Vom Einhorn

Zwei Auszüge:

Es braucht nicht den Blick auf den ironischen, als Motto fungierenden Satz des französischen Philosophen Michel Serres, um bei der Lektüre der Gedichte früh zu erkennen, dass der Hintergrund der Poetik Callies’ ein philosophisch-dekonstruktivistischer ist: „Die Konstruktion des Körpers gleicht der Erfindung des Einhorns.“ Man tut vielleicht gut daran, Callies mit George Bataille, Jean-Luc Nancy und Hélène Cixous zu lesen, wobei es sehr bedauerlich ist, dass man, um ein zeitgenössisches Werk wie das von Callies literaturkritisch zu vermitteln, noch immer Begriffe wie ‚Obszönität‘ oder ‚Tabu‘ bemühen muss. Schließlich ist das, was hier auf dem Spiel steht, von je her natürlich. Warum sollte man etwas zu enttabuisieren versuchen, was kein Tabu sein dürfte?

(…)

Selbst bei den Frankfurter Lyriktagen, die kürzlich stattgefunden haben, wurde danach gefragt, ob es so etwas wie „weibliche Verse“ gibt. Zugegeben, bei manchen Gedichten Callies’ tendiert man zur Überlegung, das hätte ein männlicher Dichterkollege so nicht schreiben können. Die Hinweise reichen aber nicht aus, um diese Überlegung fortzusetzen. Hélène Cixous würde in diesem Zusammenhang von der „écriture feminine“, der weiblichen Schrift sprechen. Bei der Auslegung der Gedichte Callies’ wäre es aber vielleicht angemessener, von der Weiblichkeit in der Schrift, ob männlich oder weiblich, zu sprechen: „wir zögerten nie, uns mit blut zu bewerfen / & boten uns gar ganze zyklen von an“ (aus „zwei enden eines jedweden stranges“). Cixous dazu: „Die Frau lässt sich gehen, sie fliegt, sie geht ganz und gar in ihre Stimme ein; mit ihrem Körper unterstreicht sie die Logik ihrer Rede, ihr Fleisch sagt die Wahrheit. Sie exponiert sich. Tatsächlich materialisiert sie fleischlich, was sie denkt, sie bedeutet es mit ihrem Körper.“ Und weiter: „Frauenstürmerisch sind wir, was unser ist, löst sich von uns ab, ohne dass wir fürchten dadurch geschwächt zu sein. Unsere Blicke ziehen davon, unser Lächeln läuft, das Lachen all unserer Münder, unser Blut rinnt und wir verströmen uns ohne uns zu erschöpfen.“ (Beide Zitate aus „Das Lachen der Medusa“.) Es ist nicht eindeutig zu sagen, wie es in dieser Hinsicht um die Gedichte von Callies bestellt ist. Sicher ist nur, hier spricht eine selbstbewusste Stimme, die, wenn man sich auf sie einlässt, mit Haut und Haar einlässt, einen berührt. Und auch dann ist man berührt, wenn man peinlich berührt wird – ein Punkt, an dem man merkt, wie schwer die christliche Moral noch immer auf unseren Schultern lastet.

/ Alexandru Bulucz, Signaturen

Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten. Gedichte. Frankfurt am Main (Schöffling & Co.) 2015. 112 Seiten. 18,95 Euro.

Mikado-Geäst

Wie Streichhölzer sind Mikadostäbe leichte, bildkräftige, gestennahe Alltagsgegenstände. Lässt man ein Bündel fallen, ergeben sich komplizierte Figuren, in denen die Stäbe zu schweben scheinen. Das „Mikado-Geäst“ ist kein organisches Gewächs, es ist ein kunstvolles Gebilde. Aber abgeschlossen gegen die Außenwelt, zumal die Geschichte, ist es nicht. Es ist aus Welthölzern aufgeschichtet.

