108. Augenschein

In der Fixpoetry-Reihe IN AUGENSCHEIN – Gespräche über anonymisierte Texte (# 006) zu Gast: Silke Peters

Ein paar Auszüge:

Über Verstehen

Auch das Verstehen von Gedichten ist meiner Meinung nach eher ein intuitives, sofortiges Verstehen. Alle Reflexion nimmt sich noch einmal Zeit und versucht zusätzlich Gedanken hinein zu bringen – aber das ist etwas anderes. Das ist Analyse. Verstehen geschieht, wie ich finde, meist unmittelbar, durch das Gehör. Es braucht einen starker Textanfang, der einen hineinzieht. Ansonsten legt man ja ein Gedicht auch schnell wieder weg, weil man vielleicht übersättigt ist. Dieses sofortige Verstehen wird über den Ton, über die Art und Weise des Sprechens stärker angeregt als durch Inhalte oder gedankliche Zusammenhänge. Der Text muss ja eine Sensation, etwas Neues haben, damit keine Langeweile entsteht und sich eine Spannung aufbaut.

Benennung

Auch die Benennung ist ein Spiel, das man mit anderen spielt – bis man sich ins Verstehen gespielt hat. Alles Schibboleths, an denen man erkennt, woher der andere kommt.

Prosagedicht

In erster Linie hat das Prosagedicht kein Versmaß, auch kein freies, versucht aber trotzdem inhaltlichen Führungen eine Struktur zu geben. Es erzählt, aber erzählt keine Geschichte. In diesem Erzählen gibt es eine Irrationalität, die ihre Spannung halten muss, damit der Leser oder der Zuhörer nicht abbricht. Es ist sozusagen ein Erzählen, ohne wirklich erzählen zu wollen. In meinen Texten setzt es in jedem Punkt neu an, sodass auch die Lektüre an jedem Punkt neu ansetzen kann. Dabei bauen sich zudem vertikale Strukturen auf, nicht nur horizontale, sukzessive, bis ins Kleinste hinein; das ist vielleicht der Hauptunterschied zwischen dem, was man „lyrische Prosa“, und dem, was man „Prosagedicht“ nennt.

Vorher in der Reihe: Asmus Trautsch, Lutz Steinbrück, Tristan Marquardt, Ulrike Draesner, Tom Schulz

107. Gestorben

Der vielseitige Musiker Erich Meixner ist am vergangenen Freitag, dem 24. Mai einer Krebserkrankung erlegen. Meixner war mit der 1969 gegründeten Folkband „Schmetterlinge“ bekannt geworden, wo er unter anderem mit Georg Herrnstadt, Willi Resetarits, Beatrix Neundlinger und Herbert Tampier musizierte.

(…) Später begleitete er etwa den Dichter Ernst Jandl bei Gstanzeln, die dieser hochtrabend „Stanzen“ nannte*. / Wiener Zeitung

*) ein Bildungsbürger, aha

106. Fußball

Nachgereicht: Michael Lentz über denselben im Gespräch mit der Welt

105. Gestorben

Wie der Verlag «Mémoire d’encrier» bekanntgab, ist der haitianische Dichter Raymond Chassagne am 27.5. in Montréal im Alter von 89 Jahren gestorben. In der Mitteilung des Verlages heißt es: „Es gelang ihm, seine Stimme denen der großen Dichter Amerikas hinzuzufügen, Saint-John Perse, Leon Gontran Damas, Aimé Césaire, Edouard Glissant. Er ist der letzte jener Paladine, die den Worten ihres Stammes verbunden waren. Seine Leidenschaft ist sein Land. Die Frage des Raymond Chassagne ist allen vertraut: Wie kann man die „allmähliche Erschöpfung der Hoffnung“ vermeiden und einen Weg finden, zusammen zu leben?“ / Haiti libre

104. Siegel

Ja, die Form ist das Ziel, »zeig Füße, Hände, den stirnflachen Schädel/ und laß dich berühren, dich gar beschreiben«, heißt es in Gomringers Gedicht »Es sprach der Rabbi Löw«, einer Selbstermächtigung. Das lyrische Ich stellt sich zu Gott und stößt ihm Bescheid. »Sorge für Ruhe im Viertel«, fordert es. Und: »Hol mir die Töchter aus den Betten ihrer Schänder«. Es endet in biblischer Blasphemie: »Ich dein Schöpfer, du am Schopf« … meiner Ratlosigkeit, könnte man ergänzen.

