Die Frage ist für den Iraner Khalfani, der in Deutschland lebt, von besonderer Relevanz: „Der Dichter fängt an Gedichte zu schreiben / wenn er schweigen muss“. In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, in dem die Dichter zwar schreiben dürfen aber nicht gelesen werden, herrscht lyrische Grabesstille. In Iran, wo die Dichter geknebelt und mit Berufsverboten belegt aber gelesen und gehört werden, ist das Schweigen unendlich laut: „Der laute Dichter / versteckt sich dann / hinter seinem Schweigen“. …
Khalfanis Verse kommen trotz ihrer Schwermut sehr leichtfüßig daher – wie der Vogel, der sie symbolisch durchfliegt und der bisweilen an jenes wundervolle Gedicht von Forough Farrochsad erinnert, das den Blick aus den Gitterstäben des Gefängnisses beschreibt. Bei Khalfani ist das Gefängnis die Konformität der Wahrnehmung, die er aufzubrechen versucht mit einer enorm starken Symbolik in einer ruhigen und nachdenklichen Sprache. / Gerrit Wustmann, cineastentreff.de
Salem Khalfani: Nachtschwimmer (Gedichte, Sujet Verlag 2010)
| 64 (2001)
Scott Mignola have a private talk with a live naked girl You know, when I was You’re prettier than I In the words of Scott Mignola: Poems come sporadically, sometimes years apart. At present life centers around raising two little ‚uns in a crowded San Francisco apartment with a view of roses and a neighbor’s bewildering attempts at a vineyard. Between jobs writing about sharks, toilet brushes and whatever else pays the bills, I hammer out seemingly unpublishable novels. Gumball Poetry Magazine |
Scott Mignola private gespräche mit nackten girls aus deiner umgebung Weißt du, als ich Du bist schöner als ich Am 4.7.2001 – Independence Day – im Newsletter des Gumball Poetry Magazine gefunden deutsch von Michael Gratz |
| 63 (2001)
Jetzt werde ich die Welt beschreiben
DAS MEER Soweit so blau DIE LANDSTRASSE Die Landstrasse hat der Mensch gemacht, DIE STADT Die Stadt hat ein Stadttor und das Dorf nicht. DER STRAND Der Strand ist eine äußere Begrenzung des Wassers. DER GLETSCHER Sehr kaltes Wasser wird steif. DER HAGEL Hagel ist ebenfalls Eis, aber in der Luft. manuskripte 150/ 2000 S. 59-61 |
Um die Maus aus ihrem Loch zu locken, bellt die Katze. Sie täuscht ihre Beute. Ronny Someck folgert: In Israel kann man nur überleben, wenn man auch arabisch spricht. Zweisprachigkeit bedeutet für den 1951 in Bagdad geborenen Lyriker auch, mit Musikern und bildenden Künstlern gemeinsame Projekte zu realisieren. /
/ Sigrid Brinkmann, DLR
So ist es nur konsequent, dass sie ihr neues Buch ganz einem Fluss gewidmet hat. Wobei sie die reale Donau mit ihren Wirbeln, Fischen und dem Donaugold ‚tief unten / im Flussgrund‘ in eine eigene gedanklich-sprachliche Welt verwandelt. Der Sog der Sprache wird in Quadraten gebannt, die aus zehn Versen zu je zehn Silben bestehen. Zehn Quadrate ergeben bei Zsuzsanna Gahse einen Würfel. Als hätte sie der Sprache ein lyrisches Flussbett geschaffen, einen Kanal vielleicht oder wenigstens eine leichte Regulierung. Doch trotz dieser strengen Form läuft die Rede assoziativ, mäandernd geradezu, voran. ‚Sekundenideen, die im Kopf / herumschwirren‘, sind der innere Antrieb. So ist das Flusssystem zugleich ein Nervensystem. / NICO BLEUTGE, SZ 16.12.
ZSUZSANNA GAHSE: Donauwürfel. Edition Korrespondenzen, Wien 2010. 141 Seiten, 18,50 Euro.
Jacques Derrida tritt dem Dichter und geliebten Lebenspartner Ernst Jandl an die Seite, mit dem Friederike Mayröcker in dem fünf Jahre nach seinem Tod erschienenen Prosabuch ‚Und ich schüttelte einen Liebling‘ (2005). Jandl geistert auch durch dieses Buch; an ihn, der unter dem Namen Ely auftritt, ist die letzte ausgeschriebene Fußnote adressiert: ‚ich bin die geprügelte Seele eines Hundes, sage ich zu IHM, die Stunden die Wochen die Jahre seien so rasch vergangen als säsze man im Zug und die Landschaft flöge vorbei und das Ende der reise sei nahe‘. / LOTHAR MÜLLER, SZ 15.12.
FRIEDERIKE MAYRÖCKER: ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 190 Seiten, 19,80 Euro.
