Mein feines Lieb

Julius Wilhelm Zincgref

(* 3. Juni 1591 in Heidelberg; † 12. November 1635 in St. Goar)

Liedt
[gekürzt]

MEin feines Lieb ist fern von mir,
Ich hat mit jhr sehr kurtze frewdt,
Sehr kurtze frewdt hat ich mit jhr,
Das macht mir desto grösser leidt,
Mein Tag bring ich mit seuftzen zu,
Mit lauter Vnruh meine Ruh:
Mein Hertz hat sie genommen mit,
Es halff kein Klag, es halff kein Bitt.

[...]

Ach liebstes Lieb, kehrt wieder vmb,
Kehrt vmb, ach liebstes Liebelein,
Eh dann ich gantz vnd gar vmbkumb,
Vnd gebt mir nur ein Zeichen klein,
Kan es nit mit dem Leibe sein,
So last es doch ein Schreiben sein,
Hab ich so vil genad bey euch,
So frag ich nach keim Königreich.

Aus: Auserlesene Gedichte Deutscher Poeten gesammelt von Julius Wilhelm Zinkgref, 1624 (= Neudrucke deutscher Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, Band 15), neu herausgegeben von Wilhelm Braune, Halle (Saale): Niemeyer, 1879, S. 21f

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Drei Ratschläge

Einmal noch Rumi für den 750. Todestag, der vorgestern war. Das wäre für jedes Vierteljahrtausend eins. Heute ein Auszug aus der großen Dichtung aus 25000 Doppelversen, Masnawi. Aus Buch IV die (Doppel-) Verse 2245 bis 2265.

Die Geschichte vom gefangenen Vogel, der Folgendes riet: »Bereue nichts Vergangenes, kümmere dich um die jetzigen Bedürfnisse und verbring deine Tage nicht mit Reue!«

Mit List und Falle fing ein Mann 'nen Vogel, 
der Vogel sprach zu ihm: »Oh edler Meister,
wie viele Ochsen aßt du schon und Schafe,
wie oft schon hast du ein Kamel geopfert;
nie in der Welt wurdst du davon je satt,
und auch von meinen Gliedern wirst du's nie.
Befrei mich, dass ich dir drei Ratschläg gebe,
dann weißt du, ob ich klug bin oder dumm.
Den ersten geb ich dir auf deiner Hand,
den zweiten dann auf deinem Lehmdach oben,
den dritten Rat geb ich dir auf dem Baum;
durch diese Ratschläg wirst du glücklich werden.
Der Rat auf deiner Hand ist dieses Wort:
›Glaub keinem, wenn er dir mit Unsinn kommt!‹«

Kaum hatt' er auf der Hand den Rat gegeben,
war er schon frei, flog auf die Mauer und
sprach: »Zweitens: Traure nie Vergangnem nach!
Bedaure nicht, was dir entgangen ist!«
Und dann: »In meinem Leib versteckt ist eine
sehr rare Perle, die zehn Dirham wiegt;
und diese Perle war, so wahr du lebst,
dein großes Glück und jenes deiner Kinder,
nicht ihresgleichen hat sie auf der Welt,
doch du hast sie verpasst, hast Pech gehabt.«

So, wie 'ne Frau bei der Geburt laut klagt,
geriet der Meister in ein lautes Jammern.
Der Vogel sprach: »Hab ich dir nicht geraten,
all dem, was gestern war, nicht nachzutrauern?
Was grämst du dich dann wegen dem Vergangnen?
Begriffst du nicht den Rat? Bist du wohl taub?
Den zweiten Rat gab ich dir, dass du nie
vom Weg abkommst und jeden Unsinn glaubst.
Drei Dirham wieg ich selber nicht, du Löwe,
wie trüg ich da zehn Dirham in mir drin?«
Der Meister kam erneut zu sich und sprach:
»Jetzt aber gib den dritten guten Rat!«
Er sprach: »Ja, fein genutzt hast du die Ratschläg!
Den dritten gäb ich dir doch auch vergeblich.«
Einen verschlafnen Dummkopf zu beraten,
heißt Saat ausstreun auf unfruchtbaren Boden.
Auf Dumme sollst du Weisheitssaat nicht säen,
denn nie sind ihre Risse zuzunähen.

