Google streut breit und spült allerlei an den Strand, das um unsere Aufmerksamkeit buhlt. So gerade „Junge Lyrik aus Sachsen“, das interessiert mich ja. Die Einleitung ist dürftigst Disparates zusammenzwingend, was wenig wundert, weil gängige Münze im Netz:
Junge Lyrik hat es schwer. Verlage jedweder Couleur bevorzugen Prosa und vor allem Sachbücher. Selbst ein Hans Magnus Enzensberger hat den eigenen Schwerpunkt inzwischen auf Essays verlegt. Unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr warb er 2004 mit der Lesehilfe „Lyrik nervt!“ für die Gattung. Der zweiundzwanzigjährige Dresdner Student Dirk Hack will dem Trend mit den 2009 im eigenen Waldwurzelverlag erschienenen „Fliehenden Gedankensplittern“ entgegenwirken.
Soll man sich damit auseinandersetzen? Lohnt kaum. Und Dirk Hack? Leider zitiert der Rezensent keine einzige Zeile, nur mal 2 bis 4 Worte. Offenbar wohlweislich:
In metrisch mitunter holpernden, doch inhaltlich anspruchsvollen Kreuzreimen verhandelt er Heidentum, Alltagsgedanken und Naturphilosophie.
Inhaltlich anspruchsvoll: das heißt für den Rezensenten vor allem Heidentum – das Wort kommt gleich dreimal vor. Der Dichter stehe in der Tradition der Romantik, Eichendorff, Tieck, Claudius werden genannt, „aber auch“ Neofolk. Worin da die Rettung der deutschen Lyrik (oder auch nur der jungen) liegen soll, bleibt merkwürdig dunkel, wird sozusagen nur geraunt (gerunt). Will sagen, wer so über „junge Lyrik in Sachsen“ spricht, hat entweder keine Ahnung von der Szene in Leipzig, Dresden oder Chemnitz oder er zählt das bewußt nicht mit. Man muß die Tendenz genau herauslesen: aus dem Wortschatz (Heide, Rune, Neofolk geben eine Spur). Aus dem Nichterwähnten (junge wie ältere Lyrik werden ja nicht seltener gedruckt als irgendwo früher). Aus Andeutungen: „Der junge Dichter folgt einer festen Reimstruktur und integriert Mond, Sonne und Wald als Symbole eines wiederkehrenden Naturgesetzes.“ Worauf es hier ankommt, ist die „feste Reimstruktur“. Um das zu entziffern, muß man weiter ausgreifen. Eine andere Lyrikrezension der mir von Google zugespielten Quelle gilt dem 1989 in Nordhausen am Harz geborenen Florian Kiesewetter:
Die erste Regung des jungen Dichters ist Opposition gegen die Oberflächlichkeit des Alltags und die herkömmliche Rechtlichkeit. [Der Blog behauptet von sich, Klartext zu sprechen, aber ist gespickt mit Andeutungen: „herkömmliche Rechtlichkeit“] Die Zeilen des Buches sind entsprechend [entsprechend: also etwa „neue“ oder „wahre“ Rechtlichkeit, oder heißt die Opposition „Un-Rechtlichkeit“, klarer wirds nicht] fest gereimt und weisen eindeutige Klangfarben auf. [„eindeutige Klangfarben“: sie sprechen verdammt noch mal Klartext] Ein Hauch [!] von humanistischer Prägung verknüpft sich hier mit heimatlicher Verbundenheit [ist das im Sinne „eindeutiger Klangfarben“ etwas anderes als „Heimatverbundenheit“?]. Entgegen der deutschen Ortsverwerfung und den entortenden Tendenzen der Nachkriegszeit ist die „Heimat“ für Kiesewetter der Boden des Seins und der Harz ein „holdes Sagenland“. [Hervorhebungen von mir, MG]
Klarer wirds nicht, soviel ist klar. Die Sprache dieses Blogs ist alles andere als Klartext: verschwurbelt, vernebelt. Entweder haben sie kein Gefühl für korrektes Deutsch oder sie wollen vernebeln. Über Dirk Hack heißt es ganz „entsprechend“:
Dabei kontrastiert er „froher Tage Wonne“ und Melancholie, die „uns in Nebel hüllt“.
