Münster, 26.11. 2014. Kulturministerin Ute Schäfer hat heute im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster den mit jeweils 7.500 Euro dotierten Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen an 19 junge Künstlerinnen und Künstler verliehen.
Prominente Künstlerinnen und Künstler wie Pina Bausch, Karin Beier, Christoph Schlingensief, Katharina Sieverding, Günther Uecker, Wim Wenders und Frank-Peter Zimmermann erhielten in frühen Jahren diese Ehrung. Gewürdigt werden die Leistungen in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Film, Theater, Architektur und Medienkunst. Die Auszeichnung wird seit 1957 jährlich von der Landesregierung vergeben. Die Preisträgerinnen und Preisträger sollten in der Regel nicht älter als 35 Jahre alt und durch Geburt, Wohnsitz oder ihr Schaffen mit dem Land Nordrhein-Westfalen verbunden sein.
Die Preisträger 2014 in der Sparte „Dichtung, Schriftstellerei“ sind Julia Trompeter und Christoph Wenzel. Mehr
Sie war eine Cousine Paul Celans. Mit ihm war sie in einer zionistisch-sozialistischen Jugendgruppe aktiv, zu Hause in Czernowitz. Am 16. Dezember 1942 starb Merbaum* im ukrainischen NS-Zwangsarbeitslager Michailowka, kurz vor dessen Befreiung durch die Rote Armee, am Flecktyphus. Sie wurde nur 18 Jahre alt.
Kurz vor ihrem Ende schrieb sie: „Ich möchte leben. / Ich möchte lachen und Lasten heben / und möchte kämpfen und lieben und haßen / und möchte den Himmel mit Händen faßen / und möchte frei sein und atmen und schrei’n. / Ich will nicht sterben. Nein: / Nein.“
58 ihrer handschriftlichen hinterlassenen Gedichte existieren noch und Marion Tauschwitz hat sie transkribiert.** Eine Stärke des Buches liegt darin, dass die Autorin im biographischen Teil immer wieder aus Merbaums Gedichten zitiert und auf ihren vollständigen Abdruck weiter hinten verweisen kann. Selma Merbaum wird wie der vier Jahre ältere Celan und Rose Ausländer heute zur Weltliteratur gezählt. / Matthias Dohmen, Vorwärts
Marion Tauschwitz: „Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben“. Mit zahlreichen Abbildungen. Berlin: Verlag zu Klampen, 2014, 349 Seiten, 28,00 Euro. ISBN 978-3-86674-404-2 (EPub 20,99 €)
*) Warum Selma Meerbaum-Eisinger jetzt „Selma Merbaum“ heißt, erklärt eine informativere Besprechung von Florian Hunger im „Psychosemitischen Buchblog„:
Die langjährige Vertraute und allerseits anerkannte Biographin der deutsch-jüdischen Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006), Marion Tauschwitz, hat sich in langjähriger gewissenhafter Reche der ebenso mühseligen wie verdienstvollen selbstgestellten Aufgabe gewidmet, anhand historischer Fakten und Zeitzeugenberichten sowie gut dokumentierter Aussagen von überlebenden Weggefährten, Freunden und Bekannten der ermordeten Dichterin eine nahezu lückenlose, ausführliche literarische Lebensbeschreibung von Selma Merbaum zu erarbeiten, die mit ihrem umfangreichen, akribisch zusammengestellten Anhang nicht nur wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, sondern auch dem unvorbelasteten, lediglich am tragischen Schicksal der talentierten Kusine von Paul Celan interessiertem Leser eine ausgesprochen faktenreiche und fesselnde, mitunter erschütternde Lektüre bietet. (…)
Eines der unspektakulärsten, jedoch gleichzeitig auch wichtigsten grundsätzlichen Resultate der Recherchearbeit von Marion Tauschwitz ist eine durch sorgfältige Prüfung der erhalten gebliebenen offiziellen Registereinträge sowie durch Schul- und Deportationslisten eindeutig zu belegende, endgültige Klärung der Namensverhältnisse der jungen Dichterin: während bisherige Veröffentlichungen von „Meerbaum“ oder „Meerbaum-Eisinger“ (nach dem Stiefvaternamen) ausgingen, ist nun zweifelsfrei die endgültige Lesart „Merbaum“ bestätigt – eine andere Schreibweise tauchte in offiziellen Dokumenten offenbar niemals auf. Erstaunlich, wie Selma Merbaums leiblicher Vater, ein Schuh-Einzelhändler aus ärmlichen Verhältnissen, der an Tuberkulose starb, als seine Tochter gerade erst ein Jahr alt war, durch eine grundsätzliche Entscheidung unbewusst den Keim für Selmas Liebe zur deutschen Sprache legte, als er sich nämlich nach dem Ersten Weltkrieg für ein Leben in der deutschsprachigen Lokalmetropole Czernowitz entschied, weil er sich in der deutschen Sprache heimischer fühlte als im Rumänischen, Polnischen oder Jiddischen.
