55. Cocktailparty-Effekt

Mittwoch 19. Februar 2014, 20:00 Uhr, Eintritt frei!

literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, U6/U7 Mehringdamm

bei anwesenheit mehrerer schallquellen die schallanteile richard duraj, peter dietze, simone kornappel und andreas bülhoff
N.N, N.N., N.N und N.N. im lettrétage literaturlabor

Der Cocktailparty-Effekt, auch intelligentes oder selektives Hören, bezeichnet die Fähigkeit des menschlichen Gehörsinns, bei Anwesenheit mehrerer Schallquellen die Schallanteile einer bestimmten Schallquelle aus dem Gemisch des Störschalls zu extrahieren, belehrt uns wikpedia. Die Autorin und Mit-Herausgeberin der randnummer literaturhefte, Simone Kornappel, hat für das literaturlabor am Mehringdamm eine Versuchsanordnung der außerordentlichen Art geplant. Bringen Sie, wenn möglich, bitte Kopfhörer mit! Und klar, selbstverständlich können Sie in bester Abendgarderobe kommen, das doch eh.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie herzlich ein
Tom Bresemann

54. Im Exil gestorben

Wie Internetquellen berichten, ist der iranische Dichter, Dramatiker und Autor Mansour Koushan  im Alter von 66 Jahren im norwegischen Exil verstorben. Sein norwegischer Wikipediabeitrag bestätigt die Todesnachricht. 2010 erhielt er die Carl-von-Ossietzkymedaille für seinen Kampf für Menschenrechte und Redefreiheit. Mehr

Susanne Baghestani schreibt:

Er war prominentes Mitglied des Iranischen Schriftstellerverbands und Mitstreiter von Huschang Golschiri in dem Literaturzirkel „Djonge Esfahan“ (Isfahaner Anthologie). Mitherausgeber bedeutender Literaturzeitschriften wie Takapou, Donya-ye Sokhan und Adineh (inzwischen sämtlich verboten). Nach den Kettenmorden an Politikern und Intellektuellen, darunter der Dichter Mohammad Mokhtari im Winter 1998, musste er Iran verlassen.

Kushan war in Stavanger vorwiegend als Dramatiker aktiv, 2010 erhielt er die Ossietzky-Medaille.  Sein umfängliches Oeuvre umfasste 8 Gedichtbände, 7 Romane, mehrere Erzählbände und mehr als 30 Theaterstücke.

Hier ein Foto: http://www.iran-emrooz.net/index.php/news1/49516/

53. Einkaufsordnung

Um 1,5 Millionen Franken wird heuer die [norwegische] Literaturförderung gekürzt. Neben vielem anderem ist auch das Herzstück des Systems betroffen, die «Einkaufsordnung»: Von allen belletristischen Neuerscheinungen norwegischer Autoren kauft der Staat nahezu unbesehen tausend Stück, die er an Bibliotheken verteilt. Selektive Einkaufsordnungen für Kinderliteratur, Sachbücher und übersetzte Literatur kommen hinzu, so dass das Königreich alljährlich eine halbe Million Bücher erwirbt.

Von Autoren und Verlagen wird das Programm geschätzt. Nebenwirkungen sind aber unverkennbar. Viele der rund 150 jährlich verlegten Lyrikbände werden kaum je ausgeliehen, wie die Bibliothekschefin der Region Hordaland einer Zeitung erzählt: «Wenn sie fünf Jahre im Regal gestanden haben, werfen wir sie weg.» Ein Kritiker des Geldverteilens ohne wirksame Qualitätskontrolle ist der Schriftsteller Jon Fosse: «Es gibt einen Unterschied zwischen seriöser Literatur und dem, was man früher Kioskliteratur nannte, z. B. Krimis. Diesen Unterschied hat man aus kulturpolitischen Gründen zu verwischen versucht.» Mit dem Vorschlag, Unterhaltungsliteratur von der Einkaufsliste zu streichen, provozierte er einen Sturm der Entrüstung. Der Kulturrat, dem die Umsetzung der Massnahme obliegt, hält denn auch am Giesskannenprinzip fest. Bis ein neues Konzept erarbeitet ist, wird aber der Preis, der den Verlagen pro Buch bezahlt wird, um dreissig Prozent gekürzt. / Aldo Keel, NZZ

