dem überlegenen Südwestfunk-Orchester unter Hans Rosbaud – zeigte, dass Musik in den fünfziger Jahren auch ausserhalb der Gebote der Darmstädter Avantgarde überzeugen konnte. Da blühte eine Klangwelt auf, die keck, nachdrücklich und unmissverständlich zu bedenken gab: zeitgenössische Musik ist heute auch anders möglich. …

Ausgangspunkt dieser offensichtlichen Neuorientierung des Komponisten waren zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann aus dem Zyklus «Anrufung des Grossen Bären» (1956). Dass es eben zu dieser Werkverbindung kam, war das Resultat von eigentlich missliebigen Umständen. Zuerst vorgesehen gewesen war eine Opernproduktion für die Donaueschinger Musiktage: «Belinda». Doch wegen angeblich technischer Hindernisse bei den Saalverhältnissen und weil Heinrich Strobel, der Leiter der Südwestfunk-Musikabteilung, starke Bedenken gegen Bachmanns Libretto-Proben bekundete, aber bereits die Sängerin engagiert war, musste eine einfachere Lösung anvisiert werden. Sogar eine Vertonung von Jean Cocteaus Monodrama «La voix humaine» stand zur Diskussion: ein Sujet, das kurz danach Francis Poulenc erfolgreich realisieren sollte. – Henze entschloss sich rasch für die Gedichte «Aria I» und «Freies Geleit (Aria II)». Enthusiastisch schreibt er in seinem Brief vom 29. Mai 1957 an Ingeborg Bachmann zum zweiten Gedicht: «. . . denn es enthielt beherzt eines der schönsten gedichte der welt bei dem es mir fast leid tut es durch töne zu ruinieren die vielleicht gar nicht gefallen». / Rolf Urs Ringger, NZZ 17.10.

96. Stimme der Entwurzelten

Mit dieser international wichtigsten Literaturauszeichnung wird der Blick auf die Themen gelenkt, die diese Autorin bewegen – die Erfahrungen im totalitären Ceausescu-Regime, die Verfolgung von Schriftstellern und anderen Intellektuellen, die widerständig sind in Diktaturen, zensiert, eingesperrt, verfolgt und vertrieben werden. Sie schildert diese Erfahrungen ohne falsche Sentimentalität oder erhobenen Zeigefinger, übersetzt die historische Wirklichkeit mahnend kompromisslos in eine unnachahmliche, poetische Sprache.

„Aber ich ging in meinen Gedanken in ein Gedicht und wusste genau, sie wissen gar nichts über mich.“
Herta Müller, Nobelpreisträgerin, über die Verhöre in Rumänien

Der Schreckensherrschaft setzt sie eigene Wortschöpfungen entgegen wie einst Else Lasker-Schüler – „Atemschaukel“, der Titel des jüngsten Herta-Müller-Romans, ist eine davon. Die Heimatlosigkeit, von der das Nobelpreiskomitee in seiner Würdigung spricht, kommt aus ihrer Erfahrung des Totalitarismus, der Allgegenwart von Angst, Misstrauen und Gewalt. Herta Müller ist eine der wichtigsten Stimmen jener Entwurzelten, die aus ihren Heimaten fliehen mussten und noch immer vertrieben werden, solange es machtgierige Politiker gibt. Dem Ziel des Zeigens dient auch das Zentrum für verfolgte Künste im Museum Baden. / Solinger Tageblatt

95. Judendichtung aus der Bukowina

Für die editorische Bedeutung der Münchner Ausgabe spricht allein schon der Umstand, dass von den annähernd 400 erfassten Gedichten über 100, also mehr als ein Viertel, hier überhaupt zum ersten Mal im Druck erscheinen. Darüber hinaus ist der von Peter Motzan gelieferte biobibliografische Apparat eine Glanzleistung. In aufwendigen Recherchen hat der Wissenschaft­ler die Lebensläufe der teilweise wenig bekannten Beiträger soweit möglich rekonstruiert (bloß bei zwei Autoren waren die biografischen Daten nicht zu ermitteln), hat Werkverzeichnisse er­stellt, die sich in den meisten Fällen der Vollstän­digkeit rühmen dürfen, ist Gedicht für Gedicht den möglicherweise vorhandenen Druckvarian­ten samt deren Datie­rung nachgegangen und hat sie akribisch aufgeführt. Praktisch gibt es in dieser Anthologie kaum einen Text, der nicht stichhaltig mit bibliografischen Hinweisen und Ergänzungen „abgesichert“ wäre.

