108. Samuel Menashe

Noch eine Todesnachricht.

Der amerikanische Dichter Samuel Menashe starb am Montag im Alter von 85 Jahren. 2004 war er der erste, der mit dem „Neglected Masters Award“ der Poetry Foundation ausgezeichnet wurde. Damit verbunden war, neben 50.000 $, eine Publikation in der Library of America: „Samuel Menashe: New and Selected Poems“, herausgegeben von Christopher Ricks. Nachruf ebenfalls im latimes-blog.

Hier von ihm gelesene Gedichte, hier eine Besprechung der „New and Selected Poems“ von 2009.

Darin interpretiert dieses kurze Gedicht:

A pot poured out
Fulfills its spout.

In L&Poe

107. Krawehl, krawehl

„Mein Name ist Lohse. Ich möchte hier einkaufen.“ Heinrich Lohse macht den Albtraum jeder Ehefrau perfekt: Er geht in den Ruhestand. So wie Loriot einst in „Das schiefe Bild“ ein Zimmer verwüstete, zertrümmert er in „Pappa ante Portas“ das fein ausbalancierte Familienleben der Lohses. Es ist eine ätzende Satire auf das bundesrepublikanische Rentnerdasein. Und ganz nebenbei liefert Loriot eines der besten – und bekanntesten – Stücke moderner Lyrik ab: „Krawehl Krawehl“. / Markus Lippoldn-tv.de

106. Scott Wannberg ist tot

Scott Wannberg, einer der Wortführer der Lyrikszene von Los Angeles in den 80er und 90er Jahren, starb am vergangenen Freitag in Oregon. Er wurde 58 Jahre alt.

Wannberg war Buchhändler und von den Beats beeinflußter Dichter. Er war Gründungsmitglied der „Carma Bums“, zu denen S.A. Griffin, Mike Mollett, Doug Knott und Mike Bruner gehörten. Die Gruppe tourte in einem 1957er Cadillac durch Stadt und Umkreis. Ein eigenes Auto konnte er sich jedoch nicht leisten. „Wenn ichs zu einem Auto gebracht hätte, würde es bestimmt nicht für die Versicherung reichen“, sagte er in einem Interview 1991.

/ Carolyn Kellogg, Los Angeles Times

 

Poet Scott Wannberg, member of the legendary Carma Bums and author of several books including Strange Movie Full of Death (Perceval Press), shared some of his poetry at Mac’s Backs Books on Coventry in Cleveland Heights, Ohio, on 11/11/2009. Visit the Carma Bums on Facebook:http://www.facebook.com/pages/Carma-Bums/104585703990

105. Mein Futurismus

Der Futurismus war für Scherstjanoi von Anfang an ein Lebensmittel und ein Mittel des Widerstands. Ein Klang, der die Geräusche der Straße in sich aufnahm und schon deshalb verknüpft ist mit einem Leben, das nicht trennen kann zwischen den Wonnen der Poesie und den Zumutungen, denen die Poeten genau so ausgesetzt sind wie alle anderen. Alles geschieht gleichzeitig.

„Alles ist da. Und Poesie und Lyrik, Liebesgedichte und die grausame Politik, und dann dazu noch das Schicksal meiner Mutter. Eine Frau, die aus Litauen stammt, und genau vor 70 Jahren, nur weil ihr Vater deutscher Abstammung war, ihre Mutter litauischer, und nur wegen ihres deutschen Vaters musste sie ihre litauische Heimat verlassen und dann abtransportiert nach Kasachstan.“

(…)

„Im Zustand der Begeisterung, entweder mache ich Tonbandaufnahmen oder ich schreibe schnell in dieser scribentischen Sprache, die ich dann jederzeit ins Russische oder ins Deutsche übertragen kann. Jedes Zeichen hat in erster Linie mit Artikulation zu tun. Ich sehe ein Zeichen, ich weiß das ist [liest das Zeichen: dlll]Es ist ein Chaos. Wie ich das lese, von links nach rechts, von rechts nach links, da ist egal. Was ich jetzt vorgetragen habe, das ist auch nur eine einmalige Sache.“

