28. Siegfried Lenz gestorben

„Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.“ Gestern starb Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren in Hamburg. Vor einigen Wochen erst wurde bekannt, daß er auch Gedichte schrieb.

Nachrufe bei 3sat und überall

27. I alone in Russia

Ilya Bernstein’s introduction to his translation of Ossip Mandelstam (free download here)

A Note on Mandelstam’s Poems

When Mandelstam wrote, “I never write. I alone in Russia work from the voice,” he was being literal. Here is how Viktor Shklovsky, Mandelstam’s neighbor for a time in the early 1920s, described him: “With his head thrown back, Osip Mandelstam walks around the house. He recites line after line for days on end. The poems are born heavy. Each line separately.” And here is how Sergey Rudakov, a young philologist and poet who visited Mandelstam in exile in Voronezh, described him in 1935: “Mandelstam has a wild way of working… I am standing in front of a working mechanism (or maybe organism, that is more precise) of poetry… The man no longer exists; what exists is – Michelangelo. He sees and remembers nothing. He walks around mumbling: ‘Like a black fern on a green night.’ For four lines, four hundred are uttered, literally… He does not remember his own poems. He repeats himself and, separating out the repetitions, writes what is new.”

26. Die Finnen

… lieben Lyrik-Performances: Auf der Frankfurter Buchmesse wandeln die Skandinavier sogar Hirnströme in Versmaße um. Der Besucher wird am Kopf verkabelt, dann werden die EEG-Kurven in leichte oder eher düstere Gedichtbrocken übersetzt und an eine Wand geworfen. „Brain Poetry“ heißt das in Finnland sehr erfolgreiche Projekt, dessen Software sich den gesammelten dichterischen Sprachschatz der Welt zunutze macht. „Ihre Gedanken können wir aber nicht lesen“, beruhigt Jukka Toivanen, einer der Entwickler. / NWZ

25. Charles Dobzynski gestorben

Der französische Lyriker Charles Dobzynski ist tot. Er wurde 1929 in Warschau geboren und kam als Kind nach Frankreich. Die deutsche Besatzung überlebte er im Versteck. In jungen Jahren begann er zu dichten und beteiligte sich an der Befreiung von Paris. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und erhielt viele Preise, darunter den Max-Jacob-Preis 1992. Er übersetzte u.a. Rilke und Majakowski. 1971 veröffentlichte er eine Anthologie der jiddischen Lyrik. / l’Humanité 3.10.

24. Preis für Danz und Bonné

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste zeichnet zwei Schriftsteller mit dem Rainer-Malkowski-Preis aus. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung geht zu gleichen Teilen an die Autoren Daniela Danz und Mirco Bonne, wie die Akademie am Dienstag in München mitteilte. Der Malkowski-Preis ist nach Akademie-Angaben einer der höchstdotierten Literaturpreise in Deutschland. / Tiroler Tageszeitung

23. Ungarischen Preis abgelehnt

Der finnische Autor Hannu Launonen hat den mit insgesamt 50.000 Euro dotierten «Janus Pannonius Preis» der gleichnamigen ungarischen Stiftung abgelehnt. Das PEN-Mitglied Launonen sagte zur Begründung, dass es ihm nicht möglich gewesen sei herauszufinden, ob der Preis nach wie vor von der ungarischen Regierung gesponsert werde. Da er die Politik der ungarischen Regierung im Hinblick auf Menschenrechte und Meinungsfreiheit als nicht vereinbar mit der Charta des internationalen PEN ansehe, sei ihm nichts anderes übriggeblieben als abzulehnen, erklärte Launonen laut Pressemitteilung des PEN (Darmstadt) von heute. / DLR

Der „Janus Pannonius Preis“ wurde 2012 gestiftet und erinnert an den bedeutendsten ungarischen Renaissance-Dichter. Bereits im ersten Jahr seiner Verleihung hatte der amerikanische Autor Lawrence Ferlinghetti den Preis aus ähnlichen Gründen wie Launonen jetzt abgelehnt. / PEN

22. „Nicht Gedicht, sondern Krallenspur“

Klaus-Jürgen Liedtke ist als Herausgeber und Übersetzer einmal quer durch die Werke von fünf finnlandschwedischen Autoren gegangen und hat eine Handvoll schöner Auswahlbände zusammengestellt. Entdecken lassen sich fünf Stimmen, die in ihren Gedichten alle Grenzen sprengen, alle Sprachschichten mischen wollten. Wenn man bedenkt, wie sehr die deutschsprachigen Expressionisten – etwa Georg Heym oder Jakob van Hoddis – noch an traditionellen Vorstellungen von Versmaß und Reim hingen, mag man ermessen, wie revolutionär hoch oben im Norden gedichtet wurde.