Sprecht Rumänisch! Auf Korridoren und in Klassenzimmern forderten überdimensionale Plakate die Einhaltung des Gebots ein. Eigens dafür eingestelltes Personal patrouillierte während der Pausen mit kleinen Reitgerten durch die Gänge, um notfalls mit Gewalt durchzusetzen, was das Wort nicht erreicht hatte. Mit Fantasie und Einfallsreichtum schafften die Mädchen sich kleine Fluchten und übertölpelten die Kontrolleure: Sie hängten deutschen Wörtern kurzerhand rumänische Endungen an und hatten eine Sprache, die nur sie verstanden.
Noch eine Mitteilung des Verlages:
In dieser spannenden, sprachlich einfühlsamen und wissenschaftlich fundierten Biografie hat Marion Tauschwitz das Leben der jungen Dichterin rekonstruiert und alle ihre Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen
**) In bisherigen Ausgaben waren 57 überlieferte Gedichte enthalten.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I love poems with sudden surprises, and here’s one by Jennifer Gray, a Nebraskan. Will you ever see depressions puddled with rain without thinking of the image at her conclusion?
Horses
The neighbor’s horses idle
under the roof
of their three-sided shelter,
looking out at the rain.
Sometimes
one or another
will fade into the shadows
in the corner, maybe
to eat, or drink.
Still, the others stand,
blowing out their warm
breaths. Rain rattles
on the metal roof.
Their hoof prints
in the corral
open gray eyes to the sky,
and wink each time
another drop falls in.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2013 by Jennifer Gray. Reprinted by permission of Jennifer Gray. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Vom 1. bis 7. Dezember ist jeden Tag um 10.40 Uhr in der Rubrik Lauter Lyrik ein neues Gedicht aus Raoul Schrotts Feder und Munde zu hören, geschrieben eigens für NDR Kultur.
Diese Gedichte wie „Der Busfahrer“, „Ein Richter“ oder „Alleinstehend, Anfang 40“ holen ihre Kraft aus der Beobachtung des ganz normalen Alltags: „Hier geht’s um das schlicht Menschliche“, sagt Schrott. „Das ist nichts Außergewöhnliches, nichts von vornherein Poetisches – aber es lässt sich durch die poetische Sprache etwas darstellen, was die Prosa nicht kann.“
Woher aber die Lyrik kommt und was sie im Menschen auslöst – das erklärt Raoul Schrott in Das Gespräch auf NDR Kultur. Mehr
Dieses Mal zu Gast bei M19: der Verleger und Dichter Bertram Reinecke. Er erklärt uns nicht nur, wie das Verlagswesen funktioniert, sondern auch, was seinen Verlag so besonders macht.
„Als kleiner Verlag braucht man ein eigenes Profil.“
Des Weiteren spricht er über die zukünftige Entwicklung auf dem Büchermarkt und welche Chancen er für den Buchhandel in Zukunft sieht. Dazu gehört auch, über die Entwicklung der Literaturszene in Leipzig zu reden.
„Ein Buch strahlt Individualität aus.“
Was ist das schönste deutsche Wort? Inwiefern hat ihn seine Zeit am Literaturinstitut Leipzig in seinem Schreiben beeinflusst? Wie baut man ein „Flickengedicht“ auf? Das alles verrät uns Bertram Reinecke im langen Interview bei M19.
Einen kleinen Tipp, um peinliche Situationen zu vermeiden, hat Bertram Reinecke auch noch: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.“
Aus Volly Tanners Interview mit Michael Fiedler, Leipziger Internet-Zeitung:
In einer Rezie [sic] zu Deinem Buch las ich: „Fiedler präsentiert uns eine kulturpessimistische, gegoogelte Resterampe, eine globale Vermessung der Gegebenheiten mit historischen Bruchstücken.“ Klingt ja nicht nach klassischen Gedichten, was da vom Rezensenten von Dir verkonsumiert wurde. Gegoogelte Resterampe, hmmmm…. Ist dies Deine Arbeitsweise, die Reste aufsammeln und zusammenkleben?
