186 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Im Persischen gibt es ein Wort für die drei mondlosen Nächte um Neumond. Um die geht es im heutigen Gedicht des persischen Dichters Achmad Schamlu, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Auch ein Astronomiegedicht, was sonst noch, Naturgedicht, und mindestens die Namensnennung Gohar Morad, eines Dichters und politischen Aktivisten, der unter dem Schahregime ebenso wie unter den Mullahs verfolgt wurde, bringt eine politische Dimension hinein. Sind die Nachtwächter mit ihren gegen die Vögel wütenden Schwertern mehr als ein surreales Bild?
Achmad Schamlu
(englisch Ahmad Shamlou, persisch احمد شاملو Ahmad Schāmlu, * 12. Dezember 1925 in Teheran; † 24. Juli 2000 in Karadsch)
Mohagh*
Für Gohar Morad
Bei Neumond
kam ich auf's Dach
mit dem Spiegel und Kräutern und einem Achat.
Eine kalte Sichel passierte den Himmel
sperrte den Flug der Taube.
Getuschel unter den Pinien
und der Nachtwächter wütende Schwerter
kamen auf die Vögel nieder.
Der Mond
ging nicht auf.
*) Mohagh: Bezeichnung für die drei Nächte der Mondwechselphase, während derer der Mond bedeckt erscheint.
Aus dem Persischen von Farhad Showghi, aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler, #12, Oktober 1998, Seite 187

222 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Silke Peters
Aus: Kirkeeffekt
Den Vorschuss auf mein Leben halte ich dir entgegen, vorher habe ich den gleißenden Abfall sortiert.
Wenn wir jetzt auch dieses voneinander wissen, bohrt sich der Kopf und der Nacken in eine Wolke.
Da war ein wattierter Anker in der Luft. Vor mir schwebte eine Nebelbank. Ich ruhte mich aus, bin orientierungslos.
Ausgesetzte Kinder schrien im Traum, letzte, die niemand mehr will = einen Wald.
Ich bewerbe mich. Du wartest ab, bis es mir besser geht. Ich mache einen lichtscheuen Gebrauch von dir, mit letzter und bescheinigter Armut im Zugangszeugnis.
Ich werde eine Metropolis, eine Wortmutterstadt mit ihren Filiationen für dich finden.
In den Anträgen, die ich dafür in den Wind schrieb = Schweigen.
Da waren vierhundert Kilometer Anlauffläche für den Wind und Strände für das Unglück = einen vorzeitigen
Versabbruch.
Und ich wandere jetzt aus nach Ribnitz.
Weil es sich keiner mehr leisten konnte, ein Gedicht zu schreiben, versagte die Bilanzrechnung, und die Spesenzufuhr versagte auch.
Nur der Tisch und die Tastaturen waren frei.
Wenn Sie eine Stunde Zeit haben, schreiben Sie ein Gedicht auf das rote Innenfutter ihres Mantels auswendig hin.
Die freigelegte Ritzzeichnung = ein Hier-war-ich-eingesperrt und ein Hier-lag-ich-lange-wach.
Du sahst dir die Zeichnung heute an, deine Hand lag auf meiner Stirn
Aus: Silke Peters, Kirkeeffekt. Luftiges Lehrgedicht. Greifswald: freiraum, 2016, S. 69f
Silke Peters (* 1967 in Rostock), Autorin, Künstlerin und Herausgeberin, lebt in Stralsund.
117 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Gabriele Stötzer
(* 14. April 1953 in Emleben)
Eigenwillig
meine Mutter sagt
ich bin das intelligenteste ihrer vier Kinder und begabt
aber ich hätte am wenigsten daraus gemacht
ich habe keinen Mann
ich habe kein Auto
ich habe keine feste Arbeit
und ich lande immer wieder bei denen, die es nie schaffen
die zu jung sind, zu gezeichnet, asozial und dreckig
wenn sie zu jung sind, werden sie mich verlassen
wenn sie älter werden, werde ich sie verlieren
wenn sie sich waschen, werde ich sie nicht mehr erkennen
(1984)
Aus: Gabriele Stötzer, Ich bin die Frau von gestern. Mit Illustrationen von Gabriele Stötzer und einem Nachwort von Joachim Walther. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 119.
