Bei der Formulierung „immer nur einzelne“ aus der vorigen Meldung kann ich nicht anders als an ein Gedicht von Kito Lorenc zu denken, der als deutscher Christoph Lorenz aufwuchs und dann seine sorbischen Wurzeln entdeckte. Kito Lorenc schreibt in beiden Sprachen und wurde einer der wichtigsten Autoren seiner Generation und der „Sächsischen Dichterschule“. Folgendes Gedicht stammt aus einem Typoskript „Kleiner Weggefährte durch den Winter“, das er um die Jahreswende 1988/89 in etwa 50 Exemplaren pseudonym an Freunde und Bekannte schickte:
kaputt VI
bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel
(Den Zyklus empfehle ich der bayrischen oder sächsischen Volksbildung wärmstens!)
Ja, die DDR war eine Diktatur, die Meinungen unterdrückte und Menschen drangsalierte und daran schließlich scheiterte. Joachim Walther hat unbestreitbare Verdienste im Sammeln und Bewahren von Informationen, die wenig bekannt waren oder drohten vergessen und verdrängt zu werden. Aber, wenn der Zeitungsbericht treu berichtet, ist sein Bericht vor bayrischen Schülern nicht frei von Legendenbildung:
Den Unterschied zwischen demokratischen und diktatorischen Verhältnissen machte Walther nach einer Begrüßung durch Schulleiter Wolfgang Klose den Schülern klar. „Stellt euch vor, die Grenzen von Bayern werden plötzlich dicht gemacht, alle angrenzenden Länder, ja sogar Bundesländer sind feindliches Ausland und es gibt einen Schießbefehl“, so Walther. Die Weltanschauung, die zur Verfügung stehende Literatur, die Musik (keine englischen Texte) werden von Beauftragten der einzigen Partei des Landes ausgesucht, das Tragen von Jeans, den „dekadenten Kleidungsstücken“, ist verboten, auch die Lektüre von Harry Potter wäre untersagt. Alle Lehrer gehören zur Partei, morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne. Wer studieren darf, hängt nicht von den Noten, sondern von einer konformen Gesinnung ab und bei den Jungen von einer dreijährigen Verpflichtung zur Volksarmee. So war es damals in der DDR, berichtete der Schriftsteller. Er hat selbst erlebt, wie langhaarige Schüler zum Friseur geschleppt und Jeansträger zum Umziehen nach Hause geschickt wurden. / Mainpost
In der Musik keine englischen Texte? Ja, es gab solche Tendenzen in den 60er Jahren unter Walter Ulbrichts Herrschaft – aber selbst da erschienen doch ein paar Beatlesplatten bei der volkseigenen Schallplattenfirma und ich erinnere mich gut, wie 1966 im Waldbad in Leuna eine Gruppe namens Die Sputniks den brandneuen Song der Stones nachsang: „I can’t get no satisfaction“, ich war Schüler, ich war dabei, das Gefühl steckt mir noch in den Knochen, und „My generation“ der Who war meine Generation, mein Lied (nicht der Lehrer, klar doch). In den 70er und 80er Jahren kamen auch zunehmend neben polnischen oder ungarischen (die auch sehr gut waren) englischsprachige Rocktitel im Rundfunk.
Das Tragen von Jeans verboten? War das nicht in den 50er (Uwe Johnson schrieb darüber) und 60er Jahren? Später trug jeder, der konnte, Jeans, originale oder wer keine Quellen hatte, solche aus volkseigener Produktion, und Anfang der 70er Jahre schrieb Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau seinen Jeanssong, der auch in DDR-Buchausgaben und Theateraufführungen öffentlich wurde.
Alle Lehrer gehören zur Partei? Glaube ich nicht. In allen Schulen, die ich kennenlernte, als Kind und später als Vater, waren immer nur einzelne Lehrer in „der“ Partei, vielleicht meistens eine Mehrheit, manche, auch vereinzelte Schuldirektoren waren auch Mitglied einer Blockpartei, wie CDU oder LDPD, nicht wenige waren parteilos.
