4. Kunstpreis für Kunert

Günter Kunert, der am 6. März 85 wurde, erhält den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein. Der mit 20000 Euro dotierte Preis wird im Herbst von Ministerpräsident Torsten Albig in Kiel verliehen.

Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, gilt als einer der produktivsten Lyriker und Essayisten Deutschlands. Seine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der Kulturpolitik in der DDR führte 1979 zur Ausreise in die Bundesrepublik. Danach verschlug es ihn nach Schleswig-Holstein, wo er seit über 30 Jahren in Kaisborstel bei Itzehoe lebt. „Wir sind in Schleswig-Holstein sehr stolz darauf, Günter Kunert zu ,unseren’ Schriftstellern zu zählen“, sagte Albig. Kunert sei ein außerordentlich engagierter und streitbarer Schriftsteller. Trotz seines hohen Alters sei er bis heute sehr produktiv und bringe sich in die Diskussion über das gesellschaftliche Engagement von Künstlern mit ein. Jüngst erschien – nach dem Erinnerungsbuch Tröstliche Katastrophen (2013) – der aktuelle Lyrikband Fortgesetztes Vermächtnis. Der steht ganz in der Tradition der skeptisch-kritischen Weltsicht, die den Autor ausmacht – aber auch in seinem ironisch-übermütigen Witz. / Ruth Bender, Kieler Nachrichten

3. Lyrikband auf Platz 1 der Bestenliste „Weltempfänger“

Weltempfänger Nr. 23

Der neue Weltempfänger sendet Vielfalt aus der ganzen Welt.

Auf Platz 1 die lyrischen Sprachexperimente von Jorge Kanese aus Paraguay, Die Freuden der Hölle, kühn auf deutsch nachgedichtet (Luxbooks); auf Platz 2 der brillante Roman Jesusalem des Mosambikaners Mia Couto (Wunderhorn), gefolgt vom Antikriegsroman des in Deutschland lebenden Irakers Najem Wali (Hanser). Ein Klassiker der koreanischen Avantgarde von Yisang,Betriebsferien und andere Umstände (Droschl) wird ebenso gewürdigt wie der aktuell gefeierte Roman des nigerianischen Ausnahmetalents Chimamanda Ngozi Adichie Americanah (S.Fischer). Auf Platz 6 der in den USA lebende pakistanische Schriftsteller Nadeen Aslam mit Der Garten des Blinden (DVA) und der verstörende und berührende Familienroman Das verborgene Leben der Pflanzen von Lee Sung-U aus Korea.

Die Begründung der Jury für Platz 1:

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2. Laden für gebrauchte Sprache A und B

Dorothea Rosa Herliany und Afrizal Malna in Lesung und Gespräch mit Ulrike Draesner
(Lesungen auf Indonesisch und Deutsch)

Lyrik im ausland
2.6. 20:00 Uhr
Ausland
Lychener Strasse 60, 10437 Berlin

Geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn um 20:30 Uhr | Eintritt frei

Indonesien – der größte Inselstaat der Welt und 2015 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – bietet zwar eine beeindruckend vielfältige und beeindruckend alt überlieferte Literatur, doch ist diese im Westen noch immer eine terra incognita. Auch der Name der 1963 in Zentraljava geborenen Schriftstellerin und Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany sowie des 1957 in Jakarta geborenen Dichters, Performance-Künstlers und studierten Philosophen Afrizal Malna ist in Deutschland bis dato nur wenigen ein Begriff. Beide gehören sie zur sogenannten „zweiten Generation“ indonesischer Schriftsteller, die den postkolonialen Weg ihres Landes kritisch begleiten. Dorothea Rosa Herliany als Poetin, die alle Regeln auf den Kopf stellt, die gemäß der patriarchalischen Geschlechtervorstellung und der religiös codierten Gesellschaft ihrer Herkunftskultur für sie als Frau gelten müssten: In ihren Gedichten ist die Frau nicht die Unterworfene, sie wird bei ihr zur Jägerin, die sich nun ihrerseits den Mann untertan macht. Afrizal Malna als ein Zweifler an der Sprache, der die Arbeit an und mit der Sprache zugleich zu seiner stärksten Waffe erhoben hat, um Indonesiens langen und von sozialen wie politischen Verwerfungen begleiteten Weg in die Moderne immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Denn die „Sprache ist ein Monster, das Kommunikation erzeugt und sie zugleich durchkreuzt.“

