127. In den Wörtern Beziehungen

Essay von Bertram Reinecke über ein Gedicht von Johanna Schwedes

Johanna Schwedes
Besuch

ein großfüßiger Dickhäuter
so schlich ich mich zum Tee
der Kiessaum am Weg aber
brannte und züngelte
mir um jeden Zeh

Meisen hielten den Garten in Schach
und seine Käferschluchten
legten dir Pfade in den Mund
chitinrot

Worte ganz Käferspelzen
krochen über den Lippenpelz uns
war nicht ganz wohl mit gerunzelten Brauen
und gelbzähnigem Lächeln
vertriebst du die Meisen
die mir um die Zehen kitzelten raunend:
ruckedigu, ruckedigu …

(Der Essay steht vollständig im Poetenladen, das Gedicht in Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm. Leipzig: Reinecke & Voß 2010)

Auszüge:

1.

Zunächst der Titel, schlicht und anspruchslos, ohne poetisches Spiel. Man kann sich vorstellen, wie die Autorin unter dem Arbeitstitel „Besuch“ versucht ihre Gedanken und Innerungen zu einer singulären Erfahrung zu ordnen. Ein Arbeitstitel eher, ein Arbeitstitel aber auch in anderer Hinsicht. Er verrichtet Arbeit, stellt Beziehung her. Kann man unter einem poetisch schillernden Titel oft nicht mehr erinnern, auf welchen Text sich die schillernde Wortgruppe bezieht, leistet dieser Titel Merkhilfe bei der Bezugnahme, so wie ein Schild auf einer Werkstattschublade: „Schrauben“. Titel, die Gattungen und Themen aufzeigen, sind aus der Mode gekommen, die Tradition kennt sie aber gut.1

Das Gedicht hat also ein Thema, will uns etwas über einen Besuch erzählen, ein Erzählgedicht. Aber es geht anders vor als üblich. Oft versuchen solche Texte eine dem Leser bekannte Situation aufzurufen (als Kind hinten im Auto, allein im Schulflur, zu zweit im Bett). Mit solchen quasi anskizzierten Mythen wird versucht, im Leser Erinnerungen wachzurufen, die er dann zum vertieften Empfinden des Gedichts in die Lektüre einbringen kann. Dies Gedicht verzichtet auf solch einen On-Knopf für die poetische Energieversorgung, sondern geht autark das Wagnis ein, im ungesicherten Raum zu sprechen. Ein ähnlicher Mut dieses Textes liegt im Verzicht auf sozusagen historische Details (Lada, die entgegenkommen, Wandzeitung, das Nachtlicht in den Rollolamellen). Im Gegensatz zu der Mehrzahl anderer Erzählgedichte bleibt er konzentriert auf die sprachliche Verarbeitung des Ereignisses.

Auf den ersten Blick scheint sich das Gedicht auf sein resonantes Vokabular verlassen zu wollen: Nimm große Worte und der Leser wird sich schon irgend etwas Tiefes dabei denken. Aber was denkt man eigentlich bei „chitinrot“, was bei „ruckedigu“? Ersteres hat gar keinen Sinn, sondern der Sinn muss erst vom Gedicht erfunden werden und existiert erst in diesem. Das zweite Wort schafft keine schillernde Aura um den Text. Vielmehr gerät der Leser tiefer hinein in das vom Gedicht Verhandelte, wenn er den Bedeutungsschichten des Wortes nachhängt. Aber langsam:

Wer nicht akzeptiert, dass gute Dichtung eben ihr Geheimnis habe, muss sich auf die Kleinteiligkeit einer Analyse einlassen. Schon die erste Zeile hat es in sich: „Ein großfüßiger Dickhäuter“, vor der Hand eine schlichte Bezeichnung, arbeitet auf vielfältige Weise am Diskurs des Gedichtes mit. Man kann sie in Einzelteilen verstehen (sensu diviso): jemand, der großfüßig (plump) und dickhäutig (unsensibel) ist. Man kann sie aber auch zusammen (sensu composito) auffassen: Ein Elefant, der sich in der nächsten Zeile als ziemlich deplatziert erweist, indem er tut, was Elefanten nicht tun (sollten? Sich zum Porzellan? begeben, das man nicht zerschlagen sollte?). Im Text herrscht eine serengetihafte Artenvielfalt, auch wird Hitze evoziert, und wie hießen die kleinen Vögel doch, die um die Elefanten herum ihr Futter picken? Ob Dickhäuter, ob Elefant, er schleicht und zwar: so. Es scheint auch anders zu gehen? „Tee“ wird getrunken, auch das setzt äußerst ökonomisch einen Marker. Denn außer in Ostfriesland sind es, in Deutschland zumindest, ganz bestimmte Leute, die nicht zum Kaffee laden.

