Digest 7./8.6.

Poetentag

In Baku fand zum Tag der Poeten eine Veranstaltung statt, die vom Verband aserbaidschanischen Autoren und der Vereinigung junger Dichter mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Tourismus, der türkischen Botschaft in Aserbaidschan, dem Berufsverband Wissenschaftlicher und Literarischer Autoren und dem Weltverband Junger Türkischer Schriftsteller organisiert wurde.

In diesem Jahr war der Abend dem berühmten Schriftsteller und Verdienten Kunstarbeiter Aserbaidschans Vagif Samadoglu gewidmet. Persönlichkeiten aus der Türkei, Kirgisistan, Usbekistan, Georgien, der Ukraine, Iran, Rußland, den USA und Israel nahmen an der Veranstaltung teil. / Azernews

Schweizer Lyriker Roland Merk

Im Hinblick auf Utopie ist die Lyrik für ihn zentral. «Weil das Menschsein in diesen Zeiten radikal bedroht und instrumentalisiert worden ist, ist genau die Stimme des Menschen gefragt, und das ist in einem umfassenden Sinne eben die Lyrik.» Ein afrikanischer Freund habe ihm einmal gesagt: «Arme Völker singen, reiche Völker nicht mehr.» Es scheine, als ob jene, welche die «Entzauberung der Welt» vorangetrieben hätten, es den Dichtern und der Lyrik zurückzahlen wollten. «Die Sprache, die ich meine, die die Sprache des Antlitzes, des Körpers mitumfasst», so Merk, «sagt von sich ex negativo in Schmerz, Leid, Hunger und Furcht was nicht sein soll, das ist gewissermassen das Lyrische dieser Welt.» Deshalb gehe es nicht um eine ausgemalte positive, sondern bilderlose Utopie. / Thomas Brunnschweiler, Basellandschaftliche Zeitung

GABRIELE KROMER

unterwirft ihre ‚Kopffilme‘ einer Metamorphose zu Grafik und Lyrik aus einer Hand, 1:1 im Zwiegespräch. Zwei Ausdrucksformen, die sich die Bälle zuspielen und wechselseitig die Perspektiven verändern. Unkonventionelle, sehr eigenständige, grotesk-freche, stets hintergründige Bilder und Texte, in denen sich der Kreis zwischen Innen- und Außenwelt schließt. / art-in.de

Pound-Museum

Wenn ahnungslose Besucher, angelockt von dem bescheidenen landwirtschaftlichen Museum, das einer der Urenkel Pounds hier betreibt, den kurzen, aber steilen Abstieg von Dorf Tirol zur Burg hinunter auf sich nehmen, dann ist es wohl vor allem das eindrucksvolle Panorama des Meraner Tals, das ihnen im Gedächtnis bleibt – nicht die hier versammelten Artefakte der „Pound Ära“, wie der kanadische Kritiker Hugh Kenner die von Ezra Pound wesentlich mitgeprägte anglo-amerikanische Moderne genannt hat, nicht die Handschriften, Aufzeichnungen, Notizbücher und Briefe Pounds, die anschaulich seine Rolle als Mentor zahlreicher mit ihm befreundeter und korrespondierender Schriftstellerkollegen wie T.S. Eliot, James Joyce oder Ernest Hemingway belegen; und auch nicht die vielen Porträts, Fotografien (unter anderen von Henri Cartier-Bresson) und Büsten des Dichters, die die Brunnenburg nicht nur zu einer Fundstätte für Pound-Forscher, sondern für Kunstinteressierte insgesamt machen.

Ezra Pound ist einer der größten, aber auch einer der umstrittensten Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Besuch bei seiner neunzigjährigen Tochter Mary de Rachelwiltz in Südtirol. / Klaus Benesch, FAZ 7.6.