Ohne Eifer, Zorn und Rücksicht bricht Nora Gomringer in diesem Gedicht die Siegel. Es ist morgenländisch frisiert, sein Atem läßt Rauch über Hütten wehen, fern der Paläste. In Brunnen faulen Pferde mit geplatzten Bäuchen. Folglich ist Violett die Farbe des Gedichts. Violett wie die Flügel der Schmeißfliegen. Der ganze Monotheismus steckt in dieser violett verrauchten Angelegenheit.

Jedem Gomringer-Gedicht kann man sich so widmen, egal, ob E. oder N. E. Gomringer unterschrieben haben – und weil das so schön ist, siebe ich den Sand der Einzelheiten am nächsten Beispiel.

»Jäger

Du bringst Kuchen und Wein, triffst den Wolf.
Der macht seine Hose auf und sagt:
Faß hinein.«

/ Jamal Tuschik, junge Welt

Nora Gomringer: Monster Poems, illustriert von Reimar Limmer. Voland & Quist, Dresden 2013, 64 Seiten, 17,90 Euro

103. Mit Schiller

Um gleich mal Schiller zu bemühen: Die »Gleichgültigkeit«, mit der unser Zeitalter »auf die Spiele der Musen« herabsieht, »scheint keine Gattung der Poesie empfindlicher zu treffen als die lyrische«. Inzwischen kann man »hat getroffen« sagen, Blattschuß. Es gäbe Möglichkeiten, Leute für die Lyrik zu gewinnen. Man könnte Busse mit Gedichten bemalen oder Dichter in Bundestag und -liga vorlaut werden lassen. Aus dem politischen Willen zur Poesie ließe sich wohl jederzeit ein Sturm entfachen, doch es gibt diesen Willen nicht. / Jamal Tuschik, junge Welt

Schiller zum Nachlesen: Über Bürgers Gedichte

102. Poesiepreis für Nora Gomringer

Der Literaturpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz – Nora Gomringer erhält den Poesiepreis 2013

Der mit 20.000 Euro dotierte Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz. Den mit 10.000 Euro dotierten Poesiepreis erhält Nora Gomringer. Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist mit 20.000 Euro einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa. Im zweijährigen Wechsel wird zudem ein mit je 10.000 Euro dotierter Poesie- bzw. Übersetzerpreis verliehen.

Das vielseitige Kulturengagement von Unternehmen spielt eine wichtige Rolle für den Kulturstandort Deutschland. Um Unternehmen in ihrem Engagement zu bestärken und andere zur Nachahmung anzuregen, vergibt der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit seinen Partnern Süddeutsche Zeitung und Handelsblatt auch in diesem Jahr den Deutschen Kulturförderpreis. Die Bewerbungsfrist endet am 27. Juni 2013.

101. American Life in Poetry: Column 421

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This column originates in Nebraska, and our office is about two hours’ drive from that stretch of the Platte River where thousands of sandhill cranes stop for a few weeks each year. Linda Hogan, one of our most respected Native writers and Writer in Residence for The Chickasaw Nation, perfectly captures their magic and mystery in this fine poem.

