Jacobo Fijman gehörte einst zu den herausragenden Schriftstellern Argentiniens. Dann wurde er in die Psychiatrie eingewiesen. Ein langer Leidensweg begann, aber Gedichte schrieb er weiter.
Vicente Zito Lema, der heute ein angesehener Theaterautor, Regisseur und Dichter ist, traf als junger Mann auf Jacobo Fijman. In den letzten Jahren bis zu Fijmans Tod verband beide eine innige Freundschaft. Zito Lema lebt heute in Buenos Aires und beschäftigt sich in seiner Theaterarbeit seit über 40 Jahren mit der Beziehung zwischen Kunst und Wahnsinn.
„Ich kenne alle Psychiatrien Argentiniens in- und auswendig. Als ich Fijman Mitte der 60er Jahre in einer dieser Einrichtungen kennenlernte, war ich schockiert. Das Essen, die Hygiene, die Unterbringung, es war einfach grauenhaft. Man behandelte die Insassen damals noch mit Elektroschock, weil man glaubte, ihr Verhalten mit elektrischen Schlägen im Gehirn verändern zu können. Jacobo litt furchtbar unter dieser Behandlung. Diese elektrischen Entladungen hinterlassen grauenhafte Spuren in der menschlichen Seele. Das ist eine unsägliche spirituelle Zerstörung. Es ist, als würde man dem eigenen Tod ins Auge blicken.“
Und es entladen ihre Schläge
heisere Wehklagen.
Geschwollene Mienen;
Gläsern geweitete Augen
Die Haare des Schreckens stehen zu Berge.
Gott nähert sich in Irrenarztmontur.
Und erhängt meine Kehle
mit seinen riesigen sehnigen Händen;
und mein Lied windet sich in der Wüste.
Erbarmen!
/ Étienne Roeder, DLR
Der mit 600 Euro dotierte Publikumspreis ging an die in Weimar geborene Autorin Nancy Hünger. Insgesamt 432 Autoren aus sieben Ländern hatten ihre Arbeiten eingereicht. Der Menantes-Preis wird seit 2006 alle zwei Jahre von der evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben vergeben.
Der Preis ist nach dem in Wandersleben geborenen Barockdichter Christian Friedrich Hunold benannt, der unter dem Pseudonym Menantes um 1700 Romane, Gedichte, Opern und Konversationsbücher veröffentlicht hatte.
Ingrid Schmoliner – Präpariertes Klavier
Alessandra Eramo – Stimme, Field Recordings, Elektronik
JD Zazie – Plattenspieler, CD-Spieler, Mischpult
Plattenreleaseabend der aktuellen Corvo Records Veröffentlichung: Ingrid Schmoliner – карлицы сюита (LP).
Zu diesem Anlass wird die Österreichische Ausnahmepianistin Ingrid Schmoliner mit einem Piano-Solokonzert ihre Berlinpremiere feiern und Stücke aus dem Album sowie neue Kompositionen spielen.
Die beiden italienischen, in Berlin lebenden Klangkünstlerinnen Alessandra Eramo mit Stimme, Analogelektronik und Field Recordings und JD Zazie (Burp Enterprise) mit live manipulierten Klängen am Plattenspieler und CD-Spieler erweitern mit Soloperformances den Abend ins Elektroakustische.
21. Juni – 21:00
ausland – territory for experimental music, performance and art
Lychenerstrasse 60
10437 Berlin
Eintritt 8€
_________
The Austrian vocal, piano and improvisation artist Ingrid Schmoliner distinctively expands the tonal language of current avant-garde music with her striking piano preparations and the multilayered combinations of her compositional patterns. Artistically she moves in the genres of new music, improvised music, avant-garde music, free jazz, folk fusion and folk music. A further focus of her work is on the interdisciplinary collaboration with dancers, choreographers, and video artists. Ingrid Schmoliner initiated projects such as: Luíss together with the dancer_choreographer_video artist Riikka Theresa Innanen (FL) and the musicians Elena Kakaliagou (GR), Matthias Erian (AT), the „Kollektiv – TARO“ together with the musicians Matthias Erian (AT), Martin Schönlieb (AT), Joachim Badenhorst (BE), PARA- Trio together with Thomas Stempkowski (AT), Elena Kakaliagou (GR) Duo – bist biss together with the musician and composer Pia Palme (A), Duo together with the musician Petr Vrba (CZ). She concerted internationally with musicians such as Don Robinson, Xu Fengxia, Clayton Thomas, Thomas Berghammer, Marco Eneidi, Susanna Gartmayer, Peter Kutin, Sophie Reyer, Iren Kepl, Pamela Kurstin, Diego Mune, Frantz Loriot, Pascal Niggenkemper. Ingrid Schmoliner is founder of the Raum_4 concert series in Vienna and curates the New_Adits_Festival for Contemporary Music (AT).