Die scribentischen Notationen wären vermutlich ohne die Anregung durch die Sprachblätter von Carlfriedrich Claus nicht entstanden und doch haben sie eine völlig andere Funktion. Sie verweisen nicht auf Gedankenwelten, sondern auf den spontanen Akt der Artikulation. Ähnlich verfährt er mit den historischen Futuristen, die er wie Zeitgenossen befragt und so zu lebendigen Lehrern werden lässt. Scherstjanoi arbeitet daran, die Zeit aufzubrechen, ihr die Linearität zu nehmen. Insofern ist er nicht nur, wie Michael Lentz in seinem Nachwort schreibt, der letzte Futurist, sondern auch der erste der Gegenwart.

„Jetzt bin ich bei Alexej Krutschonych, dem Vater der russischen Lautdichtung. Er hat nämlich gesagt: Gedanke und Rede reichen an das Erlebnis der Inspiration nicht heran. Die Komposition entsteht spontan, total unbewusst. Wenn man sie bewusst machen will, muss man sie aufschreiben. Aber wenn ich das aufschreibe, dann heißt das, es ist alles vorbei.“

Der kleine Essay über Krutschonych in diesem Buch ist zugleich das Nachwort zu einem anderen Buch, das ein paar Wochen früher erschienen ist. Scherstjanoi hat Krutschonychs „Phonetik des Theaters“, eine Collage aus futuristischen Lautgedichten und theoretischen Texten zu ihrer Begründung, herausgegeben und übersetzt. Die Gedichte, die unübersetzbaren, sind hier in Lautschrift wiedergegeben, nur durch lautes Lesen kann man eine Vorstellung von ihnen bekommen, obwohl es schier unmöglich sein dürfte, Scherstjanoi in dieser Disziplin zu übertreffen. Er ist ein Glücksfall, der nicht nur Gegenwart und Vergangenheit zusammenbindet, sondern auch zwei Kulturen, zusammengehalten von zwei Hausgöttern, Majakowski und Carlfriedrich Claus.

„Zwei Leuchttürme würde ich sagen und ‚majak‘, das weiß man nicht, wenn man nicht russisch kann, das ist Leuchtturm, aber das war kein Künstlername, ich höre sofort den Wortstamm seines Eigennamens, das ist ein großer Leuchtturm und der zweite ist Carlfriedrich Claus. Ich habe wirklich Glück gehabt, dass Carlfriedrich Claus aus dem Erzgebirge stammte wie meine Ehefrau. Zwei große Leuchttürme, die bleiben, mein Leben lang, ein Russe und ein Deutscher.“

  • Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz, Matthes & Seitz Berlin, 191 S., brosch. 14,90 Euro
  • Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi, Reinecke & Voss Leipzig, 79 S., Paperback 10,00 Euro

/ Joachim Büthe, DLF Büchermarkt 22.8.

104. Lyriker wird Präsident

Jorge Carlos Fonseca wird neuer Präsident des kleinen afrikanischen Inselstaates Kap Verde. Der Führer der kapverdischen Oppositionspartei Movement for Democracy (MDP) setzte sich in einer Stichwahl gegen Manuel Inocencio Sousa, den Spitzenkandidaten der zur Zeit regierenden African Party of the Independence of Cape Verde (PAICV) durch.

Quelle: Kap Verde: Oppositionsführer gewinnt Präsidentschaftswahlen | afrika-travel.de

Der Liberale Jorge Carlos Fonseca, Sieger der Präsidentschaftswahl in den Kapverden, ist Jurist und Dichter und interessiert an Musik und Film (Bertolucci, Buñuel).

Quelle: tv5monde

 

103. Sistig, Westerwald und Bonn

Es gibt ja nicht nur Berlin und Leipzig. Es gibt auch Sistig, Westerwald und Bonn! Ja echt! Am 6. September lesen beim LCD im Salon: Francisca Rincinski, Theo Breuer und Andreas Noga.