The Sandhills

The language of cranes
we once were told
is the wind. The wind
is their method,
their current, the translated story
of life they write across the sky.
Millions of years
they have blown here
on ancestral longing,
their wings of wide arrival,
necks long, legs stretched out
above strands of earth
where they arrive
with the shine of water,
stories, interminable
language of exchanges
descended from the sky
and then they stand,
earth made only of crane
from bank to bank of the river
as far as you can see
the ancient story made new.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem reprinted from Sing: Poetry from the Indigenous Americas, Ed. by Allison Adelle Hedge Coke, The Univ. of Arizona Press, 2011, by permission of Linda Hogan and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

100. Huellkurven

… heißt ein Online-Magazin für

sound poetry, poésie sonore, lautpoesie, noise poetry, sound-text composition, auditive poesie, audio poetry etc.

dessen erste Nummer soeben erschienen ist – hier zum Anhören oder Downloaden. Mit

01 Dirk Huelstrunk – in diesem falle/in this case
„in diesem falle/in this case“ has been recorded with voice, megaphone and loop pedal directly to one mono-track. no overdubs or effects.

02 Helmhart – EI
von markus helmhart und wolfgang helmhart

03 Tomomi Adachi – This means „Oh boy, that BBQ meat is too big.“

04 Marc Matter – Une Propagation Du Nouvel Alphabet Lettrique / A Propagation Of The New Lettrist Alphabet
Contemporary interpretation of the „Nouvel Alphabet Lettrique“ – the first version of the Sound-Alphabet introduced by LETTRIST Isidore Isou in 1947.
The Voice-alphabet was recorded according to Isous descriptions in a soundstudio. Then, the original voice sounds have been reworked and alienated with turntablist techniques by Marc Matter. A drawing from the REVUE OU (Henri Chopins Anthologie of Concrete Poetry, 1963 – 1974) was used as a GRAPHIC SCORE. Robert M Ochshorn (ex- M.I.T. Interrogative Design Group) designed an Open-Source SOFTWARE that arranged the very short voice-snippets due to the graphic score into 4 tracks.

05 Zuzana Husárová – My voices someone answers

„My voices someone answers“ is created by 2 sound layers: a mixture of fragments of poetic texts – „The Love Song of J. Alfred Prufrock“ by T. S. Eliot and „Text for Nothing #4“ by Samuel Beckett that seem to create one coherent text and on the top of it my own poem. The piece juxtaposes these canonical works (read at fast pace) and sonically covers them with a poem starting with „my ideas were here already“. The work creates a multilingual remixed-subjective expression across discourses, eras, genders, poetics.

06 Evgenij V. Kharitonov – Argo vs. Dali Performance (2007-2012)

07 Jelle Meander – Spam, Dorothy, Spam!
Spam, Dorothy, Spam! (2004, 1:13) – Spam poetry for three voices.
According to certain sources Jelle Meander is a poet and a musicologist. He wonders what Khlebnikov meant with “scrape language and you will see space and its skin”.

08 a rawlings, Ciara Adams, Richard Windeyer – Bella swallows
Excerpted from Bella, an audible consideration of before or after. Discovered in the depths of Marie Darrieussecq’s La Musée de la mer. Voiced by Ciara Adams and a rawlings. Recorded by Richard Windeyer.

09 johannes leo weinberger – shadow health
meine „electroacoustic noise poems“ sind übersetzungen mentaler prozesse und situationen in klang/text. sie bestehen im wesentlichen aus stimm-elementen, field recordings und elektronischen signalen.

10 Petra Ganglbauer – LANDSCHAFT MIT FRAU, MANN, KRIEG
„sprache und geräusch/klang in meiner arbeit miteinander zu verbinden, bedeutet für mich in erster linie ausloten und überschreiten meiner wahrnehmungsgewohnheiten. spannend finde ich die mit dieser – zwischen musik und literatur angelegten – gattung verbundene freiheit im umgang mit dem material, die ein nahverhältnis zur realen wirklichkeit / welt herstellt. LANDSCHAFT MIT FRAU, MANN, KRIEG ist ein audiopoetisches stück, das einen empfindungsraum erzeugen will. DANK an das ORF-KUNSTRADIO für das zur-verfügung-stellen von einigen kürzestsequenzen aus meinen audiostücken.“

11 fritz widhalm – ei, wie fein info
ei, wie fein besteht aus einem kurzen text, der mehrmals hintereinander in ein mikro gesprochen, geflüstert, gestottert wurde, wobei eine menge geräusche wie das knarren des drehstuhls, das knistern von papier, durchs offene fenster dringender baustellenlärm vom nebenhaus und sonstig zufälliges mit aufgezeichnet wurde. das ganze wurde dann am computer geschnipselt und verfremdet und in form gebracht, also zur poesie geformt, ja, da sagen wir: „freut euch“!

