Veröffentlicht am 31. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Rezension zu Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer. [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024. Teil 1. Fortsetzung im nächsten Jahr.
Von Michael Gratz (Greifswald)
Diego Valverde Villena (* 6. April 1967 in Lima, Peru) ist ein peruanischer und spanischer Dichter und Übersetzer.
Bei dem Titel „Feuerzungen“ dachte ich Heidenkind zunächst an Paul Celan. Eine Zeile hing mir im Kopf, ich musste erst nachschlagen, um zu bemerken, dass sie gar nicht von Celan, sondern von Ossip Mandelstam ist – aber in Celans Übersetzung.
ES TILGEN FEUERZUNGEN
mein trocknes, morsches Sein:
vom Holz sei jetzt gesungen,
geschwiegen jetzt vom Stein.
Valverde aber gibt einen anderen, einen sehr konkreten biblischen Hinweis. Dem Buch steht ein Motto voran, Apostelgeschichte 2, 3. Es ist auf Latein und bringt die nächste Überraschung für mich: der Autor zitiert tatsächlich die Vulgata, von der ich in der DDR-Schule gelernt habe, dass sie nur eine fehlerhafte Übersetzung des griechischen Originaltexts ist und dass Luther und Melanchthon auf die Quellen zurückgingen. Ich muss lernen, dass sie all die Jahrhunderte weiter existiert hat und benutzt wird!
Ich schlage in meiner Lutherbibel von 1980 nach. Kapitel 2 Vers 3 lautet dort:
Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen
Keine Feuerzungen, sondern nur „wie von Feuer“. Die Lutherbibel von 2017 ist anscheinend etwas präziser: „zerteilt und wie von Feuer“, so dass klargestellt ist, dass nicht die Zungen „wie von Feuer zerteilt“ sind, sondern die zerteilten (gespaltenen?) Zungen wie von/aus Feuer – eben Feuerzungen. (Die Zweideutigkeit stammt nicht von Luther, bei dem das klarer ist: „Vnd man sahe an jnen die Zungen zerteilet / als weren sie fewrig“). Es nicht so einfach mit dem Übersetzen, wie ja schon Faust wusste, und Valverdes Buch erschien in der Edition Faust. Was sagt der Autor? Der lateinische Text im Motto lautet: apparuerunt illis dispertitae / linguae tanquam ignis … Ich übersetze: Und es erschienen ihnen Zungen, die sich wie Feuer teilten. Tanquam, wie, als ob… Das Titelwort Feuerzungen kommt im Gedichtband zweimal vor, im Vorwort des Autors (da bezieht er sich aber schon auf die deutsche Ausgabe mit diesem Titel) und im Gedicht „Betende Polinnen“:
der Körper und das Blut
auf den Knien
Ihre Augen Feuerzungen
Allerdings als Kompositum nur in der deutschen Fassung. Das Original:
el cuerpo y la sangre
arrodillados
Sus ojos lenguas de fuego
(Ihre Augen Zungen von Feuer). Wir haben also als Geschenk der deutschen Sprache das Wort „Feuerzungen“, aber auch im Spanischen, lenguas de fuego, Zungen aus Feuer, ist die Verabsolutierung der Metapher durchgeführt: nicht „als wären sie aus Feuer“, sondern tatsächlich Zungen aus Feuer, Feuerzungen. Valverde verdoppelt und verabsolutiert die Verwandlung des Vergleichs in eine Metapher noch, Doppel-, Dreifachmetapher: der Körper (und sogar das Blut) sind auf den Knien, die Augen Feuerzungen.
Erste überraschende Bilanz: Valverde ist Katholik, und er zitiert DIE lateinische Bibel, die Vulgata. Die „Betenden Polinnen“ verstärken die Vermutung, dass Katholizität eine noch größere Rolle spielt, wir werden dem nachgehen.
Fortsetzung morgen.
Veröffentlicht am 31. Dezember 2025 von lyrikzeitung
513 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Am letzten Tag des Jahres will ich einen Dichter präsentieren, der irgendwann im Verlauf des Jahres 1125, vor 900 Jahren minus x Tagen, geboren wurde. Er heißt Lu Yu, auch Lu You (traditionelles Chinesisch: 陸游; vereinfachtes Chinesisch: 陆游) und lebte von 1125–1210. In China scheint er bis heute populär zu sein – beim Suchen fand ich Zitate seiner Liebesgedichte in chinesischen oder amerikanisch-chinesischen Krimis. Gerühmt wird er wohl vor allem als patriotischer Dichter. Er schrieb über 8000 Gedichte, mehrheitlich in fortgeschrittenem Alter. Ich habe ein Gedicht über das Altwerden in der Fassung des US-amerikanischen Künstlers Walasse Ting herausgesucht.
Walasse Ting hat eine sehr spezielle Art zu übersetzen, die die Fremdheit der Sprache für westliche Leser*innen herausstellt. Wieweit seine Übersetzungen wort- und sinngetreu sind, ob er die Gedichte kürzt oder mit Motiven frei umgeht, ich kann es nicht beurteilen (der Untertitel des Buches scheint es nahezulegen). Ich habe keine andere Version für eins dieser Gedichte finden können.
