Und wieder einmal war es Wilhelm Müller, der ewig Unterschätzte, der eine genuin moderne Problematik auf den Punkt gebracht und deutlich gemacht hat: noch zu Lebzeiten Goethes: der stach im Divan, mit füchsisch ziselierten Gedichten wie Phänomen, durch schiere Spracharbeit schon Quellen an, die in das einflossen, was wir Moderne nennen. Müller machte geradeaus inhaltlich und motivisch dem Vorgängigen den Garaus. Ob wir es einmal noch erkennen? Müllers Dichtung wurde kein Schicksal für uns, da sie sich in das Lied zurückgezogen hatte und mit den Zyklen Schuberts den schönsten Kokon erhielt, um ungestört und unerkannt zu überwintern. Müllers fintenreiche politische Dichtung, seine unvertonten Lieder schlummern gänzlich ungelesen; seit 1994 schlummern sie zumindest in einer verlässlichen und vollständigen Ausgabe. Wie genau und präzise er den Bildvorrat der ausgehenden Romantik ein Stückchen drehte, um eine ganz andere Erfahrung zum Ausdruck zu bringen, ist jedes Mal wieder die Entpuppung eines großartigen, aber düsteren Falters, wenn man sich etwas Zeit nimmt, um zuzusehen. / Tobias Roth, fixpoetry
Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).
Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé
Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München
Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt
Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.
Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.
COM SI RES
I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la
I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud
I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant
I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot
Als ob nichts wäre
Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst
Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen
Und so jedesmal
Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken
Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre
Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé
Exemplarisch für viele Häfner-Texte werden hier mehrere Signalketten verknüpft: eine astronomische („sternhagelvoll“, „Milchstraße“, „schwarzes Loch“), eine sexuell konnotierte („Nagel“, „schwarzes Loch“), eine mythologisch-geschichtliche („Engel“, „Hieroglyphen“) und eine computertechnische („Portal“, „runtergeladen“). Das Wort Sehnsucht rahmt in der ersten und letzten Zeile das Geschehen, und auf der Mittelachse („sternhagelvoll“) funkelt doppelbödiger Humor. So entsteht ein Flechtwerk unterschiedlicher Sprachstränge in rätselvoller Verdichtung. Diese für Häfner charakteristische Methode hat durchaus mit seinen früheren Tätigkeiten zu tun. Bis Mitte der achtziger Jahre arbeitete Häfner als Silberschmied, Metallgestalter und Restaurator in Erfurt, bevor er wie so viele Künstler nach Berlin-Prenzlauer Berg übersiedelte. Zunächst publizierte er in Undergroundzeitschriften, nach 1989 trat er mit Künstlerbüchern, Romanen und immer wieder mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit.
Am heutigen Tage wird der mocking bird, wie auf Englisch jene Spottdrossel heißt, die immer wieder seine Gedichte durchschwirrt, siebzig Jahre alt. Da zu seinen Tugenden neben einem scharfen Verstand, außerordentlicher Belesenheit, Neugier auf das Schaffen jüngerer Kollegen auch eine herzöffnende Freundlichkeit und schamanesker Charme gehören, nimmt es nicht wunder, dass viele gratulieren wollen. / Peter Geist, Tagesspiegel
Zu Ehren von Eberhard Häfner lesen am Samstag, den 29. Oktober ab 19 Uhr in der Villa Elisabeth (Invalidenstr. 3b) unter anderem die Schriftsteller Volker Braun, Kurt Drawert, Bert Papenfuß, Björn Kuhligk und Steffen Popp. Der Gedichtband „Per Anhalter durch den Verstand“ (100 Seiten, 9,50 €) ist im Münchner Allitera Verlag erschienen.
Am 21. Oktober tagte im Rahmen des Wettbewerbs postpoetry.2011 die Jury/ Kategorie „Lyrikerinnen und Lyriker NRW“.
Aus den fast 300 anonymisierten Gedichten wählte die Jury folgende als Preisträgertexte aus:
als Herr Bauer schon gestorben war
von Marius Hulpe (Soest)
fièvre marrakechien
von Christoph Wenzel (Aachen)
Gelübte
von Jovan Nikolic (Köln)
TELENOVELACRIMO
von Ralf Thenior (Dortmund)
Und überall können wir singen
von Marie T. Martin (Köln)
In der Kategorie „Nachwuchsautorinnen und –autoren“ fallen die Entscheidungen am 29. Oktober.