Kein Wunder, dass die Deutung zweier Zeilen schon doppelt so viele Buchstaben braucht wie das ganze Gedicht: Das Geheimnis der Dichtung besteht, wenn es eines gibt, sicher darin, etwas, was in ermüdenden Abhandlungen niemanden interessiert, charmant und schnell in wenigen Worten zu sagen, die betroffen machen.2

1Das bekannte Beispiel von Goethe ist besonders bezeichnend für diese Tradition und ihr Verschwinden. Der „Ein Gleiches“ überschriebene Text heißt ja nur so, weil es sich wie beim Text auf der Nebenseite um ein „Wanderers Nachtlied“ handelt. Wer ihn unter der Überschrift der Ausgabe zitiert oder aufführt, erfindet neuen Text statt, wie er meint, philologische Genauigkeit walten zu lassen.

2Auf eine andere Weise ist dies doch das Zugeständnis, dass ein Gedicht „sagt, was sich anders nicht sagen lässt“. Niemand kann die Gottesperspektive einnehmen, zu entscheiden, ob die Analyse eines Gedichtes nun wirklich das Gleiche aussagt, ob und wie weit man von atmosphärischen Momenten (wie Spannung des Gedichtes /Langeweile der Analyse) absehen kann, oder ob und wie weit diese Momente nicht ebenfalls sinnkonstitutiv wirksam werden. So hat man nie ein Kriterium, endgültig widersprechen zu können, wenn jemand sich darauf versteift, dass das Gedicht aber etwas sage, was die Analyse unterschlägt.

2.

Diese Sichtweise führt uns, nachdem wir das Gedicht durchtaucht haben, zurück zu dem bereits am Beginn des Gedichtes eingenommenen Standpunkt: Eine solche Probe lässt sich mit Proben von anderswo vergleichen.

Diese These wäre allerdings zu rechtfertigen, denn Dichter wie Ulf Stolterfoht unterscheiden streng zwischen Gedichten, die in der dargestellten Weise Proben sind, und solchen, die einen singulären Sinn anstreben (und welcher, allerdings nur mehr oder weniger singuläre Sinn, dies bei diesem Gedicht sein könnte, hatte ich versucht aufzuzeigen). „Gedichte, die uns solchen vermitteln wollen … sind auf seltsame Art sprachlos. Indem sie nämlich auf die Unmittelbarkeit des zentralen Bildes, eben der Epiphanie, vertrauen, und sei sie [sic] sprachlich noch so kunstvoll geformt, haben sie die Lyrik längst in Richtung bildender Kunst verlassen“, so seine heftig angegriffene Diagnose.1

Es lässt sich allerdings zeigen, dass der vorliegende Text, wie stark er auf Sinn auch abzielen mag, die Sprache nicht in Richtung der bildenden Kunst verlässt. Bilder mögen aufblitzen, aber wer versucht, das zentrale Bild, die Epiphanie, zu identifizieren, auf dem die Evidenz des Textes beruhen könnte, wird nichts finden. Jedes Bild rutscht sofort hinüber in etwas anderes, vielleicht Allegorisches. In anderen Fällen ist die metaphorische Komponente bildlich nicht darstellbar. Das gilt für solche Wendungen, wo der veränderte Sinn unmittelbar vom Zitatcharakter der Wendung abhängt, wie bei „ruckedigu“, das gilt für solche Bilder, die die Dichterin selbst herstellt, ebenso: Sitzen sich im Gedicht zwei Menschen an einem Tisch gegenüber? Oder streichelt der eine gar dem anderen die Füße? Man kann seine Lektüre von Vorstellungen begleiten lassen, sie mögen das Gedichterlebnis vertiefen, konstitutiv für den Text sind diese Vorstellungen nicht. Noch deutlicher wird das an anderen Stellen: „Käferspelzen“ wiewohl mit ziemlicher Sicherheit eine Metapher, kann man nicht abbilden, selbst nicht mit ausgefeilter Computergrafik: Wir wissen zwar, wie Spelzen aussehen. Eine Käferspelze im Bild würde im Gegensatz zu einem Käfer im Bild für uns jedoch immer aussehen wie eben ein anderer Käfer (oder andere Käferteile).2

