34. Rückblende Februar 2001

L&Poe berichtete im Februar 2001 über die Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises an Dieter Wellershoff und des Preises für Europäischer Lyrik der Stadt Münster an Hugo Claus. Der spanische Dichter Jose Garcia Nieto, Träger des Cervantes-Literaturpreises, starb im Alter von 87 Jahren. Die „Zeit“ wird wieder kritisiert, aber es gibt auch Lesenswertes:  Jens Jessen schreibt über Richard Wagner:

Unter den Großen, die uns die rumäniendeutsche Literatur im Moment ihres Verschwindens geschenkt hat, neben Herta Müller, Franz Hodjak, Werner Söllner, ist Richard Wagner der Bademeister. Er führt mit Abstand den weichesten Schwamm, aber in die Wanne wirft er dann den Föhn. In seinen Versen zischt und sprüht es, doch sanft, sanft und mitten in unserm Alltag, den er sauber schamponiert.

Mehrmals werden Elke Erb, Joseph Brodsky, Ossip Mandelstam und Rose Ausländer Gegenstand von Nachrichten. Es geht um den „polnischen Rimbaud“ Rafael Wojaczek und den deutschen Rolf Dieter Brinkmann ebenso wie um den slowakischen poèt maudit Ján Ondruš. Die slowakische Lyrik ist auch mit Peter Repka vertreten – beide erschienen deutsch in der Edition Thanhäuser. Just how good is he? Die Frage bezieht sich auf Eminem.

Und Walter Jens verteidigt Marie Luise Kaschnitz gegen Angela Merkel, die noch nicht Bundeskanzlerin war:

 

Frau von Kaschnitz und die 68er.  Von Walter Jens

„Vor-den-Kopf-stoßen als erzdemokratische Tugend“ fordert der Tübinger Zeitkritiker Walter Jens im SPIEGEL-ONLINE-Essay. Dabei verknüpft er das gegenwärtige Gezeter über die 68er mit einer fast vergessenen Frankfurter Schriftstellerin.
Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01

 

33. Gestorben

Die Lyrikerin und Romanautorin Andrée Chedid, Mutter und Großmutter der Sänger Louis Chedid und Matthieu Chedid, alias M, starb in Paris im Alter von 90 Jahren, teilte ihr Verlag Flammarion am Montag mit.

Sie wurde am 20.3. 1920 in Kairo geboren. Sie gehörte zu einer Generation kosmopolitischer Intellektueller, die nach dem Krieg Frankreich als Heimat wählten und unserem Land den Gärstoff einer literarischen Erneuerung gaben, heißt es in einer Erklärung von Präsident Sarkozy. Auch Premierminister François Fillon und Kulturminister Frédéric Mitterrand gaben Erklärungen ab. / AFP

 

32. Badder

In Jamaika hatte er das gefunden, was ihn begeisterte: Geschichten von großen und kleinen Gaunern – und er mittendrin. Seinen humorvollen Blick auf diese Welt hat er bis zum Schluss behalten. „In der Bar da unten war vor einiger Zeit der Superintendent dieses Bezirks Portland“, so Zahl, „dem zu Ohren gekommen war, dass ich lange im Knast gesessen habe. Als sie hörten, das der Grund eine Schießerei mit Polizisten war, waren die beiden Polizisten echt betroffen. Und dann sagte der Polizist: Damals warst du ein ‚bad boy‘. Man muss wissen, dass das Wort ‚bad‘ in Jamaika sechs Steigerungsformen hat: bad, badder, baddest, worse, worserer, worserest.“ Selbst das Wort „bad“ habe bei Schwarzen eine völlig changierende Bedeutung, so Zahl. Einmal ist es ein Verbrecher, ‚bad boy‘ oder wie eben der Jimmy Cliff in dem Film ‚The Harder They Come‘ ein ganz eleganter, dufter Typ – zwar rough und tough, aber ein klasse Kerl. Diese Doppelbedeutung habe ich im Auge gehabt als er fragte: ‚Sind Sie damals ein bad boy gewesen. Was bist Du jetzt?‘ Jetzt bin ich noch badder.“ / Cornelius Janzen, 3sat

31. Rückblende Januar 2001

Am 1. Januar 2001, vor 10 Jahren, gab es die ersten regelmäßigen Nachrichten der Lyrikzeitung. Ich starte heute eine Reihe Rückblende. In der wird es die nächsten 120 Tage je eine von mir ausgewählte Nachricht aus jedem Monat L&Poe von 2001 bis 2010 geben. (Im Archiv, siehe rechter Rand, gibt es Sammelbeiträge aus den ersten Jahren. Das Einarbeiten dauert, aber es hat begonnen.)

