129. Steffen Popp gewinnt

Blitzmeldung via Facebook:

„Leonce-und-Lena-Preis geht an Steffen Popp – Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise für Jan Volker Röhnert und Andre Rudolph.“

(Danke. Andreas Heidtmann)

Mitteilung des Literarischen März

128. Gedicht des Monats

Wenn das mal kein Nachtrag zur vorigen Meldung ist.

Ein „Gedicht des Monats“ bietet die Chemnitzer Zeitung „Freie Presse“ („Sachsens größte Zeitung“) via google so an:

Gedicht Des MOnats*

Freiberg (fp). O kühler Wald O kühler Wald, wo rauschest du, in dem mein Liebchen geht? O Widerhall, wo lauschest du, der gern mein Lied versteht? O Widerhall, o sängst du ihr/die süßen Träume vor, die Lieder all, o bring sie ihr, die ich so früh verlor! Im Herzen tief, da rauscht der Wald, in dem mein Liebchen geht, in Schmerzen schlief/der Widerhall, die Lieder sind verweht.

Im Walde bin/ich so allein, o Liebchen, wandre hier, verschallet auch/ manch Lied so rein, ich singe andre dir! Der Autor: Clemens Brentano (1778 bis 1842) war ein deutscher Schriftsteller und neben Achim von Arnim der Hauptvertreter der so genannten Heidelberger Romantik.

erschienen am 25.03.2011

Wenn Sie Abonnent der „Freien Presse“ sind, können Sie unter mehr … mehr finden… Sie können aber auch hier den Gesamttext lesen. Oder hier den Band 2 der Ausgabe „Gesammelte Schriften“ von 1852 herunterladen (das Gedicht steht auf Seite 123f).

Im Mai 2010 berichtete L&Poe über eine

21. Mutige Zeitung

Gemeint war eben die Freie Presse, die eine Rubrik „Gedicht der Woche“ gestartet hatte. (Nun, ich gebs zu, meine Überschrift enthielt ein Quentchen Sarkasmus, gerade soviel, um es nicht zu bemerken). Darüber war danach nichts weiter in Erfahrung zu bringen, auf der Messe ging ich mehrfach am Stand der Zeitung vorbei und holte mir ein Gratisexemplar, leider vergeblich, keine Lyrik nirgends. Was bedeutet nun „Gedicht des Monats“? Haben sie eine zweite Serie eröffnet oder einfach die Schlagzahl gesenkt? (Immerhin ging das Gerücht, in der (früheren?) Rubrik würden Gedichte lebender Dichter innerhalb wie außerhalb Sachsens gedruckt. War wohl zuviel für die schreckhaften Leser? Ich wünsche ihnen weiterhin viel Spaß mit der täglichen Lektüre… und wenn Sie das auch ärgert, könnten Sie einen Wechsel zur Lyrikzeitung erwägen.

*) Kühn ist allerdings die Großschreibung des „O“ in der Überschrift, die in Brentanos Gedicht aufgenommen wird.

Zusatz 27.3.: Neinnein: das Gedicht der Woche läuft seit 2010! Fehlschluß. L&Poe eruiert!

127. Rathauslyrik

Politiker (und andere mit ihr befaßte Berufsgruppen wie Journalisten) halten ihre Sprache für wesenhaft, exakt und zupackend. Die der Lyrik halten sie für ungenau, blumig und nicht zu fassen. Wenn also ausnahmsweise ein Politiker mal nicht die exakte Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt, sondern drumherum redet und die Fakten verblümt, nennen sie es „Lyrik“, vom Bundestag bis zum kleinsten Rathaus. Wie hier in der Badischen Zeitung:

Rathauslyrik

Verwaltungsvorlagen, Satzungsänderungen und Diskussionen um eben jene sind eher trockener Natur und selten sprachliche Spaßbäder. Es geht auch anders. Einen Sonderpreis für Lyrik in der Kommunalpolitik verleihen wir diese Woche Gerhard Homberg von der CDU-Fraktion im Friesenheimer Rathaus. Schön, wie er für den Verbleib der Gemeinde in der Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau argumentierte, obwohl nach Ansicht von Kritikern nach drei Jahren keine zählbaren Ergebnisse zu erkennen seien: „Die Früchte einer solchen Mitgliedschaft haben ein lange Reifezeit.“

Weitere Beispiele finden sich en masse, wie hier:

Aber das ist nur die gemeine Realität. Polit-Lyriker können das natürlich sehr viel gefälliger formulieren. „Wir wollen eine Gesundheitsfinanzierung, die niemanden überlastet und die solidarische Gerechtigkeit für Geringverdiener und sozial Schwache gewährleistet“, dichten etwa die Unionsschwestern.