12 Linnunlaulupuu – Muhmare
Linnunlaulupuu is an open collective of artists, musicians, poets and sound designers who experiment with audiopoetic and electroacoustic improvisation in wildly varying ways. Muhmare is a mashup of two days and four people doing things together with objects, movements in space, live and sampled vocals, effects pedals, various computer programs, sequencers and audio editors in different rooms and in the same rooms, while feeling mostly tired and depressed. It features the members Tuukka Haapakorpi, Lauri Hyvärinen, Teemu Manninen and a surprise appearance by the Icelandic writer Kári Tulinius.

13 Michael Fischer, Alessandro Vicard – Palarmo
MICHAEL FISCHER, tenor saxophone, voice
ALESSANDRO VICARD, double bass, live-processing
recorded and edited by Michael Fischer
The sound-samples for Parlarmo were selected from a recording of 30-min performance by Fischer / Vicard at the Goethe-Institut Palermo in April 2013, later condensed / mounted / collaged and supplemented with samples of sounds from an orange grove by night some days later.

14 ilse kilic – verrueckt
„in dieser arbeit habe ich nur meine stimme verwendet. diese nähert sich brummend, kreischend, zischelnd, singend usw. dem kleinen angstgedicht. angst braucht stimme gegen angst.“

15 jörg piringer – stine
four fast computer speech layers reciting fibonacci syllable sequences.

16 Heike Fiedler – Weisser Raum
Heike Fiedler, 1963. Born in ancient West Germany, living in Geneva. Author, poet, performer, sound and visual artist. Performs with laptop, pencil, book and paper roles, live electronics and projections. The composition „White room“ (3:09) is a space of my experiences with silence and the moment of its interruption.

17 Sophie Reyer – Es
Sophie Reyer, geboren 1984 in Wien, lebt in Wien und Köln.. Publikationen: “geh dichte” (Lyrik, EYE- Verlag 2005), ”vertrocknete vögel” (Roman, Leykam 2008), “baby blue eyes” (Roman, Ritter 2008), “binnen” (Lyrik, Leykam 2010) und „flug (spuren)“ (Leykam 2012). “Master of Arts” im Komposition/ Musiktheater 2010 sowie Diplom in “Szenisch Schreiben” bei uniT 2010.

18 Thomas Havlik – dökeba zündschnur
Das Material von DöKeBa Zündschnur besteht aus einer Auswahl aus dem Syllables-Shooter, einer Sammlung aus Silben und Phonemen, die im Zuge des Digital-Arts-Produzentenfestivals Schmiede Hallein 2012 von insgesamt 18 Personen in 5 unterschiedlichen Sprachen eingesprochen und von Thomas Havlik aufgenommen wurden. Dieses Stück besteht aus den akustischen Fingerabdrücken von Michael F. Schreiber, Caroline Wimmer, Nils Medina sowie Jean-Baptiste Béchu.
Aufgrund ihrer klanglichen Eigenschaften ausgewählte Sprachpartikel bilden Lautgruppen und werden durch das Zusammenwirken beispielsweise der Silben „st(e)“ und „-ige“ zu auditiven Irritationsinseln, die von Hörsituation zu Hörsituation anders entweder als die Aufforderung: „steige!“, das Substantiv „Stiege“ oder als bloße kompositorische Klänge wahrgenommen werden können. Unterschiedlich lange, in verschiedenen Geschwindigkeiten abgespielte Silbenketten erzeugen Rhythmen, während die phonografisch nicht mehr ohne weiteres (re)notierbare Stimme, die an laut- bzw. ethnopoetische Traditionen erinnert, für den spielerischen Auflösungsversuch der Grenze zwischen dem steht, was mit Schriftzeichen ausgedrückt werden kann, und was nicht, zwischen Subjekt und Unterbewußtsein, Gedicht und Rezipient.

