18. Konvertiten

Etwa 1919/20 wendet sich Ball wieder dem Katholizismus zu. Bald darauf legt er bei einem Priester in München eine Generalbeichte ab. Der «Simplizissimus» kommentiert den Schritt, ohne Balls Namen zu nennen, durch ein launiges Gedicht, «Byzantinisches Christentum» überschrieben: «Selig sind die Konvertiten, / die am Kirchentor sich raufen. / Und es machen Jesuiten / Überstunden schon im Taufen.» / Bernhard Lang, NZZ 4.6.

Hugo Ball: Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenleben. Herausgegeben von Bernd Wacker. (Sämtliche Werke und Briefe, Band 7). Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. 588 S., € 38

 

17. Meine Anthologie: existing and living, know and guess

Bei letzten Einkäufen im sommerwarmen Greifswald fiel mich über irgendwelche Assoziationsketten, die ich hier nicht aufdröseln mag, ein alter Bekannter an. Ich hab den Dichter Cummings vor fast genau 40 Jahren für mich entdeckt, irgendeine Chance auf Veröffentlichung solcher Texte in der DDR sah ich damals nicht. (Es kam 10, 12 Jahre später). In einer Ost-Tageszeitung Anfang der 50er spöttelte jemand darüber, schließlich habe Baldur von Schirach auch Gedichte geschrieben. Später fand ich die Art Pöbeleien auch in Westzeitungen, sie begleiten einen einfach. Die einschießende Zeile war „we shall, quoth gifted she“. Sie steht in diesem herrlich verkopften Gedicht – einem regelrechten Sonett, b.t.w., es nimmt nur statt Vollreimen Assonanzen und andere Halbreime, ich nenne sie mal Auslautreime:

the trick of finding what you didn’t lose
(existing’s tricky:but to live’s a gift)
the teachable imposture of always
arriving at the place you never left

(and i refer to thinking)rests upon
a dismal misconception;namely that
some neither ape nor angel called a man
is measured by his quote eye cue unquote.

Much better than which,every woman who’s
(despite the ultramachinations of
some loveless infraworld)a woman knows;
and certain men quite possibly may have

shall we say guessed?“

„we shall“ quoth gifted she:

and played the hostess to my morethanme
© E.E. Cummings 1963

16. Keine Empfindsamkeitslyrik

In den Reimen von Gil Scott-Heron brachen sich die Wut und die Empörung über Rassismus und Erniedrigung in der fiebrigen «Black Power»-Ära Bahn, als die Ghettos amerikanischer Grossstädte brannten. Der Musiker lieferte den Kommentar zu diesen Szenen. Seine Botschaft kulminierte in seinem bekanntesten Titel, «The Revolution will not be televised», der seine schwarzen Landsleute aufrief, auf die Strasse zu gehen und aufzubegehren. Seine Gedichte waren alles andere als Empfindsamkeitslyrik; sie schilderten die Realität so hart und brutal, wie sie sich auf den Strassen, in den Schlangen der Arbeitslosen, in den Suppenküchen und Crack-Häusern anfühlte. / Christoph Wagner, NZZ

15. Musil an Thomas Mann

Schon zum 50. Geburtstag des um fünf Jahre Älteren hatte Musil sich in die Gratulantenschar eingereicht, ehe er 1935 ein in seiner schillernden Unlesbarkeit besonders denkwürdiges Geschenk zum 60. Geburtstag gemacht hat. Der S.-Fischer-Verlag überreichte einen Geschenkkarton mit Glückwünschen, aus denen Erika Mann mehr als dreissig Jahre später den folgenden Vierzeiler Musils an die Öffentlichkeit gab:

Wenn sich die Menge verläuft
stehen die Sterne am Himmel
und ins verschlossene Haus
kommen die Gäste von oben.

