25. Charles Dobzynski gestorben

Der französische Lyriker Charles Dobzynski ist tot. Er wurde 1929 in Warschau geboren und kam als Kind nach Frankreich. Die deutsche Besatzung überlebte er im Versteck. In jungen Jahren begann er zu dichten und beteiligte sich an der Befreiung von Paris. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände und erhielt viele Preise, darunter den Max-Jacob-Preis 1992. Er übersetzte u.a. Rilke und Majakowski. 1971 veröffentlichte er eine Anthologie der jiddischen Lyrik. / l’Humanité 3.10.

24. Preis für Danz und Bonné

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste zeichnet zwei Schriftsteller mit dem Rainer-Malkowski-Preis aus. Die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung geht zu gleichen Teilen an die Autoren Daniela Danz und Mirco Bonne, wie die Akademie am Dienstag in München mitteilte. Der Malkowski-Preis ist nach Akademie-Angaben einer der höchstdotierten Literaturpreise in Deutschland. / Tiroler Tageszeitung

23. Ungarischen Preis abgelehnt

Der finnische Autor Hannu Launonen hat den mit insgesamt 50.000 Euro dotierten «Janus Pannonius Preis» der gleichnamigen ungarischen Stiftung abgelehnt. Das PEN-Mitglied Launonen sagte zur Begründung, dass es ihm nicht möglich gewesen sei herauszufinden, ob der Preis nach wie vor von der ungarischen Regierung gesponsert werde. Da er die Politik der ungarischen Regierung im Hinblick auf Menschenrechte und Meinungsfreiheit als nicht vereinbar mit der Charta des internationalen PEN ansehe, sei ihm nichts anderes übriggeblieben als abzulehnen, erklärte Launonen laut Pressemitteilung des PEN (Darmstadt) von heute. / DLR

Der „Janus Pannonius Preis“ wurde 2012 gestiftet und erinnert an den bedeutendsten ungarischen Renaissance-Dichter. Bereits im ersten Jahr seiner Verleihung hatte der amerikanische Autor Lawrence Ferlinghetti den Preis aus ähnlichen Gründen wie Launonen jetzt abgelehnt. / PEN

22. „Nicht Gedicht, sondern Krallenspur“

Klaus-Jürgen Liedtke ist als Herausgeber und Übersetzer einmal quer durch die Werke von fünf finnlandschwedischen Autoren gegangen und hat eine Handvoll schöner Auswahlbände zusammengestellt. Entdecken lassen sich fünf Stimmen, die in ihren Gedichten alle Grenzen sprengen, alle Sprachschichten mischen wollten. Wenn man bedenkt, wie sehr die deutschsprachigen Expressionisten – etwa Georg Heym oder Jakob van Hoddis – noch an traditionellen Vorstellungen von Versmaß und Reim hingen, mag man ermessen, wie revolutionär hoch oben im Norden gedichtet wurde.

Elmer Diktonius mit seinen „harten Gesängen“, Gunnar Björling mit seinen flutenden Langzeilen – oder eben: Edith Södergran selbst. Wer sie nur als Künderin des Einfachen oder als melancholischen Trauervogel kannte, der von Fremdheit und Einsamkeit tönt, kann sie nun als glühenden Stern erleben, als Dichterin, die vom „wilden Blut der Zukunft“ singt. Die sich, in Anlehnung an Nietzsche, selbst neu schaffen und die Vergangenheit stürzen will, von „Fetzen, Brocken“ und „Alltagsschnipseln“ träumt, wahlweise als „Gottheit“ oder „Adler“. Jedes Gedicht „sei das Zerreißen eines Gedichts, / nicht Gedicht, sondern Krallenspur“, schreibt sie. Und: „Meine Fackeln will ich entzünden über der Erde“, „hin zu anderen maßlosen Herzen“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 7.10.