Dass sie aus vorgefundenem Material gearbeitet wurden, eint alle Texte in „Geometrie und Fertigteile“. Unterschiedlich sind die Methoden der Anordnung. Und tatsächlich: Schere und Leim waren wichtige Hilfsmittel.
Wo ist aber die Neuschöpfung?
Die Neu-Anordnung ändert das Beziehungsgefüge. Aus Lexika-Texten, Fachliteratur oder Suchergebnis-Anzeigen werden Texte, die – bestenfalls – anregend sind. Den Titel der Reihe „Neue Lyrik“ verstehe ich vor allem als zeitlichen Bezugspunkt.
Du hast ja auch am DLL studiert – bist sozusagen Diplomdichter – was hast Du denn da gelernt? Solch ein Studium dauert ja auch. Und was gibt das hohe Haus der Gesellschaft zurück, von der es mitfinanziert wird?
Es muss sehr viel gelesen, diszipliniert geschrieben und Kritikfähigkeit erprobt werden. Das wichtigste waren und sind für mich die Menschen, die ich dort als Studierende, Gast-Dozenten oder Professoren kennenlernen konnte. Mit Mara Genschel, Julia Dathe, Lisa Elsässer, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Konstantin Ames oder Hannes Leuschner gab und gibt es großartige Aufführungen und gute Zusammenarbeit.
„Das [Schreiben] ist für mich ein Spielplatz, wo ich ganz wilde Dinge machen kann, die ich sonst nicht machen kann. Ich [habe] das Gefühl, dass ich mich hinter der Kunst auch verstecken kann. Dass ich etwas sagen kann, was ich sagen möchte.“ Darum schreibt Søren R. Fauth Lyrik, wie er den Studierenden und Dozierenden im Gespräch mit Rolf Parr, Professor für Literaturwissenschaft und Leiter des Masterstudiengangs „Literatur und Medienpraxis (LuM)“, erklärte. Fauth ist – wie die meisten der fünf Lyriker und sechs Moderatoren – ein „Grenzgänger zwischen Universität und Kreativität“. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für deutsche Literatur an der Universität Aarhus (Dänemark) und seiner Arbeit als Übersetzer (etwa der Werke Thomas Bernhards und Arthur Schopenhauers) ist er Radrennfahrer und schreibt seit seiner Jugend Lyrik, Kurzprosa und fiktive Briefe, etwa „Radrennfahrerbriefe“ oder solche von Schopenhauer an Goethe, im Dänisch des 21. Jahrhunderts.
Im Dezember 2013 erschien in seiner Heimat Dänemark sein erstes Buch, das im dänischen Feuilleton vielfach rezipiert wurde. Das Langgedicht Universet er slidt ist als Leporello publiziert – also als Faltbuch, das aus einem langen, ziehharmonikaartig zusammengelegten Papierstreifen besteht. Aufgefaltet umfasst Universet er slidt eine Länge von insgesamt 13,5 Metern. Beim Poet in Residence-‚Spezial’: Zwischenspiel Lyrik stellte Fauth sein Leporello vor und sprach mit Parr über den Entstehungsprozess, über inhaltliche und formale Besonderheiten des Langgedichts und die Schwierigkeiten seiner Übersetzung vom Dänischen ins Deutsche. / Yvette Rode, literaturkritik.de (Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen)
“Not An Elegy For Mike Brown”: Two Poems For Ferguson
Poet Danez Smith’s “Not An Elegy For Mike Brown” and “Alternate Names for Black Boys.” / Buzzfeed.com
Meinolf Reul zitiert Jury und Verlag und kommentiert:
Vielleicht ist es, nach erster oberflächlicher Lektüre, vorschnell geurteilt:
Mir scheint, dass Invasion Rückwärts – trotz der zahlreichen, gleichsam auf dem Silbertablett servierten Dinge des Lebens / Referenzen auf eine äußere Lebenswirklichkeit – eigentlich ein Beispiel absoluter Dichtung ist, einer Dichtung also, in der es nicht um Sachen geht, sondern um Wörter, in der nicht das Leben gespiegelt wird, sondern die Sprache, und es gibt nur diesen Wort- und Satzspiegel, kein wirkliches Außerhalb.Dieser Kontrast von konkretem Phänotyp und abstraktem Genotyp
ist nicht nur ein Ausweis der Moderne (die die Dichotomie von Großer Abstraktion und Großer Konkretion schon immer umtreibt), er ist vor allem auch reizvoll.