Auf die gleiche Art metaphorisch ohne Bild funktioniert das Wort „chitinrot“, denn welche Farbe ist überhaupt gemeint?3

Die sprachliche Arbeit dominiert hier also zumindest den durch Bilder hineingetragenen Sinn deutlich. Im Sinne Stolterfohts also ein Text, der mangels eines besseren Wortes sich in die Tradition des experimentellen Textes stellen lässt. Er ist wie gezeigt risikobereit und nicht ohne Schroffheiten.4

Fahren wir im Vergleichen unserer Sprachprobe fort, dann stellt sich heraus, dass der vorgestellte Text um einiges suggestiver und plausibel auch für einen weniger geübten Leser ist, als man das von anderen Texten der Tradition sagen kann, in die wir ihn soeben gestellt haben. (Stolterfoht nennt Kling, Bayer usw.) So legt sich ein Verdacht nahe: Wird hier nicht mit (zu) gängiger Münze bezahlt?

Johanna Schwedes nutzt Münzen, die in Umlauf sind, sie nutzt Symbole, die durch die Tradition (schon im Kinderzimmer) Bedeutung erlangt haben, kommt also von einer Utopie der Anwesenheit von Sinn her, mit dem dann nur noch gerungen werden kann oder muss, während die von Bense, Stolterfoht und Co. präferierte Rede von einem Sinn, der erst konstituiert werden muss, eine Utopie der Abwesenheit verkörpert.

1BELLA triste 17 S.189 ff.

2 Dieses Stilmittel ist Programm „mit Augen aus Zelluloid“ heißt es etwa ihrem Text „Warschauer Straße“

3 Auch hier lassen sich Gegenstücke auffinden. Auch „todesrot“ im Text „Märchen“ ist so eine seltsame Unfarbe, auch wenn sie sich hier entschlüsselt als irgendetwas Apfel- und gleichzeitig Blutrotes. Der Bau ist hier nicht ganz so konsequent, benutzt der Text doch hier (noch?) eine lautlich plausibilisierende Stütze „Todesnot“

4 Eine weitere Schroffheit wäre das „ruckedigu“, hier als Terminus der Märchensprache verwendet, wiewohl das Gurren anwesend bleiben dürfte. Wer das Wort noch als onomatopoetische Bezeichnung für den Laut der Taube kennt, wird dies als Härte empfinden. Eine solche Kinderstube, in der ein starkes Interesse für Tiere ausgeprägt wurde, gepaart mit einem falschen pädagogischen Verständnis von Kindgerechtigkeit: „Schau, ein Wauwau!“ dürfte allerdings in unserer urbanen Welt im Aussterben begriffen sein.

Einzugehen wäre ebenfalls noch auf Schwedes` Mut zu Neologismen, die allerdings niemals zu viel Ballast tragen, nie eine sinnhuberische Schwere erlangen.

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126. American Life in Poetry: Column 306

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

My grandmother Moser made wonderful cherry pies from fruit from a tree just across the road from her house, and I have loved fruit trees ever since. A cherry tree is all about giving. Here’s a poem by Nathaniel Perry, who lives in Virginia, giving us an orchard made of words.

 

Remaking a Neglected Orchard

 

It was a good idea, cutting away
the vines and ivy, trimming back
the chest-high thicket lazy years
had let grow there. Though it wasn’t for lack

 

of love for the trees, I’d like to point out.
Years love trees in a way we can’t
imagine. They just don’t use the fruit
like us; they want instead the slant

 

of sun through narrow branches, the buckshot
of rain on these old cherries. And we,
now that I think on it, want those
things too, we just always and desperately

 

want the sugar of the fruit, the best
we’ll get from this irascible land:
sweetness we can gather for years,
new stains staining the stains on our hands.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Nathaniel Perry, and reprinted from Gettysburg Review, Vol. 23, no. 1, Spring 2010, by permission of Nathaniel Perry and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

125. Complimentary April issue of Poetry distributed to book clubs and reading groups

A limited number of free copies of the April 2011 issue of Poetry magazine will be available to book clubs and reading groups that request them by February 20. Issues will ship in late March, and reading groups will receive their copies for consideration during National Poetry Month. Reading communities can discuss thought-provoking Poetry content—both commentary and poems—or simply read the issue aloud.