Dorothea Rosa Herliany, *1963 in Zentraljava, ist nicht nur eine der wenigen weiblichen Stimmen indonesischer Gegenwartslyrik – sie ist zugleich auch die derzeit wichtigste und ungewöhnlichste Schriftstellerin der sogenannten „zweiten Generation“ indonesischer Schriftsteller. Diese wuchs in einem postkolonialen Indonesien heran – 1945 hatte die drittgrößte Demokratie der Welt die Unabhängigkeit von den Niederlanden erlangt. Herlianys Generation hatte also weder die koloniale Unterdrückung seitens der Niederländer noch den kämpferischen Furor der Gründergeneration erlebt; für sie war es selbstverständlich, indonesisch zu sein und sich in der indonesischen Sprache auszudrücken. Herliany sorgte auf der Bühne der indonesischen Literatur gleich mit ihrem ersten, 1987 veröffentlichten Gedichtband „Nyanyian Gaduh“ (lärmende Songs) für Furore. Denn da war plötzlich eine Frau, die ihre Stimme erhob: laut und vernehmlich, in einer Gesellschaft, in der Frauen als untergeordnet gelten und zu schweigen haben – und die Dinge aussprach, über die man in ihrer Herkunftsgesellschaft eigentlich nicht spricht: über die Sexualität, über den Körper der Frau, über Gewalt gegen Frauen, über gesellschaftliche und soziale Ungleichheit, über politischen Machtmissbrauch. Sprich: Herliany stellt als Poetin alle Regeln auf den Kopf, die gemäß der patriarchalischen Geschlechtervorstellung und der religiös codierten Gesellschaft ihrer Herkunftskultur für sie als Frau gelten müssten.
Doch auch wenn Herliany ihre Gesellschaft aus weiblicher Sicht kritisch befragt und die überlieferten Geschlechterverhältnisse als veraltet anprangert, wäre es dennoch unangebracht, sie als eine im westlichen Sinne „feministische“ Autorin zu bezeichnen. Sie selbst hat diese Kategorisierung stets abgelehnt. Ihr geht es nicht um Selbstbespiegelung, sondern darum, denen eine Stimme zu verleihen, die sich oftmals kein Gehör verschaffen können. Zwar spricht sie „kämpferisch“ mit der Stimme von Frauen – erhebt aber letztlich die Frage nach einer egalitären Gesellschaft jenseits jeglicher Dichotomien und damit nach einem menschenwürdigen Leben in einem utopischen wortwörtlichen „no-man’s-land“.
Ihre Sprache ist oft schockierend direkt, aber trotz aller bewussten Provokation nie vulgär, oftmals sogar von einer subtilen und erstaunlichen Zärtlichkeit. Auch ihre politisch motivierten Gedichte, in denen Herliany sich mit den problematischen Aspekten der turbulenten und schwierigen jüngeren Geschichte Indonesiens auseinandersetzt, kommen eher auf leisen Füßen daher. Fast nie haben sie den Charakter politischer Pamphlete – man muss vielmehr den historischen Kontext der jeweiligen Situationen kennen, auf die sie eher zwischen den Zeilen Bezug nimmt. „Ein Tag im Juli“ etwa spielt auf den 27. Juli 1996 an, als General Suharto, der das Land von 1967 bis 1998 diktatorisch regierte, einen Anschlag auf die Anführerin der oppositionellen demokratischen Partei autorisierte. Herliany wurde Zeugin, wie die Miliz kurze Zeit später eine Menge friedlicher Demonstranten brutal niederschlug. „Ein Tag im November“ wiederum erzählt in einer Art Negativbelichtung von jenem Moment, in dem Suharto am 21. Mai 1998 seine Macht abgab: „a radio broadcast, morning, newspapers on the table / i heard nothing, the telefone rang / the postman came. … life moved from sunshine to shadow / from wakefulness to the world of dreams / orming boring lines of notes / pages of trash not worth keeping“.
Herliany – die in ihrer Heimat alle wichtigen Literaturpreise erhielt – überschreitet mit ihren so bildmächtigen wie letztlich allgemeingültigen Gedichten tatsächlich Grenzen: nicht allein die ihrer Heimat, sondern auch jene zwischen den Kulturen – auf der Suche nach einer globalen condition humaine.