Aus: Dschalal ad-Din Rumi: Masnawi. Gesamtausgabe in zwei Bänden. Zweiter Band. Buch IV-VI. Aus dem Persischen von Otto Höschle. Xanten: Chalice, 2021, S. 887f.

Sage, wo ist er?

Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)

Die Ghasele oder das Ghasel ist eine kunstvolle Gedichtform, bei der die ersten beiden Zeilen reimen und dieser eine Reim dann über das ganze Gedicht in jeder zweiten Zeile wiederholt wird (Monoreim). In der Regel baut der Dichter am Ende seinen eigenen Namen ein. Dschelaleddin, das ist Rumi. Die Reime sind oft länger als die bei uns üblichen Formen einsilbig (männlich, wie Herz/Schmerz) oder zweisilbig (weiblich, wie Liebe/Triebe). Rückert gelingt ein fünfsilbiger Reim ohne eine einzige Wiederholung: Frage, wo ist er? / Tage, wo ist er…

Nach welchem ich frage, wo ist er? 
Den in mir ich trage, wo ist er?
Der ragende Baum der Gedanken,
An den ich nicht rage, wo ist er?
Ich frage die Hüter am Wege:
Der Schönste im Hage, wo ist er?
Ich frage die Wächter des Weinbergs:
Der Schöne der Tage, wo ist er?
Ich streiche durch Wälder und Felder:
Der Hirsch, den ich jage, wo ist er?
Ich frage den Mond und die Sonne:
Beim Sternengelage, wo ist er?
Er ist nicht bei mir; bei den andern,
Wo ist er? ich klage, wo ist er?
Dschelaleddin, wenn du ihn fandest,
Ich such' ihn, o sage, wo ist er?

Mehr bei Projekt Gutenberg

Zwiesprache mit Rumi

Kalligraphie von 1278 (5 Jahr nach Rumis Tod)

Fotos aus dem Rumimuseum und -mausoleum in Konya, Gratz

Rumi – 750. Todestag des persischen Mystikers und Dichters

Heute vor 750 Jahren starb der islamische Mystiker und Dichter Dschalal ad-Din Rumi, der im Westen meist kurz Rumi genannt wird, im Persischen Maulawī und im Türkischen Mevlevi. Geboren wurde er nach der Überlieferung am 30. September 1207 in Balch im heutigen Afghanistan (oder in Wachsch, heute in Tadschikistan). Gestorben ist er am 17. Dezember 1273 in Konya in der heutigen Türkei.

Rumis Grab in Konya wird täglich von vielen Verehrern und Touristen besucht. Lesen können ihn die wenigsten, weil er auf Persisch schrieb.

Fotos: Gratz

Zum Anlass werde ich in den nächsten Tagen einen kleinen Rumi-Block veröffentlichen. Heute ein Gedicht aus seinem Diwan in der deutschen Fassung von Johann Christoph Bürgel, gefolgt von einem Kommentar des Herausgebers und Übersetzers.

Ist keine Flut gekommen, doch wurden wir benetzt;
Fuß lief in keine Schlinge und liegt in Fesseln jetzt.
Wir tranken keinen Tropfen und wurden doch berauscht,
wir sahen nie ein Schachbrett, und sind doch mattgesetzt.
Wir sahen nie ein Schlachtfeld und doch, wie sich im Wind
die schönen Locken lösen, sind wir versprengt, zerfetzt.
Wir sind ein Schatten jenes Idoles, ja mich dünkt,
daß uns das Bild von Götzen seit Urbeginn ergötzt.
Der Schatten scheint zu wesen und west und währt doch nicht.
So sind auch wir ein Nichts nur, den Schatten gleich geschätzt.

