31. Kavafis Project

Das ‚Kavafis Project‘ mit Wiener Kammerorchester und Singakademie kommt nach München, berichtete die Süddeutsche Zeitung am 1.2. (die Aufführung war am 2.2.):

Der gleichzeitig verklärende und objektivierende Blick des Exilanten auf die Heimat faszinierte. Auch den griechischen, aber in Frankfurt am Main aufgewachsenen Komponisten Alexandros Karozas, als er vor fast 25 Jahren das erste Mal mit den Gedichten Kavafis in Berührung kam und mit 17 Jahren die erste Melodie zu einem davon schrieb. Aus diesen frühen Skizzen entstand ein Liedzyklus, fern von Volkstümelei und Griechischer-Wein-Kitsch.

Das nun symphonisch ausgearbeitete ‚Kavafis Project‘ erscheint als groß angelegter Brückenschlag zwischen Kultur, Musik und Zeit – uraufgeführt 2011 in Wien. (…) Der in der ägyptischen Stadt Alexandria geborene Sohn griechischer Eltern verteilte seine Gedichte zu Lebzeiten ausschließlich in Kleinstauflage an ausgewählte Freunde. Doch posthum, er starb 1933, wurde er wiederentdeckt.

Und mutmaßt:

Bertolt Brecht war angeblich ein Verehrer Kavafis. Jacky O. auch.

Über Jacky K./O. haben sie sich informiert. Bei Brecht wäre es auch nicht schwer gewesen. Ein erster Blick in die 30bändige „Große Berliner und Frankfurter Ausgabe“ hätte eine Spur gebracht. Band 30 ist ein Registerband, einschließlich Personenregister. Da findet man eine der Buckower Elegien, die sich auf ein Gedicht des Griechen bezieht. Für den Rest hätte wahrscheinlich schon eine einfache Googlesuche weiterführen können. Aber ob das die Leser des Blattes interessiert?

30. Wortloch

Was ist eigentlich ein «a»? Ein blosses Zeichen, ein Vokal, der Anfang des Abc? Oder vielleicht doch mehr als nur Buchstabe, vielmehr ein Wort, das wächst und sich verzweigt und in den Verästelungen aufblüht? So wie das «a» im Slowenischen, das «aber» heisst: «Kaum in die Welt gesetzt / Aber schon aber, / Ein Ausnahmeort, / Wo der Gedanke bricht / Ins eigene Gegenteil.»

Bei Aleš Šteger sind die Wörter immer in Bewegung. Wenn der slowenische Dichter sich ein Alphabet baut, dann mag es zwar aus 25 Buchstaben bestehen (wie das slowenische Alphabet), aber für Šteger ist ein Wort nicht einfach ein Wort. Das Wort «Loch» etwa kann den Schreibenden verschwinden lassen, bis der Körper durchsichtig wird. Doch nur einen Moment später hat sich die Sichtweise geändert. Nun darf in dem Loch ein Baum entstehen, «Seine Blätter klopfen / An dich, / Er vermehrt sich von selbst, / Wachsende Stämme». Das Wort «en» («Eins») indes kann in Štegers Gedichten ein Nichts oder ein Nirgends sein, bevor Licht sichtbar wird und Atem und das Wort in flockiges Weiss übergeht: «Eine Unform / Von Schnee, / Der zugeschneit / Wird / Von der Peripherie / Des Worts Schnee, / Der verschwindet / Im Wort Ne.» / Nico Bleutge, NZZ 8.2.