Veröffentlichungen in deutscher Sprache:
Schenk mir alles, was die Männer nicht besitzen. Bilingual und multimedial dargebotene Gegenwartslyrik einer indonesischen Autorin. Aus dem Indonesischen von Berthold Damshäuser. Illustrationen von Damtoz Andreas. Vorwort von Martin Jankowski. Umgesetzt und herausgegeben von Martina Claus-Bachmann. ulme-mini-verlag, Giessen 2009.

Afrizal Malna, *1957 in Jakarta und dort noch immer beheimatet, erweist sich in seinen Gedichten – „körperliche Begegnungen mit dem urbanen Raum“, so der in Jakarta lehrende Wissenschaftler und Übersetzer Andy Fuller – als Zweifler an der Sprache, der die Arbeit an und mit der Sprache zugleich zu seiner stärksten Waffe erhoben hat, um Indonesiens langen und von sozialen wie politischen Verwerfungen begleiteten Weg in die Moderne immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
„Sprache ist ein Monster, das Kommunikation erzeugt und sie zugleich durchkreuzt“, so schreibt der studierte Philosoph Malna mit dem ihm eigenen rätselhaften Witz im Vorwort seines Gedichtbandes „Second Hand Language Store A and B“ (2012): Warum – so heißt es dort – erfinden Menschen die Sprache, um mit Menschen zu sprechen? Allemal, da Sprache immer ein Problem sei – und Probleme die menschliche Sprache zu sein scheinen. In all seinen Gedichten reflektiert, nein, erforscht er daher das vertrackte Verhältnis von Sprache, Körper und Raum.
Der philosophisch grundierte Witz seiner Gedichte paart sich dabei sowohl mit einer großen Sinnlichkeit als auch politischem Hintersinn. Tatsächlich wurzelt sein Sprachverständnis in der politischen Literatur: Dieser hatte Malna sich schlagartig verschrieben, nachdem auch sein Haus im Januar 1974 im Zuge der tödlich endenden Studentenproteste gegen Suhartos „New Order“-Doktrin von Sicherheitskräften durchsucht worden war. In den 80er und 90er Jahren war er Mitglied des Theaters Sae, das wie viele andere Gruppierungen der damals blühenden Avantgarde-Szene dem Regime Suhartos mit den Mitteln der Kunst Widerstand leistete, indem es den gesellschaftlich Entrechteten und Marginalisierten Gehör und Raum verlieh. In den 90er Jahren engagierte Malna sich zudem kurzzeitig in der Aktivistengruppe Urban Poor Consortium, die bis heute Kritik übt am mangelnden Wohnraum für die Ärmsten der Armen.
Wenn Malna, der auch Theaterkritiker ist und Romane schreibt, über den Körper im Raum nachdenkt, meint er also etwas äußerst Konkretes – auch, wenn seine Gedichte inzwischen in einem eher spielerischen Gewand daher kommen. Man lese nur die Titel, die da lauten: Anthropologie einer Coca-Cola-Dose; Aktiv-Aktivitäten der Eisklötze; Müllverbrennung, die rote Schreibmaschine. Tatsächlich geht Malna immer von einem einzelnen Alltagsobjekt aus – um seine Leser dann rasch mit irritierenden Satz- und Sinnbrüchen zu konfrontieren, die das vermeintlich Vertraute fremd und rätselhaft erscheinen lassen. Als „Wesen zwischen Prosa und Poesie“ (so Ulrike Draesner, die einige Texte Malnas ins Deutsche übersetzte) verfährt Malnas Lyrik syntaktisch: Satz nach Satz – oder sollte man sagen: Satz gegen Satz? Denn die Abfolge erscheint nicht linear, sondern sprunghaft wie die Syntax selbst.
Seine Gedichte prangern die grassierende Arbeits- und Perspektivlosigkeit ebenso an wie Korruption und die „Leichenpolitik“ der indonesischen Regierung; es geht ihm um Umweltzerstörung und allgegenwärtige Gewalt: „Menschen werden vergewaltigt. Das Land wird vergewaltigt. Die Erde wird vergewaltigt.“ (aus: Leichenpolitik, von Morgenzeitung vertuscht). Seine Sprache hat Malna zu diesem Zwecke verwandelt in einen wendigen Körper, der sich zur Wehr setzt gegen Bürokratisierung und Willkür, gegen Überformung und Uniformität, gegen Dogma und Verbot: „Die jungen Leute wissen, dass ihre Körper unnummerierte Eisblöcke sind. Sie schmelzen, um zu poppen. Sie schmelzen, um einen Job zu ergattern. Sie schmelzen, um sich Schuhe zu kaufen. Und werden wieder zu Eisblöcken. Sie werden Eisklötze, um zu schmelzen. Sie werden Eisklötze, um ins Haus zu treten. Sie werden Eisklötze, um zur Schule zu gehen. Sie gefrieren und schmelzen wie Wasser, das ins Eisfach geschoben wird.“ (aus: Aktiv-Aktivitäten der Eisklötze)