Im Januar 2001 gab es u.a. Nachrichten über „Lutz Seilers ungeheure Gedichte“, über Paul Celan als „German-speaking Romanian Jew“, über „Slowenische Avantgarde. Srecko Kosovels «Integrale»“, „Huchel-Preis an Oskar Pastior“, die „Neuausgabe des „roten Pflastersteins“: Das surrealistische Gedicht.“ und „Erotische Liebesgedichte von Dieter Schlesak“. Thomas Kling lebte noch und schrieb über eine Barockrenaissance, und es gab den Nachruf auf Gregory Corso.

Eine Konstante von Anfang an war offenbar die Klage über das niedrige Lyrikniveau der „Zeit“. Hier die erste Rückblende:

Mager dagegen – wie stets spätestens seit der vorletzten Zeit-Reform – die Bilanz in den 16 Seiten „Zeit“-Feuilleton samt Literaturbeilage (Ausgabe 2/2001): 4 Gedichte statt einer Rezension von – Zeitleser ahnen es** – Robert Gernhardt auf der 16. (48.) Seite, die Kurzbesprechung einer Sammlung von Schüttelreimen Carl Amérys (42) – der Rest der Seite ist größtenteils mit Besprechungen von, immerhin, Dichterbiographien gefüllt: Eichendorff und Brentano mitsamt der Liebesgeschichte von Ricarda und Richard Huch; zwar Lyrik ist das auch nicht; kommen noch anderthalb Sätze zu einem Buch über Schillers Ballade vom verschleierten Bild zu Sais und ihre griechischen und ägyptischenHintergründe; als Zugabe unter 8 Fotos rauchender Dichter etwa 3 von Lyrikern (Jan Skácel, Arnold Stadler, Joseph Brodsky, 45). – Vielleicht noch die Werbung: Doktor Faustus oder Doktor Schiwago? 73 % aller ZEIT-Leser lesen mehrmals wöchentlich in einem Buch (36). Sollte es das Letztgenannte sein, könnten sie ja, wenn sie im Schluß des Buches herumlesen, auf die großartigen, wenn auch leider immer noch nicht adäquat übersetzten Gedichte von Boris Pasternak stoßen. Armes Deutschland der Dichter und Lenker.

30. Das arabische Gedicht

Vor und nach dem Islam waren die Araber nie auf einem Gebiet der Kunst kreativ, außer in der Poesie. Alle anderen islamischen Künste wie Musik und Literatur kamen aus Persien, Indien, Ägypten oder Syrien. Und das arabische Gedicht ging fast immer nach dem gleichen Muster: Man beginnt mit dem Weinen auf einer Ruine, wo die unerreichbare Geliebte vorbeizog, bevor sie für immer verschwand, dann fängt man an, die Vorzüge seines Stammes aufzuzählen und mit den Schandtaten seiner Feinde ins Gericht zu gehen. Eigentlich genauso wie das ägyptische Geschichtsbuch für die Sekundarstufe.

/ Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose. München: Droemer 2010, S. 156f

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 bei Kairo geboren und lebt in Deutschland als Politikwissenschaftler

Vgl. L&Poe 2002 Nov #Nur Hirtenvölker bevorzugen die Poesie

29. Lyrikwelle in Afghanistan

Als der BBC-Kriegskorrespondent Jonathan Charles afghanische Zivilisten einlud, ihm ihre Kriegsgedichte zu schicken, war er auf die Flut, die ihn erreichte, nicht vorbereitet.

Unter den Einsendungen findet sich Zeugenschaft, Wut, Propaganda und Katharsis.

… Am schockierendsten die Erzählung einer Frau, die jetzt in Kanada im Exil lebt. Sie schreibt von einem Ehepaar, das versuchte, zwei seiner Kinder zu verkaufen, um den Rest ihrer Familie zu ernähren.

Es gibt heute nicht nur den Rückgang einer großen Tradition, sondern auch die Explosion einer neuen Lyrik in Afghanistan.

In jedem Staat finden abendliche Lyriklesungen statt.