74 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Fitzgerald Kusch
lernprozess
wenni ämall
nimmä gwissd hou
wossi dou soll
houi mei oma gfrouchd
däi houd fia allers
woss gwissd:
gnudzd houds nix
Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 65
Weiterlesen195 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Hans Arp
(* 16. September 1886 in Straßburg; † 7. Juni 1966 in Basel)
Opus Null
Ich bin der große Derdiedas
das rigorose Regiment
der Ozonstengel prima Qua
der anonyme Einprozent.
Das P. P. Tit. und auch die Po
Posaune ohne Mund und Loch
das große Herkulesgeschirr
der linke Fuß vom rechten Koch.
Ich bin der lange Lebenslang
der zwölfte Sinn im Eierstock
der insgesamte Augustin *
im lichten Zelluloserock.**
Aus: Hans Arp, Opus Null. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben von Richard Pietraß. Berlin und Weimar: Aufbau, 1988, S. 13
*) Wenn das ein Fußnotengedicht wäre, stünde hier ein Gruß an Michael A. in B.
**) Als Texte von Hans Arp spät, sehr spät im Land DaDaEr erscheinen sollten, gab es natürlich auch Einwände irgendwelcher Herrn mit oder ohne Bart. Richard Pietraß antwortete:
Arpade
Quarrt ein Bart: was ist das, arpen
Sag Wege mit dem Staubkamm harken
Graswuchs mit der Muschel lauschen
Abschaum vor dem Munde tauschen
Besen mit dem Schuhband binden
Kränze aus dem Herzkranz winden
Himmel aus dem Brustbein melken
Die Seele aus dem Leibe welken
Zeit in Ewigkeit verstecken
Gott in einem Torso wecken
Aus: Richard Pietraß: Spielball. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1987, S. 72
175 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Seit vielen Jahrzehnten gehört Dagmar Nick zu den stillen, unverkennbaren Stimmen der deutschen Literatur: präzise, hellhörig, unprätentiös und klar.
Sie hat ein Werk geschaffen, das sich modischen Strömungen stets entzogen hat, und es ist noch nicht zu Ende. Im nächsten Jahr wird sie 100, und vor Tagen wurde bekannt, dass die Stadt München ihr kurz davor ihren Kulturellen Ehrenpreis verleiht. „Immer noch da, hellwach“, heißt es in der Jurybegründung. Immer noch vertreten auch in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Das Gedicht“, die gerade erschienen ist. Hier ihr Beitrag zu der Ausgabe, die unter dem Motto „jung und alt“ steht.
Dagmar Nick
(* 30. Mai 1926 in Breslau)
Vita
Durch alle Feuer gegangen, auch
durch die Explosionen der Liebe
und anderer Versuchungen
ohne Verlust.
Bei den Glutnestern Wache gestanden,
bis sie erkaltet waren, und die Asche
mit unseren Initialen markiert,
bevor sie zerstob.
Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.
