Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:
Den Minotaurus erlegen
Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.
Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: „Wir sind, um den M. zu erlegen“. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.
Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:
Large Bed
She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large
(Nach Li Bai)
Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. „Ich lieg und verdaue den Fisch“. So endet das berühmte Gedicht „Der See“, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in „Der See“, „Die Elbe“ oder „Hippopotamos“ – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).
Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner „Antiken“: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: „Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz“, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:
Ode nach Horaz II/13
Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?
Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.
Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!
Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!
Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.
Der Altphilologe, der an der Universität Greifswald unterrichtet, macht zweierlei Dinge mit Sapphos Texten, die die Zeit auf Papyri bzw. Scherben überdauerten: Er liefert eine Übersetzung des Originaltextes, den er der Ausgabe von Eva-Maria Voigt folgend nummeriert. Diesen Übersetzungen sind Nachdichtungen beigegeben, die den Text gewissermaßen noch einmal illuminieren beziehungsweise in einzelnen Facetten spiegeln. Das Ergebnis ist beachtlich.
Im Grunde werden durch diese Methode die Fragmente noch einmal fragmentiert, dabei entstehen Texte, die so etwas wie eine regenerierte Einheit sind. Das Fragment als Fragment feiert seine unzerstörbare Substanz darin. Ich erschrecke selbst ein wenig vor dem Pathos, das in dieser Formulierung liegt, aber angesichts des Entstandenen scheint es angebracht. Außerdem erhalten Texte die vor ca. 2600 Jahren entstanden sind, ein zeitgenössisches Pendent.
Und vielleicht ist es ja auch so, dass alle Übersetzerinnen und Übersetzer, aber auch Leserinnen und Leser, Medien sind, durch welche Sapphos Texte in einer je besonderen Form wirken. Bei Hansen eben in der Fragmentierung des Fragments. Denn so muss er nicht vor der „ganzen“ Fülle und Bedeutsamkeit des Originals und der übergroßen Anzahl der Übersetzungsversuche kapitulieren, sondern setzt ihnen eine Einzelheit entgegen in einem eigenen Licht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Sappho – Scherben-Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen, ISBN 978-3-940531-70-4
Udo Degener Verlag Potsdam 2012
[Tomas Venclovas] Lyrik ist widerständig, kritisch, aber dabei immer zutiefst poetisch, streng in der Form, das Gestern und Heute verbindend. Gedichte, von denen der Lyriker Durs Grünbein sagt: „Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat.“ Eine Entdeckung. / Stefan Brams, Neue Westfälische
John Timberman Newcomb glaubt, daß die Lyrik in den letzten Jahren an Ansehen verloren habe. In der Einleitung zu seinem neuen Buch How Did Poetry Survive? The Making of Modern American Verse (University of Illinois Press) meint er, die amerikanische Lyrik habe sich „“von der modernen sozialen Erfahrung entfernt“ mit dem Ergebnis, daß Lyrik kaum noch als „Literatur“ angesehen werde.
Das sei nicht das erstemal, daß ihr Stern gesunken sei. In seinem Buch verfolgt er die wechselnden Geschicke der Lyrik an der Wende zum 20. Jahrhundert und meint, daß die Beschäftigung der Dichter mit modernen Gegenständen wie der Industriestadt und mit dem „ganz normalen Leben“ eine Hauptrolle dabei spielte, daß sie an Relevanz zurückgewinnen konnte. / Serena Golden, Inside Higher Ed
Mit dem Buch verbunden ist eine companion web anthology mit dem vollständigen Text aller im Buch erwähnten Gedichte.
Sebastian Berns hat eine Maschine entworfen, die dem Menschen die Kreativität abnimmt: Sie druckt Gedichte. In einer langen Schlange rollt sich das Papier bis auf den Boden, ähnlich einem überlangen Kassenzettel.