Man lese nur den Zyklus „Hinterland I-IV“ aus dem Band „Haut und Serpentine“ (2004). Er spürt dem Starkstromzaun nach, den deutsche Truppen 1915 im besetzten Belgien aufstellten, im Dreiländereck bei Aachen entlang der belgisch-niederländischen Grenze, verzeichnet einen Kriegsschauplatz, samt seinen Toten: „Windig meldet sich das Feld von seiner Jagd, / und bildlich für die Atempause spricht ein Schluck / Stacheldraht: Der Hals des armen Mannes ist zu den Nackenwirbeln durchgebrannt am Zaun.“ / Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung

Jürgen Nendza: Mikado-Geäst. Gedichte aus 20 Jahren. Mit einem Nachwort von Jürgen Egyptien. Poetenladen, Leipzig 2015. 128 S., 16,80 Euro.

Lütfiye Güzel und Barbara Köhler

Lütfiye Güzel debütierte im April 2012 vielbeachtet mit ihrem Lyrik-Band „Herz-Terroristin“. Und auch alle folgenden Werke wurden Erfolge mit ihren melancholischen Stories aus dem poetischen Underground, in denen sie zynisch und pointiert den tristen (Duisburger) Alltag seziert. Das neue Buch „Hey. Antiroman“, aus dem sie lesen wird, ist ihre fünfte Veröffentlichung, ohne Rücksicht auf Verluste, mit neuen Einsichten, neuen Erkenntnissen und „neuen Wahrheiten“ über das Leben. / Rheinische Post

Lütfiye Güzel und Barbara Köhler lesen am Freitag in Duisburg (Barbara Köhler aus „Istanbul – zusehends“).

Weltpost ins Nichtall

Das schmale Werk von August Stramm wäre schon lange in Vergessenheit geraten*, hätte dieser Dichter nicht schreiende Gedichte des Verstummens hinterlassen, und damit die inneren Verwerfungen des modernen Menschen wie unter einem Brennglas formuliert. Die Widmungsanthologie, die der fleißige Lyrik-Vermittler, der Weßlinger Anton G. Leitner mit Hiltrud Herbst herausgegeben hat (Daedalus Verlag), zeigt dies in aller Deutlichkeit. Dass mehr als 60 Autoren – darunter viele bekannte Namen wie Uwe Kolbe, Nico Bleutge, Franzobel, Ulla Hahn, Kerstin Hensel, Gerhard Rihm [sic] und Gabriele Trinckler – zur Feder griffen, um sich mit Stramm auseinander zu setzen, zeigt schon, wie viel dieser brav-bürgerliche Mensch** uns Heutigen noch zu sagen hat. / Wolfgang Prochaska, Süddeutsche Zeitung / Starnberg

*) Ich vermute, so manches schmale und breite heutige Werk wird in 30, 50, 100 Jahren in Vergessenheit geraten sein, wenn man Stramm immer noch liest.

**) Ob Stramm wirklich dieser brav-bürgerliche Mensch war, sei dahingestellt. Ich meine, sei energisch bestritten. Warum nur fallen einem bei so Worten wie „brav-bürgerlich“ immer andere ein und nicht wir selber? Über die Dichtung Stramms hat sich Ernst Jandl präziser ausgedrückt:

er august stramm
sehr verkürzt hat
das deutsche gedicht

ihn august stramm
verkürzt hat
der erste weltkrieg

wir haben da
etwas länger gehabt
um geschwätzig zu sein

Und natürlich, Jahrzehnte früher und deshalb noch weniger geschwätzig, Kurt Schwitters:  „Die Verdienste des August Stramm um die Dichtung sind sehr.“

Weltpost ins Nichtall
Poeten erinnern an August Stramm
Hrsg. Hiltrud Herbst / Anton G. Leitner
Daedalus, 2015

Weltpost ins Nichtall

Birds and hunting guns

THE POETRY ACADEMY, an affiliate of the Cultural Program and Heritage Festivals Committee – Abu Dhabi, has begun taking submissions for the „most beautiful poems in the description of birds and hunting gun[s]“ category, as part of the thirteenth edition of the Abu Dhabi International Hunting and Equestrian Exhibition.

The exhibition takes place in Abu Dhabi from September 9 to 12. The poetry competition aims to link two traditional arts; Nabati Poetry which expresses the collective conscience of the nation, and hunting.

The final submission date is August 30. The winner will receive Dhs50,000.