Veröffentlichungen in deutscher Übersetzung:
Silke Behl/Ulrike Draesner: Er steht da und beginnt zu sprechen. Über Afrizal Malnas Gedichte. In: Sprache im technischen Zeitalter. 204 / Dezember 2012, S. 491-504.

Eine Veranstaltung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Kooperation mit ausland.

Über D.R. Herliany und A. Malna: Claudia Kramatschek (leicht abgeändert und gekürzt).

1. Poetopie

tausendfach flittern die Blätter der Silberpappel im frischen Wind – Stamm und Äste stehen unbewegt

Hansjürgen Bulkowski

107. Ersatzgedichte

Autor Urs Allemann sorgte im Landhaussaal gleich für einen Hardcore-Einblick in die Welt der Literatur-Lesungen. Er las aus seiner Gedichtsammlung «in sepps welt», für die er zusammen mit sechs weiteren Schriftstellern den Schweizer Literaturpreis 2014 erhielt. Allemann sorgte bei seiner Lesung für – wie könnte es anders sein – programmierte Irritation. Dieser Autor liest nicht einfach vor, er performt, zischt, singt fast. Da müssen Lyrik-Götter wie Rilke oder Heine herhalten: Allemann zerstört ihre Klassiker und haucht ihnen neues Leben ein, indem er sie seziert, ihnen neue Wörter einverleibt. Ersatzgedichte nennt er diese Lyrik-Kreationen. / Solothurner Zeitung

106. Mit dem Rücken zur Luft

Schon Titel wie „Selbstporträt mit Kopfbahnhof“ oder „Val Bregaglia L’homme qui marche“ weisen auf die schöne Rührigkeit dieser Poesie. Deren metrische Signatur ist eine daktylische Bewegtheit des Versmaßes, das sich nur hier und da im Gleichmaß von Jambus und Trochäus beruhigt. Auf Durchreise, in Fluss und Bewegung sind selbst einzelne Worte und Fügungen: im ansatzlos gleitenden Übergang von einer zur nächsten Sinneinheit. Vorbild ist die rhetorische Figur von Gertrude Steins Gedichtzeile „Rose is a rose is a rose“, die Stössel zu einem gedankenreichen Langgedicht über Identität und Rimbaudsche Nichtidentität („Ich ist ein anderer“) inspiriert. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung

Jürgen-Peter Stössel: Mit dem Rücken zur Luft. Gedichte 2009-2014. Drey Verlag, Gutach 2014, 102 Seiten, 17 Euro.

Am 1. Juni um 11.30 Uhr findet im Weinschlösschen, Freiburg, Wilhelmstraße 17a, eine Matinee mit Ullo von Peinen, Wolfgang Fernow und dem Autor statt.