Nebel, der, wie eingangs betont, dem Niedergang der Lyrik entgegenwirken will. Na denn!
Von Kiesewetter werden zwei Strophen zitiert, hier eine davon:
Ist der Traum von Tausend Jahren
Eine Täuschung mit drei Nulln?
Sind es nichts als Dichter-Schrulln,
Wenn wir nach dem Grale fahren?
Wir können zusammenfassen: fest [wenn auch hier nicht geradezu „kreuz“-]gereimt, heimatlich verbunden und in „eindeutigen“ – nicht Aussagen sondern – „Klangfarben“ präsentiert sich uns nichts weniger als die Rettung der deutschen Lyrik. So zukunftsschwanger klingt die Rezension aus:
Und meinte Theodor Adorno noch, nach „Auschwitz“ ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, so wissen moderne und heimatverbundene Leser deutscher Lyrik nun, daß deutsche Lyrik wieder eine Zukunft haben könnte.
Für meinen Geschmack ein bißchen viel Relativierung: „wissen“ vs. „haben könnte“: vermutlich bin ich einfach kein „moderner und heimatverbundener“ Leser. Modern und skeptisch paßt mir besser. Von deutscher Lyrik haben die nicht allzuviel Ahnung, weder alter noch moderner, weder alt-ungereimter noch modern-gereimter usw. Immerhin erkennen sie (Kreuz-)Reime und halten sie für eine Art Ausweis – wofür genau, sagen sie nicht. (Qualität kann es nicht sein!) Das raunen sie nur wortreich.
Umso sprechender ihr politischer Kontext, kleine Zusammenstellung ohne Kommentar:
Strafbefehl gegen Bischof Williamson wegen Holocaustleugnung
Im Gespräch mit einer Südtiroler Schülerin: „Der Unabhängigkeitsgeist ist bei den jungen Leuten vorhanden.“ („über die Wiedervereinigung mit Österreich, die Tiroler Jugend und Überfremdung“)
Linksextremisten stören „Marsch für das Leben“
Zum Tod Jürgen Riegers: Auch dieser Mann hat Gerechtigkeit verdient
„Blaue Narzisse. lesen und handeln“ steht über dem Blog, der sich als Teil einer „konservativen Revolution“ versteht. Wie sie handeln, erfährt man nicht, und lesen? Jedenfalls haben sie lyrisch nicht viel zu bieten. Sie gleichen das dadurch aus, daß sie aus ihren Kreisen ein Genie nach dem anderen ausrufen.
Nachzutragen bleibt, daß der heilversprechende Gedichtband von Florian Kiesewetter in Uwe Lammlas Arnshaugk-Verlag erscheint. Vgl. hier:
159. Lammla und andere Dichter
„Meine Ärztin sagt“, so schreibt Friederike Mayröcker, „essen Sie ein Gedicht“. „Ich weisz nicht“, antwortet die Dichterin, „wie man es kocht“. Stefanie Kolowratnik-Seniow heißt die Ärztin, und sie ist nicht die Einzige, der Gedichte gewidmet werden, auch nicht die Einzige mit sperrigem Doppelnamen. Manchmal wünschte sich der Leser doch, allein mit einem dieser Gedichtwunder zu sein, denn die Autorin kocht großartig. Aber immer schon lebt jemand im Gedicht, hat das Jäckchen des „Vogel Greif“ bereits angelegt.