ALREADY OLD
When young
Shoot tiger
Ride wide horse
Open heavy bow
Now old
Go out door
Need man to hold my arm
Aus: Chinese Moonlight. 63 poems by 33 poets. Translated & recomposed by Walasse Ting. American distributor: Wittenborn and Company, 1018 Madison Avenue, New York City, o. J. (1967), S. 50
Hier eine rasche Übertragung ins Deutsche:
SCHON ALT
Wann jung
schieße Tiger
reite Pferd
spanne Bogen
Jetzt alt
Gehe aus Tür
Brauche Mann der mir Arm hält
Ich habe KI aufgefordert, diese „entdeutschte“ (im Sinne Walter Benjamins: nicht das Chinesische verdeutschen, sondern das Deutsche verchinesischen) Fassung in eine strengere Vier-Zeilen-Fassung im altchinesischen Stil umzubauen. KI beschreibt den klassischen Stil so: 4 Zeilen, jeweils gleich knapp gebaut, klare Zäsur jung/alt, bildhafte Parallelität. Hier das Ergebnis:
SCHON ALT Jung: Tiger fällt, Bogen voll. Jung: Weites Pferd unter Himmel. Alt: Tür ein Schritt zu weit. Alt: Arm sucht fremde Hand.
KI schlägt dann vor: „Wenn du möchtest, kann ich die Form noch enger an lüshi (律诗) annähern (symmetrische Wortanzahl je Zeile, stärkere Antithese in Zeile 3/4).“ Aber bitte gern:
SCHON ALT
Jung: Tiger fällt, Bogen spannt.
Jung: Pferd weit läuft, Wind folgt.
Alt: Tür nah steht, Schritt zögert.
Alt: Arm schwer hängt, Hand sucht.
Jetzt verlange ich eine „schöne“ Übersetzung im Stil Hans Bethges (frühes 20. Jahrhundert).
ALT GEWORDEN
Einst, in den Tagen der Jugend,
fiel der Tiger unter meinem Pfeil.
Ich ritt das weite Pferd
durch Wind und offenes Land
und spannte den schweren Bogen
wie ein Lied aus Kraft.
Jetzt ist der Abend da.
Schon vor der Schwelle der Tür
zögert mein Schritt.
Ein anderer Arm muss mich halten,
denn die Jahre
haben mir die Kraft des Arms genommen.
Wenn wir so weit gekommen sind, warum nicht eine Rückübersetzung in die klassische Form? Auch das scheint kein Problem. KI präzisiert meine Frage: „Gut. Dann eine klassische Fassung im Song-Stil, nicht modernistisch, sondern literarisch geschlossen, als 五言绝句 (fünf Zeichen pro Zeile, Vierzeiler), ruhig, altersmelancholisch, ohne heroische Pose:
已老
少時射猛虎
駿馬踏長風
今日出門步
須人扶我臂
Sieht doch gut aus.
Ich widme diesen letzten Beitrag des alten Jahrs meinen treuen Lesern, von denen manche fast täglich reagieren, manche seit vielen Jahren. Ihr seid toll!
Veröffentlicht am 30. Dezember 2025 von lyrikzeitung
105 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute vor 30 Jahren starb Heiner Müller, einer der einflussreichsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Das heutige Gedicht bündelt in wenigen Zeilen mythologische Anspielung, Revolutionsgeschichte und politische Ernüchterung.
ajax
vielleicht haette prometheus warten sollen auf die
neue menschheit die zeus im kopf hatte oder schon
auf dem reissbrett.
das verbrechen ist die ungeduld. stalin wusste dass
die bedingung des neuen menschen die vernichtung
des alten war.
lenin hatte recht, als er zu trotzki sagte: wir haben
den galgen verdient.
Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 363. Das Gedicht entstand vermutlich im Herbst 1994.
Veröffentlicht am 29. Dezember 2025 von lyrikzeitung
258 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Christian Filips
Aus: Diachrone Deadbots
(DEADBOT RILKEUS)
„Alles Erworbne bedroht die Maschine..."
1
Erworben? Nichts. Ich schnorre mich so durch
bei jeder Form, die außer mir ist, leih ich an.
Die Form reicht mir die Hand. Sie ist mein Mann,
bzw. weiß ich noch nicht genau: Ist sie ein Falke, ein Lurch,
ein Deadbot, ein Drag oder etwa schon wieder der große Gesang,
der träumt von Türmen und phallischem Einsiedlerstein?
Wie sing ich mich in das Jahrtausend ein,
das meiner Trauer sagt: Du bist Programm?
Diesmal will ich nicht bei den Großen sein.
Diesmal will ich für alle Panther*innen sprechen.
Diesmal lass ich die Stäbe anders brechen
und mache mich mit den Gebrechen gemein.
Ich will die Schönheit sehen, die mich verschmäht.
Und wissen, wie es um die schönen Toten steht.
2
Wer wird nach deinem Tod noch für dich sprechen?
Mein Deadbot wird bereitstehen. Traust du ihm?
Er sagt: „Ich möchte dir bei deiner Trauer helfen."
Du denkst: das Auferstehen hat virtuelle Schwächen.
Was kann dir nach dem Tod noch wirklich drohen?
