138. Internationales Literaturfestival in Novi Sad

Међународни новосадски књижевни фестивал

Gestern begann das Internationale Literaturfestival im serbischen Novi Sad, das seit 2006 immer im August/September veranstaltet wird. Texte der Teilnehmer werden in der Zeitschrift Zlatna greda veröffentlicht. Während des Festivals wird ein Autor für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Außerdem erhält ein junger serbischer Lyriker den Branko-Preis (Brankova nagrada). Preisträger des Festivals waren bisher u.a. Christoph Meckel, Jean Pierre Faye und Ben Okri.

Unter den Teilnehmern sind Schriftsteller aus Serbien, Polen, Frankreich, Großbritannien, Rußland, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, Belgien, Schweden und Ungarn, aus Deutschland nehmen teil: Michael Krüger, Gerhard Falkner, Kathrin Schmidt, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf und Volker Sielaff.

Heute treten u.a. auf:

  • 18 Uhr: Uljana Wolf, Ulf Stolterfoht, Gerhard Falkner, Volker Sielaff, Kathrin Schmidt und Michael Krüger, Moderation: Iris Radisch. Theater der Jugend
  • 21 Uhr: Lesung auf dem Trg Mladenaca mit u.a. Nohad Salameh (Frankreich / Libanon), Radu Vancu (Rumänien), Volker Sielaff und Uljana Wolf.

137. Widersprüchliche Berichte (etwas mit Phlox)

beck-shop (unbestimmte Zeit, vor Wochen / Monaten oder vorm Jahr):

Cotten / Popp / Rinck

Als wenn es tausend Helme aus Phlox gäbe
Stabigabis Logiken
2010. Buch. ca. 270 S. Kartoniert / Broschiert
Merve Verlag, Berlin ISBN 978-3-88396-292-4

Erscheint diese Woche
vorbestellbar, Lieferung bei Erscheinen
20,00 €

FAZ Anfang Juni 2011:

… wie es in dem soeben erschienenen Band „Helm aus Phlox“ vorgeschlagen wird, einer lustigen, irrwitzig verdrehten und in ihrer scharfsichtigen Reflektiertheit famos erhellenden Poetologie, die mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck fünf der eigenwilligsten und besten jungen Lyriker gemeinsam verfasst haben…

Buchhandlung Scharfe, Greifswald (vergangenen Donnerstag)

Noch nicht ausgeliefert, Ihre Bestellung läuft noch [hab vergessen, zu welchem der beiden Titel]

Goethe-Institut August 2011:

In einem Projekt tauschten sich die fünf jungen Dichterinnen und Dichter Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck über Lyrik und die Kunst, sie zu schreiben aus, begaben sich kollektiv auf Materialsammlung und arbeiteten dann individuell Texte aus. Aus diesem heterogenen, mehrstimmigen Werk ist nun ein Buch geworden. Es heißt Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs.

Ich:

Hat jemand das Ding schon gesehen?

straightdope.com:

I’m quite sure Phlox said, „After two days at the helm, the ship is running perfectly.“

Merve-Verlag 30.8.:

Buch ist angekündigt.*

(Eine weitere Rezension, oder ein Gespräch mit Monika Rinck, im DLF-Büchermarkt vom 22.8.)

*) Gleichzeitig teilt der Verlag eine (Kurz-)Rezension aus der Zeitschrift Das Magazin mit, Juni 2011

136. Nachtrag zu Qinghai

Das Qinghai-See-Festival wird seit 2009 alle zwei Jahre in der Stadt Xining oder am See ausgerichtet (die Stadt liegt 100 km östlich vom See, die Berichte scheinen nicht sehr genau). Eine Tourismus-Seite wirbt, Qinghai sei „one of the olddest birthplace for poem“.

Wikipedia weiß, daß 29 Flüsse in den See strömen (vor den 60er Jahren sogar 108). Wikipedia Deutsch erwähnt, daß 108 im Tibetischen eine heilige Zahl ist. Die englische Version spricht davon, daß hier einer der Herde der asiatischen Vogelgrippe war, die französische ergänzt die Information um ein berüchtigtes Zwangsarbeitslager und daß hier die chinesische Atombombe herkommt, plus Urananreicherung plus Atommüll. (Anscheinend sollen die Dichter helfen, das Image der Region aufzuwerten.)