Wir hören sogar, daß britische Soldaten Menschen zu solchen Lesungen fahren und sie beschützen, während drinnen die Lyriker zornige Verse über die Invasionstruppen vortragen. / BBC

Dort auch:

 

28. Sprachverrückt

Nach der Etablierung der „Roughbooks“-Reihe waren zwar sofort die Unkenrufer zur Stelle, die das neue Konzept für nicht überlebensfähig hielten und eine sektiererische Einkapselung der Lyrik-Community in einer winzigen Internet-Nische befürchteten. Aber der Untergang fand nicht statt, im Gegenteil. Nach den ersten zwölf „Roughbooks“ verweist Engeler mit berechtigtem Stolz auf die guten Verkaufszahlen und avisiert sein Konzept als zukunftsträchtiges Erfolgsmodell. „Ich sehe aber eine Gefahr für den Buchhandel heraufkommen“, so Engeler nicht ohne Spott, „wenn sich herumspricht, wie gut das Roughbooks-Konzept funktioniert.“

Dabei verweist er auf die starke Resonanz, auf die selbst die Bände der ungestümen jungen Poeten Christian Filips („Heiße Fusionen“) und Konstantin Ames („Alsohäute“) stießen. Die zweihundert gedruckten Exemplare der „Heißen Fusionen“ sind bereits vergriffen und von den erst im Dezember erschienenen Gedichten des sprachverrückten Konstantin Ames ist bereits die Hälfte der Auflage verkauft. Natürlich kann man mit Auflagen von 200 oder 300 Exemplaren keine fühlbaren Renditen erzielen, aber selbst avancierte Suhrkamp-Gedichtbände erreichen in der Regel kaum höhere Verkaufszahlen. Nur in Ausnahmefällen erreicht die verkaufte Auflage eines zeitgenössischen Gedichtbands noch die berühmte „Enzensbergersche Konstante“ von 1354 Lesern.

Die beiden jüngsten „Roughbooks“ repräsentieren die gegensätzlichen Pole des Engeler-Programms. Der Leipziger Konstantin Ames (Jahrgang 1979) favorisiert ein assoziationswütiges, zergliederndes Schreiben, das auf die „Ironiefähigkeit“ der lyrischen Rede vertraut. Als Roughbook 0012 ist zudem eine kollektive poetische Annäherung an die mittelalterliche Mystikerin Mechthild von Magdeburg erschienen. Fünf Dichter, darunter literarische Schwergewichte wie Franz Josef Czernin und Oswald Egger, vergewissern sich einer sympathetischen Nähe zu den religiösen Visionen Mechthilds. Es handelt sich letztlich um Wiederbelebungen sakralisierender Poetiken, in denen viel von „Vision“, „Ergriffenheit“, „Offenbarung“ und „Geheimnis“ die Rede ist: Die Poesie ist also wieder legitimiert, an der Wiederverzauberung der Welt arbeiten. / Michael Braun, Badische Zeitung

27. SergeD.

SergeD. ist der Internetname des Landshuter Theaterwissenschaftlers und Germanisten Dr. Andreas Eglseder, den er als Verfassername beibehält. …

Die mit Abstand meistverwendete Gedichtform in den „Weggabelungen“ ist das Sonett. Reim und Rhythmus, Musikalität der Verse attestieren SergeD. romantisch-naive Uncoolness – oder den bayrischen Dickschädel, denn sie werden von den meisten heutigen Lyrikern ja vermieden.* / wochenblatt.de

*) Na, wenn das kein Klischee ist!

26. Radikal und schön

Rand

Die Frau ist vollendet.
Ihr toter
Körper trägt das Lächeln des Erreichten.
Der Anschein einer griechischen Notwendigkeit
Fließt in den Schnörkeln ihrer Toga,
Ihre bloßen
Füße scheinen zu sagen: Wir kamen bis
Hierher, es ist vorbei. (…)

