Essay von Bertram Reinecke (Teil I von II)
[Anmerkungen siehe unten]
„Der gelbe Akrobat“ ist von mehreren Rezensenten bereits beschrieben worden. Es mag angebracht sein, diesen kursorischen Lektüren einen Text an die Seite zu stellen, der einige Tiefenstiche versucht. Will man dem kritischen Anspruch des Buches gerecht werden, lohnt sich ein genauer Blick. Dieser wird punktuell bleiben müssen und sich nicht der ganzen Fülle des im Buch gebotenen Materials widmen können.
Michael Braun und Michael Buselmeier haben die kaum zu leistende Aufgabe, eine repräsentative Anthologie zur Gegenwartslyrik vorzulegen, ausgeschlagen und eher ein persönliches Buch vorgelegt: „Die Auswahl geschah oft spontan, nach enthusiasmierenden Leseerfahrungen mit einzelnen Gedichten.“[1] Eine solche subjektive Vorgehensweise kommt sicher auch der Mentalität der Sammler entgegen, die ihre Vorlieben haben und sie dankenswerter Weise manchmal auch offenlegen.[2]
Daß 100 Gedichte zusammengetragen wurden, von denen es viele verdient haben, näher vorgestellt zu werden, durfte bei der Belesenheit und Umsicht der Kritiker erwartet werden.
Zu Grunde gelegt wird dabei ein erweiterter Gegenwartsbegriff, der bis vor den zweiten Weltkrieg zurückreicht. (Es kann also einem heutigen Literaturstudenten ohne weiteres passieren, dass er darin auf Gegenwartsgedichte stößt, die entstanden, bevor sein Großvater geboren wurde.)
Der Kanon endet ungefähr im Jahr 2005. Einerseits mag es eine weise Entscheidung sein, sich in einem so dauerhaften Buch nicht zur jüngsten lyrischen Tagespolitik zu äußern. („Der gelbe Akrobat“ ist gebunden und fadengeheftet, auf schwerem Papier gedruckt und so für langen Gebrauch eingerichtet, alles zu einem derart wohlfeilen Preis, dass man denjenigen, der das kalkuliert hat, einen unverbesserlichen Idealisten nennen muss.) Es ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass den Texten eine Serie von Artikeln in der Wochenzeitung Freitag von 1991 bis 2005 zu Grunde lag.
Dass man den Artikeln dies Alter hie und da anmerkt, dass sie etwa oft durch eine Frontstellung gegen einen damals scheinbar raumgreifenden Experimentalfetischismus geprägt sind, muss dabei kein Nachteil sein. Den Nachgeborenen mutet eine solche Zeit trotz eifrigen Zurücklesens recht unwirklich an und er meint das Raunen der Geschichte zu vernehmen. Auch die Erschütterungen des zusammenbrechenden Blockdenkens durchwehen das Buch und öfters schaut Benjamins „Engel der Geschichte“ vorbei.
Die Auswahl der Gedichte ist sozusagen trichterförmig. Während in der näheren Gegenwart von Verfahren, Herkunft und Bekanntheitsgrad her ein breiter Kreis von Texten einbezogen wird, es kommen z.B. Schweizer, rumänien- und ostdeutsche, experimentelle, politische ebenso wie gemäßigte, bekannte und unbekannte Dichter vor, verengt sich bei den älteren Dichtern die Auswahl zusehends auf gemäßigte Dichter der zweiten Reihe aus der alten Bundesrepublik.[3] Dem ehrenwerten Furor des Wiederentdeckens wenig bekannter und unterschätzter Stimmen steht so leider keines in Bezug auf die Vielfalt möglicherweise unterschätzter lyrischer Verfahren gegenüber. Der kleinste gemeinsame Nenner des lyrischen Diskurses wird so überrepräsentiert und dem Anspruch des Vorwortes „Diskutiert wird schließlich, was Dichtung heute noch [Hervorhebung von mir] leistet oder doch leisten könnte …“ wird das Buch nicht immer gerecht.
Dies Problem sei zunächst anhand von Michael Brauns Beiträgen beleuchtet.
