123. Das süße Weinen und die Revolution

Valeri Scherstjanoi liest Alexej Krutschonych

1) Das süße Weinen 2:04

Auch wer weder Russisch noch Sa-umnisch beherrscht, kann deutlich hören, wie der rauhe „Tsara“ in das Süßholzgeraspel der Poesie einbricht (bei 0:16). Nicht nur Belyj, auch der feine Herr Kandinsky erschrickt da. Außerdem, wie sich die Matrosen von Kronstadt in die Politik einmischten.

Das süße Weinen

Сладкий плач

Зайкли
уня
нове меньга най ое!
без пличь незьмя
мзень!
ах – хо – цлью!
тсара
ладой савей
тсвейт!…

[sladkʲij platʃʲ

sajklʲi
unʲa
nɔvʲɛ mʲɛnga naj ɔjɛ
bʲɛz plʲitʃʲ nʲɛzʲmja
mzʲɛn
ax xɔ ʦlʲju
tsara
ladɔj savʲɛj
tsvʲɛjt]

2. Tönen der Revolution 1:38

TÖNEN DER REVOLUTION

Das Orkan-Gebrüll redet in der Sprache von Sturm und Gekreische: Pfeifen, Entsetzen einflößend (A. Krutschonych). Und die Symbolisten? Und die Vergangenheitler? Ächzen und Stöhnen!

„… wir, entflammt, atmen auf
Werden idiotisch schwach“. (A. Belyj)

Und bei uns?
… Vorwärts
Singend und pfeifend!
„Es gibt noch gute Buchstaben
Эр
Ша
Ща“

[ɛr ʃa ʃʲːa ]

W. Majakowski, „Befehl an die Armeen der Künste“)

Man muss mit stachligen Lauten reizen und brennen.

Aus:

Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
ISBN 978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro

Weitere Beiträge:

Ältere Aufnahmen

122. Light verse

Zum Beispiel James Laughlin. Geboren 1914, gestorben 1997. Erbe einer Pittsburgher Stahl-Dynastie und deshalb finanziell unabhängig. Neben der Damenwelt und dem Skifahren widmete er sich ausgiebig der Lyrik, gründete mit New Directions einen der wichtigsten Verlage für US-amerikanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Beeinflusst unter anderem von William Carlos Williams, prägte er den light verse mit, eine Schule der Dichtung, die vorgibt, sich ganz alltäglichen, geradezu unscheinbaren Dingen zu widmen, um daraus jedoch ungeahnt hellsichtige Wendungen zu zaubern.

In dem nun vom Leipziger Literaturverlag herausgebrachten Band Dylan schrieb Gedichte hat die Autorin Christine Pfammatter letzte Gedichte Laughlins sorgsam zusammengestellt und erstmals ins Deutsche übertragen. / Marc Ottiker, Freitag

Dylan schrieb Gedichte James Laughlin ausgewählt und übersetzt von Christine Pfammater, Leipziger Literaturverlag 2011, 136 S., 19,95 €.

 

121. Macho trifft Feministin

Eva Glawischnig: Ich habe manchmal den Eindruck, Feminismus wird wie eine Keule gegenüber Frauen verwendet, und es wird überhaupt nicht hinterfragt, was der Kern ist. Für mich ist Selbstbestimmung der Kern des FeministischSeins. Allerdings glaube ich auch, dass Männer sehr wohl bestimmten Geschlechterrollen unterliegen, auch teils zwangsweise, und auch sie sollten sich zur Wehr setzen. Ist es nicht auch ein Klischee – der einsame Wolf, der Literat?

Wolf Wondratschek: Ich habe mich nie als einsamen Wolf stilisiert. Carmen, mein großes symphonisches Gedicht, ist die Klage einer Frau über die Schwäche der Männer. Die fürchtet nicht die Diktatur der Stärke, sondern die Diktatur ihrer Schwäche. In meinen Romanen, Erzählungen und Gedichten ist die Frau stark, und die Männer sind oft kläglich, kleinlich, lächerlich, schwach. Natürlich usurpieren sie seit Menschengedenken die Macht. Die Frauen müssten nur abwarten, bis dieses ganze Getue in sich zusammenbricht.