/ Khaleej Times

Dante ganz

Vorankündigung zur vollständigen Lesung der Divina Commedia in Weimar (16.-18.10.15) im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft hier

Gedicht in leichter Sprache

Das Katholische Bibelwerk übertragt Bibelverse in die leichte Sprache. So sollen Gottesdienstbesucher mit einem geringen Sprachvermögen, einen Zugang bekommen. Einfach sei das nicht, erklärt Projektleiter Dieter Bauer.

domradio.de: „Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott, und in allem war es Gott gleich. Von Anfang an war es bei Gott. Alles wurde durch das Wort geschaffen; und ohne das Wort ist nichts entstanden.“ Das war ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium. Was haben Sie denn getan, um solche und andere Bibelstellen verständlicher zu machen?

Dieter Bauer (Projektleiter Katholisches Bibelwerk): Da muss man vielleicht wissen, dass hinter der leichten Sprache ein ganzes Regelwerk steht. Wie man schwere Sprache einfacher bekommt, dazu gehört zum Beispiel, dass Einleitungen extra formuliert werden. Bei diesem Hymnus aus dem Johannes-Evangelium würde vorne eine Einleitung stehen. Da steht dann in etwa: Ein Mann hat ein Gedicht geschrieben. Das Gedicht ist schwer zu verstehen, aber es ist ein sehr schönes Gedicht. Das Gedicht steht in der Bibel, das Gedicht geht so… Danach werden schwere Begriffe in den Sätzen erklärt. Bei einem Gedicht ist es sicher das schwierigste, was es überhaupt gibt. Das ist ja noch verdichteter als andere Sprache auch. / Domradio.de

Die zitierte Stelle aus dem Johannesevangelium, aus leicht ersichtlichen Geünden um 2 Sätze erweitert, aus der Lutherbibel 1912 und in Luthers Originalsprache von 1545:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

JM anfang war das Wort / Vnd das wort war bey Gott / vnd Gott war das Wort. 2 Das selbige war im anfang bey Gott. 3 Alle ding sind durch dasselbige gemacht / vnd on dasselbige ist nichts gemacht / was gemacht ist. 4 Jn jm war das Leben / vnd das Leben war das Liecht der Menschen / 5 vnd das Liecht scheinet in der Finsternis / vnd die Finsternis habens nicht begriffen.

Anneke Brassinga

Bei faustkultur ein Gespräch mit der niederländischen Lyrikerin Anneke Brassinga, Auszug:

Bernd Leukert: Es interessiert mich, wie Sie zu Ihren Gedichten kommen.

Anneke Brassinga: Eines meiner Gedichte mit dem Titel „Kennwörter“ habe ich buchstäblich geträumt: die Worte, nicht die Bilder. Ich bin nachts aufgewacht und habe es ganz schnell aufgeschrieben, denn ich wusste, dass es später schnell verschwindet, wenn man es nicht sofort aufschreibt. Und ich finde das immer noch ein sehr gutes Gedicht, weil ich es nicht geschrieben habe. Es ist mir im Traum gegeben worden. Da habe ich auch nicht gewusst, was kommen würde.

(…)

Wir kennen sehr wenig von niederländischer Dichtung in Deutschland. Mich hat überrascht, dass Michael Krüger vom Hanser Verlag uns mit einem Band einen Dichter vorgestellt hat, Remco Campert.

Er ist schon seit den 50er Jahren bei uns berühmt, und er hat auch ein großes Publikum. Jetzt ist er, glaube ich, 85, und er schreibt noch immer. Er hat auch eine Rubrik in einer Zeitung.

Dann muss er ja schreiben.

Nein, ich glaube, er macht es, weil es Spaß macht und weil man nicht aufhören kann zu schreiben. Und er hat noch im letzten Jahr einen Gedichtband publiziert. – Aber es gibt auch andere: Hans Faverey. Das war ein großer Lyriker. Er schrieb sozusagen aus dem Geist der Vorsokratiker. Ganz neu und bildstark. Und seit er wusste, dass er Krebs hatte, erschienen Gedichte, die seinen Umgang mit dem Tod zeigen, den Tod, den man leiblich in sich trägt. Das macht das sehr direkt.

Wie bei Rilke.