Das Verhältnis zwischen Trakls Verklärtem Herbst und Beyers Verklirrtem Herbst schildert Braun etwa so: Während das Traklgedicht noch eine geschlossene Form hat, habe Trakl mit Grodek angesichts von Schreckenserfahrung und Kriegsleid den Schritt in den gebrochenen Ton vollzogen. Beyer seinerseits sei von dort aus weiter zu einer objektiven Sprache vorgedrungen, die diese Verhältnisse herstellt, ohne sich noch durch eigene biografische Erfahrung rechtfertigen zu wollen.
Nun scheint mir „Verklärter Herbst“ allerdings mehr eine Art ironische Synthese zu sein („wie schön sich Bild an Bildchen reiht“) und damit auch eher distanziert objektiv zu sprechen und wie von Braun in Bezug auf Beyers Text dargestellt recht unabhängig von der Leidens- (oder Glücks-)biografie des Autors.
Man sollte vielleicht die Geschichte der Traklschen Dichtung andersherum erzählen als Braun dies tut: Auch in Trakls früheren Versen steht die Geschlossenheit der äußeren Form und lautlichen Durchbildung häufig in krassem Widerspruch zu den teilweise zerpflügten Inhalten seiner Texte. (Und von den Zeitgenossen ist dieser Widerspruch ja durchaus so empfunden worden, wenn auch meist unter kritischem Vorzeichen.) Diese Mittel sind also eher nichts Organisches, sondern etwas arbiträr Hinzukommendes, nähren sich, wenn nicht gar der Benseschen Forderung nach Sprache in einem unwahrscheinlichen Zustand, so doch der in Bezug auf Rühmkorf von Braun beschriebenen „Kollision von Inhalt und Form“ und haben damit mehr untergründige Gemeinsamkeiten mit Beyers Cut up- Techniken als Braun ihnen zugesteht.
Unabhängig davon, dass Grodek ein herausragendes Beispiel für die Darstellung anonymen Leids sein mag, wäre dieser Text dann allenfalls ein Ausstellen des durch Zerrüttung und objektiv erlebten Schrecken hervorgerufenen Verlusts an Spannfähigkeit und so poetologisch biografisch eher eine Rohform und eher ein Schritt in die Moderne in Richtung etwa der Beatniks oder der Parlandolyrik der Siebziger als im Sinne eines Überbietens innegehabter Positionen der Moderne, wie sie Braun aufreiht.
Nur vom relativ äußerlichen Aspekt der Material- und Themenwahl wäre Grodek also ein Vorläufer von Beyers Verklirrtem Herbst, ansonsten nehmen andere Traklgedichte moderne ästhetische Positionen, wie Braun sie erst Beyer attestiert, in stärkerem Maße ein.
Brauns Deutung läuft kurz gesagt darauf hinaus, dass dem Beyerschen Text ein Witz zu Grunde liege, den Trakl schon unterm Kaiser feinsinniger erzählt hat. Die Reinszenierung alter poetischer Spiele unter neuen Geschmacksbedingungen schon für den ganzen Fortschritt der Poesie zu nehmen hieße, Lyrik mit einem unaufgeräumten Kulturbeutel zu verwechseln, der mit ein wenig gesundem (Kritiker-)Verstand leicht in Ordnung zu bringen ist.[4]
Dass Braun es tatsächlich so sieht, dafür lassen sich symptomatische Formulierungen finden. Beyers Text setze: „ … Bilder des Soldatenalltags und des anonymen Todes frei, die sich in keine traditionelle Gedichtform mehr einfügen lassen.“ Wieso? Es käme doch auf einen Versuch an und wer sollte dann nach welchen Kriterien dekretieren, ob er gelungen sei?[5]
Plausibilität gewinnt diese Stelle weniger aufgrund tieferer Einsichten in die Mechanismen der Poesie als dadurch, dass Braun sich darauf verlassen kann, dass ein Großteil seines Publikums Reim und Metrum ebenso allenfalls in Bezug auf traditionelle Gegenstände als geschmackvoll empfände, also durch den status quo.[6]
Nur ein paar Sätze weiter unten spielt er mit dem Gedanken, dass „solche Exerzitien einer ‚Literatur der Zersplitterung‘ (F. Mayröcker) die einzig legitime poetische Verfahrensweise [sind]“, „mit der man sich als literarischer Nachgeborener dem Terror des permanenten Kriegszustands noch nähern kann.“ Wer legitimiert? Bleibt der Satz nicht unverständlich, wenn man nicht unterschwellig „angemessene“ unter dem Wort versteht?