105. Ein europäisches Karussell

Rudolf Jurolek

Wer ist dieser melancholische slowakische Laotse? – fragt man sich auf der Suche nach dem poetischen Ich. Eine direkte Enträtselung wäre profan. Erfährt man jedoch, dass Jurolek in dem nordslowakischen Dorf Breza lebt, so ergibt sich aus dieser Tatsache ein denkwürdiger Kontext. Der „weiße Berg vor blauem Himmel“ gehört zur Tatra.

Breza selbst liegt in der Region Orava, die gewissermaßen die Wiege der slowakischen Dichtung war. Dreißig Kilometer vor Breza befindet sich das Städtchen Dolny Kubin, in dem zwei Nationaldichter der Slowakei gelebt haben: Janko Matúska (1821-1877) und Pavol Országh Hviezdoslav (1849- 1921). Matúska war ein romantischer slowakischer Patriot, Autor der Nationalhymne Es blitzt über der Tatra, welche 1920 in die tschechoslowakische Staatshymne integriert wurde. Hviezdoslav war ein Literat in mehreren Kunstgattungen, übersetzte Goethe, Puschkin und ungarische Lyrik in seine Muttersprache und gilt bis heute als Idol der slowakischen Kultur.

Adisa Basic

Die Bosnierin Adisa Basic ist ähnlich wie ihr slowakischer Kollege Meisterin der Kurzform. Den historischen Hintergrund ihrer Lyrik bilden die apokalyptischen Neunzigerjahre mit dem Bosnienkrieg, der an die hunderttausend Opfer forderte. Basic richtet aber unser Augenmerk nicht auf die Massenkatastrophe, sondern auf das Ausgeliefertsein der Einzelnen. So das Fazit eines Familienvaters im Gedicht „Rache“: „Ich weiß, wer/ meine Frau/ und meinen Sohn/ und meine Tochter ermordet hat./ Ich weiß, einer von ihnen ist zurückgekehrt./ Er hat eine Bäckerei./ Aber ich sehe zu, dass ich/ bei ihm niemals etwas kaufe.“

Ákos Fodor

Wie Jurolek neigt auch der Ungar Ákos Fodor zur Selbstreflexion in seiner äußerst sparsamen Haikuform: „Meine Gedichte?/ ach was. – Gedichte die ich/ bloß schreiben durfte.“

In der Gestik der Rücknahme des eigenen Ichs äußert sich zweifelsohne eine reduzierte Sichtweise, in der der lyrische Text wie ein Konzentrat des Durchlebten, Durchfühlten und Durchdachten entsteht.

Außerdem enthält fast jedes Gedicht etwas Unausgesprochenes, wobei der Leser – dem Zuhörer von Witzen nicht unähnlich – die Pointe selber auflösen muss. So im „Brecht-Echo“: „Was überhaupt ist/ ein Menschenmord im Vergleich/ zu einer Zeugung?!“

György DalosDer Standard

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben „Writer in Residence“-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren publiziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum „Europäischen Karussell“ erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versandkosten

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt vom 4. Mai an „Karussell“-Texte in „Ex Libris“ (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

104. Umstellung der Zeit

«Keiner hat den süssen Geruch des geschlagenen Holzes / so beschrieben, dass wir auf ihn verzichten könnten» – mit diesen Worten beginnt ein Gedicht in Michael Krügers jüngstem Gedichtband: eine kleine Meditation darüber, dass Sprache Abwesendes zwar evozieren, das Beschworene aber nicht ersetzen kann. «Umstellung der Zeit», so heisst der Band, knapp und verblüffend präzis. In den hundert neuen Gedichten geht es oft um Abwesendes, um Vergangenes und Verlorenes, das mit Worten in eine andere Zeit, in die Gegenwart gerettet werden soll. Zugleich ist das Vertrauen des Lyrikers Krüger in die Sprache nicht ungebrochen. Deren Unmittelbarkeit ist verloren und hat es wohl nie gegeben, das weiss er, seine Gedichte wissen das. Sie wollen jedoch – soweit das überhaupt möglich ist – in Erinnerung rufen, was einmal war, und sie wissen zugleich um die Vergeblichkeit, an etwas zu erinnern. / Martin Zingg, NZZ

Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 117 S., Fr. 29.90.