Wenn CDU und CSU die Arbeitgeberbeiträge bei 6,5 Prozent einfrieren möchten, dann nennen sie das „Solidarisches Gesundheitsprämien-Modell“ (Veröffentlichung der CDU vom Montag).

Bei den Grünen heißt das 6,5-Prozent-Vorhaben „Die grüne Bürgerversicherung“ und das zugehörige Spiegelstrich-Stakkato: „- leistungsfähig, – solidarisch, – modern“ (Beschluss der 23. ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz vom 2. und 3. Oktober).

Die SPD wiederum hat „Die Solidarische Bürgerversicherung“ im Portfolio. Deren genaue Spezifikation noch von einer Task-Force unter Leitung von Andrea Nahles ausgearbeitet werden soll.

(Achim Killer, silicon.de)

Oder hier:

Lionel Jospin hat gehandelt, mit bewundernswerter Ehrlichkeit, und hat mehr geleistet, als viele Regierungen vor ihm zusammen: die 35 Stunden wöchentliche Arbeitszeit, wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, kostenlose Medizin für Unbemittelte. Er war ein großer Diener des Staates. Jeder wußte es, aber keiner hörte zu. Die Republik blieb stumm, sie meldete sich nicht mehr, verzichtete aus Bescheidenheit auf Lyrik und Feierlichkeit. Wenn die Republik redete, tat sie es in einer technokratischen, kalten Sprache, die keinen interessierte. Selten war die Klasse der Intellektuellen und der politisch Gebildeten so abgeschnitten von der „Basis“, vom Wähler, sie sprach kaum noch dieselbe Sprache.

(Georges-Arthur Goldschmidt, FAZ 4.5.2002)

Hier:

Wie sie sich winden! Wie sie interpretieren und doch nicht dahinter kommen! Wie sie schlingern und Worthülsen ausspucken! Vor den Bildern des Leipziger Malers Neo Rauch werden Kritiker zu Lyrikern, die eine Welt erdichten wollen, die es nicht gibt. Hilflos stehen sie angesichts dieser eigenartigen Figuren, die komische Dinge mit heiligem Ernst und großen Gesten tun, vor seinen Bildern.

(Die Welt 5.8.2002)

Oder hier:

Schröder ist in die Rolle zurückgekehrt, die ihm liegt: Pragmatisch, nüchtern liefert er eine Bestandsaufnahme ab, was „kurz- und mittelfristig“ anliegt. Die Lyrik ist verschwunden. Kein Wort mehr aus dem sozialdemokratischen Zitatenschatz, keine blumigen Verrenkungen. Statt Leitlinien gibt es Leitplanken für jene, die der Gedanke an grundlegende Veränderungen schreckt.

(Hannoversche Allgemeine 5.12.2002)

Oder noch ein Fund von heute:

Für große Aufregung sorgt Heinz Rudolf Kunze eigentlich kaum noch. Als er in den 1980ern antrat, um ellenlang mäandernde schlaue Texte zur Klampfe vorzutragen, war das noch anders. Da beschimpfte mancher den studierten Germanisten als singenden Oberlehrer. Der allerdings umgehend seinen Plattenvertrag bekam und in die Deutsch-Rock-Oberliga aufstieg. Freilich nicht mehr mit Germanisten-Lyrik, sondern mit Gassenhauern à la „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Finden Sie Mabel“.