JD Zazie is an italian sound artist, turntablist and DJ based in Berlin. Coming from a DJ and a radiophonic background JD Zazie has explored over the years different approaches of real-time manipulation on fixed recorded sound. Intended as music instruments CDjs, turntables and mixer are her tools to mix the specific sound-sources she plays (mostly electronic music, electroacoustic music, musique concrète, field recordings and improvised music). In her work she redefines DJ and electroacoustic activities. As a solo performer, in small groups or large ensembles she moves in an area which is constantly stretching the borders of what is supposed to be DJ mixing, free improvisation and composed music. Collaborations/Improv with Mat Pogo, WJ Meatball, Billy Roisz, Okkyung Lee, Dieb13, Joke Lanz, Ignaz Schick, Dawid Szczesny, SEC_, Anton Mobin, Valerio Tricoli, Felicity Mangan, Mario De Vega, Jealousy Party, PenelopeX, and more. She is director of MuseRuole Festival (IT) and has participated in numerous international exhibitions and events.
The Italian/German musician and artist Alessandra Eramo works with extended vocal techniques, field recording, noise, sound and visual poetry. For her live-performances, compositions, videos and installations she uses the human voice as a multi-faceted instrument, exporing the phonetics and the physical aspects of singing and speech, this in relationship to writing, gesture and sign in their multiple forms. Using found sounds, she’s questioning concepts like ‚identity/belonging‘, ‚intimacy/fragility‘, ‚unexpected/unknown‘, therefore the concept of noise and silence in the individual and collective experience of listening. In the past ten years she exhibited and performed at numerous exhibitions, festivals and events in Europe, USA and Canada. In 2010 she co-founds „Corvo Records – Vinyl and Sound Art Production“. In 2013 Alessandra Eramo curates the sound art project „Correnti Seduttive“ with Wendelin Büchler, Peter Cusack, Georg Klein and Steffi Weismann in her hometown Taranto (South-Italy), a place with the largest steel plant and the hightest pollution rates in Europe. Collaborations with performers, poets, improvisors and composers include: Gino Robair, Ingrid Schmoliner, Tomomi Adachi, Marta Zapparoli, Seiji Morimoto, Steven J. Fowler, Doug Van Nort.
Ein elegischer Ton durchzieht alle Gedichte Arseni Tarkowskis, ob sie über den Lauf der Dinge sinnieren oder Biografisches heraufbeschwören («Der Wald von Ignatjewo», «Feldlazarett»), ob sie Natureindrücke wiedergeben («Regen», «Olivenhain») oder verstorbene Kollegen betrauern («Dem Andenken Anna Achmatowas»). Selbst die Liebesgedichte – dazu gehört auch ein eindrückliches Widmungsgedicht für Marina Zwetajewa, deren Freitod, 1941, das Verhältnis jäh beendete – wissen um Vergänglichkeit und Wehmut, denn in kosmischen Relationen gedacht ist jedes menschliche Schicksal eine winzige Passage und das Gewesene oft nur eine «Gedächtnislüge». Was nicht hindert, dass Tarkowski dem Dichterwort einiges zutraut: «Das Wort ist eine Membran, / eine Hülle, ein sinnloser Laut. / Ein Punkt, ein Kern – irgendwann / pulst er als ein fernes Feuer auf. (. . .) Das Wort ist blosse Verstellung, / ein unfertig menschlich Fohlen, / jede Zeile in ihrer Verschwörung / wetzt das Messer im Verborgenen» («Das Wort»).
Tarkowski musste sich endlos gedulden, bis seine Poesie aus dem Verborgenen an die Öffentlichkeit gelangen konnte. In den dreissiger Jahren als «Mystizist» gebrandmarkt, schrieb er in die Schublade und übersetzte. Erst 1962, mit 55 Jahren, erschien seine erste Gedichtsammlung, «Vor dem Schnee» – und machte ihn schlagartig berühmt. (Zufall oder nicht: Zeitgleich brachte Sohn Andrei seinen ersten Film, «Iwans Kindheit», heraus.) / Ilma Rakusa, NZZ
Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche. Ausgewählte Gedichte. Russisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2013. 156 S., € 19.90.