Requests, including only one mailing address per reading group, will be accepted online. Because of the cost of shipping and handling, each group is limited to 10 free copies. In return, the magazine will ask for a brief account of your group’s experience.

* * *

About Poetry

Founded in Chicago by Harriet Monroe in 1912, Poetry is the oldest monthly devoted to verse in the English-speaking world. Monroe’s “Open Door” policy, set forth in Volume 1 of the magazine, remains the most succinct statement of Poetry’s mission: to print the best poetry written today, in whatever style, genre, or approach. The magazine established its reputation early by publishing the first important poems of T.S. Eliot, Ezra Pound, Marianne Moore, Wallace Stevens, H.D., William Carlos Williams, Carl Sandburg, and other now-classic authors. In succeeding decades it has presented—often for the first time—works by virtually every major contemporary poet.

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124. Wider Klebsylben, Milben, blinde Meinung und andere Laster

Wenigstens herrschten geordnete Verhältnisse. Meistersang ist später in Verschiß geraten. Immerhin weiß Goethe über Hans Sachs: „In Froschpfuhl all das Volk verbannt, das seinen Meister je verkannt.“

Ich zitiere aus einer Darstellung des 19. Jahrhunderts:

Der Fehler, die zu vermeiden waren und bestraft wurden, waren 32 verzeichnet. Darunter gehörten: Einmischung lateinischer Wörter in Reimzeilen; Verstöße gegen die Prosodie; blinde Worte (unrichtige Bezeichnungen); Halbworte (verstümmelte); Anhänge (wenn aus einsylbigen Wörtern zweisylbige), Klebsylben (wenn aus mehrsylbigen einsylbige gemacht wurden), Milben (des Reims wegen abgebrochene Wörter, z.B. von dem Dinge will ich singe); linde und harte Reime, wie: Knaben – Kappen, Laden – Thaten, Gott – Tod etc., hießen Laster. Undeutlich ausgedrückte Gedanken hießen blinde Meinungen, verkehrte, abergläubische, schwärmerische, unsittliche und unchristliche Ansichten falsche Meinungen. Wer nun solche Hauptfehler gegen Reinheit der Sprache, des Metrums und der Gesinnung sich zuschulden kommen ließ, hatte sich versungen und konnte von den Merkern, selbst mit Ausschließung, gestraft werden. Das höchst zu Leistende war die Erfindung eines neuen Tons.

Aus: Karl Eitner: Synchronistische Tabellen zur vergleichenden Uebersicht der Geschichte der deutschen National-Literatur: von der frühesten Zeit bis zum Jahre 1832 : für Freunde der Literatur und zum Gebrauche beim Unterricht in höhern Lehrenstalten. Joh. Urban Kern, 1856

(hier als pdf)

123. Neue „Allmende“

„Liebe, Lust und Leidenschaft“ ist das Thema der neuen Ausgabe der Literatur-Zeitschrift „Allmende“ (…)

Der Herausgeber der Zeitschrift, der Karlsruher Literatur-Professor und Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, und sein Mitarbeiter Matthias Walz verdeutlichten im engagierten Gespräch zum einen, wie schwierig es ist, eine Zeitschrift mit einer Auflage von 1000 Stück – von denen 400 an Abonnenten gehen – zu finanzieren und zu unterhalten (…) Lebendiges Zeugnis davon, wie wichtig eine solche Publikationsplattform besonders für Autoren ist, legte Christoph W. Bauer, Stipendiat im vergangenen Hausacher Leselenz, ab, der aufgrund einer Erstveröffentlichung von drei Gedichten in „Allmende“ eine Gesamtpublikation des in Hausach fertiggestellten gesamten von dem römisch-antiken Dichter Catull inspirierten Gedichtzyklus „Mein lieben, mein hassen, mein mittendrin du“ für den nächsten Herbst in Aussicht hat. Aus diesem insgesamt 37 Gedichte umfassenden, Epochen übergreifenden Zyklus trug er einige Verse vor in einer, wie Walz hervorhob, „alltagstauglichen und leichten Sprache“.