Ja. Und Lucebert!

Der auch Künstler ist, eine Doppelbegabung.

Ja. Aber er hat auch die Sprache der Dichtung wesentlich verändert.

Wie ist der Einfluss solcher Leute, die in Holland so bekannt sind? Kann man sagen, der interessiert mich nicht? Oder ist er immer da?

Ich glaube, Lucebert ist immer da. Er ist das Zwanzigste Jahrhundert. Er hat eigentlich die freie Lyrik eingeführt, in der es mehr auf die Metaphorik und den Klang ankommt und nicht so sehr auf die Form. Vor den 50er Jahren hatten wir nur diese Formdichter: Sonette und Reime.

Poetopie

sommerspätabends versinken Häuser und Vorgärten im Dunkel – du hältst die Nacht in Händen

Hansjürgen Bulkowski

Spirituelle Poesie ist politisch

„Solange es Religionen gibt, wird es auch Kriege geben.“
Merete Lundbye

G&GN-INSTITUT / Das Lundbye-Zitat ziert das Rückcover des neuen Gedichtbandes „NEUROATHEISMUS“ von Tom de Toys, der im Interview mit Pier Zellin über seine Poetologie sagt:

„Meine Direkte Dichtung ist quasi „Erfahrungslyrik“ mit dem Schwerpunkt auf ekstatischen Erkenntnissen. (…) Das Spirituelle als Überwindung jeglicher Religiosität ist eben mein Hauptanliegen. Deshalb verstehe ich eine erwachsene, freie Spiritualität als Transreligiosität. (…) Neuroatheistisch bedeutet ja, daß die Überwindung der Religiosität durch einen nervösen Körperzustand erreicht wird, eine ekstatische Erkenntnis, die durch die Nervenbahnen strömt, die gespürt wird anstatt nur gedacht“
Quelle: DIE SEHNSUCHT NACH DEM LETZTEN GEDICHT
http://urruhe.jimdo.com/b%C3%BCcher/neuroatheismus-interview/

Pier Zellin hat den Gedichtband außerdem für Kultura-extra rezensiert und untersucht die Gedichte auf ihre lebensphilosophische Tauglichkeit:

„Das direkte Du ohne jenseitige Dimension ist vielleicht das Kernthema der Gedichtauswahl und erklärt auch den Titel. Wo früher traditionell Gott angesiedelt wurde, ist nun eine Leere, die mit konkretem Leben gefüllt wird. (…) Tom de Toys holt das ehemals Religiöse, das Heile und Heilige, ganz ins konkrete, diesseitige Leben, er zersetzt geradezu jegliche Hoffnung auf Überirdisches und bietet als philosophische Alternative einen „radikalen Kontaktismus“, der sich wie eine anti-esoterische mystische Erfahrung anfühlt“

Quelle: Neuro? Atheismus? Kombiniert?
http://www.kultura-extra.de/literatur/spezial/buchkritik_tomdetoys_neuroatheismus.php

Es wird viel geredet über die Notwendigkeit einer neuen Politisierung der zeitgenössischen Lyrik, aber da noch immer Kriege und Terrorismus durch Glaubenssysteme verursacht werden, muß auch nach den spirituellen Dimensionen von Lyrik gefragt werden. Nicht nur „engagierte“ Gedichte üben Gesellschaftskritik, auch spirituelle Poesie ist politisch! Alles Wissenswerte über den Gedichtband hier: www.TRANSRELIGIÖS.de

Prize for Charles Bernstein and Giuseppe Conte

The 2015 Janus Pannonius Grand Prize for Poetry has been awarded to Charles Bernstein and Giuseppe Conte. The prize was founded in 2012 by the Hungarian PEN Club (an affiliate of International PEN). In 2014, Yves Bonnefois (France) and Adonis (Syria) won the prize, which is modelled on the Nobel Prize for Literature. In 2013 the prize went to Simin Behbahani (Iran). The prize was announced on the Janus Pannonius web page.  The web page includes an  English pdf about the prize.

