Veröffentlicht am 16. Januar 2011 von lyrikzeitung
Die Zeiten ändern sich und Kiplings Verse mit dem Rumms-Bumms-Rhythmus und der Knallbonbon-Moral waren plötzlich schwer zu ertragen.
Diese Gedichte, die in ihrem Unterschichtenenglisch – das ich fließend wie eine Muttersprache beherrsche – vorgaben, den bodenständigen Weisheiten und Anstandsregeln der einfachen Soldaten und Seeleute eine Stimme zu geben, wirkten jetzt herablassend und zum Zähneknirschen peinlich. In meiner späten Jugend hatte ich einen Freund, dessen beliebtester Partyscherz das Rezitieren einer Parodie auf Kiplings berühmtestes Gedicht war, „If“ („Wenn“), vorgetragen mit gekünstelter Fistelstimme. Sehe ich heute über dem Spielereingang von Wimbledon die Zeile: „Wenn du Triumph und Niederlage erlebst, und sie beide gleichermaßen als Schwindler erkennst“, klingt mir immer noch seine Version in den Ohren: „Wenn du einen Pfannkuchen im Spülwasser erhitzt, und ihn in Vanillesauce genauso gern isst wie den anderen.“ In beiden Fällen endet das Gedicht übrigens mit der Zeile: „Dann wirst du ein Mann sein, mein Sohn“.
Doch „If“ wurde 1995 bei einer Umfrage der BBC zum beliebtesten Gedicht der Nation gewählt – wobei ich den Verdacht habe, das hatte einfach damit zu tun, dass es das einzige war, an das sich die Leute noch aus ihrer Schulzeit erinnerten. / Nigel Barley, Tagesspiegel
(Hier Kiplings Gedicht auf menschlicher Haut samt einer Übersetzung)
Veröffentlicht am 16. Januar 2011 von lyrikzeitung
Ein Gedicht wird dramatisiert*, Musiker übernehmen auch kleine Rollen als Darsteller und ein Komponist schreibt Filmmusik für ein Schauspiel – dies sind die ungewöhnlichen Zutaten für eine weitere Uraufführung im Leverkusener Erholungshaus.
Am Samstag, 22. Januar 2011 ist dort um 20 Uhr „Die weiße Fürstin“ von Rainer Maria Rilke als Schauspiel mit Musik zu sehen. / leverkusen.com
*) Ja, aber war das nicht schon ein Drama?
Veröffentlicht am 15. Januar 2011 von lyrikzeitung
Im Fall des Landwirtes Christian Wagner (1835 bis 1918) nimmt die Verbreitung seiner Texte durch Jazzmusiker über die im Jahresprogramm der Christian-Wagner-Gesellschaft verankerten Termine der Reihe Jazz und Lyrik in der Eltinger Lahrensmühle ihren Anfang. Nachdem der Stuttgarter Schlagzeuger und Landesjazzpreisträger Torsten Krill dort 2007 mit dem Cécile Verny Quartett eingeladen war, reifte in ihm nach der Beschäftigung mit Wagners beeindruckender Biografie und seinen Texten die Überlegung, „etwas G’scheites“ auf die Beine zu stellen. / Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung
Veröffentlicht am 15. Januar 2011 von lyrikzeitung
Der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik geht an die 1969 in Essen geborene und in Berlin lebende Lyrikerin Marion Poschmann. Die Jury würdigte in ihrer Sitzung am 14. und 15. Januar 2011 in Freiburg ihren im Suhrkamp-Verlag erschienenen Band „Geistersehen“ als herausragende Neuerscheinung des Jahres 2010.
Marion Poschmanns Lyrik überzeuge, so die Jury in ihrer Begründung, durch sprachliche Virtuosität und gedankliche Geschlossenheit. Streng komponiert und motivisch eng verschränkt nutze ihr dritter Gedichtband Repertoire und Formsprache klassischer Dichtung, vor allem Ode und Sonett, um stilsicher und intellektuell brillant Möglichkeiten und Grenzen der Wahrnehmung auszuloten. In poetischen Versuchsanordnungen schaffe die Autorin aus Testbildern, Störbildern, Trugbildern und Spiegelungen einen Resonanzraum von kühler Schönheit. Die Spannweite der Gedichte reiche von den Kindheitslandschaften ihrer Heimat im Ruhrgebiet bis zu den Kräuterbüchern des Mittelalters und der bildenden Kunst. Auf seinen Erkundungsgängen durch unscharfe Realitäten gerate das lyrische Ich immer wieder an die Grenze der Auflösung. Das Ergebnis seien „fluide Textgebilde mit irritierenden Moiré-Effekten“. Am Ende blieben „Lehrpfade der Abwesenheit“, so der Titel der letzten Gedichte des Bandes.