Dass – und mit welchem Ergebnis – Dostojewski seinerseits als Gelegenheitsdichter sich betätigt hat, wird von der einschlägigen Forschung nach wie vor ignoriert. Man scheint die kleinen Gedichte übersehen zu haben, die sich da und dort in seine Prosawerke eingestreut finden und als deren Autoren diverse fiktive Gestalten ausgewiesen werden. Die angestrengt gereimten Verse wurden, wie die umfangreichen Arbeitsjournale es belegen, eigens von ihm abgefasst und nicht etwa aus dem aktuellen Feuilleton übernommen. Hier liegt also der interessante Fall einer doppelten Autorschaft vor – als realer Autor verfertigt Dostojewski seine Gedichte, um sie unter fremdem Namen einem jeweils irrealen Autor zuzuschreiben. – Der produktivste unter Dostojewskis erfundenen Dichtern ist Ignat Lebjadkin aus dem Roman «Dämonen» (1872), eine mindere Charge im Umkreis des düsteren Fürsten Nikolaj Stawrogin. (…)
Bei einem unangenehmen Gespräch mit einer «gnädigen Frau» über seine Schuldenlast trägt Lebjadkin in plötzlicher Aufwallung eine versifizierte Fabel vor, die nicht nur sein «dichterisches Talent», sondern auch seine Kreditwürdigkeit beglaubigen soll: «Ich bin Dichter und könnte regelmässig tausend Rubel von einem Verleger beziehen . . .» – Das Gedicht lautet wie folgt:
Es war mal eine Kakerlake,
’ne Kakerlake seit klein auf,
Und dann an einem schönen Tage
Fiel ihr ein Glas voll Fliegen auf.
Die Kakerlake kroch ins Fliegenglas,
Die Fliegen hoben an zu murren:
«Schon viel zu voll ist unser Glas»,
So riefen sie zu Zeus und knurrten.
Noch während sich ihr Zorn ergoss,
Erschien Nikífor auf der Szene,
Ein edler Greis, von Würde gross . . .
An dieser Stelle bricht die Fabel ab, und Lebjadkin macht sich daran, sie zu erläutern, ihr einen tieferen Sinn zu verleihen. Auch gibt er zu, dass eine Kakerlake weder murrt noch knurrt, und wenn sie’s dennoch tut, dann – so muss man wohl schliessen – tut sie’s einzig um des Reimes willen. (…)
Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.
Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskis Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon ist in sein publiziertes Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Man darf aber vermuten, dass der Autor solch triviale Versatzstücke eigens angefertigt und in petto gehalten hat, um sie dort als Kontrastelemente einzusetzen, wo die tragische Düsternis des Romangeschehens überhandzunehmen drohte. In diesem Verständnis fungiert auch Hauptmann Lebjadkin als närrische Kontrastfigur zu den Finsterlingen in seiner Umgebung. (…)
Dass Dostojewskis Lebjadkin in der frühen Stalinzeit von den sogenannten Oberiuten um Daniil Charms und Nikolai Olejnikow als Kulturheld entdeckt und als russischer Urvater der absurden Dichtung gefeiert wurde, macht deutlich, wie eminent politisch das Absurde im donquijotesken Kampf gegen Despotie und Totalitarismus werden und wirken kann. Noch im Jahr 1974 hat der Komponist Dmitri Schostakowitsch dem Hauptmann Lebjadkin durch die Vertonung von dessen Gedichten (als deren eigentlicher Autor Fjodor Dostojewski firmiert) in seinem Opus 146 Reverenz erwiesen.
/ Felix Philipp Ingold, NZZ
Julia Engelmann positioniert sich in ihrem Gedichtband „Eines Tages, Baby“ mit 22 noch gegen das Erwachsenwerden. Das ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch Rufmord an einer ganzen Generation.
meint Konstantin Nowotny, Die Welt 3.6.