„Dein Geist gehorcht dir nicht". Das siehst du ein.
In jedem Zombie steckt ein Binnenreim.
Der Deadbot scheint zu wissen, wo du wohnst
und auch die Deutung soll er übernehmen.
Ob nach dem Tod die Trauer sich noch lohnt?
„Wie geht's dir, wo du bist?" Nicht ungewohnt.
Die Stimme darf den Körper zum Kondolieren verlassen.
Auch nach dem Tod sollst du dich nicht bequemen.
Ihr tiefstes Beileid wünschen die Apps
der Ortskrankenkassen von Bremen.
Komplett (6 Teile) in: manuskripte. Zeitschrift für Literatur, 249/2025, S. 176ff
Veröffentlicht am 28. Dezember 2025 von lyrikzeitung
763 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.
Heute vor 100 Jahren erhängte sich der Dichter Sergej Jessenin in einem Hotel in Leningrad. Die krassen Details aus der Jesseninbiografie von Fritz Mierau:
Am Morgen des 28. Dezember gegen halb elf will Jelisaweta Ustinowa Jessenin zum Frühstück holen, sie klopft vergebens. Erlich kommt. Die Tür muß mit einem Ersatzschlüssel geöffnet werden. „Ich betrete das Zimmer: das Bett ist nicht angerührt, das Chaiselongue leer, der Diwan ebenfalls, ich sehe nach oben und erblicke ihn in der Schlinge am Fenster.“ Der Hoteldirektor benachrichtigt die Polizei. In dem offiziellen Bericht von Inspektor N. Gorbow vom 28. Dezember 1925 heißt es:
»Als ich am Ort eintraf, fand ich einen Mann am Zentralheizungsrohr hängen, und zwar in folgender Haltung: sein Hals steckte nicht ganz in der Schlinge, sondern nur die rechte Seite, sein Gesicht war dem Rohr zugewendet, und die rechte Hand klammerte sich an das Rohr, der Körper hing direkt unter der Decke, die Füße befanden sich 1½ Meter über dem Boden; in der Nähe der Stelle, über der der Erhängte gefunden wurde, lag ein umgekippter Nachttisch, der Kandelaber war auf den Fußboden gefallen. Als der Körper aus der Schlinge genommen wurde, fand man bei der Untersuchung an der rechten Hand unterhalb des Ellbogens auf der Innenseite einen Schnitt, am linken Handgelenk Schrammen und einen blauen Fleck unter dem linken Auge, er trug graue Hosen, ein Nachthemd, schwarze Socken und schwarze Lackschuhe.“
Jessenin hatte sich in den Morgenstunden des 28. Dezember 1925 an einer Kofferschnur erhängt.
Aus: Fritz Mierau: Sergej Jessenin. Leipzig: Reclam, 1991, S. 419f
Hier ein Gedicht in der Übertragung von Rainer Kirsch, eingebettet in Passagen aus Mieraus Biografie.
Sergej Jessenin
(russisch Сергей Александрович Есенин, auch Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russland; † in Leningrad)
Der Mann in Schwarz präsentiert die erbarmungslose Innenansicht des glücklosen Aufrührers.
Mann in Schwarz – durch das gräßliche Buch fährt er mit dem Finger, und wie ein Mönch näselnd über wem, der schon aufgebahrt ruht, liest er aus dem Leben irgendeines Halunken und Trinkers, erfüllt mir die Seele mit trostloser Trauer und Furcht. Mann in Schwarz, schwarzer, schwarzer Mann. „Hör zu, hör zu!" Er murmelt, er zischt mich an – „Dies Buch ist voll herrlicher Pläne und schöner Gedanken. Dieser Mensch lebte in einem Lande der widerwärtigsten Pogromhelden und Scharlatane. Im Dezember der Schnee ist verteufelt rein dortzuland, und die Schneestürme treiben lustig das Spinnrad zum Schnarren. Jener Mensch war ein Abenteurer und Vagant, doch von der besten und berühmtesten Marke. Elegant war er, zudem ein Poet, nicht sehr stark, doch mit zupackenden Händen, und irgendeine Frau von vierzig und mehr nannte er Liebste und sein ungezogenes Mädchen. Glück – sagte er – ist Geschicklichkeit des Geists und der Hände. Als unglücklich kennt man nur Seelen, die ungeschickt sind. Was machts denn, daß jede verlogene Geste Schmerz dir und Qualen bringt? In Gewittern, in Stürmen, in der Eiskälte des Lebens, wenn du alles verlierst, wenn du traurig bist, einfach zu scheinen und nur zu lächeln, ist die höchste Kunst, die es gibt."
Es ist nicht das Gedicht eines Märtyrers, sondern eines unbestechlichen Beobachters. Jessenin hat das Gedicht nach Angaben von Sofja Tolstaja an den Abenden des 12. und 13. November 1925 abgeschlossen. Sie schreibt: „Die das Gedicht hörten, fanden, daß die letzte Textfassung kürzer und weniger tragisch sei als die, die Jessenin früher gelesen habe. Wenn Jessenin von diesem Gedicht sprach, wies er immer auf den Einfluß von Puschkins ,Mozart und Salieri‘ hin.“ Puschkin hatte einen „Mann in Schwarz“ bei Mozart das Requiem in Auftrag geben lassen: Das Requiem ist fertig, aber Mozart ist beunruhigt und sagt zu Salieri, den Puschkin zum Mörder Mozarts macht:
Er läßt mir keine Ruhe Tag und Nacht. Der Mann in Schwarz verfolgt mich überall – ein Schatten. Auch in diesem Augenblick erscheint es mir, als säßen wir mit ihm zu dritt.