Noch jede Anspannung, die über den Status quo des lyrischen Sprechens hinausgeht, lässt sich, wo man sie nicht in Bausch und Bogen ablehnen mag, auf das Prokrustesbett der Angemessenheit spannen und schon mancher Neuerer der Poesie wurde zunächst aus solchen geschmacklichen Gründen angefeindet.
Unangemessen ist über weite Strecken laut Braun nicht nur etwa Rühmkorfs Ton (während es sich bei dem von ihm vorgestellten Text ausnahmsweise? um ein „makelloses Wortkunstwerk“ handele). Auch an Stolterfoht sieht er sich bemüßigt, einen Lustigkeits-Überschwang, ironische Überanstrengung und Redundanzenüberschwemmung kritisch anzumerken. Das dreifache „über-“ macht deutlich, dass es Braun hier um Grade von Angemessenheit geht. Diese sich schnuppe sein zu lassen, macht aber sicher einen großen Teil des Reizes der Stolterfohtschen Verfahren aus (und Braun weiß das!)[7]
Der Prenzlauer Berg wird ausschließlich durch Anderson und Schedlinski vorgestellt. Beiden wird grundsätzlich das Talent zum Dichten abgesprochen. Warum sind sie in dies Buch gelangt, könnte man fragen: Vielleicht, um Anlass dazu zu geben, mit der Reihe der gängigen Vorwürfe gegen diese beiden auch die gegen die Prenzlauer-Berg-Lyrik überhaupt einzuschmuggeln, was in der Behauptung gipfelt, mit der Entlarvung Andersons als Stasispitzel sei „die Legitimation einer ganzen Dichtergeneration zerbrochen“. (Wieder ist nicht unmittelbar klar, was das Wort Legitimation hier heißen soll.)
Über die dichterischen Bemühungen von Faktor, Döring, Papenfuß oder meinetwegen Adolf Endler und Elke Erb ließe sich sicher mehr und Adäquateres sagen. Sie kommen im Buch nicht vor.
Ähnlich zum bloßen Stichwortgeber wird der Text von Birgit Kempker. Hier wird lediglich die Argumentation der Gutachter des einschlägigen Gerichtsprozesses nachvollzogen.
Erst wenn auf solche, nun ja, Eigenwilligkeiten des Braunschen Zugriffes hingewiesen ist, kann man feststellen, dass es seiner schlanken Prosa oft ausgezeichnet gelingt, Wesentliches unaufgeregt zusammenzutragen. Ja manche Texte sind geradezu Musterbeispiele dessen, was sich auf so engem Raum an analytischer Einsicht zusammendrängen lässt, ohne dass die Sprache dazu in wissenschaftlichen Jargon verfallen müsste.
Und dass ich die oben genannten Einwände hier in dieser Schärfe vorbringen konnte, liegt natürlich ebenfalls an dieser Transparenz.[8]
Hier soll nicht verschwiegen werden, dass die meisten sich als dezidiert modern verstehenden Dichter von Michael Braun eingebracht wurden. Wenn die Gedichte des Bandes auch Jahre nach ihrer Auswahl manchem Rezensenten noch wie ein exemplarischer Querschnitt der lyrischen Gegenwart vorkommen, ist dies also vor allem sein Verdienst.
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[1] Etwas schade jedoch, dass die einzelnen Beiträge nicht persönlich unterzeichnet sind. Will man wissen wer im Einzelfalle spricht, muss man sich das erst etwas mühsam aus dem Register herausklauben. So gerät ihr kritischer Diskurs in den Ruch, eine Objektivität zu erheischen, die er eigentlich nicht für sich in Anspruch nimmt.
[2] So sieht etwa Michael Buselmeier „In Deutschland […] seltsamer Weise intellektuelle und experimentelle Dichter bevorzugt.“ oder meint „Eine vermeintlich altmodische Sprachgeste kann poetisch widerstandfähiger sein als der fragmentierte Gedichtschrei von heute.“ (Hervorhebung von mir)
[3] Auch wo sie älter sind als diese, bleiben es gemäßigte Meister der zweiten Reihe.
[4] Als wäre der Kontinent der Lyrik nicht zu groß, als dass ein Augenpaar ihn überblicken könnte.