Unbekannte, an ihren Initialen nicht erkennbare Gedichtgäste sind darunter. Andere erkennt man sofort, auch Crauss, den vornamenlosen Lyriker aus Siegen. Marcel Beyer und Bodo Hell, die hilfreichen Vertrauten, auch Ferdinand Schmatz, Franz Josef Czernin, Alfred Kolleritsch, Gert F. Jonke, Elke Erb, Thomas Kling oder Michael Hamburger flanieren durch die Blumengärten dieser Gedichte. Die Toten wie die Lebenden. Selbst Bertolt Brecht lässt grüßen und wird zitiert, immer wieder Hölderlin alias Scardanelli, Leo Navratil, der Mentor und Psychiater der Künstler, und Inger Christensen, die wunderbare dänische Dichterin. Auch Oskar Pastior ist gleich mehrfach anwesend, vor allem in einem Gedenkgedicht, das kurz nach seinem Tod im Oktober 2006 für die „Literarische Welt“ geschrieben wurde. Und natürlich immer wieder EJ, der geliebte, tote Ernst Jandl. …
Friederike Mayröcker kann Gärten auch ohne Erde erblühen lassen. Es gibt die Gärten ohnehin nur, weil sie es will. Dem Titelgedicht des Buches stellt sie eine knappe poetologische Betrachtung voran: „habe 1 punktuelle / Sprache erfunden zerknülle / die Vogelherzen oder Metapher für 1 Liebe“. Die erfundene Sprache, ihre Sprache, ist immer punktgenau, immer genau da, an dem Ort, den sie mit ihrer Sinnenhaftigkeit erst zum Bild werden lässt. Bühnenbilder entstehen daraus nicht, gewiss keine Prospekte, zu denen man sich ein Geschehen zu denken hat. Die Bilder denken in ihrer Bildlichkeit selbst, nur in ihnen lebt das Geschehen, und sie denken sich in Bildern der Liebe. / Herbert Wiesner, Die Welt 31.10.
Friederike Mayröcker: Dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004 – 2009. Suhrkamp, Frankfurt/M. 357 S., 22,80 Euro.
Mit dem Beginn dieses Jahrhunderts scheint das Ansehen der „Glocke“ vollends auf dem Tiefpunkt angekommen zu sein. Man erinnert sich ihrer gerade noch als Kuriosum. Als vor vier Jahren Schillers 200. Todestag nahte, wurde zwar ein eigenes Buch über die „Glocke“ angekündigt; aber es erwies sich als ein Buch nicht eigentlich über das „Lied von der Glocke“, sondern über das „meistparodierte deutsche Gedicht“ und feierte satt der „Glocke“ die vielen Parodien, zu denen Schillers Werk durch seinen inhaltlichen Reichtum und seine profilierte sprachliche Form herausgefordert hat.
Und doch hat einst Wilhelm von Humboldt die „Glocke“ gerade dafür überschwänglich gerühmt. „In keiner Sprache“, schrieb Humboldt, sei ihm ein Gedicht bekannt, das in solch ingeniös wechselnden Silbenmaßen „alle Vorfälle des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens“ durchlaufe und zugleich die ganze „Tonleiter aller tiefsten menschlichen Empfindungen“ durchgehe. Dass man für diesen poetischen Kosmos den Blick verloren hat, ist ein Jammer und sollte rückgängig gemacht werden! Dafür muss das „Lied von der Glocke“ nicht wieder gepaukt werden, und es muss auch nicht unkritisch aufgenommen werden. Es sollte aber auch nicht weiter als Kuriosum behandelt, sondern – von den Schiller-Philologen und in den Schulen – immer wieder in seinem gedanklichen und poetischen Reichtum erschlossen und vor Augen geführt werden. Im übrigen sind die oben zitierten Zentralverse der Bürgerhymne nicht überholt, auch wenn es keinen König mehr gibt. / Mannheimer Morgen 31.10.