Elmer Diktonius mit seinen „harten Gesängen“, Gunnar Björling mit seinen flutenden Langzeilen – oder eben: Edith Södergran selbst. Wer sie nur als Künderin des Einfachen oder als melancholischen Trauervogel kannte, der von Fremdheit und Einsamkeit tönt, kann sie nun als glühenden Stern erleben, als Dichterin, die vom „wilden Blut der Zukunft“ singt. Die sich, in Anlehnung an Nietzsche, selbst neu schaffen und die Vergangenheit stürzen will, von „Fetzen, Brocken“ und „Alltagsschnipseln“ träumt, wahlweise als „Gottheit“ oder „Adler“. Jedes Gedicht „sei das Zerreißen eines Gedichts, / nicht Gedicht, sondern Krallenspur“, schreibt sie. Und: „Meine Fackeln will ich entzünden über der Erde“, „hin zu anderen maßlosen Herzen“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 7.10.

21. Adrenalin

Ernest Wichner im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau:

Ich hatte schon als Jugendlicher eine literarische Existenz angestrebt. Ich wollte Gedichte, Prosa, Literaturkritiken schreiben. Mit denen hörte ich dann ganz auf, als ich 2003 Leiter des Literaturhauses wurde. Ich wollte nicht, dass die ja doch sehr übersichtliche Szene dann auf Grund meiner Kritiken glaubt, mich ausrechnen zu können. So habe ich dann, weil ich ohne Schreiben nicht leben kann, mich dem Übersetzen zugewandt. Das lässt sich sehr gut mit der Arbeit im Literaturhaus – mit der Verwaltungs-, Planungs- und Organisationsarbeit – verbinden. Vor mir liegt der Text eines Autors. Ich muss mir nichts ausdenken. Ich muss mein deutsches Sprachvermögen aktivieren und kann Literatur schreiben. Wenn man beim Übersetzen knifflige Fragen klären muss, ist man intellektuell hellwach, manchmal sogar „inspiriert“, und das führt zu den gleichen Adrenalinausschüttungen, wie wenn man selber ein Gedicht schreibt

20. Finnlandschwedische Avantgarde

… fünf Autoren der Moderne (…) Edith Södergran ist natürlich dabei – ein zartes Mädchen, besessen von einem Genius, der sich mit dem von Rilke messen könnte. Sie wurde mit Anna Achmatova und Emily Brontë verglichen. Ihr Motto: «Ich mache keine Gedichte, sondern ich erschaffe mich selbst.»

Kaum zu glauben, dass zur selben Zeit der jugendliche Lebemann Henry Parland seine der Neuen Sachlichkeit verpflichteten Ding-Gedichte schrieb, zuletzt als Arbeitsmigrant im ­litauischen Kaunas. Lokomotiven, Strumpfhosen, Kinos, Jazz, Reklame, das sind seine Zeit-Indikatoren, mit denen er aber genauso ironisch abrechnete wie mit der «sentimentalen Maske des Himmels». Sein Grundsatz: die Verramschung der Ideale. «Wir müssen die Preise weiter senken.»

Dass die Kritik ihm Nihilismus vorwarf, verwundert wenig. Gedichte mit Geld statt Worten zu schreiben, schien ihm ebenso lukrativ wie Europa zu kaufen: «Einmal Europa – dankend erhalten», so quittierte er seine Vorstellung von Kapitalismus. Mit 22 Jahren schon starb dieser scharfäugige und -züngige Modernist. / Astrid Kaminski, Tagesanzeiger

Finnlandschwedische Literatur der ­Avantgarde.
Hrsg. und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke.
Kleinheinrich, 2014. Fünf Bände in ­einer ­Kassette.
Je 180 S., ca. 125 Fr. (Die anderen Autoren sind Gunnar Björling, Elmer Diktonius und Rabbe Enckell)

19. Preis für Horst Samson

Der Gerhard-Beier-Preis 2014 der Literaturgesellschaft Hessen e. V. geht an Horst Samson. Ausgezeichnet wird sein Lyrikband „Kein Schweigen bleibt ungehört“. Die Preisverleihung findet am 19.10.2014 um 11 Uhr in der Kronberger Bücherstube, Friedrichstraße 71, 61476 Kronberg, statt.