Es hat seinen Witz, Gedichte zu lesen, die so zugänglich wirken und so undurchdringlich sind … wie ja überhaupt der Genuss des Gedichtelesens stets unterschätzt oder unterschlagen wird – ein Fehler! … Aber um Analyse geht es auch nicht, sondern um ein bewegliches Enträtseln und um ein Begreifen, für das es mehr braucht als die Krücken des Verstandes.
Lesen vor allem ist wichtig, Lesen und Wiederlesen.Könnte es sein, dass Schneider sich einer Bilderfülle bedient, um die Leere zu zeichnen? Dann aber wäre es konsequent gewesen, die Gedichte ohne Illustrationen zu drucken, ganz puristisch: nur Text. Und das wäre mein einziger Einwand. / mr
Die Ingolddebatte geht weiter. Paul-Henri Campbell schreibt bei Fixpoetry, kleiner (!) Auszug:
Warum sollte ein Urteil, das auf einer schnöden philologischen Dressur basiert, geeigneter sein, um die Güte eines literarischen Werkes zu bestimmen, als Urteile, die aus alternativen Rezeptionshaltungen gewonnen werden und daher diese Texte innerhalb eines anderen Wertekanons beurteilen?
Wie begründet Ingold seine Anmaßung, dass z.B. Stilkritik ein besseres Kriterium sei als eine wie auch immer verstandene Authentizität? Ich finde beide Kriterien beispielsweise lächerlich, unproduktiv und, um es kurz zu machen: als vorbei.
Ich schlage daher nur ein einziges Kriterium vor: Die Maßgabe jedem Erzeugnis, das sich als Literatur verstanden wissen will, etwas abzugewinnen, selbst dann wenn es nur eine einzige Seite, ein einziges Gedicht, eine einzelne Zeile wäre. Es ist – angesichts der Unmenge an peinlichen künstlerischen Versuchen – viel schwieriger etwas Wertvolles in bestimmten Werken zu finden. Aber jede Kritik, jedes literarische Verdikt verhandelt auch die Sache der Literatur mit. Ich glaube, dieses Kriterium leistet entscheidendes: Es verhindert, voreilig expressive Tätigkeit abzutun.
Und wissen wir nicht, dass es möglich ist, jedes literarische Werk je nach Zitatlage zu loben oder zu verdammen? Wie sollte ein Kanon an angeblich objektiven Kriterien vor der Maßlosigkeit eines unvermeidbar subjektiven Kritikers vorbeugen? Es geht hier um Verantwortung, nicht um Maßstäbe.
Das schlechte literarische Kunstwerk, das vielleicht keins ist. In diesem Zusammenhang ist es wichtig einzusehen, dass auch das, was für minderwertige Literatur, für Kitsch, für Schund, für reinen Realismus gehalten wird, eine wichtige und notwendige Erfahrung ist in der Entwicklung einer ästhetischen Gefühlsprägung.
Ich argumentiere per Analogie. Den vergangen Sommer verbrachte ich in einem staubigen Kunst-Depot am Mittelrhein, wo ich unzählige unbedeutende Barockskulpturen inventarisierte. Es war außerordentlich schlechter Barock, sogenannter Bauernbarock, der mit schlecht gewichteten Proportionen, unmöglichen Faltenwürfen und rissig-dürftig aufgetragener Fassung in jeder Dorfkirche die Schauer der Andacht verstärkt.
Danach fuhr ich nach Paris und sah Nicolas-Sébastien Adams Prometheus in Ketten. Die Fallhöhe zwischen dem Bauernbarock und dieser Arbeit war – als Differenzerfahrung – umwerfend. Sie wäre aber ohne die Dürftigkeit der unbekannten Bildhauer zu sehen, die sich ehedem irgendwo im Westerwald stümperhaft abmühten, sie genau zu sehen, weniger intensiv gewesen.
Mit anderen Worten: Es lohnt sich auch schlechte Gedichte zu lesen. Wir brauchen Referenzbeispiele, um urteilen zu können, um dem Urteil gewahr zu werden, das sich in unserem Inneren aufdrängt, sooft wir ein neues Gedicht lesen, nachdem wir bestenfalls zuvor 10.000 andere gelesen haben.