Bauer, der auch Schreibwerkstätten in Schulen anbietet und die Erfahrung gemacht hat, dass lateinische Hexameter den Schülern heute wie Rap-Gesang vorkommen, bekannte sich ausdrücklich zu einer Lyrik, in der die Form – Sonett oder Terzine, Reimschema oder Versmaß – eine wichtige Rolle spielt. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung 31.1.

122. Curie- und Miłosz-Jahr

Polen feiert in diesem Jahr zwei große Intellektuelle, Marie Curie-Skłodowska und Czesław Miłosz. Das Parlament des Landes erklärte 2011 zum Curie- und Miłosz-Jahr. Die Physikerin stellte als erste eine Theorie der Radioaktivität auf und erhielt zweimal den Nobelpreis für ihre bahnbrechenden Arbeiten, 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Miłosz ist Lyriker, im Westen aber am bekanntesten für seine Abrechnung mit dem Stalinismus, die 1953 unter dem englischen Titel „The Captive Mind“ erschien (deutsch: „Verführtes Denken“). 1980 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, 1989 kehrte er nach Krakau zurück.

/ Krakow Post http://www.krakowpost.com/article/2497

Siehe auch NZZ 25.1. , Marta Kijowska: Polen wartet auf die erste Milosz-Biografie

 

121. Der traurige Fall

1958 schrieb das Mitglied der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Literaturkritiker, Übersetzer, Herausgeber und Cheflektor Walter Boehlich, namens des Suhrkamp Verlages an Ernst Jandl: „Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns ausser Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien irgendeinen lyrischen Gehalt zu entdecken. Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber ganz gewiss nicht.“ Und acht Jahre später lehnte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld die Publikation der Gedichte Jandls mit dem Hinweis ab, Jandl sei „der traurige Fall eines Lyrikers ohne eigene Sprache“. / ORF

  • Ernst Jandl, „Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/ 1985“, Filmedition Suhrkamp
  • Friederike Mayröcker, „Requiem für Ernst Jandl“, „Mein Arbeitstirol“, Suhrkamp Verlag
  • Friederike Mayröcker, „Und ich schüttelte einen Liebling“, Insel Verlag
  • „Die Ernst Jandl Show“ – noch bis 13.2.2011 im Wien Museum Karlsplatz

120. Wenn ich Schweiz sage

Sie lesen alle selbst. Auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Schweizer Mundart, Jiddisch, Spanisch und Englisch. Die beeindruckende Gedicht-Sammlung „Wenn ich Schweiz sage…“ offenbart die ganze Vielfalt und Buntheit des Landes. Von Kurt Aebli bis Albin Zollinger lesen 87 Dichter aus ihrem Werk. …

Unter den mehr als 200 Gedichten sind auch Hans Arps „Kaspar ist tot“, Blaise Cendrars „Iles“, Walter Gross‘ „Die Mutter“, Remo Fasanis „Il fiume“, Kurt Martis „wie geit’s?“, Elisabeth Meylans „Liebesgedicht 2“, Beat Sterchis „Gring“ und Nora Gomringers „Ursprungsalphabet“. Das Titel-Gedicht „Wenn ich Schweiz sage…“ stammt von Dragica Rajcic. Sie erzählt darin von ihren Erfahrungen und von ihren Gefühlen als Ausländerin in der Schweiz. / relevant.at

„Wenn ich Schweiz sage… Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute“, Hörbuch, Steinbach Sprechende Bücher/Merian Verlag 2010, 154 Minuten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-85616-429-4.

119. Reiner Zufall

Ein Akrostichon ist ein im Text verborgenes Gedicht. Bekannt wurde ein Akrostichon Uwe Kolbes in DDR-Jahren, der nach seinem starken Debütband „Hineingeboren“ für einen Almanach ein Gedicht mit dem Titel „Kern meines Romans“ einreichte, bei dem die Anfangsbuchstaben aller Wörter einen neuen Text ergaben, in der letzten Strophe: „Euch mächtige Greise zerfetze die tägliche Revolution“. Irgendwann merkten es die Greise, aber was solls, wenige Jahre später waren sie weg vom Fenster.