HARDCOVER STUDIO
Binnenreim auf der Bühne, Metapher in der Maske, Alliteration im Atrium: Der Berlin Verlag feiert den 10. Geburtstag der Lyrik-Reihe mit einem Lyrik-Parcours. Jan Wagner, Björn Kuhligk, Ron Winkler, Elke Schmitter und viele andere Autoren nehmen uns mit auf eine Probebohrung in den Himmel bis zur Oberfl äche der Erde und zurück. Eine Premiere in zweifacher Hinsicht – der Berlin Verlag gestaltet seine erste Veranstaltung und damit den ersten Lyrik-Abend im Gorki Studio.
Projektleitung Cordula Brucker, Kristin Voigtländer, Video Viera Kucera, Anna Bergemann
Sa 05.02.2011 20:15 Uhr Studio
Do 24.02.2011 19:30 Uhr Studio
Die Erkennungszeichen des Epochenbruchs ruft der 1963 in Gera geborene Lutz Seiler in seinem neuen Gedichtband herauf, in distanzierenden Anspielungen auf Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und Inger Christensen. Das Zeitgedicht ‚das neue reich‘, mit dem Seiler seine poetische Geschichtswanderung eröffnet, stellt der artistischen Esoterik und Seher-Pose in Georges Gedichtsammlung ‚Das Neue Reich‘ (1928) das Deutschland unserer Tage entgegen, das auf unrühmlichem braunem Geschichtssockel steht. Die Dementis ‚kein labyrinth & keine chandoshysterien‘ gelten der bloßen Relativität des menschlichen Weltverständnisses in Inger Christensens Versepos ‚Det‘ (1969) und der Sprachkrise, die Hugo von Hofmannsthal seinen Lord Chandos in dem berühmten Brief ausrufen ließ, den er in seinem Namen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste.
Den Versuch Stefan Georges, mit einer Erneuerung der Naturpoesie das Rad der Zeit zurückzudrehen und die Menschheit des Jahres 1897 ‚in den totgesagten Park‘ einer herbstlich späten Rosen- und Rankenwelt einzuladen, konterkariert Seiler mit dem Hinweis auf die unumstößliche Realität des ‚technikparks‘ mit seinem komfortablen ‚fischgrätenestrich‘, in dem wir zusehends bequemer und mobiler leben. Seiler entlehnt einen guten Teil seiner Bildsprache diesem ‚technopark‘, den ‚göttern des öl‘, der Welt von Garagen, Motoren, Schrauben, Bowdenzügen, Vergasernadeln. / SIBYLLE CRAMER, SZ 13.12.
LUTZ SEILER: im felderlatein. Gedichte. Suhrkamp Verlag. Berlin 2010. 102 Seiten, 14,90 Euro.
Kurt Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in Göteborg an einer Überdosis Tabletten. „Letzte Fahrt“ schrieb er 1922. FR-online.de erinnert mit den Versen über seinen Todestag an den politischen Schriftsteller.
An meinem Todestag – ich werd ihn nicht erleben –
da soll es mittags Rote Grütze geben,
mit einer fetten, weißen Sahneschicht …
Das Neuste aus der Lyrik-Blogosphäre:
Rückrufaktion!cantusfirmus | 21. Dezember 2010 at 00:39 | URL: http://wp.me/pTABA-sg |
Der Autor Ulf Stolterfoht ruft sein Gedicht „fachsprachen XXXIII – die bregenzer kontamination (7)“ zurück in die Vertragsbuchhandlungen! Grund: In den Zeilen 7/8 liegt ein kapitaler Hund begraben! Statt „wenn lyrik – dann innung!“ muß es selbstverständlich heißen „wenn lyrik – dann knappschaft!“ Autor und Verlag entschuldigen sich und versichern, daß den Lesern dadurch keine Mehrkosten entstehen.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
This is our 300th column, and we thank you for continuing to support us. I realized a while back that there have been over 850 moons that have gone through their phases since I arrived on the earth, and I haven’t taken the time to look at nearly enough of them. Here Molly Fisk, a California poet, gives us one of those many moons that you and I may have failed to observe.
Hunter’s Moon
Early December, dusk, and the sky
slips down the rungs of its blue ladder
into indigo. A late-quarter moon hangs
in the air above the ridge like a broken plate
and shines on us all, on the new deputy
almost asleep in his four-by-four,
lulled by the crackling song of the dispatcher,
on the bartender, slowly wiping a glass
and racking it, one eye checking the game.
It shines down on the fox’s red and grey life,
as he stills, a shadow beside someone’s gate,
listening to winter. Its pale gaze caresses
the lovers, curled together under a quilt,
dreaming alone, and shines on the scattered
ashes of terrible fires, on the owl’s black flight,
on the whelks, on the murmuring kelp,
on the whale that washed up six weeks ago
at the base of the dunes, and it shines
on the backhoe that buried her.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2000 by Molly Fisk, whose most recent book of poetry is The More Difficult Beauty, Hip Pocket Press, 2010. Poem reprinted from The Place That Inhabits Us, Sixteen Rivers Press, 2010, by permission of Molly Fisk and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
So ließ sie sich gern nennen: „the Poet Ai“. Sie stammte aus Texas und gab sich vor dem Gesetz den Namen Ai, was auf Japanisch „Liebe“ heißt. In der Zeitschrift Cimarron lese ich, daß sie im März diesen Jahres gestorben ist. Aus dem Nachruf von Dagoberto Gilb:
I love writers because I worship words and lines of them. Writers are far more important to me than presidents, premiers, comandantes, colonels or generals, kings, queens, super hottie movie stars or underwear models, rockers, directors, ballplayers (excluding track!), even touched by God, evangelical rightwing TV commentators—this is how fringie dangerous I am. Most of the writers I praise are no more than names, mantra-like syllables, on indefinably meaningful books. Or were. For a good half of my adult life—when I was officially allowed to be a member—I have been privileged to meet a few. Some I’ve come to know even.