Sloterdijks Buch behandelt die Anthropotechniken, die Übungserfahrungen der modernen Gesellschaften, heraufgeleitet von Buddha und Sokrates, den großen Alten. Ein Orchester, vollbesetzt mit Asketen, Artisten, allesamt verkleidet als Dichter wie Kafka oder Philosophen wie Nietzsche, und Wittgenstein musiziert eine prachtvolle Symphonie, deren Anfangs- und Schlussakkord beginnt und endet: Du musst dein Leben ändern.
Das wirft einen aus dem Schaukelstuhl. Es ist doch wahr: Heraus aus den selbst konstruierten Apparaturen der Routine im Denken und Handeln. Die Goiserer angezogen, und hinauf auf den Monte Improbable. Scharfer Wind, ungewisser Verlauf. Doch allein der Gedanke labt.
ÜBUNG (Für Peter Sloterdijk):
Wer das Unmögliche / Nicht will / Dem wird das Mögliche / Unmöglich. ■
/ Robert Schindel, Die Presse 29.8.
Schreibblockade und Seelenqualen nach dem Kriegsdienst: In mehr als 50 Briefen an Dichterkollegin Hertha König offenbarte Rilke seine „verletztliche“ Seite. Die Texte aus den Jahren von 1914 bis 1921 sind nun erschienen. / Die Presse 29.10.
… ist da! Mit vielen prosaischen, experimentellen und lyrische Beiträgen …
… 2 Heftpräsentationen in München und Darmstadt:
– am Sonntag, 01. November in München, 17 Uhr Café GAP. Es lesen: Eric Giebel (Darmstadt), Carola Gruber (München), Michael Hüttenberger (Stedesdorf/Ostfriesland), Stefan Leichsenring (München), Danilo Pockrandt (Halle), Frank Schmitter (München), Lutz Steinbrück (Berlin).
– am Mittwoch, 04. November in Darmstadt, 20 Uhr Lesebühne Literaturhaus. Es lesen: Natalia Carvajal (Frankfurt a. M.), Eric Giebel (Darmstadt), George Goodman (Darmstadt), Michael Hüttenberger (Stedesdorf/Ostfriesland), Magdalena Jagelke (Frankfurt a. M.), Tobias Roth (Berlin).
Das Interesse an Übersetzungen der Werke italienischer Autoren bei österreichischen Verlagen ist gering. Vor allem Lyrik hat keine Chance. Hat doch nicht einmal die von Österreichern verfasste Lyrik eine Chance, sich auf dem hiesigen Büchermarkt zu behaupten. Veröffentlicht wird fremdsprachige Lyrik zumeist nur, wenn ein namhafter Übersetzer „dahinter“ ist und wenn die Publikation durch Subventionen und Preise zur Gänze finanziert ist. Umgekehrt ist es aber nicht anders. Ich habe in italienischen Verlagen bisher sechs Bücher veröffentlicht – keines dieser Bücher hätte erscheinen können, wenn sie nicht von österreichischen öffentlichen und privaten Stellen finanziert worden wären. …
Das konstatierte wechselseitige Desinteresse, das sich – wie etwa in Triest – bis zur Indolenz steigert, macht die Existenz – zumindest die materielle – eines Autors schwer, der, wie ich, Gelegenheit hatte, länger in einem anderen Land zu leben und dem es ein Bedürfnis ist, zwischen den Sprachen und Kulturen zu vermitteln.
2. Exkurs. Es ist paradox: Die österreichische Literatur des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist – in meinen Augen – vor allem ein Produkt der österreichischen Germanistik und der Medien. Autoren, deren Bücher, die oft weit unter dem literarischen Niveau des 19. Jahrhunderts bleiben, sich aber mit gängigen Themen befassen, von den Medien prompt zu „Bestsellern“ gemacht werden, wie auch Autoren, deren oft komplexe, avantgardistische, experimentelle Werke zwar unlesbar, aber für die Behandlung in germanistischen Seminaren geeignet sind, erfahren eine öffentliche Förderung, die in einer Gesellschaft, der an der Literatur nachweislich wenig liegt, beispiellos ist.