29. Abgründe der Sprache

Wer irrtümlich oder zu spät den Hörsaal betrat, wie das ja gelegentlich in der Universität mal passiert, der musste einen großen Schreck bekommen: Da lief vorne ein glatzköpfiger Hüne rastlos hin und her und brüllte unaufhörlich die gleichen Silben ins Mikrofon, so dass die Lautsprecher fast zerbarsten. Wer noch nicht wusste, dass Sprache manchmal weh tun kann, der hatte es nach der letzten der Frankfurter Poetikvorlesungen von Michael Lentz unter dem Titel „Atmen Ordnung Abgrund“ fürs Leben gelernt – und in die Abgründe der Sprache geschaut. / Jan Wiele, FAZ

28. Verfluchung

Die Verächter der Lyrik sind zahlreich. Es gibt sie unter Politikern und Journalisten ebenso wie unter Literaturprofessoren und Verlegern. In der Regel zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie keine Gedichte lesen, aber schlecht über sie sprechen. Lyrik ist ihnen ein Schimpfwort. Wenn sie etwas herabsetzen wollen, bilden sie ein Kompositum mit –lyrik. Parteitagslyrik ist ein solches Wort, Antragslyrik ein anderes. Manche begnügen sich auch mit abwertenden Wendungen wie: Das ist doch nur Lyrik – die mitunter von einer wegwerfenden Geste begleitet werden. Das, wovon da gesprochen wird, ist jedoch nie Lyrik. Es ist nur schwer verständlich, unwahr, schönfärberisch oder aufgeblasen. So stellen sich die Verächter der Lyrik die Gedichte vor, die sie nicht lesen.

Allerdings gibt es auch gebildete Lyrikverächter, selbst unter großen Schriftstellern (unter kleinen natürlich ebenso). Alfred Döblin etwa hat sich 1948 seine Verachtung von der Seele – oder wovon auch sonst – geschrieben. Sein Donnerwort trägt den Titel Verfluchung der lyrischen Poesie und fängt gleich stark an:

„Ich verfluche das lyrische Gedicht. Ich will es nicht sehen und nicht hören. (…)“

/ Dieter Lamping, literaturkritik.de

27. HAM.LIT

HAM.LIT – Lange Nacht der jungen Literatur und Musik

Heute

19:00 bis 23:55

15 Autoren lesen in 3 Räumen parallel:
Im Ballsall und im Turmzimmer des Uebel&Gefährlichs und
im Terrace Hill.
In der zeitlichen Mitte und am Ende spielen 2 musikalische Gäste im Ballsall.

Tickets im VVK:
http://www.ticketmaster.de/event/hamlit/47735

Autoren in alphabetischer Reihenfolge:
Daniela Chmelik, Lydia Daher, Friederike Gräff, Simone Kornappel, Björn Kuhligk, Kevin Kuhn, Inger-Maria Mahlke, Matthias Nawrat, Kerstin Preiwuß, Tilman Rammstedt, Sascha Reh, Silke Scheuermann, Frank Spilker, Tina Uebel, Monika Zeiner

Musik: 206 und das JEANS TEAM
https://www.facebook.com/hallohoelle
https://www.facebook.com/jeansteam

26. Preis der Leipziger Buchmesse

LEIPZIGER BUCHMESSE
(14. bis 17. März 2013)

Leipzig, 7. Februar 2013


15 Autoren im Finale:
Jury gibt die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse bekannt

Zum neunten Mal ist das Rennen um den begehrten Preis der Leipziger Buchmesse eröffnet. In diesem Jahr reichten 141 Verlage insgesamt 430 Titel ein, die bis zur Leipziger Buchmesse 2013 erscheinen werden. Die siebenköpfige Kritikerjury unter der Leitung von Hubert Winkels nominierte jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2013:

Kategorie Belletristik:

  • Ralph Dohrmann: „Kronhardt” (Ullstein Verlag)
  • Lisa Kränzler: „Nachhinein” (Verbrecher Verlag)
  • Birk Meinhardt: „Brüder und Schwestern” (Carl Hanser Verlag)
  • David Wagner: „Leben” (Rowohlt Berlin)
  • Anna Weidenholzer: „Der Winter tut den Fischen gut” (Residenz Verlag)


Kategorie Sachbuch/Essayistik:

  • Götz Aly: „Die Belasteten: >Euthanasie< 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte” (S. Fischer Verlag)
  • Kurt Bayertz: „Der aufrechte Gang: Eine Geschichte des anthropologischen Denkens” (C.H. Beck)
  • Hans Belting: „Faces: Eine Geschichte des Gesichts” (C.H. Beck)
  • Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb” (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)
  • Wolfgang Streeck: „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus” (Suhrkamp Verlag)


Kategorie Übersetzung:

  • Eva Hesse: „Die Cantos”, aus dem Englischen, von Ezra Pound (Arche Verlag)*
  • Maralde Meyer-Minnemann: „Der Archipel der Schlaflosigkeit”, aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Literaturverlag)
  • Alexander Nitzberg: „Meister und Margarita”, aus dem Russischen, von Michail Bulgakow (Galiani Berlin)
  • Claudia Ott: „101 Nacht” aus dem Arabischen erstmals ins Deutsche übertragen nach einer Handschrift des Aga Khan Museums (Manesse Verlag)
  • Andreas Tretner: „Briefsteller”, aus dem Russischen, von Michail Schischkin (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)


Preisverleihung zur Leipziger Buchmesse

Die feierliche Bekanntgabe der Gewinner und die Preisverleihung finden am Donnerstag, dem 14. März 2013, 16.00 Uhr auf der Leipziger Buchmesse in der Glashalle statt. Unter wwww.preis-der-leipziger-buchmesse.de/stream können Interessierte, die nicht vor Ort sind, die Preisverleihung via Livestream verfolgen.

Begegnungen mit Nominierten und Gewinnern

Im Vorfeld der Leipziger Buchmesse können Literaturbegeisterte die Nominierten und ihre Werke erleben. Einen akustischen Eindruck der Werke vermittelt das Internetportal www.literaturport.de bereits vorab. Alle nominierten Titel werden hier mit einer Hörprobe vorgestellt.

Den Auftakt für Begegnungen zwischen Lesern und Autoren macht das MDR FIGARO Lese-Café. Am 10. und 24. Februar stellt MDR FIGARO jeweils ab 16.00 Uhr die Nominierten in der Kategorie Belletristik in der Leipziger Moritzbastei vor. Die nominierten Autoren im Bereich Sachbuch freuen sich auf ein erstes Treffen mit dem Publikum am 25. Februar ab 20.00 Uhr im Roten Salon der Volksbühne Berlin. Das Literaturhaus Hamburg begrüßt am 28. Februar zwischen 19.30 und 22.30 Uhr die Nominierten im Bereich Belletristik. Das Literaturhaus München lädt Bücherfreunde am 7. März, ab 19.00 Uhr, zu einem Treffen mit den Anwärtern auf den Preis der Leipziger Buchmesse ebenfalls in der Kategorie Belletristik ein.

Weitere ausgezeichnete Begegnungen mit Autoren, Übersetzern und Büchern verspricht der Leipziger Bücherfrühling. Mitglieder der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse stellen alle nominierten Autoren am ersten Messetag vor. Am 14. März, um 11.00 Uhr, machen die Belletristik-Autoren den Anfang. Um 12.00 Uhr folgen die Sachbuch-Autoren und um 13.00 Uhr die nominierten Übersetzer. Nach der Preisverleihung um 17.00 Uhr nehmen die drei Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2013 auf dem Blauen Sofa Platz und stehen ab 17.35 Uhr am Stand des MDR Rede und Antwort. Literaturfreunde können sich zudem auf Interviews in der Glashalle mit dem Belletristikpreisträger beim Deutschlandradio um 18.00 Uhr, bei 3sat um 18.30 Uhr und zur Live-Sendung von MDR artour um 20.45 Uhr in der MDR Fernsehzentrale freuen.