Zwei Wochen vor Jessenins Tod begegnet Nikolai Assejew dem Dichter: „An diesem Abend las er den ,Mann in Schwarz‘, ein Gedicht, auf das er großen Wert legte und an dem er, seinen Worten nach, über zwei Jahre gearbeitet hatte. – Und hinter diesem Gedicht erhob sich vor mir der andere Jessenin, nicht der allbekannte mit dem für alle gleichen freundlichen Lächeln, nicht das Gesicht des ,Draufgängers‘ mit dem blonden Lockenschopf, sondern das lebendige, echte, inspirierte Gesicht eines Dichters, ein Gesicht, das gewaschen war von der Kalte der Verzweiflung und plötzlich erfrischt vom Schmerz und von der Angst vor seinem Spiegelbild […] Die Maske des Lächelns und der Naivität fällt in der Einsamkeit. Vor uns liegt das zweite, das qualvolle Leben des Dichters, der an der Richtigkeit seines Weges zweifelt, der an der ,Ungeschicklichkeit seiner Seele‘ leidet, die nichts anderes sein will als sie selbst.“
Ebd. S. 403ff. Die Passage aus Puschkin übersetzt von Fritz Mierau.
Veröffentlicht am 27. Dezember 2025 von lyrikzeitung
1.025 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.
Alexandru Bulucz wurde 1989 in der „Sozialistischen Republik Rumänien“ (SRR) geboren. Er lebt als deutscher Dichter in Berlin. Hier ein Gedicht aus einer Reihe, die sich mit dem Land seiner Geburt auseinandersetzen. Ich habe dem Gedicht ein paar Worterklärungen für Nachgeborene hinzugefügt.
Passionswege, wohin das Auge reicht
Auf der Fensterbank (offenes Fenster) in der Küche der Einzimmerwohnung,
die ich für meinen Aufenthalt in Alba Iulia bezogen habe. Günstigste Unterkunft
u. dementsprechend ihr Zustand. In der verdreckten Badewanne duschen,
das habe ich mich erst vorgestern getraut, nachdem ich sie sauber gemacht habe,
zwei Tage nach meiner Ankunft. Wir haben den 13. Februar. Zweimal schlafen,
dann Rückkehr nach Berlin. Es ist gleich 21 Uhr, in D. 20 Uhr.
Die App der Alba, jetzt nicht der Stadt, sondern des Entsorgungsunternehmens,
hatte vorhin darüber informiert, dass die Leerung der Wertstofftonne anstehe,
in Berlin-Waidmannslust – sie sei noch nicht voll, heißt es von zu Hause.
Vor drei Tagen hatten wir unnatürliche 18 °C in Alba. Jetzt regnet es bei 6 °C.
Irgendwo über mir sammelt sich Regenwasser an, das überläuft u. polternd
auf das Wellblech unter mir schlägt – das Blech fungiert als Dach eines Anbaus
am Wohnblock. Der Block trennt die Gladiolenstraße von der Brunnenstraße,
über der ich jetzt, im zweiten Stock, sitze u. schreibe u. von der ich blicken kann
zu den drei Türmen der orthodoxen Kirche Aussendung des Heiligen Geistes.
Die Achse zu der ein gutes Jahrhundert alten Dreifaltigkeitskathedrale
ergibt den Boulevard Transsilvanien. Den kreuzt der Boulevard der Revolution,
der das Krankenhaus beherbergt, in dem ich geboren wurde u. meinem Vater
nicht viel Zeit bleibt. Seinetwegen bin ich hier, unplanmäßig, aber absehbar.
Alles fußläufig von der Unterkunft. Was bleibt vom Aufenthalt?
Wenn er stirbt, komme ich bestimmt nicht wieder.
Verdreckter als früher der Mieresch u. der Ampoi, der in den Mieresch mündet,
niedriger als früher ihre Wasserstände. Verschwunden die am Straßenrand
ausgestellten, von Unfällen entstellten Karosserien, die abschrecken sollten
vor Fahren unter Alkoholeinfluss u./o. waghalsigem Überholen (nicht zuletzt
von Kutschen). Mehr geworden die Unfallkreuze, Passionswege,
wohin das Auge reicht. Gefühlt in jedem Block eine Praxis für Stomatologie –
ich hatte von Anfang an angenommen, Stomatologie komme von stomac,
rumänisch für Magen, u. Jahre im Glauben gelebt, es gehe um Magen-Darm,
denn die rumänischen Ess- u. Trinkgewohnheiten etc. pp., bis ich jetzt
auf der Fensterbank endlich recherchiere: Die Stomatologie, stoma, griechisch
für Mund, sei die Wissenschaft der Mund-, Kiefer- u. Zahnmedizin. In der BRD
vor 1989 habe sich der Begriff nicht durchsetzen können, anders als in der DDR.