Österreichische Autoren können nur überleben, indem sie entweder erst gar nicht versuchen, vom Ertrag ihres Schreibens zu leben, oder einen Verlag in Deutschland finden – oder durch staatliche und private Preise und Stipendien. Die Listen der Empfänger eines Staats- oder Projektstipendiums, die jedes Jahr vergeben werden, beweisen freilich den notorischen Nepotismus dieses Förderungssystems. Ende des Exkurses.
/ Hans Raimund, Die Presse 31.10.
Gynter Mödder, Bergheim/Erft 1942
Die Schweiz
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Gefunden in: Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hg. v. Axel Kutsch. Weilerswist: Verlag Ralf Liebe 2009, S. 193
Beim Lesen dieses Gedichts hatte ich die Idee, mein erstes größeres Netzprojekt wiederzubeleben. Bevor ich vor fast 10 Jahren auf die Idee kam, Lyriknachrichten zusammenzustellen, hab ich ein paar Jahre lang eine private Anthologie im WWW zusammengestellt. Der Plan war, nach keinem Plan vorzugehen, sondern mich in der täglichen Arbeit, täglichen Lektüre von einem Gedicht so treffen zu lassen, daß es von allein in die Anthologie drängt, und darauf zu hoffen, daß der Fortgang der Zeit und meiner Lesepraxis mit der Zeit ein Ganzes ergäben. Die tägliche Redaktion der Lyrikzeitung verdrängte die Arbeit an der Anthologie. Jetzt sehe ich gute Chancen, mit der Blogtechnik die Struktur der Anthologie in die Zeitung zu integrieren. Mal sehn, wos hingeht bzw ml shn ws hnght.
Liebhaber der Poesie
Eine bedeutende Übersetzer-Persönlichkeit ist tot, ein unbeirrbarer Liebhaber der Poesie, ein Homme de Lettres, ein weiser schwäbischer Buddha, einstmals unverzagter Toscani- und Toscanelli-Raucher – und wer die schwarzen Dinger kennt, weiß, dass dies die besondere Eigenheit des Rauchers unterstrich: Fritz Vogelgsang. Am 22. Oktober ist er wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag in seinem spanischen Refugium Chiva de Morella in der Provinz Castelló verstorben. Seine Asche wurde, so sein Wunsch, in den Hügeln um sein geliebtes Dorf verstreut.
Was er für die spanisch- und katalanischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum unternommen hat, ist eine einzigartige Leistung. Nicht nur, dass er uns schon früh, in den 60er und 70er Jahren, das Werk Pablo Nerudas und Octavio Paz´ vermittelt hat. Wo es um seine geliebte Poesie ging, war er als einer der ersten mit starken Übersetzungen zur Stelle.
…
Wir haben uns Ende der 80er Jahre in seinem schwäbischen Pfarrhaus, das er mit seiner Familie in Markgröningen bewohnte, kennengelernt, und was ein Besuch von höchstens zwei Stunden werden sollte, weitete sich über acht Stunden bis in die Nacht hinein aus, treulich umsorgt mit Tee und Essen von seiner fürsorglichen Gattin. Damals haben zwei Begeisterte die großen Ausgaben miteinander besprochen, die sie zusammen in Angriff nehmen wollten: César Vallejo und Antonio Machado. Vallejo war der eigentliche Anlass meines Besuchs. Der Philologe Vogelgsang wies auf die Schwierigkeiten für die Übertragung der Arbeiten von Vallejo hin. Wie soll man z.B. die Vokabel „Trilce“ übersetzen? Wie die indigenistischen Einstreuungen in die Texte, die sich vordergründig sehr spanisch geben, aber von hinterhältiger semantisch-ideomatischer Tiefe sind? Und über die Stunden haben wir gut und gerne die spanischsprachige Poesie des vergangenen Jahrhunderts miteinander besprochen, wobei unversehens Machado im Vordergrund stand.