Ich erfuhr, dass er so etwas wie eine Sensation war – in jener überschaubaren Welt, die sich für amerikanische Gegenwartslyrik interessiert. Der „New Yorker“ hatte 2009 über ihn und seinen Zwillingsbruder Michael, der ebenfalls Lyriker ist, geschrieben, und der „New Yorker“ porträtiert sonst nie Lyriker. Dickman hatte zwei Gedichtbände namens „All-American Poem“ und „Mayakovsky’s Revolver“ veröffentlicht, die beide begeistert besprochen worden waren, nicht nur in den kleinen Zeitschriften oder auf Websites, die sich mit Gedichten beschäftigen, sondern auch von Webbloggern, die von sich selbst sagten, dass sie sich für Gedichte nicht interessierten.
Dickman hatte auch an zwei Werbespots mitgeschrieben, die am Super-Bowl-Abend gelaufen waren und einiges Aufsehen erregt hatten. Er hatte eine ganze Menge offensichtlich wichtiger Literaturpreise und Stipendien bekommen, und, so wusste ich nach drei Tagen im Netz, seine Gedichte hatten bei vielen – Lyriklesern wie Lyrikignoranten – dieselbe Wirkung wie bei mir: Wer an eines geriet, war erst einmal hin und weg, sprachlos, ins Innerste getroffen. Was konnte man mit jemandem besprechen, der solche Verwirrtheiten auslöste? / Peter Praschl, Die Welt
Gesetzt den Fall, wir hätten aus Friedrich Hölderlins Feder einzig und allein das Gedicht „Hälfte des Lebens“ – eines der grandiosesten Gedichte der gesamten Literaturgeschichte, zweifellos*). Aber würde Hölderlin dieselbe Stellung einnehmen, die ihm zu Recht zugedacht ist, hätte er nur dieses eine Gedicht geschrieben?
Genügt also ein Gedicht, ein Buch, um ein großer Autor zu sein? / Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung
*) „Das Kranke an diesen Versen kann wohl nur von solchen, die täglich mit Katatonischen umzugehen haben, gleichsam gefühlsmäßig erfaßt werden. Das Ganze steht da als ein imposanter Ausdruck der Vereinsamung; seine Umgebung erschien dem Kranken fremd und rückte in eine unheimliche, unfassbare Ferne. Die Unfähigkeit zur Abstraktion liess den Kranken am unmittelbaren sinnlichen Eindruck haften..“ (Dr. med Wilhelm Lange: Hölderlin – Eine Pathographie, Stuttgart 1909 S. 120/1)
WIE HAT SICH BERLIN VON DER STIMMUNG, DER SZENE HER VERÄNDERT?
Total. In Kreuzberg laufen heute Scharen von Touristen rum, bewaffnet mit Stadtplänen. Negativ ist das nicht, viele werden sich darüber freuen, es kurbelt ja auch die Wirtschaft an. Früher war New York in, jetzt ist es Berlin. Aber die Verdrängung der alten Bewohner, die nicht so viel Geld haben, ist durchaus negativ. Kulturell hat sich auch viel verändert, leider wurde die Off-Szene weggekürzt. Ich hatte es damals leichter. Es gab mehr Buchläden, die bezahlte Lesungen wagten, es gab mehr Stipendien … Das hat sich schon sehr verändert. Jetzt dominiert die Staatskultur.
UND WAS INSPIRIERT DICH?
Bei Theaterstücken sind es die Themen, da recherchiere ich auch gründlich. Bei der Lyrik ist es die innere Verfassung. Es gibt ja eigentlich keinen vernünftigen Grund, ein Gedicht zu schreiben, es ist ein neurotisches Produkt. (lacht) Ein Drang, etwas zu formulieren, was man in Prosa nicht schreiben kann. Für mich sind Gedichte die besten Rätsel, um die Welt zu enträtseln. / Michael Rädel sprach mit Christoph Klimke, blu.fm
Die in Kiel und Husum lebende Dichterin Therese Chromik bekommt den Andreas-Gryphius-Preis. In der taz ein Gespräch über die Verteidigung der Sprache:
Wie erklären Sie sich das geringe Interesse an Lyrik?
Viele haben eben noch nicht begriffen, dass es gut ist, sich auch mal aus dem Getriebe herauszunehmen und sich auf sich selbst zu besinnen. Aber ich glaube, dass man immer mehr dazu kommen wird, weil wir dem, was uns zudeckt, was uns manipuliert, etwas entgegensetzen wollen. Junge Leute haben für sich den Poetry Slam entdeckt. Es ist eine Mischkunst, bei der die Darstellungsfähigkeit, andere anzusprechen, zu fesseln eine große Rolle spielt, bei der viel mit Rhythmus und Wiederholungen gearbeitet wird. Es ist auf jeden Fall auch ein Weg, sich mit dem „Un-Nützlichen“ zu beschäftigen. Und letztlich, glaube ich, hat solch „Un-Nützliches“ in dem Sinne, dass es keinen Profit bringt, diesen Effekt der Besinnung, der Befreiung von Druck.
