In der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg feiert die Berliner Literaturwerkstatt ihren zwanzigsten Geburtstag. Hunderte Besucher sind gekommen. Es herrscht Volksfeststimmung zwischen den Ständen der Kleinverlage, dem Bio-Crêpe-Wagen und einigen ‚lyrischen Installationen‘: Etwa einer Bodenplatte, auf der Kinder durch wildes Herumhüpfen einzelne Tonbandzeilen aus Ernst Jandls Ottos-kotzender-Mops-Gedicht auslösen.
Eine Jandl-Bodenplatte für Kinder, Bio-Crêpes und das Projekt eines Beschwerdechors: Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahren ist die Literaturwerkstatt immer besser darin geworden, sich zur Stadt hin zu öffnen, gern auch populäre Wege zu ihrem sperrigen Arbeitsbereich Poesie aufzuschließen. Unter den fünf großen Literaturinstitutionen Berlins wirkt sie oft wendig und trendbewusst. Es liegt am Faible ihres Leiters Thomas Wohlfahrt für die Projektemacherei, dass die so lebendige Szene der deutschen Lyrik in der Literaturwerkstatt einen wichtigen Ausgangspunkt finden konnte. Und es liegt auch am Ideenreichtum des langjährigen Teams, wenn an einem Abend wie diesem Poesie in Berlin ein derart großes Publikum interessieren kann. / Florian Keßler, Süddeutsche 19.9.
Der 1972 in München geborene Lyriker Nico Bleutge wird mit dem Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Die gleichnamige Gesellschaft und die Stadt Eckernförde verleihen den mit 10000 Euro dotierten Preis während der Wilhelm-Lehmann-Tage am 19. November zum zweiten Mal. / Süddeutsche 17.9.
Die Kritiker der Popmusik sind leichthändig in der Lage, ganze Traditionsketten einzelner Riffs und überaus subtile Unterscheidungen von Milieu-, Zeit- und Epochenstilen aus dem Ärmel zu schütteln. Sie kennen sich aus in den Genealogien der Sounds, der Kompositionen und der Besetzungslisten. Und so sind nicht nur die Kritiker: Wenn irgendetwas die gegenwärtige Popmusik zu beseelen scheint, von Lenny Kravitz über Adele bis zu Kitty, Daisy & Lewis, ist es der Geist des Archivs. …
Aber wenn in der Literaturkritik ein Rezensent historische Linien zieht oder gar begrifflich argumentiert, mokiert sich darüber garantiert irgendjemand, bevorzugt in einem der großen Organe der Volksaufklärung. Und wenn eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff einen Roman wie ‚Blumenberg‘ schreibt und darin erkennen lässt, dass sie nicht nur gern Umgang mit der Philosophie und der romantischen Literaturtradition pflegt, sondern sich darin auch auskennt, dann wird sie sofort, und mit tödlicher Sicherheit, dem Typus ‚hochliterarischer Liebling der Feuilleton-Germanisten akademischer Prägung‘ zugerechnet.
Denn das Spiel mit den Traditionen der eigenen Kunst ist in der Musik, in der Malerei, im Theater erlaubt. Im Jazz ist es, im kreativen Umgang mit dem ’standard‘, sogar geboten. Aber wer einen lebendigen Umgang mit der Geschichte in der Literatur betreibt, dem wird von den Liebhabern der Authentizität und des Lebens gern das Etikett der ‚Literatur-Literatur‘ angeheftet. Es wurde eigens erfunden, um eine Literatur, die zu erkennen gibt, dass sie weiß, was sie tut und woher sie kommt, zu brandmarken und in das Abseits der Weltuntauglichkeit zu stellen. Lady Gaga darf artifiziell sein, Sibylle Lewitscharoff nicht. / Thomas Steinfeld, Süddeutsche 17.9.
Fast 200 Jahre sind seit der Veröffentlichung von Goethes Doppelband des West-Östlichen Divan (Gedichte / Kommentar) vergangen. Seit 2010 liegt nun erstmals eine vollständige Übersetzung ins Englische vor, meldet Gustav Seibt, Süddeutsche 13.9.:
Es gibt Goethes ‚Divan‘ zum ersten Mal vollständig auf Englisch. Denn das ist die Hauptleistung von Martin Bidney: Er hat nicht nur die Verse, sondern auch die Prosa übersetzt, also auch ‚Notes and Essays for a better Understanding‘. Selbstredend macht er auch hier alles richtig. Den von Thilo Sarrazin gegen den Koran gewendeten Goethe-Satz, dessen Stil sei ’streng, groß, furchtbar, stellenweis wahrhaft erhaben‘, gibt Bidney so wieder: ‚the style is austere, grand, fearsome, and in places truly sublime‘. Das triviale Missverständnis, Goethe habe den Koran ‚furchtbar‘, also ‚terrible‘, genannt, wo es doch um eine ästhetische Feststellung geht, ist damit vermieden – ‚furchterregend‘ ist er.
