Aus: Jan Kuhlbrodt, Faltungen – zum Experiment
Wie es scheint, wird das Experiment als Gattung betrachtet, was dem Begriff widerspricht. Denn im Grunde müsste das Experiment ja im Bereich vor jeder Gattung liegen. Aus dem Experiment könnte sich, wenn es denn gelingt, eine Gattung konstituieren.
Was verbindet also Texte?
Das ist natürlich eine unsinnige Frage. Eine Frage, die von ihrem metaphorischen Gehalt her sofort auf eine falsche Fährte führt, denn verbunden sind Texte zunächst durch etwas ihnen rein Äußerliches, die Willkür der Auswahl, die sie in einer Publikation zusammenbindet, und durch die Unmöglichkeit, irgendetwas, schon gar nicht die sogenannte experimentelle Dichtung, in seiner Vollständigkeit zu präsentieren.
(…)
Mayröcker steht für eine Art experimentelle Innerlichkeit. Die Sprache durchwandert das Selbst und trifft dort auf die Sedimente von Welt. Innerlichkeit hat hier also nichts mit dem Kitsch zu tun, der anderenorts unter diesem Label verbreitet wird. Sie ist analytisch. Und an Mayröcker schließen sich all jene an, die auf diesem Feld experimentieren und forschen.
Jürgen Becker erforscht die Ränder der Gattung zumindest auf literarischem Gebiet, vielleicht könnte man an dieser Stelle auch Brinkmann nennen. Eventuell hat es auch etwas mit dem B im Nachnamen zu tun. Beide also arbeiten zwischen Hörspiel und Prosa am Gedicht.
Elke Erb schließlich, auch eine, die forscht. Vielleicht könnte man ihre Art mit literarischem Exerzitium des 21. Jahrhunderts beschreiben. Alles wird Gegenstand lyrischer Analyse, und dabei unterscheidet sie nicht zwischen hergestellter und (sozusagen im Volksvorurteil) natürlicher Welt. Und Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Wundern.
Die Kleider der hier ausnahmsweise namentlich angeführten Alten werfen Falten. Wie gute Großeltern sitzen sie nicht auf einem Sockel, sondern mitten unter uns, und wir spielen zwischen den Falten. Verlassen auch schon mal das Zimmer, um bei den Nachbarn reinzuschauen und langsam wird uns auch klar, dass wir fremde Sprachen lernen sollten, um uns zu verstehen.
(Das wussten die angeführten Alten schon, vor allem Jandl und Erb haben in übersetzerischer Hinsicht Unglaubliches geleistet, aber die sind ja schon lange erwachsen.)
Am Ende eine sehr sehr unvollständige Liste der Kinder und Enkelkinder, wie sie mir in den Sinn gekommen sind. Zwei Stunden später wäre das sicherlich anders ausgefallen:
Rinck, Falkner, Czernin, Hefter, Winkler, Piekar, Crauss, Berends, Futscher, Popp, Filips, Seel, Elze, Bresemann … …
(Komplett bei Signaturen)
Große Freude löste die Nachricht gestern aus, dass José F. A. Oliver im Januar den mit 10 000 Franken dotierten »Basler Lyrikpreis« erhalten wird. Die erste Ehrung Olivers, die außerhalb Deutschlands stattfindet – und eine Anerkennung, die von Lyrikern vergeben wird. » Es gibt nichts Schöneres als die Wertschätzung unter Dichterkollegen«, sagte José Oliver gestern.
Ausdrücklich belohnt werden sollen mit dem Preis die Innovationskraft und der Mut von Dichterinnen und Dichtern, gegen den Strom zu schwimmen, heißt es in der Pressemitteilung des Vereins »Internationales Lyrikfestival Basel«. Er soll dazu beitragen, »herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen«. José Oliver erhalte diesen Preis für sein „umfangreiches, beeindruckendes Werk“. »José Oliver hat seine Poesie ganz tief in die deutsche Sprache eingeschrieben, eingegraben, ja, die deutsche Sprache mit ihr umgegraben», schrieb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Harald Weinrich.