Online-Voting: Leser wählen ihren Preis-Favoriten

Aktiv mit abstimmen heißt es für alle Literaturfreunde vom 7. Februar bis 7. März unter www.preis-der-leipziger-buchmesse.de. Gesucht wird der Leser-Preis-Favorit in der Kategorie Belletristik. Bis zum 7. März können Bücherfreunde ihren persönlichen Preissieger wählen. Unter allen Teilnehmern wird ein Gewinner ausgelost und erhält ein Paket mit den nominierten Belletristiktiteln sowie Eintrittskarten zur Leipziger Buchmesse.

*) Hoffentlich sind Deutschlands Buchhändler und -leser nicht allzu enttäuscht, daß Herr Winkels nun doch 1 Lyrikband auf die Liste schlüpfen ließ! Noch dazu 1 avantgardistischen! (hier – unten über „Kleinverlage mit avantgardistischer Lyrik“)

25. Neuer Kolleritsch

Seit mehr als 50 Jahren steht der steirische Autor Alfred Kolleritsch für das Experiment. Jetzt hat der 81-Jährige den Lyrikband „Es gibt den ungeheueren Anderen“ herausgebracht. Mehr im ORF-Video*

*) Wäre eine solche Nachricht in irgendeiner ARDZDF-Station denkbar – außer Grass hat ein neues politisches Gedicht an die Uno geschickt?

24. Fotografie

Man sieht die 1915 in Kärnten geborene, 1973 gestorbene Dichterin oft mit einem Kopftuch und tiefen Augenringen. Am eindrucksvollsten aber ist eine Fotografie, auf der sie gar nicht zu sehen ist, nur ihr Schlaf- und Arbeitsraum im Hause der Freundin, bei der sie immer wieder wohnte, wenn sie nicht gerade im Krankenheim war. Man sieht ihr mit einer Wolldecke überworfenes Bett, auf dem Nachttisch eine große Packung der Zigarettenmarke, die sie rauchte, Bücher und eine einstielige Blume – und im Vordergrund eine große Schale, in der Strickzeug liegt. Wenn man weiß, dass Christine Lavant ihren Lebensunterhalt mit Stricken zu verdienen versuchte, erhält diese Strickarbeit im Zentrum des Bildes eine besondere Bedeutung. Und als sie dann mit Preisen gewürdigt wurde – unter anderem erhielt sie 1954 den Georg-Trakl-Preis und 1970 den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur – war das Stricken gleichwohl Symbol für das eiserne Ringen einer Autorin, die immer wieder vergessen zu werden drohte. Jetzt betreut der Göttinger Wallstein Verlag den Nachlass und startet mit einem ersten Band.

/ Anja Hirsch, wdr3

23. Der letzte

Er war ohne Zweifel einer der letzten großen Dichter des ungebrochenen* alten Bürgertums und kommentierte seine eigenen Gedichte trotzig: „…der letzte Lyriker bin ich.“

Jochen Mißfeldt ist schon immer fasziniert von Storms Sprache und seiner Dichtung gewesen, aber mit dem Menschen Theodor Storm, den er in einer Biografie darstellen sollte, hatte er zu kämpfen.  / Annemarie Stoltenberg, NDR

*) Vgl. Adolf Endler:

Einem ungebrochenenen Rezensenten

„Gebrochene Gefühle!“ rügt er manchen kühl
Will jener Rezensent auf Steine pochen?
Ich, leider Mensch, bin ratlos: Mein Gefühl
Wird dutzendmal am Tag und mehr gebrochen.

Wie ist ein ungebrochenes Gefühl? Mit glatten Rändern?
Meins jubelt heute, morgen schon in Not!
Meins ist gebrochen. Kann ich es denn ändern?

Willst aber du es ändern, schlag mich tot!

In: Adolf Endler: Akte Endler. Gedichte aus 30 Jahren. Leipzig: Reclam 1988, S. 79f.

22. Analyse (Friedrich Schlegel)

[Mal was Philologisches. Bildungspolitiker, Philosophen, Schöngeister pp. können zur nächsten Nachricht weiterblättern. M.G.]

Analyse hat ihren Sitz wohl außer der Mathem. [Mathematik] eigentl [eigentlich] in der
ϕλ [Philologie] .