Es sind rätselhafte Zeilen – eine Reaktion Thomas Manns ist nicht bekannt, und auch die hauptamtlichen Leser der beiden Lager haben eher mit Schweigen geantwortet. Dabei kennzeichnet die Verse eine schwebende Leichtigkeit, die nicht mit Unerheblichkeit verwechselt werden sollte: Man kann sich wundern über dieses Experiment auf gleichsam neutralem Gebiet. Zunächst wird eine Erwartung enttäuscht, denn eine dem Anlass gemässe Huldigung ist nicht erkennbar. Vielmehr stellt das Gedicht behutsam andeutend zwei Dimensionen einander gegenüber und bringt sie vorsichtig in Bewegung. Im Unterschied zu dem unspezifisch bleibenden Kollektiv der sich verlaufenden Menge dringen die eigens angesprochenen Gäste auf überraschende Weise, fast wie Jesus unter die Jünger, in das verschlossene Haus. Oben und Unten stehen in einem nicht eindeutig aufzulösenden, lyrisch-schwebenden Kontrast. Ganz offenbar ist der kleine Vierzeiler nicht auf schnelle Entzifferbarkeit hin angelegt. Musil hat anspruchsvolle Vorstellungen von Lyrik entwickelt, ausgehend von Goethes späten Texten oder dem Werk Rilkes. So präsentiert er sich hier nicht als eifriger Gratulant, sondern er schenkt gleichsam ein Geheimnis, Lyrik als Wortkunst des Imaginären, nicht als Bedeutungsstiftung: Es ist die Andeutung eines nicht selbstverständlichen, eines der Menge entzogenen Vorgangs. / Mathias Mayer, NZZ

14. Garstig Lied

Liebe Freunde und Kollegen,
bei unserer kommenden LYRIKOASE 2011 steht nicht allein die Lyrik im Rampenlicht, sondern die Lyrik in Verbindung mit Musik. Es geht am 7. Juni um das Lied, genauer gesagt um das politische Lied und seinen Stand heute. Zu diesem sicherlich spannenden Abend möchten wir Dich/Sie herzlich einladen:

Di, 07. Juni 2011, 19.00 Uhr, Bayerische Akademie der Schönen Künste
Das 11. ADEvantgarde-Festival und die LYRIKOASE präsentieren:

EIN GARSTIG LIED! PFUI!
Neue politische Lieder
Uraufführungen: Leopold Hurt, Sergey Khismatov, Stefan Schulzki, Alexander Strauch
Neue Texte: Norbert Niemann, Alexander Nitzberg, Andreas Schimkus
Und weitere Werke von Moritz Eggert, Hanns Eisler, Rudi Spring, Kurt Weill nach Texten von Ingeborg Bachmann, Bert Brecht, Franzobel, Kurt Tucholsky, Konstantin Wecker
Eintritt frei

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, schleuderten Bert Brecht und Kurt Weill einst in ihrer Dreigroschenoper der satten Bourgeoisie entgegen. Ein bis heute unvergessener Satz, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und gerne und oft zitiert wird. Doch wie steht es mit dem aktuellen politischen Lied – gibt es ihn noch, den garstigen Gassenhauer? Oder steht dessen notwendige Schlichtheit in unbedingtem Gegensatz zu den Maßstäben sowohl der zeitgenössischen Dichtung als auch der Musik?

Die LYRIKOASE und ADEvantgarde haben Autoren und Komponisten angeregt neue politische Lieder zu schreiben. Von der Lyrikoase beauftragt wurden der Schriftsteller Norbert Niemann und der Dichter Alexander Nitzberg, deren höchst unterschiedliche Gedichte vertont wurden vom jungen Münchner Komponisten Stefan Schulzki und seinem russischen Kollegen Sergey Khismatov. Diese und viele weiter politische Lieder gibt es bei freiem Eintritt in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu hören!

Über Dein/Ihr Kommen würden wir uns sehr freuen!