Für den Fachmann verleiht das dem Band außerordentlichen Wert. Daneben aber findet auch der gewöhnliche Freund guter Lyrik darin Texte von eigener Schönheit wie etwa die letzten Zeilen in Rose Ausländers bislang ungedrucktem Gedicht „Mondnacht“, wo es heißt: „Wir wachen auf vom Schlaf verschlossner Tage / und alle Dinge scheinen so verschieden. / Der Mond steigt nieder, wie in einer Sage, / und trägt die volle Last der Erdenklage / hinauf in seinen grenzenlosen Frieden.“

/ Hannes Schuster, Siebenbürgische Zeitung 17.10.

„Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina.“ Zusam­mengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guţu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009, 470 Seiten, ISBN 978-3-9809851-4-8 und 978-89086-516-4, 28,50 €.

Mehr: Martin A. Hainz, literaturkritik.de

Vgl L&Poe 2009 Aug 073. Judendichtung aus dem Buchenland

94. 10. Internationale Autorentagung „Junge Literatur in Europa“

Greifswald Altstadt
Greifswald Altstadt

Die 10. Tagung findet vom 23. – 25. Oktober im Internationalen Begegnungszentrum der Universitäts- und Hansestadt Greifswald statt.

An halbstündige Lesungen aus Prosatexten (neueren Veröffentlichungen und unveröffentlichten Manuskripten) schließen sich Gespräche in einer Atmosphäre freundschaftlichen Gedankenaustauschs an, die von Literaturwissenschaftlern, Verlagslektoren und erfahrenen Autoren moderiert werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Begegnung und das sachliche Gespräch über literarische Qualität und Authentizität.

Freitag, 23. Oktober 2009

15:00 Uhr Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der Hans Werner Richter – Stiftung, Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann, Berlin
15:30 Uhr Mirko Bonné, Autorenlesung und Gespräch
16:30 Uhr Marion Poschmann, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Pause
18:00 Uhr Gernot Wolfram, Autorenlesung und Gespräch
19:00 Uhr Joonas Konstig, Autorenlesung und Gespräch
20:00 Uhr Julya Rabinowich, Autorenlesung und Gespräch

Sonnabend, 24. Oktober 2009

10:00 Uhr Ralf Bönt, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Christoph Peters, Autorenlesung und Gespräch
15:00 Uhr Elo Viiding, Autorenlesung und Gespräch
16:00 Uhr Thomas v. Steinaecker, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Verena Roßbacher, Autorenlesung und Gespräch

Sonntag, 25. Oktober 2009

10:00 Uhr Thomas Klupp, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Eleonora Hummel, Autorenlesung und Gespräch
12:00 Uhr Volker H. Altwasser, Autorenlesung und Gespräch
13:00 Uhr Kaffeepause und Abschlußbesprechung

93. Das Buch der Niederlage

Rezension eines chinesischen Romans

(steht über der Rezension, obwohl es sich um einen Gedichtband handelt, seis drum):

„Bücher, die Trauer tagen, stehen stramm, auf den Wegen der Hermeneutik öffnen sich die Azaleen und ihre Schwestern, um des Todes willen“ Kann man das verstehen? Ist das ein gutes Gedicht? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

In dem eigentlichen „Buch der Niederlagen“, einer Essay-Sammlung, deren Titel für die deutsche Gedichtausgabe „entliehen“ wurde, schreibt Bei Dao, der Autor dieses Gedichts, unter anderem über einen seiner Freunde: den Amerikaner Allen Ginsberg. Dieser berühmteste Dichter der „Beat Generation“ hat ihm einmal gesagt, er könne gar kein einziges seiner Gedichte verstehen. Eine von Bei Daos Niederlagen…

Laut Wolfgang Kubin, einem Professor für Sinologie und dem Übersetzer des „Buchs der Niederlagen“, gelingt es Bei Dao wie keinem anderen chinesischen Autor, an eine frühere Periode anzuknüpfen – bevor 30 Jahre kommunistischer Herrschaft und besonders zehn Jahre Kulturrevolution die chinesische Sprache zerstört hatten. Der Sinologe und Übersetzer erkennt in Bei Daos Gedichten Parallelen zu der Dichtung der Tang-Zeit (618 – 907). Damals gelang es den chinesischen Dichtern, ihre Gefühle und Landschaftsbeschreibungen untrennbar miteinander zu verweben – und auf diese Weise Geschichte und Geschichten neu zu erschaffen.

