18. Jane Gentry Vance †

Former Kentucky poet laureate Jane Gentry Vance, 73, a longtime University of Kentucky professor who penned a large body of poetry, as well as critical essays and book reviews, died Thursday at Taylor Manor Nursing Home in Versailles after battling cancer. / Mehr

17. Zuhause

„Zuhause sein ist eigentlich das Schönste“. Das sagt der 51-Jährige mit leicht sächselndem Einschlag. Sein thüringisches Heimatdorf musste dem Bergbau weichen. Die Erinnerung an die verschwundenen Dörfer „aus holz, aus / stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo…“ ist in seinen Gedichten aufgehoben. „Pech & Blende“ heißt sein Gedichtband von 2000, ein Geigerzähler tockt als „Stellwerk des Herzens“ in seiner Erzählung „Turksib“, für die er 2007 den Bachmannpreis erhielt. Hier in diesem von einem toten Dichter geborgten Haus in Wilhelmshorst, in der Melancholie der märkischen Ebenen, hat Seiler eine andere Heimat gefunden. „Wenn ich Erde sehe und Bäume, ist eigentlich alles gut.“

„Heimat“, sagt Lutz Seiler, „wird immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales, etwas Gemachtes.“ Der Schriftsteller bezeichnet sich auch gerne mal als Hausmeister. Eher ist er der Heizer, der die Seele des Hauses gegen die Fröste des Vergessens warm hält, oder wie jetzt die Fenster und Türen zum Garten hin aufreißt, damit Luft in das Dichtermuseum herein kann. / Sabine Vogel, FR

16. Poetopie

78,58571428 kg – eine Zahl, die ebenso lebt wie der Leib, zu dem sie gehört

Hansjürgen Bulkowski

15. verlangsamte raserei

Unumwunden sei begonnen: Evelyn Schlag ist seit drei Jahrzehnten nicht nur eine der bedeutenden deutschsprachigen Prosaautorinnen; sie gehört zu den tragenden lyrischen Stimmen Österreichs. (…)

In den Wortpulsaten der Evelyn Schlag konzentriert sich Bewegung, die ein Gedicht „schengenraum“ als „momente politischer / freude die man im herzgefäß ablegen muss“ bezeichnet. „grenztänzer“ spielen wie „europa“, die „ukraine“ oder Benazir Bhutto eine motivische Rolle in diesen Gedichten, die den, sagen wir, empfindungspolitischen Teil dieser lyrischen Zyklen darstellen.

Diese Gedichte scheuen die große Geste; sie wirken pathosresistent. Und auch das hat poetische Gründe, wie das Gedicht „tote pose“ belegt: „manchmal vergreifen wir uns mit dem tiefen ton.“ Wir aber sollten uns von dem gewichtig leichten Ton dieser Gedichte ergreifen lassen, wieder und wieder. / Die Presse 4.10.

Evelyn Schlag
verlangsamte raserei

Gedichte. 120S., geb., €23,90 (Zsolnay Verlag, Wien)

14. Safiye Can sieht das anders

Die Offenbacher Autorin Safiye Can sieht das mit der Rezeption ihrer Werke gelassen: „Die Leute verstehen meine Gedichte.“ So auch bei ihrer Lesung in der Schillerschule. Diese ist Auftakt zum aktuellen Schulkünstlerprojekt und Can die Pate stehende Künstlerin fürs kommende Schuljahr. Ihr Debut „Rose & Nachtigall“, ein Band mit Liebesgedichten, ist im April erschienen. (…)

Das Schulkünstlerprojekt ist Teil eines vielfältigen Angebots „jenseits von Notendruck und Lehrplänen“, erläutert Orth. Wichtig sei für Schüler „die Begegnung mit Personen, die keine Lehrer sind“. Künstler kennen zu lernen soll ihnen „neue Horizonte eröffnen“. Can ist die 20. Schulkünstlerin. (…)

 Auf alle Fälle wolle sie „Spuren hinterlassen“. Wichtig ist ihr, einen Überblick zu schaffen, was Lyrik sei und „was es so gebe an zeitgenössischen Werken“. / op online