Aus: Das Gedicht. jung und alt. Herausgegeben von Matthias Kröner und Anton G. Leitner, #33, 2025, S. 114
Noch einmal Rilke. Felix Philipp Ingold hat in seine zweisprachige Anthologie „»Als Gruß zu lesen«. Russische Lyrik von 2000 bis 1800“ (Dörlemann 2012) auch eines der von Rilke original auf Russisch geschriebenen Gedichte aufgenommen. Ingold schreibt im Anhang:
Rilkes Interesse an Rußland und an der russischen Sprache geht auf Anregungen seiner damaligen Freundin Lou Andreas-Salomé zurück, mit der er zusammen 1899/1900 das Zarenreich bereist. In Moskau, Petersburg und anderswo lernt er Literaten, Künstler, Kritiker kennen. Mit großer Einfühlung rezipiert er die »russischen Dinge«, über die er später in Vers und Prosa schreiben wird, und seine Sprachkompetenz reicht offenbar bereits dazu aus, Texte von Dostojewskij, Tolstoj, Tschechow aus dem Original ins Deutsche zu übersetzen. Zwischen den beiden Reisen verfaßt Rilke (Ende 1900 in Schmargendorf) einige grammatikalisch wie orthographisch zwar mangelhafte, künstlerisch aber durchaus ansprechende Gedichte, die er drei Monate danach durch zwei weitere, formal deutlich stärkere Texte ergänzt. Die titellosen Texte gelten in der Rilkeforschung gemeinhin als Entwürfe oder Fragmente, doch nichts spricht dagegen, sie als abgeschlossene Gedichte zu betrachten; eines davon – »Ermattet …« (»Ja tak ustal …«, 1901) – erscheint hier in deutscher Nachdichtung beziehungsweise in deutscher Rückübersetzung aus dem Russischen. Zweierlei ist an diesem Text – die originale vorrevolutionäre Orthographie mitsamt Rilkes sprachlichen Fehlern wurde beibehalten – bemerkenswert: Einerseits entsprechen seine Intonation und Metaphorik unverkennbar der von Rilke gleichzeitig in deutscher Sprache verfaßten Lyrik, andererseits läßt er (genauso wie die übrigen russischen Gedichte) keinerlei thematischen Bezug zu Rußland erkennen – die »russischen Dinge« bleiben ausgespart in einem Sehnsuchtsraum, doch ihre Aura wird lyrisch vergegenwärtigt, und dies mit impliziter Bezugnahme auf Johann Wolfgang von Goethes Erlkönig-Gedicht.
Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Ermattet ...
Ermattet von der Last der Schmerzenstage
erfahre ich die leere Nacht, die ohne Klage
aus fernem Feld auf meine stillen Augen fällt.
Mein Herz hat sich zur Nachtigall gesellt,
doch fehlen ihm für deren Lied die Worte;
mir ist, als ob ich nur mein Schweigen hörte –
es wächst heran wie Angst in tiefer Nacht,
verdüstert sich zu einem allerletzten Ach!
– das Kind ist fort, der Tod hat's weggebracht.
11. April 1901
Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold
Ingold gelingt eine Nachdichtung unter weitgehender Bewahrung des Silbenmaßes (überwiegend zehn oder elf Silben) und des Reims mit leichter Vereinfachung: im Original reimen die ersten 4 Silben aufeinander. Auch am Schluss gibt es eine kleine Umstellung.
Hier der Versuch einer volkstümlichen aussprachenahen Transliteration mit Unterscheidung von stimmhaftem/stimmlosem s- und sch-Lauten: z/s und sh/sch sowie mit Betonungsstrichen:
Ja ták ustál ot tjáshby bolných dnjéj,
pustája nótsch bezwétrjennych poljéj
leshít nad tíschinoi móich otschéj.
Moj sérdtse natschinál kak solowéj,
no doskazát ne mógh swoí slowá;
tepér moltschánije swójo slýschu já —
onó rastjót kak w nótschi strách,
temnéjet kak poslédnij ách
zabýtawo umerschawó rebjónka.
Ich habe die KI beauftragt, die Qualität von Rilkes Russisch zu bewerten.
Seine Beherrschung der Sprache war passiv gut, produktiv aber begrenzt – und das merkt man.
(A) Grammatik
Stärken
* Die syntaktische Struktur ist meist korrekt.
* Viele Wendungen sind idiomatisch gut getroffen („лежит над тишиной моих очей“ ist poetisch akzeptabel).
* Genitivkonstruktionen funktionieren.
Schwächen / Auffälligkeiten
* тяжьбы больных дней ist ungewöhnlich; richtig wäre „тяжбы больных дней“ ohne ь nach ж; Bedeutungswahl wirkt fremd.