Das können auch Nicht-Dichter, lese ich:

Im Oktober 2009 legte Gouverneur Arnold Schwarzenegger ein Veto gegen einen Gesetzesvorschlag (Bill 1167) des Demokraten Tom Ammiano ein. Die sieben Zeilen in Schwarzeneggers Schreiben begannen mit:

For some time now…
unnecessary bills come to me…
care are major issues…
kicks the can down the alley.
Yet another legislative year…
overwhelmingly deserve…
unnecessary to sign this measure…

Ich überlasse es Ihnen, den verborgenen Text herauszufinden. „Reiner Zufall“ war übrigens die Entschuldigung.

/ Die Presse 29.1.

118. Passagiere auf der Warteliste

Nicht nur das Bild war ungewohnt, auch der Ton. Hunderttausende Männer und Frauen erstürmen seit Ende Dezember die Straßen Tunesiens und singen das Gedicht eines 1934 mit 25 Jahren verstorbenen Dichters namens Abu Al-Qassem Al-Shabbi: »Wenn das Volk zum Leben erwacht, beugt sich sogar das Schicksal.« Es war tatsächlich eine Ironie des Schicksals, dass ein anderer tunesischer junger Mann 76 Jahre nach dem Tod des Dichters die lang ersehnte Veränderung in der arabischen Welt einleiten würde. Mohammad Al Bouzizi, ein 26-jähriger Arbeitsloser, der sich mit dem Verkauf von Obst und Gemüse durch das Leben schlug, zündete sich Ende 2010 mitten auf dem Rathausplatz in Sidi Bouzid an, nachdem die Polizei seine Gemüsekarre beschlagnahmt hatte und seine Proteste kein Gehör fanden. Das war die Initialzündung eines Aufstandes, der in der Flucht des Präsidenten Zain al Abideen Bin Ali seinen Gipfel fand und auf andere arabische Staaten überschwappte.

Schon während die Präsidentenmaschine im Luftraum über dem Mittelmeer herumirrte, bevor sie endlich im saudi-arabischen Jeddah landen durfte, verbreitete sich in den arabischen Internetforen der Witz, die Maschine soll in dieser oder jener arabischen Hauptstadt gelandet sein, um weitere Passagiere mitzunehmen. / Aktham Suliman, ND 29.1.

117. “Code of Best Practices in Fair Use for Poetry” Released

Compiled by the Poetry Foundation’s Harriet Monroe Poetry Institute in collaboration with American University’s Center for Social Media and Washington College of Law

CHICAGO — The Poetry Foundation, publisher of Poetrymagazine, is pleased to announce the publication of “Code of Best Practices in Fair Use for Poetry.” The code, which aims to better facilitate poetic innovation and distribution by both clarifying fair use and anticipating potential clearance issues, was facilitated by Katharine Coles of the Harriet Monroe Poetry Institute, Patricia Aufderheide and Peter Jaszi of American University, and Jennifer Urban of the University of California, Berkeley School of Law.

Devised specifically by and for the poetry community, this best practices code will serve as a guide to reasonable and appropriate uses of copyrighted materials in new and old media. The document instructs poets, teachers, scholars, and others about the opportunities and limitations of fair use for assistance in preventing permissions conflicts. It is available for free download at www.poetryfoundation.org/fairuse and www.centerforsocialmedia.org/fair-use.

“This document,” says project advisor Lewis Hyde, “brings wonderful clarity to the otherwise opaque world of poetry permissions. It is a useful tool that should serve poets, critics, and publishers alike.” It also brings poets and poetry into the larger ongoing discussion about intellectual property and fair use. Like scholars, musicians, and other artists, poets are concerned both about protecting ownership of their work and about their ability to build on the works of others. “Anxiety and confusion over these issues are actually inhibiting both creative and scholarly work,” says the inaugural director of the Harriet Monroe Poetry Institute, Katharine Coles. “There is actually significant consensus within the community over what constitutes fair use in a number of different situations. We hope this document will help poets, scholars, and teachers feel more confident in their exercise of fair use rights.”

Poets and writers will find the free document a useful reference when confronted with questions about how to present new work derived from “found” material, such as erasures; how websites should go about sharing poetry online; and whether or not a performance of a poet’s work is permissible. Other issues, such as epigraphs, quotations in criticism, and cases of parody or satire, are also addressed in the document.