Das Basler Lyrikfestival findet vom 23.- 25. Januar 2015 im Literaturhaus Basel statt. /Claudia Ramsteiner, Baden Online
Es ist mir seltsam ergangen mit Dombrowskis Gedichten: Zwar war mir von Anfang an klar, dass sie mir gefielen, nur wusste ich nicht recht zu sagen, warum. Dieses unmittelbare Gefallen mag, dachte ich, auf die starken Bilder zurückzuführen sein, die wir in den Gedichten immer wieder finden. / Dirk Uwe Hansen, Signaturen
Dominik Dombrowski: Fremdbestäubung. Gedichte. Köln (parasitenpresse) 2014. 44 Seiten. 9,00 Euro.
Die Greifswalder Tagung „Poetische Horizonte“, die vom 13. bis 16.11. „Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft“ zusammenführte, hinterließ neben den Spuren sprühender Funken bei Beteiligten und Gästen viele Stunden Tonaufzeichnungen, an deren Aufarbeitung in den nächsten Jahren intensiv gearbeitet werden wird. Eine erste Kost- bzw. Tonprobe wird morgen abend im unabhängigen Radio 98,1 zu hören sein (Raum Greifswald oder Internet). Sie hören u.a. Bertram Reinecke, Simone Kornappel, Pindar (gesungen von Immanuel Musäus), Odile Endres, Léonce Lupette, Silke Peters, Norbert Lange und Elke Erb.
Zur Vorfreude hier ein poetischer Gruß an Greifswald von Elke Erb.
Gestern wurde das 5. Literaturfest München eröffnet (bis zum 7. 12.), das in diesem Jahr keine Lyrik-Veranstaltung im Programm führt.
Ernesto Cardenal, der fast 90 Jahre alte Revolutionär, Theologe, Dichter und ehemalige Kulturminister Nicaraguas las in St. Veit Gedichte. Eingeladen wurde er von der Katholischen Frauenbewegung, er ist gerade auf Lesereise.
Papst Johannes Paul II rügte Cardenal 1983 bei seinem Nicaraguabesuch öffentlich: Das Priesteramt und politische Ämter seien unvereinbar. Cardenal blieb dennoch Kulturminister, als Priester wurde er suspendiert. Bei seiner Lesung am Montagabend in St. Veit ging es Cardenal nicht nur um seine neuesten Gedichte, sondern nach wie vor um Revolution: „Mein Traum ist, dass es noch eine weitere Revolution gibt wie in Nicaragua.“ (…)
Auch heute noch ist Cardenal Schriftsteller, Theologe und Revolutionär: „Ich bin mit der Berufung zum Dichter geboren, sie hat mich zu Gott gebracht, Gott hat mich zu meiner Berufung als Revolutionär gebracht.“/ ORF
Für seinen Beitrag zur Überwindung der deutschen Teilung wird der Schriftsteller Reiner Kunze mit dem Franz-Josef-Strauß-Preis ausgezeichnet. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung erklärte zur Begründung, in den Texten des 81 Jahre alten früheren DDR-Dissidenten zeige sich die Hoffnung auf einen offenen Umgang mit dem freien Denken und der Kreativität des Einzelnen. (…) Der Franz-Josef-Strauß-Preis wird seit 1996 verliehen. Kunze ist der erste Schriftsteller, der die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung erhält. Die Preisverleihung soll im kommenden Frühjahr stattfinden. / Thüringer Allgemeine
Der mit 8.000 Euro dotierte Georg-Trakl-Preis für Lyrik 2014 geht an die Autorin Waltraud Seidlhofer. Je 4.000 Euro wurden laut der Landeskorrespondenz Salzburg von der Republik Österreich und dem Land Salzburg zur Verfügung gestellt. Den mit 3.000 Euro dotierten Georg-Trakl-Förderpreis erhält der Lyriker Peter Enzinger.