Das Team von der LYRIKOASE
Karin Fellner, Andrea Heuser, Berkan Karpat und Simone Lutz

13. „Plauder- und Wikilyrik“

Bei literaturkritik.de bürstet Felix Philipp Ingold in einem Abwasch die Neuausgabe des Echtermeyer und die jüngste Lyrik harsch ab, hier in 2 Zitaten dokumentiert (wobei beide Argumentationslinien in einer gewissen Spannung zueinander stehen, denn wenn die Auswahl zB der neusten Autoren zu kritisieren ist, sollte man wohl nicht anschließend anhand dieser Auswahl gleich selbst die „ganze Richtung“ be- oder aburteilen):

1

Zwar soll der „Echtermeyer“ durch „zahlreiche jüngere Lyrikerinnen und Lyriker“ aktualisiert werden, er will aber auch die „Präsentation des Bewährten und Tradierten“ weiterpflegen; er will „sowohl den lyrischen Kanon“ beliebt machen, als auch „auf fremde Spuren“ [sic?] hinführen; er hält nicht nur „die schulische Vermittlungstradition im Blick“, sondern auch „neue lyrische Angebote“, nur dürfen die „neuen Stimmen“ keinesfalls „das Alte vergessen lassen“ – die allzu häufige Wiederholung dieser rhetorischen Beschwichtigungsgeste macht den Kleinmut der Herausgeber umso augenfälliger und gibt ihm eine geradezu peinliche Anmutung. Die Peinlichkeit konkretisiert sich zusätzlich dort, wo die „neue Dichtergeneration“ auf der Betriebsbühne vorgeführt wird in den Rollen von „Neo-Pathetikern, Sprachpuristen und -Alchimisten, postmodernen Simulationsexperten, Bilderbauern [sic!], Sozialsurrealisten und Deskriptiven“, welche angeblich „soziale Realität wieder tiefenschärfer ins Gedicht“ holen oder sich „experimentierend in den Spannungsfeldern zwischen Körper-Sprachen und Sprach-Körpern“ abarbeiten.

2

Weder formal noch thematisch ist bezüglich dieser „Gegenwart“ ein poetischer Epochenstil auszumachen. Zu rasch wechseln Trends und Moden einander ab, es kommt zu kurzfristigen, meist aus Gruppenbildungen erwachsenden Produktionsschüben mit erkennbar gemeinsamer Poetik und individuellen Leitfiguren (wie Thomas Kling, Durs Grünbein, Gerhard Falkner, Franz-Josef Czernin und andere), die ihren prägenden Einfluss allerdings bald wieder einbüssen und nach 2000 abgelöst werden durch eine Vielzahl von umtriebigen Jungautoren und -autorinnen, die sich weder um einen Epochenstil kümmern, noch sich um ihren eigenen Personalstil* bemühen, für die vielmehr Stillosigkeit oder Stilsynkretismus charakteristisch zu sein scheinen. Dass der tendentiell konservative „Echtermeyer“ eine durchaus repräsentative Reihe derartiger Plauder- und Wikilyrik Revue passieren lässt, ist angesichts von deren aktueller Hochkonjunktur kein besonderes Verdienst, zeigt aber doch, wie offen und weitläufig er neuerdings angelegt ist.

*) ob die Anthologisten genau genug hingesehen haben, wird immer strittig bleiben. Der Generationskritiker hat es sicher nicht. M.G.

12. Was Elke Erb interessiert

Und weiter schreibt Elke Erb in ihrer Vorbemerkung: In der Regel wußte ein neues Notat nichts von dem davor, es begann aus dem Nichts (ich erinnere an und wiederhole: das Nichts, das die Hemmungen wegstreicht) mit keiner Überschrift, nur dem Datum … Der assoziative Ablauf beförderte eine unwillkürliche (oft leidige, weil erlittene, bevormundende) Lautleite von einem Wort zum andern. Unerwartet aber produzierten sie von selbst ideelle, poetologische Reize … Erst während der Bearbeitung erkannte ich nach und nach, daß diese halbautomatischen Wortfolgen sogar aktuelle, schlechthin existentielle ebenso wie auch theoretische, Themen / Aufgaben behandelten, und zwar an einem Tag um den andern, fortschreitend. Hell und schnell, im Vergleich etwa zur Traumarbeit, geführt von Reiz wie Lust. Ende Zitat.

In diesen wenigen Worten steckt, was Elke Erb interessiert, was sie antreibt, was sie ausmacht, was sie anmacht, was sie entfacht: Schreiben ist Reiz und Lust, Schreiben ist Aufgabe, Schreiben ist existentielle Praxis, Schreiben ist Alltag, Schreiben ist Poesie, Poesie ist Poetologie, Poetologie ist Theorie, Theorie ist Alltag, Alltag ist Aufgabe, Aufgabe ist Reiz, Reiz ist Lust.