/ LISA NIMMERVOLL, Der Standard

120. Hilbig. Eine Erinnerung

Für das Portrait „Hilbig. Eine Erinnerung“ von Siegfried Ressel trafen sich Freunde und Weggefährten des Dichters in der leeren Schalterhalle des Bahnhofs Meuselwitz. Hier im thüringischen Industrieort Meuselwitz wurde Hilbig am 31. August 1941 geboren, hier wuchs er vaterlos auf, lernte Bohrwerkdreher. Hier in „M“, wie Hilbig oft schrieb, wurde er Heizer und begann zugleich Weltliteratur zu schreiben. Eine faszinierende wie katastrophisch verlaufende Künstlerbiographie nahm hier ihren Lauf.

Der Literaturredakteur des Hessischen Rundfunk, Karl Corino, bekam 1977 von Wolfgang Hilbig aus Meuselwitz, DDR, ein paar Gedichte und Kurzgeschichten zugesandt. Corino: „Ich weiß noch: vor meinem Fenster blühte ein Frühkirschenbaum, und ich wusste schlagartig nach der Lektüre dieser Texte: Ein neuer bedeutender deutscher Autor.“ / 3sat

119. In Hagen was los

Anfang September zeigen mehrere Filme das Leben und Werken des Bühnenpreisträgers [sic, gemeint ist wohl Büchner – der hat ja auch für die Bühne gearbeitet]. Den mit 13.000 Euro dotierten Ernst-Meister-Preis für Lyrik nimmt zum Jubiläum die Berlinerin Marion Poschmann entgegen. Die Meister-Ausstellung im Museumsplatz 3 ist ebenfalls geöffnet. Im Anschluss an die öffentliche Feier am 3. September findet im Kunstquartier die lange Hagener Nacht der Poesie statt. Zahlreiche Autoren präsentieren sich und ihre Texte [sic]. / 107,7 radio hagen

118. Wenn die Waffen heulen oder Warum Sa-um-Gedichte „ordentliche“ Titel haben

1. Valeri Scherstjanoi erläutert das Prinzip der Sa-um-Texte Krutschonychs. Er vergleicht sie mit Kurt Schwitters („aber vermittelt über Daniil Charms“) und spricht über das Leben Krutschonychs und seiner Freunde. 1:08

Textbeispiel:

Тянуткони
Непонятные нони,
Зверь испугался
Откуда галь ся.

2. Scherstjanoi liest das Gedicht „Wenn die Waffen heulen“ (S. 34) und erklärt, warum die Sa-um-Gedichte einen Titel in „Normalsprache“ haben müssen (hierin Ernst Jandl nicht unähnlich). 0:59

Когда плачут оружия

ЫЙЫЧ ФПВК ГНЕП ГНЕК УШАМАС
УШАННЫАХ ВАДЖ ВАСАМСАНХ – ТУЗОЦ ЭЦЗ
ЦДЯЩ ЗДУЖ ВАНГУБУГШ!
ГВЕЧИУЫИОПТ ОШ БЛТИГПБД!
ГУДЛЯЧ! ЫЕКСМАП! САП! ПЛЯЧ! ЕШЗУЕК –
щгеушщпаепеп!
асевмавчымаспиампимасисапси.
ИМБМЮТЬБЛОМ ВЕСВЧСВЧЫСМВЯЫЧЬ!!!

[kɔgda platʃʲut ɔruʒʲija
ɨjɨtʃʲ fpvk gnʲɛp gnʲɛk uʃamas
uʃannɨax vadʒ vasamsanx
tuzɔʦ ɛʦz
ʦdʲaʃʲː zduʒ vangubugʃ
gvʲɛtʃʲʲiuɨjɔpt ɔʃ bltʲigpbd
gudlʲatʃʲ ɨjɛksmap sap pljatʃʲ
jɛʃzujɛk
ʃʲːgʲɛuʃʃʲːpajɛpʲɛp
asʲɛvmavtʃʲɨmaspʲiampʲimasʲisapsʲi
imbmʲutʲblɔm
vʲɛsvtʃʲsvtʃʲɨsmvʲaɨtʃʲʲ]

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Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
ISBN 978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro

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Wird fortgesetzt

117. Rhythmus (Charles Olson)

Der Plan für Lyrikwiki Labor ist, philologisches Wissen mit poetologischem zu verbinden, poetologisch von den alten und neueren Normpoetiken bis zu kleinsten Splittern von Autorpoetiken. Aphoristisches Wissen. Labyrinthisches Wissen. In ein, zwei Jahren sollte das Labyrinth gefährlich werden können. Eine Ahnung davon kann es jetzt schon vermitteln. Klicken Sie sich durch. Oder noch besser, machen Sie mit. Gern auch in eigener Sache. Erste Fremdbeiträge gibt es schon, hier zum Beispiel.

