75. Hausacher Lesung

37 Gedichte besingen in Christoph W. Bauers neuestem Werk die unterschiedlichen Phasen einer Liebesbeziehung. Aus seinem Lyrikband „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“ las der Hausacher Stadtschreiber von 2010 am Sonntag im Hausacher Rathaussaal vor. / Schwarzwälder Bote

74. Trocadero

Ein Dialog über das Gedicht ‚Trocadero‘, den Salzweg zwischen Ost und West und den Dichter Gerald Zschorsch / Von Ingo Schulze

Erster: Mir ging es mit Trocadero wie mit jeder Dichtung, die diesen Namen verdient. Ich glaubte zu verstehen, noch bevor ich die Wörter und Sätze begriff. Es war der Tonfall, der mich berührte. Ich reagierte auf diese Stimme.

Zweiter: Mich überrascht es jedes Mal wie bei der ersten Lektüre.

Trocadero

Du sollst nicht gehen,
Du sollst ja bleiben.
Der Muschelhörner Töne
sind gar viel.

Laß mich dich sehen.
Laß mich dich leiten.
Es ist das Schöne –
die Kür vom Spiel.

Salzweg des einen;
Salzweg des andern.
Bad Elster Bad Brambach –
Wanderei.

Und auf den Kämmen
des Böhmischen Waldes
fliegt ein Gedanke;
eine Wehmut vorbei.

(…)

Zweimal wurde Gerald Zschorsch in der DDR inhaftiert: 1968, noch sechzehnjährig, wird er gefasst, als er Flugblätter gegen den Einmarsch in der CSSR verteilt. Von August 1968 bis Dezember 1970 verbüßt er eine Jugendhaftstrafe. Trotzdem kann er sein Abitur nachholen. Im August 1972 wird er erneut verhaftet, weil er Lieder à la Biermann vorträgt. In erster Instanz zu fünfeinhalb Jahren verurteilt, in zweiter zu vier Jahren, davon ein Jahr in der berüchtigten Untersuchungshaft. Zschorsch streitet nichts ab, er interpretiert seine Gedichte für Staatsanwalt und Richter, weil er seine Kritik für berechtigt und notwendig hält. Am 18. Dezember 1974, kurz vor seinem 23. Geburtstag, wird er in den Westen abgeschoben.

/ Süddeutsche Zeitung 10.11. S. 14

73. Open Mike – Die Termine

Das Mikro ist offen: 15 Minuten beim open mike

Für 23 junge Autoren entscheiden beim open mike 15 Minuten über den Erfolg. Ausgewählt aus über 700 Einsendungen, ist für sie beim Finale am 5. und 6. November in der Wabe in Berlin 15 Minuten das Mikro geöffnet, um Jury und Publikum von ihren Texten zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen. Drei Preise können die Juroren Felicitas Hoppe, Tilman Rammstedt und Kathrin Schmidt vergeben, einen für Lyrik. Insgesamt steht ein Preisgeld von 7500 EUR zur Verfügung. Dem Gewinner des Preises der taz-Publikumsjury winkt ein Textabdruck in der taz.

Der open mike bietet über den Wettbewerb hinaus mit Lesereise, Autoren-Workshop, Kolloquium und Schreibwerkstätten eine umfassende literarische Nachwuchsförderung.
Das Wettbewerbswochenende wird durch ein Rahmenprogramm ergänzt: Autoren und Wissenschaftler diskutieren am Vortag des Wettbewerbs in einem Kolloquium das Politische in der Literatur mit open mike-Teilnehmern der letzten Jahre. Am Vorabend stellen mit Konstantin Ames, Sebastian Polmans und Rabea Edel traditionell ehemalige open miker ihre neuen Bücher vor. Direkt nach dem Wettbewerb geht es für die Gewinner nach Frankfurt, Zürich und Wien, wo sie sich und ihre Texte der literarischen Öffentlichkeit vorstellen, begleitet von Juror Tilman Rammstedt. Beim Workshop im Februar 2012 kommen alle Finalisten noch mal zusammen und arbeiten in konzentrierter Atmosphäre mit Autoren und Lektoren an ihren Texten.
Auch für ganz junge Autoren gibt es ein Angebot: Kostenlose Prosa- und Lyrik- Schreibwerkstätten für junge Autoren von 16-23 Jahren bieten die ehemaligen open miker Tom Schulz in Berlin und Thomas von Steinaecker in Frankfurt am Main an, „open poems“ und „open writing“, beide starten in der Woche nach dem open mike.