Seidlhofer wurde 1939 in Linz geboren und lebt in Thalheim bei Wels. Sie war als Bibliothekarin in Linz und Wels tätig und ist Mitglied der Linzer Künstlervereinigung Maerz und Gründungsmitglied der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung. Enzinger stammt aus Zell am See und lebt jetzt in Wien. Der Lyriker wurde bereits 2005 mit dem Förderungspreis der Stadt Wien ausgezeichnet. / Der Standard
Oft fragte ich mich (und ich frage mich weiterhin) wie Jan Skácel zu einem Meister des Landschaftsgedichts werden konnte, da er doch Feld und Wald überhaupt nicht zu beachten schien; da er kaum je den Blick hob, kaum je innehielt, um sich irgend etwas genauer anzusehen. Seine Art zu gehen und im Gehen den Blick zum Boden gesenkt zu halten, machte auf mich den Eindruck, als würde er die Landschaft gleichsam von Grund auf … vom Erdboden her einlesen, um sie später in der Kneipe oder daheim in der Küche in seinem Heft niederzuschreiben. – Aufgefallen ist mir auch, dass Skácel, dessen feiner Humor und subtile Melancholie einen Großteil seiner Lyrik unverwechselbar imprägniert haben, nie gelacht, auch nie gelächelt hat. Seine schönes, kraftvoll geschnitztes Gesicht war beherrscht von tiefen, fast schwarzen Augen unter ungewöhnlich buschigen Brauen; es ließ keine momentanen Regungen erkennen, wirkte insgesamt eher düster, jedenfalls sehr ernst und hellte sich – soweit ich mich erinnere – niemals auf. Skácels zarte Gestalt gewann durch den dominanten, wie wohl fast immer gesenkten Kopf einen gravitätischen … einen Respekt heischenden Ausdruck, zu dem es in seiner Art zu reden und zu schreiben keine erkennbare Entsprechung gab. – Nach weiteren Besuchen während der 1970er, 1980er Jahre traf ich im Sommer 1989 anlässlich der Verleihung des Petrarca-Preises in Lucca ein letztes Mal mit Jan Skácel zusammen. Dutzende von Menschen – Dichterkollegen, Übersetzer, Kritiker, Verleger – bemühten sich um ihn, befragten ihn, feierten ihn. Nur ein einziges längeres Gespräch konnte ich bei jener Gelegenheit mit ihm in einem Straßencafé führen. Es war ein strikt privates Gespräch. Er berichtete mir von gemeinsamen Freunden, von seiner bedrängenden Wohnsituation, von seinen zunehmenden gesundheitlichen Problemen. Fast ebenso viel, wie er sprach, hustete er. Als auf der anderen Straßenseite der Dichter Handke schlendernd vorüberging, rief er ihm zu und verschluckte sich dabei, was einen neuen Hustenanfall auslöste. Handke hatte den Ruf wohl überhört und ging, ohne sich umzuwenden, weiter, derweil Skácel, noch immer hustend, die nächste Zigarette ansteckte.
Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Berlin: Matthes & Seitz, 2014, Seite 218-219.
Bei Signaturen Hendrik Jacksons
Aufforderung zu einem „Verriss“ von F.P. Ingolds Buch
„Leben und Werk“Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Berlin (Matthes & Seitz) 2014. 1020 Seiten. 49,90 Euro.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
um es gleich zu sagen: Kunst wie Literatur kann man nicht lehren. Doch wer schreibt, hat viel zu lernen: Die Potentiale des eigenen Textes erkennen, neue Wagnisse eingehen, sich des Handwerks versichern, Erwartungen und Bedingungen des Betriebs kennenlernen. All das wird in der Bayerischen Akademie des Schreibens ermöglicht. Das ist kein Studium, kein fester Ausbildungsgang, sondern ein flexibles Angebot von Seminaren, das Autoren auf verschiedenen Stufen ihres Schreibens begleitet, den Schreibprozess mit professioneller Rückmeldungen und Kritik verbindet und Netzwerke schafft.