Das radikale und bestechend schöne Gedicht „Rand“ stammt von der amerikanischen Lyrikerin Sylvia Plath; sie schrieb es im Winter 1963, wenige Tage bevor sie sich umbrachte, indem sie den Kopf in den Backofen steckte. Ihre Biografie ist bekannt, ein Mythos: Von ihrem Mann, dem berühmten Ted Hughes, verlassen, mit zwei kleinen Kindern auf sich gestellt, als Schriftstellerin bei weitem nicht so erfolgreich, wie sie es sich erhofft hatte, fühlte sie sich in ihren ehrgeizigen Träumen derart massiv gescheitert, dass sie ihrem Leben ein Ende setzte. Ihre Tagebücher und Briefe beweisen, wie sehr ihr daran lag, nicht nur eine berühmte Schriftstellerin zu sein, sondern auch eine perfekte Mutter und Ehefrau. Diese Ziele hat sie sich selbst gesteckt; sie fantasiert in ihren Aufzeichnungen davon. Das Gedicht, eines meiner liebsten, schildert eine auf makabre Weise positiv besetzten Vollkommenheit. Die Frau hat keinen Makel. Nur – sie ist tot. / Silke Scheuermann, Die Welt

Hier der Originaltext von Plaths Gedicht

25. Schwingung

Assoziation, dies hätte ich dem Radioautor gerne zugeflüstert, folgt anderen Gesetzen als die Erzählkausalität des Films – und sei sie, wie es manchmal überrascht, tatsächlich polykausal. Eine mehrstimmige Komposition achtet auch auf das, was an den Grenzen des unmittelbar Hörbaren geschieht. Ober-, Unter- und Zwischenmembrane bilden n-dimensionale Gestalten. Ja: Wer so eine Pfeife zu spielen verstünde, der wäre Meister. Ich jedoch bedarf noch der vielen Öffnungen einer Flöte, der Widerständigkeit der Späne und der tastbaren Kaffeeflecken, all der rhetorischen Mittel und Formen. In meiner Anfängerkunst spüre ich die Schwingung nur, wo sie unrein ist. Ich unterwerfe mich dem Reiz, doch der unmittelbaren Reaktion vertraue ich nur eingeschränkt. Wischtücher gibt es im Erdgeschoss, in der Abteilung für berührungsloses Erwarten. Bitte bedienen Sie sich dort für den Alltagsgebrauch. Wenn Sie meinen Namen nennen, erhalten Sie Mengenrabatt.

jo richter, 2011 (mehr)

 

24. Bienenfieber

Der zweite Teil ist den literarischen Zeugnissen über die Biene gewidmet. Man begegnet schönen Zitaten und Vorstellungen (nach einem ägyptischen Mythos soll die Biene beispielsweise aus den Tränen des Sonnengottes Re entstanden sein) von der Antike bis in die deutsche Gegenwartslyrik, in der «das Bienenfieber ausgebrochen» sei. / NZZ

Ralph Dutli: Bienentänze. Mit Illustrationen von Katrin Laskowski. Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung, Nr. 1970, 94 S. (unentgeltlich zu beziehen unter www.vontobel-stiftung.ch oder bei Vontobel-Stiftung, Schriftenreihe, Tödistrasse 17, 8002 Zürich).

23. Glissants Wende

Edouard Glissant war Schüler Aimé Césaires, des Dichters und Mitbegründers der Négritude-Bewegung; doch er vollzog in seinem Œuvre eine entschiedene Abkehr von deren Diskurs, indem er nicht mehr den Bezug zu Afrika als identitätsstiftend hervorhob, sondern auf der Besonderheit der antillischen Situation insistierte, die auch von der Präsenz der indischen und libanesischen Kultur geprägt ist. Glissant plädierte letztlich mit seiner Formulierung eines discours antillais für einen Abschied von monolithischen Identitätskonzepten, an deren Stelle er den Begriff der Kreolisierung setzt: «Kreolisierung nenne ich die Begegnung, die Wechselwirkung, das Aufeinanderprallen, die Harmonien und Disharmonien zwischen Kulturen in der bewusst gewordenen Totalität unserer Welt-Erde.» …

In seinen lyrischen Texten präsentiert Glissant sowohl poetische Grossformen wie etwa das sechs Gesänge («chants») umfassende Gedicht «Les Indes» (1955) als auch minimalistische Vierzeiler, wie sie im Zyklus «Fastes» (1991) versammelt sind. Die lyrischen Texte erweisen sich als veritable Ver-Dichtungen der Prosatexte, in denen die Sprache als der utopische Ort aufscheint, an dem das «Nicht-sein, das endlich in Aktion ist», im neu geschaffenen Raum des Textes erfahrbar wird. Im «Traité du Tout-monde» (1997), der seit 1999 in deutscher Übersetzung vorliegt («Traktat über die Welt»), reflektiert Glissant über sein Selbstverständnis als Dichter in einer Situation, in der die Wörter «von der engen Gewissheit der Sprache» abgedankt haben. «Was kann das für dich bedeuten, der ohne Stütze oder Abgrund vorangeht, an die du dich halten könntest, ohne allmächtiges Erbe oder Gedenken, in diesem Funkensprühen aller neu geborenen Dinge?» / Claudia Ortner-Buchberger, NZZ 4.2.