Morgens vor der Schule ist Zählappell an der Fahne? In meiner Schulzeit gab es Montag morgen Fahnenappell, ja. Aber kein „Zählappell“, und gewiß nicht jeden Morgen.
Die Verhältnisse waren schlimm genug, wie sie waren, kein Grund zur Dramatisierung. Keine neue Legendenbildung bitte.
„Die tödliche Dosis Poesie“ heißt ein L&Poe-Slogan. Aber das ist doch nur eine Metapher!
Aus Wut darüber, dass ihre fünfjährige Tochter ein Gedicht nicht auswendig konnte, hat eine Mutter in China ihr Kind totgeschlagen. / spiegel.de 20.10.
Reisenews online meldet:
Valencia feiert 100. Geburtstag des Barockdichters Miguel Hernández
Nunja – besser als gar keine Lyrik, oder?
Im Jahr 1927 feierte Spanien den 300. Todestag des Barockdichters Luis de Góngora. Die jungen Dichter entdeckten einen Geistesverwandten – die Generation von 1927 war geboren. In den folgenden Jahren las und schrieb sich der Ziegenhirt Miguel Hernandez in die Reihen der modernen spanischen Dichter hinein.
1931 schrieb er an Juan Ramón Jiménez (der 1956 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde):
Ich bin ein Hirte. Zwar kein so poetischer Hirt wie die, die Sie besingen, aber doch ein klein wenig Poet. Ich bin Ziegenhirt seit meiner Kindheit. Und ich bin froh, es zu sein, denn da ich in einem armen Hause geboren wurde, hätte mein Vater mir zwar einen anderen Beruf wählen können, aber er gab mir diesen, der das Tagwerk der heidnischen Götter und biblischen Helden gewesen ist. (…)
Ich kann nicht anders, ich muß singen… Ungebildet, roh; ich weiß, daß ich, wenn ich Gedichte schreibe, die göttliche Kunst profaniere… Es ist nicht meine Schuld, daß meine Seele einen Funken birgt von dem großen Feuer, das in der Ihren brennt…
(…) Gedichte werden in der Provinz kaum gelesen, und wer sie liest, versteht sie nicht. So sitze ich hier mit tausend Versen und weiß nicht, was ich damit anfangen soll.
Aus: Miguel Hernández: Der Ölbaum schmeckt nach Zeit. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1972, S. 20f.
Orihuela, Elche y Alicante
Del 26 al 30 de octubre de 2010
Organizan: Instituto Alicantino de Cultura Juan Gil-Albert.
Los interesados en presentar Comunicaciones deben enviar su Curriculum Vitae y un breve resumen de su Comunicación antes del 3 de septiembre de 2010.
Der spanische Dichter Miguel Hernández wurde am 30. Oktober 1910 geboren. Er war ein Ziegenhirt, der sich autodidaktisch in die erste Reihe der modernen spanischen Dichtung hineinarbeitete. In Greifswald (dessen Universität in den vergangenen Jahren die Romanistik abgeschafft hat) gibt es in der kommenden Woche ein mehrtägiges Fest für Miguel Hernández. Das Fest des Dichters ist zugleich eine Trauerfeier für ein akademisches Fach, das der Selbstbeschneidung der Universität zum Opfer fiel. Die nächsten Opfer werden nicht auf sich warten lassen. Wir aber feiern den Dichter.
Es beginnt am Sa. 23.10. mit einem Malerei-Workshop
10-17 Uhr – Kunstwerkstätten (Knopfstr. 26)
100 Jahre Miguel Hernández geben genug Anlaß, die Welt des Spanischen zu entdecken. Mit Farbe, Pinseln, Graphit, Papier sowie spanischer Musik und Literatur werden wir erfahren, dass Spanien gar nicht so weit weg von Greifswald ist.