Diese Verse sind ein typisches Beispiel für das bei allen Mystikern so beliebte Reden in Paradoxen: Der Mystiker ertrinkt in einer Flut, die nicht die des Meeres ist, er fällt ohne Schlingen in die Fesseln mystischer Liebe, der himmlische Schachspieler setzt ihn matt ohne ein Schachbrett. Der Vergleich mit den Locken entstammt der Liebespoesie: Die Krümmungen und Brüche der Haare der Geliebten krümmen und zerbrechen, schlimmer als jede Waffe, den Liebenden. Der Liebende wie der Mystiker ist vernarrt in das schöne Idol. Beide sind Götzenanbeter in dem Sinn, daß sie in der irdischen Erscheinung das Göttliche erkennen und verehren. Das Idol verhält sich zu Gott wie der Liebende zum Idol. Das ist ein Stück neuplatonischer Hierarchie des Seins. Der Schatten, der schwindet, kehrt ins Licht zurück. Am Ende der Abbildverehrung steht die Verschmelzung mit dem Urbild.

Johann Christoph Bürgel, in: Rumi, Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt, aus dem Persischen übertragen und erläutert von Johann Christoph Bürgel. München: C.H. Beck, 2003, S. 65.

Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg

Hermann Broch 

(* 1. November 1886 in Wien; † 30. Mai 1951 in New Haven, Connecticut)

STIMMEN

Als die Männer zurückkehrten aus dem Krieg,
dessen Schlachtfelder brüllende Leerheit
gewesen waren, da fanden sie daheim genau
dasselbe, kanonengleich brüllend die Leere
der Technik, und wie auf den Schlachtfeldern
hatte das Menschenleid sich in die Winkel der
Vakuumräume zu verkriechen, umwittert von
deren Schreckensheiserkeit, mitleidlos umwittert vom
rohen Nichts.
Da war es den Männern, als hätten sie nicht
zu sterben aufgehört,
und sie fragten, was alle Sterbenden
fragen: wohin, ach, wohin haben wir
unser Leben vertan? Was hat uns in
solche Leerheit hineingestellt und
dem Nichts anheimgegeben? Ist das
wirklich des Menschen Bestimmung und
sein Los? Soll unser Leben wirklich
keinen anderen Sinn als diesen Nicht-Sinn
gehabt haben?

Indes, die Antworten auf die Fragen waren
selbsterteilte, und demzufolge waren sie
wieder nur leere Meinungen, wieder nur das
leere Nichts,
eingebettet im Nichts, geformt vom Nichts
und daher vorbestimmt, wiederum abzugleiten
zur Wirrnis der Überzeugungen, die den
Menschen zwingen, aufs neue sich aufzuopfern,
aufs neue wie im Kriege,
aufs neue in unheilig-hohler Heldischkeit,
aufs neue in einem Tod ohne Märtyrertum,
aufs neue im leeren Opfer, das nimmermehr
über sich hinauswächst.
Wehe über eine Zeit der hohlen Überzeugungen
und hohlen Opfer!

Aus: Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, herausgegeben von Achim Roscher, Berlin: Verlag der Nation, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage), S. 235

Heimlicher König

Ferdinand Hardekopf 

(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)

Paul Raabe nannte Hardekopf den „heimlichen König des Expressionismus“.

Spleen

Ein Bündel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte [3 Uhr 2]: «Ein Spuk-Gedicht,
Nervös-geziert, ist Literatenpflicht!»

Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst [-Berlin] reell
Auf ihr imaginäres Karussell.

Ein Schneiderkleid umpresste mit Radau
Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Zitronen-Ei [um 3 Uhr 5 genau]
Versank in Bar-Fauteuils aus Dämmerblau. –
Nachhüstelnd, matt-dosiert: « Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gruss: du noctambules Seminar!»
... So. 3 Uhr 10. Wie süss verwirrt ich war!

Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1990, S. 78 (Lizenzausgabe der Arche, Zürich 1965. Ursprünglich erschien die Anthologie 1946)

Wie Nausikaa

Elisabeth Langgässer

(* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe)

Frühling 1946
Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?
Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?
Aus dem Reich der Kröte
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte
Und des Totenführers Flöte
Grässlich noch im Ohr.
Sah in Gorgos Auge
Eisenharten Glanz,
Ausgesprühte Lügenlauge
Hört ich flüstern, daß sie tauge,
Mich zu töten ganz.
Anemone! Küssen
Lass mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe, ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.
Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren –
Kind Nausikaa!

Aus: Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden, herausgegeben von Achim Roscher, Berlin: Verlag der Nation, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage), S. 378 (Vorlage: Elisabeth Langgässer, De profundis. München: Kurt Desch, 1946)

Noch mal zu Eichendorff

Robert Gernhardt

Zu zwei Sätzen von Eichendorff

Dämmrung will die Flügel spreiten,
wird uns alsobald verlassen,
willst du ihren Flug begleiten,
mußt du sie am Bürzel fassen.

Freilich, mancher, der so reiste,
fiel aus großer Höh' hinunter,
weil er einschlief und vereiste.
Hüte dich, bleib wach und munter.

Aus: Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954 – 2006. Frankfurt am Main: S.Fischer, 2010. (2. Auflage), S. 98.

Lieber Liebe als Krieg

Man weiß, dass das Werk der griechischen Dichterin Sappho zum überwiegenden Teil in Fragmenten überliefert ist. In der Anthologie „Tränen und Rosen. Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden“, die, herausgegeben von Achim Roscher, 1967 (2. erweiterte und verbesserte Auflage) im Ostberliner Verlag der Nation erschien, findet sich dies:

LASST MICH

Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir
Fernen, gedenken!

Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
Waffen das Fußvolk.

Als Übersetzer ist Ernst Morwitz genannt, Quelle ist die Anthologie „Lyrik der Welt“, herausgegeben von Fritz Jaspert beim Safari-Verlag Berlin 1953.

Die zweite Strophe ist eine komplette Odenstrophe, eine sapphische Ode, wie sie vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in der deutschen Lyrik gepflegt wurde. Sie besteht aus drei rhythmisch vordrängenden Elfsilblern und einer kurzen, fünfsilbigen Zeile (Adoneus), die die rhythmische Bewegung zum Stillstand bringt. Der Eindruck des Vorwärtsdrängens entsteht vor allem durch einen Daktylus im dritten Versfuß oder Takt:

Lieber | säh ich | ihre ge | liebten | Schritte

Kurz gesagt, das Gedicht sieht aus wie eben ein Sapphofragment aussieht. Man könnte eine Sapphoausgabe durchblättern und nach sechszeiligen Fragmenten durchsuchen. Das geht ziemlich schnell, eine zweisprachige Gesamtausgabe aller Gedichte und Fragmente braucht nicht viel mehr als 200 Seiten. Man wird es aber nicht finden. Morwitz hat tatsächlich ein Stück aus einem der wenigen längeren Gedichte der Dichterin herausgebrochen. Von dem Fragment Voigt 16 sind die ersten drei Strophen fast vollständig überliefert, die vierte hat größere Lücken und die fünfte ist wieder vollständig. Es folgen noch drei Strophen, von denen nur Reste, genauer gesagt nur Wortreste vorhanden sind. Morwitz lässt die 3 kompletten Anfangsstrophen weg, sein Fragment eines Fragments nimmt die zwei letzten Zeilen der fragmentarischen vierten und die vollständige fünfte Strophe.