Im anschließenden Vorlesewettbewerb trugen drei junge Damen „otto mopst“ ein Gedicht von Ernst Jandl vor. / wir im vorgebirge
Zugleich kündet Wagners Metapher vom augenzwinkernden Trotz des Dichters: Er koppelt gern die Schwerkraft, von denen die Ambosse erzählen, mit jenen Sehnsüchten nach Leichtigkeit, die den »kopf beinahe in den wolken« schweben lassen.
Quedlinburger Glocken klingen ihm wie Samt, »um nicht das porzellan der luft zu zerschlagen«. Aber doch Zähmungszeit allenthalben: Schlugen den Poeten früher im Frühling die Bäume aus, so sind es heute Rasenmäher hinter den Kleinstadthecken, die den Mai verkünden, und »im garten jener brunnen voller durst«. Er bedichtet Tiere, Irland und Japan, den Hiddenseer Dezember, den Schlamm des Ersten Weltkrieges, und die Qualle ist dem Poeten eine »lupe, die den atlantik vergrößert«.
Diese Lyrik ist das schöne Selbstanschauungstheater eines Dichters, dessen Skepsis nicht überzeugen, sondern überraschen will. Gedichte, denen dies, »fuß um fuß dem epitaph entgegen«, belebend gelingt. / Hans-Dieter Schütt, ND 16.9.
Poesiealbum 295 (Jan Wagner; hrsg. und ausgewählt von Richard Pietraß) und 296 (Heinrich von Kleist; hrsg. von R. Pietraß, Auswahl: Arno Pielenz). Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 bzw. 30 S., brosch., je 4,90 Euro.
Ökonomisch gesehen ist es keine gute Idee, Dichter zu werden. Abgesehen vielleicht von Billy Collins kann kein amerikanischer Lyriker vom Gedichtschreiben leben. Das liegt daran, daß es praktisch keinen Markt für Lyrik gibt außer den Lyrikern selber.
Zweitens haben sich die Chancen, Gedichte zu veröffentlichen, entscheidend verschlechtert, obwohl sie schon vorher nicht gerade berauschend waren. Die großen Verlage interessieren sich nicht für Gedichtbände und die kleinen verlangen zunehmend einen Eigenanteil bei Satz, Druck, Werbung und manchmal sogar Finanzierung.
Drittens, und vielleicht am wichtigsten: Wenn man Gedichte schreibt, um den quasi mythischen sozialen Status zu erreichen, den man etwa mit Allen Ginsberg verbindet, bewegt man sich auf Gleisen, die schließlich in Frustration und Enttäuschung enden. / Colin Dabkowski, Buffalo News
Aktuell: Am 25.9. liest Johanna Schwedes Lyrik aus dem Band „Den Mond unterm Arm“ mit Thomas Jez (Prosa) zur Finissage einer Ausstellung in der Galerie „Craftraum“. Thüringer Straße 23 (Nähe Spinnerei und Plagwitzer Bahnhof) 04179 Leipzig Weitere Infos
Rabindranath Tagore war der erste Shooting Star der Weltliteratur. Als der 51-jährige Bengale 1912 nach London reiste, kannte ihn im Westen niemand. Der polyglotte Sohn einer Bramahnen-Familie übersetzte rund 100 seiner Gedichte ins Englische, für ihre Veröffentlichung sorgte William Butler Yeats. Ihre nie gehörte Metaphorik faszinierte das Publikum. 1913 erhielt er als erster nichteuropäischer Autor den Nobelpreis.
Bis 1925 erschienen allein in Deutschland 24 Bücher von ihm mit einer Gesamtauflage von rund einer Million Exemplaren. …
In Indien ist sein Rang bis heute unumstritten. Eines seiner Lieder dient als Nationalhymne. Tagore gilt als kultureller Lehrmeister, dessen bildungs- und sozialreformerische Visionen immer noch wegweisend sind. Zum 150. Geburtstag schickt die indische Regierung nun eine Auswahl seiner Gemälde auf Welt-Tournee. 98 sind jetzt in Dahlem zu sehen. / Oliver Heilwagen, Tagesspiegel
Museum für Asiatische Kunst, Lansstr. 8 (Dahlem), bis 30. Oktober, Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr.