Marion Poschmann studierte Germanistik, Slawistik und Philosophie in Bonn und Berlin, wo sie auch lebt. 2002 debütierte sie mit dem Roman „Baden bei Gewitter“. Es folgten die Gedichtbände „Verschlossene Kammern“ und „Grund zu Schafen“. Ihr zweiter Prosaband „Schwarzweißroman“ wurde 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise.
Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik ist mit 10.000 Euro dotiert und wird seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des vergangenen Jahres verliehen. Er soll die literarische Arbeit deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker würdigen. Zugleich will er das Interesse der Öffentlichkeit auf die von den Medien oftmals marginalisierte Gattung Lyrik lenken.
Der Preis erinnert an den Namensgeber Peter Huchel – geboren am 3. April 1903 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, gestorben am 30. April 1981 in Staufen im Breisgau –, den bedeutenden Lyriker und Chefredakteur von „Sinn und Form“. Seinem Anspruch und seiner Unbestechlichkeit fühlen sich Preisgeber und die aus sieben unabhängigen Literaturkritikern, -wissenschaftlern und Autoren bestehende Jury verpflichtet.
Der Peter-Huchel-Preis wird am 3. April 2011, dem Geburtstag Huchels, in Staufen im Breisgau verliehen. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehörten zuletzt Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner und Friederike Mayröcker.
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von lyrikzeitung
Christoph Meckel
Höllen zählen
Er hat aufgehört, seine Höllen zu zählen
seit immer andere sich auftun, die vorhandenen
ihn durchbuchstabieren und flammen auf.
Keine Geduld zu forschen, und was in ihnen
oo verschwand, zu beschwören oder zu suchen.
Kein Rückruf. Er sucht nicht. Was verschwand
soll unauffindbar sein. Solang ein Schmerz ihn
dreht und wendet, ist nicht Zeit für
oooooooooooooooooooooo Forschung, Sprache.
aus: Christoph Meckel: Gottgewimmer. Gedichte. Hanser 2010, S. 27
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von lyrikzeitung
Das wahre schöne Eine? Das sofort als solches ermessbare unermesslich reichhaltige Buch, zentrales Zirkulat unter periphereren Bänden? Das poetische Über-Du des letzten Jahres? Die Monstranz, die sowohl den Fatalisten befriedigt als auch den Schwirrformensemantiker? Die die Gier des Ironiker stillt, wie auch den an der Einheit von Klangschönheit und Gedankenwundersamkeiten sich stillenden Romantiker erleuchtet? Gibt es das?
Gibt es das irgendwie? Den Band, den man liest und sagt: ich brauch keinen andren nicht? Den Volker Braun Christensen Falb, den rinckschen Jeffrey McDaniel? Einen Paulus Böhmer in der Manier Jan Wagners?
Wohin trägt einen so eine papenfüßige Frage? / Leicht variiert aus einer Antwort Ron Winklers auf eine Frage von lyrikkritik.de
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von lyrikzeitung
Eine arabische Dichterin zu sein ist eine „unmögliche“ Identität, man kann sich nicht daran festhalten. Warum? Ganz einfach: Über das oben Erwähnte hinaus ist meinesgleichen mit katastrophalen Leserzahlen geschlagen. Ich lasse die Zahlen im Folgenden für sich selbst sprechen.
Aktuellen Umfragen zufolge lebe ich in einer Weltgegend, in der weniger als 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung von 270 Millionen Menschen überhaupt lesen; einer Weltgegend, in der von diesen zutiefst deprimierenden, schäbigen 0,1 Prozent schlappe 40 Prozent überhaupt Bücher lesen; ich lebe in einer Weltgegend schließlich, in der nur neun Prozent von diesen 40 Prozent der vorgenannten 0,1 Prozent überhaupt Gedichte lesen …
Wollen Sie mitrechnen? Meinen zwar bescheidenen, aber doch einigermaßen zuverlässigen Rechenkünsten zufolge macht das, alles in allem, 9720 Menschen, die überhaupt Gedichte lesen – und das in dieser großen arabischen Welt, die sich rühmt (rühmt!), mehr als 20 000 Dichter zu ihren Einwohnern zu zählen. Was, wenn nicht das, wäre eine Ironie? Und hier noch ein paar mehr fatale Zahlen: „Jeder Araber liest im Jahr eine Viertelseite.“ „Weltweit ist nur eines von 53 verkauften Büchern ein Gedichtband.“ „Es sind in der Regel vor allem alte Leute, die Gedichte lesen.“ / Joumana Haddad, Die Welt
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von lyrikzeitung
Charles Baudelaire
Correspondances
La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.
Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.
II est des parfums frais comme des chairs d’enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
— Et d’autres, corrompus, riches et triomphants,
Ayant l’expansion des choses infinies,
Comme l’ambre, le musc, le benjoin et l’encens,
Qui chantent les transports de l’esprit et des sens.
Aus: Les Fleurs du Mal (1857)
In einem programmatischen Brief vom 21. Januar 1856 an Alphonse Toussenel heißt es-»Seit langem schon sage ich: der Dichter ist von höchster Intelligenz, er ist die Intelligenz par excellence, – und die Imagination ist von allen Vermögen des Menschen das wissenschaftlichste, weil sie allein die universale Analogie begreift, oder das, was eine mystische Religion die Korrespondenz nennt.« (Corr/PI 1, 336)
Auf Deutsch heißt der Titel „Einklänge“ (Stefan George) oder „Entsprechungen“ (Friedhelm Kemp),
EINKLÄNGE
Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen ·
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.
Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit ·
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme farben töne rede tauschen.
Parfüme gibt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen
Mit einem hauch von unbegrenzten dingen ·
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.
(Stefan George)
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von lyrikzeitung
Das FAZ führt eine Wulff-Sarrazin-Hübsch-Kelek-Debatte. So stehts in Rot auf S. 28, FAZ vom 13.1. Neuster Beitrag von dem Literaturwissenschaftler Jürgen Link, Auszug:
Damit stimmte Goethe überein: Die These von den „drei Betrügern“ (Moses, Jesus, Mohammed) war in der deutschen „Leitkultur“ um 1800 längst überholt. Es bedurfte des meistverkauften Sachbuchs seit 1945 und seiner Verteidiger, um sie wieder aufzuwärmen. Ein chinesisches Sprichwort sagt von gewissen Toren: „Sie haben einen schweren Stein hochgehoben, der ihnen auf die Füße gefallen ist.“ Goethes angebliche „Islamophobie“, die sich dann als eine Art von „Islamophilie“ erweist, ist ein solcher schwerer Stein. Am Beispiel Goethe zeigt sich, dass auch der Islam – nach Sarrazin angeblich das Fremdkulturelle schlechthin – im Kern der deutschen Leitkultur schon drinsteckt.
Ein Gutes hat das Steineheben: Höhere Aufklärung heißt, positive Religionen symbolisch aufzufassen – sie werden dadurch notwendigerweise auch pluralisiert und entdogmatisiert, das heißt entfanatisiert. Paradoxerweise stimmen die Fundamentalisten und die aktuellen Vulgäraufklärer in einer buchstäblichen Lektüre überein. Goethe hingegen scheint zu sagen: Lest alle Heiligen Schriften symbolisch, gerade auch die Bibel – und warum nicht den Koran?
Veröffentlicht am 14. Januar 2011 von dubler
Unter diesem Titel äußert sich der Übersetzer Jürgen Buchmann zu Bertrands „Gaspard de la Nuit“.
Mehr als vierzig Jahre hat der Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand (1807-1841) mich begleitet. Mit dem Buch ist es mir ähnlich ergangen wie vielen seiner Leser seit Baudelaire: Ich hatte den Eindruck, einem Geheimnis zu begegnen, einem Leuchten, das ebenso suggestiv wie unerklärlich war.
Einen der Texte des Gaspard de la Nuit schätzte der Autor so sehr, dass er die Gewohnheit hatte, das ganze Buch danach zu nennen. Es ist der Maurer aus dem Ersten Buch, das Die Flämische Schule betitelt ist. Auch wenn es im Gaspard de la Nuit Texte gibt, die ich persönlich bevorzuge, zeigt der Maurer doch Merkmale, die geeignet sind, einen ersten Eindruck des Werks zu vermitteln.
Auf bemerkenswerte Weise tritt der Autor hinter seinem Text zurück. Kommentarlos wird Bild an Bild gereiht; Bertrand verweigert eine Deutung des Geschehens, das damit etwas Letztes und Endgültiges erhält. Gegenüber der subjektiven Konfession, die als ein Wesensmerkmal romantischen Dichtens erscheint, stellt dieses Schweigen eine bemerkenswerte Neuerung des Gaspard de la Nuit dar.