* свой слова ist grammatisch falsch → müsste „свои слова“ sein.
* оно растет как в ночи страх ist semantisch holprig; ein Russischsprachiger würde eher eine Umstellung wählen.
* последний ах ist semantisch möglich, aber wirkt extrem untypisch, fast unbeholfen.
* забытого умершего ребенка ist möglich, aber die Kombination ist eher unbeholfen als poetisch wirkungsvoll.
Gesamturteil Grammatik:
➡️ nicht fehlerfrei, aber verständlich; deutlich Nicht-Muttersprachler.
(B) Orthografie
* Original folgt korrekt der prä-revolutionären russischen Rechtschreibung: End-ъ nach Wörtern: правильно – ѣ (ять): richtig verwendet, betrifft bestimmte lexikalische Traditionen.
* Einige Inkonsequenzen wirken aber wie Fehler eines Lernenden.
➡️ weitgehend korrekt, kleinere Inkonsequenzen.
(C) Wortwahl & Stil
* Rilke versucht sichtbar, russische Symbolisten zu imitieren (Balmont, Belyj, frühe Blok-Töne).
* Viele Wörter sind treffend, aber Kombinationen wirken künstlich, manchmal schwerfällig.
* Man merkt, dass er eher „übersetztes Rilke-Deutsch“ in russischer Form schreibt.
➡️ poetisch ambitioniert, aber stilistisch nicht idiomatisch russisch.
(D) Metrik
Rilke strebt klar einen jambischen Fünfheber an (klassische russische Form). Aber:
* Betonungen stimmen häufig nicht.
* Syntax erzwingt metrisch harte Brüche.
* Muttersprachliche russische Lyrik dieser Zeit klingt wesentlich fließender.
➡️ metrisch unsauber; manchmal gelingt der Rhythmus, oft nicht.
Gesamturteil über Rilkes russisches Gedicht
Literarische Qualität:
* hoch als historisch-biografisches Dokument,
⚠️ mittel bis schwach als russisches Gedicht.
Es ist deutlich spürbar, dass Rilke nicht in der russischen poetischen Tradition zuhause war. Er denkt in deutscher Bildsprache und baut diese in russische Grammatik ein – oft etwas gezwungen, aber mit intensiver emotionaler Authentizität.
Aber: vielleicht hätte gerade diese Unbeholfenheit (Fremdheit) den russischen Formalisten gefallen?
Zum Schluss noch zwei maschinelle Übersetzungen, die auf unterschiedlichen Wegen näher am Wortsinn sind.
Ich bin so müde von der Last der kranken Tage;
die leere Nacht der windlosen Felder
liegt über der Stille meiner Augen.
Mein Herz begann wie eine Nachtigall,
doch konnte es sein Wort nicht aussprechen;
jetzt höre ich seine Stille –
sie wächst wie in der Nacht die Angst,
verdunkelt sich wie der letzte Seufzer
eines vergessenen, sterbenden Kindes.
(ChatGPT)
Ich bin so erschöpft von den Tagen der
Krankheit; die leere Nacht windstiller
Felder liegt über dem Schweigen meiner
Augen. Mein Herz begann wie eine
Nachtigall, doch konnte es seine Worte nicht
vollenden; nun höre ich sein Schweigen –
es wächst wie die Angst in der Nacht, verdunkelt sich
wie der letzte Atemzug eines
vergessenen, toten Kindes.
(Google Übersetzungs-App)
142 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Zugegeben, gestern gab es noch ein größeres Jubiläum – den 150 Geburtstag von Rainer Maria Rilke. Hier ein kleines Gedicht des großen Dichters, ein Sonett aus den „Neuen Gedichten“.
Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)
Der König
Der König ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat
in den Saal hinein und irgendwohin
und fühlt vielleicht nur dies:
an dem schmalen langen harten Kinn
die kalte Kette vom Vlies:
Das Todesurteil vor ihm bleibt
lang ohne Namenszug.
Und sie denken: wie er sich quält.