Wie ist doch die Zeitung interessant, dichtete Hoffmann von Fallersleben. Gilt immer noch. Lyriknachrichten von Google:
Wunsch bringt Partygäste zum Stöhnen
Nordkurier
Erklärt habe ich allen in einem Brief, dass das ein scherzhaftes Gedicht mit nur fünf Zeilen ist. In der ersten Zeile wird von einer Person an einem Ort oder von einer Person mit einer bestimmten Eigenschaft berichtet. Die zweite Zeile reimt sich auf …
Peinliche Telefonate belasten Berlusconi
Nachrichten.ch
Fortsetzung Friedrich der Grosse sang vom Orgasmus Berlin – Ein verschollenes Sex-Gedicht Friedrichs des Grossen ist nach einem Bericht der «Zeit» jetzt im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preussischer Kulturbesitz entdeckt worden. …
Feldzug ins Feuchtgebiet
suedkurier.de
In diese Lücke springt nun die Wochenzeitung „Die Zeit“, indem sie ein verschollen geglaubtes „Orgasmus-Gedicht“ des Preußenkönigs aufgespürt und in voller Länge abgedruckt hat. Die unmissverständlich mit „Die Lust“ (im französischen Original „La …
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Keine Dichterin deutscher Sprache hat das Publikum so polarisiert wie Ulla Hahn. Die nüchternen „Alltagslyriker“ ärgerte sie Anfang der Achtzigerjahre mit melodiösen Volksliedstrophen. Die Rondos und Sonette der promovierten Literaturwissenschaftlerin knüpften geradewegs an die klassisch-romantische Tradition mit ihrem Regelmaß von Metrum und Rhythmus an. Sowohl Sprachkrisen der Moderne abhold als auch der postmodernen Beliebigkeit, pflegt sie die mit ironischen Schlenkern gewürzte Harmonie in geordneten Strophen und wohltönenden Reimen. Dem Jubel Marcel Reich-Ranickis anlässlich ihres Debüts folgten kritische Hiebe: „Gegenwartsferne liebliche Idyllen!“, „literarisches Biedermeier!“, „Butzenscheibenlyrik!“ konterte der mürrisch verstimmte Teil der Literaturkritik. Nun nähert sich Ulla Hahn ihren Versen von einst aus der Perspektive einer in Jahrzehnten gewonnenen Lebenserfahrung.
Insbesondere ihre ersten vier Gedichtbände: „Herz über Kopf“ (1981), „Spielende“ (1983), „Freudenfeuer“ (1985) und „Unerhörte Nähe“ (1988) bedenkt sie mit temperamentvollen Repliken. Was die „Wiederworte“ so spektakulär macht, ist der Verzicht auf glättendes Tandaradei. Es dominiert die poetische Selbstkorrektur. Das hätte sie angesichts der hohen Verkaufszahlen ihrer Bücher (Lyrikbände mit mehr als 40 000 verkauften Exemplaren) gar nicht nötig. Aber es zeugt von Mut und ungebremster Lebhaftigkeit der Autorin, die sich mehr als Fühlende denn als Denkende begreift: „Herz über Kopf“. / Dorothea von Törne, Die Welt
Ulla Hahn: Wiederworte. DVA, München. 192 S., 16,99 Euro.
Mit dabei sind auch Berliner. Von peinlich bis erotisch. Wie Aische (25), die Sex und Lyrik verbindet und Goethes „Erlkönig“ und „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke rezitiert. Der Clou dabei: Unterbrochen und unterstützt werden die Ballade und das Gedicht von Aisches lautem Stöhnen – und dem gleichzeitigem Strip. So will Aische (Aische studierte Germanistik auf Lehramt) Schülern Lyrik näherbringen. Wenn’s hilft… / Berliner Kurier
Ein anderes Lyrikfachblatt ergänzt:
So haben wir Goethe noch nie gehört! Die schöne Aische (25) rezitierte am Samstagabend für die RTL-„Supertalent“-Jury eine ungewöhnliche Version des „Erlkönigs“. Porno-Poesie nennt sich ihr Talent. „Man nimmt einfach ein Gedicht und stöhnt das“, erklärt Aische BILD.de. (Klicken auf eigene Gefahr)
Lyrik in der Provinz:
Ihr defizitärer Verlag bringt vor allem Lyrik heraus, deren tieferer Sinn sich beim ersten Lesen kaum erschließt.