(Märkische Allgemeine)

Für Zeitungs- oder Rundfunkmacher folgt daraus, daß sie ihre Leser / Hörer vor den Zumutungen dieser gefährlich pflanzenhaften Gebilde möglichst schützen müssen. 1951 sagte Benn:

wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht – kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserem Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter diesen Raum anders verwenden. (Probleme der Lyrik)

Nun, das ist vorbei. Es werden noch immer genau so viele Gedichte geschrieben und vielleicht auch an die Zeitungen geschickt, aber die bürgerlichen Medien haben kein Vertrauen mehr zum bürgerlichen Bildungskanon, der Gedichte von Schiller oder Rilke einschloß. Kaum eine Zeitung druckt noch regelmäßig Gedichte, selbst die FAZ hat das sehr eingeschränkt, und wenn sie ein Gedicht drucken, sagen wir von Thomas Kling, Elisabeth Borchers oder Mara Genschel*, melden sich empörte Leserbriefschreiber. Sie können einfach nicht dulden, daß auf den 40 oder 90 gedruckten Seiten etwas steht, ein paar Zeilen, die nicht aus ihrer Mitte kommen.

Und so hat auch der Deutschlandfunk seine löbliche Initiative, täglich ein Gedicht an unerwarteter Stelle ins Nachrichtenprogramm zu schmuggeln, zum letzten Jahresende eingestellt (mit dümmlicher Begründung). In Wirklichkeit ist es schon so, daß die (bei dreifacher Wiederholung) ungefähr drei Minuten von den 1440 des Tages mit Gedichtzeilen gefüllt sind. Wir hören Nachrichten, Kommentare, Phrasen, Lügen Tag für Tag Jahr um Jahr, daran sind wir gewöhnt: aber bitte kein Gedicht!

*) Nein, das Letzte war gelogen. Mara Genschel haben sie nicht gedruckt, sondern ihr Kritiker H.H. hat sich ihr Buch von einem kleinen Verlag kostenlos schicken lassen und dann im Stil der Leserbriefschreiber darüber gespottet.

Vgl. L&Poe 2008 Apr #80. Exp.-Basher und L&Poe 2008 Apr #82. Was soll das heißen?

126. Sapphomania

Die griechische Dichterin, deren Werk fast verschwunden ist, geistert durch die Literaturgeschichte. „Die pommersche Sappho“ wurde die Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz genannt, die „deutsche Sappho“ nannte man im 18. Jahrhundert die Stegreifdichterin Anna Louisa Karsch, früher einfach „die Karschin“ genannt. Viele andere Gegenden und Zeiten haben „ihre“ Sappho.

Auch in der neueren Literatur geht sie um. Christa Wolf nahm das berühmte Fragment vom Mond und den Plejaden in ihre Kassandra-Vorlesungen auf. Thomas Kling und Raoul Schrott dichteten es nach, im vergangenen Jahr tauchten gar in zwei Gedichtbänden ganze Paraphrasenreihen zu diesem Gedicht auf, bei Ann Cotten, Florida-Räume und bei Roman Graf, Zur Irrfahrt verführt. (Und Marion Poschmann schreibt neben alkäischen und asklepiadeischen auch korrekte sapphische Odenstrophen). Klaus Grunenberg stellt nun die Dichterin in seiner Reihe „Auf den Spuren der Literatur“ – Teil 11 vor.

125. Mehr Preise

Noch zwei Nachrichten aus der englischen Sprachwelt:

Kaite O’Reilly from Llanarth was awarded the 2010 Ted Hughes Award for new work in poetry at The Savile Club in London on 24 March 2011.

She scooped the award for her new version of Aeschylus‘ tragedy The Persians, staged at a military base in the Brecon Beacons last year.

Part of her £5,000 prize will be donated to the Japanese relief fund. / BBC News

The organizers of a new literary prize announced on Thursday they will award $50,000 to a single poem.

Describing it as “the biggest poetry competition in history,” organizers of the Montreal Poetry Prize said the initiative “represents a major contribution to the global cultural scene.” / National Post (Kanada)

124. National Poetry Competition winning poem: Robin In Flight by Paul Adrian

The winner of the 2010 National Poetry Competition was announced last night – and this year’s winning poem is by an unpublished poet. Paul Adrian was born in Leeds in 1984. Im Guardian sein Gedicht.

 

123. Shakespeare lesen und gesund bleiben

The Sonnets of Shakespeare have a place beside the play of Hamlet in contention for the doubtful honor of being the cause of more perplexity and controversy than any other literary work in the English tongue. More persons, otherwise seemingly normal members of society, have thought that they were the first to understand one or the other of these works, or have professed to make illuminating discoveries regarding them, than could be computed as critics of any writing since the Iliad. If the present editor can come to the end of his task with any feeling of complacency, it is because he has spent some years with the Sonnets and still finds himself without a revelation. In other words, his complacency must be due only to the existence of some evidence that he is still sane — a poor substitute, no doubt, for the enthusiasm of the seer.