So kann die Reihe weitergehen. Was ihr hilft ist Assoziation. Nichts steht für sich allein. Alles ist in Verbindung. In Berührung. Was ihr weiter hilft sind Sprünge. Nichts steht fest. Alles kann springen. Sich verändern. Uns verwandeln. Berühren. / Urs Engeler, aus der Laudatio für Elke Erb zum Preis der Literaturhäuser, roughblog

Andere Laudationes auf literaturhaus.net.

 

11. Ulf Stolterfoht erhält den Heimrad-Bäcker-Preise 2011

«Ulf Stolterfoht hat mit seinem bisherigen literarischen Werk der experimentellen Literatur einen neuen Weg gewiesen. Seine Bände „fachsprachen“ sind zugleich Summe, Fortschreibung und Neudefinition einer auf Montage und Sprachthematisierung setzenden Literatur. Stolterfohts Gedichte sind Forschungen am Bedeutungsprozess, sie führen vor, wie referenzfreie sprachliche Gebilde durch unausweichliche Kognitionsleistungen in Verstehen münden.»

Die «fachsprachen»-Bände sind allesamt liefer- und bestellbar. Ulf Stolterfohts letztes Buch sind die Ammengespräche (roughbook 010)

10. Griffin-Lyrikpreise vergeben

Die Lyrikerin Dionne Brand aus Toronto erhielt den diesjährigen Griffin-Lyrikpreis für ihre Sammlung «Ossuaries».

Dieser großzügige Preis, erklärte Frau Brand, sei wie ein Geschenk vom Himmel gefallen für die Dichter, die unermüdlich an ihren Werken arbeiten. Der Preis wurde im Jahr 2000 von dem kanadischen Geschäftsmann und Philanthropen Scott Griffin gestiftet. Er wird jedes Jahr an einen kanadischen und einen ausländischen Dichter vergeben und ist mit je 65 000 $ dotiert. Der Auslandspreis ging in diesem Jahr an die amerikanische Dichterin Gjertrud Schnackenberg für ihr Buch «Heavenly Questions». / The Canadian Press

9. Dichterin verhaftet und gefoltert

In some countries, creating a poem that speaks out against the government can get you arrested. Bahrain is one such country. It has arrested and jailed the young female poet Ayat al-Ghermezi.

Ayat al-Ghermezi created a poem that speaks out against the abuse of the people in Bahrain. Some lines include: „We are the people who will destroy the foundation of injustice. Don’t you hear their cries, don’t you hear their screams?“ She stated she created the poem to the attention of King Hamad bin Isa Al Khalifa, notes the Telegraph.

Ayat al-Ghermezi wants change in her country. She was using her poetry to rally protesters to fight the oppressive royal family of Bahrain.

Bahrain arrested the poet after she surrendered after security forces stormed her home. They put her four brothers on the floor at gunpoint. One of the security forces told Ayat’s father „Tell us where Ayat is or we will kill each of your sons in front of your eyes,“ notes the Independent.

Ayat was soon charged her with making an insult to the royal family and incitement. Ms. al-Ghermezi has been tortured in jail.

/ Jul Bodeeb, news.gather.com

8. Politisierung einer Poetik

Es gibt sie (noch), die sorgfältigen, nicht vereinnahmenden Analysen literarischer Werke durch Literaturwissenschaftler. Ausländische zum Beispiel. Gestern veröffentlichte Cécile Millot (Universität Reims) einen Aufsatz aus dem Jahr 2009 über Bert Papenfuß im Netz. Hier die Zusammenfassung und der letzte Absatz:

Die Lyrik Bert Papenfuß’ zwanzig Jahre nach der Wende – Politisierung einer Poetik