Den Malerei-Workshop De la poesia al color leitet Antje Ingber (3€ Materialkosten, begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung unter: farbenwasser@gmail.com).
Das eigentliche Fest beginnt am Mittwoch, 27.10., im Falladahaus (Steinstr. 59) um 18:00 Uhr
Wer war Miguel Hernández? Wir stellen euch den Poeten im Falladahaus vor. Und so facettenreich sein Leben war, so vielfältig wird auch dieser Abend: neben Vorträgen, Musik, Filmausschnitten, Fotos und Büffet wird es auch eine kleine Ausstellungseröffnung geben.
21 Uhr – Cafe Pariser (Kapaunstr. 20)
Wir wollen Literatur in der Öffentlichkeit in mehreren Sprachen lesen und hören. Alle sind eingeladen, mitzumachen.
Am Donnerstag, 28.10., gibt es Filme & Vortrag im IKUWO (Goethestr. 1)
18.00 Uhr Originalfilme aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriege
19.30 Uhr Loyalty and comradeship in the literary work of Miguel Hernández – ein Vortrag von Francisco Martinez Morán
20.30 Uhr ¡Ay, Carmela! – Ein Film von Carlos Saura (Orig. mit engl. UT)
Fr. 29.10. – Diskussion
20 Uhr – Antiquariat Rose (Steinbeckerstr. 20)
Literatur und Politik in der Zeit des Miguel Hernández. Michael Gratz und Francisco Martinez Morán kommen ins Gespräch. Neben einem Büchertisch gibt es auch Wein.
Sa. 30.10. – Wir feiern Geburtstag!
14 Uhr – Alte Bäckerei (Ecke Feldstr./Mehringstr.)
Es ist wieder soweit: die Tortenakademie der Alten Bäckerei findet statt. Bringt eure schönsten Torten und eure liebsten literarischen Happen mit. Wir feiern mit Lektüre, Musik, Kaffee und Kuchen den 100. Geburtstag des spanischen Poeten Miguel Hernández.
Mehr als 50 Fälle sind dokumentiert, in denen junge Menschen wegen „Herabwürdigung der DDR“ beispielsweise in einem Gedicht zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden oder sie hatten verbotene Literatur gelesen. Einer erhielt zwei Jahre Gefängnis, weil er „1984“ von George Orwell an Freunde verliehen hatte.
Tragisch war das Schicksal der in Potsdam aufgewachsenen Edeltraud Eckert, die zunächst von den Idealen der jungen DDR überzeugt war, bis sie bemerkte, dass die Nazi-Konzentrationslager unter russischer Leitung und mit anderen Häftlingen weiter bestanden und sie mit Gesinnungsgenossen dagegen auf Flugblättern protestierte. Im Alter von 20 Jahren wurde sie 1950 verhaftet, verhört und misshandelt, und von einem russischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als Hafterleichterung erhielt sie Papier und Stift, so entstanden Gedichte, die von der Sehnsucht nach Freiheit und dem Alltag im Zuchthaus berichten. Während der Arbeit geriet die junge Frau mit den Haaren in einen Treibriemen und wurde skalpiert. Da sie viel zu spät behandelt wurde, wie [Joachim] Walther berichtete, starb sie an den Folgen der Verletzung. Ihren Angehörigen wurden eine Urne und das Heft mit den Gedichten zugeschickt. Diese Werke wurden veröffentlicht im „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“. / Mainpost
ES GEHT ZU ENDE WAS BISHER WAR,
und die Stimmen sind fern wie morgens um fünf,
wir werden uns nie mehr wiedersehen,
wir werden vergessen.
Man siehts an der Luft, an den Augen der Leute,
überall rollen sie die Erinnerungen ein,
heut sah ich Fotos der siebziger Jahre, da waren
wir jung und alles schien offen,
du stiegst in den fahrenden Zug,
der kam nie an,
und fuhr ab nur zum Schein.
Alt sind unsere Gefühle geworden.