21. Adrenalin

Ernest Wichner im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau:

Ich hatte schon als Jugendlicher eine literarische Existenz angestrebt. Ich wollte Gedichte, Prosa, Literaturkritiken schreiben. Mit denen hörte ich dann ganz auf, als ich 2003 Leiter des Literaturhauses wurde. Ich wollte nicht, dass die ja doch sehr übersichtliche Szene dann auf Grund meiner Kritiken glaubt, mich ausrechnen zu können. So habe ich dann, weil ich ohne Schreiben nicht leben kann, mich dem Übersetzen zugewandt. Das lässt sich sehr gut mit der Arbeit im Literaturhaus – mit der Verwaltungs-, Planungs- und Organisationsarbeit – verbinden. Vor mir liegt der Text eines Autors. Ich muss mir nichts ausdenken. Ich muss mein deutsches Sprachvermögen aktivieren und kann Literatur schreiben. Wenn man beim Übersetzen knifflige Fragen klären muss, ist man intellektuell hellwach, manchmal sogar „inspiriert“, und das führt zu den gleichen Adrenalinausschüttungen, wie wenn man selber ein Gedicht schreibt

20. Finnlandschwedische Avantgarde

… fünf Autoren der Moderne (…) Edith Södergran ist natürlich dabei – ein zartes Mädchen, besessen von einem Genius, der sich mit dem von Rilke messen könnte. Sie wurde mit Anna Achmatova und Emily Brontë verglichen. Ihr Motto: «Ich mache keine Gedichte, sondern ich erschaffe mich selbst.»

Kaum zu glauben, dass zur selben Zeit der jugendliche Lebemann Henry Parland seine der Neuen Sachlichkeit verpflichteten Ding-Gedichte schrieb, zuletzt als Arbeitsmigrant im ­litauischen Kaunas. Lokomotiven, Strumpfhosen, Kinos, Jazz, Reklame, das sind seine Zeit-Indikatoren, mit denen er aber genauso ironisch abrechnete wie mit der «sentimentalen Maske des Himmels». Sein Grundsatz: die Verramschung der Ideale. «Wir müssen die Preise weiter senken.»

Dass die Kritik ihm Nihilismus vorwarf, verwundert wenig. Gedichte mit Geld statt Worten zu schreiben, schien ihm ebenso lukrativ wie Europa zu kaufen: «Einmal Europa – dankend erhalten», so quittierte er seine Vorstellung von Kapitalismus. Mit 22 Jahren schon starb dieser scharfäugige und -züngige Modernist. / Astrid Kaminski, Tagesanzeiger

Finnlandschwedische Literatur der ­Avantgarde.
Hrsg. und aus dem Schwedischen von Klaus-Jürgen Liedtke.
Kleinheinrich, 2014. Fünf Bände in ­einer ­Kassette.
Je 180 S., ca. 125 Fr. (Die anderen Autoren sind Gunnar Björling, Elmer Diktonius und Rabbe Enckell)

19. Preis für Horst Samson

Der Gerhard-Beier-Preis 2014 der Literaturgesellschaft Hessen e. V. geht an Horst Samson. Ausgezeichnet wird sein Lyrikband „Kein Schweigen bleibt ungehört“. Die Preisverleihung findet am 19.10.2014 um 11 Uhr in der Kronberger Bücherstube, Friedrichstraße 71, 61476 Kronberg, statt.

Der Jury gehören an: Ursula Teicher-Maier, Sela König und Paul Pfeffer.