So many are boring. I don’t mean boring as lifestyle, as in which store decor in their home, the pro- or anti-fashion of their hair or the hip-hop quotient of their slang, not even as in a measure of distance on any form of pedometer. What matters to me…hard to describe. A glint of eye, as faintly seen as a distant star, on an otherwise dismissed object in a busy room? A distraction of speech either too fast or too slow? The will to risk with no acted out rebellion in it? A mute, even embarrassed awareness of the mystery being alive is, or the contrary, an inability to fathom anyone unconscious of its thrill or terror? The storytellers and poets who are any of the above are not bores. Yet most, lots, who have the titlewriter or poet seem no more haunted by daemons than a geologist. They make such good choices in careers, mates, clever plots and touching images, that even their parents sound just right. Hard for those of us raised with dysfunction to bitch about those without it. Could be it’s me and I should stick to watching sitcoms. Whatever, I don’t hang much. I’ve never done much to appear on the society page of the living writer.
(…)
What I’d read of her work was raw, fearless, driven, smart, good. She wrote unnostalgically about the poor and the outcaste, openly about sex and violence but without cliché or stereotypes or in a simplistic binary politic—so that her poetry was not only about holy victims or folkloric heroes, nothing that made her people better than your people, only about inside each and every. Her work even seems to question whether cultural or racial identity can continue to exist, even as her most riveting characters were black. Cruelty was a stunning collection, as was The Killing Floor. When she won the National Book Award for Vice, it was like, It’s about time.
Im Netz frei zugänglich außer dem Nachruf ein ihr gewidmetes Gedicht von Marilyn Chin, darin die Zeile: „I wipe off my kohl eye shadow and plum lip gloss“.
Die dunkelste Zeit des Jahrs mit ein paar Lichtpünktchen illuminieren. Gregor Koalls Lyrikmail beschert 4 Tage vor Weihnacht einen Sommerabend, oder mehrere:
Sommerabende, ihr lauen,
Bettet mich auf eure Kissen,
Laßt in Fernen, dunkelblauen,
Meiner Träume Wimpel hissen.
(…) (Klabund)
Michael Braun beschwört im DLF-Lyrikkalender (für 7 Tage, reicht also nicht ganz über Weihnachten, aber nächstes Jahr kann man es kaufen, wird ja wieder dunkel) mit Volker Braun – ist doch egal, wo das Licht herkommt – den Augenschein:
Ich sehe wieder klar, und beide Augen lügen
Mir eine schöne Welt. Ich laß mich gern betrügen
Und blicke gerne durch in Kluft und Gruft hinein.
Wenn mich auch sonst nichts freut, ich lob den Augenschein.
(Volker Braun, Auf die schönen Possen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2005.)
Die italienische Lyrikerin Alda Merini, die im vorigen Jahr starb, wurde von Pasolini „die Göre aus Mailand“ genannt. You tube-Nutzer poesianuda präsentiert ihre Verse hautfarben:
Paura dei tuoi occhi,
di quel vertice puro
entro cui batte il pensiero,
paura del tuo sguardo
nascosto velluto d’algebra
col quale mi percorri,
paura delle tue mani
calamite leggere
che chiedono linfa,
paura dei tuoi ginocchi
che premono il mio grembo
e poi ancora paura
sempre sempre paura,
finchè il mare sommerge
questa mia debole carne
e giaccio sfinita
su te che diventi spiaggia
e io che divento onda
che tu percuoti e percuoti
con il tuo remo d’Amore.
Die Landschaftsgedichte Altmanns sind zwar verortet, aber genaue topografische Angaben finden sich selten. Das ist ein an Joseph von Eichendorff erinnerndes poetisches Verfahren.
Auch der Spätromantiker hat seine Gedichte gern im Ungefähren schweben lassen, um so mehr Deutungsspielraum zu bieten. Andererseits finden wir im Abschnitt „das jahr an der küste“ allein drei Texte, die dem Darß gewidmet sind. Aus einem Grund, der im Gedicht „an der küste“ nachgereicht wird: „so nah wie am meer // sind mir worte an keinem anderen ort, hast du gesagt.“ Und schon im ersten Kapitel – „tiere in bahnsteignähe“ – in dem die Überschriften aus Substantivierungen bestehen -, erfahren wir, dass „das gerufene“ ein Gedicht auf die Niederlausitz ist: „drahnsdorf, uckro, waldrehna und prösen werden // die orte gerufen.“ / Kai Agthe, Thüringische Landeszeitung
Andreas Altmann: Das zweite Meer. Gedichte. poetenladen, Leipzig, 93 S., 15.80 Euro
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