Die Wettbewerbstexte des 19. open mike erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 2.11.2011 in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg, und ebertundweber, Kreuzberg, erhältlich, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de.
Am 13.11.2011 um 0:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „19. open mike“.

Der 19. open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag.

Termine

Freitag, 4.11.2011, 14 -18 Uhr
Kolloquium „Was macht einen Text politisch?“
– Nur auf Einladung –
Podium: Andres Veiel (Regisseur und Autor), Thomas Ernst (Literaturwissenschaftler), Tom Schulz (Autor), Katja Lange-Müller (Autorin)
Moderation: Ina Hartwig (Literaturkritikerin, Frankfurt)
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97/Kulturbrauerei, 10435 Berlin

Freitag, 4.11.2011, 20 Uhr
Leben und Schreiben nach dem open mike
In Lesung und Gespräch: Konstantin Ames (Berlin), Rabea Edel (Berlin), Sebastian Polmans (Niederkrüchten)
Moderation: Karin Heyl (Crespo Foundation, Frankfurt)
Ort: WABE , Danziger Str.101, 10405 Berlin, Eintritt 5 EUR/erm. 3 EUR

19. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Samstag, 5.11. 2011
ab 14 Uhr: Lesungen 19. open mike
Sonntag, 6.11. 2011
ab 12 Uhr: Lesungen 19. open mike
ca. 16.45 Uhr: Bekanntgabe der Preisträger des 19. open mike durch die Juroren Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tilman Rammstedt
Ort: WABE , Danziger Str.101, 10405 Berlin, Eintritt frei

Lesereise der open mike-Preisträger 2011
Mittwoch, 9.11.11, 20 Uhr
Literaturhaus Zürich
mit Jurymitglied Tilman Rammstedt
Ort: Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, CH-8001 Zürich
www.literaturhaus.ch

Donnerstag, 10.11.11, 19 Uhr
Literaturhaus Wien
mit Jurymitglied Tilman Rammstedt
Ort: Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, A-1070 Wien
www.literaturhaus.at

Freitag, 11.11.11, 20 Uhr
open mike@ orange peel
mit Jurymitglied Tilman Rammstedt
Ort: orange peel, Kaiserstraße 39, 60309 Frankfurt am Main
www.orange-peel.de

Die Lesereise zum 19. open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Zürich, dem Literaturhaus Wien und Volltext im Rahmen der BUCHWIEN Lesefestwoche und text&beat@orangepeel.

Schreibwerkstätten

Ab 9.11. 2011
Open poems
Lyrik-Schreibwerkstatt für junge Dichter von 16–23 Jahren.
Leitung: Tom Schulz
open poems findet jeden zweiten Mittwoch statt, jeweils von 17:00 bis 18:30 Uhr.
Termine 2011: 9.11., 23.11., 7.12., 21.12.
Anmeldung erforderlich unter: mail@literaturwerkstatt.org
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97/Kulturbrauerei, 10435 Berlin

Ab 11.11.2011
Open writing
Prosa-Schreibwerkstatt für junge Autoren von 17 bis 23 Jahren.
Leitung: Thomas v. Steinaecker
Open writing findet an insgesamt neun Freitagen von 14 bis 18 Uhr statt, Termine und Infos unter: www.crespo-foundation.de
Bewerbung (2-5 Seiten Prosa und Lebenslauf) bis zum 11.10. an: Katrin Krampe, Crespo Foundation, Tel. 069 – 27 10 7950, katrin.krampe@crespo-foundation.de
Ort: Crespo Foundation, Haus am Dom, Domplatz 3, 60311 Frankfurt