Sie wüßten, kennten sie ihn genug,
daß er nur langsam bis siebzig zählt
eh er es unterschreibt.
Paris, um den 1. Juli 1906
Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. von Horst Nalewski. Erster Band: Gedichte. Leipzig: Insel, 1978, S. 436f
246 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute vor 25 Jahren starb der große österreichische Dichter H. C. Artmann. Viele erinnern sich an seine legendären Dialektgedichte, die Wiener Gruppe, den barock-grotesken Humor. Doch Artmann hat auch ganz andere Töne angeschlagen – etwa in diesem Text aus dem Jahr 1954.
„o tod du dunkler meister“ ist eine düster-schillernde Beschwörung: eine Ode, ein Flehen, ein Abwehrzauber. Der Tod erscheint hier als „gallenbittres elixier“, „zugereister harpunier“, „rosenzwerg im hinterhalt“, „aufgerißner kiefer“ und „ohngeformter rattenschnabel“. Eine Galerie von Metamorphosen, die das junge, wilde Artmann-Universum schon vollständig enthalten.
H(ans) C(arl) Artmann
(* 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee; † 4. Dezember 2000 in Wien)
o tod du dunkler meister
du gallenbittres elixier
du zugereister harpunier und gott
du mond voll blinder augen
du rosenzwerg im hinterhalt
du spinnenturm du spinne
du punkt zum abgethronten leben
o tod du schwarzer meister
erhöre uns erhöre uns
verschone uns
vor deinen spröden särgen
zerbeiß uns nicht das hirn wie glas
o tod du dunkler meister
zerbeiß uns nicht wie glas ..
o tod du dunkler meister
du aufgerißner kiefer
du untrostschwere erden
du ohngeformter rattenschnabel
du durch und durch gewürmtes fleisch
du samenfraß du leere muschel
du nasse aschensonnen
o tod du schwarzer meister
erhöre uns erhöre uns
verschone uns
vor deinen wunden särgen
zerbeiß uns nicht wie glas das hirn
o tod du dunkler meister
zerbeiß uns nicht wie glas ..
3. 7. 54
Aus: H. C. Artmann: Wenn du in den Prater kommst. Gedichte. Herausgegeben von Richard Pietraß. Berlin (Ost): Volk und Welt, 1988, S. 41 (Weiße Lyrikreihe)


Der Gedichtband der argentinischen Lyrikerin Silvana Franzetti baut sich um die Nachrichtensendung des Landfunks LU 20 Radio Chubut auf. Der Landfunk sendet viermal am Tag Nachrichten, es ist die 13-Uhr-Sendung, mit dem letzten Gedicht endet die Sendung, die nächste Sendung beginnt um 16 Uhr. Der Landfunk bringt nach dem Wetter private oder regionale Nachrichten, meist an bestimmte Personen, die mit Namen benannt werden. Jedes Gedicht hat ein Sternchen, das auf eine Radiomeldung geht. Meist ist die Stelle im Gedicht irgendwie mit dem Inhalt der Nachricht verbunden. Vielleicht ist der Gedichtband die Sendung, Gedichte statt Musik, und die Stichworte öffnen sich zu Privatnachrichten. Zwischendurch wird das Radio nur selten erwähnt, so dass man auf diesen Gedanken kommen kann. Gedichte, die außer den verschiedenen poetischen Ebenen noch die der Direktnachricht an einzelne Leser bzw. Hörerinnen haben.*
*) He Bertram, darüber müssen wir noch reden.
Silvana Franzetti
Das, was bis vor kurzem ein Fahrrad* war
und jetzt das Abbild
des Musters einer Schablone ist
gestempelt in den Vorhang aus Metall
der einen Supermarkt verschließt.
*) Letzte Nachrichten.
An Elio Arancibia in der Gegend um Rincón Chico: Benita lässt ihn wissen, dass am Sonntag der Radfahrer kommt. Bitte mit dem Lamm auf ihn warten.