Gestorben

Moshe Dor, „ein Gründungsvater der israelischen Poesie“, starb im Alter von 83 Jahren. 1987 wurde er mit dem Bialikpreis geehrt. Er veröffentlichte 18 Lyrikbände und wurde in rund 30 Sprachen übersetzt. Er veröffentlichte auch Kinderbücher und übersetzte aus dem Amerikanischen. / Haaretz

 

Wochendigest 5./6.6.

1000 Seiten Depression

Ein guter Freund, der Houellebecq verehrt, hat mir berichtet, immer, wenn die Stimmung in seiner Redaktion zu gut würde, klettere er auf einen Stuhl und deklamiere ein Houellebecq-Gedicht. Ein todsicheres Mittel, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Übrigens erwischt man sich irgendwann beim Lachen, wie in einem Film von Kaurismäki oder Lars von Trier. Tausend Seiten Depression sind schließlich ziemlich witzig. / Jan Küveler, Die Welt

Michel Houellebecq: Gesammelte Gedichte. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont. 781 S., 14,99 €.

Poesiefestival eröffnet

Schon der Eröffnungsabend, der traditionell unter dem Begriff „Weltklang“ firmiert, zeigte, dass gute Lyrik die an sie herangetragenen Erwartungen gut auszuhalten weiß. Da war es gar nicht nötig, das Büchlein mit den Übersetzungen der dargebotenen Gedichte aufzuschlagen. Es genügt, etwa den Vokalreihen einer Ana Blandianas aus Rumänien nachzulauschen oder dem ätherischen Gesang der barfüßigen Neuseeländerin Hinemoana Baker. Auch Charles Simic wollte man ja immer schon einmal gesehen haben, und dann stand der fast Achtzigjährige da wie ein alter College-Professor, die Hände lässig in den Taschen, und räusperte sich so beharrlich, dass es klang wie ein ganz eigenes Lautgedicht.

„Wie Sie sehen, komme ich nicht allein“, sagte die hochschwangere Uljana Wolf, als sie die Bühne betrat und ein strukturalistisch inspiriertes Gedicht über die Sprachentwicklung von Kindern vortrug. Und mit einem Mal trat da, „gebubbelt, gebabelt“, aus der „konnotation“ eine „notunterkunft“ hervor. Seiner Zeit entkommt man eben einfach nicht. / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Mit welchen Gedichten können Sie gar nichts anfangen?

Das Gedicht als moralische Obstkistenpredigt ist unerträglich – das Gedicht also, dessen Freiraum missbraucht wird, um eine eindeutige Aussage zu treffen, eine Pointe, etwa als Paarreim, mit der das Gedicht sich dann sozusagen erledigt hat. Ein Gedicht muss schon etwas dauerhaft Verstörendes haben, es muss eine Verrückung der Wahrnehmung erreichen. / Jan Wagner antwortete auf Fragen des Tagesspiegels

Königin der Schraubenliteratur

Wirklich verstehen im Sinne der Ratio kann man das nicht. Muss man aber auch nicht. Denn Handlung steht hier nicht im Vordergrund – sondern der Reim. „Verbannt“ kommt nämlich durchgängig in sogenannten Spenser-Strophen daher, die beliebt waren zu Zeiten von Byron, Keats und Shelley.

Das Deutsche ist für solche Strophen nicht wirklich geeignet, was zu manch schrägem Reim und kuriosem Kalauer führt. An vielen Stellen knirscht es also mächtig im Gefüge. Ann Cotten hat deutlich ihren Spaß daran. Dass ihr am Ende dieses Versepos gar die Puste auszugehen schien: Es kümmert sie nicht. Verfugung, Verschiebung, die Lockerung der Übergänge ist hier alles. „Verbannt!“ inthronisiert sie insofern als Königin der Schraubenliteratur. / Claudia Kramatschek, DLR

Ann Cotten: Verbannt!
Versepos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
168 Seiten, 16 Euro