72. Ćišinski-Preis für Benedikt Dyrlich

Die Stiftung für das sorbische Volk verlieh Benedikt Dyrlich am vergangenen Samstag den Ćišinski-Preis 2011. Dyrlich habe „in und außerhalb der Lausitz, vor allem aber im slawischen Ausland“ für sorbische Lyrik geworben, begründet die Stiftung ihre Entscheidung. / vorwärts.de

71. Phlox existiert

vielleicht doch. Jedenfalls mehren sich die Anzeichen. Für den dradio Büchermarkt bespricht Hubert Winkels Valeri Scherstjanoi und (Ursula März) spricht über

„Helm aus Phlox“ – ein poetologisches Gemeinschaftswerk

– Enno Stahl spricht mit Monika Rinck darüber. Nächste Woche wird man vielleicht weitersehn. Vgl. hier

  • Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrick Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck: Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Merve Verlag, 317 Seiten, 20 Euro.
  • Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2011 120 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3-9813470-5-0
  • Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus, 160 S., Matthes & Seitz Berlin, Mai 2011, ISBN 978-3882216189

70. Authentisch

Der Begriff „authentisch“ wird vornehmlich im Kontext der Quellenkritik verwendet. Ein in diesem Sinn unverfänglicher Gebrauch des Wortes liegt beispielsweise bei David Hume vor, dem vor 300 Jahren geborenen Philosophen, der sich 1775 mit der Echtheit der vermeintlich original-gälischen Ossian-Gedichte beschäftigte, die in der Lesewelt einen gewaltigen Eindruck hinterlassen hatten.

„Gerade die Art, in welcher es das Dokument der Öffentlichkeit präsentiert wird, schafft einen Vorbehalt gegen seine Authentizität … Man hätte doch erwarten können, dass der vorgebliche Sammler und Übersetzer der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte: ‚Dieses Teil bekam ich von dieser Person, an diesem Ort; jenen anderen Teil von einer anderen Person. Ich korrigierte meine erste Fassung durch die Erzählung einer dritten … ‚ Durch eine solche Geschichte der allmählichen Entdeckungen hätte er dem Ganzen das Ansehen der Wahrscheinlichkeit gegeben.“

In dem Text über die Authentizität der Schriften Ossians scheinen zunächst zwei Zuschreibungen vorrangig: Ein Dokument unbekannter Herkunft wird nach Jahren wenn nicht Jahrhunderten „vorgefunden“, es ist plötzlich einfach „da“, im wörtlichen Sinne vorhanden, „zur Hand“. Zum andern wird gefragt, ob das Dokument echt und original sein kann. Zu der Positivität des Dokuments kommt eine Prüfung der Plausibilität. Kommen in dem Text vielleicht Sachen vor, welche der Datierung und Lokalisierung des alten Dokuments widersprechen?

Um dies zu überprüfen, sucht David Hume nach Anzeichen, die dafür sprechen, dass dieser Text nicht so alt sein kann, wie von ihm behauptet wird. Wenn sich das Personal in den gälischen Gedichten aus dem barbarischen 3. Jahrhundert so chevaleresk benimmt wie üblicherweise nur Ritter des 17. Jahrhunderts, dann kommen Zweifel auf. Wenn in dem unbekannten Bild eines Meisters Farben verwendet werden, die es zur behaupteten Zeit noch nicht gegeben haben kann, dann muss das Bild gefälscht sein. Am Schluss einer solchen einfachen Prüfung des Authentischen, mag sie nun für die Gedichte Ossians, die Schriften der Vorsokratiker, für Hitlers Tagebücher oder für überraschend aufgetauchte Bilder auf einer Auktion gelten, stehen klare Wertungen: Was vorliegt, ist Original oder Fälschung. / Versuch über das Authentische. Von Matthias Sträßner. DLF

Außerdem u.a.:

  • Drittens: Rilkes Torso. Das Authentische wird zum Archaischen.
  • Fünftens: Nacktkultur, Fidus und Birkenstock. Die Berufung des Authentischen auf Heidegger ist ein Übersetzungsproblem.
  • Sechstens: Blut und Wein in Ernst Jüngers Tagebuch oder: Warum authentische Tagebücher häufig besonders künstlich sind.