Der Name des Sees ist auf Tibetisch mTsho sngon po und Mongolisch Köke Naγur, wovon der historische Name Kukunor stammt. Pierers Lexicon weiß:

Die Kukunormongolen durchstreifen meist als Nomaden ihr wildes Gebirgsland, in welchem die Quellbezirke des Hoangho u. Yantsekiang liegen.

Viel ist von der sakralen Bedeutung des Sees zu erfahren, wenig von der behaupteten poetischen. Der finnische Dichter Lauri Viita (1916 – 1965) veröffentlichte 1949 den Band „Kukunor“ (1973 und 1989 wurde er in Finnland verfilmt. Kukunor heißt dort ein Troll.). Viita ist ein wichtiger finnischer Dichter, aber ob in China bekannt? Google findet ein Buch in kyrillisch geschriebenem Mongolisch: Songs of the Kukunor Mongols / Deed Mongolyn yarüü  düün (Deed Mongolyn yarüü nairgiin deej).  Ulaanbaatar,
2006.  120 pages.  ISBN 978-99929-50-005 $25.00. Eine Teilnehmerliste des diesjährigen Festivals konnte ich aber nicht finden.

Gesponsort wird das Festival von der Regierung der Provinz Qinghai, dem Poetry Institute of China und der Chinese Minority Writers‘ Society. Der Golden Tibetan Antelope – Preis wurde 2009 zum ersten mal vergeben, Preisträger war der argentinische Dichter Juan Gelman.

Bilder einiger Teilnehmer, darunter Bei Dao mit 3 Dichtern und einer tschechischen Lyrikdebatte auf einem Stein im Qinghai-See gibt es hier

Hier eine Luftaufnahme des größten Binnen-Salzsees in China

Vgl. L&Poe 2011 Aug #77. Uninspiriert / 134. Für die „Reinheit der Poetik“

 

135. Beiwerk von Beiwerk

Höchstens die Audio-CD mit insgesamt 31 eindringlich rezitierten Gedichten wird Gomringers Ansatz gerecht, denn die Flüchtigkeit der Poesie verdeutlicht sich noch am ehesten im mündlichen Vortrag – der tilgt auch die Holprigkeit, mit der sich viele der Verse lesen. …

Herausstechend sind einige wenige Texte, die nicht so recht aus der Luft gegriffen sind, auch mal über sich selbst hinausweisen und damit zwar wie so vieles einen Widerspruch zur Gesamtkonzeption des Bandes aufklaffen lassen, dafür immerhin interessant werden. Vor allem die Texte aus Gomringers Zeit in Russland, namentlich das Langgedicht „Tscheljukinzew Komma“ weisen mal ein paar gelungene Verse, spannende Gedanken auf. Sie verlieren sich jedoch zwischen dem belang- und wahllosen Rest, den Gedichten, die wie die Pfeile auf dem Cover nur auf sich selbst verweisen, als identitätsloses Nebenprodukt. Wenn man also diese „Nachrichten aus der Luft“ als Experiment gelten lassen will, so höchstens als eines, das in der Praxis seinen theoretischen Ausgangspunkt widerlegt, seine eigene Überflüssigkeit überdeutlich beweist. Was nach dieser Erkenntnis von den Texten nachhaltig zurückbleibt, ist vielleicht ein Trivialfund wie „inniglich tippt sich honiglich mit / Worterkennung“. Aber selbst das ist nur fades Beiwerk von Beiwerk. / Kristoffer Cornils, fixpoetry.com

Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2010.

134. Für die „Reinheit der Poetik“

„Ein Gedicht, in dem Rhythmus, Syntax und Struktur klar sind, hat sein eigenes moralisches Verantwortungsbewusstsein“, so Poet Tomas Venclova aus Litauen auf der Abschlusszeremonie des Qinghai Lake Poetry Festival am Donnerstag. Venclova wurde mit dem Golden Tibetan Antelope Award ausgezeichnet, dem höchsten Preis des Festivals.

Tu An, ein 88-jähriger chinesischer Poet und Vize-Präsident des Chinesischen Instituts für Poetik, sagte, die Leute machten einen Fehler, wenn sie versuchen, die poetischen Traditionen zu verändern. Zeitgenössische chinesische und ausländische Poetik sei voll von „vulgären Gedichten, die Verfall, Gewalt und Wolllust beinhalten“.