Hommage à Allen Ginsberg

Am 3.6. wurde in Tokio eine musikalische Hommage an den Dichter Allen Ginsberg aufgeführt: „Der Dichter spricht“. Die Idee wurde 2007 von der Rockikone und Schriftstellerin Patti Smith und dem Komponisten Philip Glass entwickelt. An der Aufführung in Tokio arbeiteten der Romancier, Dichter und Übersetzer Haruki Murakami (seine Ginsberg-Übersetzungen wurden auf eine Leinwand projiziert) und der japanische Musiker Joe Hisaishi mit. / ActuaLitté

Hier eine Aufnahme von 2005 mit Patti Smith und Philip Glass:

Iraqi poet Faleeha Hassan

Through verses about loss and tragedy, Hassan has become one of Iraq’s most successful and celebrated poets. Sometimes called  the “Maya Angelou of Iraq,” Hassan’s work has been heavily awarded and translated into dozens of languages.

Writing from her new home in New Jersey, Hassan explained via e-mail how her childhood, her faith and her war-torn nation turned her into one of Iraq’s first prominent female writers.

“Writing is very dangerous, especially for an Arab woman if she writes honestly and freely,” she said. “Some people do not like honesty and freedom of expression, so sometimes women stop writing because they worry about themselves and their family.” / Graham Dudley, Nondoc.com

Der Dackel. Blätter für Asphaltliteratur

Zur vorangegangenen Meldung sehr gut passend hier ein Hinweis auf die erste Nummer der Zeitschrift Der Dackel. Blätter für Asphaltliteratur, herausgegeben von Edition Samisdat in Wien. »Was ist nun dieser erstaunliche Hund«, fragt Paul Asti im Editorial: »Ein guter Geist, der über den Dächern der großen Städte schwebt, der unverdächtige Patron aller Asphaltliteraten […], angetreten gleichsam zum Staffellaufe, die Lichtenbergsche Fackel der Wahrheit über die versteinerten Köpfe und umwölkten Stirnen hinweg ins Morgen zu tragen – der schimmernden Abendröte aller Kultur entgegen.« Quasi als Bekräftigung dieses Programms beginnt das Heft mit Jakob van Hoddis’ »Weltende«. Es folgen Gedichte und Kurzprosa von – ich vermute: zeitgenössischen – Autorinnen und Autoren, die mir, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zugegebenermaßen kaum bis überhaupt nicht bekannt sind (schade, dass es am Ende keine biographischen Kurzhinweise gibt)., dazwischen einzelne Texte von Größen wie Dumas, Lorca, Georg Heym, Jarry, Keats, Karl Kraus oder Morgenstern. Der erste Teil kreist um »Lüge« als Thema der ersten Ausgabe, der zweite ist ein freies »Florilegium«.

Das Heft räumt dem Kulturkritischen humoristisch-satirischer Prägung großen Raum ein, ist aber keineswegs darauf fixiert. Vom ersten Lesen her scheint mir das Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich. Von der schülerzeitungstypischen Harmlosigkeit bis hin zu poetologisch reflektierten post-postmodernen, an einer Weiterführung klassischer Ästhetik arbeitenden Gedichten (Alexandra Bernhardt), von leicht miefiger Absage an zeitgenössische Schreibpraxis bis hin zu dezidiert experimentellen Neologismus-Gedichten an der Grenze tradierter Semantik (Unda Maris). Bin gespannt, wie sich Der Dackel weiterentwickelt. Für das zweite Heft 2016 können Textvorschläge noch bis zum 15. Juni an redaktion@asphaltliteratur.com eingereicht werden (Thema: »Dummheit«).