Hier der neuste Eintrag, eine Lesefrucht aus dem letzten Schreibheft:

Wie Blut ist, wie Fleisch, mag sein
ist sie, selbst ein Heim, und beweglich
bewegt sich in der Makellosigkeit
um klar zu sein, klar! zu sein
denn, was ist Rhythmus
wenn nicht ihre Sichtbarkeit?

Aus: Charles Olson: Für Sappho, zurück. Deutsch von Uljana Wolf. In: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur 77 / 2011, S. 11.

As blood is, as flesh can be
is she, self-housed, and moving
moving impeccability to be
clear, clear to be
as, what is rhythm but
her limpidity?

Aus: For Sappho, Back, In: Charles Olson: Selected Poems‬. Ed. Robert Creeley‬. ‪University of California Press, 1997‬, S. 22

116. From San Francisco to Your Living Rooms: The Nothing Is Hidden Reading Series

BY HARRIET STAFF*)

Genine Lentine runs the Nothing Is Hidden reading series in San Francisco. Of the series, she writes:

Nothing Is Hidden is a monthly series of readings, screenings, and artist talks that celebrates the 40th anniversary of Shunryu Suzuki’s classic book Zen Mind, Beginner’s Mind and features writers and artists whose work embodies the robust compassion and engaged curiosity at its heart. This series has a very minimal budget and thrives on the generosity of the speakers themselves who forego their customary honorarium for the very modest one we are able to offer, based on the proceeds come from the door. What it has in abundance is an amazing roster of speakers and an extremely attuned and appreciative audience. The series has included writers, filmmakers, and artists such as Jennie Livingston, Alix Lambert, Rebecca Solnit, Joe Loya, Harrell Fletcher, Nick Flynn, Frances Richard, Dacher Keltner, Naomi Shihab Nye, Marie Howe, Mark Doty, Walter Murch, and Lydia Davis.

The next reading, which takes place this Friday, August 26th, will feature Matthews Zapruder and Dickman. What’s better? You can watch it in Ashtabula, OH, if that’s where you live, because it is being livestreamed! 10:30 EST!

And this reading has the theme of “Disaster Preparedness.” According to Lentine:

Also, a new development for this reading we will have a theme of disaster preparedness and we will actually be constructing small kits for everyone who comes. And we are making letterpress broadsides that have a poem by each of them (Zapruder and Dickman).

I’ve always liked the idea of having public service announcements at poetry readings, partly playing with the perception of poetry as something frivolous or “extra.” There would be a sense of how poetry concerns itself with uncertainty, but that Unknowing doesn’t have to mean Unprepared! And that many people think that preparing a disaster kit is a good idea, but many people do not actually get around to doing it. So my hope in this reading is to give people a start and they can build theirs from there. We will also have information from organizations such as 72 hours.

The San Francisco Zen Center, which hosts the series, can be found here.

Speaking of those broadsides: here are two videos of Annemarie Munn reading Dickman’s “Grief” and Zapruder’s “Pocket” while printing them!

*) Harriett ist der Blog der Poetry Foundation

115. Herta Müller liest

An den Gedichten des Österreichers Theodor Kramer (1897-1958) lobt Müller die konventionelle Ruheform der Strophen und die melodische Rhythmik, hinter welcher sich der eigentliche traurige Inhalt verberge. In seinen Gedichten behandelt der jüdische Lyriker seine eigene Angst und Emigration in der Zeit des Dritten Reiches. Der melodische Rhythmus seiner Gedichte beschwört eine Selbstverständlichkeit, die seiner Zeit genommen wurde. Müller habe seine Lyrik schon in der Jugend geholfen, sich u. a. von ihrem Vater gedanklich abzugrenzen. Wenn ihr Vater, ein ehemaliger SS-Soldat, manchmal in alkoholisierten Rückfällen Nazilieder grölte, fühlte sie sich eher der Trauer der Gedichte Kramers verbunden.