Das Schnepfenfeld
Ich habe alle aufgestellt
Die einen ganz nach rechts gestellt
Die andern ganz nach links gestellt
Die übrigen erst mal zurückgestellt
Die Polen habe ich zurückgestellt
Franzosen habe ich zurückgestellt
Die Deutschen habe ich zurückgestellt
Hab meine Engel herbestellt
Und oben Raben hingestellt
Und andere Vögel hingestellt
Darunter dann ein Feld gestellt
Ein Feld zur Schlacht bereitgestellt
Ich habe Bäume draufgestellt
Hab Eichen, Fichten draufgestellt
Und ein paar Sträucher draufgestellt
Ich habe es mit Gras bedeckt
Mit kleinen Käfern vollgesteckt
Nun sei’s, wie ich’s mir vorgestellt!
Nun lebe man, wie ich’s bestellt!
Nun sterbe man, wie ich’s bestellt!
Drum siegen heute mal die Russen
Sind nämlich nette Jungs, die Russen
Und nette Mädchen auch, die Russen
Sie litten schrecklich viel, die Russen
Ertrugen Schlimmes, nicht von Russen
Drum siegen heute mal die Russen
Was soll noch werden, wenn schon jetzt
Die Erde bröcklig wird schon jetzt
Der Staub den Himmel schwärzt schon jetzt
Gesteine bersten in der Erde
Und Wasser rasen in der Erde
Und Tiere rasen in der Erde
Und Menschen laufen auf der Erde
Gehn vor und rückwärts auf der Erde
Und Vögel ziehn über der Erde
Die Raben ziehn über der Erde
Und doch sind die Tataren netter
Ich finde die Gesichter netter
Und finde ihre Stimmen netter
Und finde ihre Namen netter
Und find auch ihr Betragen netter
Die Russen find ich zwar adretter
Und doch sind die Tataren netter
Drum sollen die Tataren siegen
Von hier aus kann ich alles sehn
Ich sagte, die Tataren siegen
Und morgen wird man weitersehn
(1976)
Dmitri Prigow: Der Milizionär und die anderen. Gedichte und Alphabete. Leipzig: Reclam 1992, S. 9f. (Übertragungen von Günter Hirt und Sascha Wonders)
Es gibt Stimmen, die sagen, Sprache wäre entstanden aus sich berührenden Gebärden. Wenn zwei Personen voreinanderstehen und die Phase der langsamen Annäherung geschafft ist, mag es dazu kommen, dass eine flache Hand auf die Brust des anderen gelegt wird. Oder, ein starkes Ding, die vier Hände schliessen sich so ineinander, dass alle Finger und Daumen mit ‚eingeschlossen‘ sind. Taktile Reize. Berührungs-Meldungen! Der Daumen in seiner Druckbewegung sagt etwas anderes als der Zeigefinger. – Diese intensive Gebärde im Ganzen (vier Hände, 16 Finger, 4 Daumen) kommt mir vor wie der erste Hauptsatz, den Menschen gesprochen haben.
Ein sich Vorfinden im Raum für jede Person und beide im Zusammenschluss wird erlebt. Vielleicht ist die eine Seite aktiver als die andere. Oder die Finger bleiben still und nur die Daumen erlauben sich, den Handballen der Gegenperson in Druck und im Reiben zu erkunden.
*
Dass die Sprache „auf etwas hin“ gerichtet ist, wird besonders beim Spiel Frage und Antwort klar. Diese Gesprächsfigur ist brüderlich, geschwisterlich. Denn in meine Frage baue ich ein Stück meines Gegenüber und der (erwarteteten, erwünschten) Antwort sein.
Ein Tipp fürs Denken und Schreiben wäre also, dabei mit sich selbst in einen Dialog zu treten und so zu tun, als wüsste ich das, was ich meinem eigenen Gegenüber erzähle, noch gar nicht.
Solche Konstellationen sind schöpferisch-produzierend.