In Heft 1 Beiträge von: Heiner Bangemann, Robert Bareis, Anne Bennet, Alexandra Bernhardt, Marina Büttner, Udo Dickenberger, Alex Dreppec, Lena Fehlhaber, Nico Feiden, Sabine Frambach, Eugen Fuchs, Federico García Lorca, Károly Göndör, Hans G. Gohlisch, Gerhard Goldmann, Christian Heim, Willi van Hengel, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Alfred Jarry, Till Kammerer, John Keats, Ayn Kempffer, Hagen Klennert, Karl Kraus, Thomas Krause, Steffen Krenzer, Stefan Kunzke, Alfred Lichtenstein, Lukas Meisner, Christian Morgenstern, Andrea Nagy, Roman Olasz, Michel op den Platz, Ole Paulsen, Susanna Piontek, Christian Pradel, Karl-Heinz Rölke, Bertil Rolf, Scarnafol, Sigune Schnabel, Sebastian Schneider, Lena Schweizer, Niclas Siebert, Ernst Stadler, Ben Ulrich Stein, Jan Stenmark, Jochen Stüsser-Simpson, Gabriele Sümer, Raimund Tandler, Tim Tharun, Màrius Torres i Perenya, Mona Ullrich, Unda Maris, Jürgen Völkert-Marten, Ludwig Wassermann, Carlos Wolf.

/ àxel sanjosé

Afrikanische Literaturen

„Afrika-Literatur“ gibt es nicht. Der Kontinent hat vielmehr zahllose Literaturen hervorgebracht. Die allerdings haben es schwer, hierzulande Leser zu finden. Doch warum eigentlich?

Sollten Sie über Afrika schreiben wollen, möge Ihnen ein Rat ans Herz gelegt werden:

„Behandeln Sie Afrika so, als wäre es ein Land. Es ist darin heiß, mit staubigen, hügeligen Graslandschaften, riesigen Tierherden und langen dünnen hungernden Menschen.“

Haben Sie dies verinnerlicht, dann sind Sie bereit für den kritischen Text des kenianischen Autors Binyavanga Wainaina. Vor zehn Jahren erschien er unter dem Titel „How To Write About Africa“ in der einflussreichen Literaturzeitschrift „Granta“. / Arlette-Louise Ndakoze, DLR

Poetopie

am Horizont schießen Blitze aus der Erde und schlagen ein in den Himmel

Hansjürgen Bulkowski

Leuchttürme und Labore

„Akzente“, „Merkur“ und „Sinn und Form“ sind seit Jahrzehnten die Leuchttürme der Zeitschriftenszene, „Schreibheft“, „Wespennest“, „Die Horen“ und „Literatur und Kritik“ sind kaum weniger etabliert. Daneben gibt es trotz der zunehmenden Konkurrenz im Netz eine große Zahl von Zeitschriften, die sich der Literatur in all ihren Formen widmen, oft mit viel Liebe und wenig Geld, dafür schön gestaltet. Sie sind Versuchslabore, Salons, Schaukästen und manchmal auch nur Textfriedhöfe. / Sabine Scholl und Thomas Geiger präsentieren ihre Favoriten unter den Literaturzeitschriften

Hölderlinpreis (Bad Homburg) für Christoph Peters

Der Schriftsteller Christoph Peters erhält den mit 20.000 Euro dotieren Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Oberbürgermeister Alexander Hetjes überreicht die Auszeichnung am Sonntag, 12. Juni, 11 Uhr, in der Englischen Kirche. Laudator wird Vorjahrespreisträger Michael Kleeberg sein. Der mit 7.500 Euro dotierte Förderpreis geht an Per Leo. / Bad Homburg

Miłosz Festival in Cracow

The relationship between the poet and the reader is the core of Miłosz Festival, which originated from the tradition of meetings of the poets of the East and West. The festival gives opportunity to ask about artistic inspirations, but it is also an occasion to listen to poets reading their own creations.