 

69. Böhmen am Meer

Das annähernd sechs Meter breite Ölgemälde „Böhmen liegt am Meer“ von 1995 (…) ist seit der Eröffnung des Museums das Entreebild zu Sammlungspräsentationen wie zu monografischen und Themenschauen. Wie des Öfteren bei Kiefer ist der Bildtitel ein Zitat aus einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Die dunklen, rätselhaften Verse, Frucht eines Prag-Aufenthalts der Dichterin, sprechen von Verlust und Finden, von Prüfung, Hoffnung und Gnade. Die Symbolik des ans Meer versetzten Landes erscheint als Chiffre einer sowohl individuellen wie kollektiven, geschichtlichen Utopie: der Rettung aus abgründiger Verlorenheit. „Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.“ Bei Kiefer deutet sich dieser utopische Gehalt in Wagenspuren an, die über ein kriegsversehrtes, aschfarbenes Feld zum Horizont führen. Wie eine Verheißung erhebt sich über der Horizontlinie in weicher Schreibschrift ein Schriftzug mit den vier Worten des Titels. Das Bild liest sich darin als Aufforderung zum Aufbruch. Böhmen liegt nicht dort, wo wir es vermuten. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 17.10.

68. Endlos-Haiku

Seit 2002 schreibt der Schriftsteller und Theologe Franz Dodel an einem „Endlos-Gedicht“ – unter dem Titel „Nicht bei Trost“. Im strengen Versmaß des Haiku – abwechselnd fünf und sieben Silben – strickt er sich jeden Tag ein paar Zeilen voran: „Ich schreibe diesen Text als / ob ich jemandem / die Füße pflegte: ohne / zu fragen wohin / er zu gehen gedenke“.

In „Motive“ schildert Franz Dodel, einer der diesjährigen Gewinner des Berner Literaturpreises, welchen Trost er in der Non-Stop-Lyrik findet. / ORF

67. Dritte Ausgabe der KLEINEn AXT – Nachrichten aus dem Widerstand

Die dritte Ausgabe der KLEINEn AXT – Nachrichten aus dem Widerstand ist soeben erschienen. Unter dem Titel „Fuß vom Gas“ bietet sie Lyrik, Theorie und Bildkunst von Timo Berger, Ann Cotten, Daniel Falb, Tristan Marquardt, Bert Papenfuß, Ronald Pohl, Marion Poschmann, Daniela Seel, Klaus F. Schneider, Christian Steinbacher, Anja Utler/Christof Heinz und Dan Vulcanescu.

Und hier kann man sie lesen:

http://kleineaxt.wordpress.com/


KLEINE AXT
Nachrichten aus dem Widerstand
c/o BRUETERICH PRESS
Monumentenstraße 34
D-10829 Berlin
0049-(0)30-752 33 56
<http://kleineaxt.wordpress.com/>

66. Grimmpreis für „Lyrelei“

Die Lyrikerin Nora Gomringer ist am Samstag mit dem Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache ausgezeichnet worden. Die 31-Jährige habe der «Slam Poetry», bei der kürzere Texte vor Publikum vorgetragen und bewertet werden, in Deutschland zur Popularität verholfen, urteilte die Jury.

«Ich fühle mich geehrt», sagte die Bambergerin bei der Preisvergabe in Kassel. Sie freue sich, die Auszeichnung als Repräsentantin für eine vielfältige Bewegung entgegenzunehmen.