[5] Richard Dove etwa redet in seinem Text „Pantum“ zwar nicht über anonymen Tod aber immerhin über gewaltförmige abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse, ohne dass er in Gefahr gerät, irgendwie kunstgewerblich oder was immer zu werden. Ja mehr noch: die ergreifende Präsenz des (nicht selbst erlebten) Leides, speist sich gerade aus dem Wiederholschema der Gattung. Das überzeugt mich davon, dass dies auch mit den Beyerschen Inhalten möglich sein sollte.
[6] Von hier aus macht sich die in Bezug auf Rühmkorf gebrauchte Formulierung von der „Kollision von Inhalt und Form“ dann allerdings auch gleich mit verdächtig. Braun weist übrigens in diesem Kapitel auf die eigentlich doch frischeren metrisch freieren Montagetexte Rühmkorfs nicht eigens hin, sondern bespricht ein Gedicht aus Rühmkorfs Debütband, das ihn als „begabtesten Schüler Gottfried Benns“ ausweisen soll. Um die Jahrhundertwende, zur Entstehungszeit der Braunschen Kritik, als Benn eine Zeit lang als der bedeutendste deutsche Dichter gehandelt wurde, mag dies eine legitime List der Aufklärung gewesen sein. Zehn Jahre später setzt es den sehr eigenständigen Rühmkorf doch in ein etwas seltsames Licht.
[7] Wohlgemerkt: Es geht mir hier natürlich nicht darum, grundsätzlich gegen das Werten zu Felde zu ziehen. Bei Dichtern wie Enzensberger, denen an einer gewissen Gefälligkeit ihres Tons gelegen ist, hat das seine Berechtigung, selbst da, wo man seine Urteile im Einzelnen nicht teilt.
[8] Opake Stellen finden sich gleichwohl auch anderswo bei ihm. Etwa zu Koneffke: „Wenn sich Gedichte den Anmaßungen des Realitätsprinzips nicht beugen wollen, arbeiten sie systematisch gegen die Schwerkraft.“ Es ist nicht recht klar, was der Satz hieße, wenn er wahr wäre und ist er denn wahr? Und warum „systematisch“? Oder zu Draesner: „Es ist kein unantastbarer Haltepunkt der Innerlichkeit mehr, der die Einheit des Subjekts garantieren würde.“ Was ein Haltepunkt der Innerlichkeit ist, ist schon schwer verständlich wie manche Grünbeinmetapher, wie so ein Haltepunkt garantieren kann, kann ich mir kaum vorstellen, ebenso wie ein Haltepunkt dann zusätzlich noch unantastbar sein sollte. Ist es der selbe Punkt oder ein anderer, über den wenig später gesagt wird: „Es ist kein Markierungspunkt mehr zu erkennen, an dem das Subjekt die Zumutung des Todes zurückweisen könnte.“ In einem Zeitungsartikel, dem man Eile beim Zustandekommen unterstellt, würde man über solche Stellen hinwegsehen, in einem Buch, für das diese Artikel laut Vorwort noch einmal überarbeitet wurden, hätte man Bilder, die dunkler sind als die zu erklärenden Gedichte, besser getilgt.
[Teil II morgen]
Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.
Die Anthologie in L&Poe:
2009 Aug 038. Fachgeschäft für Lyrik
2009 Sep 90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag
2009 Sep 119. Pflichtlektüre
2009 Okt 48. Trampelpfad
2009 Dez 143. Kritikkritik
Jochen Distelmeyer, ehemals Kopf von „Blumfeld“, der gewiss nicht erfolgreichsten, aber wohl einflussreichsten deutschen Bands der post-89 Jahre, gilt als „der“ Pop-Poet unter Deutschlands Songschreibern. Ohne seine Lyrik und seine Band „Blumfeld“, die ihren Namen einer Kurzgeschichte Franz Kafkas aus dem Jahr 1915 über einen in die Jahre gekommenen Junggesellen verdankt, hätte es für Gruppen, Texter und Musiker, wie „Ich+Ich“, „Ja, Panik“, „Silbermond“ oder „Jan Delay“, wie immer man deren musikalischen Qualitäten auch bewerten will, kaum Platz im deutschen Musikbusiness gegeben.
Mitte der Neunziger Jahre hat sich der Musikstil von Blumfeld gewandelt. An die Stelle krawallig daherkommender politischer Aufgeregtheiten ist mehr düsterer Gefühlskram und Beschaulichkeit, aber auch mehr Gelassenheit und Leichtigkeit des Seins getreten.