Among the guests: Breyten Breytenbach, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Ashur Etwebi, Jerzy Kronhold, Piotr Matywiecki, Agnieszka Mirahina, Przemysław Owczarek, Tadeusz Pióro, Joanna Roszak, Olga Sedakova, Kacper Bartczak, Stefan Hertmans, Barbara Klicka, Aldona Kopkiewicz, Bartłomiej Majzel, Michael Ondaatje, Piotr Przybyła, Julia Szychowiak, Adonis, Zdzisław Jaskuła

/ New Eastern Europe

Klopstockpreis für Kolbe, Förderpreis für Spyra

Der Quedlinburger Autor Michael Spyra wird mit dem mit 3 000 Euro dotierten Klopstock-Förderpreis des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet. Er ist einer von zwei Preisträgern. Den Klopstockpreis und 12 000 Euro bekommt der in Berlin geborene und heute in Hamburg lebende Schriftsteller Uwe Kolbe. Offiziell überreicht werden die Preise, wie es in einer Mitteilung des Ministeriums für Kultur heißt, am 2. Oktober im Rahmen der Abschlussveranstaltung der Landesliteraturtage im Theater in Stendal. / Mehr

Auffallendes Wesen

Unica Zürn: Krankenakte Karl-Bonhoeffer-Heilstätten

12.10. 1960 Der geschiedene Ehemann der Pat. sprach heute vor und berichtete (…). Als Ref. seine damalige Frau kennengelernt habe, sei sie schon ein auffallendes Wesen gewesen. Ihr Hang habe immer nach Höherem gestanden. Besondere Vorliebe habe sie für die Schriftstellerei gehabt.

Aus: Unica Zürn, Gesamtausgabe Bd. 4.3: Anmerkungen, Briefe, Dokumente. 1999, S. 296

Lyrikmarkt

Sa 11.06.2016 – 15:00 Uhr

  1. poesiefestival berlin

Lesungen, Livemusik und ein Bastel- und Spielprogramm für Kinder tragen zu einem regen Markttreiben bei. Verlage, Antiquariate und Buchhandlungen laden ein zum Schmökern und Stöbern in poetischen Neuerscheinungen, Fundstücken und Raritäten.

15:00 – 21:00 Lesungen im Buchengarten
Annelie Axén | Hinemoana Baker | Timo Berger | Sean Bonney | Josepha Conrad | Daniel Falb | Anja Golob | Eberhard Häfner | Ilia Kitup | Birgit Kreipe | Els Moors | Steffen Popp | Tim Holland | Marion Poschmann | Kristin Schulz | Steven Zultanski | Asmus Trautsch | Mathias Traxler | Matvei Yankelevich
Moderation: Aurélie Maurin FRA Übersetzerin, Herausgeberin | Alexander Filyuta DEU Übersetzer

Ab 15:30 ZEBRA-Poesiefilmclub: Kein schöner Land
Studio
Die Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie präsentiert auch auf dem 17. poesiefestival berlin Kurzfilme, die auf Gedichten basieren. Passend zum Thema des Festivals hat sie aus ihrem großen Archiv Poesiefilme ausgewählt, die sich mit Flucht und aktuellen Konflikten befassen.
Moderation: Thomas Zandegiacomo Del Bel DEU Medienwissenschaftler

Ab 19 Uhr Konzerte in der Studiobühne
Kofelgschroa
Kitty Solaris mit Band
Der Nino aus Wien mit Band

Poetische Publikationen
APHAIA VERLAG, Antiquariat Ballon + Wurm, außer.dem, BELLA triste, Brueterich Press, Bücherbunker Berlin, edition AZUR, Edition Rugerup, Elfenbein Verlag, Gutleut-Verlag, Hanser Verlag + Hanser Berlin, hochroth Verlag, Horlemann Verlag und die Edition Voss, kookbooks, Literarische Buchhandlung Der Zauberberg, Luchterhand Literaturverlag, luxbooks, Matthias Wagner Antiquariat, parasitenpresse, Park. Zeitschrift für neue Literatur, Poesiealbum / Märkischer Verlag, poetenladen verlag, Propeller Verlag, randnummer, Reinecke & Voß, roughbooks, Russky Gulliver, Saint George’s Bookshop, SINN UND FORM, Sommergras, STILL, Suhrkamp und Insel Verlag, Translit, Ugly Duckling Presse, Verlag C. H. Beck, Verlag Das Wunderhorn, Verlag Hans Schiler, Verlag Peter Engstler, Verlagshaus Berlin