[…]

In der Gramm [Grammatik] sind die interessantesten Punkte — der Purismus
— die Wortstellung, logisch (Platner, Tiedemann * , engl. [englische] Sprache)
und poetisch betrachtet; die Lehre vom Akzent pp. Von Uebersetzung.
Von den Sprachbildungsgesetzen.

<Etymologie

Sie müssen vor der
Metrik behandelt werden, und diese auch nach der angewandten
Poetik.

<Nein vorher. Die Metrik als Anhang.>

Aus: Elektronische Edition Friedrich Schlegel Erstellt von Volker Deubel unter Mitwirkung von Gerhard Rolletschek http://mut.mhn.de. DynaWeb-Server am Elektronischen Textlabor der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft Universität München

Textgrundlage: Originalnotizheft (Stadtbibliothek Trier) sowie Kritische Friedrich – Schlegel – Ausgabe. Hg. Ernst Behler unter Mitwirkung von Jean-Jacques Anstett und Hans Eichner. Band 16. (Verlag Ferdinand Schöningh: Paderborn, München, Wien, 1981).

21. Blütengrund

Gottfried Benn hat unrecht mit seiner Frage, wem mehr als 5 oder 6 gute Gedichte gelingen. Und mit ihm alle, die aus welchen Gründen immer auf die Exclusivität der Spitzenleistung pochen. In Wirklichkeit ist es wie mit Blüten. Eine einzelne Blume hat manchmal mehrere, ein Baum Zigtausend. Viele Blüten machen eine Wiese, viele Bäume einen Wald, in manchen Gegenden blühn sie mehrmals im Jahr, und jedes Jahr kommen Xtilliarden hinzu, als ob die alten nicht gelanget hätten. Der Sinn ist nicht die kultische Spitzenleistung (auch nicht bei Benn), der Sinn ist vegetativ. Einmal lebt ich wie Götter, und kein Mehr bedarfs nicht, sondern ich werde es wieder und wieder tun, schreibend, lesend. Alle tuns allerorten, und manchmal kommt man auf eine Blumenwiese und einen Blütengrund.

Beim Stöbern in alten Zeitungen (auch Zeitungen kommen jeden Tag wieder, ihre Wiesen sind Kiosk und Lesesaal) stieß ich in politischem Kontext auf zwei Gedichte der Antipoden Brecht und Benn, die sich gut nebeneinander ausnehmen. Das eine wird vollständig zitiert, das andre nur angetippt. Dem politischen Kommentator gelingt hier eine überzeugende Szene aus dem wirklichen Leben von Gedichten. (Nebenbei, die guten Leute, die einem immer wieder ungefragt einreden, daß man sich entscheiden müsse, für das einzelne Spitzenprodukt, für Benn oder Brecht, verständlich oder unverständlich, Reim oder Prosa, neu oder alt, könn eim leid tun. Nichts habt ihr begriffen.)

Aber stellen wir uns nur einmal vor, der neue Kulturstaatsminister zitierte am 14. August, dem Todestag Brechts, im Parlament dieses Gedicht:
Einmal, wenn da Zeit sein wird /
Werden wir die Gedanken aller Denker aller Zeiten bedenken /
Alle Bilder aller Meister besehen /
Alle Spaßmacher belachen /
Alle Frauen hofieren /
Alle Männer belehren*

Und er führe fort: Daher, meine Damen und Herren, müssen wir die gesellschaftliche Regelarbeitszeit von 40 auf 30 Stunden setzen, ohne vollen Lohnausgleich. Wir müssen, gleitend natürlich, Geld- durch Zeitwohlstand ersetzen: damit wir nicht 6 Millionen ausgrenzen, damit wir mehr Zeit für uns haben, damit wir, wie wir es einmal wollten, eine Kulturnation werden.