Introduction. „THE SONNETS“  OF SHAKESPEARE. From the Quarto of 1609 with variorum readings and commentary. EDITED BY Raymond Macdonald Alden. BOSTON & NEW YORK Houghton Mifflin Company 1916 (Download)

 

122. Bildungsstolz und Aroma

In seiner «Fußnote zu Rom» brauchte der Dichter Günter Eich einst nur wenige Zeilen, um sich von der monumentalen Kultur-Zumutung der abendländischen Gründungsmetropole zu verabschieden: «Ich werfe keine Münzen in den Brunnen, / ich will nicht wieder kommen. // Zuviel Abendland, / verdächtig.» Angesichts der traditionsschweren Ruinen-Architektur erwachte in Eich ein «Lachreiz vor Säulen». Der Dichter Durs Grünbein dagegen wird erkennbar von Ehrfurcht befallen, wenn er in den Gedichten und Prosaskizzen seines neuen Bandes «Aroma» seine Begegnung mit dem «Knotenpunkt kollektiver Memoria in der Geschichte Europas» vergegenwärtigt. Diese Ehrfurcht verwundert nicht bei einem Autor, der seit vielen Jahren seine «antiken Dispositionen» betont und in gewissem Bildungsstolz bekennt, seine «wichtigste Schreiblektion» den römischen Klassikern zu verdanken.

Welche ästhetischen Folgen es haben kann, wenn man sich im Bannkreis der Kulturmetropole allzu verehrungsbereit einrichtet, belegen auf eher unerfreuliche Weise die Gedichte in «Aroma», die hier als Ertrag des branchenüblichen Villa Massimo-Stipendiums versammelt sind. / Michael Braun / Literaturen / Seite 79 / 6 2010, bei kultiversum

Durs Grünbein Aroma. Ein römisches Zeichenbuch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 186 S., 19,90 €

121. Pastior-Projekt

Am Samstag, 2. April, beginnt der zweite Tag des Lyrikertreffens Münster mit einem Pastior-Projekt (11 Uhr, Theatertreff Städtische Bühnen).

Urs Allemann, Schriftsteller aus Basel, wird Texte des Georg Büchner-Preisträgers Oskar Pastior lesen. Über den aktuellen Stand der biographischen Forschung berichtet Ernest Wichner. Dieser kann nach Besuchen im Bukarester Securitate-Archiv gut informiert über den „Fall Pastior“ Auskunft geben.

Für die junge deutsche Lyrik gehört der jung verstorbene Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) zu den fast kultisch verehrten Figuren. Im Vorjahr sind seine frühen Arbeiten erschienen. Maleen Brinkmann, die Witwe des Dichters, wird diese Gedichte im Kunstmuseum Picasso (14 Uhr) vorstellen, dieses – wie es der Schriftsteller Georg Klein einmal formuliert hat – „merkwürdig verstockte, fast lauernde Potential seiner poetischen Möglichkeiten“.

„Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren“ – so heißt das Buch, das der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Raoul Schrott zusammen mit Psychologieprofessor Arthur Jacobs (Freie Universität Berlin) verfasst hat. Der Literat und der Neuropsychologe wollen um 16.30 Uhr im Theatertreff wissen: „Weshalb vermag uns das Lesen gedruckter Schriftzeichen so sehr zu vereinnahmen, dass wir alles um uns herum vergessen? Warum sind Verszeilen kurz? Aus welchem Grund wurde die Poesie erfunden?“ Dirk von Petersdorff – auch er liest beim Lyrikertreffen – hat in einer Rezension bereits Bilanz gezogen: „Der Reim kann bleim“.