52. Hasenhass

Zu den Eigenarten der Bücher Monika Rincks zählt es, dass der Leser das Gefühl hat, nach ihrer Lektüre schlauer zu sein als vorher, mag er auch nicht aus allem klug werden. Rincks jüngste Veröffentlichung (nach dem feinen, mit dem Peter Huchel-Preis ausgezeichneten Band Honigprotokolle) bildet hierin keine Ausnahme.
Hasenhass. Eine Fibel in 47 Bildern heißt das schöne, intelligente und alberne poetische Buch, das der Peter Engstler Verlag nun in bibliophiler Ausstattung herausgebracht hat.  (…)

Aufmerken lässt vorab die Gattungszuordnung „Fibel“, die mit Bedacht gewählt ist. Der etwas aus der Mode gekommene Begriff bezeichnet ein bebildertes Lesebuch für Erstklässler und ein Lehrbuch, das in die Grundlagen eines bestimmten Fachgebietes einführt. In Hasenhass verknüpft Rinck beide Aspekte und kombiniert knallharte Theoreme mit erschütternd Albernem, Simplem, ja Kindischem.

Sie lässt den Leser an Lesefrüchten teilhaben, zitiert Dichterkollegen: Ghérasim Luca, Christa Reinig, Jean Paul, Eichendorff, Ovid, misst dem iPhone „Ich-Energie“ zu, die sie in einem neuen Modell durch „Furcht“ ersetzt („Ruf mich auf dem fearPhone an“), sie beobachtet „Idioten an luftverschalteten Kontakten“ und kennt die „Reine Leere“, die sich schnell als „La Reine Leere“ entpuppt, als Königin Leere, unterwegs zur „Wüstenbude“, wo sie „etwas Sprudel oder Dudler“ kauft, um ihre Kamele zu tränken.

Ein guter Witz – so sollte das Büchlein zunächst heißen: „Witz“ einerseits in seiner alten Bedeutung von Wissen, Verstand, Klugheit, Weisheit und andererseits in der heute gebräuchlichen einer pointierten lustigen Erzählung.
Reichlich Absurdes, gezeichnete und erzählte Witze, der Witz als philosophisches und psychologisches Problem – dies alles findet sich hier, mit Grips und leichtem Sinn. / Meinolf Reul bei satt.org (mehr)

Monika Rinck, Hasenhass. Eine Fibel in 47 Bildern. 40 Seiten, geheftet, mit Illustrationen von Monika Rinck. Peter Engstler Verlag, Ostheim 2013. 12,00 Euro

51. Poetopie

in weit ausschwingenden, raumgreifenden Schritten gleiten die Eisschnellläufer dahin – ruhig und geschwind zugleich

Hansjürgen Bulkowski

50. Gestorben

Die Dichterin Maxine Kumin starb am vergangenen Dienstag im Alter von 88 Jahren in ihrem Haus in Warner, N.H. 1981/82 war sie Beraterin der Library of Congress (das Amt wurde später in Poet laureate umbenannt). 1989-94 war sie poet laureate von New Hampshire. 1973 gewann sie den Pulitzerpreis für ihren vierten Gedichtband “Up Country”. Unter ihren fast 20 Gedichtbänden waren auch “Halfway” (1961); “The Retrieval System” (1978); “Our Ground Time Here Will Be Brief” (1982); “The Long Marriage” (2001) und “Where I Live” (2010). !998 trat sie gemeinsam mit Carolyn Kizer vom Amt als Kanzler der Academy of American Poets zurück aus Protest über das Fehlen von Frauen und Vertretern von Minderheitengruppen in der Akadmieführung. Dennoch war ihre Poesie selten offen politisch. Außer Gedichten veröffentlichte sie Romane, Kurzgeschichten, Essays und Kinderbücher. In diesem Frühjahr erscheint der Band „And Short the Season“, ein teilweise autobiographischer Roman für junge Erwachsene über ein Mädchen mit Rückenmarksverletzung. / Margalit Fox, New York Times 8.2.

49. Süße sanfte Töterin

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor kurzem begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.*

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Norbert Lange.

Heinrich von Morungen, da ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Der Minnesänger starb vor beinahe 800 Jahren in Leipzig. Kein Erbe und kein Anwalt verbietet das Abschreiben.