18. Jane Gentry Vance †

Former Kentucky poet laureate Jane Gentry Vance, 73, a longtime University of Kentucky professor who penned a large body of poetry, as well as critical essays and book reviews, died Thursday at Taylor Manor Nursing Home in Versailles after battling cancer. / Mehr

17. Zuhause

„Zuhause sein ist eigentlich das Schönste“. Das sagt der 51-Jährige mit leicht sächselndem Einschlag. Sein thüringisches Heimatdorf musste dem Bergbau weichen. Die Erinnerung an die verschwundenen Dörfer „aus holz, aus / stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo…“ ist in seinen Gedichten aufgehoben. „Pech & Blende“ heißt sein Gedichtband von 2000, ein Geigerzähler tockt als „Stellwerk des Herzens“ in seiner Erzählung „Turksib“, für die er 2007 den Bachmannpreis erhielt. Hier in diesem von einem toten Dichter geborgten Haus in Wilhelmshorst, in der Melancholie der märkischen Ebenen, hat Seiler eine andere Heimat gefunden. „Wenn ich Erde sehe und Bäume, ist eigentlich alles gut.“

„Heimat“, sagt Lutz Seiler, „wird immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales, etwas Gemachtes.“ Der Schriftsteller bezeichnet sich auch gerne mal als Hausmeister. Eher ist er der Heizer, der die Seele des Hauses gegen die Fröste des Vergessens warm hält, oder wie jetzt die Fenster und Türen zum Garten hin aufreißt, damit Luft in das Dichtermuseum herein kann. / Sabine Vogel, FR

16. Poetopie

78,58571428 kg – eine Zahl, die ebenso lebt wie der Leib, zu dem sie gehört

Hansjürgen Bulkowski

15. verlangsamte raserei

Unumwunden sei begonnen: Evelyn Schlag ist seit drei Jahrzehnten nicht nur eine der bedeutenden deutschsprachigen Prosaautorinnen; sie gehört zu den tragenden lyrischen Stimmen Österreichs. (…)

In den Wortpulsaten der Evelyn Schlag konzentriert sich Bewegung, die ein Gedicht „schengenraum“ als „momente politischer / freude die man im herzgefäß ablegen muss“ bezeichnet. „grenztänzer“ spielen wie „europa“, die „ukraine“ oder Benazir Bhutto eine motivische Rolle in diesen Gedichten, die den, sagen wir, empfindungspolitischen Teil dieser lyrischen Zyklen darstellen.

Diese Gedichte scheuen die große Geste; sie wirken pathosresistent. Und auch das hat poetische Gründe, wie das Gedicht „tote pose“ belegt: „manchmal vergreifen wir uns mit dem tiefen ton.“ Wir aber sollten uns von dem gewichtig leichten Ton dieser Gedichte ergreifen lassen, wieder und wieder. / Die Presse 4.10.

Evelyn Schlag
verlangsamte raserei

Gedichte. 120S., geb., €23,90 (Zsolnay Verlag, Wien)

14. Safiye Can sieht das anders

Die Offenbacher Autorin Safiye Can sieht das mit der Rezeption ihrer Werke gelassen: „Die Leute verstehen meine Gedichte.“ So auch bei ihrer Lesung in der Schillerschule. Diese ist Auftakt zum aktuellen Schulkünstlerprojekt und Can die Pate stehende Künstlerin fürs kommende Schuljahr. Ihr Debut „Rose & Nachtigall“, ein Band mit Liebesgedichten, ist im April erschienen. (…)

Das Schulkünstlerprojekt ist Teil eines vielfältigen Angebots „jenseits von Notendruck und Lehrplänen“, erläutert Orth. Wichtig sei für Schüler „die Begegnung mit Personen, die keine Lehrer sind“. Künstler kennen zu lernen soll ihnen „neue Horizonte eröffnen“. Can ist die 20. Schulkünstlerin. (…)

 Auf alle Fälle wolle sie „Spuren hinterlassen“. Wichtig ist ihr, einen Überblick zu schaffen, was Lyrik sei und „was es so gebe an zeitgenössischen Werken“. / op online