Im Werk des Schriftstellers Jürgen Fuchs (1950-1999) stellt Müller eine Nähe zum Nicht-Gesagten heraus, die beinahe dokumentarisch eine Realitätstreue durchhalten würde: „Wenn Jürgen Fuchs erzählt, wird das Banale erregbar. Jede Winzigkeit kriegt ihren eigenen, antastbaren Nerv.“ Bei M. Blecher (1909-1938) betrachtet es Müller als radikal, dass Gegenstände auf ungewöhnliche Weise erotisiert wahrgenommen werden und dadurch auch im Verständnis des Lesers eine neue Bedeutung gewinnen. /  Ansgar Skoda, campus-web.de

Herta Müller – Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel
Verlag: Hanser
Erschienen: März 2011 
ISBN: 9783446235649 
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 255
Preis: 19,95

114. Hygiene des Halses

Marinetti: Der Krieg ist die Hygiene der Welt

Krutschonych: Sa-um ist die Hygiene des Halses

Valeri Scherstjanoi liest und erklärt Alexej Krutschonychs Sa-um-Gedicht „Die Kehle“

Горло

рахам
мах – раха
мойла хар
рахам мхе
матоха
трухан – лум
мул
хал

Mehr hier:

Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
ISBN 978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro

(S. 34)

Wird fortgesetzt

113. Unvollkommenheit der Sprachen (Mallarmé)

Neu im Lyrikwiki Labor

Die Sprachen, unvollkommen insofern, als sie mehrere sind und die erhabenste fehlt: da Denken ein Niederschreiben – ohne Zubehör noch Flüstern, sondern verschwiegen noch – der unsterblichsten Rede ist, hindert die Verschiedenheit, auf Erden, der Idiome jedermann, die Worte auszusprechen, die andernfalls, durch eine einmalige Prägung, sich stofflich als die Wahrheit selbst entdeckten. Dieses Verbot wütet ausgedrückt in der Natur (man stößt sich daran mit einem Lächeln), daß kein Grund ausreicht, sich als Gott zu betrachten; zur Stunde aber Ästhetischem zugewandt, bedauert mein Empfinden, daß die Rede versagt, wenn sie die Gegenstände durch Anklänge auszudrücken sucht, farbliche oder was die Gebärden angeht, die im Instrument der Stimme, unter den Sprachen und manchmal in einer vorhanden sind. Neben „ombre“ [Schatten], undurchsichtig, dunkelt „ténèbres“ [Finsternis] wenig; welche Enttäuschung vor der Perversität, die „jour“ [Tag] wie „nuit“ [Nacht], widersprüchlich, hier einen dunklen, da einen hellen Klang verleiht. Der Wunsch nach einem glanzvoll strahlenden Ausdruck oder, daß er erlösche, umgekehrten; einfache Alternativen des Lichts betreffend – Nur, müssen wir wissen, gäbe es nicht den Vers: er entschädigt, in philosophischer Hinsicht, den Mangel der Sprachen, höheres Komplement.

Befremdliches Arkanum; und aus nicht minderen Bestrebungen entsprang die Metrik in den Zeiten des Ausbrütens.

Eine mittlere Ausdehnung von Wörtern reihe sich, unter der Umfassung des Blicks, zu endgültigen Strahlen, und dazu das Schweigen.