Dass das Fragmentarische seinen eigenen Reiz hat, haben wir nicht zuletzt an den Sapphofragmenten gelernt – wenn ich nicht irre, lange bevor die japanischen Tanka und Haiku in europäische Sprachen übersetzt wurden. Morwitz lässt den Eingang des Gedichts mit einer berühmten Priamel in Strophe eins einfach weg wie klassischen Bildungsballast und komprimiert die „love-not-war“-Botschaft des alten Texts in sechs Zeilen.

Ich ergänze seinen Text durch die zweite Hälfte des Gedichts, von der Stelle, mit der Morwitz einsetzt, bis zum Schluss in 3 Versionen: dem griechischen Original und zwei Fassungen aus zweisprachigen Gesamtausgaben, der deutschen von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum 2009) und der englischen von Ann Carson: If not, Winter. Fragments of Sappho (Vintage Books, 2003). Vorangestellt noch einmal die Fassung von Morwitz mit Zeilennummern.

        Laßt mich heut Anaktorias, der schon mir 
16 Fernen, gedenken!

Lieber säh ich ihre geliebten Schritte
Und das Spiel auf ihrem beglänzten Antlitz
Als die Wagen lydischen Landes und in
20 Waffen das Fußvolk.
13        ... b)iegsam ...
... leichthin ...
lässt auch mich nun an Anaktoria denken,
16 die nicht hier ist,

deren verführerischen Schritt ich und das glänzende
Funkeln des Antlitzes lieber sehen möchte
als der Lyder Kriegswagen und gewappnete
20 Fußtruppen.

... es ist nicht möglich ...
(dass die) Mensch(en ..., aber sie können, um) ihren Anteil
zu haben, beten
24 ...

...
...
...
28. zu ...

so ...
...
...
32 unerwartet.
                         ]for 
]lightly
]reminded me now of Anaktoria
16 who is gone.

I would rather see her lovely step
and the motion of light on her face
than chariots of Lydians or ranks
20 of footsoldiers in arms.

]not possible to happen
]to pray for a share
]
]
]
]
]
toward[

]
]
]
32 out of the unexpected.

ich lebe frei, ihr seid die beuter

Daniel Böswirth

ich hab das schild, ihr seid die bürger 
ich lebe wild, ihr heißt hans würger

ihr tragt das schild, ich kriech da raus
ihr bleibt zu haus, ich geb ‘nen aus

ich lebe frei, ihr seid die beuter
schwimm nach hawaii, ihr sammelt kräuter

ihr tragt das schild, seid vor wut bürger
ich geb ‘nen aus, ihr kommt da nicht raus

ich bin die kröte, hab reimnöte
und ihr klappt zu . . .

als ob euch goethe mehr böte

Aus: Daniel Böswirth, von den bösen viechern. mit linolschnitten des autors. Vorwort von Gerhard Jaschke. Wien: Fürth ohne th Verlag, 2023, S. 71

Festschrift für den Schatten

Gestern war der 80 Geburtstag des Dichters und langjährigen Hanserchefs Michael Krüger. Hier ein Gedicht aus seinem Band „Die Dronte“ (1985), für den er 1986 mit dem Huchelpreis ausgezeichnet wurde.

Michael Krüger 

(* 9. Dezember 1943 in Wittgendorf, Landkreis Zeitz)

Ein Naturforscher

1
Nur bei Tageslicht
soll er ihn führen:
der Herr wünscht alles zu sehen.
Jeden Stein am Wegesrand,
jedes Würmchen,
kurz: jede Schweinerei.

2
Der Herr sammelte
etwa dreitausend Pflanzen
in seinem Herbarium.
Mein lebendiges Gedächtnis,
pflegte er zu sagen,
das nie verblüht.

3
Den Himmel
betrachtete er selten,
selten das Fenster,
in den Himmel gezeichnet.
Er hielt wenig von der Mythologie.

4
Wir dürfen aber nicht das,
was wir nicht begreifen können,
aus dem Grunde,
weil wir es nicht begreifen können,
leugnen.