Literaturclub Düsseldorf: „aus dem Hinterland“

Dienstag, 6. September · 20:00 – 23:00
Salon des Amateurs
Literaturclub Düsseldorf (LCD)
Eintritt 5 Euro

Der LCD startet nach der Sommerpause mit Francisca Rincinski (Bonn), Theo Breuer (Sistig) und Andreas Noga (Westerwald). Es moderiert A.J. Weigoni

102. Berlin-Gedicht

Matthias Kniep, Thomas Wohlfahrt
Das große Berlin-Gedicht
be.bra verlag
ISBN 978-3-8148-0188-9
Paperback, 80 Seiten
Preis 8.00 €
erscheint September 2011

Berlin: Eine Stadt – zwölf Bezirke – zwölf Töne = ein Gedicht!

Großstadtlyrik hat eine lange Tradition. Schon Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und viele andere haben urbanes Lebensgefühl in Versen spürbar gemacht.

Zum ersten Mal nun haben Berlinerinnen und Berliner selbst ein Gedicht über ihre Stadt verfasst – ein lyrischer Spaziergang, der die zwölf Bezirke in ihrer ganzen reizvollen Vielfältigkeit durchstreift und zu einem lebendigen Ganzen werden lässt.

Die Entstehung des Gedichts wurde von zwölf namhaften Dichtern Berlins begleitet: Andreas Altmann, Kerstin Hensel, Norbert Hummelt, Orsolya Kalász, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Brigitte Oleschinski, Valeri Scherstjanoi, Tom Schulz, Michael Speier, Ulf Stolterfoht und Ron Winkler.

Leseproben und Pressestimmen [uh, gibts die schon?] hier

101. „Ich bin a hooligan“

Überschrift eines Gedichts bei beatpoets.tribe.net

100. Zensiert

Irans Kulturministerium will nach mehr als acht Jahrhunderten ein berühmtes Liebesepos der persischen Literatur zensieren. Teile des Buchs „Chosrou und Schirin“ sollen nach 831 Jahren verboten werden, berichtete die Nachrichtenagentur Mehr am Montag. Das Liebesdrama um Chosrou und Schirin wurde 1177 von Nesami Gandschawi geschrieben und 1180 veröffentlicht. Seitdem zählt es zu den berühmtesten Epen der persischen Literatur. Gandschawi (1141-1209) seinerseits gilt als einer deren bedeutendster Dichter [sic]- er schrieb auch die Liebesgeschichte „Leila und Madschnun“.

Das Ministerium habe den zuständigen Verlag gebeten, Passagen zu streichen, sagte Fariba Nabati vom Verlag Peydayesh, der das Liebesepos seit Jahren herausbringt. Der Verlag wollte das Layout für die achte Auflage ändern und schickte es an das Ministerium, um die Genehmigung für die Publikation zu erhalten, berichtete Nabati. Sie sei schockiert gewesen, als das Ministerium ihr mitteilte, dass Passagen zensiert werden müssen. Darunter sollen auch Satzteile sein wie „irgendwo hingehen, wo wir alleine sein können“ oder „Hände halten“. / Der Standard 15.8.

99. Slam in Nersingen

Poesie: Bei diesem Wort stellen sich bei vielen Schülern die Nackenhaare auf. Gedichte analysieren ist nicht die größte Stärke der jungen Generation. Bei „Poetry Slams“ sind die Foyers, Gaststätten und Jugendhäuser jedoch regelmäßig voll. / Nina Merkle, Südwest Presse, über den ersten „Poetry Slam“ in Nersingen

98. Mehr Nachworte

In der Wiener Zeitung bespricht Andreas Wirthensohn übersetzte Bücher von John Burnside, Simon Armitage und Eugenijus Ališanka und findet:

Kein Zweifel: Die Lyrik dieser drei Dichter kann durchaus für sich bestehen, aber deutlich mehr Lesefreude hat man, wenn einem zumindest die ein oder andere helfende Krücke gereicht wird. Darum die klare Forderung: Bitte mehr Nachworte!