13. In der Schule

Bestimmt Lyrik den Unterricht, sinkt das Fach Deutsch bei vielen Schülern auf der Beliebtheitsskala schnell nach unten. Mit ihren kurzen Texten, in denen es nur so von Metaphern, Anaphern, Stilmitteln, Versmaßen und Strophenformen wimmelt, können Schüler häufig nichts anfangen. Laut Petra Anders, Dozentin für Fachdidaktik Deutsch an der Humboldt-Universität Berlin, liegt das vor allem an der Vermittlung von lyrischen Texten im Unterricht. „Hier könnten Lehrer gut mit Songtexten oder Raptexten einsteigen oder den Schülern zeigen, wie sie selbst ganz textnah mit Gedichten umgehen und Zeile für Zeile paraphrasieren“, sagt sie. Manchmal helfe den Schülern auch ein biografischer Zugang zum Autor, um ihn und seine Lyrik besser zu verstehen. / bildungsklick

12. Fragen an Anton Leitner

stellte Wolfgang Prochaska, Weßling, Süddeutsche Zeitung Starnberg 4.10. („Ich bin ein Medien-Unternehmer“):

SZ: Herr Leitner, das Cover der neuen Ausgabe „Der Swing vom Ding – Die Lust am Objekt“ erinnert an Heft 8, jene Ausgabe über Erotik, die Ihre Zeitschrift bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Wollen Sie mit Ausgabe 22 wieder in die Schlagzeilen?

(…)

Früher waren die Ausgaben von Das Gedicht oft unschuldig weiß. Jetzt wählen Sie einen schwarzen Umschlag. Warum?

(…)

Haben Sie einen ganz bestimmen Autorenkreis, der dazu dann Gedichte schreiben soll? Oder wie läuft das?

(…)

Ist der Leitner-Verlag jetzt ein mittelständischer Betrieb und gleichzeitig ein Start-up?

(…)

Wird es für Sie nicht langsam unübersichtlich?

11. Quatschsätze & Kinderschutz

Eine „Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW“ (AJuM)

sichtet und prüft Kinder- und Jugendliteratur und Medien unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit in pädagogischen Arbeitsfeldern. Mehr als 500 Pädagoginnen und Pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Bibliothekare und sonstige fachlich qualifizierte Personen aus allen Bundesländern tragen die Rezensionsarbeit. Die Ergebnisse fließen unmittelbar ein in die pädagogische Praxis, außerdem in die direkte Beratung von Kindern, Eltern, Lehrkräften usw., in Fortbildungsveranstaltungen und in zahlreiche Publikationen.

Folgendes haben sie über das Kinderbuch „Der Bauer schiebt den Trecker“ von Kerstin Hensel herausgefunden:

Teilweise ergeben die Verse Sinn, teilweise sind es “Quatschsätze”. Da gerade kleinere Kinder gerne Geschichten in Reimen hören, werden sie es vermutlich mit Vergnügen hören und die Bilder dazu ansehen. Insbesondere Kinder im Kindergartenalter sind zudem für “Quatschsätze” zu begeistern und werden ihren Spaß daran haben. Insgesamt halte ich jedoch Sätze wie “Die Sonne mäht die Wiesen, und Busch und Bäume niesen” oder “Es dunkelt der Holunder und zieht die Wolken zu” nicht unbedingt für sinnvoll. Kindergartenkinder werden wissen, dass dies Quatsch ist, kleinere Kinder im Alter von zwei oder drei Jahren erschließen sich jedoch teilweise ihre Umwelt über Geschichten und Bilder, ihnen müsste man dann erklären, dass die Sonne nicht die Wiese mähen kann, Busch und Bäume nicht niesen und Brombeersaft nicht durch Hecken fließt.

Fazit: „Eingeschränkt empf.“ Na dann Prost. Wie gut, daß es Prüfstellen gibt, die aufpassen, daß unsere Kinder nicht durch Poesie vergiftet werden. Wahrscheinlich setzt man dafür absolut gefestigte Charaktere ein, Leute, die garantiert nichts umhaut, wenn sie den Schutz und Schund der Poesie herauspicken.

Hier ein Beispiel für den poetischen Quatsch der Hensel:

10484173_766161230118366_2110349273311849597_o(Irgendwie versteht man, warum man in Österreich das Problem mit der Wurzel anpacken will, siehe vorige Meldung).

10. Prüfverfahren

Nachricht aus Österreich:

Volksanwalt Peter Fichtenbauer leitet ein „Prüfverfahren zum Bedeutungsverlust der Literatur im Deutschunterricht“ ein. „Ich habe die zuständige Bundesministerin für Bildung und Frauen um Stellungnahme ersucht, welche Maßnahmen sie zu ergreifen gedenkt, um das völlige Verschwinden des Literaturunterrichts zu verhindern“, so Fichtenbauer.