Ich schwanke, nehme ich das Taglied oder das kleine mit der sanften süßen Töterin? Ich nehme beides.

Vil süeziu senftiu toeterinne

Vil süeziu senftiu toeterinne,
war umbe welt ir toeten mir den lîp,
und ich iuch sô herzeclîchen minne,
zwâre vrouwe, vür elliu wîp?
Waenent ir, ob ir mich toetet,
daz ich iuch iemer mêr beschouwe?
nein, iuwer minne hât mich des ernoetet,
daz iuwer sêle ist mîner sêle vrouwe.
sol mir hie niht guot geschehen
von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjehen,
dazs iuwerre sêle dienet dort als einem reinen wîbe.

In möglichst wörtlicher Rohübersetzung (Wörtlichkeit wichtiger als „richtiges“ Verstehen):

Viel süße sanfte Töterin
warum wollt ihr mir den Leib töten,
wo ich euch so herzlich liebe,
wahrhaftig, Frau, mehr als alle Frauen?
Glaubt ihr, wenn ihr mich tötet,
daß ich euch nicht mehr anschauen kann?
Nein, meine Liebe zu euch hat mich dazu gebracht (genötigt),
daß eure Seele meiner Seele Herrin ist.
Soll mir hier nicht Recht geschehen
von euerm werten Leibe,
so wird meine Seele euch versichern,
daß sie dort eurer Seele dienen wird wie einem reinen Weib (einer unbefleckten Jungfrau).

Owê, sol aber mir iemer mê

1
Owê, —
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.
2
‚Owê —
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
‚Owê, nu ist ez tac,‘
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez.‘
3
Owê, —
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.
4
‚0wê,-
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez.

1
O weh, –
wird mir jemals wieder
durch die Nacht leuchten
ihr wohlgebauter Leib?
Der trog meine Augen.
Ich glaubte, es wäre
des hellen Mondes Schein.
Da tagte es.
2
„O weh –
wird er jemals wieder
den Morgen hier erleben?
Daß uns die Nacht vergeh
ohne daß wir klagen müßten:
‚O weh, nun ist es Tag‘,
wie er wehklagend tat,
als jüngst er bei mir lag.“
Da tagte es.
3
O weh, –
sie küßte ungezählt,
in jenem Schlafe mich.
Da fielen zum Boden
ihre Tränen nieder.
Doch tröstete ich sie,
so daß sie zu weinen aufhörte
und mich umarmte.
Da tagte es.
4
„O weh, –
daß er sich so oft
an mir sattgesehen hat!
Als er mich aufdeckte,
wollte er ohne Kleidung
mich Arme* nackt beschauen.
Es war ein Wunder groß,
daß ihm das nie zu viel wurde.“
Da tagte es.

*) Eigentlich mîn arme, meine Arme. Einige Forscher nehmen „mich Arme“ an, andere bestreiten es.

48. Lichtsprachmusik

Gertrude Steins rhythmische Sprache der Doppelungen, abstrusen Reime und Gedankensprünge wird bei Marc Benjamins Faust zum leicht gelangweilten Rap, und Lukas von der Lühe spielt das ewige „Dankeschön“ des Hundes lässig per Tastendruck ein – Sprachdestruktion 2.0. Brigitte Hobmeier kann von innen leuchten, und Max Simonischeks Tontechniker-Mephisto wird für sein protestantisches Arbeitsethos freundlich belächelt. Ein junger ästhetischer Lichtsprachmusikabend – sehr Gertrude Stein. / CORNELIA FIEDLER, Süddeutsche Zeitung 7.2. Gertrude Stein, München, Theater, Cornelia Fiedler

47. Wels

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien* Texte der auf Facebook vor wenigen Tagen begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.**

Ausgewählt von Parlandopark für Textkette.

Alexej Parschtschikow (geb. 1954)

СОМ

Нам кажется: в воде он вырыт, как траншея.
Всплывая, над собой он выпятит волну.
Сознание и плоть сжимаются теснее.
Он весь, как чёрный ход из спальни на Луну.

А руку окунёшь – в подводных переулках
с тобой заговорят, гадая по руке.
Царь-рыба на песке барахтается гулко,
и стынет, словно ключ в густеющем замке.