In diesem Spätsommer hat Fritz Vogelgsang die Arbeit am fünften und letzten Band der Machado-Ausgabe abgeschlossen, womit erstmals das Gesamtwerk des bedeutendsten spanischen Dichters des vergangenen Jahrhunderts in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt, die Gedichtbücher zweisprachig, die Prosa, das Gedankenbuch „Juan de Mairena“ etwa, einsprachig deutsch. Zu jedem Band hat er ausführliche Essays verfasst, die die Texte vertiefen, Bezüge aufzeigen und über die Vorlage in die kulturgeschichtlichen Referenzen hinausweisen.
/ Egon Ammann, FR 30.10.
ÜBER DEN WIDERSTAND
Der Schriftsteller He-hei (Eckardt Henscheid) hielt es für verwerflich, Literaturpreise anzunehmen, während sein Kollege Ge-ga (Robert Gernhardt) nichts dabei fand. „Indem du dich mit dem Literaturbetrieb gemein machst, stärkst du ihn“, sagte He-hei. „Indem ich ihm Geld entziehe, schwäche ich ihn“, hielt Ge-ga entgegen. „Indem du einen Preis annimmst, gibst du zu verstehen, welches dein Preis ist“, fügte He-hei hinzu. „Indem ich jedweden Preis annehme, ganz gleich, wie hoch er dotiert ist, signalisiere ich, wie gleichgültig mir der jeweilige Preis und das mit ihm verbundene Geld sind“, erwiderte Ge-ga. „Indem du es zuläßt, daß dein guter Name mit so etwas Fragwürdigem in Verbindung gebracht werden darf, wie es ein Preis ist, schwächst du bei jenen Jüngeren, die zu dir aufblicken, den Sinn für Richtig und Falsch und damit ihren Widerstand gegen den Literaturbetrieb“, mahnte He-hei. „Indem ich ein schlechtes Beispiel gebe, schwäche ich lediglich ihre Bereitschaft, zu jemandem aufzublicken“, versetzte Ge-ga. „Damit aber stärke ich ihren Eigensinn, die wichtigste Voraussetzung dafür, jedwedem Betrieb Widerstand entgegenzusetzen“.
Mehr dergleichen hier
Benjamin Wechsler (sein ursprünglicher Name) emigrierte aus Jassy (Moldau, Rumänien) nach Paris, 1923, im Alter von 25 Jahren. Er trug den Künstlernamen Fondoianu (nach einem Gut in der Heimat seiner Großeltern) und franzisierte ihn zu „Fondane“. Im Alter von 14 Jahren hatte er erste Gedichte veröffentlicht. In Rumänien gründete er das Theater Insula zusammen mit seiner Schwester, die Schauspielerin war, und seinem Schwager, der später Direktor des Théâtre des Champs-Elysées wurde. Die rumänische Zeitschrift Integral schickte ihn als Korrespondenten nach Frankreich.
In Paris hatte er Umgang mit der dadaistischen und surrealistischen Avantgarde. Aber Letztere enttäuschen ihn, er steht surrealistischen Randfiguren nahe wie dem Fotografen Man Ray, der seine Filmgedichte (ciné-poèmes) illustriert, dem Dichter Joë Bousquet und dem Maler Victor Brauner, der ebenfalls aus Rumänien stammte. Er arbeitete für den Film, schrieb Essays über Baudelaire und Rimbaud und war zugleich Lyriker und Philosoph. Heute kennt man ihn vor allem als Dichter, der in seinen Gedichtbänden “Ulysse” (1933), “Titanic” (1937), “Le mal des fantômes” und “L’exode” (die beiden letzten postum) Ulysses in die Figur des wandernden Juden transformierte. Er wurde zusammen mit seiner Schwester in Auschwitz ermordet. In der Pariser Shoah-Gedenkstätte erinnert eine Ausstellung an sein Leben und Schaffen. / La boite à sortie 30.10.