Ist das so? Schafft Bei Dao das auch? Diese Interpretation setzt voraus, dass zumindest Wolfgang Kubin dessen Gedichte richtig versteht – besser als Allen Ginsberg zumindest. Eine gewagte Behauptung. Im Chinesischen gibt es keinen Konjunktiv, die Verben sind immer ohne Zeitangabe, Nomen haben weder Pluralsuffix noch Demonstrativpronomen, es gibt keine bestimmten oder unbestimmten Artikel… So hätten das eingangs zitierten „Bücher“ auch „das Buch“, „ein Buch“ oder „die Bücher“ heißen können. Da musste Wolfgang Kubin vieles für sich selbst entscheiden.

/ Wolf Dieter Kantelhardt, ef-magazin 17.10.

92. Die Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik

Der englische Literaturwissenschaftler Dr. Ian D. Cooper befasst sich mit Lyrik und ihrer Beziehung zur Philosophie. Mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung ist er nun für zwei Jahre zu Gast am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Anknüpfend an eine berühmte Rede des Lyrikers Paul Celan beschäftigt er sich hier mit der Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik. Dr. Cooper kooperiert dabei mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Lauer. …

Der deutschsprachige jüdische Lyriker Paul Celan (1920 bis 1970), bekannt für sein Gedicht „Todesfuge“, erhielt im Jahr 1960 den Georg-Büchner-Preis. Seine Dankesrede „Der Meridian“ ist ebenfalls in die Literaturgeschichte eingegangen. Darin bezeichnete Celan das Gedicht als eine „Atemwende“. In diesem Konzept der lyrischen Stimme, so Dr. Cooper, beschreibe Celan die Bestimmung der Sprache nicht bloß als Ein- und Ausatmen des Sprechers, sondern sie impliziere auch die Existenz Anderer, die er anspricht und mit denen er „ins Gespräch“ kommt. In seiner Forschung wird er poetische und philosophische Reflexionen hinter Celans Überlegungen mit einbeziehen, die über Heidegger bis zu Hölderlin führen. / uni-protokolle.de

91. Entscheidung fällt in der Sparte Lyrik

In der Sparte Lyrik vergibt die Märkische Kulturkonferenz (MKK) am Sonntag, 1. November, in der Stadtbücherei ihr hoch dotiertes Literatur-Stipendium. Die Entscheidung gestaltet sich spannend.

Um 11 Uhr beginnt vor Ort die öffentliche Lesung, bei der die Entscheidung für einen von drei Endrundenkandidaten fällt. Wer das mit 12 000 Euro dotierte Stipendium erhält, wird im Anschluss an die Lesung, für die kein Eintritt erhoben wird, bekanntgegeben.
Eingeladen hat die MKK Saskia Fischer, Lydia Daher und Marius Hulpe, sich mit ihren Arbeiten Jury und Publikum vorstellen. Mit einer Stimme ist das Publikum an der Kür des Stipendiaten beteiligt. / Lüdenscheid, 16.10.2009, Monika Salzmann, derwesten.de

90. ´n Dichter ist kein Ziegenbock

Sonntag         18.10.09, 14.05    SWR2 Feature am Sonntag

´n Dichter ist kein Ziegenbock
Zum 80. Geburtstag von Peter Rühmkorf
Von Barbara Dobrick

„Auch noch Denkanstöße vermitteln ? soweit kommt’s! ’n Dichter ist kein Ziegenbock“. Peter Rühmkorf, geboren am 25. Oktober 1929 hatte zwar unendlich viel über die Welt zu meckern, aber nie gab er Laut, wenn es von ihm verlangt wurde. Quer zu politischen und gesellschaftlichen Meinungsmoden dachte und dichtete er buchstäblich eigenartig, mit Ironie, mit Raffinesse und mit Selbstbewusstsein. „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ war der Titel eines seiner Bücher. Tatsächlich sah er sich – zurecht! – am Ende einer 800-jährigen Ahnenreihe deutscher Dichtung auf einem ebenso exponierten wie gefährlichen Posten. Sein Gedicht „Hochseil“ wurde zur Standortbestimmung moderner Lyrik und zum Selbstbekenntnis des Dichters als eines Artisten, der hoch oben balancierend immer absturzgefährdet ist und dabei weiß: auch Literatur ist nur Zirkus: „Ich schwebe graziös in Lebensgefahr / grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.“ Im Juni 2008 starb Peter Rühmkorf. Barbara Dobrick porträtiert ihn anhand zahlloser Tondokumente, die er hinterlassen hat.

89. Leib- und Seelgewand

Keine Worterfindung, sondern Bezeichnung eines bäuerlichen Kleidungsstücks – zu finden in einer Zeit-Reportage aus Herta Müllers Heimatdorf.