Jochen Distelmeyer: Das stimmt überhaupt nicht! Auf den Platten vorher war es auch schon so. Es waren vielleicht andere Stücke, aber die Sachen, die du da angesprochen hast, waren immer schon Teil davon. Ich bin da eigentlich nur meinem Flow gefolgt. Auf den Platten, die folgten, hat es ja doch auch immer härtere und ungestümere Geschichten gegeben. Ich habe nicht versucht, mich von irgendetwas abzugrenzen.
Du hast dich also nicht abgegrenzt von Subversion oder Dissidenz, weil es keinen grundsätzlicheren Ort für Kritik am Konsum, am Kapitalismus oder der Massengesellschaft, mehr für dich gab oder so?
Jochen Distelmeyer: Ob das vorher so stark war, weiß ich gar nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass ich mich da abgegrenzt habe.
War „Blumfeld“ denn überhaupt eine „linke“ Band?
Jochen Distelmeyer:
Nein, würde ich nicht behaupten. Wir sind vielleicht als Einzelpersonen einer bestimmten politischen Auffassung gefolgt. Aber als Band oder mit unseren Platten haben wir uns eigentlich nie als Sprachrohr irgendwelcher Bewegungen oder Strömungen gesehen. Als Einzelpersonen haben wir vielleicht Sachen unterstützt, die wir für richtig gehalten haben.
Der südafrikanische Lyriker Dennis Brutus ist tot. Er starb nach Angaben seines amerikanischen Verlags Haymarket Books am Samstag im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in Kapstadt. Brutus kämpfte über Jahrzehnte hinweg mit Worten gegen das System der Rassentrennung in Südafrika. Mitte der 1960er Jahre war er zusammen mit Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert. …
Im Gefängnis entstanden die Gedichtbände „Sirens, Knuckles, Boots“ sowie „Letters to Martha and Other Poems from a South African Prison“. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen auf sehr persönliche Weise. Nach seiner Freilassung emigrierte Brutus 1971 in die USA, wo er bis 1983 um die Anerkennung seines Asyls kämpfen musste. An der Northwestern University und der University of Pittsburgh lehrte er Literatur und Afrika-Wissenschaft. / Kleine Zeitung 27.12.
Nachruf: Monthly Revue /
Der große amerikanische Folk-Songwriter Vic Chesnutt hat sich am 25.12. in Athens, Georgia das Leben genommen. Er war 45 Jahre alt. Seit einem schlimmen Autounfall mit 18 Jahren war er an einen Rollstuhl gefesselt. Ende der 80er Jahre wurde er von Michael Stipe, dem Sänger von R.E.M., entdeckt. / qobus.com 26.12.
Mehr: npr / Rolling Stone /
Vgl. L&Poe 2007 Nov #7. Ortsanrufungslyrik
Der Verbleib der sterblichen Überreste des berühmtesten spanischen Dichters des 20. Jahrhunderts, Federico García Lorca, bleibt ein Mysterium. Bislang hieß es, sie lägen in einem Park der neun Kilometer von Granada entfernten Ortschaft Alfacar. Dem hat die andalusische Regionalregierung am Freitag wiedersprochen: Die archäologischen Grabungen der vergangenen Wochen hätten zweifelsfrei bestätigt, dass an diesem Ort niemals Tote beerdigt worden sind. „Dort ist nichts, und da war nichts“, sagte Andalusiens Justizministerin Begona Álvarez. Im Bericht heißt es, dass „kein noch so kleiner Knochen, kein Zahnstück“ gefunden worden sei. / SZ 19.12.
In einem Artikel für El País erinnerte der granadinische Dichter Luis García Montero daran, aus wie vielen unerträglichen Gerüchten, Diffamierungen und Fehlinformationen sich der Konflikt um die Gebeine Lorcas genährt hat – und vor allem, welch „armseligen Verdächtigungen“ dessen Hinterbliebene ausgesetzt waren, weil sie sich jahrelang gegen die Exhumierung gesperrt hatten. / JAVIER CÁCERES, SZ 21.12.
Im Alter von 46 Jahren starb in Norman, Oklahoma der Lyriker Jim Chastain. Er veröffentlichte zwei Gedichtbände und die Autobiographie „I Survived Cancer But Never Won the Tour de France”. Am Heiligabend hat der Krebs ihn doch eingeholt. 2001 wurde die Krankheit diagnostiziert, die Behandlung hatte keinen Erfolg und 2004 mußte der rechte Arm amputiert werden. Danach lebte er drei Jahre krebsfrei, bis die Krankheit 2007 wieder ausbrach, der er jetzt erlag.
