232 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Stephen Knight
(* 1960 in Swansea, Wales)
Bei Ungeheuern
Auf dem Weg zum Bett a) Die Treppe stur
nach oben gehen. Stufenzahl merken. Nie zum Flur
der Treppe rasen oder versuchen, auf diese Tour
Schatten in die Ecke zu jagen.
b) Unterm Bett Bücher und Comics in Stellung bringen –
Es empfiehlt sich noch immer die Bibel. c) Klingen
aus Solingen unweit vom Kopf verstreuen. Vor allen Dingen
vorher polieren. Vati freundlich
darum bitten, sie für einen zu schleifen.
d) Stets ins Bett springen: Ungeheuer streifen
hinterm Bettvolant umher bis zum Reifen
des Taus im Garten.
e) Vorm Einschlafen die Lage mit dem Gesicht zur Tür wählen.
Die ganze Nacht so verharren. Zu empfehlen
sind Schnüre, um nicht zu verrutschen, dann f) Schafe zählen,
um die Knoten nicht überzustrapazieren.
NB: Sein Bett stets vom Fenster ein gutes Stück weit
weg postieren, und dem Zimmer bei Tage die Möglichkeit
geben zu atmen, doch niemals, niemals in der Zeit,
wenn die grauen Abende der Nacht weichen.
g) Beobachten, wie, wenn die Sonne versinkt,
die Gardine mit den sonderbarsten Gestalten winkt.
Dem ihnen aberkannten Grinsen gelingt
es, sich in der Stille neu zu formieren.
Beim Vernehmen des Herzschlags auf dem Kissen
h) Jeden Ton zählen, bei Nicht-mehr-Wissen,
wieviele Stufen bedacht werden müssen,
ehe das Blut in den Adern steht
i) Nachsehn, wie's den Klingen geht.
Aus dem Englischen von Thomas Gruber, aus: Schreibheft 46, 1995, S. 176
115 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Konstantin Ames
Raum (uncensored)
Freiheit ist kein Hafenbecken, erst recht keine Statue.
Freiheit ist kein Dieb, Freiheit ist ein Thüringer.
Freiheit ist Langeweile, Freiheit ist deine Fußgängerfurt.
Freiheit, schon angezählt, ist reine Kopfsache. Denk es o
Freiheit ist Kartoffelbrei auf Glas
ÜBUNG 3. Basteln Sie zusammen mit Gleichgesinnten gut sicht-
bare Schilder, Banner, etc. etc., etwa in dieser Art:
STREICHT DAS NIVEAU NICHT!
ZENSUR = KULTURDIEBSTAHL (Kehrseite)
Melden Sie, und dies bitte rechtzeitig, eine Demonstration an vor
dem Gebäude in der Trierer Straße 33, 66111 Saarbrücken. Blei-
ben Sie kultiviert, Sie spielen sonst den Zensoren in die Hände.
#ausbreitzen
Aus: Konstantin Ames: Völklinger Schulderung. Industrial Writing / Romantische Medien. Poem • Essay. Berlin: EDITION Noack, 2025, S. 37
349 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Ilse Kilic
Ohne Titel. Auszug.
Anmerkung: Das Gedicht ist zweispaltig gedruckt, Randbemerkungen
und 2 Zeichnungen in der rechten Spalte.
Unter dem Haupttitel „Ohne Titel“ steht ein weiterer Text.
| Allgemeine Plätze Die Münze ist hart, der Scheck ist weich verschenkst du Geld, dann bist du reich du nimmst nichts mit aus dieser Welt die hart und weich zusammenhält der Tod hat einen harten Tritt aus dieser Welt nimmst du nichts mit Der Sinn des Lebens: unbekannt er wird auch Fehlfunktion genannt die Sprache hält das Leben fest solange es sich halten lässt. Und hart gebogen wird das Leben als Hauptwort und als Haken eben. Das Herz ist weich, die Butter auch weich ist der Speck rund um den Bauch hart ist der Kalk im Herzen innen zur Kruste will das Blut gerinnen. Hart ist der Zahn, bevor er bricht das Licht ist weich, der Schatten nicht. Die Zeit wird Zahn. Wer nagt, der klagt. Die Zeit wird Kahn. Wer zagt, der klagt. Die Zeit wird Wahn. Wild ist die Fahrt. Der Start wird Ziel. Das Ziel wird Start. Die Zeit wird Topf. Der Tropfen tropft. Das Loch wird mit der Hand gestopft. Bald steht der geht, bald liegt der steht es wird das Ich zum Ach gedreht. Hart ist die Haut, die Knie sind weich aus bald wird jetzt, aus dann wird gleich. Es eilt doch nicht! Ich warte gern. Es ist noch Zeit. Die Zeit ist fern. Die Sprache singt. Die Zeit verstreicht. Die Sprache zwingt. Der Stein erweicht. Das harte Wort steht schwarz auf weiß. Die Suppe bleibt nicht lange heiß. Das Standbild schlug man aus Granit. Aus dieser Welt nimmst du nichts mit. | Ein allgemeiner Platz ist nicht nur ein Erholungsplatz für die so genannte Allgemeinheit, sondern auch ein Denkinhalt, der häufig verwendet wird und daher als bekannt vorausgesetzt werden kann. Biegung eines Hauptwortes: Deklination Bald liegt der steht: Davon schreibt auch Fritz Widhalm in seinem Buch: „Ein Stelldichein“. Daneben Zeichnung der Freiheitsstatue, Text: Das ist nicht Pocahontas |
Aus: Extrakt. forum stadtpark literatur 2010-2012. Hrsg. Max Höfler. Graz: Verlag Forum Stadtpark, 2012, S. 53f
157 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Florian Kranz
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg
Der Tag ist ein Topf: Wir erwachen elend im
Winter, der nie schweigt. Dort ein Apfel am
einsamen Erlenpfad, dort, weit wichtiger,
die Schneegewitter am Wipfelrand – in Rot,
denn der Planet schreit oft. Im Ei war ewig
meine Plage frei schattiert worden, Wind
trat empor, die Lawine weint – freches Ding.