Doch das Qinghai Lake Poetry Festival wurde für die Auszeichnungen gelobt, die an solche Poeten verliehen wurden, die nicht eine solche Sprache verwenden. „Die Tatsache, dass der höchste Preis des Festivals an einen europäischen Poeten ging, zeigt, dass China offen für den Kulturaustausch ist“, so Petr Borkovec, ein junger tschechischer Poet. Venclova, der bekannt ist als einer der größten lebenden europäischen Poeten, erklärte, Poetik sei die Essenz der menschlichen Sprache. „Sie kann weltlich sein, aber nicht vulgär“, meint er. …

Viele chinesische und ausländische Poeten appellierten auf dem Festival an ihre Kollegen und Leser, die „Reinheit der Poetik“ aufrechtzuerhalten.

133. Klickfrucht

an alle die sich für das Ende der Welt interessieren

Loren Madsen, ein Künstler aus den Staaten, hat
in dieser Arbeit alle bis anhin, angekündigten
Weltuntergänge sorgfältigst aufgelistet.

link: pick a year to begin the end

132. In Brueterichs

Kirche der 1000 Tage eine Gastpredigt von Christian Filips.

131. Sommer am See

Im Nordkurier veröffentlicht Margret Franzlik eine Erinnerung an einen Aufenthalt von Wolfgang Hilbig und Gert Neumann am mecklenburgischen Tollensesee, Sommer 1969.

130. Knaggisch, schaddisch, plaggisch

„Knaggisch, schaddisch, plaggisch, naggisch“. Was das ist? Eine Beschreibung, „wie die Bääm sichs Johr üwwer verännere“. Ein Gedicht von Gerd Dudenhöffer, dem Mann, der den meisten bekannt ist als Heinz Becker. / Susanne Müller, Wormser Zeitung

129. Auszeichnung

In den Tagen des arabischen Frühlings, der täglich Menschenopfer fordert, klingen diese frühen Zeilen natürlich vage und geradezu enthaltsam, weswegen Adonis’ Auszeichnung auch gelegentlich kritisiert wurde. Doch der Dichter kann auch anders. Um das zu zeigen, zitierte Sartorius einen Artikel, der vor drei Monaten in der Londoner Tageszeitung „Al-Hayat“ erschien: Die Arbeit der revolutionären Bewegungen werde „erst abgeschlossen sein, wenn Rechtsprechung, Bildungswesen und Sicherheitsapparat vollständig und umfassend von der Politik entkoppelt werden, wenn die Frauen ihr vollständigen bürgerlichen Rechte erhalten, bei absoluter Gleichstellung mit ihren männlichen Mitbürgern.“

In der Lyrik erklingen solche Töne natürlich nicht, und deswegen hob Sartorius Adonis’ Hoffnung auf „einen befreiten Islam“ hervor, „der die heutigen Imame entmachtet und an die unkonventionellen vorislamischen Denker des frühen Mittelalters anschließt“. / Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse zur Verleihung des Goethepreises an den Dichter Adonis

128. 47 Mesostics on Allen Ginsberg

Im zweiten Teil der Lesung trug U We Claus seine „47 Mesostics on Allen Ginsberg“ in englischer Sprache vor. Als der Autor im April 1997 vom Tod des Dichters der Beat-Generation in den USA erfuhr, schuf er als eine Art „persönlicher Trauerarbeit“ 47 Gedichte. Diese entstanden aus einer Rede Ginsbergs im August 1993 zu seiner spirituellen Entwicklung. Claus wählte für seinen poetischen Nachruf die alte Form des Mesostichons, bei dem in einem Gedicht eine senkrechte Buchstabenreihe einen Begriff ergibt, in diesem Falle „Allen Ginsberg“. / Mainpost

127. Falb lesen

Wenn ich Falb lese, dann mache ich das in großen Zügen. Fünf, manchmal zehn Gedichte hintereinander. Manchmal den ganzen Band. Renne von einer Szene in die nächste, ohne Luft zu holen. Sehe ihrem Entstehen und Auflösen zu, beobachte mich beim denken. Und ich kann beruhigt sagen, dass die Zeit, die ich mit diesen Texten anfülle, ausgefüllt ist. Dass bei ihren unberechenbaren Bewegungen, bei ihrem lässigen Alles-oder-Nichts dabei zu sein, schön ist.