/ News OK, The Oklahoman 25.12.
Der letzte Eintrag in seinem Blog vom 13.12. lautet:
I’m still alive, but my health has really been slipping in the last two months. Hope to get some posts out soon, but I rarely feel like writing.
Bald jedoch wurde Kerr zum leidenschaftlichen Entdecker und Förderer:
„Er hat beispielsweise sich mit Robert Musil hingesetzt, ist mit ihm jede Zeile des „Törleß“ durchgegangen, hat ihm einen Verlag gesucht, und dann eine sehr wichtige Musil-Kritik im „Tag“ geliefert, 1906. Er hat auf die Begabung von Else Lasker-Schüler hingewiesen, als es noch niemandem einfiel, und bis zum Schluss – noch 1945 entdeckte er Vercors, den Dichter der französischen Widerstandbewegung, „Das Schweigen der See“, also er hatte eine wahnsinnige Begabung, andere Begabungen zu finden, und war auch in der Hinsicht sehr großzügig jungen Dichtern gegenüber.“
Kerr „lebte in und mit der Literatur“, wie Günther Rühle im Nachwort dieses sorgfältig edierten Bandes schreibt. Bei der Auswahl der Texte wurde die Herausgeberin Deborah Vietor-Engländer selbst zur Entdeckerin:
„Ich wollte zeigen, dass es einen ganz unbekannten Kerr gibt. Einen Literaturkritiker, nicht – wie man immer denkt – einen Theaterkritiker, denn kaum jemand weiß, dass er Lyrik, Opernlibretti, Reisebücher und dergleichen geschrieben hat. Ich wollte zeigen, dass er ein großer Literaturkritiker war, der sehr viele Entdeckungen gemacht hat, und ein außerordentlich Zukunftsgerichteter Mensch war.“ /Jens Brüning, DLR
Alfred Kerr: „Sucher und Selige, Moralisten und Büßer.Literarische Ermittlungen. Band IV“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2009, 519 Seiten
Wenn man versucht vorurteilslos und ohne Vorbehalte „White Christmas“ noch einmal anzuhören, dann fällt doch der eher nachdenkliche Grundton auf. Der Judaist Irving Saposnik hat unter dem Titel „I’m dreaming of a Jewish Christmas“ einen ganzen Aufsatz geschrieben über „Jüdische Weihnachten mit Irving und Bing“. Er denkt bei „White Christmas“ eher an einen Blues, der von einer „osteuropäischen Traurigkeit geprägt ist, von der Sehnsucht nach einer unwiederbringlich verlorenen Heimat“. An die „Stelle der christlichen Feststimmung tritt ein jüdisches Erinnern“. Und er fährt fort:
„White Christmas“ war ein Lied für alle Amerikaner – es erlaubte den Juden, sich dem Weihnachtsneid hinzugeben, und den Christen, sich mit einem jüdischen Gefühl der Verlorenheit zu identifizieren.
Die Klage über ein säkularisiertes Weihnachtsfest, das jeder feiern kann und darf, die alle Jahre wieder geführt wird, kann so neu nicht sein. Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, erinnert sich an das Weihnachtsfest in seiner frühesten Jugend in den 20er-Jahren in einer nicht-religiösen jüdischen Familie, und nennt seine Erinnerungen „Wie ich Weihnukka Hitler zu verdanken habe“ (…)
Heilige Nacht
Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heut’gen tag.
Minister und Agrarier,
Bourgois und Proletarier –
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah)
Besser als Erich Mühsam in seinem Gedicht über die „Heilige Nacht“ kann man die kuriose Konstellation an Weihnachten aus jüdischer Sicht kaum zusammenfassen: Christen feiern die Geburt eines „Kindleins aus dem Stamme Sem“, eines jüdischen Kindes als die Geburt des Messias, des Christus, wie er in der jüdischen Bibel, im christlichen Alten Testament vorhergesagt wird. Weil Juden diesem Bekenntnis nicht folgen, feiern sie Chanukka. / Stefan Förner, DLR
11 Gäste werden am Kaiserlichen Neujahrs-Lyrik-Lesung im Januar teilnehmen, teilte die Kaiserliche Haushaltsagentur am Freitag mit.
