127. Der Weggehetzte

Bei Dao lächelt einigermaßen wehmütig, und weil Chinas bedeutendster Lyriker auch im Alter von 60 Jahren mit seinem leicht ausgefransten schwarzen Ponyschnitt noch ein bisschen an einen späten Studenten erinnert, denken wir sogleich an die Zeilen eines der berührendsten deutschen Exilgedichte: „Ich bin der Weggehetzte. / Nicht der erste, nicht der letzte. // Mein Leib und meine sieben Sinne, / Alles frisch und unversehrt. / Das Leben, das ich nun beginne, / Lebt sich gerade umgekehrt. // Mir ist die Welt ins Herz gesprungen, / Mir, dem großen Lausejungen.“

Der gebürtige Chemnitzer Bernd Jentzsch hatte diese Zeilen 1976 geschrieben, im sicheren Refugium von Bern, von dem aus er nicht mehr in die DDR zurückkehren durfte, nachdem er in einem persönlichen Brief an Erich Honecker gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Es ist die alte Geschichte, doch wem sie just passieret…

Bei Dao sagt: „Genau in diese Richtung geht es. Als im Juni 1989 in Peking die Panzer rollten, war ich gerade DAAD-Stipendiat in West-Berlin und verfolgte in der Güntzelstraße am Fernseher, was das Regime gerade mit den Studenten tat. Natürlich musste ich reagieren, umso mehr sich ja viele junge Leute auf meine Verse berufen hatten. Ich gab also dem ZDF ein Interview, und mein langes Exil begann. Bis zum heutigen Tag, hier als Literaturprofessor in Hongkong.“ / Marko Martin, Die Welt 20.3.

Bei Dao: Das Buch der Niederlage. A. d. Chin. von Wolfgang Kubin. Hanser, München. 106 S., 14,90 Euro.

126. Meine Anthologie: und so weiter…

Heute nehme ich dies mal als Frühlingsgedicht – auch als solches spukt es mir seit, ts ts, 30, 35 Jahren im Kopf. Als ich es las, dachte ich natürlich an Prag 68 und etwas später Warschau 81. Manchmal, wenn mir die Verse einfielen, zitierte ich die letzte Zeile unabsichtlich so: „Die Kämpfer der Commune und so weiter“. Gruß an Rimbaud. Es ist der Schluß von Nikolaus Lenaus Versepos „Die Albigenser“.

Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen,
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten;
Den Albigensern folgen die Hussiten
Und zahlen blutig heim, was jene litten;
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten,
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter,
Die Stürmer der Bastille, und so weiter.

125. Grauses Wagen

1922 erschien das Gedicht „The Waste Land“ (Das wüste Land) von Thomas Stearns Eliot. Das Werk zählt zu den bedeutendsten Gedichten der 20. Jahrhunderts. Dem Regisseur Dieter Bitterli diente dieses Meisterwerk als Text für sein Theaterstück „Grauses Wagen der Hingabe – ein Augenblick“, das beim Theater im Hof zu sehen ist. / Badische Zeitung

Termine: Kandern-Riedlingen, „Grauses Wagen der Hingabe – ein Augenblick“, Vorpremiere: Do, 25. März, 17 Uhr; Premiere: Sa, 27. März, 17 Uhr; zudem: 30./31. März, 3. und 5. April, jeweils 18 Uhr; Karten: Tel. 07626/972081

124. Lust auf Lyrik

Ob als Strafarbeit, als Was-will-mir-der-Dichter-damit-sagen-Frage oder als obligatorisches Muttertagsgeschenk – die ersten Begegnungen mit Lyrik sind häufig mehr mit Frust als mit Lust verbunden und daher für viele oft auch die letzten. Mit „Lust auf Lyrik“ wurde vor fünf Jahren erfolgreich ein Modellprojekt ins Leben gerufen, das einen spielerischen Zugang zur Dichtung jenseits von Lehrplan und Bewertungszwang eröffnen soll: eine von LyrikerInnen betreute Werkstatt, in der die Schülerinnen und Schüler sich mit dem poetischen Gebrauch von Sprache möglichst unbefangen auseinandersetzen können. Dabei geht es nicht um einen der üblichen Creative-Writing-Kurse, sondern um eine Annäherung an Lyrik, in der das eigene Schreiben neben Rezitation, Inszenierung, Übersetzung und medialer Bearbeitung grundsätzlich als Vorgang der aktiven Aneignung poetischer Prinzipien sowie der Auseinandersetzung mit sozialer Wirklichkeit und mit subjektiver Erfahrung verstanden wird.