Die Regeln für die Zentralmatura hält der Volksanwalt für bedenklich: „Literarische Texte können nicht durch Leserbriefe, Roman-Bruchstücke oder Gebrauchsanweisungen ersetzt werden.“ /  Die Presse

Noch ein Zitat:

Mit der neuen Matura wird die Literatur im Deutschunterricht abgeschafft. Schriftsteller schlagen Alarm. Warum die Hinwendung zum rein Praktischen ein Armutszeugnis ist.

9. Gestorben

Am 27. September starb der berühmte chinesische Dichter Zhang Xianliang nach langer Krankheit im Alter von 78 Jahren.

Er wurde 1936 in Nanking geboren. 1957 wurde er verhaftet, weil seine Werke „konterrevolutionär“ seien. 22 Jahre war er in einem Lagerinhaftiert. Erst 1979 wurde er rehabilitiert. Weil er es wagte, die Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989 zu unterstützen, wurden seine Schriften erneut verboten. Er wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. / Actua Litté

8. Charles Bernstein

Aus Jan Kuhlbrodts Besprechung des neuen Bandes von Charles Bernstein bei Signaturen:

Auf das Buch der Gruppe Versatorium hatte ich an dieser Stelle schon hingewiesen. Jetzt also ist (endlich) die umfangreiche Sammlung Angriff der schwierigen Gedichte der Gruppe um Norbert Lange im Wiesbadener Verlag luxbooks erschienen.

Charles Bernstein wurde 1950 in New York geboren. Er gehört zur Gruppe der L=A=N=G=U=A=G=E Poets, deren Zusammenhang eher in theoretischen Überlegungen, als in ihren lyrischen Produkten zu finden ist. Zentral ist die aktive Rolle des Lesers, der in der Rezeption den Text gewissermaßen erst hervorbringt und somit auch den Autor und dessen quasi natürliche Präsenz hinter dem Text verschwinden lässt. Zugespitzt formuliert wird das tradierte Verhältnis von Leser und Autor in einen dynamischen Prozess umgewandelt. Diese Position ist mir sehr nahe, nicht nur, weil damit dem Autor das Deutungsprivileg am eigenen Text abgesprochen wird.

Natürlich ergeben sich daraus für eine Übersetzung enorme Konsequenzen und die Frage der Texttreue stellt sich auf einer anderen Ebene neu. Was bedeutet das Original? Und worin besteht der Versuch, ihm nahezukommen. Während das Buch der Versatoriumgruppe dieses Problem versucht auf eine gewisse spielerische Art zu lösen, und dabei die Grenzen des Mediums erweitert und überschreitet, findet es hier einen rein literarischen, aber dabei nicht minder konsequenten Niederschlag. Der Leser (und damit auch der Übersetzer, der ja zunächst auch nichts anderes ist als Leser) trägt gewissermaßen seinen eigenen Referenzrahmen an das Gedicht heran, verwandelt es. Verwandelt es in eine andere Sprache zuweilen, aber immer in ein anderes Gedicht. Das bedeutet aber auch, dass der Leser während der Lektüre nicht in die Rolle des passiven Beobachters entlassen wird. Das ganze bleibt Prozess und das Gedicht verändert sich bei jeder Lektüre.

Charles Bernstein: Angriff der schwierigen Gedichte. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Wiesbaden (luxbooks) 2014. 380 Seiten. 29,80 Euro.

7. Ann Cotten

Ann Cotten sitzt, leicht abgewandt, ganz konzentriert auf ihren Text, an einem langgestreckten Pult, das sie sich mit DEEF teilt – so nennt sich der Musiker, der sich über einen Laptop beugt, sein Arsenal an Effektgeräten, sein „Modularsystem“ zur Seite. Über die ganze Breite des Raumes zieht sich ein gewellter Vorhang, das Licht, das auf ihn fällt, wechselt die Farbe. Immer wieder fließt Kunstnebel in den Raum, die Worte der Dichterin vermengen sich in dieser unwirklich intensiven Szenerie mit dem Klang der Maschinen.

Cotten lauscht, reagiert, beide Ebenen des Geschehens sind präzise aufeinander abgestimmt. Einmal wirkt ihre Sprache als reiner Klang, rhythmisiert, zerfällt in Bruchstücke, Wiederholungen, dann wieder taucht Sinn in diesen Worten auf. Sinn, der springt, der konkrete Szenarien heraufbeschwört, dann ins Essayistische, Assoziative oder Surreale schwenkt. / Thomas Morawitzky, Stuttgarter Nachrichten 1.10.