97. Tätowiert

Hier SIlke Scheuermann auf einem Foto zu einem ihrer Gedichte

96. Goethe-Plakette für Paulus Böhmer

„Mit seinem lyrischen Lebenswerk und seinem Engagement für die Literatur, ganz besonders für junge Autorinnen und Autoren, hat Paulus Böhmer die Literaturszene nicht nur in Hessen nachhaltig geprägt“, sagte Ingmar Jung bei der Feier in Frankfurt. Dafür danke ihm das Land mit der Goethe-Plakette, der höchsten Auszeichnung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

… Seit 1963 veröffentlichte er 25 Gedichtwerke. Böhmer war Mitbegründer und von 1985 bis 2001 Leiter des Hessischen Literaturforums im Frankfurter Mousonturm, das Schriftsteller berät sowie Lesungen und Schreibseminare abhält. Außerdem ist er Ausrichter der hessischen Leseförderung, des hessischen Leseförderpreises und des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

Die Goethe-Plakette wird Personen zugesprochen, die durch ihr Lebenswerk in besonderer Weise zur kulturellen Entwicklung des Landes Hessen beigetragen haben, und seit 1949 in unregelmäßigen Abständen verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Max Horkheimer, Paul Hindemith, Carl Orff, Theodor W. Adorno, Marcel Reich-Ranicki, Eva Demski und Emil Mangelsdorff. / hr

95. Hinterm Prellbock auf der Niemandsschneise

Die poetische Umrundung der Welt führt die Leser von OSTRAGEHEGE diesmal über Russland (Olga Sedakova), Tschetschenien (Apti Bisultanov) und Kolumbien (Alberto Vélez) nach Leipzig (Thomas Böhme) und Berlin (Kerstin Hensel und Daniela Seel). Nico Bleutge, der Daniela Seel in der Rubrik „Junge deutschsprachige Lyrik“ vorstellt, konstatiert auch für deren Dichten die Überwindung von Fremdheitserfahrungen: „Am Anfang kann eine ,abstoßung’ stehen, ein Eingang, die ,dämmerung’ … Die Welt, die so vor den Augen und Ohren Gestalt und Laut gewinnt, ist gleichermaßen real und künstlich, eigen und fremd …“

Gleich an zwei Stellen dieser Ausgabe wird der im Frühjahr erschienenen Anthologie sächsischer Gedichte „Es gibt eine andere Welt“ (Poetenladen Verlag) gedacht. Hans-Peter Lühr nähert sich dabei eher kritisch-euphorisch der Gedichtauswahl an. Der im fernen Montpellier lebende Dichter Ulrich Zieger notiert im Ergebnis eines lustvoll-poetischen Umherwanderns im Buch: „Sing, mei Sachse, sing dein stilles, dein trunkenes Lied hinauf in den Sternenlaich über dem treibenden Mondfisch, brenn Dir aber vorher eine an, denn Sanduhren öffnend steht da der Tod mit dem Glasbläsermund … dort hinterm Prellbock auf der Niemandsschneise.“

(viele Links – durchklicken!)

94. Unverziehen

Im Dezember 1994 erschien mein Gedichtband «Metal». Er enthielt ein auf den 26. Juni 1993 – den Folgetag des Konzerts – datiertes Gedicht namens «Unverziehen», eine Hommage an jenen Tag und an das Metallica-Stück «The Unforgiven». Mir bedeutet das Gedicht noch heute so viel wie damals, denn über seine Aussage hinaus erinnert es mich an eines der schönsten Konzerte meines Lebens. Wenn man sich zurückerinnert, ein Lied wieder hört, was schert es einen da, dass siebzehn Jahre vergangen sind! In jedem Augenblick kann ein Lied, ein Gedicht uns die Zeit zurückbringen. Die ja manchmal nur aus Erinnerung besteht.

Murathan Mungan, Neue Zürcher Zeitung 20.8.

Murathan Mungan wurde 1955 in Istanbul geboren. Nach Anfängen als Dramaturg wandte er sich der Schriftstellerei zu; seit 1980 hat er über 30 Romane, Gedichtbände und Erzählsammlungen veröffentlicht. Auf Deutsch sind von ihm der Erzählband «Palast des Ostens», die Romane «Tschador» und «Städte aus Frauen» sowie der Gedichtband «Metall» erschienen. – Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.