Wels

Uns scheint, er liege im Wasser, wie ein Schützengraben ausgehoben.
Taucht er auf, wirft er eine Welle,die gleichsam über ihm steht.
Bewußtsein und Fleisch ziehen sich zusammen, werden eng verwoben.
Er ist wie der Hinterausgang einer Schlafkammer, die zum Mond hinführt.

Du tauchst die Hände ein – sofort beginnt unter See in den Seitengassen
ein Zureden, Rufen und dir wird Zukünftiges aus der Hand geweissagt.
König Fisch zappelt im Sand – dann stirbt der Widerhall, das Klatschen.
wie ein Schlüssel, der in einem plötzlich zugedickten Schloss stakt.

Alexej Parschtschikow: Erdöl · Gedichte. Russisch-Deutsch. Aus dem Russischen von Hendrik Jackson. kookbooks _ Reihe Lyrik _ Band 19, 2012.
112 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 19.90 Euro, ISBN 9783937445434

*) Dieser Text ist natürlich nicht „gemeinfrei“, aber Nachdichter und Verlegerin haben einer Veröffentlichung hier zugestimmt.
**) Gilt (leider) vorerst nur bei Facebook.

46. Literaturen

Ein aufmerksamer Leser schreibt:

wie ich eben sah, hat LITERATUREN seine Archive geöffnet.

Man findet zum Beispiel diese wichtigen Artikel:

http://www.cicero.de/salon/banane-ist-hase-ich-weiss-von-nutz/47384

http://www.cicero.de/salon/arbeiten-schafe-gruppen/43939

Die Suche nach LYRIK liefert viel. Sogar die Gegenfrage „Did you mean LOGIK?“

Vielen Dank, gern geben wir die Empfehlung weiter!

In den verlinkten Sammelrezensionen von Peer Trilcke und Michael Braun geht es um diese Bücher:

Christoph Buchwald (Hg.)
25. Jahrbuch der Lyrik. Die schönsten Gedichte aus 25 Jahren
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2007. 416 S., 20 €

Konstantin Ames
Alsohäute
roughbooks: Leipzig und Holderbank SO 2010.

Heinz Ludwig Arnold (Hg.)
Junge Lyrik
Edition Text + Kritik, München 2006. 90 S., 16 €

Nico Bleutge
klare konturen. gedichte
C. H. Beck, München 2006. 83 S., 12 €

Roman Bucheli (Hg.)
Wohin geht das Gedicht?
Wallstein, Göttingen 2006. 125 S., 14 €

Harald Hartung
Aktennotiz meines Engels. Gedichte 1957–2004
Wallstein, Göttingen 2005. 410 S., 28 €

Thomas Kling
Gesammelte Gedichte 1981–2005
Hg. von Marcel Beyer und Christian Döring.
DuMont, Köln 2006. 975 S., 68 €

Björn Kuhligk, Jan Wagner
Der Wald im Zimmer. Eine Harzreise
Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2007. 176 S., 8,90 €

Marion Poschmann
Grund zu Schafen. Gedichte
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2004. 92 S., 15,90 €

Monika Rinck
Ah, das Love-Ding! Ein Essay
kookbooks, Idstein 2006. 200 S., 18,90 €

Anja Utler
münden – entzüngeln. Gedichte
Edition Korrespondenzen, Wien 2004. 91 S., 17,40 €
brinnen
Edition Korrespondenzen, Wien 2006. 62 S., 13,50 €
Audio-CD. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2006. 15 €

Jan Wagner
Guerickes Sperling. Gedichte
Berlin Verlag, Berlin 2004. 83 S., 16 €

Uljana Wolf
kochanie ich habe brot gekauft. Gedichte
kookbooks, Idstein 2005. 72 S., 13,80 €

Jahrbuch der Lyrik 2011
Hrsg. v. Christoph Buchwald und Kathrin Schmidt
DVA, München 2011. 272 S., 19,99 €

Jan Wagner
Australien
Berlin Verlag, Berlin 2010. 110 S., 18 €

Judith Zander
oder tau
DTV, München 2011. 96 S., 11,90 €

Ulrike Almut Sandig
Dickicht
Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2011. 80 Seiten, 16,95 €

Nora Bossong
Sommer vor den Mauern
Hanser, München 2011. 96 S., 14,90 €

 