/ Wilhelm Fink (Hamburg)
Der Dichter (poet, lyricist) Mullanezhy Neelakanthan starb am Sonnabend nach einer Herzattacke im Alter von 63 Jahren.
Mullanezhy, den Freunde und Kollegen gewöhnlich ‘Mullan Mushu’ nannten, glaubte fest daran, daß die Lyrik nicht nur um der Literatur willen da sein dürfe, sondern auch als Katalysator für soziale Reformen fungieren müsse. Seine Gedichte wurden meist auf der Bühne und bei sozialen Kampagnen vorgetragen. / The Hindu 22.10.
Sogar Gedichte könne man Kindern schmackhaft machen, sie zum Beispiel zum Nachdichten animieren. / Wiesbadener Kurier
In der Tat. Der Berliner Literaturwissenschaftler Remigius Bunia sagte neulich in einem anderen Zusammenhang, „da brauchte man Germanisten, die sich für irgendwas ernsthaft interessieren“, fand ich süß (und gar nicht falsch). Hier ist es noch einfacher. Man brauchte nur Erwachsene, die selber keine Angst vor Gedichten haben (und sie nicht nur als Objekte der Interpretation mißbrauchen).
Pech für die Stiftung Weimarer Klassik und die Öffentlichkeit: Die überraschend aufgetauchte Reinschrift von Friedrich Schillers berühmter «Ode an die Freude» gelangt in Privatbesitz. Bei der zweitägigen Autografen-Auktion, welche die Antiquariate Moirandat (Basel) und Stargardt (Berlin) am Freitag im grossen Saal von Basels Schmiedenhof begonnen haben, erhielt ein anonymer telefonischer Bieter den Zuschlag. …
Philologisch ist das Autograf von Bedeutung, weil sein Text erhebliche Abweichungen zur gedruckten Ausgabe aufweist. So wurde etwa aus dem handschriftlichen «Jeder Schuldschein sei zernichtet» (Vers 69) im Druck ein «Unser Schuldbuch sei vernichtet». Die «helle Abschiedsstunde» in Vers 105 verwandelte sich in eine «heitre Abschiedsstunde», und in Vers 108 erwartet die Bruderschaft der Menschen einen sanften Spruch nicht «aus des Sternenrichters», sondern «aus des Todtenrichters Mund». Es gibt noch weitere Abweichungen. / Joachim Güntner, NZZ (der Artikel enthält ein schönes Faksimile)
A C H T U N G
Thou shalt be-Nothing.- OMAR KHAYYAM
Tombless, with no remembrance.-SHAKESPEARE
Dead thou shalt lie; and nought
Be told of thee or thought,
For thou hast plucked not of the Muses´ tree:
And even in Hades´ halls
Amidst thy fellow-thralls
No friendly shade thy shade shall company!
Translated by Thomas Hardy, with his reference to Khayyam and Shakespeare.
Confucius to Cummings. An Anthology of Poetry. Edited by Ezra Pound and Marcella Spann. New York: New Directions, 1964 (Tenth printing) 1.1926. S. 18.
Manfred Hausmann
Gänzlich, wenn du einst stirbst,
schwindest du hin,
niemand wird dein gedenken,
niemand wünscht dich zurück,
denn du hast nie
Rosen gebrochen im
Land der Musen, und so
wehst du hinab
ruhmlos ins Land des Hades
und verlierst dich alsbald
irrenden Flugs
unter den fahlen Toten
Manfred Hausmann: Sappho. Lieder und Bruchstücke (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung) Hamburg Heinrich Ellermann, 1948 (Nr. XIV)
[Achtung: so deutsch überschreibt der englische Autor Thomas Hardy (1840 – 1928) seine Nachdichtung eines Sappho-Fragments, aufgenommen in Ezra Pounds Anthologie „Confucius to Cummings“, 1926.
Durch die Original-Referenzen an Omar Khayyam und Shakespeare entsteht ein Palimpsest aus den vier Schichten: Antike, Persien, Elisabethanisches England, Viktorianisches England. Ich bin so frei, der deutschen Spur eine weitere deutsche Schicht hintenanzufügen.