Und oft ist es kalt und du spürst nur Gewohnheit,
als wäre über den Augen ein Schleier,
und wir gehen mit Abwesendem um.
In allem spür ich schon das Vergessen,
und die Leute sehn mich gar nicht mehr an;
so denk ich: vielleicht bin ich plötzlich gestorben
und hab`s nicht bemerkt, bin unsichtbar geworden.
Es ist nicht nur die Liebe die jetzt vergeht,
es ist nicht nur Eiszeit der Sinne, es liegt
ein Stillstand um uns in der Luft, der uns Angst macht
und uns den Atem verschlägt.
Denn es geht zu Ende was bisher war,
und die Stimmen sind fern wie morgens um fünf,
wir werden uns nie mehr wiedersehen,
wir werden vergessen am Leben zu sein.
Dieter Schlesak
EIN KOPF AN EINEM KOPF IST NIE ZU WENIG
Wozu noch Trennungen, die wir nicht merken
Und Abschiede, die unsere Liebe stärken
Ich hab in deinem Haar versehentlich
Die Hand mit meinem Schlüssel liegen lassen
Von allen Anhängern zuerst die Brücken
Wir küssen nicht am Briefende, wir drücken
Zudem wir wochentags auf den Terrassen
Ganz unterschiedlich auf die Gondeln starren
Für dich sind sie Bananen, für mich Gyros
Wir scheitern fast auf Anhieb, weil wir trinken
Ich seh im Dunkeln Straßenbahnen fahren
Und laß womöglich gleich die Haare los
Denn Straßenbahnen müssen hier nicht blinken
Thomas Kunst
in Rumänien mit unbequemen Fragen. / Markus Bauer, NZZ 16.10.
Dazu auch Richard Wagner, FAZ 16.10.
Der Lessing-Preis 2011 des Freistaates Sachsen (13.000) geht an Monika Maron aus Berlin (sachsen.de) und Ralf Rothmann erhält den diesjährigen Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen (20.000) (Aachener Nachrichten).
Preisträger der Förderpreise zum Lessing-Preis (je 5.500) sind der Leipziger Andreas Heidtmann und Renatus Deckert aus Dresden.
Der aus Dresden stammende Schriftsteller Renatus Deckert hat über das Thema: „Dresden im Gedicht nach 1945“ promoviert. Er ist ein talentierter Verfasser hervorragender Essays und Gedichte mit Lessing’scher Scharfsinnigkeit.
Andreas Heidtmann wird mit dem Förderpreis zum Lessing-Preis für sein Engagement für die Gestaltung und Bewahrung der literarischen Vielfalt geehrt. Der Leipziger ist Gründer der Internetseite „poetenladen“ sowie des gleichnamigen Verlages und Herausgeber der Zeitschrift „poet“. / (sachsen.de)
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I have three dogs and they are always insisting on one thing or another. Having a dog is like having a dictator. In this poem by Mark Smith-Soto, who teaches in North Carolina, his dog Chico is very much like my dogs, demanding human company on whatever mission they choose to pursue.
Night Watch
Chico whines, no reason why. Just now walked,
dinner gobbled, head and ears well scratched.
And yet he whines, looking up at me as if confused
at my just sitting here, typing away, while darkness
is stalking the back yard. How can I be so blind,
he wants to know, how sad, how tragic, how I
won’t listen before it is too late. His whines are
refugees from a brain where time and loss have
small dominion, but where the tyranny of now
is absolute. I get up and throw open the kitchen door,
and he disappears down the cement steps, barking
deeper and darker than I remember. I follow
to find him perfectly still in the empty yard—
the two of us in the twilight, standing guard.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Mark Smith-Soto, whose most recent book of poetry is Any Second Now, Main Street Rag Publishing Co., 2006. Poem reprinted from Poetry East, Nos. 64 & 65, Spring 2009, by permission of Mark Smith-Soto and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Werden Sie Jury-Mitglied!