45. Wie Deutschland

Auf der mir von Jan Kuhlbrodt aufgetragenen Suche nach Gedichten von Dieter Roth fiel mir ein Bändchen der von Max Bense mitherausgegebenen Reihe „edition rot*“ in die Hand, bzw. ich entnahm es dem Regal mit dieser. In den frühen 90er Jahren gab es Hefte dieser Reihe noch in der alten Autorenbuchhandlung. Zuerst in die Hand geriet mir ein Heft nicht von Dieter Roth (der sich auch diter rot* schrieb), sondern von Manfred Esser:

Manfred Esser, D(ICH)T. (rot 58). Stuttgart 1994

Die quadratischen Hefte sind vorn rot*-weiß gestreift mit unterlegtem Text „rot 58“. Auf dem weißen Rücktitel steht in roter* Schrift:

Es gibt auch rote* Geheimnisse in der Welt, ja, nur rote*.
Ernst Bloch

Das Heft beginnt mit folgendem Text als Motto, der sich in meine Anthologie mischt.

Herr:  Wie fängt der Tod an, Alte?
Alte:  Wie? Mit einem harten T.
Herr:  Und endet?
Alte:  Mit Weichem.
Sohn:  Wie?
Herr:  Wie Deutschland.
(Aus "Stück Dreck; der Schäng", 1965)

*) Jan, du siehst, ich arbeite mich an Dieter Roth heran.

44. Politische Lyrik

Wie Fixpoetry berichtet, geht der lauter niemand preis für politische lyrik IV an Lars-Arvid Brischke, Katharina Schultens und Tilo Riedel, die unter 761 Einsendungen ausgewählt wurden. Die Jury bestand aus Monika Rinck, Kai Pohl und Boris Preckwitz. Die Gewinner und die engere Auswahl werden in einem zu erwerbenden Reader veröffentlicht.

Autoren der engeren Auswahl (in alphabetischer Reihenfolge):
Roland Bärwinkel
Ruth Johanna Benrath
Nanette Gosling
Stéphanie Heib
Judith Hennemann
André Jahn
Martin Jankowski
Annabelle Kahmann
Sarah Kayss
Frank Milautzcki
Frank Ruf
Vera Schindler-Wunderlich
Harald Stangor
Markus Stegmann
Thomas Steiner
A.J. Weigoni

Preisübergabe und Lesung am 24.02.2014 im MAX und MORITZ
Oranienstraße 162, 10 969 Berlin Kreuzberg 36, Einlass 20.00 Uhr, Beginn 20.30 Uhr

43. Keine Sorge

Um das Buch braucht man sich keine Sorgen zu machen und auch nicht um die Lyrik, so lange es Menschen wie Michael Krüger gibt. Als Verleger hat er sich stets dafür eingesetzt, dass Bücher noch eine Zukunft haben. In den 45 Jahren seiner Tätigkeit beim Hanser Verlag, dessen Geschäftsführer er bis Ende 2013 war, hat er diesen zu einem führenden Literaturverlag in Deutschland gemacht. Und er hat selber Romane geschrieben, Erzählungen, Essays und Gedichte.

Herr Krüger, Ihr Motto ist: Kein Tag ohne Gedicht. Welches Gedicht haben Sie heute gelesen?

Michael Krüger: Viele, weil ich auf der Suche war. Eines ist hängengeblieben, „Porträt mit Hund“ von Rutger Kopland, einem Holländer, den ich früher kannte, jetzt ist er gestorben. Das Gedicht beschreibt in vierzehn Zeilen das symbiotische Verhältnis zu einem Hund, darin heißt es: „… ich habe etwas gemurmelt und / er legte sich hin, seufzte / und schlief ein …“ In diesem kleinen Gedicht steckt mehr über unsere prekäre Beziehung zu Tieren als in allen Leitartikeln zusammen.

Sie sind ein sehr beschäftigter Mensch. Wann finden Sie Zeit und Muße, nicht nur jeden Tag Gedichte zu lesen, sondern auch zu schreiben?