5
Gern erzählte er
von einem Kollegen,
der beim Anblick eines Pferdeschädels
wußte, wie die Natur
zu ordnen sei.

6
Die Welt wurde heller
unter dem Glas,
doch der Herr schrieb
eine Festschrift
für den Schatten.
Viel traute er
seinem Jahrhundert nicht zu.

7
Roß, Pferd, Gaul, Mähre:
zu viele Namen
erschweren die Ordnung.
Und die Ordnung
war selbst unter denen,
die einander zur Ordnung riefen,
nicht herzustellen.

8
»... er gab sich alle Mühe,
uns glaubhaft zu erläutern,
was ein Baum sei«,
notierte er. Es war die Zeit,
da Beobachtung dem Urteil
vorausging.
Über die Kindheit der Erde
sollten Knochen Rede stehen.

9
Schon war es nicht mehr möglich,
von allem Vorhandenen
Kunde zu erhalten.
Alles Entstehende
machte ihn bitter.

10
Sein Husten wurde lauter
und begrub ihn schließlich.
Im Koma sprach er
in fremden Sprachen,
meistens hawaiisch.

11
Wie eine Warnung
klang die Geschichte
der Einwohner von Los Velos,
die nacheinander Handwerk,
Künste, ja die Sprache
ihrer Väter verlernten.

12
Wo der gesittete Mensch
einwandert, verändert sich
vor ihm die Natur.
Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

13
Da er vor der Zeit arbeitete,
wurde er mißverstanden.
Nur sein Schatten blieb haften
auf einer zerfallenden Erde.

Aus: Michael Krüger: Die Dronte. Gedichte. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1988, S. 14ff (zuerst 1985 bei Hanser)

Weiß nicht warum

Fritz Graßhoff 

( * 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

Was ich getan

Was ich getan,
verlor den Sinn.
Weiß nicht, warum
ich fröhlich bin.

Was ich geliebt,
deckt schon der Schnee.
Weiß nicht, warum
ich weitergeh.

Gezählt ist schon
der Stunden Schlag.
Weiß nicht, warum
ich leben mag.

Aus: Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. Wulf Segebrecht unter Mitarbeit von Christian Rößner. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2005, S. 441.

Jorinde, komm

Volker von Törne 

(* 14. März 1934 in Quedlinburg; † 30. Dezember 1980 in Münster) 

Märchen

Jorinde, komm ins Schneckenhaus.
Da wolln wir beide schlemmen:
Auf Schutt gebackne Haselmaus
und Mus von Schimmelschwämmen.

Da schlachte ich den Goldfasan.
Im Kessel schmort mein Igel.
Da trinkst du Milch und Lebertran
aus fosforrotem Tiegel.

Jorinde, komm ins Schneckenhaus,
eh sich die Wolken färben.
Die Nacht schlägt uns die Augen aus:
Da schmück ich dich mit Scherben.

Da mach ich uns ein Bett aus Schrott
und schenk dir meinen Schatten.
Und bau um uns ein Bild von Gott
aus Draht und Panzerplatten.

Aus: das atelier 2. Zeitgenössische deutsche Lyrik. Hrsg. Klaus Wagenbach. Frankfurt/Main u. Hamburg: Fischer Bücherei, 1963, S. 135

NB

Jetzt weiß ich, KI ist ein Studienrat. Er kann ein Gedicht nur ertragen, wenn er es auch dem Leser in der hintersten Bank klargemacht hat, will sagen, eingeführt, kontextualisiert, Bildsprache analysiert, Reim und Metrum inspiziert, tiefere Bedeutung extrahiert, in Sekundärwissen überführt, in handliche Stücke tranchiert und fest verschnürt hat. Hier seine Reaktion auf das Märchen.