Die Lyriker Andrea Heuser und Àxel Sanjosé haben diese siebte Staffel des „Lust auf Lyrik“-Projekts zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 des Münchner Adolf-Weber-Gymnasiums (Deutschlehrerin: Sabine Schwiese-Liebl) gestaltet; die Ergebnisse werden an diesem Abend im Lyrik Kabinett vorgestellt.

Mittwoch, 24.3.
20:00 Uhr

Amalienstrasse 83
Lyrik Kabinett München

123. Sprachraumforscher

Vom weitverzweigten Metropolengedicht über atmosphärische Skizzen und Momentaufnahmen bis zu überraschenden Zweizeilern birgt der Band von Ron Winkler einen in der Lyrik ungewohnten Abwechslungsreichtum, der zu einer extremen Lesegeschwindigkeit führt: Man will sich die Gedichte einverleiben. Und zwar schnell! Ein großer Rausch.

Ron Winkler, 1973 geboren, ist ein Sprachraumforscher des 21. Jahrhunderts und als solcher einer der wenigen, die diese Bezeichnung auch verdienen. Die unglaubliche Leichtigkeit und Frische, die man schon bei seinem ersten Gedichtband Vereinzelt Passanten (2004) feststellte, setzt sich in seinem neuen Buch fort. Winkler arbeitet mit einer zielgenauen Sicherheit für eine ungewöhnliche Homogenität, die Technizismen, Fachsprachen, Versatzstücke aus der Medienwelt und zeitgenössische Sprechweisen in einen elegant fließenden Mix bringt. / Carsten Klook, Zeit Literatur 3

Zeit-Surfer „graf von bollstatt“ schreibt unter der Überschrift

solch einen schlecht geschriebenen artikel hat ron winklers buch nicht verdient. es ist zu empfehlen, aber doch nicht in dieser art. ich bin entsetzt und schnaube laut auf, was so alles unter dem deckmantel der „ZEIT“ heutzutage sich verbirgt. eine katastrophe!

Neu von  Ron Winkler:

  • Kleine Schriften an C. PapperLaPapp, Berlin 2010
  • Frenetische Stille. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2010

122. Mein Papierverlies

Als hätte er gleich den vielen dichtungslustigen Liebenden im Lenz seine Leiden und Freuden in einer Kladde festhalten wollen, präsentiert Michael Lentz neue Gedichte in Packpapierbraun und zum In-der-Tasche-Tragen. Verfassername und Titel sind in Handschrift auf dem Umschlag faksimiliert, ebenso Seitenzahlen, Kapiteltitel. Auf der Rückseite gleich ein Gedicht: „es regnet/das ist unser/hintergrund/wir gehen in deckung/ vom regen verstehen/wir/mehr als von uns“.

Nun, man hat von Lentz schon Inspirierteres und Originelleres gelesen. Doch mit der schönen Unverschämtheit des zumeist unglücklich Liebenden hält Lentz das Banale und Redundante fest, das Simple und das Larmoyante. So etwas lässt sich von dem Sprechkünstler Lentz wirkungsvoll vortragen, wie man auf Videolesungen im Internet feststellen kann. …

Und doch beschwört Lentz kraftvoll die quälende Abwesenheit-Anwesenheit der Geliebten, das anscheinend unaufhaltsame Verrauschen der Liebe. Wenn seine Klangassoziationen die Verse dynamisch antreiben und die poetische Rhetorik fröhlich feiert, dann packt Lentz den Leser: „du bist mein papierverlies / mein greif mein griffel / den ich nicht begreifen kann“. Kitsch wie „unser nie geträumtes tränenreich“ stört dann nicht weiter. / ROLF-BERNHARD ESSIG, FR 24.3.

121. „Berlin meant boys“

England ist teuer, die Moral rigide, eine „schwere Decke aus Mutlosigkeit und Frustration“ liegt über dem Land, „where nobody is well“, wie Auden schreibt.

Ausland bedeutet Befreiung, und Deutschland ganz besonders. D. H. Lawrence erlebt hier und mit seiner deutschen Frau Frieda von Richthofen seine persönliche sexuelle Erweckung. Ford Madox Ford sucht in Deutschland Lösung aus seiner Ehe; das deutsche Scheidungsrecht ist weit einfacher, schneller, liberaler als das britische. Und darüberhinaus sind die Heilbäder für den ständig sich neu zerrüttenden Ford wichtig. Ganz Europa kurt in Baden-Baden, Bad Homburg vor der Höhe und Schlangenbad, Bad Pyrmont und Bad Nauheim.