13. In der Schule

Bestimmt Lyrik den Unterricht, sinkt das Fach Deutsch bei vielen Schülern auf der Beliebtheitsskala schnell nach unten. Mit ihren kurzen Texten, in denen es nur so von Metaphern, Anaphern, Stilmitteln, Versmaßen und Strophenformen wimmelt, können Schüler häufig nichts anfangen. Laut Petra Anders, Dozentin für Fachdidaktik Deutsch an der Humboldt-Universität Berlin, liegt das vor allem an der Vermittlung von lyrischen Texten im Unterricht. „Hier könnten Lehrer gut mit Songtexten oder Raptexten einsteigen oder den Schülern zeigen, wie sie selbst ganz textnah mit Gedichten umgehen und Zeile für Zeile paraphrasieren“, sagt sie. Manchmal helfe den Schülern auch ein biografischer Zugang zum Autor, um ihn und seine Lyrik besser zu verstehen. / bildungsklick

12. Fragen an Anton Leitner

stellte Wolfgang Prochaska, Weßling, Süddeutsche Zeitung Starnberg 4.10. („Ich bin ein Medien-Unternehmer“):

SZ: Herr Leitner, das Cover der neuen Ausgabe „Der Swing vom Ding – Die Lust am Objekt“ erinnert an Heft 8, jene Ausgabe über Erotik, die Ihre Zeitschrift bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Wollen Sie mit Ausgabe 22 wieder in die Schlagzeilen?

(…)

Früher waren die Ausgaben von Das Gedicht oft unschuldig weiß. Jetzt wählen Sie einen schwarzen Umschlag. Warum?

(…)

Haben Sie einen ganz bestimmen Autorenkreis, der dazu dann Gedichte schreiben soll? Oder wie läuft das?

(…)

Ist der Leitner-Verlag jetzt ein mittelständischer Betrieb und gleichzeitig ein Start-up?

(…)

Wird es für Sie nicht langsam unübersichtlich?

11. Quatschsätze & Kinderschutz

Eine „Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW“ (AJuM)

sichtet und prüft Kinder- und Jugendliteratur und Medien unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit in pädagogischen Arbeitsfeldern. Mehr als 500 Pädagoginnen und Pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Bibliothekare und sonstige fachlich qualifizierte Personen aus allen Bundesländern tragen die Rezensionsarbeit. Die Ergebnisse fließen unmittelbar ein in die pädagogische Praxis, außerdem in die direkte Beratung von Kindern, Eltern, Lehrkräften usw., in Fortbildungsveranstaltungen und in zahlreiche Publikationen.

Folgendes haben sie über das Kinderbuch „Der Bauer schiebt den Trecker“ von Kerstin Hensel herausgefunden:

Teilweise ergeben die Verse Sinn, teilweise sind es “Quatschsätze”. Da gerade kleinere Kinder gerne Geschichten in Reimen hören, werden sie es vermutlich mit Vergnügen hören und die Bilder dazu ansehen. Insbesondere Kinder im Kindergartenalter sind zudem für “Quatschsätze” zu begeistern und werden ihren Spaß daran haben. Insgesamt halte ich jedoch Sätze wie “Die Sonne mäht die Wiesen, und Busch und Bäume niesen” oder “Es dunkelt der Holunder und zieht die Wolken zu” nicht unbedingt für sinnvoll. Kindergartenkinder werden wissen, dass dies Quatsch ist, kleinere Kinder im Alter von zwei oder drei Jahren erschließen sich jedoch teilweise ihre Umwelt über Geschichten und Bilder, ihnen müsste man dann erklären, dass die Sonne nicht die Wiese mähen kann, Busch und Bäume nicht niesen und Brombeersaft nicht durch Hecken fließt.

Fazit: „Eingeschränkt empf.“ Na dann Prost. Wie gut, daß es Prüfstellen gibt, die aufpassen, daß unsere Kinder nicht durch Poesie vergiftet werden. Wahrscheinlich setzt man dafür absolut gefestigte Charaktere ein, Leute, die garantiert nichts umhaut, wenn sie den Schutz und Schund der Poesie herauspicken.

Hier ein Beispiel für den poetischen Quatsch der Hensel:

10484173_766161230118366_2110349273311849597_o(Irgendwie versteht man, warum man in Österreich das Problem mit der Wurzel anpacken will, siehe vorige Meldung).