Stellen wir uns, für einen Moment nur, vor, ein Bildungsminister würde, so um den 7. Juli herum**, vor einer Versammlung von Industriellen beiläufig sagen: „,Ich habe übrigens Menschen getroffen, die mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren, am Küchenherde lernten, hochkamen, äußerlich schön und ladylike (…) Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und Gute kommt, weiß es auch heute nicht …‚ – aber, meine Damen und Herren, das seelische Massenelend der Jugendlichen werden wir nie lösen, wenn wir nicht eine massive Bildungsanstrengung machen – und deshalb werde ich auf eine zehnprozentige Erbschaftssteuer hinwirken und hoffe, in vielen von Ihnen Mitstreiter zu finden.“

/ Mathias Greffrath, taz 18.1. 2006

*) Ich habe übrigens nicht in alten Zeitungen gestöbert, sondern diese Zeile gegoogelt, weil ich sie grad brauchte und nicht abtippen wollte. Wie gut, daß es Verse gibt, die überall bereitliegen, im Kopf, im Regal, in der Virtualität.

**) Der 14. August 2006 war Brechts, der 7. Juli Benns 50. Todestag.

20. Zensiert

Das muß ich zensieren, muß!

Di 12.2. 20:00
Klassiker der Gegenwartslyrik: Harald Hartung
In Lesung und Gespräch: Harald Hartung (Autor und Kritiker, Berlin)
Moderation: Jan Wagner (Autor, Berlin)

Harald Hartung (*1932 Herne) gilt innerhalb der deutschen Literatur als der Anti-Pathetiker par excellence. Er tritt auf als unbedingter Verfechter des Klassischen in der Moderne. Dazu gehört, dass er die sprachliche Unkultur eines »deliranten Avantgardismus«, die Reimlosigkeit und das belanglose »Freivers-Parlando« ablehnt. Stattdessen setzt er in seinen Texten ganz auf das Formbewusstsein und die Beherrschung des dichterischen Handwerks.
Hartung schreibt von Anfang an (der erste Band »Hase und Hegel« erschien 1970) entlang der eigenen Biographie. In diesem Sinne sind seine Gedichte, er selbst spricht von »ausglühenden Gebilden«, Form gewordenes Leben. Mit nabelschauender Bekenntnislyrik haben sie dennoch nichts gemein, dafür sind sie im Tonfall zu kontrolliert und diskret. Das Nicht-Prätentiöse ist in ihnen bis zur Meisterschaft getrieben.
Im deutschen Sprachraum ist Hartung außerdem ein herausragendes Beispiel für eine seltene Doppelbegabung: Er ist Dichter und Kritiker zugleich. Auf ihn selbst trifft das zu, was er an dem Schriftsteller Paul Valéry rühmt: Er verbindet die Intelligenz des Theoretikers mit der Bescheidenheit des Praktikers.
Hartungs Buch »Masken und Stimmen« (Carl Hanser, 1996) gilt längst als ein Standardwerk über moderne Dichtung, und die von ihm besorgte Anthologie »Luftfracht« (ein Überblick über internationale Poesie zwischen 1940–1990, Eichborn, 1991) ist neben Enzensbergers »Museum der modernen Poesie« und Sartorius’ »Atlas der neuen Poesie« die bedeutendste Sammlung ihrer Art.
Die Reihe der Literaturwerkstatt Berlin gibt den Klassikern der Gegenwartslyrik das Wort. Sie stellt jene Autoren vor, ohne die die deutschsprachige Lyrik nicht das wäre, was sie heute ist. Zu Gast waren bislang u.a. Jürgen Becker, Paulus Böhmer, Rolf Haufs, Reiner Kunze, Christoph Meckel, Franz Mon und Doris Runge. Die Veranstaltungen sind auch auf www.literaturwerkstatt.org zu hören

19. American Life in Poetry: Column 404

[Bäume gehn immer, oder?]

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

The first winter my wife and I lived in the country, I brought a wild juniper tree in from our pasture and prepared to decorate it for Christmas. As it began to warm up, it started to smell as if a coyote, in fact a number of coyotes, had stopped to mark it, and it was soon banished to the yard. Jeffrey Harrison, a poet who lives in Massachusetts, had a much better experience with nature.