In den 1980er Jahren war Bert Papenfuß in der DDR einer der bekanntesten Dichter der alternativen literarischen „Szene“ des Prenzlauer Bergs. Er gehört zu den Autoren jener Zeit, die heute noch sehr viel veröffentlichen. Seine apolitischen Glaubensbekenntnisse aus den 80er Jahren waren dadurch zu erklären, dass das DDR-Regime von den Schriftstellern gerade politisches Engagement erwartete – im Gegensatz dazu schreibt Papenfuß seit der Wende eine deutlicher politisch orientierte Lyrik. Diese Entwicklung wird hier an Hand der Bände « SBZ-Land und Leute » (1998) und der Reihe « Rumbalotte » / « Rumbalotte continua » (2004-2007) untersucht. Diese respektlosen und lebenslustigen Texte dokumentieren, dass die von Papenfuß seit 1989 durchgemachte Entwicklung als charakteristisch betrachtet werden kann. Seine Techniken haben sich geändert, aber der Dichter bleibt dem Prinzip des Experimentierens mit der Sprache treu. Zwanzig Jahre nach der (Wieder-)Vereinigung demonstriert er zudem auf geradezu militante Weise seine Verwurzelung in einer DDR-Identität. Das anarchistische Engagement, zu dem er sich heute bekennt, drückt sich in seinem poetischen Werk, aber auch in anderen künstlerischen und öffentlichen Praktiken, aus.

Schluß:

Ob es sich um politische oder literarische Aktion handelt – Bert Papenfuß situiert sich schlüssig am Kreuzpunkt beider Projekte. Das unterscheidet ihn von Dichtern seiner Generation, die seine Erfahrung teilten. Unter jener dieser Autoren, die bis heute produktiv geblieben sind, kann man die Beobachtung machen, daß sich die Bekanntesten einer eher klassischen poetischen Praxis zuwandten. Durs Grünbein zum Beispiel erfreut sich heute großer Aufmerksamkeit. Er ist etwas jünger als Papenfuß, er begann gerade beim Fall der Mauer zu schreiben, er ist zweifellos im Leben und Schreiben weniger von seiner DDR-Herkunft geprägt, obwohl sie dennoch bis heute spürbar bleibt.  Grünbeins Poetik basiert jedoch auf klassischen Bezügen, auf römischen Autoren und antiker Mythologie, der Barockliteratur und dem Sonett. Uwe Kolbe, der derselben Generation wie Papenfuß angehört und eine vergleichbare Biographie hat (er gehörte zur „alternativen Szene“ der DDR), auch wenn er immer zurückhaltender und intellektueller auftrat, hat seinen Platz nach dem Mauerfall im (gelegentlich polemischen) Dialog mit den großen deutschen Autoren gefunden, mit Goethe, Stefan George, den Romantikern, in poetologischen Fragen, in der Begegnung mit Erinnerungsorten. Diejenigen von Papenfuß‘ Zeitgenossen, die in der DDR-Vergangenheit verwurzelt blieben, wie Gabriele Stötzer oder Andreas Koziol, haben eher das Feld der Autobiographie gewählt. Bert Papenfuß, heute Rocker und Anarchist, hockt immer noch in seiner Kneipe im Prenzlauer Berg, er ist literarisch und sozial am wenigsten integriert und gehört zu den interessantesten Dichtern.

 

Cécile Millot, « La poésie de Bert Papenfuß vingt ans après la chute du Mur – la politisation d’une poétique », Germanica [En ligne], 44 |  2009, mis en ligne le 01 juin 2011, Consulté le 02 juin 2011. URL : http://germanica.revues.org/612

7. First we take Asturias

Der kanadische Dichter, Komponist und Sänger Leonard Cohen erhält den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur. Die Jury begründete ihre Entscheidung in Oviedo (Nordspanien) damit, dass Cohen die Poesie und die Musik zu einer einzigartigen Einheit zusammenführe.