Die Abendlesung (20 Uhr, Kleines Haus Städtische Bühnen) wird moderiert von Hermann Wallmann, dem künstlerischen Leiter des Lyrikertreffens, und Maria Gazzetti, Leiterin des Lyrik-Kabinetts München. Den Anfang macht Ron Winkler. Der 1973 geborene Autor und Übersetzer junger amerikanischer Lyrik hat seinem neuen Gedichtband einen programmatisch lautleisen Titel gegeben: „Frenetische Stille“. Gemessen an den funkensprühenden Gedichten Winklers haben die Gedichte der 1950 geborenen Angela Krauß etwas Erzählerisches – so wie ihre Prosa etwas von einem Gedicht hat. Raoul Schrott, gewaschen mit allen Wassern von Orient und Okzident, Mitherausgeber der Edition Lyrik-Kabinett, wird aus seinen Übersetzungen altägyptischer Liebeslyrik und eigene Liebesgedichte lesen.

Im zweiten Teil des Abends präsentiert Maria Gazzetti zwei Autoren: Sie stellt den 1935 geborenen Christoph Meckel vor, der in den letzten Jahren eindrucksvolle Zeugnisse eines philosophisch fundierten und doch sehr sinnlichen Alterswerks vorgelegt hat. Und – zum Abschluss des Abends – ihre Landsmännin Patrizia Cavalli, die große alte Dame der italienischen Gegenwartslyrik. Die deutschen Texte liest ihr Übersetzer Piero Salabè.

 

120. Literarischer März

Der März geht dem Endde entgegen, der „Literarische März“ ist da:

Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise

in der Centralstation Darmstadt, Im Carree (Nähe Luisenplatz)

25. und 26. März 2011

Teilnehmer 2011

Ast, Ann-Kathrin
Bresemann, Tom
Falberg, Tobias
Kokot, Sascha
Krause, Thilo
Küchenmeister, Nadja
Popp, Steffen
Röhnert, Jan
Rudolph, Andre
Schmid, Walter Fabian
Skudlarek, Jan
Westermann, Levin

Freitag, 25. März 2011

18.00 – 20.00 Uhr
Eröffnung der Veranstaltung durch Oberbürgermeister Walter Hoffmann

Vorstellung der Autorinnen und Autoren
Auslosung der Lesereihenfolge
Es moderiert Hajo Steinert

Diskussionsrunde mit Nico Bleutge, Andrea Heuser, Judith Zander

Samstag, 26. März 2011

9.00 – 11.00 Uhr
1. Lesung mit 4 Autorinnen und Autoren

11.15 – 13.15 Uhr
2. Lesung mit 4 Autorinnen und Autoren

15.00 – 17.00 Uhr
3. Lesung mit 4 Autorinnen und Autoren

Nach jeder Lesung öffentliche Diskussion der Jury

17.15 Uhr
Jury-Sitzung

20.00 Uhr
Bekanntgabe der Jury-Entscheidung und Preisverleihung durch Oberbürgermeister Walter Hoffmann

20.30 Uhr
Empfang der Stadt Darmstadt für Autorinnen und Autoren, Lektorat, Jury, Teilnehmer der Diskussionsrunde, Moderator und Ehrengäste

Ehrengäste

  • Nico Bleutge
  • Andrea Heuser
  • Judith Zander

119. Meine Anthologie: Gedichte für alls volck

Die roughbooks-Bände sind innovativ und gute Lektüre und eine verlegerische Tat, aber manches der früheren Produktion hätte darin nicht Platz. Einige der anspruchsvollen Übersetzungsprojekte gehören dazu, die Zanzotto-Ausgabe, Ghérasim Luca, Lapsus linguae /  Das Körperecho.  Frz./ Dt., Gellu Naum…, die Reihe der Pastior-Lektüren mit Wilhelm Müller, Charles Baudelaire,  Welimir Chlebnikow, Gertrude Stein, die Dokumentationen zur Lautpoesie, Otto Nebels Runenfuge… Soviele Bücher, die es ohne diesen Verleger und seinen Sponsor einfach nicht gäbe (der Verlust für die deutsche Lyrikszene noch kaum geahnt – ja haben wir den Gewinn schon verbucht?).