Es lohnt sich schlechte Gedichte zu lesen, um die Differenz zwischen trübem Unvermögen, verzweifeltem Bemühen, bloßem Talent und der Gnade zu begreifen. Anders geht es nicht.
»Kleine Rezensenten«. Der Großinquisitor favorisiert Expertendiskurse. Spätestens aber seit Michel Foucault wissen wir auch, wozu monopolisierende Expertisen führen können, wie sie Missbrauch legitimieren können, wie sie eine Korrektur der Irrtümer des Establishments vereiteln, wie sie in Tyrannei gipfeln können.
Wieder eine Analogie: Foucault untersucht in Geburt der Klinik, wie sich der medizinische Diskurs im 17. Jahrhundert konstituiert bzw. institutionalisiert, wie sich dort Institutionen der Legitimation und eine Verwaltung sowie Akkreditierung von Wissen als medizinisches Wissen herausbilden und durchsetzen.
Mit Foucault können wir heute begreifen, wie medizinischer Diskurs Herrschaft ausübt, über die gesundheitliche Verfassung des menschlichen Körpers. Gewiss: Experten schützen uns vor Scharlatanerie, sie professionalisieren und heben bis zu einem bestimmten Grad den Goldstandard des Wissens; gleichwohl können wir auch sehen, wie sich in der Gegenwart die Penetranz von medizinischem Wissen ins Gegenteil von Gesundheitspflege verkehrt. Ließe sich nicht, das, was wir am medizinischen Körper feststellen, auch auf den literarischen Corpus übertragen?
Beraubt nicht eine pseudoprofessionalisierte Literaturkritik, die Diskursivität der Literatur von ihrem lebenserhaltenden Esprit? Und: Woher nimmt Ingold den Glauben, dass kenntnisreiche Literaturkritik gleichzeitig auch bessere literarische Werke ermöglicht?
Nehmen wir ein Beispiel aus den Kreisen der angeblichen »Großkritiker«: etwa Heinrich Detering, ein Mann, der mit den »Kriterien« dessen, was Ingold »Qualitätssicherung« nennt, vertraut sein dürfte. Ist sein dichterisches Werk angesichts seiner verdienten kritischen Auseinandersetzung mit Literatur daher qualitätsvoller? Nein. Es ist ein selbstgefälliger Akt der Barbarei.
Wir müssen nicht Orientierung im Dschungel der unzähligen Publikationen liefern, indem wir angeblich Lesenswertes von Nichtlesenswertes scheiden; wir müssen nicht die verlängerte PR von Verlagen sein; vielmehr scheint es dringlich, die Kluft zu überbrücken, die zwischen avancierten zeitgenössischen literarischen Konzepten klafft und einer Öffentlichkeit, in der sich ein gewisser Traditionsabbruch bzw. ein romantisch-expressionistischer-bürgerlicher Rückstand hinsichtlich literarischer Erzeugnisse der Gegenwart unmissverständlich ist; es geht darum, um eine Öffentlichkeit zu kämpfen, in der jene ästhetische Erfahrung, die die Literatur ist, sonst erlischt.
Ein wichtiger Essay von Paul-Henri Campbell auf Fixpoetry, hier ein paar Auszüge:
(…) Enttäuscht von halbherzigen offiziösen Unternehmungen durch verwaltete Kultur interkulturellen Austausch herzustellen, begründet der syrische Lyriker [Fouad El-Auwad] 2005 in München den ›Deutsch-Arabischen Lyrik-Salon‹.
An den ersten Veranstaltungen im Literaturhaus München nahmen namhafte Schriftsteller und Intellektuelle teil – wie Adonis, Fuad Rifka, Raoul Schrott sowie die Joachim-Ringelnatz-Preisträgerin Ulrike Draesner und der Lyriker Ludwig Steinherr.
Das Konzept ist denkbar einfach: Das Medium der Begegnung ist die Sprache. Als syrischer Christ weiß Fouad El-Auwad, wie stark die europäische Perspektive auf seine Muttersprache geprägt wird von der Annahme, alles Arabische sei synonym mit dem Islam.
Er übersetzt die deutschen LyrikerInnen ins Arabische und die arabischen LyrikerInnen ins Deutsche. Auf diese Weise entstanden bisher fünf umfangreiche Anthologien, die als Dokumente dieser Begegnungen bestehen bleiben – jüngst die Sammlung »die Kerze brennt noch« (2014).