Thema der Tanka-Lesung am 14.1. ist „hikari“ (Licht). 23.346 Gedichte wurden eingereicht. 172 von ihnen kamen aus 20 verschiedenen fremden Ländern und 41 waren in Braille.
Der älteste Teilnehmer ist der 94jährige Nobuyuki Furukawa. Ein anderer, Kuniko Moriwaki, 69, ist blind. Der Dichter Chuichi Mukawa, 90, nimmt als Ehrengast des Kaisers teil. / Mainichi Daily News 25.12.
Der Poet ist nach Goethe der meistgelesene deutschsprachige Dichter weltweit. Aber es gibt auch Leser, die von ihm weniger begeistert sind und seine Lyrik als zu weltentrückt, fast schon kitschig und eine Spur zu esoterisch empfinden. So nannte ihn Thomas Mann einen „österreichischen Snob, der seinen Adelstick von Mama geerbt hätte.“ Zur „lieben Mama“ hatte Rilke zeitlebens auch ein besonderes Verhältnis.
Mutter Sophia, genannt Phia, war eine moderne Frau aus vermögendem Hause: eine tollkühne Reiterin, eine exzellente Fechterin, begabt im Klavierspiel und für Sprachen. Sie war der Liebling ihres Vaters, der eine chemische Fabrik in Prag besaß und viele Ehrenämter dort bekleidete. Bis zu seinem Tode lebte sie in einer Welt, in der ihr Geld und Stellung in der höheren Gesellschaft ganz selbstverständlich gegeben waren. Sie war es, die den Sohn Rainer Maria Rilke förderte und in ihm schon früh den kommenden Dichter sah, nie den Offizier, wie der Ehemann es wünschte. Phia Rilke, die liebe Mama, erhielt zwischen 1900 und 1925 Weihnachtsbriefe von ihrem Sohn. In diesen Jahren hat Rilke nie den Weihnachtsabend mit seiner Mutter verbracht – und deshalb immer Briefe geschrieben, die sie zur „geheiligten Stunde“ um sechs Uhr abends öffnen sollte. So ähnlich die Briefe über weite Strecken klingen – zumindest die vor dem Ersten Weltkrieg – identisch sind sie zu keiner Zeit. / MDR
Essay | MDR FIGARO | 26.12.2009 | 18:30 Uhr
Obwohl Rilke zu Lebzeiten eine Randfigur war [? MG], wird sein lyrischer Eigensinn in unserer postromantischen Zeit geschätzt; eine kleine Gruppe von Kennern lobte ihn damals, während er heute geliebt wird.* Sonette an Orpheus, Duineser Elegien, sein einziger Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und vielleicht am stärksten Briefe an einen jungen Dichter sind Probiersteine. Einzelne Gedichte wurden berühmt: Archaischer Torso Apollo mit der Schlußzeile „Du mußt dein Leben ändern“; Der Panther, pulsierend von der Energie des eingesperrten Tiers. Rilke wurde sogar zu einer Art Talisman der Popkultur. Er inspirierte Wim Wenders für seinen Film Der Himmel über Berlin**, und vor kurzem ließ sich die Hitparaden-Disko-Queen Lady Gaga ein Rilkezitat auf den Oberarm tätowieren: „In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?“ Adam Zagajewski behauptet, daß Rilke vielleicht mehr in den Vereinigten Staaten als in Deutschland gelesen wird, was einiges über die Faszination der Amerikaner für existentielle Unbehaustheit, Selbsterfindung und Ziellosigkeit sagt. / Angels to Radios: On Rainer Maria Rilke. By Ange Mlinko. The Nation 14.12.
* Na gut, diesen Passus bezweifeln wir mal. Rilke wurde zu Lebzeiten viel gekauft, viel gelesen und gerühmt, später auch viel imitiert (und geriet erst später bei Teilen des Publikums in Verschiß). Allein von den Insel-Taschenbüchern wurden in den 75 Jahren von 1912-1987 verkauft: Cornet (Band 1 der Reihe, 1912! Wikipedia weiß: Am 23. Mai 1912 erschien Rilkes Werk als erster Band der Insel-Bücherei in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die sofort vergriffen war und den Erfolg der Reihe begründete.) 48 Auflagen, mehr als 1.125.000, davon zu Rilkes Lebzeiten 230.000. Marien-Leben: 15 Auflagen seit 1913, 164.000, davon zu Lebzeiten 20.000. Postum: Sonette an Orpheus 119.000. Gedichte I 270.000. Briefe an einen jungen Dichter 453.000. Briefe an eine junge Frau 280.000. Gedichte II 322.000. (Und 5 weitere Bände). Und das sind nur die Taschenbuchausgaben in seinem Verlag. Die Bücher wurden en masse gedruckt, verkauft, gelesen & geliebt! (Daß er den Nobelpreis nicht bekam, ist eine andere Frage. Aber Kafka oder Joyce ging es auch so.)