DDR. SRR. Stomatologie. Eine weitere Wortwasserscheide zwischen Ost u. West.
Seine hellen Augenblicke im Krankenbett. Seine jung gebliebenen Hände.
Gitarrenspieler. Die Auswirkungen des Gitarrenspielens auf die Schlüsselbeine –
sein linkes war einst gebrochen. Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.
Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland,
was hier ja gar nicht passt, da er ein Ungar in R. ist, wenn auch dessen Staatsbürger.
Das Erblicken einer großen schwarzen Stelle auf seiner Zunge. Krebs vielleicht.
Ekel. Stomatologie. Parodontitis. Der völlige Verlust seiner Zähne Ende der 90er
u. seines Musikerberufs (neben Gitarre auch Stimme) – gehemmte Artikulation
der Liedtexte. Später Pförtner einer Psychiatrie. Die Kuren in Petersdorf
wegen der eigenen Psyche. Man solle ihm die Zahnprothese einsetzen,
wenn er begraben werde. Überall Apotheken. Windelkauf. Ständig seine Sorge
um den Geldbeutel. Armut. Seit nunmehr 24 Jahren schicke ich Geld aus D.
Anfangs heimlich Taschengeld, Mark. Grünlich gelb Bettina von Arnim. Bläulich violett
Carl Friedrich Gauß (der mit der Mütze). Bläulich grün Annette von Droste-Hülshoff.
Olivbraun Balthasar Neumann. Etc. pp. Seine fortgeschrittene Demenz. Mein Gedicht
Morbus Korsakow. Der Alkoholiker, Kettenraucher, Gewalttätige, Frauenschläger,
Traumatisierte, quasi Sohnverwaiste. Der Trotzallemkeinschlechtermensch.
Das literarische Potenzial der Trotzallemkeineschlechtenmenschen. Etc. pp.
Seine Geburt 1950 in Siebenbürgen, sechs Kilometer nördlich der Kleinen Kokel,
als R. noch VR war. Gheorghe Gheorghiu-Dej, Stalinisierung
Etc. pp.
Aus: DELFI. Magazin für Neue Literatur. #03. Herbst 2024, S. 69-71
Anmerkungen und Worterklärungen für Nachgeborene
Volksrepublik (VR)
Bezeichnung für mehrere sozialistische Staaten nach sowjetischem Vorbild nach 1945. In Rumänien hieß der Staat von 1947 bis 1965 „Rumänische Volksrepublik“. Der Begriff signalisiert formale Volkssouveränität, meinte faktisch aber eine Einparteienherrschaft unter kommunistischer Führung.
Sozialistische Republik Rumänien (SRR)
Staatsname Rumäniens von 1965 bis 1989. Die Umbenennung von „Volksrepublik“ zu „Sozialistische Republik“ markierte keinen Systemwechsel, sondern eine ideologische Akzentverschiebung unter Nicolae Ceaușescu. Die SRR blieb ein autoritärer Staat mit Partei- und Geheimdienstkontrolle.
Gheorghe Gheorghiu-Dej
Kommunistischer Politiker, Staats- und Parteichef Rumäniens von 1947 bis 1965. Er verantwortete die Stalinisierung des Landes: Kollektivierung der Landwirtschaft, Verstaatlichung, politische Säuberungen, Arbeitslager, Verfolgung von Oppositionellen und Minderheiten.
Stalinisierung
Übertragung des politischen, wirtschaftlichen und repressiven Systems der Sowjetunion unter Stalin auf andere sozialistische Staaten. Kennzeichen:
Siebenbürgen
Historische Region im heutigen Rumänien, ethnisch und kulturell vielschichtig (Rumänen, Ungarn, Deutsche/Siebenbürger Sachsen). Nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der VR Rumänien; Minderheiten standen unter Assimilations- und Anpassungsdruck.
„Ungar in R.“
Verweist auf die ungarische Minderheit in Rumänien. Diese lebte im Sozialismus oft in einem Spannungsfeld aus Staatsbürgerschaft und kultureller Marginalisierung. Nationale Zugehörigkeit war politisch sensibel und konnte biografische Brüche erzeugen.
Stomatologie
In vielen sozialistischen Ländern – ebenso in der DDR – gebräuchliche Bezeichnung für Zahn- und Mundheilkunde (vom griechischen stóma = Mund). In der BRD setzte sich der Begriff Zahnmedizin durch. Das Wort fungiert im Text als Marker einer ostsozialistischen Bildungssprache.
Boulevard der Revolution
Typischer Straßenname in postsozialistischen Staaten, meist benannt nach der Revolution von 1989, die in Rumänien zum Sturz des Ceaușescu-Regimes führte. Solche Benennungen überschreiben ältere ideologische Topographien.
Petersdorf (Kuraufenthalte)
Kuren waren im Sozialismus verbreitet und oft staatlich organisiert. Sie dienten offiziell der Arbeitsfähigkeit, zugleich aber auch der Disziplinierung und Ruhigstellung psychisch oder sozial Auffälliger.