Krüger: Gedichte lesen kann man immer, sie sind kurz und schmerzvoll, man kann sie in jeder Lebenslage hervorziehen, anders als fette Romane, über denen man einschläft. Gedichte schreiben ist komplizierter. Bei mir entstehen sie im Kopf als Verdichtung einer bestimmten Haltung den Dingen, den Verhältnissen, der Natur gegenüber. Je sorgfältiger man darüber nachdenkt, desto einfacher wird das Gedicht. Es reduziert, wenn es glückt, komplexe Vorgänge, die dann – hoffentlich – im Kopf des Lesers sich wieder in hoher Komplexität entfalten. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Gedichte bilden nur ab, was jeder denkt, aber nicht auszusprechen wagt.

Schwetzinger Zeitung 13.2.

42. Die Lieb ist blind

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor wenigen Tagen begonnenen virtuellen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Roland Erb (unter ein Gedicht von Ossip Mandelstam).

DIe Lieb ist blind / und gleichwohl kan sie sehen /
hat ein Gesicht / und ist doch stahrenblind /
sie nennt sich groß / und ist ein kleines Kind /
ist wohl zu Fuß / und kan dannoch nicht gehen.
Doch diss muß man auff ander’ art verstehen:
sie kan nicht sehn / weil ihr Verstand zerrint /
und weil das Aug des Herzens ihr verschwindt /
so siht sie selbst nicht / was ihr ist geschehen.
Das / was sie liebt / hat keinen Mangel nicht /
wie wohl ihm mehr / als andern / offt gebricht.
Das / was sie liebt / kan ohn Gebrechen leben;
doch weil man hier ohn Fehler nichtes find /
so schließ ich fort: Die Lieb ist sehend blind:
sie siht selbst nicht / und kans Gesichte geben.

Sibylla Schwarz (1621 Greifswald – 1638 Greifswald)

Mehr zur Textkette hier

So geht es: Textkette – Gute Gedichte auf Facebook Das Prinzip ist einfach – jede Person, welche bei einem Gedicht der Reihe „gefällt mir“ klickt, bekommtt eine(n) AutorIn zugewiesen. Dann einfach ein Gedicht raussuchen, posten (auf der eigenen Pinnwand oder hier oder beides) und so die lyrische Kette fortsetzen.

41. Beutekunst

Jede Jury befriedigt die Bedürfnisse ihrer Preisträger und jeder Preisträger bedient die Ansprüche seiner Jury. Man kann darüber hinwegsehen oder es beim Namen nennen, wobei sich ebendieses Kulturgespenst dann vielleicht auflösen lässt oder wächst. Um etwas beim Namen zu nennen und erwachsen zu lassen, soll es beim ersten „Leipziger Lyrikpreis“ unter dem Titel: Beutekunst gehen. Ziel dieses Vorhabens ist es, einen Preis für Gedichte auszuloben, die sich inhaltlich mit verschleppten und verschwundenen, zerstörten und vergessenen Kunstgegenständen beschäftigen. Dabei ist es wünschenswert, wenn sich die jeweiligen Beiträge auf eine beliebige Quelle beziehen. Diese Quellen könnten zum Beispiel Fotografien sein, Pressetexte und Augenzeugenberichte, Beschreibungen und Erinnerungen der / an die entsprechenden Kunstgegenstände. Bewerben können sich alle (ohne Alters- oder sonstige Grenzen!) mit einem Beitrag zu einem oder mehreren Exponaten. Wünschenswert ist wiederum, eine verwendete, bedachte oder beachtete Quelle in Kopie beizulegen. Zur Verteilung der Gewinnsumme gibt es mehrere Möglichkeiten: 1. Die gefälligsten Einsendungen (Ich glaube das kann man bald überall so sagen.) werden mit einem Honorar bedacht, 2. Es gibt einmalig 500,- € für das beste Gedicht und 3. die ersten drei Gewinner bekommen einen Teil dieses ausgeschriebenen Betrages. Weiterhin plane ich eine „Siegerehrung“, Lesung und Anthologie. Allerdings wird es hierfür noch weiterer Organisation bedürfen. Es steht kein Verein, keine Stiftung oder andere Dritte hinter diesem Preis. Wer mich bei der Durchsicht und Auswahl der Texte – bei der Umsetzung dieses Projektes begleiten möchte, ist herzlich willkommen. Ihre Beiträge schicken Sie bitte in schriftlicher Form und bis zum 11.11.2014 an: Michael Spyra, Karl-Liebknechtstraße 5, 04107 Leipzig oder als eine .pdf unter Angabe von Namen und Titel des Textes an: michael_spyra@gmx.de.