**) Merkwürdigerweise englisch unter dem Titel „Wings of desire“ (das Plakat zeigt martialisch-preußische Engels- und Adlerflügel, aber desire? Filmverleihergeschmack)
*** Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?
Hier mehrere englische Versionen von Rilkes Grabspruch:
Rose, O pure contradiction, delight
in being no one’s sleep under so many
eyelids.
(Edward Snow)
Rose, oh pure contradiction, joy
of being No-one’s sleep, under so
many lids.
(translation by Stephen Mitchell)
„Rose, o pure contradiction,
desire to be no one’s sleep
beneath so many lids.“
rose, PURE CONTRADICTION, delight, to be no-ones sleep under so many lids.
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.
Hier ein Foto des Grabsteins
Die Buchhandlung „Shakespeare and Company“ liegt an der Rive Gauche, dort, wo sich an diesen Abenden der Geruch des ölschwarzen Wassers mit der heraufziehenden Winternacht, dem Stimmengewirr der Bistros und der Straßenmusik zu einem dichten Großstadtgemälde mischt. Metroausgänge spucken Touristen und Studenten in die Gassen des Quartier Saint Michel, die Türme von Notre Dame stützen tiefhängende Regenwolken.
„Ich lese gerade D. H. Lawrences Lady Chatterly’s Lover“, sagt die amerikanische Literaturstudentin Alex, die erst vor fünf Tagen aus New York gekommen ist, „mein Vorbild ist Virginia Woolf.“ Ein dichter Pony fällt ihr ins Gesicht, ihre Stimme ist warm und dunkel. Das US-Magazin The Nation hat einige ihrer Texte gedruckt. Jetzt will sie nach Paris ziehen, vielleicht für lange. Eine Freundin hat ihr von diesem besonderen Buchladen erzählt, nun ist sie Gast, schläft nachts zwischen den Regalen, hilft tags beim Verkauf. / Johanna Schmeller, Freitag 21.12.
Shakespeare and Co., 37 Rue de la Bûcherie, Paris Ve, Öffnungszeiten: 10-23 Uhr
The Shakespeare and Company Literary Festival: Storytelling, Politics and The Imagination, 18-20 Juni 2010
Ernest Hemingway, Paris – Ein Fest fürs Leben, Rowohlt, München, 2004 (5. Aufl.), 192 S., 7,95 Euro
Sylvia Beach, Shakespeare und Company – ein Buchladen in Paris, Suhrkamp, Frankfurt a. Main, 2005 (8. Auflage), 247 S., 9 Euro
*) in der Rubrik Books von The Nation findet man 3 Gedichte aus der Dezember- und Januarausgabe, von Andrzej Sosnowski (Polen), Tchicaya u Tam’si (Kongo) und Marina Zwetajewa (Rußland).
from Bob & Margery’s Poetry Blog
It’s Christmas Eve, and of course we in the Western world are hearing the lines of the classic poem “A Visit from St. Nicholas” echoing in our minds. In the U.S., First Lady Bess Truman began a traditional annual reading of that poem that continues today—the White House blog has just posted a video of this year’s reading by Michelle Obama at the Children’s National Medical Center, “The First Lady Reads ‘The Night Before Christmas’.” And the poem has worked its way so deeply into the general consciousness of Christmas time that it serves as the most inviting of targets for parody—most recently by Illinois Senator Roland Burris, commenting on the health care reform debate in the U.S. Senate:
from The New York Times “Prescriptions” blog:
“Acrimony, and Poetry, in the Senate,” by David M. Herszenhorn
“It was the night before Christmas and all through the Senate, the right held up our health care bill, no matter what was in it….”
More on “A Visit from St. Nicholas”
Who really wrote the classic Christmas recital poem?
Parodies of “The Night Before Christmas” collected at About.com’s Urban Legends site
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