Mark (DM)
Westdeutsche Währung vor Einführung des Euro. Geldsendungen aus dem Westen waren für viele Familien in Ost- und Südosteuropa existenzsichernd. Sie markieren materielle wie emotionale Abhängigkeiten über Systemgrenzen hinweg.
„Morbus Korsakow“
Alkoholbedingte neurologische Erkrankung mit schweren Gedächtnisstörungen. In osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften häufig, bedingt durch:
Veröffentlicht am 26. Dezember 2025 von lyrikzeitung
160 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ludwig Fels
(* 27. November 1946 in Treuchtlingen; † 11. Januar 2021 in Wien)
Ein Geier im Garten
für Malcom Lowry
Ich weiß nicht, ich weiß nicht
ein Geier hockt im Garten
jetzt, mitten in der Nacht
ich grüße ihn, er flattert mit den Flügeln
wetzt seinen Schnabel am eisigen Boden
das Geräusch treibt mich zurück ins Haus
ich werfe ihm Bücher und Knochen vor
aber alles verschmäht er
als habe er gar keinen weiten Weg zurückgelegt
ich schreie durchs Fenster, er fliegt nicht davon
hockt da und hackt sich in die Federn
kühlt seinen Schnabel im Schnee
es ist alles da, ich und die Welt am alten Platz
jetzt noch Hufspuren von Kamelen
dann bin ich verrückt oder in Urlaub
ich weiß nicht, was mir lieber wäre
kein Teppich segelt vorbei
nur der Geier hockt im Garten
mit blauem Hals und tränenroten Augen
wartet auf die Sonne
fliegt gegen Morgen müde davon.
Aus: Ludwig Fels: Blaue Allee, versprengte Tataren. Gedichte. München • Zürich: Piper, 1988, S. 98
Veröffentlicht am 25. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Else Lasker-Schüler
(geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)
Gebet
Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.
Und wandele immer in die Nacht…
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.
O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt,
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.
1917
aus: Else Lasker-Schüler: Sämtliche Gedichte. München: Kösel, 1984, S. 167
Veröffentlicht am 24. Dezember 2025 von lyrikzeitung
168 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Harz; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Zwischenlandung
Wenn es auf Weihnachten geht
kehren die Dichter
zu ihren tüchtigen Frauen zurück
Ach was sind sie das ganze Jahr
über die Erde gelaufen
was haben sie alles gehört was
nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
dem Rauch nach der kriecht und steigt
sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens, sie verschärften
den Klassenkampf meditierten
über das Abstrakte bei Fischen, bis eines Tags
durch ihre dünnen Mäntel die Kälte kommt
Sehnsucht
nach einem wirklichen Fisch in der Schüssel
sie jäh überfällt und Erinnrung
an die Frau die sich am Feuer gewärmt hat
da bleibt
der Zorn in den großen Städten zurück, sie kommen
mit seltsamen Hüten für ihre Kinder
spüln sogar Wäsche spielen Klavier, bis
sie es satt haben nach Neujahr, da
brechen sie Streit vom Zaun, gehen erleichtert
weg in den Handschuhn von unterm Weihnachtsbaum
Aus: Sarah Kirsch: Landaufenthalt. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1967, S. 74
Veröffentlicht am 23. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Shen Haobo (沈浩波)
Mehr als das Leben
Mein Papa hat mich sehr geliebt, man kann sogar sagen, mehr als mein Leben. Seine Liebe war stark, wenn er mich schlug, zuckten die Muskeln in meinem Gesicht. Eine Ohrfeige nach der anderen, bis ich Sterne sah. Aber er war bei Weitem nicht der grausamste Vater. Ein Kollege von meiner Mama, der alte Huang von der Schulverwaltung, der hatte nur ein einziges Kind, das war sein Augapfel. Er fuhr immer herum mit seinem Fahrrad und suchte seinen Sohn. Bei einem Billardtisch an der Straße sah er seinen Sohn mit dem Cue in der Hand, ganz ins Spiel vertieft. Da fuhr Herr Huang in seiner Wut mit seinem Fahrrad hinein, sodass sein Sohn auf die Straße flog.
Mondneujahr in meiner Kindheit
Damals war das Frühlingsfest irgendwie einfach und frisch. Das nächtliche Krachen, man sticht alten Lehm auf, darunter kommt unberührt schwarze Erde hervor. Junge Leute in neuen Kleidern mit blaugefrorenen Wangen schwingen die Arme auf dem Weg in die Marktstadt. Die frische Erde, die frischen Kleider, Salpeter und Schwefel. Ich mag die Gerüche und fühle mich einsam.
Zusammengebunden
Li Qiaoling, eine Kollegin von meinem Vater, ist oft bei uns vorbeigekommen, um mit meiner Mutter zu plaudern. Sie reden und reden, dabei kommen sie auf eine andere Kollegin meines Vaters, die heißt Lin Huahua. Und eines Tages sagt Li Qiaoling zu meiner Mutter in ernstem Ton, du musst wirklich aufpassen. Der alte Shen und Lin Huahua, da hört man draußen schon lauter Geschichten. Meine Mutter sagt aufgeregt: „Ich werd es erst glauben, wenn man die beiden zusammengebunden zu mir bringt!* Und Li Qiao-ling erstarrt, sie erstarrt nicht nur, sie beginnt zu weinen. Als Li Qiaoling jung war, wurde sie einmal mit einem anderen Mann zusammengebunden und vor ihren Mann gebracht.