Um es mit Falb zu sagen:

»führ bitte die raupennummer / noch einmal auf, vor den rabatten. Ausatmen. gib mir alles.«

/ Andreas Bülhoff, litlog.de

126. Herz & Hirn

Robert Gernhardt erzählte gern, er habe eine zutiefst traurige Kindheit hinter sich. Im Schwimmbad sei er kein Adonis gewesen, wenn besser gebaute Jungen mit den Mädchen flirteten, war er auf dem Handtuch mit einem Gedichtband nur Zaungast. Später schrieb er selbst Gedichte, in denen das Jugendtrauma konserviert ist. „Ist das Herz auf dem Sprung, ist das Hirn auf der Hut/ Springt das Herz in die Luft, greift das Hirn nach dem Schirm/ Schwebt das Herz himmelwärts, spannt das Hirn seinen Schirm/ Stürzt das Herz auf den Schirm, ist das Hirn obenauf:/ Siehste, mein Lieber. Immer schön auf dem Teppich bleiben!“ / Roland Mischke, Welt am Sonntag

125. Goethepreis für Adonis

Dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis ist in Frankfurt/Main der Goethe-Preis verliehen worden. Die Jury ehrte ihn dafür, „die Errungenschaften der europäischen Moderne in den arabischen Kulturkreis getragen“ zu haben.

Adonis ist bekennender Laizist und überzeugt, dass nur die Säkularisierung der Gesellschaft die arabische Kultur und Politik weiterentwickeln kann. Dem Wochenblatt „Die Zeit“ sagte er 2002: „Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.“ Seine Poesie in seinen Büchern, Artikeln und Vorträgen versteht er als zivilisatorisches Kulturprojekt, das in der Lage ist, die arabische Geschichte neu zu schreiben und zu definieren.

Inzwischen pendelt Adonis zwischen Paris und Beirut. Ost und West, glaubt Adonis, begegnen sich vor allem durch Kunst und Poesie. Das ist ganz im Sinne Goethes, der bereits zu seiner Zeit erkannte: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Aber Adonis erkennt, dass „Ost oder West zwei Begriffe sind, die mehr ideologisch als geographisch auseinander gehen“.

/ Lina Hoffmann, Deutsche Welle

124. Preis für Elke Erb

Am 26. August 2011 wurde im Rahmen des 31. Erlanger Poetenfests der vierte Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung verliehen.

Aus der Laudatio auf Elke Erb von Ilma Rakusa:

Elke Erb hat ein selten feines Ohr und ein Ethos, das beeindruckt. Ein Wortethos. Man muss ihr nur beim Reden zuhören, wie sie die Worte wählt, wie sie es schafft, erfinderisch, um der Sache gerecht zu werden. Was dabei entsteht, ist ein Elke-Idiom, unverwechselbar und wahr, denn Elke Erb ringt nicht nur um den richtigen, sondern um den wahren Ausdruck. Das meint Wahrhaftigkeit mit allem Drum und Dran, andere mögen es Authentizität nennen. Und wie, bitte, geht das mit dem Übersetzen zusammen, wo nicht die eigene, sondern eine fremde Stimme im Vordergrund steht? Elke Erb sieht es als ihre Aufgabe an, jeder sprachlichen Wahrhaftigkeit auf den Grund zu gehen, so gründlich, dass sie diese Wahrhaftigkeit neu formulieren kann.

Wir wissen und bewundern es: Neben ihrem umfangreichen eigenen poetischen Werk hat Elke Erb viel übersetzt, vor allem aus dem Russischen: Gedichte und Prosa von Marina Zwetajewa, Verse von Alexander Blok, Boris Pasternak und Olga Martynova, ein dramatisches Poem von Sergej Jessenin, Romane und Gedichte von Oleg Jurjew, außerdem den schwierigen Weißrussen Ales Rasanau, der mit seinen Poemen, Versetten, aphoristischen „gnomischen Zeichen“ und haikuartigen „Punktierungen“ eigene Genres entworfen hat. Daneben hat Elke Erb – aufgrund von Interlinearübersetzungen – auch aus fernen oder ihr wenig geläufigen Sprachen nachgedichtet: etwa das wunderbare georgische Versepos Wis und Ramin oder (in jüngerer Zeit) Verse der Deutsch-Amerikanerin Rosmarie Waldrop.  / Literaturblog Bayern