19 Jörg Zemmler – time is on my side (the rolling stones)
jörg zemmler, 1975 bozen, z.Z. in wien. arbeitet unterschiedlich.
gewann 06 den fm4 protestsongcontest, 09 den Ö-slam und 2012 den Ö1 Lyrikpreis „Hautnah“.
hier: gitarre, uhr, stimme, exit.
(der text der stones ist nicht von den stones, aber er passt auch sehr gut.)

 

99. Q, W, Z

Wo schon Buchstaben verboten werden, wie soll da Literatur gedeihen? Q,W,X gehören nicht zum türkischen Alphabet, in der kurdischen Sprache sind sie dagegen reichlich vorhanden. Wer die Wörter mit den bösen Buchstaben benutzte, dem drohte in der Türkei lange Zeit Gericht und Gefängnis. Das Sprachverbot ist gefallen, die Türkei sucht den Frieden mit ihren Kurden und mit sich selbst. In der Millionenstadt Diyarbakir im Südosten des Landes, im kurdischen Herzen der Türkei, hat die Sprachrevolution schon das gesamte öffentliche Leben erfasst. Kurdisch ist die Sprache der Straße und der Kultur, der Bazare und der Bühnen, der Caféhäuser und der Kinos. Sonst gilt Zweisprachigkeit: vom Rathaus bis zur Polizei.

Das macht auch den kurdischen Dichtern Mut. ‚Ein Traum hat sich erfüllt‘, sagt Zaradachet Hajo. Sechzehn Jahre lang hat Hajo, ein Kurde mit syrischen Wurzeln, das kurdische PEN-Zentrum geführt – vom Exil in Deutschland aus. Nun ist für den 63-Jährigen die Zeit gekommen, den Sitz der Vereinigung kurdischer Literaten von Deutschland nach Diyarbakir zu verlegen. / Christiane Schlötzer, Süddeutsche Zeitung 21.5.

98. Poetistanbul

Das Istanbuler Institut für Geschichte und Sozialwissenschaften veranstaltet das achte Internationale Poetistanbul- (ŞiirIstanbul-) Festival vom 1.-4.6. Bislang nahmen an dem festival bereits 181 bekannte Dichter aus 67 Ländern teil sowie mehr als 300 türkische Dichter. In diesem Jahr nehmen 39 Dichter teil, 17 aus der Türkei und 12 aus dem Ausland.

Hürriyet Daily News 27.5.

Zu den Teilnehmern gehören: Abdulselam Hallum (Syrien), Ahmed El Şahavi (Ägypten), Aische Basri (Marokko),  Dimitru M.Ion und Carolina Ilica (Rumänien), Gassan Zaqdan und Hanan Awwad  (Palästina), Sanja Domazet (Serbien), Sasho Serafimov (Bulgarien), Jean-Luc Pouliquen (Frankreich) und Katica Kulavkova (Kata Ćulavkova) (Mazedonien).

Hier Programm und Texte der Teilnehmer (auch Englisch)

97. standortbestimmung : muse, die 10.

call for poems

stumm der name, unsterblich die verse (sagt der epigrammatiker pinytos); unsterblich nicht, weil sich die wenigen reste, die der nachwelt von sapphos versen geblieben sind, als reliquien verehren lassen, sondern weil zu allen zeiten dichter_innen sie zum material genommen und am leben erhalten haben. doch wo findet die unsterbliche sappho in unserer gegenwart ihren platz?
diese frage zu beantworten, soll im herbst 2014 im greifswalder freiraum-verlag eine anthologie heutiger deutschsprachiger gedichte über / für / nach / gegen / mit sappho erscheinen, ausgewählt und herausgegeben von michael gratz und dirk uwe hansen.