103. Rummelsburg 2

Festival-Manager Kai Pohl, der auch als Dichter im Dienst ist, beschwört den Asphalt der Lyrik als Triumph der Straße und ihrer Logik. In seiner „Umbaupause“ berichtet er schmissig im Ton von „viel Spaß in der Lobby“ und „paraolympischen Hobbyontologen“. „Ein Gedicht für die Grütze“ bleibt im Hals ihm dann doch nicht stecken. Pohls poetisches Programm reicht von den Sternen bis zu Nervenzusammenbrüchen auf halbausgeweideten Kontinenten. (…) Er variiert den großen Howlin‘ Wolf Allen Ginsberg: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, nur mit einer thematischen Verschiebung Richtung Werbung. „In Gottes Stunden Hotel“ gibt es „semantische Checkpoints“ und die heiße Zeile: „Uhren sind Huren der Ratlosigkeit in Gottes Stundenhotel“. Auch Pohl ist kein Sprengmeister des Raumzeitkontinuums, aber er arbeitet sich vor, indem er viel Geschichte auf den Zug der Gegenwart lädt.

Gekonnt geht es weiter, Kristin Schulz, geschult an Heiner Müller und Thomas Brasch, beherrscht den Doppelschlag von Theorie und Poesie. „Jede Pfütze ein Spiegel“ heißt es in ihren „Gesammelten Fehlmärchen“, erschienen im Gutleut Verlag und empfohlen von Bert Papenfuß der Vertonung. Schulz beobachtet „das Manöver der Mauersegler“. Sie erkennt die Einzelgänger in Büschen und das „Bindegewebe der Felder“. „Komm wir gehen Ängste füttern“ schlägt das lyrische Ich seinem Leser vor. Als Zuhörer vernimmt der Leser eine neo-sakrale Poesie, die in allem ernst bleibt. Ironie ist Feigheit, könnte eine Ansicht dieser Autorin sehen, aber wer weiß so was schon. / Jamal Tuschick, Freitag

102. Preis für Becker

Jürgen Becker bekommt den renommiertesten deutschen Literaturpreis, den von der Darmstädter Akademie vergebenen Büchnerpreis. Zeit wurde es mal. Hubert Spiegel schreibt für die FAZ:

Mit Jürgen Becker hat die Akademie nun eine Wahl getroffen, die beides ist: unanfechtbar und mutlos, mühelos zu begründen, aber leider nicht gerade aufwühlend. Dabei wurde diese Entscheidung keineswegs halbherzig getroffen. Im Gegenteil, sie ist mit ganzem Herzen kleinlaut. (…)

Becker, Jahrgang 1932, galt in den sechziger Jahren als einer der interessantesten Vertreter einer neuer experimentellen Lyrik und hat seitdem zahlreiche Lyrikbände, Hörspiele und Prosatexte veröffentlicht. Die Reihe seiner Publikationen ist so lang und eindrucksvoll wie die Reihe der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat. Den Anfang machte vor genau einem halben Jahrhundert der Niedersächsische Förderungspreis für junge Künstler, es folgte 1967 der Preis der Gruppe 47. Allein die Reihe jener Preise, die nach großen Kollegen Beckers benannt sind, ist imponierend: Huchel, Böll, Johnson, Lenz, Schiller, Eich. Becker, im Brotberuf lange Jahre Redakteur beim Deutschlandfunk, war immer ein innovativer und höchst reflektierter Autor, der elegant und kunstvoll zwischen den Gattungen Lyrik und Prosa zu wechseln verstand, aber wie viel Zeit darf eine Akademie sich nehmen, um dies zu bemerken und zu honorieren?

Mehr: Prägender Poet (DLR) / Spiegel

101. Preis für Beyer

Der war mir doch durch die Lappen gewischt. Also nachgetragen:

Der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer erhält den Kleist-Preis 2014 − bestimmt wurde er von Hortensia Voelckers als Vertrauensperson der Jury. Die mit 20.000 Euro dortierte Auszeichnung wird am 23. November in Berlin überreicht, teilt die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft mit.