(…)
Sind Lyriker verletzlicher als andere Autoren?
Man schreibt Lyrik, weil man verletzlich ist. Verletzlich vielleicht durch den erdrückenden Betrieb dieser Welt, durch das Funktionieren, durch die Bürokratie, durch die Medien, was immer uns manchmal zu viel wird. Wenn ich das spüre, finde ich vielleicht im Schreiben ein Ventil, denke über das Wort nach, wende es hin und her, mache Lyrik. Wenn ich nicht so verletzlich, so empfindlich wäre, würde ich es vielleicht nicht tun. Aber ich halte die Form nicht für intim.
PREISTRÄGERIN DES JAHRES 2014
Die Stadt Cuxhaven ehrt mit dem Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014
Ulrike Draesner, weil sie die Welt poetisiert, wenn sich in ihren Gedichten Geschichte und Gegenwart, Natur und Kultur, Technik und Liebe, lebensgeschichtlicher Ernst und jäh aufblitzender Witz in immer wieder überraschenden Wendungen verbinden.
Ihre Leserschaft begegnet einem überwachen Ich, das sich einer verwirrend vielfältigen Wirklichkeit konfrontiert, indem es sich für alles, was ihm begegnet, durchlässig macht.
In ihrer poetisch leuchtenden Sprache lehrt sie damit nicht nur einen furchtlosen Umgang mit der Welt – sie macht Lust darauf.
NACHWUCHSPREISTRÄGER DES JAHRES 2014
Ulrike Draesner ehrt mit dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis für Lyrik 2014 Carl-Christian Elze, der die Tiere und die Verse kennt, uns mit zärtlicher Ironie berührt, kundig nach unseren Körpern fragt – und uns mit geschickt leichter Hand in Gedichträume führt, die sie uns fühen lassen, die berückende Nähe von Komik und Ernst, von Groteske, Verzweiflung und Lebensmut.
Die Laudatio auf Ulrike Draesner wird Professor Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering sprechen.
Weitere Informationen zu Leben und Werk der Geehrten und des Laudators finden Sie auf den Internet-Seiten www.draesner.de, www.poetenladen.de undwww.heinrichdetering.de
Biographien, in aller Kürze
Ulrike Draesner, geboren 1962, Dr. phil., lebt als freie Autorin in Berlin. Ihr Werk umfasst Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Zuletzt erschienen: Vorliebe, Roman (2010), der Gedichtband berührte orte (2008), Richtig liegen. Geschichten in Paaren (2011) und der Essayband Heimliche Helden (2013). Ihr neuer Roman, Sieben Sprünge vom Rand der Welt, erscheint im März 2014. Draesner hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u.a. den Literaturpreis Solothurn (2010) und den Roswithapreis (2013)
Carl-Christian Elze, geboren 1974 in Berlin, lebt in Leipzig. Er hat Biologie und Germanistik studiert und wurde zwischen 2004 und 2008 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig ausgebildet. Er schreibt Gedichte, Prosa, Drehbücher und Libretti. Sein letzter Gedichtband „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“ erschien 2013. Für die von ihm gemeinsam mit anderen Autoren zwischen 2002 und 2009 herausgegebene Literaturzeitschrift plumbum erhielt er 2007 den V.O. Stomps Preis der Stadt Mainz.
Professor Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering, geboren 1959, lebt und lehrt in Göttingen. Er zählt zu den weltweit renommiertesten Literaturwissenschaftlern und erhielt 2009 mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft den international höchstdotierten wissenschaftlichen Förderpreis überhaupt. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde ihm 2011 die Werner-Heisenberg-Medaille der Alexander von Humboldt-Stiftung verliehen; 2013 wurde Detering zum Ritter des dänischen Dannebrogordens ernannt. Neben zahllosen wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat er auch literarische Übersetzungen und vier Gedichtbände vorgelegt.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Peter Everwine is a poet whose work I have admired for many years. Here is a poem about an experience many of us have shared. Everwine lives in California, but what happens in this poem happens every day in every corner of the world.