Welch ein Dampf einen wieder tritt! Sogar
der arme Tod stapft weinerlich weg, in ein
Wort mit weniger Licht. Da – der Napf; ein See,
der Tang erpicht wirft, wie die namenlose
Piratenwitwe, deren Leiche sanft modrig
im Dorfe liegt. Ich warte an den Pisten. Wer
litt, wer mag ich sein? Wanderer? Feind? Poet?
Anagrammgedicht aus einer Zeile des Gedichts »An Anna Blume« von Kurt Schwitters
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023. Herausgegeben von Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2023, S. 41
Kranz, Florian, * 1994, lebt in Brüssel. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
249 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
An Anna Blume. Merzgedicht 1
O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich liebe dir! – Du deiner
dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] nicht hierher.
Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist – – bist du? – Die Leute
sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm
steht.
Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf
den Händen wanderst du.
Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna
Blume, rot liebe ich dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir. – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die kalte Glut.
Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?
Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
2. Anna Blume ist rot.
3. Welche Farbe hat der Vogel?
Blau ist die Farbe deines gelben Haares.
Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier, ich liebe
dir! – Du deiner dich dir, ich dir, du mir, – Wir?
Das gehört [beiläufig] in die Glutenkiste.
Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen Namen.
Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
Weißt du es, Anna, weißt du es schon?
Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen,
du bist von hinten wie von vorne: „a-n-n-a“.
Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!
Erstveröffentlichung 1919.
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104 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Robert Gernhardt
(* 13. Dezember 1937 in Tallinn, Estland; † 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main)
Deutung eines allegorischen Gemäldes
Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?
Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod
Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest
Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid
Des vierten Schild trieft
giftignass –
das ist der Hass
das ist der Hass
Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.
Aus: Ich bin so knallvergnügt. Gedichte, die fröhlich machen. Herausgegeben von Clara Paul. (insel taschenbuch 4356) Berlin: Insel, 2015, S. 120
85 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Tom Nisse
FREUND ICH STELLE FEST
Es gibt Abende wo
ich es vorziehe
über Revolutionen statt
über Hunde zu sprechen
man beschnuppert sich und
eines Morgens stelle ich
verdutzt fest die Nase
die Nase Tristan Tzaras
ragt aus den Regalen
und mein Wunsch wäre es
auch weiterhin diesen Schönheitsfleck
fast unversehrt zu küssen.
Aus dem Französischen von Jérôme Netgen, aus: Tom Nisse: Dass ich dich so beschnuppere. Gedichte aus dem Französischen. Köln: parasitenpresse, 2012 (Gedichte aus Belgien, Luxemburg und den Niederlanden / parasitenpresse benelux, Nr. 3), S. 4.
156 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jayne-Ann Igel
***
»Jedes wort birgt einen widersinn in sich« notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tiers vor augen hatte, daß also auch der fluß nichts anderes als eine wesenheit, die sich auf ihren läufen fortbewegt durch raum und zeit, über stock und stein, wie es oft heißt, auf läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – Das wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein tausendfüßler, der in fließender bewegung, gleich der rede, die in fluß geraten, aus anfänglichem stocken und stolpern erlöst, einem stottern… immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 119
113 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ror Wolf
(* 29. Juni 1932 in Saalfeld/Saale, Thüringen; † 17. Februar 2020 in Mainz)
Dritter unvollständiger Versuch
das Leben zu beschreiben
Zweiunddreißig, Juni, nachts zwei Uhr,
als ich nass aus meiner Mutter fuhr,
als ich stumm aus meiner Mutter kroch,
aus dem einen in ein andres Loch,
aus dem Fleisch heraus hinein ins Leben,
sagte man zu mir: So ist das eben.
Im November nachts Zweitausendeins
lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,
tief im Blut und alle Tropfe tropften,
die Kanülen, die Katheter klopften,
alles floß hinein in das Plumeau,
und man sagt zu mir: Das ist halt so.
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 25f
141 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Hermann Kükelhaus
(* 4. August 1920 in Essen; † 30. Januar 1944 in Berlin)
Ich habe zweierlei Gesicht,
doch ganz genau weiss ich das nicht.
Ich habe rechts und links ein Bein –
O, welches mag das bessre sein?
Auch von den Seelen hätt' ich zwei –
die eine sei ihr Konterfei
und sitze tiefer als die andre –
und überhaupt: die Seele wandre.
Hätt' ich ein Auge, weiss wie Schnee,
mir täten keine Farben weh –
Die Erde sei, weiss Gott, fast rund –
nur schöner wär' ein Mädchenmund.
Und manchmal ist der Himmel blau,
wenn Sonne scheint – sonst ist er grau.
Wie kommt es nur auf dieser Welt,
dass man sich auf die Füsse stellt? –
Der liebe Gott mög' uns verzeihn,
es frisst der Mensch, um Mensch zu sein.
Aus: Hermann Kükelhaus: … ein Narr der Held. Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Elizabeth Gilbert. Vorwort von Hugo Kükelhaus. Zürich: Diogenes, 1964, S. 71f
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