88. Chinesische Klassik

Zu den Höhepunkten der alten chinesischen Schriftkultur zählt vor allem die Lyrik, die erst in der Moderne nach dem Untergang des Kaiserreichs (1911) ihren hohen Rang an die Erzählkunst abtreten musste und in jüngster Zeit ein Randdasein führt. Sie wurde jedoch seit dem Mittelalter (220 bis 907) von einer Essayistik begleitet, die aufgrund ihres poetischen und philosophischen Charakters durchaus einen Vergleich aushalten konnte. Die Essays kommen allerdings in der etwas unglücklich mit Von Kaiser zu Kaiser betitelten Anthologie der klassischen Lyrik und Kunstprosa etwas zu kurz.

Die Herausgeber haben sich hier auf die klassische Periode beschränkt: von der Han-Zeit bis zur Song-Zeit (insgesamt 206 vor Christus bis 1279 nach Christus). Das Buch der Lieder (circa 700 vor Christus) wurde der Sammlung Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur und Philosophie zugeschlagen, und Die Lieder des Südens, schamanistische Gesänge (circa 300 vor Christus), wiewohl im Vorwort erwähnt, fehlen ganz. Warum endet aber diese Anthologie schon mit Jiang Kui (1155 bis 1221)? Hat es nach diesem Sänger keine große Lyrik und Kunstprosa in China mehr gegeben?

Es ist eine Tatsache, dass sich bedeutende Übersetzer wie Günther Debon, der wohl weltweit am besten chinesische Lyrik übertragen hat, auf die klassische Periode im engeren Sinne, vor allem auf die Maßstäbe setzende Tang-Dynastie (618 bis 907), beschränkt haben. Und es ist auch eine Tatsache, dass die Essayistik in der ausgehenden Kaiserzeit die Dichtkunst an sprachlicher Schönheit wie gedanklicher Tiefe zu übertreffen beginnt. Dichtern wie Li Bai (701 bis 762) oder Du Fu (712 bis 770), die auch die deutsche Literatur sehr stark beeinflusst haben, war bereits hundert Jahre nach ihrem Tod lyrisch nicht mehr sehr nahezukommen. / Wolfgang Kubin, Die Zeit 42

Eine Sammlung chinesischer Klassiker. Herausgegeben von Eva Schestag und Daniel Ibáñez Gómez:

Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur  und Philosophie; hrsg. von Eva Schestag; 360 S., 25,– €

Von Kaiser zu Kaiser. Die klassische chinesische Lyrik  und Kunstprosa; hrsg. von Eva Schestag und Olga Barrio Jiménez; 360 S., 25,– €

Die goldene Truhe. Chinesische Novellen; hrsg. und  übersetzt von Wolfgang Bauer und Herbert Franke; 448 S., 25,– €

Der Aufstand der Zauberer. Ein Roman aus der Ming-Zeit;  hrsg. und aus dem Chinesischen von Manfred Porkert; 672 S., 28,– €

Drei-Zeichen-Klassiker. Ein Lehrgedicht für Schüler;  übersetzt und eingeleitet von Eva Schestag; mit Kommentaren von  Daniel Ibáñez Gómez und Kalligrafien von Wang Ning (Beigabe zum Schuber)  Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009; Schuber, zus. 1840 S., 89,– €

87. Kobal

Es kann nur eine glückliche Fügung gewesen sein, die den Lyriker [Nicolai] Kobus aus dem Westmünsterländischen und den Saxophonisten Jochen Baldes aus Zürich zusammengeführt haben, die unter dem Künstlerduo „Kobal“ eine sehr gelungene Symbiose aus Lyrik und Musik präsentieren. / Mehr in den Westfälischen Nachrichten

86. Sensation

Dem Poetenladen vergleichbar bringt auch fixpoetry.com Woche für Woche so reichlich Material, daß man kaum nachkommt. Vorige Woche hatte ich mir u.a. einen Aufsatz von Frank Milautzcki über 5 Übersetzungen eines Rimbaud-Gedichts vorgemerkt. Diese Woche gibts längst Neues, aber hier ein Hinweis auf Rimbaud von voriger Woche:

Arthur Rimbaud

Sensation

Par les soirs bleus d’été, j’irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l’herbe menue:
Rêveur, j’en sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.

Je ne parlerai pas, je ne penserai rien:
Mais l’amour infini me montera dans l’âme,
Et j’irai loin, bien loin, comme une bohémian,
Par la nature, – heureux comme avec une femme.