Aus: Stéphane Mallarmé: Verskrise. In: Sämtliche Dichtungen. Französisch und deutsch. Mit einer Auswahl poetologischer Schriften. München, Wien: Hanser 1992, S. 282. (Übersetzung der Schriften von Rolf Stabel)
Les langues imparfaites en cela que plusieurs, manque suprême : penser étant écrire sans accessoires, ni chuchotement mais tacite encore l’immortelle parole, la diversité, sur terre, des idiomes empêche personne de proférer les mots qui, sinon se trouveraient, par une frappe unique, elle-même matériellement la vérité. Cette prohibition sévit expresse, dans la nature (on s’y bute avec un sourire) que ne vaille de raison pour se considérer Dieu; mais, sur l’heure, tourné à de l’esthétique, mon sens regrette que le discours défaille à exprimer lés objets par des touches y répondant en coloris ou en allure, lesquelles existent dans l’instrument de la voix, parmi les langages et quelquefois chez un. A côté d`ombre, opaque, ténèbres se fonce peu; quelle déception, devant la perversité conférant à jour comme à nuit, contradictoirement, des timbres obscur ici, là clair. Le souhait d’un terme de splendeur brillant, ou qu’il s’éteigne,  inverse; quant à des alternatives lumineuses simples – Seulement, sachons n’existerait pas le vers : lui, philosophiquement rémunère le défaut des langues, complément supérieur.

Arcane étrange; et, d’intentions pas moindres, a jailli la métrique aux temps incubatoires.

Qu’une moyenne étendue de mots, sous la compréhension du regard, se range en traits définitifs avec quoi le silence.

Aus: Stéphane Mallarmé: Crise de vers. In: Œuvres  complètes. Hg. v. Henri Mondor u. G. Jean-Aubry. Paris 1945 (Bibliothèque de la Pléiade), S.363f.

Literaturempfehlung

  • Hans-Jost Frey: Vier Veränderungen über Rhythmus. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Engeler Editor, 2000.
  • Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Von Baudelaire bis zur Gegenwart. 1. Hamburg: Rowohlt 1956, Die 2. erw. Neuausg. mit verändertem Untertitel „Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts“ wurde jahrzehntelang neu aufgelegt.

Anmerkung

Mein Exemplar der Œuvres  complètes stammt aus dem Nachlaß des Romanisten Hugo Friedrich, erworben 2009 in der Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg / Breisgau. Es trägt den handschriftlichen besitzvermerk: H. Friedrich, Juli 1952, Frbg. Die zitierte Stelle wurde mit Bleistift angestrichen.

112. Rose-colored

Terms Most Useful in Describing Creative Works of Art
John Baldessari
1966-1968

Museum of Contemporary Art
La Jolla, CA

/ rose-colored.tumblr.com

more boring art

 

111. Spiegelungen 2 / 2011 erschienen

Im Heft 2/2011 der Vierteljahresschrift Spiegelungen, die im IKGS Verlag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) erscheint, werden Pläne der Kommunisten und anderer rumänischer Parteien 1945/46 dokumentiert, die „günstige“ Situation zu nutzen, um die Deutschen auszusiedeln.

Für die von ihm redigierte Rubrik „Literarische Texte“ hat Peter Motzan diesmal Prosa ausgewählt, „Im Russenhaus“ von Richard Wagner, dazu Lyrik der derzeit in Mainz lebenden, deutsch schreibenden Ukrainerin Marjana Gaponenko, geb. 1981, und Gedichte von Ioan Radu Văcărescu, die Joachim Wittstock aus dem Rumänischen übertrug. In seiner Studie „Überraschung (Unberechenbarkeit) und Provokation als poetische Maximen“ stellt der Literaturwissenschaftler Prof. em. Dr. Volker Hoffmann (München) Gemeinsamkeiten der Poetik und Lyrik Franz Hodjaks, geb. 1944 in Hermannstadt, und Paul Wührs, geb. 1927 in München, heraus. Die Idee des modernen Fortwirkens der Genieästhetik des Sturm und Drang, die „Normabweichung auf allen denkbaren Ebenen“ intendierte, liegt der erhellende Einsichten bietenden Untersuchung zugrunde. / Siebenbürgische Zeitung

Auslieferung, Vertrieb und Abonnementbetreuung erfolgt über: Intime Services GmbH, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon: (0 89) 85 70 91 12. Preis: Einzelheft 6,15 Euro (zuzüglich Porto und Versand, Abonnement 22,50 Euro (einschließlich Porto und Versand).

110. Lustmacher

Im Herbst erscheinen im Verlag Voland & Quist auch zwei Bücher der Autorin, die die schweizerische und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und ihre Kindheit in Wurlitz bei Rehau verbracht hat. Der neue Lyrikband fasst ihre vier ersten Bücher zusammen, die andere Publikation „Ich werde etwas mit der Sprache machen“ enthält Essays und ihre Kolumnen, die sie für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung verfasst hat.