After the Funeral
We opened closets and bureau drawers
and packed away, in boxes, dresses and shoes,
the silk underthings still wrapped in tissue.
We sorted through cedar chests. We gathered
and set aside the keepsakes and the good silver
and brought up from the coal cellar
jars of tomato sauce, peppers, jellied fruit.
We dismantled, we took down from the walls,
we bundled and carted off and swept clean.
Goodbye, goodbye, we said, closing
the door behind us, going our separate ways
from the house we had emptied,
and which, in the coming days, we would fill
again and empty and try to fill again.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Peter Everwine, from Listening Long and Late (University of Pittsburgh Press, 2013). Poem reprinted by permission of Peter Everwine and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Rainer Wieczorek
Deutschland Deutschland für uns alle
Für uns alle in unsrem Land
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich und schwesterlich zusammenhält,
Von der Nahrung bis in die Bildung
Von der Medizin bis in das Geld
Deutschland Deutschland für uns alle
Für uns alle Paradies im Land
Paradiesisch für die ganze Welt
Lieben edel aufrecht treu
Es ist die Haltung die wir küssen
Frauen Männer Kinder,
Oh du schöner Mensch
Diese Menschen sollen in der Welt beweisen
Einen offenen schönen Klang
Bis in die Farben aller Künste, allem Sachverstand
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang
Uns der Menschlichkeit verpflichtend
Nie wieder Krieg und Massenmord aus deutschem Geiste,
der Verstand
Brüderlich und schwesterlich zur ganzen Welt
Einigkeit und Recht und Freiheit
Einigkeit im Geben und im Nehmen
Danach laßt uns alle streben
für das deutsche Geschwisterland
gastlich mit Herz und Hand
Einigkeit und Recht und Freiheit
sozial Gerecht und gut Gesonnen
Einigkeit in allem was Ihr habt und gebt
sind des Glückes Unterpfand
Blüh im Glanze dieses Glückes
blühe deutsches Geschwisterland
Europa Europa darin wollen wir leben
Blühe blühe geliebter Menschen
allen Sonderlingen stets gerecht
Blühe blühe geliebtes Europaland
blühet alle Regionen
Blühet jedes Bächlein aller Wald und jede Flur
lasset blühen alle Kreaturen
Blühe blühe geliebtes Europaland
freundschaftlich zu aller Welt
Kein Gott wird dabei helfen
Es ist der Mensch zum Menschen
seine eigenste Instanz.
Dem Hölderlin im Turme gewidmet und dem Musikant vom Hermannplatz (Rainer Wieczorek 2012/13)
Das fortwährende Ringen um Identität, Herkunft, Rasse und Gerechtigkeit ist das Kernthema ihrer Texte. In ihnen setzt die 48-Jährige sich mit ihrem persönlichen Trauma genauso auseinander wie mit dem Trauma ihres Heimatlandes. Sie schreibt über Weiblichkeit, Widerstand und über den satirischen Disput, den sie mit ihrer Muse ausficht.
Sag ich zu meiner Muse: Du hängst immer nur hier rum.
Sie liegt im Bett und liest Gedichte. Sag ich:
Andere Musen müssen meilenweit Wasser schleppen.
Sie bittet mich darum, ihr einen Tee zu kochen.
Von der Küche aus ruf ich ihr zu: Darf´s vielleicht noch ein Keks dazu sein?
Nicht nötig, sagt sie. Sie ist nicht gierig oder so und beteuert
mindestens zwei Mal am Tag, dass sie mich liebt. Aber irgendwie
denk ich trotzdem, dass sie mich ausnutzt (…)
(Übersetzt von Odile Kennel)
(…)
De Villiers will ihre persönliche lyrische Revolte in Johannesburg fortsetzen – und zeitgenössische südafrikanische Poesie an die Schulen bringen. „Wegen der Kolonialgeschichte ist unser poetischer Kanon bis heute von toten, weißen Männern bestimmt. Und vielleicht von zwei oder drei sehr, sehr, sehr alten schwarzen Männern. Dabei hatten wir in den letzten 50 Jahren eine überwältigende poetische Produktivität. Wir wollen auch Songwriter mit ins Boot holen. Es gibt tatsächlich einige indigene afrikanische Sprachen, die gar kein Unterschied zwischen singen und rezitieren machen.“ / Sarah Zimmermann, Die Zeit
Neueste Kommentare