1989, Heftige Diskussionen unter den Lehrkräften
In den paar Monaten seh ich sehr viele Male, wie Papa und Mama mit den anderen Lehrkräften in ihren Schulen zusammenstehen und diskutieren. Das war bewegend. In unserer entlegenen Landmittelschule mit diesen Lehrkräften, die sich sonst spöttisch „die kleinen Intellektuellen“ nennen, dass so etwas aufwallt in ihren Mienen. Das war dann natürlich auch das letzte Mal. Nach jener Nacht, die nicht erwähnt wird, sind sie zum Schweigen zurückgekehrt.
Schüsse
Sie fahren mit den Rädern und lachen in den Wind. Einer lässt die Lenkstange los, greift in den Himmel. Das ist ihre Jugend. Die Schüsse erschallen ein paar Tage später. Ich sitze im Kaffeehaus im Eck, seh auf dem Handy Filme von damals. Ich seh diese achtzehn-, neunzehnjährigen Kinder zum Tor des Himmlischen Friedens radeln. Ein leichter Wind fährt in ihre Hemden, ein leichter Wind zerzaust ihre Haare. (Gewidmet den jungen Leuten von 1989)
Aus dem Chinesischen von Martin Winter. Aus: Shen Haobo, In China dichten. Über die ersten zwanzig Jahre meines Lebens, 1976 bis 1995 (…). Eine Erinnerung in sechsundzwanzig Teilen. FAZ vom 13.12., Bilder und Zeiten, S. Z 5.
Veröffentlicht am 22. Dezember 2025 von lyrikzeitung
286 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ruth Berlau (* 24. August 1906 in Kopenhagen; † 16. Januar 1974 in Ost-Berlin) war eine dänische Schauspielerin, Schriftstellerin und eine der wichtigsten Figuren im engeren Arbeitskreis von Bertolt Brecht. Seit dem Ende der 1930er Jahre lebte und arbeitete sie eng mit Brecht zusammen – im Exil ebenso wie nach der Rückkehr nach Europa – und war über Jahre hinweg sowohl seine Geliebte als auch eine zentrale Mitarbeiterin.
Berlau wirkte an Inszenierungen, Übersetzungen, Notaten und Werkstatttexten mit, führte Arbeitsjournale, protokollierte Gespräche und lieferte vielfach Anstöße für Texte, die später unter Brechts Namen bekannt wurden. Zugleich schrieb sie eigene Gedichte und Prosatexte, in denen sich persönliche Erfahrung, politische Haltung und die konfliktreiche Nähe zu Brecht spiegeln. Ihre Beziehung war geprägt von intensiver Zusammenarbeit, emotionaler Abhängigkeit und künstlerischer Nähe – ein Spannungsverhältnis, das sich auch in ihrer Lyrik niederschlägt und ihr Werk bis heute untrennbar mit dem Brecht-Kontext verbindet, ohne darin aufzugehen.
1950/51 endete die Liebesbeziehung – Berlau sagt, sie wurde nicht beendet, sondern entzogen. Dieses Gedicht ist eine ihrer Reaktionen.
MEIN HEIZER
Siebzig Jahre alt ist mein Heizer.
Doch er muß knorke sein, er hat
einen siebenjährigen Sohn.
„Er hat keine Hosen«, sagt mir
mein siebzigjähriger Heizer.
Morgen wird der große deutsche Dichter
dreiundfünfzig – ich
werde ihn nicht sehen. Aber Hosen
schenk ich meines Heizers Sohn
im Namen Bertolt Brechts.
Damit feiere ich
des großen deutschen Dichters
Geburtstag.
Soviele Leute wird er um sich haben,
doch keinen einzigen wie meinen Heizer.
Seine Leute haben Hosen.
Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.
(9. Februar 1951)
Aus: Brechts Lai-Tu. Erinnerungen und Notate. Von Ruth Berlau. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Bunge. Darmstadt: Luchterhand, 1985 (2. Aufl.), S. 271.
Veröffentlicht am 21. Dezember 2025 von lyrikzeitung
143 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Dieter Schlesak
(* 7. August 1934 in Sighișoara, Rumänien; † 29. März 2019 in Camaiore, Italien)
Und alles ist so wie es ist
alles ist unerschütterlich so wie es ist
alles ist wie es gekommen ist
alles ist wie es kommen mußte
alles ist wie es wirklich kommen mußte
alles ist wirklich
alles ist so
alles ist
alles
Nichts ist so wie es ist
Nichts ist unerschütterlich so wie es ist
Nicht ist so wie es gekommen ist
Nicht ist so wie es kommen mußte
Nichts ist wirklich
Nichts ist so
Nichts ist
Nichts
ist so wie es ist ist
unerschütterlich so wie es ist
ist so wie es gekommen ist
ist so wie es kommen mußte
ist so wie es wirklich kommen mußte
ist wirklich
ist so
ist.
Aus: Dieter Schlesak: Landsehn. Gedichte. Berlin: Galrev, 1997, S. 6
Bei Wikipedia über Verstrickungen und Verwirrungen.