Insofern haben die Juroren des Lotto Brandenburg Kunstpreises 2011 eine geradezu unpopulistische Entscheidung getroffen. Aus den 134 Einsendungen, meist Prosa, die um die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung konkurrierten, fischte das Gremium 60 Seiten Lyrik von Daniela Seel heraus. Bei der Preisverleihung am Donnerstag las die 37-Jährige mit leicht pathetisch-verträumter Stimme sperrige Texte aus ihrem Debütband „Ich kann diese Stelle nicht wiederfinden“. Dass ihr Vortrag Begeisterung oder Verständnis weckte, ließ sich nicht beobachten. Die Jury hob in ihrer Begründung hervor, dass diese „gedankenvollen Verse eindringliche Bilder für die Erfahrungen vergehender Zeit und verblassender Erinnerungen“ enthielten. / Märkische Allgemeine
Ein Glück, dass die ägyptische Revolution auch die Literatur der Moderne hinweggefegt hat. Die neuen Autoren wollen vor allem leicht und geerdet sein
meint Hamdy Abou Golayyel im Freitag:
Tatsächlich äußerte sich die oppositionelle Haltung der Moderne gegenüber den totalitären Regimes nie als Widerspruch, sondern allenfalls als Einspruch von Anhängern derselben Ideologie. Adonis, der große syrische, im Exil lebende Dichter der Moderne, schrieb: „Es kam ein schöner Sturm, aber die schöne Verwüstung blieb aus.“ Im Klartext – die Dichtung der Moderne muss ja immer erklärt werden – bezieht sich der „schöne Sturm“ auf die Befreiungsbewegung, die wiederum die Diktatur brachte, während die „schöne Verwüstung“, die alles auslöscht, auf sich warten lässt. Vergleicht man nun die Äußerungen von Adonis als berühmter Persönlichkeit der Moderne und die Äußerungen von Gamal Abdel Nasser als berühmter Persönlichkeit der Befreiungsbewegung, so lässt sich in den Ansichten über Modernisierung, Entwicklung und „Ausradieren“ der alten Zeiten, eine Ähnlichkeit, ja beinahe sogar schon eine Deckungsgleichheit feststellen.
Die Moderne war, wegen der Komplexität und Rätselhaftigkeit ihrer mit Bildern überladenen, fast schon karikaturistisch überzeichneten Sprache, ein Unglücksfall für die ägyptische und arabische Literaturgeschichte. (…)
Am schlimmsten war offenbar die ägyptische Lyrik betroffen, während der Roman weitestgehend verschont geblieben war. Zwischen den Gedichten von Osama al-Danasoury, den ich und viele andere auch für den Autor „neuer“ ägyptischer Literatur schlechthin halten, und den Gedichten gekrönter Häupter der arabischen Moderne wie Adonis, oder der ägyptischen Moderne wie Mohammed Afifi Matar, besteht ein gewaltiger Unterschied, allein schon in Bezug auf Sprache, Thematik und Haltung des Autors. Auf der einen Seite die Modernisten, leuchtendes Beispiel für den wortgewandten, gewissenhaften, gut informierten und gerechten Dichter, der sich, jederzeit gesprächsbereit, für die gesamte Nation einsetzt. Auf der anderen Seite Osama al-Danasoury, ein ganz normaler Mensch, der mit sprachlicher Schlichtheit und Leichtigkeit ausführlich Sorgen und Nöte beschreibt, die die finster dreinblickenden Herren Modernisten als banal, ja geradezu belanglos abgetan hätten.
scheiß angst vor der eigenen wut, scheiß wut auf die eigene angst. scheiß liebe zu beidem. scheiß wissen, worauf es bezogen sein könnte. / scheiße was wir geworden sind. scheiß kifferei und scheiß bier und scheiß schwangerschaften, scheiß stammtische-strammtische, selbst noch scheiß waldspaziergang.
Stefan Schmitzer
scheiß sozialer frieden [Gebundene Ausgabe]
89 Seiten
Verlag: Literaturverlag Droschl (12. September 2011)
ISBN-10: 3854207883
ISBN-13: 978-3854207887
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