(der Artikel ist mit Fondane-Porträts von Man Ray und Victor Brauner aus der Ausstellung illustriert!)
“Benjamin Fondane, poète, essayiste, cinéaste et philosophe“, jusqu’au 31 janvier, Mémorial de la Shoah, tljs sauf samedi 10h-18h, 17, rue Geoffroy l’Asnier, Paris 4e, m° Saint-Paul ou Pont Marie, entrée livre. Visites guidées gratuites les 5 novembre, 19 novembre, et 17 décembre à 19h30.
Deutschlandweite Premiere des „Deutschen Lyrikkalenders 2010“ zum Auftakt des Festivals am 6. November
Zum mittlerweile neunten Mal öffnet das Kulturzentrum „Altes Rathaus Würselen“ (Kaiserstraße 36, 52146 Würselen) in diesen Wochen seine Pforten für die „Tage der Poesie“. Die seit 2001 alljährlich wiederkehrende Veranstaltungsreihe genießt inzwischen weit überregionales Ansehen. Und dies mit gutem Grund, wie auch das in der kommenden Woche beginnende Programm zeigt: Zahlreiche bemerkenswerte Autoren konnten für die Lesungen verpflichtet werden, sodass sich Kulturfreunde auf ein besonderes Literaturvergnügen freuen dürfen.
Den Auftakt bildet auch in diesem Jahr eine bundesweite Literatur-Premiere, die, wie bereits in den letzten beiden Jahren, große Beachtung finden dürfte. Der „Deutsche Lyrikkalender 2010“ wird in der Eröffnungs-Lesung am Freitag, 6. 11, 20 Uhr, erstmals öffentlich einem Publikum vorgestellt. Auch die jüngste Ausgabe des Kalenders enthält wieder eine bemerkenswerte Auswahl deutschsprachiger Poesie aller Epochen: ein Spektrum, das kreuz und quer durch die Jahrhunderte von Rose Ausländer bis zu Walther von der Vogelweide und von Bettina von Arnim bis zu Uljana Wolf führt. Heiteres ist dabei so wenig ausgespart wie die poetische Tiefgründigkeit. An diesem Premiere-Abend werden mit Manfred Enzensperger, Klára Hurková, Hartwig Mauritz, Frank Milautzcki, Frank Schablewski, Christoph Wenzel u.a. renommierte Dichterinnen und Dichter, die in der neuen Ausgabe selbst vertreten sind, neben den eigenen Versen ihre ganz persönliche Gedicht-Auswahl aus dem Kalender lesen, sodass diese Veranstaltung ein ganz besonderes, unverwechselbares „Best-of“ deutscher Dichtung bieten wird – sozusagen aus erster Hand.
Die zweite Lesung des diesjährigen Festivals ist der internationalen Literatur gewidmet: Mit Youssuf Amine Elalamy konnte für Sonntag, den 22.11. (20 Uhr) ein nordafrikanischer Autor verpflichtet werden, der mit seinem preisgekrönten Roman „Gestrandet“ zurzeit auf Lesereise durch Deutschland ist. Nachdem das Werk, das eindringlich vom Schicksal afrikanischer Flüchtlinge erzählt, zunächst in seinem Heimatland für Furore sorgte und sein Autor damit zum neuen Stern der nordafrikanischen Literatur avancierte, hat nunmehr auch die deutsche Übersetzung für einiges Aufsehen in den Feuilletons gesorgt. Bei der Würselener Lesung präsentiert der Autor den französischen Originaltext, während die deutsche Übersetzung von Donata Kinzelbach, der deutschen Verlegerin des Romans, gelesen wird.