Das deutsche Wort – bei Hardy noch ohne Ausrufezeichen; das im 20. Jahrhundert für viele Völker neue Bedeutung annehmen sollte – verstärkt die Drohung des Gedichts – während der Deutsche sie in Poesie abschwächen möchte.]
Nachtrag 2011
Fassung von Anne Carson
55
Dead you will lie and never memory of you will there be nor desire into the aftertime–for you do not share in the roses of Pieria, but invisible too in Hades' house you will go your way among dim shapes. Having been breathed out.
Aus: If not, winter. Fragments of Sappho. Translated by Anne Carson. New York: Vintage Books 2003, S. 115.
55LP/58D
κατθάνοισα δὲ κείσῃ οὐδέ ποτα
μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ‘ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ
γὰρ πεδέχῃς βρόδων
τῶν ἐκ Πιερίας· ἀλλ‘ ἀφάνης
κἠν Ἀίδα δόμῳ
φοιτάσεις πεδ‘ ἀμαύρων νεκύων
ἐκπεποταμένα
An eine ungebildete Reiche
Wenn du starbest, du wirst liegen
und wird keine Erinnrung mehr
Dann hinfüro zurückbleiben von
dir, denn an Pieria’s
Rosen hast du nicht Teil. Nein un-
gesehn auch in des Hades Haus
Wirst du wandeln , dahinschwebend mit
lichtloser Gestorbenen Schar.
[Übersetzung: G.Thudichum (33)]
Aus der Tusculum-Ausgabe:
55 Voigt
Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch [niemals] später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades‘ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.
In: Sappho: Gedichte (Tusculum) Hrsg. / Übers. Andreas Bagordo, Düsseldorf: Artemis & Winkler 2009, S. 126f.
Von Kai Pohl
Ann Cotten ist etwas kleiner als Bertolt Brecht,
aber etwas größer als Bert Papenfuß.
Bertram Reinecke ist größer als Dorothea von Törne.
Durs Grünbein ist kleiner als Elke Erb.
Ernst Jandl ist kleiner als Friederike Mayröcker.
Gottfried Benn ist etwas größer als Greifswald.
Hans Magnus Enzensberger ist kleiner als Herta Müller,
die wiederum kleiner als Jan Wagner ist.
Friedrich Hölderlin und Johann Wolfgang Goethe sind gleich groß,
genauso wie Kathrin Schmidt und Marion Poschmann
oder Konstantin Ames und Michael Lentz.
Monika Rinck ist größer als Oskar Pastior,
aber kleiner als Paul Celan.
Rainer Maria Rilke ist so groß wie Thomas Kling,
jedoch nicht so groß wie Ron Winkler.
Thomas Kunst ist größer als Tom de Toys,
Tom de Toys ist größer als Tom Schulz,
und Tom Schulz ist kleiner als Ulf Stolterfoht,
der größer ist als Thomas Kunst und Tom de Toys.
Valeri Scherstjanoi ist kleiner als Volker Braun,
der die Größe von Wien hat.
Ted Kooser ist der Größte.
Quelle: Schlagwortwolke der Lyrikzeitung & Poetry News (lyrikzeitung.com) vom 18.10.2011
„Matthias“ BAADER Holst (1962 Quedlinburg – 1990 Berlin)
sackratte als lyrikfreak ich liebe dichter weil sie saufen ficken und kaputt sind und einer konnte sprechen ich habs selbst gehört der lebt von mongolei und vorhaut wie du von cad cam echt regimegestört totaler assi schnabeltassen/inti so syphmeschugge wie kein andrer gott die schärfste ratte seit bokassa
Aus: Versensporn 2: „Matthias“ BAADER Holst. Jena: Edition Poesie schmeckt gut 2011. 32 S., 3 € (Dieses Gedicht wie 9 weitere in dem Heft aus dem Nachlaß)
Bestellung: poesieschmecktgut@web.de
Zur Zeit der sandinistischen Revolution verkaufte sich Nicaragua als «Land der Vulkane und der Poesie». Dichten, Singen und Träumen von einer besseren Zukunft gehören zur zweiten Natur der Nicaraguaner. Spätestens seit der Nationaldichter und Erneuerer der spanischen Lyrik Rubén Darío Weltruhm erlangte, hat jeder «Nica» – so die geläufige Bezeichnung für die Nicaraguaner – seine eigene poetische Ader entdeckt. Ob Politiker oder Anwalt, ob Student oder Sekretärin, wer etwas auf sich hält, schmiedet Verse. Man erzählt sich, dass in früheren Zeiten sogar Eingaben ans Finanzamt in Verse gegossen wurden und auf Grabsteinen die letzte Gedichtzeile des Verstorbenen prangte.