Die taz verleiht in diesem Jahr beim open mike zum vierten Mal den taz-Preis der Publikumsjury. Die taz-Publikumspreis-Jury besteht aus fünf Personen, eine davon können Sie sein. Werden Sie Jury-Mitglied! Bitte senden Sie ein kurzes Schreiben an die taz: Was interessiert Sie an junger deutschsprachiger Literatur? Sie bringen Zeit mit, am 13. und 14. November nachmittags in der Wabe in Berlin den Vorträgen der WettbewerbsteilnehmerInnen zuzuhören und verleihen im Anschluss an die Vorträge den Preis. taz-Literatur-Redakteur Dirk Knipphals steht der Jury betreuend zur Seite.
Ihre Bewerbung senden Sie bitte bis 23. Oktober 2010 an openmike@taz.de oder per Post an: taz-Werbung, Stichwort „open mike“, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin.
Zum 18. Mal findet am 13. und 14. November 2010 der open mike der Literaturwerkstatt Berlin statt, der wichtigste deutschsprachige Nachwuchs-Literaturwettbewerb. Seine Lesungen haben Kultstatus. Der taz-Publikumspreis wird im Anschluss an die Lesungen am 14. November verliehen und beinhaltet den Abdruck eines Auszugs aus dem Gewinnertext in der taz. Am 13. und 14. November 2010 lesen die 20 nominierten AutorInnen jeweils 15 Minuten aus ihren Texten vor. Eingereicht wurde kurze Prosa, ein Auszug aus einem Großtext oder Lyrik. Teilnehmen können deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht älter als 35 Jahre sind und noch keine eigene Buchpublikation vorzuweisen haben. Die Vorauswahl unter allen eingereichten Texten traf eine Lekoren-Jury. Die Namen der für den Endausscheid zugelassenen Autorinnen und Autoren können unter www.literaturwerkstatt.org eingesehen werden.
18. open mike, 13. Nov. ab 14 Uhr und 14. Nov. ab 12 Uhr
WABE, Danziger Str. 101, 10405 Berlin
Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo-Foundation in Kooperation mit der WABE und dem Allitera Verlag.
Infos auf https://www.taz.de/zeitung/tazinfo/open-mike
24.September.
Ob das ein Leben ist im Bildschirmauge/ sonst Nichts?
Doch jetzt lese ich Gedrucktes, ich kann es mit der Hand anfassen, das Papier, darüber streichen: In die Akzente (zum 70 von Oskar Pastior, als er noch lebte) schrieb ich gestern an den Rand:
OSKAR ZU, MEIN GEÖFFNETES POESIE GEDÄCHTNIS
Zwischentöne und Pastieurisierte Über-Setzungen
Tagebuchgedichte
(Klammer dazu: Schon als Oskar Pastior starb, konnte ich es nicht fassen. Der zweite Schock war dann fast ähnlich groß, also auch eine Art Tod? Als ich Unfassbares erfuhr: dass Oskar IM war und auch mich bespitzeln sollte! “Mein Freund, Der Securitatespitzel Oskar Pastior.“ (DIE ZEIT 23. .September 2010) Es geht mir näher, als ich es anfangs zugeben wollte: – Oskar ein IM der Geheimpolizei? Ich muss dies nachklingen lassen, und ich kann es nicht glauben oder gar fassen. Und ich muss mich abschreiben oder ihn? Tief hineintauchen auch in LyrInnererinnert. Es, was war, nicht wahr? Er ist ja tot. Und besucht mich nun als Geisterhafter tagnächtlich. Auch schön…!) Ja, er ist in mir, und seit Tagen denk ich nur noch in Gedichten. Ohr Würmer manchmal… Die bohren aber).
I
Pastieur/ bei Melchior im Weg/ Bähzüllus Wunhiet/ Wund glied / Pastiör/ Pass tier in die Getter Uhr/ die Schlagschlacht Terra krängende Tür/ vor Weg aufs Maul nicht mehr schaun, eher aufs Keins Mal.