22. lübische liebelei

Der Debütband von Edith Ottschofski, die bisher in verschiedenen Zeitschriften und in der Tagespresse Beiträge veröffentlicht hat, ist in Hermannstadt gedruckt worden. Die gebürtige Temeswarerin ist den Lesern der Siebenbürgischen Zeitung vor allem durch ihre Besprechungen bekannt. Im Nachwort nennt Matthias Biskupek sie „die Sprachenmischerin“ und weist darauf hin, dass sie auch Sprachexperimente in der Art von Oskar Pastior vorgenommen hat. Dazu habe sie zahlreiche technische Varianten ausprobiert. …

Der Sammelband enthält sechs Abteilungen („halaripual“, „lübisch“, „amélie“, „tagaus tagein“, „exercitium“, „stille“), die nur graphisch strikt getrennt sind und Überschneidungen nie ausschließen. Die beiden ersten Teile sind Gelegenheitstexte, die Ortswechsel, Reisen und zufällige Aufenthalte summieren und den wechselnden Thematiken Wort- und Satzlabyrinthe zuweisen, deren Vielfalt ein Vergnügen an sich ist. Es sind Stimmungsreportagen ungewohnter Zusammen-Setzungen in Berlin im „Schwarzsauer“ („technogewummer – ein hauch von paris/ halbrund und abgewetzt der tresen…es röchelt die maschine/früh/ im schwarzsauer“, S. 10), am Müritzsee (riedlied: „ockerried/ wiegt sich/im winterwind/müritz der see/ unterm schnee/ sand/ weites wasser/ quietschendes vogeleis/schnatterndes klirren/ flirrendes weiß/ überm eis“, S. 17); in Lübeck („liebe lübische liebelei/ herzsprung am puppentor/diese grüblerische litanei/ klughafen an der trave…, S. 38) / Horst Fassel, Siebenbürgische Zeitung

Edith Ottschofski: der schaum der wörter. Gedichte. Bamberg: Johannis Reeg Verlag 2010, 91 Seiten, ISBN 978-3-937320-17-5, 10,00 Euro.

Eine unglaubliche ostalgische Entgleisung des Pastior-Experten (?) Biskupek kritisiert Fassel zurückhaltend als Irrtum:

Selbstverständlich gehört zu den „Heimaten“ auch Temeswar und das Banat, wo – so meint Biskupek irrtümlich – „1990 eine multikulturelle Zeit endgültig zu Ende“ ging (S. 90).

21. Auftritt. Zugleich etwas über Geographie.

Günter Saalmann (Chemnitz) & Angelika Janz (Essen)* treten in Tampere und Helsinki auf, lese ich. Wir werden ein Auge drauf halten.

*) Es könnte auch heißen: Günter Saalmann (Waldbröl) & Angelika Janz (Aschersleben). Oder: Die westdeutschen (wahlweise: ostdeutschen) Künstler Saalmann und Janz. Kennenlernen konnte ich beide in Greifswald. Tampere wiederum konnte ich durch eine Schweriner Bekannte kennenlernen oder durch einen Mannheimer Bekannten oder beide. Beides freilich nur durch Vermittlung eines Mauerfalls. Der war in Jerichow – der pommersche Mecklenburger Uwe Johnson hat darüber berichtet. Die beiden wiederum habe ich in Greifswald kennengelernt. Die Welt in Greifswald. Geographie ist ganz schön schwer.

20. Ernesto Cardenal liest

Wuppertal. Am Dienstag, 15. März, kommt der aus Nicaragua stammende Dichter Ernesto Cardenal  in die Immanuelskirche an der Sternstraße 73. Der 86-Jährige trägt ab 20 Uhr Lieder und Gedichte über Liebe, Revolution, Gott und die Welt vor. Der Wuppertaler Schriftsteller Hermann Schulz, ein Freund Cardenals, trägt die deutschen Übersetzungen bei. / Westdeutsche Zeitung