Nest

It wasn’t until we got the Christmas tree
into the house and up on the stand
that our daughter discovered a small bird’s nest
tucked among its needled branches.

Amazing, that the nest had made it
all the way from Nova Scotia on a truck
mashed together with hundreds of other trees
without being dislodged or crushed.

And now it made the tree feel wilder,
a balsam fir growing in our living room,
as though at any moment a bird might flutter
through the house and return to the nest.

And yet, because we’d brought the tree indoors,
we’d turned the nest into the first ornament.
So we wound the tree with strings of lights,
draped it with strands of red beads,

and added the other ornaments, then dropped
two small brass bells into the nest, like eggs
containing music, and hung a painted goldfinch
from the branch above, as if to keep them warm.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Jeffrey Harrison, whose most recent book of poems is Incomplete Knowledge, Four Way Books, 2006. Reprinted from upstreet, No. 8, June 2012, by permission of Jeffrey Harrison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

18. Tod eines Dichters

Jan Y. Nilsson ist ein Dichter. Er schreibt Gedichte, um die Welt sichtbar zu machen. „Wörter finden, die Liebe und Hass, Freude und Leid spüren lassen, das Banale und das Unsichtbare, und ihre Präsenz anschaulich, wahrnehmbar und zwingend machen.“ Aber seine Gedichte bringen nicht genug ein. „Er war nicht reich, aber es reichte, um seinen Spinat zu buttern und Gästen ein oder zwei Gläser Wein anzubieten.“ Immerhin ist er ein anerkannter Autor und „geborener Schriftsteller,“ nach seinem Verleger Karl Petersén.

Um die Aktionäre des Verlages zufriedenzustellen, überzeugt Petersén Nilsson, einen Kriminalroman zu schreiben, der kein Thriller werden soll, sondern echte Literatur. Als er kurz davor steht, den Roman zu beenden und in dem Moment, als sich Petersén anschickt, einen für Nilsson lukrativen Vertrag mit ausländischen Verlagen zu unterzeichnen, wird Letzterer tot aufgefunden, erhängt in seinem Boot. Selbstmord oder Mord?

Kommissar Barck, der mit der Untersuchung beauftragt ist und der selbst bei Gelegenheit dichtet, ist schnell davon überzeugt, daß der Dichter ermordet wurde. Liegt es am Thema des Romans (der Anprangerung einer arroganten, skrupellosen und korrupten Finanzwelt)? / Actualitte über die französische Übersetzung von Björn Larssons Roman „Tote Dichter schreiben keine Kriminalromane“.

17. Gastürme und Rehe!

Am 27.1. erhielt der Schriftsteller Ernst Augustin in Lübeck den Preis ‚Von Autoren für Autoren‘. Seine Dankesrede konnte er aus Gesundheitsgründen nicht selbst halten. Ein Zitat:

Eine Dichterkarriere wird ja im Allgemeinen mit sieben oder acht Jahren begonnen. Nun, ich begann sie mit zwei. Mit zwei Jahren diktierte ich meinem Vater, was der König in seinem Königsauto sagte, und er schrieb es auch auf:

‚Ich habe viel Schönes gesehen, Gastürme und Rehe!‘

Reine Lyrik. – Folgenschwerer allerdings war ein Spruch, den meine Mutter prägte, wenn ich zu ihren Kaffeegesellschaften gerufen wurde. Mir wurde ein gerader Scheitel gezogen, und ich machte meinen Diener. Meine Mutter pflegte dann zu sagen:

‚Ich weiß nicht, der Junge ist gar nicht so ein bisschen frei!‘

Sie sagte es jedes Mal. In der Folge aber empfand ich danach zeitlebens jede Menschenansammlung von mehr als drei Personen als bedrohlich (…)

/ Süddeutsche Zeitung 28.1.