Der 76-Jährige setzte sich gegen insgesamt 32 Bewerber durch. «Mit seinem literarischen Werk hat er drei Generationen in aller Welt beeinflusst», betonte die Jury. Zu den grössten Erfolgen des Kanadiers gehören Lieder wie «Suzanne», «Bird on the Wire» oder «First We Take Manhattan». / NZZ

6. Versuchsanordnung

«Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen andern erwählt; der andre liebt eine andre und hat sich mit dieser . . .» – nur beinahe vermählt, denn weit drastischer als im Gedicht von Heinrich Heine ist die zwischenmenschliche Versuchsanordnung in der Tragédie lyrique «Andromaque» des belgisch-französischen Komponisten André Ernest Modeste Grétry nach der gleichnamigen Tragödie von Jean Racine. / Alfred Zimmerlin, NZZ

5. Nicanor Parras Metalyrik

Der Titel „Nicanor Parras metalyrische Gedichte als Kommentar zur ‚Weltsprache‘ einer Antipoesie“ eröffnet eine dreifache Fragestellung: zum Ersten ist da die Frage nach der Produktivität von Metalyrik für die Diskussion von Poetizitätskriterien. Zum Zweiten die Frage nach Eigenschaften einer Gedichtsprache in Abgrenzung zur Alltagssprache und zum Dritten die Frage nach einer Systematisierung von Verstößen gegen lyrische Konventionen. Dies soll vor dem Hintergrund Parras so genannter Antipoesie erörtert werden.

Parra wurde 1918 in Chile geboren. Mit seiner Gedichtsammlung „Poemas y antipoemas“ von 1954 gelang ihm der literarische Durchbruch. Für die chilenische Lyrik und die gesamte Literaturgeschichte Lateinamerikas ist diese Publikation ein markanter Einschnitt. Der Band ist in drei Sektionen unterteilt: die „Poemas“, die so genannten „Poemas de transición“ und die „Antipoemas“. Parra setzt sich mit seinen „Antipoemas“ von lyriktypischen Kompositionen ab, wie sie in jener Zeit in Chile verbreitet waren. Insbesondere Vicente Huidobro, Pablo de Rokha und Pablo Neruda sind Zielscheiben seiner Gedichte. In dem Gedicht „Manifiesto“ verflucht er diese drei als „kleinen Gott“, „Heilige Kuh“ und „wütenden Stier“. Auch Jorge Luis Borges bleibt in einem späteren „Antipoema“ von Seitenhieben nicht verschont. In Anspielung auf ein bekanntes, auf Englisch verfasstes Gedicht des magischen Realisten heißt es bei Parra: man solle doch bei Borges bleiben, er biete die Erinnerung an eine gelbe Rose, betrachtet bei der Dämmerung. / Nils Bernstein, literaturkritik.de

4. Hans Keilson (12.12.1909 – 31.5.2011)

Sein Leben hat mehr als 100 Jahre berührt, durchlebt: glückliche, traumatische, mörderische, produktiv verarbeitete – nun ist er nicht mehr unter uns. Am 31. Mai 2011 ist der jüdische Schriftsteller, Psychoanalytiker, Exilant und Menschenfreund Hans Keilson im Alter von 101 Jahren in einem Krankenhaus im niederländischen Hilversum verstorben. Ich werde ihn vermissen. Er hat das Leben zahlreicher Leser bereichert, weltweit. Was jedoch mehr zählen mag ist Hans Keilsons jahrzehntelange psychotherapeutische Arbeit mit jüdischen Jugendlichen, Überlebenden der Schoah. Ihnen hat er Lebensmut geschenkt, über ihr schweres Schicksal hat er geschrieben. Immer wieder. …

1934 publiziert er in der jüdischen Zeitschrift „Der Morgen“ sein erstes Gedicht: „Neuer Psalm“, 1936 folgt die pädagogische Reflexion „Juden und Disziplin“. …

Hans Keilson wird nicht denunziert, überlebt. Seine Eltern hingegen werden in Birkenau ermordet. Er widmet ihnen die Gedichte „In den Tagen des November“ (1947), „Sterne“ (1967) und „Dawidy“ (1997).
Keilson schreibt, zu seiner eigenen Überraschung, „im zweiten Jahr meiner Emigration (…) in einer plötzlichen Aufwallung eine Anzahl deutscher Gedichte“ (Keilson 2005, S. 227). Er publiziert diese unter zwei Pseudonymen in niederländischen Zeitschriften. / Roland Kaufhold, hagalil.com