Auch die Pasolini-Ausgabe als Drei- oder Mehrfachübersetzung gehört in diese Reihe. Das Buch ist ein gewaltiger Palimpsest-Bau, rudimentär beschrieben: Originaltext und Übersetzung von Christian Filips auf jeder Seite, wobei im Original der friulanische Text das Italienische überlagert, in der Übersetzung Luthers Deutsch, der hohe Ton des österreichischen Decadentismo, die Fachsprache der 68er und das späte Mittelhochdeutsch, das schon den roughbooks-Mechthild-Band vorbereitet…, alles das vervielfacht durch die Dreigestalt des Pasolinitexts, das Buch stellt den frühen Band und ein spätes Remake von 1974 mit oft fast gleichen Reimen, Titeln, Versen gegenüber dergestalt daß man auf jeder Doppelseite mindestens vier übereinanderlagernde Gedichte lesen kann…  Hinzu kommt als dritter Teil, dem Doppel- und latenten Mehrfachbuch nachgestellt, der späte „Dunckle Enthusiasmo“, „quasi ein Appendix, der ohne den Rest nichts bedeutet“, sagt Pasolini.

Beim Wiederlesen sprangen mich so viele glänzende Bruchstücke an – die knapp skizzierte Fülle läßt sich in meiner Anthologie nicht wiedergeben, nicht in Einzeleinträgen. Ich entscheide mich für ein Stück aus diesem „bedeutungslosen“ Rest (hier stehen die Texte nur auf den ungeraden Seiten, weil es ja kein frühes Gegenstück gibt. Ein Quant Luxus gehört ja zum Gedicht, ein Luxus der Sprache mit ökonomischen Konsequenzen.

 

Salerno

 

Armb  andlitz des diebes, oder eyns kindtleyns:
mentsch, als er werden mus, hat er getruncken
von welt, von muttern wasser des geschicks.
Der schatte schwartz jm awg von süden funckelt

 

dem andlitz am grunde so rundt als das brodt,
das ist verzweyffelten gehorsams schatte.
Geborn eyn kriegsknecht, eyn landtmann zu seyn,
hat er verlorn seyn strassen, kam nur nit weyt dabey.

 

Sie erkiesten eyn schönen brawnen, kurtz das haar.
Der Sohn. Der Mentsch. Der Arme.
………………………………………………………………………
………………………………………………………………………

 

(S. 253).

 

(Im Buch stehen statt der Umlaute alte Lettern mit über den Grundvokal gestelltem „e“, die ich hier nicht zur Verfügung hatte).

Ich verzichte hier auf den Originaltext und gebe nur als Kostproben ein paar Splitter dazu. Möge eine gute Bibliothek in Ihrer Nähe sein.

 

Im Folgenden mit Angabe von Zeilen- und Wortzahl, 1, 1-4 bedeutet erste Zeile, Wörter 1 bis 4 der deutschen Fassung:

 

1, 1-4 Puora musa di bandít
1, 6-7 di nini
2,1 omp
3, 3-4 de la mari
6, 3-5 l’ombrena da l’ubidiensa disperada
7, 6 cuntadín

 

Ist der schöne brawne mentsch ein Sexualobjekt? Was auch immer, er ist armb, erstes und letztes Wort des Gedichts. Pasolini: „Ein Buch vom sozialen Aufstand (?) und ein Buch mit einer epischen Darstellung  des Lebens auf dem Lande (was weiß ich, Ramuz, Babel*…).“

 

Christian Filips übersetzt auch die Autopresentazione dell‘ autore (1975) mit einer „Selbstdarstellung des Übersetzers“ (2009). Darin sagt er etwas zur Sprache – und, noch eine Schicht des Palimpsests, zur Sache (mir fällt der Grund ein, warum ich das Buch gestern zur Hand nahm, die laufende Diskussion zur politischen Lyrik. Die Absenzen prägen die deutsche Szene, das ist mir klar).

Filips:

Und – die Zeichen mehren sich – vielleicht können sie es heute wieder sein. [nämlich Pasolinis Gedichte vor alls volck, mithin nicht nur für Zeit-Leser, welche aber selber davon nicht allzu viel vorgesetzt bekommen, was die Debatte prägt]. Mit der im Jahr 2008 zu Tage getretenen, bis heute andauernden Rezession hat eine Entwicklung begonnen, die Pasolinis letzten Prophetien neue Geltung verschafft. Es ist ja wirklich möglich, dass das Zeitalter eines am Gewinnstreben orientierten, auf Kommodifizierung und Wertschöpfung ausgerichteten Kapitalismus gerade an sein Ende kommt: Wo Firmen und Banken Schuldner der Staaten sind, da werden die internationalen Finanzströme mehr und mehr kontrolliert. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ist längst nicht mehr nur ein Spleen von Randgruppen. (…).