Gomringer, die ihre Dankesrede in einer Mischung aus Dank, Gedicht und Videoperformance hielt, ist die erste Lyrikerin, die den mit 30 000 Euro dotierten Preis erhält – und die mit Abstand jüngste. …

Gomringer habe gezeigt, «dass es ein Vorurteil ist, wenn behauptet wird, Jugendliche interessieren sich nicht für unsere Sprache», hieß es aus der Jury.

Zudem hatte die Kulturpreis-Stiftung 500 Euro für die beste deutsche Übersetzung für «Poetry Slam» ausgelobt. Mehrere hundert Einsendungen gingen ein – die Jury entschied sich für den Begriff «Lyrelei». Gomringer zeigte sich von einer Übersetzung grundsätzlich nicht überzeugt. «Ich meine, das Kind hat einen Namen und ist bei diesem Namen zu rufen.» / Die Zeit

65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb

Ein Kommentar von Axel Kutsch

In seinem 576 Seiten umfassenden Band „Textleben“ mit gesammelten Aufsätzen und Reden, der jetzt bei S. Fischer erschienen ist, geizt der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Michael Lentz nicht mit Kritik an unserer zeitgenössischen Lyrik. Sie gipfelt in seinem Rundumschlag, daß die meisten heutigen Autoren „enttäuschend hohle Nüsse“ seien. Äußert sich hier ein wirklicher Kenner der Szene oder wütet nur ein Berserker, dem die Lust an der Provokation zu Kopf gestiegen ist?

Wenn ich an die zahlreichen deutschsprachigen Gedichtbände vor allem neuerer Autoren und mehrere Anthologien denke, die ich in letzter Zeit gelesen habe, sind mir eigentlich wenig hohle Nüsse unter die Augen gekommen. Allerdings ist in der jungen Generation auch kaum Aufregendes in Sicht, wie wir es beispielsweise aus den neunziger Jahren von Marcel Beyer, Durs Grünbein oder Thomas Kling kennen. Eine Autorin bemühte vor kurzem im Hinblick auf neue Lyriker die reichlich abgegriffene Floskel junge Wilde. Ist es nicht eher angebracht, von jungen Milden zu sprechen?

Ob wild oder mild, enttäuschend hohle Nüsse muß man heute – jedenfalls in der literarisch relevanten Nische unserer Poesie – mit der Lupe suchen. Hohl ist eher in weiten Teilen der von einem Insider der deutschen Lyrikszene so bezeichnete „Saftbetrieb“. Es erinnert fast schon an absurdes Theater, wenn eine mittelmäßige jüngere Poetin mit guten Beziehungen in diesem ach so menschelnden Betrieb innerhalb kurzer Zeit ein Dutzend Preise und Stipendien einheimst und ein wenig älterer Kollege, dessen Lyrik allerdings das Mittelmaß übersteigt, in einem guten Jahrzehnt 25mal die Freuden öffentlicher Ehrungen genießen darf. Der beide weit überragende Thomas Kling hat gerade mal neun Preise erhalten.

Offenbar dreht sich heutzutage das Preiskarussell immer schneller, sobald ein Autor einmal mit einer nennenswerten literarischen Auszeichnung bedacht worden ist. Die Vermutung liegt nahe, daß sich so manches Jurymitglied konformistisch an der Auswahl vorheriger Gremien orientiert, um so scheinbar auf Nummer sicher zu gehen. Und mitunter läuft es wohl auch wie geschmiert, wenn die eine oder andere gute Beziehung vorhanden ist. Viel Saft im Betrieb, wenig Würze.

64. Zentrum

„Plötzlich im Zentrum der Weltkultur“, titelt die Ibbenbürener Volkszeitung und meint den Verleger Dr. Josef Kleinheinrich. Die können ja nicht wissen, daß der Verleger von Inger Christensen, von Ekelöf, Tranströmer, Sonnevi, auf dessen Backlist auch die Namen Kling, Mayröcker, Kirkeby, Nooteboom, Lucebert, Egger, Michaux und und stehen, immer schon dort war. (Aber die Nicht- und Überleser bestimmen die Landkarte des Betriebs).