Erstmals bietet die Bayerische Akademie des Schreibens nun vom 14.-19. Februar 2015 im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg eine Lyrikwerkstatt für junge Autoren an. Sie wird geleitet von den Lyrikern Karin Fellner und Nico Bleutge, worüber wir uns sehr freuen!
Anmeldeschluss ist der 8. Dezember.
Klicke, um auf AkademieFolderLyrik.pdf zuzugreifen
Literaturhaus München,
Katrin Lange und Sandra Hoffmann
»alles dicht«
Ein Schreibseminar im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Leitung: Karin Fellner (Lyrikerin), Nico Bleutge (Lyriker)
14. bis 19. Februar 2015
Bewerbungsschluss: 8. Dezember 2014
Die Kosten für den Seminarplatz, Hotel und Verpflegung betragen 200.- Euro
Bewerbung bitte in vierfacher Kopie mit:
• ausgefülltem Bewerbungsformular
• tabellarischem Lebenslauf
• Publikationsliste
• 5 – 10 Gedichte
http://www.literaturhaus-muenchen.de/akademie-stufe-2.html
Sandra Hoffmann
Stiftung Literaturhaus
Salvatorplatz 1
80333 München
Tel. 089-29 19 34-37
Fax 089-29 19 34-19
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„Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen uns, der Ukraine und Europa“,
sagte Juri Andruchowytsch kürzlich in Wien bei der Eröffnung der inzwischen schon wieder zu Ende gegangenen dortigen Buchmesse. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG druckt die Rede des ukrainischen Schriftstellers ab.
„Aus meinen unzähligen Gesprächen im Westen, in Europa, geht hervor, dass man uns nicht nur nicht versteht, sondern, schlimmer noch: dass man gar nicht versucht, uns zu verstehen. Stattdessen treffe ich viel zu häufig Leute, die Putin verstehen. Es bleibt eine schmerzhafte Frage, warum dem friedlichen, politisch korrekten Europa der Aggressor näher und daher verständlicher erscheint als das Opfer seiner Aggression.“
Jede Lyrik, der man zwischen oder auf den Zeilen ansah, daß sie nur geschrieben wurde, um dem Staat die Leviten zu lesen, haben wir ignoriert oder verspottet. Allem, was uns allzu bekannt vorkam, allem, was behauptete, ein Ausdruck oder eine Spiegelung der absurden Realität zu sein, versuchten wir die Maskerade des Unbekannten oder Rätselhaften entgegenzusetzen. Warum sollte man dieses Verhalten nach so langer Zeit neu deuten? Es war, was es war, und zwar ein gesunder Reflex der Abwehr von fremden Ansprüchen auf unser Leben. „Die da oben wollen nur unser bestes. Aber sie kriegen es nicht“. Der alte Spontispruch hätte ein Motto für das gerade in vager Entstehung begriffene Selbstverständnis abgeben können. Und das ironisch abweisende Verhältnis zu den mißtrauisch-neugierigen oder verärgerten Autoritäten aus Kunst, Kultur und Politik wäre auch mit dem alten Dylan-Refrain: „Something is happening here, but you don’t know what ist is, do you, Mr. Jones.” andeutbar gewesen. Der die Jugend von den Vorzügen der DDR überzeugen sollende Ostrock übrigens, der heute vielen dem Vernehmen nach als eine herzerfrischende Nostalgie-Mucke gilt, stand uns äußerst fern, etwa so fern, wie, sagen wir mal, die Idee, an Wahltagen den Helfern mit der Urne die Tür zu öffnen. Wir bevorzugten den Subterranean Homesick Blues. Quirliges Englisch, das wir nur halb verstanden, war uns lieber als rührendes Rockvereinsdeutsch. Doch zurück zum Thema. Mag vieles, vielleicht allzuvieles jener sich vielsagend in sich selbst einspinnenden lyrischen Erstabsonderungen nach seriösen Kritierien der Kunst-Beurteilung auch nur knapp bis völlig verfehlt gewesen sein – das spielte für den inneren und äußeren Wert der damals in unseren zerklüfteten Zirkeln behaupteten und zelebrierten Zensurfreiheit keine Rolle. Es spielte auch keine Rolle, daß unsere Auffassung von Zensurfreiheit in ihrer schwarz-weiß-malerischen Einfalt nicht gerade eine ausgereifte war. Was sollte man denn mit Fehlerkorrekturen, wenn man sich einig war, daß das System der Fehler ist. Nicht etwa „Der Fehler liegt im System“, nein, „Der Fehler ist das System“, wie das allgemeine Unbehagen in den frühen 80er Jahren von einem Slogan auf den erschütternden Nenner gebracht wurde. (…) Nur bei dem dichterischen Konzept von Bert Papenfuß fand sich fast von Anfang an ein ausgetüftelter Ansatz, mittels sprachalchemistischer Zersetzungsprozesse den eigentlichen Kern der Dinge hervorscheinen zu lassen.