wir bitten daher um einsendung einschlägiger dichtungen in einem unkomplizierten format (doc, odt, txt) und in begleitung der üblichen bio-bibliographischen angaben an:

info@freiraum-verlag.de

bis ende april 2014. die gedichte sollten frei von rechten dritter sein.
und neben dem pflicht- wird das buch auch einen kürteil haben: mit einer eigenen version / bearbeitung von oder reaktion auf sapphos gedicht vom untergegangenen mond (fr. 168b – ihre vier unsterblichsten verse) soll jede teilnehmerin / jeder teilnehmer vorgestellt werden.

hier zwei übersetzungen:

Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.
(Anne Carson, aus: If not, winter. Fragments of Sappho, New York 2002)

Untergegangen ist der Mond
und die Pleiaden. Mitte der
Nacht, vorüber geht die Stunde
ich aber schlafe allein.
(Dirk Uwe Hansen, aus: Sappho – Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen, Potsdam 2012)

96. Krankhaft oder Pindar

Wübben führt den Psychiater als Sprachkritiker und Protophilologen ein, einen neuen Typus, der sich nicht mehr über Schädel und Anstaltsinsassen beugt, sondern in Briefen und Handschriften, Romanen und Gedichten Indizien der Entrückung sucht. Der Schulterschluss von Psychiatrie und Philologie ist eine Mesalliance mit oft irrwitzigen Zügen. Einem spröden Realitätssinn verpflichtet, bemäkeln die psychiatrischen Sprachdiagnostiker den hohen Dichterton, wo sie nur können. Jede syntaktische und lexikalische Eigenheit ist irrsinnsverdächtig. Wo vorher Genie waltete, sieht man Zerfahrenheit, Sprachverwirrtheit, zielloses Schweifen. Schon orthographische Unregelmäßigkeiten gelten als Vorboten des Wahns.

Wübben führt die Dissonanz auf das anachronistische Wertungssystem zurück. Sie spricht vom Klassik-Pakt. Die Psychiater hätten ihre engen stilistischen Normen von Autoren der Weimarer Klassik übernommen. Die Spuren der Avantgarde mussten sie da verkennen. Für das Assoziative und Klangliche in der modernen Dichtung hatte man weder Norm noch Organ. Stattdessen versuchte man, mit assoziationspsychologischen Experimenten jeden Abweg vom korrekten Gedankengang zurechtzurücken. Neu an der psychiatrischen Pathoskritik war, dass sie nicht mehr an Verstand und Vorstellungskraft ansetzte, sondern am Gehirn.

Eine der wegweisenden Gestalten in diesem Prozess ist die Gründerfigur der Psychopathologie, Emil Kraepelin. An Kraepelin verfolgt Wübben beispielhaft den Übergang von der metaphorischen zur objektiven klinischen Sprache. Was Kraepelin für Wübbens Absicht aber besonders interessant macht, ist sein Interesse an der Lyrik als Diagnoseinstrument. Obwohl und gerade weil ihm jeder Formsinn fehlt – schon eine Satzkonstruktion wie „Ferner Länder Städte“ war ihm verdächtig -, bringt er zur Jahrhundertwende das Gedicht in den Schraubstockgriff der Psychiatrie.

Der fulminante Höhepunkt des Kampfs zwischen den Kulturen wird mit Hölderlin erreicht. Hier trafen die diametralen Erkenntnishaltungen mit voller Wucht aufeinander. Die Rede ist von der Pathographie, die der Tübinger Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum zu Jahrhundertbeginn verfasste und die auf unfreiwillige Weise maßgeblich für das moderne Hölderlin-Bild wurde. In Lange-Eichbaums kunstferner Interpretation trifft jede einzelne von Hölderlins mittleren Hymnen von „Patmos“ bis „Germanien“ das Wahnsinnsverdikt.