Der Zweifel, der der Reise vorausgeht, gleicht, wie ein Strauch dem anderen, dem Sturm.* Vielleicht wegen der Tendenz sich zu bewegen, die seine Knäuelform ihm gibt. Seitlich ausgedehnt, ohne Spitzen, vom Wind kaum transponiert, die Hochebene. Ich merke immer erst hinterher, dass ich an diesem Ort war.
*) An Miguel Valdés in der Gegend von Los Altares: Er wird gebeten, das Paket in der Tankstelle El Vendaval abzuholen. Falls dies jemand hört, der ihn kennt, soll er es ihm bitte ausrichten.
Aus: Silvana Franzetti: Fußnoten (Buenos Aires, 2002 / Berlin, 2005). Aus dem argentinischen Spanisch von Silvana Franzetti, Tara Mauritz und Monika Rinck. hochroth Berlin, 2021, S. 30 / 32
Fritz Graßhoff
(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)
DER HENKER VON PARIS
Ist wer zu henken in Paris,
so macht das Jean Plumecoque.
Der trägt den scharlachroten Rock
und von Seide ein weißes Chemise.
Erscheint er auf dem Blutgerüst,
dann seufzen die Frauen:
Wie schön er ist!
Und wenn er zuschlägt, schwingt er stolz
das Beil und trifft präzis,
genau zwei Finger überm Chemise,
und der Kopf rollt herunter vom Holz.
Zweihundert köpfte er schon und mehr.
Und die Frauen seufzen:
Wie stark ist er!
Und spritzt das Blut ihm auf die Hand,
dann wischt er's in ein weißes Tuch
und wirft's mit einem leisen Fluch
in die Menge hinunter vom Stand.
Da wird's zerrissen und geküßt.
Und die Frauen seufzen:
Wie süß er ist!
Aus: Fritz Graßhoff: Halunkenpostille. Rumpelkammerromanzen Hafenballaden Spelunkensongs. Mit Zeichnungen von ihm selbst. Duisburg: Carl Lange, 1955 (26.-28. Tausend), S. 47
273 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Wenn man einmal mit den Jubiläen anfängt, kommt man nicht wieder raus. Heute vor 200 Jahren starb in St. Petersburg die Dichterin Elisabeth, russisch Jelisaweta Kulman. Sie war fürwahr ein Wunderkind, sprach und schrieb viele Sprachen perfekt und dichtete in mindestens dreien: Russisch, Deutsch und Italienisch. Nicht mal ebenso ein paar Kleinigkeiten, sondern jeweils ein paar hundert Seiten. Goethe und Ingold haben sie gelobt, Robert Schumann hat sie vertont. Sie starb mit 17 Jahren, irgendwo hab ich sie mal eine Schwester der Sibylla Schwarz genannt.
Elisabeth Kulmann
(russisch Елисавета Борисовна Кульман/Jelissaweta Borissowna Kulman; * 5.jul./ 17. Juli 1808 greg. in Sankt Petersburg; † 19. November jul./ 1. Dezember 1825 greg. ebenda)
Hier eins ihrer deutschen Gedichte (eins, das mich an ihre ältere Schwester in Greifswald erinnert im Geist und in der Motivik).
Meine Lebensart.
In der ganzen Stadt ist keine
Hütte kleiner als die meine;
Für mich ist sie groß genug.
Noch viel kleiner ist mein Gärtchen,
Ich nur gehe durch sein Pförtchen;
Doch auch so ist’s groß genug.
Zweimal setz’ ich mich zu Tische,
Etwas Fleisch, Kohl, Grütze, Fische;
Hungrig ging ich nie zur Ruh.
Ja, im Sommer, ess’ ich Beeren:
Him- und Erd- und Heidelbeeren,
Oft kommt eine Birn dazu.
Bisher hatt’ ich stets zwei Kleider;
Viele Menschen haben, leider!
Eines nur, und das noch schwach,
Klagen wäre eine Sünde!
Arm ist nur der Lahme, Blinde,
Und die Waise ohne Dach.