Dass diese Orte über Heilquellen verfügen, ist eine geologische Tatsache. Aber in diesem historischen Moment passt sie zu dem Eindruck, Deutschland sei das Land eines neuen Körpergefühls, der Gesundheit, der Lebensreform. …

„Berlin meant boys“, schreibt Christopher Isherwood. Die Kontakte sind nicht immer die schönsten. Die „Jungs“ haben Geld, neue Schuhe, Anzüge im Sinn, einige sind Stricher, die an weitere Geschäfte denken. In einem deutsch verfassten Sonett W. H. Audens heißt es „Weil ich kein Geld hab‘ komm ich nicht in Frage,/ Du liebst dein Leben und ich liebe Dich.“ Aber selbst solcher Egoismus scheint den Engländern besser, gerader als das eigene Vorteilsdenken. Denn sie ziehen auch aus dem günstigen Wechselkurs des Pfundes Vorteile; sie leben eine Art von sexuellem Kolonialismus aus. / Wolfgang Kemp, SZ 16.1.

Foreign Affairs. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900-1947
Carl Hanser Verlag, München 2010. 384 Seiten, 24,90 Euro.

120. Das Böse aus den Fatwas

Die mutigen Gedichte einer saudischen Hausfrau gegen „böse“ extremistische Fatwas muslimischer Geistlicher haben ihr Todesdrohungen eingebracht, aber sie könnten ihr auch den 1,3-Millionen-Dollar-Lyrikpreis des Emirati-Fernsehens bescheren.

Vor dem Finale der Sendung „Millionen-Dichter“ am Mittwoch in Abu Dhabis Staatsfernsehen sind alle Augen auf Hissa Hilal gerichtet, die einen traditionellen vom Kopf bis auf die Füße reichenden „Abaya“-Mantel trägt und ihr Gesicht verschleiert.

Sollte sie am 31.3. zur Siegerin gekürt werden, wäre sie die Meisterin der bei Golfarabern besonders geschätzten Lyrik im Beduinendialekt, Nabati.

Aber Hilal hat den Zorn der islamistischen Konservativen in ihrem Land auf sich gezogen, als sie die strikte Trennung der Geschlechter und vernichtende Fatwas gegen die Zulassung von Frauen für reine Männerberufe kritisierte.

Die lautstark vorgetragenen Meinungen der saudischen Mutter brachten ihr Todesdrohungen auf islamistischen Websites wie Ana Al-Muslim, einem Onlineforum, das dafür bekannt ist, daß es Mitteilungen von Al-Qaeda verbreitet, sagte die saudische Tageszeitung Al-Watan.

Ein Forumteilnehmer fragte sogar nach ihrer Adresse in einer unverhüllten Drohung, sie zu töten.

Hilal, die nicht studiert hat, sagte, mit ihren Gedichten wolle sie „den Extremismus bekämpfen, der ein beunruhigendes Phänomen darstellt“. Vor einigen Jahren sei die Gesellschaft offener gewesen. Jetzt sei alles komplizierter geworden. Einige Männer weigerten sich sogar, weiblichen Familienmitgliedern die Hand zu geben, was sie vor Jahren noch taten.

In ihrem Gedicht „Das Chaos der Fatwas“, das sie bei dem populären, im Fernsehen vorgetragenen Wettbewerb vortrug, klagte sie mutig, das „Böse kommt von jenen Fatwas“. /  Wissam Keyrouz (AFP), google news

118. American Life in Poetry: Column 261

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

All over this country, marriage counselors and therapists are right now speaking to couples about unspoken things. In this poem, Andrea Hollander Budy, an Arkansas poet, shows us one of those couples, suffering from things done and undone.

Betrayal

They decide finally not to speak
of it, the one blemish in their otherwise
blameless marriage. It happened

as these things do, before the permanence
was set, before the children grew
complicated, before the quench

of loving one another became all
each of them wanted from this life.
Years later the bite

of not knowing (and not wanting
to know) still pierces the doer
as much as the one to whom it was done:

the threadbare lying, the insufferable longing,
the inimitable lack of touching, the undoing
undone.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Andrea Hollander Budy, whose most recent book of poems is Woman in the Painting, Autumn House, 2006. Poem reprinted from Shenandoah, Vol. 59, no. 1, by permission of Andrea Hollander Budy and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

117. Didacta

Gewiss mag es für Sechstklässer sinnvoll sein, Vokabeln mit bunten Legekärtchen zu wiederholen. Ob es aber wirklich dazu dient, dass Achtklässer „mit Lust und Laune lesen“, wenn sie Heines Loreleylied rückwärts buchstabieren? Und wer bekommt schon ein Gefühl für Goethes Gedichte, wenn er sie lediglich peinlich genau nach Metaphern absucht? Man muss sich fragen, ob ein Lehrer, der sich für solche Materialien interessiert, selbst noch einen Bezug für die Inhalte hat oder nur danach geht, ob er die Arbeit der Schüler mit „richtig“ oder „falsch“ bewerten kann. / Von Margita Feldrapp, Die Welt 21.3.