So ist Fouad El-Auwad bemüht den ›deutsch-arabischen Lyrik-Salon‹ im Geiste eines offenen Forums zu gestalten, worin zum Beispiel arabisch schreibende Juden neben deutschschreibenden Muslimen oder auf dieser oder jener Sprache schreibende Christen treffen, um sich über die künstlerischen, politischen und kulturellen Möglichkeiten und Bedingungen ihrer Poesien auszutauschen.
Beschaut man die Gästeliste, die sich über die Jahre hin stetig verlängerte, findet man zahlreiche Namen von bedeutenden Lyrikern sowohl aus dem arabischsprachigen Raum als auch aus dem deutschsprachigen Raum.
Neben Adonis besuchten beispielsweise die Dichterin und Filmemacherin Nujoom Ghanem aus Dubai den Salon oder die Marokkanerin Aisha Bassry, über die die Zeitschrift ›World Literatur Today‹ einmal gesagt hat, sie sei die hoffnungsvollste Stimme aus Nordafrika. Oder der Dichter und international bekannte Professor für arabische Literatur der Universität Rabat Mohamed Bennis. Die Liste der arabischen Autoren ist lang und umfasst auch Größen wie Fatima Mohamad, Maram Massri und viele andere mehr.
Aus Deutschland nahmen etwa Teil Reiner Kunze, der zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk erhalten hatte, darunter nicht nur der Friedrich-Hölderlin-Preis, sondern auch das Bundesverdienstkreuz; oder der Münchner Autor von 16 Gedichtbänden und Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste Ludwig Steinherr; sowie Ulrike Draesner, deren neuer Roman ›Sieben Sprünge vom Rand der Welt‹ kürzlich für den Frankfurter Buchpreis nominiert worden war und gleichfalls mit Fragen von Identität und Herkünftigkeit ringt.
Der Lyrik-Salon hatte aber auch immer ein Ohr für die Zwischentöne, für alle Autoren, die zwischen den Kulturen schreiben, wie etwa den Lyriker Richard Dove, der Enzensberger, Michael Krüger und viele andere deutsche Autoren ins Englische übersetzt hatte. Oder die in Aachen lebende tschechische Autorin Klára Hůrková, die in Frankfurt lebende Türkin Safiye Can, die Rumänin Francisca Ricinski und viele andere international wirkende Autoren. (…)
Der deutsch-arabische Lyrik-Salon ist daher ein Phänomen, das für die Literaturgeschichte der Gegenwart in Europa kennzeichnend ist. Er ist eben das, was die Signatur unserer Zeit wird. Es ist notwendig zu begreifen, dass Deutschland (und viele Teile Europas) gegenwärtig eine Phase in seiner Entwicklung vollzieht, die die Vereinigten Staaten von Amerika, England oder andere Kolonialmächte sehr viel früher erlebten.
Deutschland ist ein Schmelztiegel der Kulturen (geworden). Verspätet. Lange ohne die tatsächliche tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft anzuerkennen, ohne diese unumkehrbare und bereichernde Veränderung zu sublimieren und sie stattdessen als bloße »Einwanderung« abzutun und zu »diskutieren«, sie als etwas, das der Justierung an eine vermeintliche Leitkultur »noch« ermangelt, kleinzureden. (…) / Paul-Henri Campbell, Fixpoetry
Klaus Menapace (1954–1990) war ein Südtiroler Dichter. Seit Mitte 70er Jahre schrieb er in einer unter dem Einfluss von Autoren wie Erich Fried, Christoph Meckel, Ernesto Cardenal und N. C. Kaser entwickelten, aber bald sich verselbständigenden Sprache Texte von bemerkenswerter Tiefe und Ausdruckskraft. Wo man ihn kannte, vergaß man ihn zu Unrecht.
Essay von Zeno Bampi jr. bei Signaturen
Eins seiner Gedichte (mehr im Essay enthalten):
Verführung
spätabends kommt sie: Traurigkeit / alte Freundin setzt zu mir sich schaut über die Schulter mir während ich schreibe raucht trinkt aus meinem Glas / wird ungeduldig drängend umarmt mich zieht aus mich & legt ins Bett sich zu mir & in mich dringt ein sie & ich falle versinke
(…) Daher gilt es als erwiesen, dass Homer der ältere, ja der ursprüngliche Dichter ist, der dann mit elegantem Zirkelschluss wieder zum besseren verklärt werden kann. Diese Einschätzung hat sich hartnäckig erhalten, auch wenn natürlich immer wieder Stimmen laut geworden sind (etwa die von Martin L. West), die mit guten Gründen für die Priorität Hesiods eintreten.