Dem Zurücktreten des Subjekts entspricht die Herausbildung einer eigenmächtigen Objektwelt. Wie der Maurer unseres Textes ist das Subjekt im Gaspard gleichsam nur Zeuge der Welt, nicht ihr Schöpfer. Bertrand bezieht hier eine bemerkenswerte Gegenposition zur Ideologie der postrevolutionären Gesellschaft seiner Zeit, die vom Pathos der Freiheit und des Subjekts zehrt. Die Herrschaft des Objekts im Gaspard de la Nuit ist unberechenbar.
Die weitere Einführung zum Text „Der Maurer“ auf Fixpoetry
DER MAURER
Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler:
Sie stehn wie für die Ewigkeit gebaut.
SCHILLER, Wilhelm Tell
MIT einem Lied schwingt der Maurer Abraham Knüpfer die Kelle, so hoch auf seinem Gerüst, dass er, die gotische Inschrift der Glocke vor Augen, zu Füßen zugleich die Kirche mit ihren dreißig Strebebögen und die Stadt mit ihren dreißig Kirchen hat.
Er sieht die steinernen Ungeheuer den Regen von den Schieferdächern in die Tiefe speien, einen verworrenen Abgrund von Galerien, Fenstern, Gewölbezwickeln, Dachreitern, Fialen, Dachwerk und Gebälk, den die gekrümmte, regungslose Schwinge eines Falken mit einer grauen Flocke tupft.
Er sieht die Festungswerke sternförmig gebreitet, die Zitadelle, stolz wie ein Gockel auf dem Mist, die Höfe der Paläste, wo die Sonne die Springbrunnen ausdörrt, und die Kreuzgänge der Klöster, wo der Schatten um die Pfeiler wandert.
Die Kaiserlichen liegen in der Vorstadt; und jetzt rührt ein Be-rittener dort unten die Trommel. Abraham Knüpfer erkennt seinen Dreispitz, seine Achselschnüre aus roter Wolle, seine Kokarde, über die eine Kordel läuft, und seinen Zopf, um den ein Bändchen geknüpft ist.
Was er noch sieht, sind ein paar Veteranen, die unter den mächtigen Kronen des Schlossparks auf dem weiten, smaragdgrünen Rasen mit Büchsenschüssen einen hölzernen Vogel auf einem Maibaum zerlöchern.
*
Und gegen Abend, als das ruhevolle Schiff der Kathedrale mit gekreuzten Armen in Schlaf sank, gewahrte er von der Leiter einen Weiler am Horizont, von Kriegsvolk in Brand gesteckt, der am Himmel glühte wie ein Komet.
(Aus Buch I: Die Flämische Schule)
Und hier zwei weitere Prosagedichte Bertrands:
DIE FÜNF FINGER DER HAND
Ein honette Familie: bis dato kein Bankrotteur und kein Gehenkter.
DIE SIPPSCHAFTEN DES HANS JEDERMANN
DER Daumen ist ein flämischer Kneipenwirt, ein Dickwanst voller anzüglicher Späße, der in seiner Tür steht und pafft, während über ihm das Aushänge-schild zum Märzenbier einlädt.
Der Zeigefinger einer Frau, ein Mannweib dürr wie ein Stockfisch, die schon frühmorgens die Dienstmagd kuranzt, auf die sie eifersüchtig ist, und die Flasche tätschelt, in die sie verliebt ist.
Der Mittelfinger ihr Sohn, ein Kerl wie mit der Axt behauen, der Reuter wär, wär er nicht Schankwirt, und Kutschgaul, wär er nicht Mensch.
Der Ringfinger ihre Tochter, ein flinkes und schnippisches Frauenzimmer, die den Damen ihre Spitze, nicht aber den Herren ihr Lächeln verkauft.
Und der kleine Finger ist der Benjamin der Familie, ein weinerlicher verzogener Affe, der beständig am Schürzenband seiner Mutter hängt wie ein Kind am Haken des Ogers.
Die fünf Finger der Hand sind das sonderbarste Fingerkraut, das jemals die Gärten der wohledlen Stadt Haarlem verzierte.
(Aus Buch I: Die Flämische Schule)
SCARBO
Gewähre mir, Herr, wenn mein Stündlein schlägt, den Beistand eines Priesters, ein leinern Leichentuch, einen Sarg aus Tannenholz und ein trockenes Plätzchen.