The document joins other codes—including those directed at the documentary filmmaking community and online video creators—on the Center for Social Media’s website at American University. “It is inspiring to see such a prestigious creative community assert their fair use rights,” says CSM director Patricia Aufderheide. Legal scholar Peter Jaszi, at the Washington College of Law at American University, notes: “The path to making the most of fair use in poetry has never looked so straightforward.” Jennifer Urban, of the University of California, Berkeley School of Law, says, “Poets’ thoughtful contribution to the family of community-based best practices is beneficial to us all.”

The code provides documentation of common understanding about best practices in fair use according to the poetry community and as supported by legal analysis. Work on this document resulted from research that the Harriet Monroe Poetry Institute’s working group did on copyright and fair use for its publication Poetry and New Media: A Users’ Guide, which was released in February 2010 and is also available for free download at www.poetryfoundation.org/newmediaproject.

Katharine Coles and Lewis Hyde are available for interviews about this project. Please call 312.799.8016 to schedule a time to speak with them.

 

116. Poetry and Place

Annual Letter from John Barr, President of the Poetry Foundation

 

Dear Friends of   Poetry,

Like the Jurassic shrew, poetry may seem an unlikely candidate to survive the next comet, let alone inherit the earth. Yet like that first of all mammals, poetry has proven itself agile among the feet of dinosaurs. Indeed it has been the animal that always escapes. Able to live on next to nothing—a scrap of paper or, before there was paper, in the ear alone—it survived as remembered words, a remembered rhythm. Once lodged in the mind of its host it traveled easily through time: our oldest literature, earliest history came down to us as poems. And as easily through space: outliving its host, it jumped from language to language, culture to culture. Unfazed by the latest technologies of transfer, it adapts readily to the sound bites of texting, the Twitter-sized attention spans of the new media. Virtual, viral, poetry bestows its blessings on our express world much as it did on the plains of  Troy. Like DNA, a single poem carries down time and into the world its record of emotion and perception, a discrete packet of significance.

Small wonder, then, the survival and success of poetry become a matter of place. In this country the Dodge Festival brings poets to an audience of thousands in New Jersey. From Portland to Miami, Los Angeles to Boston, MFA programs convene masters to teach and students to learn the craft of writing poetry. Resident poets, in campuses across the country, attach a host of zip codes to the art. In the archives and collections of every major university, the papers and published works of poets reside, safe and secure from all but perhaps the next comet. More recently these end destinations for poetry have grown to include dedicated buildings, especially designed for those seeking a full and physical engagement with the art form. Last year Poets House opened the doors on its permanent home and now welcomes neighbors, school children, commuters—the streaming foot traffic of Whitman’s Mannahatta—to its massive library of contemporary poetry. In Tucson, the University of Arizona Poetry Center houses its own major collection in a building designed for the purpose. What to make of all this, if not that a robust polycentrism has taken hold?

Six years ago the trustees of the Poetry Foundation took up the question of where we should make our own permanent home. Ruth Lilly’s historic gift made it possible to think of a dedicated building that would be a place for poetry in Chicago, and an addition to the national landscape for poetry. A plot of land was purchased in the lively and cultural River North neighborhood. After a far-reaching search that attracted architects of international renown, the Board selected Chicago architect John Ronan for the project. Our vision, which Ronan understood perfectly, was for a building that would express one art form, poetry, in terms of another, architecture. Like a lyric poem the building should reveal itself not all at once, but line by line, with the subtlety Frost described as “the figure a poem makes.” A walk through the building should begin in delight and end in enlightenment. In the words of the Spanish poet Federico García Lorca, a metaphor joins two disparate worlds “by an equestrian leap of  the imagination.” Between the worlds of poetry and architecture, we asked Ronan to make that leap. He delivered a design that was all of that, and last April there was a groundbreaking. This coming summer a ribbon will be cut, and the word will be made flesh.

The visitor will enter through a garden, designed by Boston landscape architects Reed Hilderbrand, that is intended to be a sanctuary, a place of quiet contemplation. In Ronan’s conception, the garden, separated from the street by a high screen wall, is itself the first room of the building and the beginning of “a spatial narrative that slowly unfolds.” A pathway leads the visitor to the building’s entrance and inside to a performance space, a library, and offices for the Foundation and magazine. Our goal for the performance space, which seats 125, was to make it acoustically perfect for the spoken word, the human voice reciting without amplification. The library and reading room will house the Foundation’s thirty-five thousand volumes. Long held in storage at the Newberry Library, this collection will now be an important resource to our editors as well as to the general public.