… Ein intensives Erlebnis sind ihre Live-Performances. Mit all ihren Texten und Gedichten tritt die selbstbewusste junge Frau auf – sehr lebhaft, sehr lustig, auch leicht und dann doch mit erstaunlicher Dramatik. „Ich habe schon so ein paar Hämmer dabei“, sagt sie. Da gefriert den Zuhörern das Lachen in der Kehle – „aber vom Gefühl her werde ich als Lustmacher beschrieben. Ich mache Lust auf Sprache und auf Lyrik.“ …

Im Herbst erhält die Lyrikerin den Jakob-Grimm-Preis, weil sie einer neuen Form des Dichtens – eben dem Poetry Slam – in Deutschland zur Popularität verholfen hat. Sie ist dann mit Abstand die jüngste Ausgezeichnete. Für Gomringer ist das der höchstdotierte und der „seltsamste“ Preis, den sie je erhalten hat. „Denn er wird nicht für Literatur, sondern für das Engagement für die deutsche Sprache verliehen.“ Nun erscheinen ihre Bücher übersetzt in zahlreichen Ländern. „Klar habe ich mir Deutsch als Sprachheimat gesucht. Aber ich schreibe auch auf Englisch, das ist mir sehr wichtig.“ / Nürnberger Nachrichten

109. Scherstjanoi liest Krutschonych

Die russische Lyrik der Moderne ist dem deutschen Leser in zahlreichen Einzelausgaben und Anthologien vorgestellt worden. Wir konnten Ossip Mandelstam und Anna Achmatowa lesen, Alexander Block und Sergej Jessenin, Marina Zwetajewa und Daniil Charms. Von den Futuristen wurden Wladimir Majakowski und Welemir Chlebnikow in Werkausgaben präsentiert. Lücken gibt es immer (haben wir auch in unserem Erinnern an deutsche Lyrik nicht zu knapp). Eine  solche Lücke ist das Werk des Futuristen Alexej Krutschonych (1886-1968). Auch in den einschlägigen Anthologien ist er knapp oder gar nicht vertreten. Dabei war er Mitverfasser der futuristischen Manifeste und zusammen mit Chlebnikow der Erfinder der Sa-um-Sprache, er schuf das erste Gedicht in dieser Dichtart.

Während der diesjährigen Buchmesse in Leipzig präsentierte der Verlag Reinecke & Voß unter dem Titel „Vergessene Großmeister der Moderne“ am 19.3. Neuerscheinungen von Aloysius Bertrand („Gaspard de la nuit“) und Alexej Krutschonych („Phonetik des Theaters“). L&Poe präsentiert hier und in den nächsten Tagen zunächst die Lesung Scherstjanois.

Ich beginne mit dem ersten und einem weiteren Sa-um-Gedicht Krutschonychs, die Valeri Scherstjanoi einleitend las.

Krutschonych verfasste 1912 das Sa-um-Gedicht Dyr bul stschyl:

Zaum Transliteration
Дыр бул щыл
убещур
скум
вы со бу
р л эз
Dyr bul shchyl
ubeshchur
skum
vy so bu
r l ez

(aus der englischen Wikipedia – dort und in der russischen Version gibt es mehr Links als in der deutschen)

In dem für uns mißverständlich Phonetik des Theaters betitelten Buch sieht Krutschonych den Dichter als Akteur einer theatralischen Inszenierung. Die sa-umnische Sprache erlaube dabei „die Worte entsprechend einer bestimmten phonetischen oder einer anderen Aufgabe zu zerbröckeln. Das Wort wird biegsam, schmelzbar, schmiedbar und dehnbar.“.

Die neue Sprache wird „zu einer emotionalen Begleitung“  der Stummfilmkunst und „strebt danach, international zu sein, wie das Film-Theater“.

Literatur:

Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
ISBN 978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro

Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus, 160 S.,
Matthes & Seitz Berlin, Mai 2011,
ISBN 978-3882216189

Valeri Scherstjanoi: lauter scherben: texte zeichnungen chronik
Books on Demand
EUR 18,80

Hier gibt es Bücher russischer Futuristen als Pdf

Vgl. hier

Scherstjanoi in L&Poe