Die Gedichte werden automatisch von «Google Recaptcha» erzeugt und auf der Arbeitsvermittlungsplattform «Amazon Mechanical Turk» tippen Menschen überall auf der Welt für geringe Cent-Beträge Wörter ab, die der Computer nicht erkennen kann. Zum Schluss schreibt ein Computerprogramm nach einem Algorithmus das Gedicht. / Katrin Haas, Aachener Zeitung
Martynova hat schreibend einen Sprachwechsel vollzogen. Für ihre Gedichte bevorzugt sie aber nach wie vor das Russische. Zusammen mit der Lyrikerin Elke Erb übersetzt sie ihre Verse anschließend wieder ins Deutsche, so auch die in dem Band „Von Tschwirik und Tschwirka“, der aus drei Zyklen besteht. Warum ihre Muttersprache die Sprache der Lyrik geblieben ist, erfährt man in einem erläuternden Text zum dritten Zyklus „Verse von Rom“. (…)
Besonders gern gesehen sind die Oberiuten, Mitglieder der Gruppe um Daniil Charms und Alexander Wwedenski, dem der zweite Teil in „Von Tschwirik und Tschwirka“, das Poem „Wwedenskij“, gewidmet ist. Diese literarischen Vertreter der russischen Moderne liebten und suchten das Absurde und den Unsinn. Neben ihnen trifft man viele andere Autoren. Mit Ossip Mandelstam teilt Martynova die Auffassung, dass der Künstler, wenn man von Wirklichkeit spricht, die unendlich überzeugendere Wirklichkeit der Kunst kennt. (…) Das „Un“ aus dem Gedicht „Tschwirkas Träume“ könnte mit Morgensterns „Zwi“ verwandt sein oder durch Mandelstams Kinderverse huschen. / Beate Tröger, FAZ
Olga Martynova: „Von Tschwirik und Tschwirka“. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl Verlag, Graz, 2012, 96 S., geb., 16 Euro.*
*) Es sind zweifellos Gedichte, aber wegen der, wie man immer wieder hört, beklagenswerten Lage der Lyrik haben sie die Rezension vielleicht vorsichtshalber in die Rubrik „F.A.Z.-Romane der Woche“ gestellt. Vielleicht merkts der Leser ja nicht oder nicht gleich und liest weiter.
Ein passender Ort, um einer „archaischen Avantgarde“ zu begegnen. Einer Avantgarde, die sich tief aus der Vergangenheit der Menschheit und intensivem Naturerleben speist. Festivalleiterin Brigitte Labs-Ehlert hat den großen litauischen Lyriker Tomas Venclova, dessen Lyrik den Dialog mit der Antike und der Klassik sucht, an diesen Ort gebeten. Und den Schauspieler Matthias Habich, der Czeslaw Milosz’ magisch-realistischen Roman „Das Tal der Issa“ neu lesen soll. / Stefan Brams, Neue Westfälische
Die „Honigprotokolle“ kultivieren das Nebeneinander kleiner Phantasmagorien, sinnlicher Momentaufnahmen, politischer Szenen – und sie forcieren Abschweifungen in disparate Wortfelder. So entsteht mittels einer kühnen Bild-Artistik eine „wilde Vielfalt, in die Tausenderlei eingefaltet ist“. Wie im programmatischen Gedicht „Honighohn“: „Was der Honig an sich bindet: Protokolle. / Beflockte Unionen auf grau- bis graublauem Trikotstoff. Menschen / Werden. Hängen. Bleiben. Samen und Pollen genauso. Süße der Luft. / Kandierte Haare, Bahnen, Brücken. Stelle ich sie weg vom Kopf, / bleiben sie auf ewig stehen. Jedes Maß ist wahr in jedem Sinn. / Doch in Bezug auf was? Diese Sprünge! Barocker Minimator / des Verlangens. Wilde Vielfalt, in die Tausenderlei eingefaltet ist, / nur wird es nicht umgesetzt.“ Den Rinckschen Digressionen sind einige minimalistische Lieder des Komponisten Bo Wiget beigefügt, die deren „Heiterkeit des Denkens“ noch erhöhen. In der Schlusszeile eines „Honigprotokolls“, das vor „billigen, schnittigen Begriffen“ warnt, wird die alchemistische Formel „Solve et Coagula!“ aufgerufen: Löse und verbinde. / Michael Braun, Tagesspiegel
Monika Rinck:
Honigprotokolle.
Sieben Skizzen zu Gedichten, welche sehr gut sind. Kookbooks, Berlin/Idstein 2012.