The content is a poem titled „Märchen“ by Volker von Törne. The poem expresses a playful and imaginative atmosphere, with vivid imagery and unconventional language. However, the meaning and interpretation of the poem may not be clear to all readers. To improve the content, consider the following actions:

1. Provide a brief introduction or context for the poem to help readers understand the author’s intention.

2. Explain the symbolism and metaphorical elements used in the poem to enhance readers‘ understanding.

3. Consider including an analysis or interpretation of the poem, exploring its themes and deeper meanings.

4. Add a conclusion or reflection on the significance of the poem within the context of German contemporary poetry.

By implementing these actions, the readers will have a better grasp of the poem’s message and its artistic value.

Dichter im Dienst

Der AI-Assistent von WordPress fordert mich fast täglich auf, mehr Kontext über den Dichter und sein Gedicht zu liefern, damit die Leser die Bedeutung des Gedichts besser würdigen können. Hier also einmal eine Strophe aus dem Werk des großen russischen Dichters Alexander Puschkin mit ganz viel Kontext. Mal sehen, ob die Artificial Intelligence heute zufrieden ist. (Mal sehn, ob sie merkt, dass ich hier über sie rede, ha!). Gefunden habe ich die Strophe mit Kontext in dem Aufsatz von Andrej Soldatow und Irina Borogan: Der Angreifer von außen. Wie in sowjetischen Schulbüchern ein unkriegerisches Imperium konstruiert wurde, aus der Ausgabe 183 der österreichischen Zeitschrift wespennest (November 2022).

Kampf gegen die Barbaren

Der Geschichtsunterricht über das 19. Jahrhundert wurde von zwei großen Narrativen dominiert: dem Überfall Napoleons und dem gescheiterten, aber glorreichen Dekabristenaufstand sowie der Entstehung einer revolutionären Bewegung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Die lange und schreckliche Unterjochung des Kaukasus fand vor allem in der Lyrik der russischen Dichter Puschkin und Lermontow einen Ausdruck. Beide begeisterten sich für die russischen militärischen Heldentaten. Nehmen wir Puschkins Poem Der Gefangene im Kaukasus:

Besinge auch die hehre Stunde, 
Da Schlachten witternd und Gefahr
Zum Kaukasus dem Höllenschlunde
Hinstürzte unser Doppelaar.
Da in des Tereks graue Wellen
Der erste Schlachtendonner traf
Und er vor Rußlands Trommelfellen
Erschrocken fuhr aus langem Schlaf.

(Ich füge hier den russischen Originaltext ein – des Satzzusammenhangs wegen, den die zitierte Übersetzung nicht genau einhält, um ein paar Zeilen verlängert. Darunter die automatische Übersetzung von Deepl.)

И воспою тот славный час,
Когда, почуя бой кровавый,
На негодующий Кавказ
Подъялся наш орел двуглавый;
Когда на Тереке седом
Впервые грянул битвы гром
И грохот русских барабанов,
И в сече, с дерзостным челом,
Явился пылкий Цицианов;
Тебя я воспою, герой,
О Котляревский, бич Кавказа!

Ich werde von jener glorreichen Stunde singen,
Als ich die blutige Schlacht roch,
Als unser zweiköpfiger Adler
Unser zweiköpfiger Adler aufstieg;
Als auf dem grauen Terek
Als zum ersten Mal der Donner der Schlacht ertönte
Und das Rasseln der russischen Trommeln,
Und im Kampf, mit kühner Stirn,
Der glühende Zizianow erschien;
Ich werde dich preisen, Held,
O Kotljarewski, Geißel des Kaukasus!

(Weiter im Text bzw. Kontext der beiden Autoren)

Das unermesslich große Territorium hinter dem Ural, Sibirien, war nach offiziellen Angaben vorwiegend von Wilden und Barbaren bevölkert, sodass seine Einverleibung ebenfalls nicht als echte Invasion bezeichnet werden könne. Russische Autoren und Künstler waren an dieser Geschichte kaum interessiert.