Weiter geht es am Samstag, 5. Dezember, 20 Uhr, mit einer Lesung, die den „Jahrestagen großer deutscher Dichter“ gewidmet ist. Am darauffolgenden Sonntag, 6. 12. , 20 Uhr, liest die in Berlin lebende Lyrikerin Rosemarie Zens aus ihren Werken. – Am Freitag, 11.12., 20 Uhr, folgt eine Lesung mit den Lyrikern Jürgen Nendza, Amir Shaheen und Gerrit Wustmann, die die jüngst erschienene und poetisch sehr reichhaltige Anthologie „Versnetze_zwei“ präsentieren. Dabei wird auch der Herausgeber, Axel Kutsch, mitwirken.
Zum Abschluss der diesjährigen „Tage der Poesie“ wird am Samstag, 12.12., 20 Uhr, Norbert Scheuer aus seinem Roman „Überm Rauschen“ lesen. Spätestens seit der in diesem Jahr erfolgten Nominierung zum „Deutschen Buchpreis“ darf Scheuer zu den vorzüglichsten Erzählern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gezählt werden. Die Lesung wird musikalisch kongenial begleitet durch den virtuosen Multi-Instrumentalisten Harald Claßen, sodass die Besucher an diesem Abend ein literarisch-musikalisches Gesamtkunstwerk in höchst sinnlicher Qualität genießen können.
Literatur in vielen Facetten bietet also das diesjährige Programm, das wie in jedem Jahr von dem Lyriker und Prosa-Autor Christoph Leisten organisiert wird. Nicht nur bei Freunden der Lyrik dürfte das Programm auf großes Interesse stoßen: Auch der poetischen Erzählkunst wird ein gebührlicher Raum gewährt.
Der Eintritt zu alles Veranstaltungen ist frei; um einen freiwilligen Kostenbeitrag wird gebeten. – Das Gesamtprogramm der „Tage der Poesie“ ist detailliert im Internet anzusehen: www.tage-der-poesie.de. Weiterführende Informationen auf Anfrage: info@christoph-leisten.de
Montag | 02.11.2009 | 21:00 Uhr | Lesebühne | Eintritt frei
Greifswald, Koeppenhaus
Es ist wieder soweit.
Die legendäre Lesebühne lädt alle Skribenten ein, ihre Texte, Gedichte, Lieder, Abhandlungen und überhaupt alles, was einer kreativen literarischen Feder entspringt, dem Publikum im Café Koeppen zu präsentieren.
Es darf gesungen, musiziert, rezitiert und gelesen werden. Alle, die sich „trauen“, dürfen ran an das Mikrofon.
Das Orga-Team der Lesebühne „Treibhaus“ wie auch die Besucher freuen sich über vielfältige und originelle Beiträge.
Wer Lust hat, teilzunehmen, meldet sich bitte direkt vorher bei den Moderatoren oder unter: open.mic.greifswald@googlemail.com.
Jeder Micler erhält ein Freigetränk!
In Zusammenarbeit mit dem AStA der Universität Greifswald und StuThe.
Urs Engeler teilt auf seiner Website mit:
Auf der Seite der Frankfurter Rundschau steht zu lesen, dass der Verlag Urs Engeler Editor die «Programmarbeit» einstelle. Im Gespräch mit Ina Hartwig sage ich dagegen: «Ich mache nicht zu. Aber ich werde deutlich weniger Bücher machen in den nächsten Jahren.» Das Gespräch fand im Sommer statt, im Herbst sieht es bereits wieder etwas besser aus: Es werden auch 2010 neue Bücher von Autoren des Verlages im Verlag von Urs Engeler erscheinen. Das Säen der Saat geht weiter.
The Big Read is accepting applications from nonprofit organizations to conduct month-long, community-wide reads between September 2010 and June 2011. Organizations selected to participate in The Big Read will receive a grant ranging from $2,500 to $20,000, access to online training resources, educational and promotional materials, inclusion of your organization and activities on The Big Read website, and the prestige of participating in a highly visible national program. Approximately 75 organizations from across the country will be selected by a panel of experts.
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