(20. April 1870)

Sommerahnung

Ich werd die Abendpfade in den blauen Sommer gehen,
das Korn sticht mich und will den Träumerfüßen raten
den Weg im abendkühlen dünnen Gras dahinzuwehen.
Ich lass dazu den nackten Kopf im Winde baden.

Das Sprechen und das Denken lass ich sein, und spür,
es wächst in meinem Herzen neues Lieben ein, ins Hier
und weit in die Natur hintreiben, ihr vertrauen,
will ich, zigeunerhaft und glücklich, wie mit Frauen.

Nachdichtung Frank Milautzcki (April 2007)

1910 erschienen Paul Zechs erste Übertragungen der Dichtungen Arthur Rimbauds – er arbeitete insgesamt mehr als vierzig Jahre an ihnen, sie umfaßten am Ende Rimbauds gesamtes lyrisches Werk und das Manuskript wurde erst zwei Jahre vor seinem Tod, 1944 in Buenos Aires, wohin er vor den Schergen des Dritten Reiches geflohen war, abgeschlossen. Erschienen ist es erstmals 1963, herausgegeben aus dem Nachlaß, als preiswertes Taschenbuch bei dtv und so fand es entsprechend weite Verbreitung.
Der beim Vergleich der fünf vorliegenden Fassungen am meisten abweichendste Text beeindruckt zunächst durch seine Kürze und Würze. Zechs erste Zusammenfassung „Rimbaud. Das Gesammelte Werk“, das bereits 1927 erschien, zählte lange „zu den repräsentativen Nachdichtungen unserer Generation“, so befand Stefan Zweig 1928. Durch ihre sprachliche Gewandtheit, ja dichterische Klasse bereiten sie rasches, eindeutiges Lesevergnügen und solange man keine Urfassungen oder andere Varianten zum Vergleich besitzt, scheint mit ihnen auch alles in Ordnung. Liest man jedoch quer und betrachtet die Alternativen, fällt auf, dass Zech sich weit und zwar deutlich zu weit vorgewagt hat. Vielleicht hat gerade die lange Feinarbeit an den Texten, das immerwährende Verbessern, Straffen, Kürzen, Umstellen, Nachmalen zwar zu ganz eigenen Interpretationen geführt, aber eben zu spürbar Zech’schen Interpretationen. So schäumt bei ihm der Mohn, das weist uns tatsächlich auf den Feldrand hin, aber von dort schickt er den 15jährigen Arthur Rimbaud in die „blaue Ewigkeit“. Das ist ein schönes und gelungenes Bild, aber nichts davon, gar nichts, findet sich bei Rimbaud. Zu soviel Essenz war der zu Dichten Beginnende bei aller Genialität nun wirklich nicht (noch nicht) befähigt. Aus der Kenntnis seiner späteren Größe auch die frühen Gedichte in eine Form zu schicken, die große Reife und eine Art Vollendung zeigen, das wird der Sache nicht wirklich gerecht. …

Meine erste Fassung entstand zunächst ohne genaue Kenntnis des Urtextes, spaßeshalber als Fingerübung, um zwischen den drei anfangs mir bekannten Übertragungen eine Mitte zu finden. Ich wollte das Staksige weg haben und das Ungelenke und erst mal Fluss reinbringen und es entstand eine lesbare Version, die mir  ganz gut gefiel. Ich erschrak allerdings nicht wenig, als ich dann das französische Original las und mir eingestehen mußte, wie weit die Texte mich vom eigentlichen Ton und den ursprünglichen Satzlängen fortgelockt hatten. Ich fing noch einmal neu an. Nach drei Stunden Arbeit landete ich bei der vorliegenden Version und beließ es dabei. Ende der Spielerei.
Am Abend fand ich eine wirklich gute, aktuelle Übersetzung – die hier abschließende Version von Thomas Eichhorn. Sie ist im Metrischen nah am Original und auch das Inhaltliche präsentiert sich eindeutig und flüssig. Thomas Eichhorns Nachdichtungen ersetzen heute – mehr als zurecht! – diejenigen von Paul Zech im dtv-Programm.

85. Autobahn

In „Pussy“ allerdings klingt ein verschüttetes Motiv der Rammstein-Gründung an: „Mercedes Benz und Autobahn/ Alleine in das Ausland fahren/ Reise, Reise.“ Eine deutsche Rockband, um dem Deutschen zu entkommen in die weite Welt hinaus. Jetzt ist sie wieder da. / Die Welt 16.10.

Rammstein: Liebe ist für alle da (Rammstein)