Der Psychiater schmäht sie als „ausscheidungen seiner geschwülste und faulen säfte“. Neuschöpfungen wie „Lebendigstewige“ sind ihm leeres Wortgeklingel, „An Neckars Weiden“ fehlt ihm der Artikel, Hymnen sind ihm zu hymnisch, Abstrakta in gefährlicher Nähe zum Ideen-Platonismus, ein springender Gedankengang gilt als Zerfall der Autorregie, manchmal genügt schon eine krakelige Handschrift für den Krankheitsverdacht. Kein Vers ist hier sicher.

Das neue antikisierende Kompositionsprinzip, das sich in diesen Versen ankündigt, muss diesem formblinden Realismus entgehen. Der Weg in die Moderne bleibt zunächst verschlossen. Wübbens Pointe liegt nun darin, dass ausgerechnet der schulmeisterliche Psychiater unwissentlich den entscheidenden Hinweis für die moderne Hölderlin-Philologie gab. Bei der Analyse eines Briefes waren ihm syntaktische Merkmale aufgefallen, die er als Zeichen der Zerfahrenheit wertete, während sie der Hölderlin-Enthusiast Norbert von Hellingrath, der die Pathographie las, als Vorbote eines neuen Stils erkannte, einer neuen „Sangart“, von der in dem Brief auch explizit die Rede war: dem Pindarstil. / Thomas Thiel, FAZ 29.10.12

Yvonne Wübben: „Verrückte Sprache“. Psychiater und Dichter in der Anstalt des 19. Jahrhunderts. Konstanz University Press, Konstanz 2012. 333 S., Abb., geb., 39,90 Euro.

95. Raum für Dichtung

Auch Falkner ist gut. Aber der Markt ist nicht da. Es gibt in Deutschland eine Lyrikphobie. Gute Fotos hingegen schaut sich jeder gerne an. Sie sind meistens leichter zu verstehen als gute Gedichte.

Gerhard Falkner veröffentlichte mit Anfang zwanzig seinen ersten Gedichtband, schrieb Essays, Prosa Theaterstücke, arbeitete als Übersetzer für englischsprachige Literatur. Er wurde mit Preisen und Stipendien überhäuft, es gibt Universitäten, an denen man Seminare zu seinem Werk belegen kann. Einem breiten Publikum ist er aber nicht bekannt. In diesem Jahr sieht es jedoch so aus, als gewinne Falkners Karriere an Tempo. Im Januar war er zu Gast in der Literatursendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck, um über seinen Gedichtzyklus „Pergamon Poems“ zu reden. Auf Youtube kann man sich das noch angucken. Falkner steht vor dem Pergamonaltar in Berlin, ein kleiner, grauhaariger Mann mit sehr korrekt gestutztem Kinnbart, schwarzrandiger Brille, schwarzem Jackett und Strickjacke. Er lächelt und sagt kluge Dinge über Dichtung und Fries, während hinter ihm Museumsbesucher langgehen und neugierig gucken. Erst in die Kamera, dann auf Falkner, bei sehr bekannten Leuten ist es ja meistens umgekehrt. Der Auftritt muss Falkner Nerven gekostet haben. Während er Scheck antwortet, kneten seine Hände auf irgendetwas herum. „Ich würde dringend dafür plädieren, die Arena wieder größer werden zu lassen“, sagt Falkner zu Scheck. Er meint damit den Raum, dem Dichtung zugestanden wird. Scheck ist da aber schon im Begriff, seine Arena für Falkner wieder zu schließen. Er lobt Falkners Buch. Nach sieben Minuten ist der Beitrag vorbei. / Karen Krüger, FAZ

94. Solidarität mit Li Bifeng

Rede auf der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933

von Liao Yiwu

Wegen seines Protestes gegen das Massaker auf dem Tiananmen Platz wurde der namenlose Lyriker Li Bifeng verhaftet und war mein Leidensgenosse im Gefängnis. Mehrmals musste er danach wieder ins Gefängnis. Dort und in der Freiheit hat er Gedichte, Romane, Essays und Theaterstücke geschrieben und Gesellschaftsstudien verfasst.