Schlimmer noch, die russischen Zaren erdachten die «Katorga», das System harter Strafarbeit im Russischen Reich, das für dieses Territorium symbolisch wurde. Und tatsächlich entwickelte sich Sibirien zu einem so schrecklichen Ort für Gefangene und Verbannte, dass sich in der russischen Gesellschaft ein merkwürdiger psychologischer Effekt herausbildete – die Vermeidung der Erwähnung Sibiriens um jeden Preis. Dabei ist bemerkenswert, welches Wort in den russischen Schulen für die Beschreibung der Kolonisierung dieses Landes verwendet wird – Unterwerfung Sibiriens. Allein hier gesteht die russische offizielle Geschichtsschreibung die Unterwerfung eines Territoriums ein, doch wird diese Unterwerfung von der Öffentlichkeit als Urbarmachung der rauen und grausamen Natur Sibiriens verstanden, nicht als Unterwerfung der vielen indigenen Völker, die es bewohnten.

Die blutige Eroberung Zentralasiens wurde völlig übersehen oder falsch dargestellt. Der russische Künstler Wassili Wereschtschagin (1842-1904) war Augenzeuge der russischen Eroberung Zentralasiens. 1871 malte er «Die Apotheose des Kriegs» – einen Schädelhaufen vor den Mauern einer asiatischen Stadt. Das Gemälde war «allen Eroberern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft» gewidmet und galt als eines der einprägsamsten Antikriegsgemälde der Weltgeschichte. Die russische Eroberung war tatsächlich blutig und brutal – doch zeigt das Gemälde nicht die russischen Soldatenopfer, sondern die der asiatischen Despoten wie Timur. Anstatt also eine Kritik der russischen Invasion zu sein, verurteilt das Gemälde die asiatische Barbarei.

Aus: wespennest. zeitschrift für brauchbare texte und bilder, Nr. 183, November 2022, S. 62. – Die Übersetzung aus Puschkins Verserzählung stammt von Adolf Seubert, aus: Alexander Puschkin: Der gefangene im Kaukasus. Leipzig: Reclam, 1873.

Einband einer sowjetischen Puschkinausgabe von 1949

Hier noch das AI-Urteil.

The content provides historical context and excerpts from Alexander Pushkin’s poem „The Prisoner in the Caucasus.“ It also discusses the narratives dominating the 19th century history lessons in Russia and the colonization of Siberia. In addition, it mentions the overlooked or misrepresented bloody conquest of Central Asia by Russia.

To improve the content:

1. Consider providing a brief introduction about Alexander Pushkin and his significance as a Russian poet.

2. Clarify the connection between the historical narratives and the poem „The Prisoner in the Caucasus.“

3. Expand on the impact of Pushkin and Lermontov’s poetry on the perception of Russian military heroism.

4. Elaborate on the significance of Siberia’s colonization and the psychological effect it had on Russian society.

5. Provide more details about the Russian conquest of Central Asia and its consequences.

Overall, the content about Alexander Pushkin and the historical context is informative but could benefit from further elaboration and clarity.

Irrtum

Barbara Korun

(Geboren 1963 in Ljubljana)

Im Zug Ljubljana - Villach 

In den Augen der Grenzpolizisten
im Zug von Ljubljana nach Villach
werde ich zur Frau, hellhäutig,
etwas älter, wahrscheinlich ungefährlich,
Nichtmigrantin, Nichtterroristin.

Was für ein Irrtum!

Aus dem Slowenischen von Matthias Göritz und Amalija Maček, in: Mein Nachbar auf der Wolke. Slowenische Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts. Hrsg. Matthias Göritz, Amalija Maček und Aleš Šteger. München: Hanser, S. 229

Na vlaku Ljubljana - Beljak 

V pogledu obmejnih policistov
na vlaku iz Ljubljane v Beljak
postanem ženska, svetlopolta,
starejša, potencialno nenevarna,
nebegunka, neteroristka.

Kakšna zmota!