(…)
Das sich naiv Stellen wiederum als eine Strategie des Subversiven oder auch nur der Verzögerung von Unannehmlichkeiten war in der DDR so etwas wie eine Volkstradition. Es war kennzeichnend für die allgemeine Mentalität im Verhalten gegenüber den Obrigkeiten. Das Naive als sprachliches Kunstkonzept läßt sich durchaus auch als Ableitung aus jener allgemeinen Bevölkerungsgemütslage verstehen. Ein ohnehin auf der Straße liegendes Reaktionspotential wurde lyrisches Aufführungselement. Der rauhe Ton der Umgangssprache verschmolz mit der Idee, so zu tun, als wäre man gerade vom Mond gefallen, zu einer Novität von silbenrätselhafter und dennoch widerspruchsbewußter und aussagestolzer Anmutung. Das beste und gleichzeitig einzige Beispiel für ein Gelingen solcher (kon)fusionären Schreibweisen stellten die Gedichte des frühen Bert Papenfuß dar, wie seine erst viel zu viele Jahre nach ihrer Entstehung auch gedruckt erhältlichen Lyrikmanuskripte „Till“, Naif“, „Harm“ und „Soja“ auch heute noch belegen dürften. Es war auch im weiteren Verlauf der 80er Jahre immer wieder dieser geniale Kollege, der mit seinen findigen Abschöpfungsfeldzügen durch vermeintlich brachliegende Bereiche der Literatur- und Mythengeschichte sowie einer besonderen Begabung für das Abklopfen, Zerlegen und Reformulieren aller nur denkbaren Sprüche den Löwenanteil der Aufmerksamkeit für die ganze umstrittene Neutönerei auf sich lenken sollte, und dies nicht nur deshalb zu Recht, weil er auch in quantitativer Hinsicht der wahrscheinlich produktivste Lyrikbandschreiber gewesen ist. Niemand sonst schrieb damals derartige Texte von gleicherweise zum Lachen wie zum einträglichen Sinnieren anstiftenden Konstruktivität, und es gab auch keinen Zweiten, der den Bruch zwischen den Generationen mit seinen einfallsreichen Brechungen von Sprachmustern und Sinngefügen so interessant formulierte, daß sich auch die Neugier von viel Älteren nicht verprellt fühlen mußte. Etwas, das der Zeitgeist als fortwährender Spalter von grundlegenden Lebenszusammenhängen nicht einsehen kann – den wesentlichen Versöhnungs- und Trostcharakter von echter Kunst, schien selbst bei einem Dichter durch, der nach außen hin eher dafür bekannt war, daß er die Leserreaktionen stark polarisierte. Sein Stil war ansteckend wie eine seltene Krankheit, oder wie die, medizinisch gegenstandslose, Krankheit des Seltenen schlechthin. Als solche glänzte sie auch mit Symptomen einer alternativen Jugendmodekrankheit, aber man hätte sich mit solchem Befund nur über die mythischen Abgründe hinweggetäuscht, die in der frühen Papenfuß-Poesie wie sorgfältig zu Papier gebrachte Puzzleteile eines Ursprungs zum Selberbasteln durchschienen.
Andreas Koziol, aus:
Lügen und Wahrheiten – Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg
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