Marcel Beyer wurde bekannt durch Romane wie „Flughunde“ (1995), „Spione“ (2000) oder „Kaltenburg“, Gedichtbände wie „Falsches Futter“ (1997) oder „Erdkunde“ (2002), Essays wie „Nonfiction“ (2003) sowie Erzählungen („Putins Briefkasten“ 2012). Seine Texte, urteilte die Jury, spüren „dunkle Verflechtungen von Wissenschaft, Kunst und Politik in der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in häufig experimentellen Darstellungsformen auf“. Marcel Beyer erhielt bislang bereits zahlreiche Preise, etwa den Berliner Literaturpreis (1996), den Heinrich-Böll-Preis (2001), den Friedrich-Hölderlin-Preis (2003) oder den Joseph-Breitbach-Preis (2008).

Der Kleist-Preis wird Marcel Beyer am 23. November in Berlin während einer Matinée im Berliner Ensemble übergeben, so die Mitteilung weiter, die Claus Peymann inszenieren wird*. Die Laudatio hält Hortensia Voelckers, langjährige Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Sie hat − als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Marcel Beyer in alleiniger Verantwortung, gemäß der Tradition des Kleist-Preises, zum Preisträger bestimmt. Die Jury des Kleist-Preises bestand diesmal aus Jens Bisky (SZ), Günter Blamberger (Universität zu Köln), Thomas Böhm (Programmleiter ilb), Gabriele Brandstetter (FU Berlin), Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder), Michael Maar (freier Autor) und Sigrid Weigel (Zentrum für Literaturforschung Berlin). / Börsenblatt 13.5.

100. Preis für Marcel Beyer

Der Lyriker und Erzähler Marcel Beyer erhält in diesem Jahr den mit 40.000 Euro dotierten Oskar Pastior Preis. Die Preisverleihung findet am 14. September im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin statt, teilte die Oskar Pastior Stiftung mit.

Sein Werk zeichne sich „durch eine intensive Beobachtung des sprachlichen Materials“ aus, „die durch die harten Themen hindurch in offenes poetisches Gelände führt“, urteilte die Jury. Die Preisverleihung findet am 14. September im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin im Haus der Berliner Festspiele statt. Die Laudatio auf Marcel Beyer hält Christina Weiss. (…)

Nach Oswald Egger 2010 ist Marcel Beyer der zweite Preisträger; im Jahr 2012 verzichtete die Stiftung auf eine Preisverleihung und betrieb dafür die Aufklärung hinsichtlich der Securitate-Mitarbeit von Oskar Pastior. Die Ergebnisse dieser Recherche wurden 2013 in dem Band „Versuchte Rekonstruktion – Oskar Pastior und die Securitate“ (Edition Text + Kritik) veröffentlicht. / Börsenblatt

99. Maya Angelou (1928-2014)

Der 20. Januar 1993 ist ein bitterkalter Tag in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Als eine schwarze Frau über den riesigen, roten Teppich zum Podium an den Treppenstufen des Kapitols schreitet, macht sie sich gefasst auf kühlen Wind und drückt ihren dicken, dunklen Mantel fest an sich. Dann steht sie am Pult und schaut einen Moment in die Menschenmenge um sie herum. Die Zooms der neugierigen Fernsehkameras fahren auf die 64-Jährige mit den grossen Ohrringen zu, die Schar der Mikrofone harrt der Worte aus berufenem Munde. Schliesslich hebt die hochgewachsene Künstlerin den Kopf, atmet ein und beginnt, ihr Gedicht «On the Pulse of Morning» mit sanfter, sonorer Stimme vorzutragen. Der ganze Erdball schenkt ihr Gehör.