80 Seiten, 19,90 €.
»Ich vernichte durch den kapitalismus ich da draußen im angesicht des schmerzes ökonomischen verlustes ich angesichts des lochs des anderen.« So schreit Minerva Reynosa (32) ihre Entfremdung heraus. Und bei Eduardo Padilla (35) betet ein Nihilist »für ein massives Desaster, das uns befreie von Herren und Sklaven gleichermaßen«. Von den Klassengegensätzen auszugehen, ist selbstverständlich für die junge mexikanische Dichtung, die in der aktuellen Ausgabe des Literaturmagazins poet zweisprachig vorgestellt wird. Herausgegeber ist Andreas Heidtmann vom Leipziger »poetenladen«. …
Und schließlich Rollenlyrik eines Rockstars, Antikriegssongs von Julián Herbert, als wäre hier ein Otto Dix zu Gange: »die Schenkel meiner Frau zeigen in Richtung Schlacht« oder »Langsam kam die Party in Schwung: / abgehackte Hände auf dem Monopolytisch, / im DVD-Player lief ein Neujahrsporno.« Doch plötzlich weht eine nächtliche Szene auf einem Parkplatz heran, zwei Dichter, die sich zum ersten Mal sehen. Herbert gelingt der poetische Hochseilakt, diese Begegnung so zu vergegenwärtigen, als hätten die beiden, nicht er, sie geschrieben, nur mit Bildern und streng nach Regeln der altchinesischen Dichtkunst. Im Morgengrauen malen sie das gemeinsam gefertigte Gedicht in formvollendeter Schrift an ihre zerbeulten Autos, während sie – sehr suggestiv – Wodka fließen lassen. Unentwegt. Eine Flasche. Bis der Mond ganz klar zu sehen ist. »Una botella de vodka / hace más transparente la luna.« Zwölf einfache Zeilen, die einem den Atem verschlagen. Ihr Titel? »Das Herz der Samstagnacht«. Ihre imaginären Autoren? Tom Waits und Li Po. / Antonín Dick, junge Welt
Andreas Heidtmann (Hrg.): poet nr. 12 – Literaturmagazin. poetenladen, Leipzig 2012, 90 Seiten, 9,80 Euro
Oberflächlich betrachtet geht es der Poesie gar nicht so schlecht. Die kleinen Lyrikverlage – kookbooks in Berlin, der Wiesbadener Lux Verlag, der Poetenladen in Leipzig – vermehren sich wie Hasenkolonien.
mehr in der Art in einem offenbar unter die Oberfläche blickenden Text von Joachim Sartorius im Tagesspiegel, wie gleich darauf:
Aber bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Poesie in ihrem eigenen Saft kocht. Es gibt keine Zuwächse in der Leserschaft. Die großen Literaturpreise, insbesondere der Deutsche Buchpreis in Frankfurt und die Leipziger Preise grenzen die Poesie aus. Damit ist einfach kein Absatz zu machen. Befragen wir die literarischen Verlage, Suhrkamp oder Hanser, so erfahren wir deprimierende Zahlen. Ein Literaturnobelpreisträger wie der karibische Dichter Derek Walcott kommt nie über 2000 verkaufte Exemplare hinaus; der bedeutendste lebende nordamerikanische Lyriker, John Ashbery, hat auch über viele Jahre hin bei uns nie mehr als 800, maximal 900 Exemplare verkauft.
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
von der kunst mehr zu
erwarten als hoeheren
schwindel
entschloss ich mich
die wirklichkeit nicht
fuer die wahrheit zu
halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
die wirklichkeit ohne
wahrheit zu ertragen
entschloss ich mich
meine wahrheit fuer meine
eigene und die der andern
fuer diejenige der
andern zu halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
den schwindel von der
wirklichkeit zu loesen
entschloss ich mich
die mitte der haelfte
meines lebens
fuer einen schwindel
zu halten
Gino Hahnemann, aus: Ders.: Allegorie gegen die vorschnelle Mehrheit. Mit Zeichnungen von Helge Leiberg. Berlin: Druckhaus Galrev 1991, S. 4f
(Transkription der handschriftlichen Fassung aus einer Grafik von Helge Leiberg – die Zeilenbrüche könnten durch die Grafik bedingt sein. Das Gedicht hat zumindest in dieser grafischen Fassung keine Überschrift.)
Er war ein aufstrebender Lyriker, verkehrte in höchsten Künstlerkreisen – und zerbrach noch vor der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes am Leben. Ernst Goll stürzte sich am 13. Juli 1912, gerade einmal 25-jährig, aus einem Fenster der Grazer Universität. „Wir haben wahrscheinlich an ihm einen bedeutenden Dichter verloren, ohne ihn zu besitzen“ schrieb Peter Rosegger, der Zeus im Literatenhimmel der damaligen Steiermark, zwei Monate später in einem Nachruf.