6. Cummings‘ frühe Sonette

Bei Signaturen der dritte Teil des Gesprächs, das Jan Kuhlbrodt mit Günter Plessow führte. Es geht um E.E. Cummings (im Vergleich mit Edna St. Vincent Millay und William Faulkner). Hier ein Auszug zu einem von 63 frühen Sonetten von Cummings aus „Tulips and Chimneys“ (1922):

Er hat sie 1922 in ein umfangreiches Manuskript (ca. 150 Gedichte) aufgenommen, das er Tulips and Chimneys taufte. Tulips steht dabei für die bunte Vielfalt lyrischer Formen, während das Label Chimneys Sonetten vorbehalten bleibt, die quasi wie Rauchzeichen einer neuen Poetik aufsteigen. Diese Gedichte sind sehr frühe Vorläufer einer Methode, die heute De-konstruktivismus genannt wird, denn beides, De– und Konstruktion, sind hier zugleich am Werke. Bestaunen wir nicht nur die Frische und Virulenz dieses Tons, der seinesgleichen nicht hat, sondern auch die drei Rubriken, die er seinen Sonetten zuweist: SONNETS––REALITIES sprechen im Indikativ (und verwenden gelegentlich Slang), sie zeichnen den distanzierten Blick des malenden Dichters auf Umwelt und Gesellschaft und zeigen eine satirische Empathie nicht ohne Sympathie; SONNETS––IRREALITIES handeln quasi im Konjunktiv, es sind Meditationen und Tagträume (und kommen damit der kanonischen Gedankenlyrik der Gattung Sonett am nächsten); SONNETS––ACTUALITIES dagegen sind so etwas wie ein lyrisches Tagebuch der Lust (des männlichen Ichs) am Leben und an der Liebe, in einer Weise allerdings, die alles Sexuelle, das die Sonett-Tradition allenfalls angedeutet hatte, lustvoll konkretisiert.

SONNETS––REALITIES XVII

of this wilting wall the colour drub
souring sunbeams,of a foetal fragrance
to rickety unclosed blinds inslants
peregrinate,a cigar–stub
disintegrates,above,underdrawers club
the faintly sweating air with pinkness,
one pale dog behind a slopcaked shrub
painstakingly utters a slippery mess,
a star sleepily,feebly,scratches the sore
of morning.    But i am interested more
intricately in the delicate scorn
with which in a putrid window every day
almost leans a lady whose still–born
smile involves the comedy of decay,

(veröffentlicht in & [AND], 1925)

SONETTE––REALITÄTEN 17

von dieser welken wand den anstrich splittert
die sonne,die vom foetusduft verdrossen
zu wackeligen blenden,unverschlossnen,
wandert,ein zigarrenstumpf verwittert,
oben erschlagen unterhöschen mit
ihrem rosa die leicht schwüle luft,und
fein säuberlich entledigt sich ein hund,
ein falber,hinterm busch von seinem schitt.
ein stern,verschlafen,kraftlos,kratzt die wunde
des morgens.    Doch mich fasziniert imgrunde
der delikate spott der dame,der
s im mürben fenster täglich fast gefällt;
ihr totgebornes lächeln sagt mir mehr
als die komödie des verfalls enthält,

5. Meret Oppenheim

Kulturstaatssekretär Tim Renner enthüllt am 6. Oktober 2014 eine Gedenktafel zu Ehren der Bildenden Künstlerin und Lyrikerin Meret Oppenheim.

In Berlin geboren, lebte Meret Oppenheim (1913 -1985) ab 1914 vorwiegend in der Schweiz. In den Jahren von 1933 bis 1937 war sie beteiligt an den Ausstellungen der „Surindépendants“ in Paris. Die Künstlerin wurde 1974 mit dem Kunstpreis der Stadt Basel ausgezeichnet. 1982 erhielt sie den Großen Preis der Stadt Berlin (West). Meret Oppenheim wurde 1985 Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West). An diesem 6. Oktober 2014 wäre sie 101 Jahre alt geworden.

Veranstalter sind die Senatskulturverwaltung und das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Es sprechen Staatssekretär Renner und der Leiter Konzernkommunikation der GASAG, Rainer Knauber. Die Laudatio wird die Filmemacherin Daniela Schmidt-Langels halten.

Die Enthüllung erfolgt um 11 Uhr.

Geburtshaus von Meret Oppenheim
Joachim-Friedrich-Straße 48
10711 Berlin-Wilmersdorf

4. Deutsche Lyrik im Ausland

Zum Tag der deutschen Einheit lesen „namhafte zeitgenössische Dichter wie Björn Kuhligk, Jan Wagner, Tom Schulz und Nico Helminger“ im luxemburgischen Esch-sur-Alzette, meldet die Saarbrücker Zeitung.