DIE GEBETE DES HERRN MARSCHALL
„OB du in Frieden stirbst oder Verdammnis“, raunte in dieser Nacht Scarbo in mein Ohr, „dein Leichentuch soll ein Spinnweb sein, und ich will dich mit der Spinne verscharren!“
„So lass mich doch“, gab ich zur Antwort, die Augen vom Weinen gerötet, „so lass mich doch nur das Blatt einer Espe zum Leichentuch haben und mich wiegen im Atem des Sees!“
„Nicht doch!“ spottete hämisch der Zwerg, „der Käfer würde dich fressen, der abends die Mücken jagt, wenn sie geblendet sind von der sinkenden Sonne!“
„So willst du denn lieber“, erwiderte ich, noch immer in Tränen, „so willst du denn lieber, dass die Tarantel mit ihrem Elefanten-rüssel mich aussaugt?“
„Nun denn“, sprach er zuletzt, „sei getrost! Dein Leichentuch sollen die goldgefleckten Streifen einer Vipernhaut sein, in die ich dich wickeln werde wie eine Mumie.
Und in der düsteren Krypta von Sankt Benignus, wo ich dich aufrecht an einer Mauer bestatten will, wirst du in Muße die kleinen Kinder in der Vorhölle schreien hören.“
(Aus Buch III: Die Phantasmagorien der Nacht)
Veröffentlicht am 13. Januar 2011 von lyrikzeitung
Bernd Jentzsch
Korrespondenzen
Ich seh, daß du mich siehst.
Ich seh dich im Spiegel.
Ich seh dich im Spiegel des Herzens.
Den Brief in der Hand.
Die Hand auf dem Tisch.
Der Tisch vor dem Fenster.
Du siehst, daß ich dich seh.
Du siehst mich im Spiegel.
Ich seh, daß du siehst, daß ich dich seh.
Du siehst, daß ich seh, daß du mich siehst.
Du siehst mich mit deinem Herzen.
Vor dem Fenster der Tisch.
Auf dem Tisch die Hand.
In der Hand den Brief.
Veröffentlicht am 13. Januar 2011 von lyrikzeitung
In einer Überblicksausstellung präsentiert der Kunstverein München das vielschichtige Werk der israelischen, in Berlin lebenden Künstlerin Keren Cytter (geb. 1977 in Tel Aviv). „The Hottest Day of the Year“ versammelt Videos, Spielfilme und Tanzperformances ebenso wie von Keren Cytter verfasste Romane und Lyrik.
… In ihren literarischen Werken erforscht Cytter anhand extrem fragmentierter Narrationen die Selbstwahrnehmung post-moderner Individuen in unserer zeitgenössischen Gesellschaft. / art-in.de
Veröffentlicht am 13. Januar 2011 von lyrikzeitung
Wer war Hedwig Lachmann (1865-1918)? Sie war Deutsche, Jüdin, Großmutter des amerikanischen Filmregisseurs Mike Nichols, enge Freundin von Richard Dehmel, dem Ehemann der Bingerin Ida Coblenz Dehmel. Als Dichterin widmete sie sich fast ausschließlich der Lyrik.
Als Übersetzerin hat sie lyrische, dramatische und essayistische Werke aus dem Englischen, Französischen und Ungarischen übertragen, so zum Beispiel Oscar Wilde. Ihre Salomé-Übersetzung wurde von Richard Strauss verwendet und hat heute noch Bestand. Aber auch Werke von Edgar Allan Poe, Rabindranath Tagore oder Honoré de Balzac wurden von ihr übersetzt. / Allgemeine Zeitung (Bingen)
Veröffentlicht am 13. Januar 2011 von lyrikzeitung
Das Hamburger Literaturfestival vereint deutschsprachige Literatur und Musik unter einem Dach. 15 Autoren präsentieren ihre Texte: Vom Roman über Erzählungen bis hin zur experimentellen Lyrik ist alles vertreten.
Mit: Markus Berges, Alexander Gumz, Jennifer Heinrich, Lars Henken, Hannes Köhler, Svenja Leiber, Mariana Leky, Marcel Maas, Peggy Mädler, Thomas Pletzinger, Andre Rudolph, Jochen Schmidt, Katrin Seddig, Ron Winkler, Felicia Zeller, Nils Koppruch
Veröffentlicht am 13. Januar 2011 von lyrikzeitung
Thomas Kling
Das brennende Archiv
Unveröffentlichte Gedichte, Briefe, Handschriften und Photos aus dem Nachlaß
sowie zu Lebzeiten entlegen publizierte Gedichte, Essays und Gespräche
Zusammengestellt von Norbert Wehr und Ute Langanky
erscheint Ende Februar 2011
in Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, 76
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