Es war der am 4. April 1928 in St. Louis geborenen Maya Angelou nicht an der Wiege gesungen worden, dass ein frisch gewählter US-Präsident sie bitten würde, zu seiner Inauguration ein Gedicht zu verfassen und vorzutragen. Doch genau dies tat Bill Clinton. Und ehrte damit eine Autorin, die bereits zahllose Auszeichnungen und Preise erhalten hatte. Nach Robert Frost, der 1961 bei der Amtseinführung John F. Kennedys sein Poem «The Gift Outright» deklamierte, war es das zweite Mal, dass jemand aus dem Kreis der Dichter und Denker eine Hauptrolle bei einer der wichtigsten Zeremonien der Vereinigten Staaten spielte. Angelou fand den richtigen Ton, als sie die Aufbruchstimmung der Clinton-Ära in freudige Strophen über ein neues, traumhaftes Amerika fasste. Einerseits folgte sie Frost – wie Clinton seinem Vorbild Kennedy huldigte – und sah eine goldene Natur. Andererseits bedachte sie im Kontrast zum Vorgänger die Minderheiten. Die sechssprachige Afroamerikanerin lieferte dabei kein kaschiertes Parteiprogramm, sondern blieb ihrem Œuvre treu.

Dieses ist in sämtlichen Facetten letztlich optimistisch, obwohl es den harten Kampf schwarzer Frauen um Existenz und Akzeptanz ins Zentrum stellt. Das Gedichtwerk, das recht wenig erforscht ist, umspannt eine Reihe respektabler Bände, die von «Just Give Me a Cool Drink of Water ‚Fore I Diiie» (1971) bis zu «Life Doesn’t Frighten Me» (1996) reicht. Kenner greifen gern zur 1994 gedruckten Gesamtausgabe, die Angelous Qualitäten als Lyrikerin in ganzer Breite zeigt: Spürbar wird zum einen das Gefühl für Rhythmus, so in den Zeilen von «Times-Square-Shoeshine-Composition», dessen knappe Sätze das flinke Bürsten eines Schuhputzers perfekt reflektieren. Ferner ist da die zärtliche Sprachgewalt einer exakten Beobachterin, etwa zu finden in «London», und markantes historisches Bewusstsein, das neben anderem in «Ain’t That Bad?» deutlich wird. / Thomas Leuchtenmüller, NZZ

Nach dem Inaugurationsgedicht „On the Pulse Into Morning“ schnellte die Auflage von Angelous Gedichtbänden nach oben und sie genoss den Ruf „als gütige Urgroßmutter Amerikas, als Mahnerin zu Einheit und Vernunft“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ zuletzt schrieb. / Spiegel

Mehr: Die Welt /

98. Julia Engelmann

Sie genießt den Erfolg und das, was er nach sich zieht: Wenige Tage nach ihrem 22. Geburtstag erscheint heute ihr erstes Buch mit ihren Poetry-Slam-Texten. Titelgeber für den Band ist das Gedicht aus dem Video: „Eines Tages, Baby“. Hier geht es darum, endlich zu leben, statt immer auf etwas zu warten. „Wir sind jung und haben so viel Zeit, / warum soll’n wir was riskieren? / Wir wollen keine Fehler machen, / wollen auch nichts verlieren“, heißt es in dem Text. / Rheinische Post

97. Ohne Beteiligung des Urhebers

Als Mitte der neunziger Jahre die Konzerne erkannten, dass mit dem Internet gut Geld zu verdienen ist, war ich ein aufstrebender freier Journalist. Eines Tages bekam ich Post von meinem damaligen Hauptarbeitgeber: Die Rechtsabteilung der FAZ bat mich, eine beiliegende Erklärung unterschrieben zurückzusenden. Ich sollte ihnen die Rechte an meinen bisher erschienenen Texten für die Verwertung im Web abtreten. Fünf Mal kam die gleiche Post mit der gleichen Erklärung. Ich habe nicht unterschrieben. Die FAZ vermarktet dennoch stets die Beiträge online und kassiert von den Nutzern Gebühren. Ohne Beteiligung des Urhebers. / Christian Welzbacher, der Freitag

Ein Leserkommentar:

Wenn’s um den Lebensunterhalt geht, sollte man das besser anders regeln als über Tantiemen. Das bedingungslose Grundeinkommen wird ja immer wieder genannt. Daher die Frage an den Autor: Hätte er auch eine Regelung unterzeichnet, die seine alten Texte unter den Bedingungen der Creative Commons allen frei zur Verfügung stellt?