According to Hungarian PEN president Géza Szőcs:

Our prize seeks to honour and reward those poets who can be considered heirs to human spirituality and culture, the grand chain of values, accumulated over millennia. We wish to honour those contemporary artists who have done the most to advance the representation and enrichment of forms of consciousness in harmony with the reflection and interpretation of the world today. The prize has been named after Janus Pannonius, the first known and celebrated Hungarian poet. The prize awarded is 50,000 euros.

The prize will be presented both in Italy and Hungary. In Milan on August 27 at 7pm there will be a reading of the Janus Pannonius laureates and translators at the Hungarian Pavilion of Expo Milano, sponsored by The Hungarian Pen Club and the Casa della Poesia Milano. The joint bilingual volume of Charles Bernstein and Giuseppe Conte, Tutto il whiskey in cielo/Tutto il meraviglioso in terra (All the Whiskey in Heaven/All the Wonder of the World) will also be presented at this time. This will followed by a concert by Béla Faragó on the Bogányi-piano. The award ceremony will take place on August 29 in Pécs, the birthplace of Janus Pannonius. The ceremony will take place in the Courtyard of the Episcopal Palace. Laudations will be given by Enikő Bollobás and Tomaso Kemény. In addition to the two poetry prizes, two translation prizes will also be presented there. At 7pm that same day new books with the Hungarian translations of Bernstein and Conte will be launched at the Ceremonial Hall of the National Széchényi Library in Budapest. Joined by their translators, the two laureates will read from their works during this event to be held in three languages, English, Italian, and Hungarian.

This is the second major international poetry prize for Bernstein in 2015. He also won the Münster International Poetry Prize.  Poetry magazine published two poems by Conte in 1989, translated by Lawrence Venuti: one & two. Finalists for the Janus Pannonius Grand Prize for Poetry have included Augusto de Campos, Knut Odegard, Justo Jorge Padrón, Yang Lian, Christian Bök, Leonard Cohen, Tom Raworth,  Tadeusz Różewicz, Geoffrey Hill, Yevgeny Yevtushenko, and Cole Swensen.

„Dichter, traut euch ins Zentrum!“ 2.0

Veranstaltung Literaturwerkstatt Berlin: September 2015

Do 24.09.2015 – 19:00 Uhr

GESPRÄCH

Diskussion mit Nora Bossong, Berlin, Hendrik Jackson, Berlin und Sabine Scho, Berlin  Moderation: Jens Bisky, Berlin

Alte und neue Gräben tun sich auf, und das Terrain der Poesie will neu vermessen und bewertet werden. Der Anlass: Der Lyriker Jan Wagner hat in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten, und die Verkaufszahlen seiner »Regentonnenvariationen« (Hanser Berlin 2014) sind auf Bestsellerniveau gestiegen.

In Dichterkreisen wird gestritten, und es kursieren Positionen um die Frage: Wie hat ein Gedicht zu sein? Sie bewegen sich zwischen Verrätselung und Hermetik auf der einen Seite und zugänglichen Formen und Inhalten auf der anderen. Während die einen die vermeintliche Randständigkeit als Lebensprinzip der Poesie hinterfragen, lehnen die anderen eine vermutete Marktkonformität ab.

Wo ist der Ort des Dichters und seiner Kunst? Und worauf zielt sie? Darüber diskutieren die in der Überschrift zitierte Autorin Nora Bossong, die Dichterin Sabine Scho und der Dichter Hendrik Jackson. Durch den Abend führt der Journalist Jens Bisky. / literaturwerkstatt.org

(Wahrscheinlich kenn ich mich in Dichterkreisen zu wenig aus und mit den um die Frage kursierenden Positionen. Oder meine DDR-Lehrer hatten doch recht und ich denke einfach zu kompliziert. Du mußt Stellung beziehen: Wie hat ein Gedicht zu sein?! Du mußt hinter dem Wirrwarr der hundert Meinungen die Linie erkennen, die zwei klar gegeneinanderstehenden Positionen. Verrätselung und Hermetik oder zugängliche Formen und Inhalte, jawoll! Vermeintliche Randständigkeit oder vermutete Marktkonformität, ein Drittes, ich muß es doch mal lernen, ein Drittes kann es nicht geben. Du mußt dich entscheiden, die Dinge beim richtigen Namen uns nennen, sag mir wo du stehst. M.G.)