Aus: Gemäldesammlung in 30 Sälen, Erster Saal, Nummer 5. In: Elisabeth Kulman, Sämmtliche Dichtungen. Herausgegeben von Karl Friedrich von Grossheinrich. Frankfurt a. M. : H.L. Brönner, 1851, S. 8. (Man muss ziemlich lange blättern bis dahin, weil eine lateinisch nummerierte Biografie vorangeht).

192 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Vor 300 Jahren und 3 Tagen oder, je nachdem welche Quelle man benutzt, vor 301 Jahren und 13 Tagen wurde die Poetin und Philosophin Johanna Charlotte Unzer geboren. Sie war „eine bedeutende deutsche Schriftstellerin „anakreontischer“ Lyrik. Sie schrieb Trinklieder „mit pastoralen Anspielungen, Lieder voll heiteren Flirtens, rationalistische Oden und Naturgedichte“ (so die englischsprachige Wikipedia). Mag alles sein, aber sie konnte es den Herren der Schöpfung auch scharf heimzahlen. Als der berühmte anakreontische Dichter Gleim die Frauen mit Puppen verglich, flirtete sie nicht zurück, sondern haute seinen Geschlechtsgenossen eins auf die Nuss.
Johanna Charlotte Unzer
(* 27. November 1725 in Halle an der Saale; † 29. Januar 1782 in Altona)
Nachricht
Nun, da es Gleim im Scherz geschrieben,
Dass alle Mägdchen Puppen wären;
Hält mancher uns im Ernst für Puppen,
Als wären wir für ihn gedrechselt.
Doch wisst, ihr stolzen Mädchenkenner,
Ihr kleinen Zwecke kleiner Puppen!
Als die Natur uns euch bestimmte,
Damit ihr mit uns spielen möchtet;
Sah sie euch an als kleine Kinder,
Die noch nicht unterscheiden können.
Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 164.
166 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Alberto Hernández | 1952, Calabozo
Brief
ich habe sehr eigenartige Nachrichten erhalten von deinem Tod,
schon deshalb wünschte ich, einer deiner Nachbarn dort
in New York bezeugte das so, als Wahrheit
und wenn ihm's gelingt
umso besser
was uns angeht, hier, da wir noch leben, bleibt alles wie's ist
wir gehen dahin und atmen den allen gemeinsamen Hauch,
ausgedünnt dieses alltägliche Leid
es fällt mir schwer, mich zu verabschieden, so ist aber das Hassenswerte
Aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken mit Rainer René Mueller, aus: Noch bleibt uns das Haus | Aún nos queda la casa. Lyrik aus Venezuela. Hochroth Heidelberg, 2018, S. 29
Carta
he recibido noticias confusas de tu muerte
sin embargo deseo que algún vecino tuyo allá en nueva york
le imprima valor a esta verdad
y de lograrlo
bien
por aquí, si es que estamos, seguimos en lo mismo:
nos matamos y respiramos un aliento común enrarecido
la misma pesadumbre
me cuesta despedirme, pero así son las cosas del odio
Ebd. S. 28
106 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Verpasst den 100. Geburtstag der Dichterin Anne Dorn, die vor 8 Jahren in hohem Alter verstorben ist.
Anne Dorn
(* 26. November 1925 in Wachau; † 8. Februar 2017 in Köln)
Willkomm
Die Stille bricht ein Tor ins Haus,
kommt mit Armeen unausgesprochener Gedanken,
Berührungen und Düften, körperlos.
Der Wind verhält, die Uhren reden streng,
die Äpfel wahren sich in ihren Kernen.
Fotografien ziehen sich zurück
in ihre Rahmen. Bücher klammern
die festen Deckel um den schwarzen Inhalt.
Alle Maschinen schrumpfen zum Standby.
Abbruch des projektierten Lebens. Wohltat
der alten Fragen, die von innen strahlen.
Aus: Anne Dorn, Wetterleuchten. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2011 (Reihe Neue Lyrik, Band 1), S. 61
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