This building will be a home for poetry in many forms. Over two hundred letters have been sent to poetry organizations and groups in Chicago and around the country, inviting them to think of this space as their space. We hope that readings, book launches, classroom visits—the happenings of the greater poetry community—will be a common feature of life in the building. In the city where Carl Sandburg heard the stockyards bellow with the voice of industry, in the state where Vachel Lindsay saw Abraham Lincoln walk at midnight, we offer poetry its newest home. Its spaces will give to Chicago a place of airy lightness by day and a jewel box, lit from within, by night.

The building will also be a coming home for Poetry. Our Board chairman Don Marshall counts eleven addresses, all of them in Chicago and all of them rented or donated space, where the magazine has made its offices since its founding by Harriet Monroe in 1912. Poetry will settle into the first ever home of its own just in time to celebrate its centenary. Don captures the weight of feeling that this carries for us all by quoting a poem, by Adrienne Rich:

Stone by stone I pile
this cairn of my intention
with the noon’s weight on my back,
exposed and vulnerable
across the slanting fields
which I love but cannot save
from floods that are to come;
can only fasten down
with this work of my hands,
these painfully assembled
stones, in the shape of nothing
that has ever existed before.
A pile of stones: an assertion
that this piece of country matters
for large and simple reasons.
A mark of resistance, a sign.

— “A Mark of Resistance,” from
Poetry, August 1957

Sincerely,

John Barr
President

PS Please visit poetryfoundation.org/building for a slide show of our new building.

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115. Jo Shapcott gewinnt den Costa Award 2011

Der Costa Book Award (früher Whitbread-Preis) wird in 2 Stufen vergeben: zuerst in den Einzelsparten Roman, Debüt, Biographie, Gedichtband und Kinderbuch, dann wird daraus ein Gesamtsieger gewählt. Selten, nur siebenmal in 40 Jahren, ist das der Gedichtband, in diesem Jahr trat der Fall zum zweitenmal in Folge ein. Die Lyrikerin Jo Shapcott gewann den Lyrikpreis und diese Woche auch den Gesamtpreis für ihren Band „Of Mutability“, in dem sie u.a. ihren Kampf gegen Brustkrebs verarbeitet.

Den Buchhandel erfreuts eher nicht. buchreport kommentiert:

So wie die Jury des Man Booker Prize for Fiction nur selten auf die Buchmacher hört, war auch die Verleihung des Costa Book of the Year Award 2011 eine riesengroße Überraschung: Nicht der hohe Favorit Edmund de Waal und seine Bestseller-Memoiren „The Hare With Amber Eyes“, sondern die Lyrikerin Jo Shapcott hatte am Dienstagabend in London die Nase mit einer klaren Mehrheit vorn.

… Die bei Faber erschienene Gedichtsammlung „Of Mutability“ ist Shapcotts erstes Buch seit zehn Jahren. Während der Jubel am Faber-Tisch groß war, zieht der britische Buchhandel, der de Waal favorisiert hatte, lange Gesichter. Zwar gilt der Costa ähnlich wie der Booker generell als „Königsmacher“, aber Lyrik hat auch auf der Insel keinen großen Markt.

Mehr: cbcnews /

114. Schock Edition

»Das einzige, was ich noch wusste, war, du musst
um jeden Preis jetzt hellwach bleiben.«

Ann Cotten

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Montag, 31. Januar, 21 Uhr, Rumbalotte continua:

Schock Edition
Fünf mal zwölf Gedichte, herausgegeben von Kai Pohl.
Vorstellung der ersten Serie:

  • Jürgen Born: Endlosreise
  • Ann Cotten: Pflock in der Landschaft
  • Hans Horn: Niemand zahlt mir ein Bier
  • Katja Horn: Abseitsmoral
  • HEL Toussaint: Nachbarin Dimitrowa

Die Autoren sind anwesend, lesen vor und spielen auf.

113. Wärmeflasche

Für eine wunderbare (ursprünglich deutsche) Erfindung wurde schon vor 134 Jahren mit einem flotten Gedicht geworben: „Wenn dich ein Unbehagen quält / Und dir dein Wohlbefinden schmält, / So rat ich dir: Greif in die Tasche, / und kauf dir eine Wärmeflasche!“ / Main-Post