Ladet runter und lest!

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist die nächste Ausgabe der Literaturzeitschrift Hava Lehaba zeitgenössischer deutscher Lyrik gewidmet.

Hava Lehaba erscheint halbjährlich und veröffentlicht neben zeitgenössischer israelischer Lyrik auch Prosa, Essays und Manifeste aus Israel, wobei jeweils ein Drittel der Zeitschrift internationaler zeitgenössischer Lyrik vorbehalten ist.

Die Redaktion der deutschen Anthologie liegt bei dem deutschen Lyriker Ron Winkler. Die ausgewählten Gedichte sind von dem israelischen Dichter Jeremy Vogel ins Hebräische übertragen worden. Die Anthologie enthält Gedichte renommierter junger Dichter aus sämtlichen Teilen Deutschlands, die alle in den 1970er und 1980er geboren sind.

Die Sonderausgabe von Hava Lehaba ist in Clubs, auf Campus und in Buchläden in ganz Israel kostenlos erhältlich.

Die E-Version der Ausgabe läßt sich ebenfalls kostenlos unter http://havalehaba.co.il herunterladen. / Goetheinstitut

Gedichte Deutsch und Hebräisch von Dagmara Kraus, Monika Rinck, Mara-Daria Cojocaru, Nora Gomringer, Christian Filips, Arne Rautenberg, Ron Winkler, Uljana Wolf, Daniel Falb, Sonja vom Brocke, Norbert Lange, Hannes Bajohr, Alexander Gumz, Daniela Seel

Direktlink zum Download

„Nehmt und lest!“

Michael Braun urteilt anders. Bei literaturkritik.de bespricht er das Lyrikjahrbuch 2015. Sein Fazit:

Eine wunderbare Anthologie. Nehmt sie und lest!

Weit über 150 Gedichte wurden für aufnahmewürdig in diese Anthologie befunden, die, unter den Dauerfittichen von Christoph Buchwald, so etwas wie ein Kompass der deutschen Gegenwartslyrik ist.

Die Auswahl ist repräsentativ, die Gliederung in sieben lockere Themenabteilungen anregend. Damit haben die Herausgeber die feierliche Last des Jubiläums spielerisch abgeschüttelt. Der Klassiker (Durs Grünbein) steht neben Arrivierten (Kerstin Hensel etwa mit einem wundervollen Nachrufgedicht auf Rolf Haufs) und Newcomern (Max Czollek), Herta Müller ist vertreten (obwohl das visuelle Moment ihrer Gedichtmontagen fehlt), Norbert Hummelt, Michael Lentz, Lutz Seiler, Jan Wagner und viele mehr. Einige Dichter sind mit mehreren Gedichten dabei, andere nur mit einem Text vertreten. Kurzpoesie und Blocksatzlyrik, Aphoristisches und Reflexives, Natur und Politik – formal und inhaltlich ein breites Spektrum. Von den Rändern dieses Spektrums aus kann man vielleicht ermessen, was die deutsche Lyrik im Jahr 2014/15 ausmacht. (…)

/ literaturkritik.de

Christoph Buchwald / Nora Gomringer (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2015.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015.
221 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783421046123

13. Frauenfelder Lyriktage

Fr/Sa 11./12.9. 20:00 Poetry-Performance!

Die 13. Frauenfelder Lyriktage werden von Urs Engeler kuratiert und stehen unter dem Buchstaben P.

P poppt!

5 Autoren und 2 Musiker performen und tüfteln seltene Wort- und Klangkombinationen aus. Ganz im Sinne von Poesie, poésie, poetry: Pläne, Projekte, Petersilie, Parapsychologie und Pier Paolo Pasolini, ganz p.p.: porto payé – party, please! Punkt.

(Eintritt 25.-/15.-, beide Abende 40.-/25.-)

Sa ab 17:00 Podiumsgespräch mit den Autoren/Autorinnen Christian Filips, Dagmara Kraus, Birgit Kempker, Michael Fehr, Isabelle Sbrissa und den Musikern Bo Wiget und Marc Matter. Moderation: Urs Engeler.
(freier Eintritt)

Eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Kantons Thurgau