Der größte Teil seiner Werke wurde von den Behörden beschlagnahmt. Nur ein kleiner Bruchteil ist auf der Webseite zu lesen, die wir für ihn eingerichtet haben, um seine Freilas- sung zu fordern. Für den 4. Juni dieses Jahres organisiert das Internationale Berliner Literaturfestival zum 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Worldwide Reading for Li Bifeng. Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben bereits zugesagt, für seine Freilassung zu lesen. Hiermit bitte ich die anwesenden Schriftsteller darum, ihm ihre Solidarität mit eigenen Initiativen zu bekunden.

Li Bifeng liebt die Freiheit. Unter den politischen Gefangenen Chinas gilt er als der Meister der Fluchtversuche. Doch alle seine sieben Ausbrüche endeten damit, dass er wieder festgenommen und sogar gefoltert wurde. Einmal konnte er sogar bis nach Birma flüchten, wo er jedoch von einer kommunistischen Guerilla-Truppe gefangen und an die chinesischen Grenztruppen ausgeliefert wurde. Wie einen Fußball haben ihn acht Soldaten eine halbe Stunde lang hin und her getreten, so dass er heute immer noch unter den Folgen der Verletzungen an den Ohren, den Wangenknochen und am Hodensack leidet.

Das Leben von Li Bifeng, der dem Tod mehrmals entgangen ist, besteht hauptsächlich aus Schriftstellerei, Flucht und Gefängnis. Im November 2012, zwei Tage nach dem 18. Parteitag der KP Chinas wurde er wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er war gerade 48 Jahre alt geworden, zwölf Lebensjahre hat er bereits im Gefängnis verbracht.

Verschiedene chinesisch-sprachige Medien berichten jedoch, dass der eigentliche Grund für seine erneute Verurteilung seine jahrelange Unterstützung anderer Dissidenten gewesen sei und dass er im Jahr 2011 seinem Leidensgenossen aus dem Gefängnis, Liao Yiwu, bei der Flucht aus dem Land geholfen habe. Ich habe wiederholt erklärt, dass er mit meiner Flucht nicht das Geringste zu tun hatte. Doch sein Schicksal verursacht mir endlose Albträume. Ich danke dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den deutschen Schriftstellern, dem PEN und der Akademie der Künste dafür, dass sie sich heute, anlässlich des Jahrestags der Bücherverbrennung, für seine Freilassung aussprechen. Sie ziehen somit eine Verbindungzwischen der Verfolgung von Schriftstellern durch die Nationalsozialisten und der heutigen Situation nicht nur in China. Denn wer sich für die Freiheit eines einzelnen Schriftstellers ein- setzt, macht somit auf das Schicksal aller verfolgten Autoren aufmerksam.

Lange vor der Bücherverbrennung durch die Nazis hat bereits der chinesische Tyrann Qin Shihuangdi, der die Chinesische Mauer erbauen ließ, als erster in der Geschichte der Menschheit Bücher verbrennen und Gelehrte lebendig begraben lassen. Und nicht lang nach der Bücherverbrennung Hitlers ließ der moderne Tyrann Chinas, Mao Zedong, in der von ihm ausgerufenen Kulturrevolution durch die Rotgardisten unter der Parole „Weg mit den Vier- Alten“ überall im Land Bücher verbrennen. Im gegenwärtigen China ist es längst Alltag geworden, dass Menschen wegen unliebsamer Äußerungen verurteilt werden. Es ist auch keine Seltenheit, dass Manuskripte von Schriftstellern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Schicksale von Li Bifeng, Liu Xiaobo, Gao Zhisheng, Tan Zuoren, Shi Tao, Ya Xin (Yassin) und vielen anderen besagen nur, dass der düstere Geist eines Hitler, Mao Zedong, Stalin oder Deng Xiaoping sich in absehbarer Zeit nicht verflüchtigen wird und dass das Feuer, das Bücher vernichtet, noch weiter lodert. / Mehr
Aufruf zur Solidarität mit dem chinesischen Lyriker Li Bifeng