63. Himmelsschrift

Durch dieses schöne Buch geht ein Rauschen, es schlagen gleichsam Flügel – es ist ein heiteres Aufschwingen oder aber ein angstvolles Notflattern. Vögel. Immer wieder. Christian Lehnert, Pfarrer, Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Lutherstadt Wittenberg, beschwört sie geradezu. Himmelsschrift, vor der wir ohne Ehrgeiz der Entzifferung stehen. Einem fliegendem Vogel schauen wir einverständig zu, so, als folgten wir ausnahmsweise nicht dem elenden Zwang, beim Genießen eines Glücks stets gleich auch über den Rand dieses Glücks zu schauen. Was jedes Glück zerscherbt. …

Glaube ist in diesen Gedichten etwas, das keine Überlegenheit, keine Rettung auswirft. Es ist Arbeit. Es ist das höchste Maß an Vertrauen: Selbstprüfung kann erschöpfen, aber nicht zermürben. Und diese Selbstprüfung besteht darin, bei jeder Zufuhr an Klarheit offen zu bleiben für eine dazugehörige Gewissheit: dass mit wachsender Erkenntnis doch immer auch die Furcht und das neuerliche, uralte Unbegreifen wächst. Mit dem die Dinge schön werden, kostbar durch Verletzlichkeit. / Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland

Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Gedichte. Suhrkamp Verlag . 100 S., geb., 17,90 Euro

62. Brecht ins Programm

Was haben Lutz Jahoda, Hilmar Thate und Manfred Wekwerth gemeinsam? Sie unterstützen einen der Anträge an den Erfurter Parteitag, in denen die Aufnahme der »Fragen eines lesenden Arbeiters« ins neue Programm der LINKEN gefordert wird. Dem Brecht-Gedicht wird symbolische Bedeutung beigemessen: Mit ihm könne die Partei klarstellen, so die Begründung, wer den Reichtum der kapitalistischen Gesellschaften produziert und wer das in Wahrheit geschichtsmächtige Subjekt ist. / Tom Strohschneider, Neues Deutschland

61. Ilse Aichinger 90

Wir treten also an ihren Tisch, Hammerbacher macht uns bekannt, zeigt auf mich: Wir verlegen im Herbst sein Logbuch einer Reise ins Verschwinden. Sie schaut kurz auf, lächelt mich an und sagt: „Das Verschwinden, junger Mann, ist eigentlich mein Thema.“ So lernte ich Ilse Aichinger kennen, deren Bücher mich seit Jahrzehnten begleiten.

Ihren Roman Die größere Hoffnung zog ich aus der Schultasche, ihre Gedichte Verschenkter Rat reisten mit mir nach Paris, Unglaubwürdige Reisen dann im Schwarzwald,Kleist, Moos, Fasane, ich muss in meiner Wohnung nicht zweimal nachsehen, weiß genau, wo der Erzählband steht. Obwohl und vielleicht gerade weil wir so unterschiedliche literarische Ansätze verfolgen, geht mir ihr Werk nah – und wird mir Satz für Satz unerreichbarer. Selbstredend frage ich mich, wie sie das schafft, selbst in einer Glosse in der Plötzlichkeit eines Gedichts die Richtung zu wechseln, ganz da zu sein, indem sie sich entzieht. Und: Warum darf ihr das nur in Sätzen gelingen? Sie, die seit vielen Jahren verschwinden möchte, feiert bald ihren neunzigsten Geburtstag.

Immer noch wohnt sie im Hochhaus Herrengasse, rund um die Uhr von einer Pflegerin begleitet. Immer noch liebt sie Kaffeehäuser, lässt sich im Rollstuhl dorthin fahren. Immer noch lebt sie unangepasst. / Christoph W. Bauer / DER STANDARD 15.10.