Granada selber hat sich zur lyrischen Hochburg des Landes erklärt, nicht zuletzt weil eine der auffälligsten Gestalten der Revolutionszeit, der Priester und Poet Ernesto Cardenal, hier geboren wurde und weil hier das der Völkerverständigung gewidmete Kulturzentrum «Casa de los tres Mundos» (Haus der drei Welten) steht. Dessen Gründung geht auf die Initiative Cardenals und des österreichischen Schauspielers Dietmar Schönherr zurück. Cardenal selber richtete als Kulturminister in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts im ganzen Land «Werkstätten der Poesie» fürs Volk ein. / Richard Bauer, NZZ
Interessantes vermeldet der Artikel auch über das Poesie-Festival von Granada, dessen 8. Auflage für Februar 2012 geplant ist:
Auf dem taghell erleuchteten weiten Platz neben der barocken Kathedrale werden vor Hunderten verzückter Zuhörer nächtelang Gedichte rezitiert und Balladen gesungen. An einer Buchmesse signieren die Autoren ihre Werke. Zum Abschluss des Festivals fährt – dem Papamobil ähnlich – ein mit Lautsprechern bestücktes «poeta-móvil» durch die Strassen, auf dem Dichter ihre Verse lesen. Begleitet werden sie von einem Umzug wild lärmender Tanz- und Fasnachtsgruppen.
Die neue „Volltext“-Ausgabe wartet mit einem Experiment auf, das auf die Enthierarchisierung des Literaturbetriebs zielt, im Grunde aber nur eine uralte Idee neu auflegt. Die Namen der Heft-Autoren sind nämlich anonymisiert, um die Aufmerksamkeit ganz auf den Inhalt und den stilistischen Habitus der einzelnen Beiträge zu lenken. Die Sabotage am eitlen Autorenkult ist jedoch nur halbherzig durchgeführt, denn wer die Autorennamen erfahren will, braucht nur die Internet-Seite von „Volltext“ aufzurufen. Das biedere Anonymus-Spiel sollte uns daher nicht weiter beschäftigen, dafür aber die durchweg von Schriftstellern verfassten Kritiken in dieser Ausgabe.
Volltext Nr. 3/2011
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 Seiten, 2,90 Euro.
Die Dichterin Sylvia Geist folgt in ihrem Essay „Das Aber der Aprikosen“ den Spuren der Konjunktion „Aber“ vom Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm bis hin zur Weltdichtung Inger Christensens. Hier isst ein sehr poetischer, auch in seiner Vielgestaltigkeit großartiger Essay entstanden, der ein kleines Wort in seiner äußeren Gestalt wie auch in seinen inneren Hallräumen und Konnotationen prüft.
Solche mikroskopischen Untersuchungen an unscheinbaren Wörtern oder Naturphänomenen sind in der deutschen Essayistik selten geworden.
Edit Nr. 56,
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.
Der Spatz sei ein Räuber, ein Nahrungskonkurrent des Menschen, er sei auch der Unkeuschheit überführt, zudem strapaziere er uns durch seinen ohrenbeleidigenden Gesang. Die Beliebtheit dieser Vögel ohne jeden prachtvollen Federschmuck ist denkbar gering. Einzig die Dichtung weiß den grauen Vogel, der uns seit der Jungsteinzeit begleitet, noch zu würdigen. Etwa Durs Grünbein in seinem schönen Gedicht „Noch eine Regung“: „Grüß dich, Sperling in der Pfütze, guter Geist, / Da am Wegrand badend, immerfort gehetzt. / Weißt ja längst, was demnächst jeder weiß, / Deine Regenfrische sagts. – Ich übersetze: / Tschilp, tschilp, wie fragil ist dies fossile, / Euer Monstrum, tschilp, Gesellschaft doch.“
Lettre International 94 ![]()
Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, 140 Seiten, 11 Euro.