(…)
FRAU UND MANN DIE HALMENFRESSER, DIE HALMEN MESSER
Die Mitte, wo sie wächst, das harte Gras,
ich kam, ich bin ihm zu getan, tut weh
und glitscht wie Meeres Grund, ein Drehen –
es saugt, wir sind bewegt, dem andern zu.
Und Wahnsinn ohne Maß, der Hals , der Kuss
an jedem Ende ist das Gras, du hörst, es wächst
im Mund, hörst du, es ist verkehrt,
ein Plus, ein Und ist es/ das Kreuz.
Und er, S, 43 Petrarca, „… wahrscheinlich aus einem beliebigen Film, Bukarester Jahre): der Junge, das Mädchen haben einen Grashalm im Mund (waagerecht), an dem sie kauen, wetteifernd, wer zuerst schneller beim anderen, also in der Mitte (beim Kuss) angelangt ist. Von beiden Seiten her auf eine Mitte zu. Und nun Kafkas entgegen gesetzte Aussage: von der Mitte aus (auf der Vertikalen, die Schwenkung um 90 Grad!) nach beiden Seiten: das ist doch herrlich! Was entsteht, ist nämlich ein Zeichen +.“ Also bleibt uns ein Und/ und ein KREUZ.
Halm, der Kuss, das Weh
Im Gras
verkehrt
Über den Autor: Dr. h.c. Dieter Schlesak ist in Transsylvanien geboren, er ist ein deutscher Lyriker, Essayist, Romancier, Forscher, Publizist und Übersetzer. Er lebt seit 1973 in der Toskana und in Stuttgart. Er ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (London). Zahlreiche Preise; zuletzt Preis der Schillerstiftung Weimar, 2001, Maria Ensle-Preis der Kulturstif-tung Baden-Württemberg, 2007 für das Gesamtwerk. Über dreißig Bücher. Zuletzt: Capesius, der Auschwitzapotheker, Bonn 2006; Namen Los, Gedichte, Ludwigsburg 2007; Vlad der Todesfürst. Die Dracula-Korrektur, 2007, 2009. Heimleuchten, Gedichte, Ludwigsburg 2009. Der Tod ist nicht bei Trost, Gedichte, München 2010; Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod, Autorensachbuch, München 2009; Romans Geister, Roman, Shaker media, Aachen 2008, Romans Netz, Ein Liebesroman, www.beam-ebooks.de/ebook/999930930; Transsylwahnien, Roman, München 2009.
Allein ihre flüchtig hingeworfene, aber wohl mehr der Selbstvergewisserung dienende Notiz «not being ashamed of my feeling, thoughts – or ideas» scheinen die Herausgeber als Rechtfertigung dafür zu nehmen, intimste Aufzeichnungen ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren.
Gewiss, einige der Textfragmente (denn von mehr kann in den allermeisten Fällen nicht die Rede sein) zeigen das aussergewöhnliche Talent Monroes, nicht nur ihre Gedanken textlich zu verdichten, sondern auch lyrische Entsprechungen dafür zu finden. Dennoch handelt es sich mehr um Fingerübungen, wovon allein schon die Form zeugt: kreuz und quer hingekritzelt, mit wilden Pfeilverweisen und Streichungen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dieser ohnehin sehr «öffentlichen Frau», die unter einer grossen Unsicherheit litt, welche sie in ihren Notizen dokumentierte, vermutlich peinlich gewesen wäre, derlei persönliche Dinge von einer womöglich sensationslüsternen Leserschaft verhandelt zu wissen. …
Wer Marilyn Monroe wirklich schätzt, würdigt das, was ihr das Wichtigste im Leben war: ihre Schauspielkunst. / Susanne Ostwald, NZZ 18.10.
Marilyn Monroe: Tapfer lieben. Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe. Herausgegeben von Stanley Buchthal und Bernard Comment. Vorwort von Antonio Tabucchi. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2010, 269 S., Fr. 36.90.
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