Golls engster Freund, der Murecker Autor Julius Franz Schütz, brachte noch im selben Jahr den Großteil seiner Gedichte unter dem bezeichnenden Titel „Im bitteren Menschenland“ heraus. Der im Berliner Fleischel Verlag erschienene Band verkaufte sich offenbar recht gut und zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg hatten Golls Texte nicht nur in der Steiermark einen Fixplatz in so mancher lyrischer Hausapotheke. …
Nicht, ohne vorher die romantischsten und melancholischsten seiner Gedichte auszusortieren, bemächtigte sich 20 Jahre nach seinem Tod die nationalsozialistische Propaganda des Goll’schen Werkes. Er landete in der Schublade der die Fahne deutscher Kultur hochhaltenden Grenzland-Dichter. Während andere, ideologisch tatsächlich gefärbte steirische Dichter wie Ottokar Kernstock und Hans Kloepfer sich auch noch in der Nachkriegszeit großer Beliebtheit erfreuten, geriet Golls Dichtung weitgehend in Vergessenheit.
Erst mit dem Erscheinen einer zweisprachigen Ausgabe von „Im bitteren Menschenland/V trpki dezeli cloveka“ im Jahr 1997 in der Übersetzung von Vinko Oslak begann die Wiederentdeckung. / Salzburger Nachrichten
In der Nacht zum 17. Juli 1987 wurde der Schriftsteller Jörg Fauser auf der Stadtautobahn bei München von einem LKW überfahren und starb. Es war sein 43. Geburtstag. Die genauen Umstände sind bis heute nicht geklärt. Fauser gehörte zu den herausragendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Seit der Alexander Verlag in Berlin vor knapp zehn Jahren mit der Herausgabe von Fausers Gesamtwerk begann, wird der Schriftsteller nach und nach wieder entdeckt. Anlässlich seines 25. Todestages zeigt das Lichtblick Kino in Berlin noch bis zum 18.7. Christoph Rüters Dokumentation „Rohstoff – Der Schriftsteller Jörg Fauser“ (2006) sowie Hans-Christof Stenzels „C’est la vie Rrose“ (1976) – eine experimentelle Hommage an Marcel Duchamp, für die Fauser allabendlich während der Dreharbeiten die Dialoge schrieb.
…
1984 war Fauser für den Bachmann-Preis nominiert, in der Jury saßen unter anderem Marcel Reich-Ranicki und Walter Jens. Sie stampften ihn in Grund und Boden, sie tobten über seine „schlechte Literatur“, verlachten ihn – während Fauser in sich hinein lachte, während das selbsternannte deutsche Literaturestablishment sich selbst demontierte. Es war der Tag, an dem man hätte aufhören müssen, diese traurigen Figuren ernstzunehmen./ Gerrit Wustmann, cineastentreff
Mein erster Text war eine Kontrafaktur von einem Gedicht des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu. Ich hatte erstmals Rumänisch-Unterricht in der Schule und wollte meine Lehrerin beeindrucken. Wahrscheinlich war er es, bei dem ich früh ein wichtiges Prinzip begriff, dass es bei einem Gedicht auf die Sprachmelodie ankommt. Ich habe Eminescu auf der Lautebene imitiert. Für mich waren Rhythmus, Pausen, Synkopen, Kontrapunkte die eigentliche, strukturelle Ebene. Auf den Inhalt kam es mir nicht an; es war, glaube ich, ein romantisches, revolutionäres Liebesgedicht. Doch über das Melos habe ich begriffen, wie so ein Gedicht funktioniert – auch, oder gerade, über das Rumänische, das im Vergleich zum Deutschen eine ganz andere Klangtiefe, eine andere Grundmelodie hat. Später habe ich Heinrich Heines Gedichte in der Bibliothek meiner Mutter entdeckt – und mit ihm auch die Musik der deutschen Sprache. / Klaus Hensel im Gespräch mit faustkultur.de
Siehe auch klaushensel 2.0
Sie schreibt Gedichte über gynäkologische Situationen – ein Gynäkologe hat das Gedicht tatsächlich an der Decke seiner Praxis postiert, wo die Frauen während der Inspektion hinblicken. Eines ihrer kürzesten Gedichte mit dem Titel Landleben lautet: „Vater, Mutter, Rind“. Das ist stellenweise gar nicht so weit von Jandl oder der natürlich wieder ganz anders gearteten Vaterlyrik weg, die Nora Gomringer bei der Lesung im ausverkauften Hölderlinturm zur Hälfte ihren eigenen Texten beigesellt – auch wenn der Papa gar nicht dabei ist. Wunderbar konkretpoetische Schwiezerdütsch-Miniaturen vom alten Herrn sind darunter. Alter Herr – Eugen Gomringer ist Jahrgang 1925, da darf man so was schon mal sagen. / Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt
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