Der Jury gehören an: Ursula Teicher-Maier, Sela König und Paul Pfeffer.

18. Jane Gentry Vance †

Former Kentucky poet laureate Jane Gentry Vance, 73, a longtime University of Kentucky professor who penned a large body of poetry, as well as critical essays and book reviews, died Thursday at Taylor Manor Nursing Home in Versailles after battling cancer. / Mehr

17. Zuhause

„Zuhause sein ist eigentlich das Schönste“. Das sagt der 51-Jährige mit leicht sächselndem Einschlag. Sein thüringisches Heimatdorf musste dem Bergbau weichen. Die Erinnerung an die verschwundenen Dörfer „aus holz, aus / stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo…“ ist in seinen Gedichten aufgehoben. „Pech & Blende“ heißt sein Gedichtband von 2000, ein Geigerzähler tockt als „Stellwerk des Herzens“ in seiner Erzählung „Turksib“, für die er 2007 den Bachmannpreis erhielt. Hier in diesem von einem toten Dichter geborgten Haus in Wilhelmshorst, in der Melancholie der märkischen Ebenen, hat Seiler eine andere Heimat gefunden. „Wenn ich Erde sehe und Bäume, ist eigentlich alles gut.“

„Heimat“, sagt Lutz Seiler, „wird immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales, etwas Gemachtes.“ Der Schriftsteller bezeichnet sich auch gerne mal als Hausmeister. Eher ist er der Heizer, der die Seele des Hauses gegen die Fröste des Vergessens warm hält, oder wie jetzt die Fenster und Türen zum Garten hin aufreißt, damit Luft in das Dichtermuseum herein kann. / Sabine Vogel, FR

16. Poetopie

78,58571428 kg – eine Zahl, die ebenso lebt wie der Leib, zu dem sie gehört

Hansjürgen Bulkowski

15. verlangsamte raserei

Unumwunden sei begonnen: Evelyn Schlag ist seit drei Jahrzehnten nicht nur eine der bedeutenden deutschsprachigen Prosaautorinnen; sie gehört zu den tragenden lyrischen Stimmen Österreichs. (…)

In den Wortpulsaten der Evelyn Schlag konzentriert sich Bewegung, die ein Gedicht „schengenraum“ als „momente politischer / freude die man im herzgefäß ablegen muss“ bezeichnet. „grenztänzer“ spielen wie „europa“, die „ukraine“ oder Benazir Bhutto eine motivische Rolle in diesen Gedichten, die den, sagen wir, empfindungspolitischen Teil dieser lyrischen Zyklen darstellen.

Diese Gedichte scheuen die große Geste; sie wirken pathosresistent. Und auch das hat poetische Gründe, wie das Gedicht „tote pose“ belegt: „manchmal vergreifen wir uns mit dem tiefen ton.“ Wir aber sollten uns von dem gewichtig leichten Ton dieser Gedichte ergreifen lassen, wieder und wieder. / Die Presse 4.10.

Evelyn Schlag
verlangsamte raserei

Gedichte. 120S., geb., €23,90 (Zsolnay Verlag, Wien)

14. Safiye Can sieht das anders

Die Offenbacher Autorin Safiye Can sieht das mit der Rezeption ihrer Werke gelassen: „Die Leute verstehen meine Gedichte.“ So auch bei ihrer Lesung in der Schillerschule. Diese ist Auftakt zum aktuellen Schulkünstlerprojekt und Can die Pate stehende Künstlerin fürs kommende Schuljahr. Ihr Debut „Rose & Nachtigall“, ein Band mit Liebesgedichten, ist im April erschienen. (…)

Das Schulkünstlerprojekt ist Teil eines vielfältigen Angebots „jenseits von Notendruck und Lehrplänen“, erläutert Orth. Wichtig sei für Schüler „die Begegnung mit Personen, die keine Lehrer sind“. Künstler kennen zu lernen soll ihnen „neue Horizonte eröffnen“. Can ist die 20. Schulkünstlerin. (…)

 Auf alle Fälle wolle sie „Spuren hinterlassen“. Wichtig ist ihr, einen Überblick zu schaffen, was Lyrik sei und „was es so gebe an zeitgenössischen Werken“. / op online