116. Odia Ofeimun

Jahman Anikulapo lud Freunde und Angehörige zu einer Feier für Odia Ofeimun zum 60. Geburtstag. Der Schriftsteller Festus Iyayi sagte: „Odia ist ein großer Intellektueller. Der Odia, den ich kenne, zieht es vor, sich an anderer Leute Leben zu verschenken. Odia ist für mich der größte Dichter Nigerias.“

Ofeimun über die Regierenden seines Landes: „Wir haben es der Regierung gestattet, uns zu überwältigen. Es ist unsere ureigene Sache, die Regierung in unsere Hände zu nehmen. Alle Nigerianer müssen Bürger sein, es darf keine Super-Bürger mehr geben.“ / next 21.3.

115. Sprachschärfung

ZEIT ONLINE: … Lyrik. Interessieren Sie sich dafür?

[Clemens] Meyer: Ja, sehr. Ich hab ein paar Spezialisten. Das kam erst in den letzten Jahren. Doch ein gutes Gedicht hat mich schon immer interessiert.

ZEIT ONLINE: Welche Spezialisten?

Meyer: Der leider verstorbene Wolfgang Hilbig war einer der ganz Großen. Und der Leipziger Lyriker Andreas Reimann, ein Meister der Sonette. Leider ist er in Vergessenheit geraten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie selbst mal dran gedacht, Lyrik zu schreiben?

Meyer: Hab ich! Aber nur zu Übungszwecken, um meine Prosa zu vervollkommnen. Das ist was anderes. Wen kennt man denn schon hier*! Raoul Schrott, Durs Grünbein, Thomas Kling, dann hört’s schon langsam auf. Das Lesen von Lyrik ist eine Sprachschärfung. Aber selbst schreiben? Vielleicht irgendwann.

*) Wenn „hier“ Leipzig ist: da hätten ihm ja ein paar übern Messe-Weg stolpern können.

114. Subversive Körper

Wer hat schon beobachtet, wie Frauenkörper Gedichte vortanzen oder Hände ein klassisches Ballett imitieren? …

Dass es sich bei diesem überreizten Spektakel nicht um einen Majorettenmarsch handelt, sondern die Truppe in Wahrheit im Flaggenalphabet das «Manifesto della donna futurista» aus dem Jahr 1912 verbreitet, erschliesst sich allerdings nur aus dem Ausstellungstext. Auf jeden Fall kontrastiert der lächelnde Optimismus der weissgestiefelten Frauen im engen Minijupe wunderbar grotesk mit der grauen Tristesse der Betonbrücke, eines faschistischen Monuments über der Donau. So subversiv können Körperbewegungen sein. / Brigitte Ulmer, NZZ 20.3.

«While Bodies Get Mirrored»
Zürich, Migros-Museum für Gegenwartskunst, bis 30. 5.

113. Wieder da

Kathrin Schmidt ist wieder da. Das ist sie natürlich schon lange – regelmäßig hat sie in den vergangenen Jahren Prosa veröffentlicht, zuletzt den hoch prämierten Roman «Du stirbst nicht» (siehe Literaturen 04/2009). Lyrik von der einst mit dem Leonce-und-Lena-Preis bedachten Autorin dagegen suchte man zuletzt vergebens*. Mit den über siebzig Gedichten, die der neue Band «Blinde Bienen» versammelt, sind die prosaischen Zeiten aber nun vorbei: Dieses Buch ist eine wunderbar irritierende Sammlung geworden.**…

«Blinde Bienen» nun lässt keinen Zweifel mehr daran, dass eine der eigenständigsten Lyrikerinnen ihrer Generation wieder weiß, wie das geht mit den Gedichten.

/ Peer Trilcke / Literaturen / Seite 77 / 2 2010

Kathrin Schmidt
Blinde Bienen
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 92 S., 16,95 €

*) Kommt natürlich drauf an, wo man sucht. Beim „Poetenladen“ zB gabs welche

**) Stimmt