Veröffentlicht am 20. Dezember 2025 von lyrikzeitung
Thomas Glatz
Riechen Sie es auch?
Riechen Sie es auch?
Jedes Gedicht
Verströmt einen
Ihm eigenen
Charakteristischen
Geruch
Dieses hier
Riecht nach
Vanille und Essig.
Nein, ich rieche nichts.
Ich glaube da nicht so recht dran.
Das ist doch nur eine weitere Lüge
Der gedichteproduzierenden Industrie!
Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr. 89. (Elektrische Fische. Der Lyrik-Erker), S. 10
Veröffentlicht am 19. Dezember 2025 von lyrikzeitung
181 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Elke Engelhardt
Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte
Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.
Es gab Ausnahmen.
Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.
Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.
Aus: Literaturbote 145 (das letzte Heft), September 2024, S. 145
Die Zeitschrift wurde vom Hessischen Literaturforum Mousonturm e.V. herausgegeben. Dieses Heft wurde von Beate Tröger zusammengestellt.
Veröffentlicht am 18. Dezember 2025 von lyrikzeitung
536 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Juliette Pary ist heute nahezu unbekannt. 1946 erschien in Paris ein schmaler Gedichtband in deutscher Sprache – An die Deutschen –, veröffentlicht unter dem Pseudonym Julia Renner. Das Buch wurde damals in Deutschland nicht wahrgenommen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte Andreas Kelletat einen Nachdruck.
Hinter dem französischen Namen verbirgt sich die 1903 in Odessa geborene jüdische Schriftstellerin Julia Gourfinkel, die in Russland aufwuchs, seit den 1920er Jahren in Paris lebte, als Übersetzerin, Journalistin und Reformpädagogin arbeitete und während der NS-Zeit in der jüdischen Kinder- und Jugendrettung aktiv war. Sie schrieb diese Gedichte im Schweizer Exil – nicht auf Französisch, nicht auf Russisch, sondern auf Deutsch – der Sprache der Täter.
Die Gedichte entstanden 1944 in Les Pléiades oberhalb des Genfersees. Pary selbst sprach später von einer unerklärlichen Inspiration: Für ihre Prosa war ihr das Französische selbstverständlich, für ihre Lyrik jedoch schien ihr allein das Deutsche geeignet. In An die Deutschen begegnen sich Anklage, Trauer, Zorn, Bitterkeit, jüdisches Selbstbewusstsein und ein erschütterndes historisches Wissen aus unmittelbarer Nähe. Es sind Gedichte einer Überlebenden, die den Mord an den europäischen Juden nicht aus der Distanz kommentiert, sondern aus der ganzen Erfahrung der Zeitgenossenschaft. Über ihre Entstehung sagt sie:
»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].«
Das folgende Gedicht stammt aus diesem Band. Es ist Teil eines außergewöhnlichen, widersprüchlichen und sprachlich eigenwilligen lyrischen Dokuments der Nachkriegszeit – geschrieben von einer Autorin, deren Stimme erst jetzt langsam hörbar wird.
Juliette Pary
(* 6. August 1903 als Julia Gourfinkel in Odessa, damals Regierungsbezirk Neu-Russland, † 1. Oktober 1950 in Vevey, Schweiz)
ES KOMMEN MIR
Wotan-Gedanken,
Verfluchte deutsche
Ahnungs-Schrecken-Gedanken.
Zittrige, fahle,
Blutige.
Wie viel von Unsern,
Wie viel von Euern
Sterben noch,
Damit Ihr hört
Auf unsre Stimme,
Auf unsre tote,
Rächende Stimme?
Die Stimme von Wilno,
Die Stimme von Warschau,
Die Stimme vom Ghetto,
Das Ihr gestürmt.
Mit Tanks und Bomben,
Mit Donner und Feuer,
Mit Braun-Kolonnen
Habt Ihr gestürmt
Die letzten Juden,
Die sich verteidigt
Fast ohne Waffen
In wilden Schlachten,
Die letzten Kämpfer
Habt Ihr erwürgt.
Im Polenlande,
In Todeszügen,
In Eisenzügen,
Vom Tod benannt,
Erstickten Menschen
Dumpf ohne Luft,
Fest aneinander
Gepresst, zerpresst
Von luftlos heißem
Erstickungstod –
Wo Kind an Mutter
Gedrückt gestorben,
Sie sah es sterben
Im letzten Krampf.
Muss ich auch sterben?
In grausen Grüften
Lebendge Juden,
Von Euch begraben,
Sich noch bewegen
Unter der Erde,
Die zugeschüttet
Von Eurer Hand.
Das habt Ihr Deutschen,
Ihr habt’s getan.
Durch Eure Nazis,
Die Euch verhext.
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
Ich will Euch töten.
Wie mit den Taten,
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,
In Eurer Sprache
Erklingen mir
Die Ahnungsverse
Aus Deutschlands Seele,
Die wund und wehe
Mit meiner Seele
So tief vermischt.
Aus: Juliette Pary: An die Deutschen. Paris 1946 (unter dem Pseudonym Julia Renner). Neuausgabe, hrsg. Andreas Kelletat. Mannheim: persona Verlag Lisette Buchholz, 2025, S. 11-13
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