Der zweite Grenzüberschreiter in „Am Erker“ ist ein wuchtiger Außenseiter der späten DDR-Literatur, der früh gestorbene Punk-Poet „Matthias“ BAADER Holst. Der einst aus Halle an den Prenzlauer Berg gekommene Autor musste in seinem schmalen Werk immer besonders dick auftragen, um in seiner Exzentrik bemerkt zu werden. In seinem Text „viel spaß auf der titanic“ hat Holst seinen Platz in der Literaturgeschichte anvisiert: „ich halte dir einen platz frei in der weltgeschichte vielleicht zwischen beowulf und brechreiz vielleicht zwischen benn und bethlehem vielleicht in der straßenbahn“. Bei Benn und Bethlehem war dann doch kein Platz mehr frei. Eine Straßenbahn wurde ihm zum Verhängnis. Ende Juni 1990 wurde BAADER Holst in der Oranienburger Straße in Berlin unter nie geklärten Umständen von einer Straßenbahn angefahren und erlag eine Woche später seinen Verletzungen.
Am Erker 61 ![]()
c/o Frank Lingnau, Rudolfstr. 8, 48145 Münster. 160 Seiten, 9 Euro.
/ Michael Braun, Poetenladen
So interessant und wichtig das lyrische Werk des Prager Dichters Rainer (ursprünglich René) Maria Rilke für die Nachwelt geworden ist – seine politischen Ansichten sind mit großen Vorbehalten zu betrachten. So feierte er Benito Mussolini und Italiens Weg in den Faschismus, den er trotz seiner Verherrlichung der Gewalt als ein Heilmittel gegen die Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ansah. Ambivalent war auch sein Verhältnis zu den Tschechen: Es spiegelte die gängigen Meinungen vieler – auch wohlmeinender – Prager Deutscher der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wider.
Die Tschechen waren für sie – nämlich die Deutschen, die sonntags „am Graben“ (Na příkopě) promenierten, während die begüterten Tschechen streng voneinander getrennt auf der Národní třída, damals noch nach dem österreichischen Ferdinand benannt, herumspazierten – ein unterentwickeltes Bedienervolk. Rilke bezeichnete sie als „junges“ Volk, das sich – daher der Hass auf die Deutschen – gegen das „alte“ Volk der Deutschen auflehnt; anders ausgedrückt: Das Volk der Tschechen war seiner Meinung nach ein zweitklassiges gegenüber dem deutschen Volk, das der ersten Klasse angehörte. Rilke schätzte an den Tschechen einerseits eine folkloristische Grundstimmung, glaubte bei ihnen eine schwermütige und realitätsferne Lebenshaltung zu erkennen und lehnte andererseits jedes Recht auf politische Betätigung der Tschechen – vor allem ihre nationalen Bestrebungen – ab. Dabei lebten um die Jahrhundertwende neben 475.000 Tschechen lediglich 35.000 Deutsche (darunter 25.000 Juden) in Prag.
Am Rande bemerkt: Prag als deutsche Stadt zu bezeichnen, wie unter den Deutschböhmen üblich, war weltfremd. Der deutsch-böhmisch-jüdische Literaturwissenschaftler Peter Demetz hat die herablassende Haltung Rilkes gegenüber den Tschechen perfekt beschrieben. Sie entsprach dem allgemeinen Standpunkt der Prager Deutschen, von denen viele glaubten, keine Nationalisten zu sein. Umstritten ist bis heute, ob Rilke Tschechisch sprach und verstand; Demetz nimmt eher an, dass dem nicht so war.
So sehr Rilke die deutsche und französische, aber auch die tschechische Lyrik (etwa Vrchlický und Vladimír Holan) seiner Zeit beeinflusste – eine Auswirkung auf die spätere deutschsprachige Literatur in Böhmen und Prag hatte sein Werk nicht. Rilke war ein europäischer Dichter; dass er in Prag geboren wurde, ist in seinen wichtigeren Werken ohne Bedeutung. / Helmut Böttcher, Prager Zeitung
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