Das war 2009. Wo stehen wir heute?

 

*) Liest man heute noch Isaak Babel? Oh Mann, eine Wucht!

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte, übersetzt von Christian Filips. Basel / Weil am Rhein 2009

118. Warum keine

Zeitung darüber schreibt? Sehen Sie den Leserbrief  zu #113. In Wien.

117. LYRIK 25.3.11. Daniela Seel, Dmitry Golynko, István Kemény, Tobias Herold

Freitag, 25. März · 20:00 – 23:00
“Ausland” – Territory for experimental music, performance and art
Lychener Str. 60 10437 Berlin
Berlin, Germany

Lyriklesung:

  • Daniela Seel
  • Dmitry Golynko
  • István Kemény
  • Tobias Herold

25 Mar 2011 – 20:00

http://ausland-berlin.de/

[Geöffnet ab 20 Uhr / Beginn der Veranstaltung um 20:30 Uhr]

Dimitry Golynko las bereits Anfang Dezember im Rahmen unserer Lyrikreihe im ausland, und es hat ihm offenbar so gut gefallen, dass er gerne wiederkommt – diesmal mit anderen Texten, die von ihm selbst auf Russisch und in Übersetzung von Alexander Filyuta vorgetragen werden.

Weiterhin freuen wir uns, dass auch István Kemény aus Budapest, wie Golynko derzeit Gast im Berliner Künstlerprogramm des DAAD, lesen wird; Orsolya Kalász, ihres Zeichens selbst Autorin, trägt Übersetzungen von Keménys Gedichten ins Deutsche vor.

Außerdem lesen Daniela Seel, deren Lyrikdebüt “ich kann diese stelle nicht wiederfinden” Mitte März erschien, sowie Tobias Herold.

Dimitry Golynko wurde 1969 in Leningrad, UdSSR, geboren. Nach dem Studium der Kunsttheorie und Russischen Literatur promovierte er mit einer Arbeit über die russische Post-Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Zuletzt erschienen von ihm “As it turned out” (Russ./Amerik.) und “Betonnye golybki/Concrete Doves”.

Tobias Herold, geboren 1983, lebt in Berlin. Als Autor schreibt er vor allem Lyrik, vereinzelt auch Prosa. Studium verschiedener Geisteswissenschaften. Sein erster Gedichtband “Kruste” erschien 2009.

István Kemény wurde 1961 in Budapest geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet – als Autor von Lyrik, Prosa, Essays und Dramen. Seine letzten Veröffentlichungen waren der Roman “Kedves Ismeretlen” (Dt.: Geliebtes Unbekanntes) und “Nützliche Ruinen. Célszerű romok” (Zweisprachig; ins Deutsche übersetzt von O. Kalász, M. Rinck, G. Falkner und S. Popp).

Daniela Seel, geboren 1974 in Frankfurt/Main, lebt als Autorin und Betreiberin von kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform in Berlin. Ihr erster Gedichtband “ich kann diese stelle nicht wiederfinden” erscheint im März 2011.

116. Splitter

Es gibt viele andere Schriften mehr, alle unter dem immer gleichen rotweiß gestreiften Heftdeckel mit dem magischen Schriftzug „rot“ und dem rätselhaften Leitmotiv von Ernst Bloch auf dem Rückdeckel: „Es gibt auch rote Geheimnisse in der Welt, ja, nur rote.“ / Ludwig Harig über die von Max Bense herausgegebene Reihe „rot“, Die Zeit 16/ 1995

115. Die neuen

politischen Zeit-Gedichte handeln vom Krieg: Nora Bossong und Monika Rinck. Kein Murx. Kaufen. Oder in die Bibliothek gehen.

Bisher:

  • POLITIK UND LYRIK. Macht, Gedichte (Einleitung) Zeit 11
  • Monika Rinck, SELIG | Marion Poschmann, die zwei Körper der Kanzlerin | Jan Wagner, giersch Zeit 11 Hier
  • Hendrik Rost, Notiz an das Neugeborene Zeit 12
  • Nora Bossong, Stationiert | Monika Rinck, RUNDE WELT Zeit 13