Doch genau hier liegt das Problem. Denn an dieser Diskussion scheint Schrott überhaupt nicht gelegen zu sein. Statt eine Diskussion anzuregen, versucht er, alle Fragen allein und abschließend zu klären – oder sich wenigstens den Anschein zu geben, alle Fragen abschließend geklärt zu haben; dafür allerdings muss er in die Maske des Scharlatans schlüpfen und das, was ein hervorragender und anregender Essay hätte sein können, mit allerlei fadenscheinigen Halbgelehrsamkeiten bemänteln. Die sind dann bisweilen schlicht falsch, manchmal überflüssig und nicht selten ärgerlich. (…) / Dirk Uwe Hansen, Signaturen
Hesiod: Theogonie. Übersetzt und erläutert von Raoul Schrott, München (Hanser) 2014. 224 Seiten. 19,90 Euro.
Überhaupt schreibt Sabine Scho Lyrik fürs Auge. Neben den Fotos, die auch in ihrem neuesten Band Tiere in Architektur von 2013 eine wichtige Rolle spielen, produzieren ihre Gedichte Bilder im Kopf, indem sie sehr erzählend, mehr noch beschreibend verfahren.
Das erste Tier, das kam, wann ich wollte, war ein
Kamel, die Oberlippe gespalten.
Trauerbuche Europa titelte der Baum vor seinem Quartier. Es rutschte auf den Vorderläufen langsam
die Kuppe herab, wenn es mit seinen geteilten Lippen
aus meiner Hand tastend die Eicheln fraß. Seltsame
Früchte, die auf seinem Planeten nicht wuchsen.
(„DAS ERSTE TIER“, in: Tiere in Architektur)
Doch es bleibt nicht bei der Beschreibung von Autos, Tieren und Begebenheiten. In fast allen Gedichten, die Sabine Scho vorstellt, sind die ersten Zeilen nur ein Aufgalopp für einen philosophisch essayistischen Ritt entlang an abstrakten Begriffen, die lyrisch erfahrbar werden. In Tiere in Architektur ist den Gedichten noch ein „richtiger“ Essay vorangestellt, der die Fragen aufwirft, die man Architektur für und um Tiere stellen kann. Diese Fragen werden auf den folgenden knapp fünfzig Seiten in den Gedichten fortgeführt und durch die Fotos, die die Autorin selbst gemacht hat, veranschaulicht ohne beantwortet zu werden. Ohne jeden missionarischen Gestus wird hier erläutert, welche Zookonzepte es gibt, was das überhaupt für eine merkwürdige Idee ist Ausstellungsgebäude für Tiere zu errichten, welche theoretischen Überlegungen den architektonischen Erwägungen vorausgehen – und welche Emotionen die Betrachtungen von ‚Tieren in Architektur’ auslösen. / Lisa Eggert, literaturkritik.de
Jean Krier äußerte gegenüber Freunden, er sei dem Tod mehrfach »von der Schippe gesprungen«. Dies erfüllte ihn wohl mit einer Art trotzigem Stolz, der sowohl seine Ironie als auch seine Achtung vor dieser Gemarkung des Lebens trug.
Der Chamisso-Preisträger hatte zuvor schwere medizinische Eingriffe am Herzen und der Leber überlebt. Sein Gedichtband »Eingriff, sternklar« präsentiert nun Gedichte aus letzter Hand. Er wird herausgegeben von dem Literaturkritiker Michael Braun.
»Eingriff, sternklar« zeigt auf dem Cover eine verfremdete Ultraschallaufnahme des Herzens des Dichters, wie schon sein vorletzter Band ›Herzens Lust Spiele‹ (Poetenladen Leipzig 2010) getan hatte. / Paul-Henri Campbell bespricht den Band bei Fixpoetry
Jean Krier · Michael Braun (Hg.)
Eingriff, sternklar
Gedichte aus dem Nachlass
poetenladen
2014 · 88 Seiten · 17,90 Euro
ISBN: 978-3-940691-61-3
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