Projektleitung: Alexander Gumz | Matthias Kniep |
Thomas Zandegiacomo Del Bel

Leseecke 15

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

15

WHen I consider euery thing that growes 
Holds in perfection but a little moment.
That this huge stage presenteth nought but showes
Whereon the Stars in secret influence comment.
When I perceiue that men as plants increase,
Cheared and checkt euen by the selfe-same skie:
Vaunt in their youthfull sap, at height decrease,
And were their braue state out of memory.
Then the conceit of this inconstant stay,
Sets you most rich in youth before my sight,
Where wastfull time debateth with decay
To change your day of youth to sullied night,
    And all in war with Time for loue of you
    As he takes from you, I ingraft you new.

Plessow schreibt in seinem Kommentar: „Sonett 15 führt den Dichter ein, zusammen mit der Scheinwelt der Bühne als Ort der Handlung: Where wastefull time debateth with decay … I engraft you new.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 consider ursprüngl. = look at, erst die zweite Zeile wendet die Bedeutung in die heute geläufige

nought naught (nichts) – V. 3 führt das geläufige Konzept der Welt als Bühne ein

4 influence auch im wörtlichen Sinne von etwas, das von den Sternen herab“fließt“ und uns beein“flußt“

Cheared cheerèd (zweisilbig gesprochen, schwebende Betonung) damals in der Bedeutung: ermutigt

7 vaunt sich brüsten

conceit Gedanke, Konzept (zugleich abgeleitet von der italienischen Form concetto eine spezielle Form bildlichen Ausdrucks in der Literatur des 16./17. Jahrhunderts – hier passend im Sinne weit hergeholter Vergleiche) inconstant stay Vergänglichkeit

12 sullied schmutzige

13 in war weniger verbreitete Variante von at war; hier offenbar gebraucht als Gegensatz zu in love

14 ingraft engraft (belebe, pfropfe auf)

 

Deutsche Fassung von Max J. Wolff (1903):

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„Risse“

In der neuen Ausgabe der Rostocker „Risse“ (Heft Nr. 36 mit dem Schwerpunktthema: Schweigen) Teil 1 eines Essays von Bertram Reinecke über „Das Jahr der Lyrik in der Kritik. Parteiische Thesen und kritische Ausschweifungen“ (Fortsetzung im nächsten Heft). Ich zitiere einen Passus über Jan Wagner:

Seinen vorherigen Band Die Eulenhasser in den Hallenhäusern habe ich mit größtem Interesse studiert. In dem Buch erfindet er gleich drei Alter Ego, drei fiktive Dichter, zu denen teils eigens von ihm miterfundene Literaturwissenschaftler Vorworte und Kommentare verfassen. Dazu gibt es auch ein zwar mit Jan Wagner gezeichnetes Vorwort, das streng genommen ein weiteres Alter Ego enthält, denn es behauptet hier, drei Dichter der Vergessenheit zu entreißen, die er in Wirklichkeit erschuf. Diese Anordnung lässt sich als köstliche Spielerei für findige Leser auffassen. Sie ist aber mehr: Allein die gelehrten Kommentare decouvrieren, ohne direkt auf Lustigkeit oder Pointen abzuzielen, literaturwissenschaftliche Lesegepflogenheiten. (Teils etwa sinkt ihnen der Autor zum Stichwortgeber für feine Bildungsanekdoten herab.) Dass sie an einem erfundenen Gegenstand quasi leerlaufen, zwingt dazu, sie als das zu sehen, was sie, gern unter dem Gestus wissenschaftlicher Autorität verborgen, auch sind: ein Set von etablierten Gewohnheiten. (…)

Wagners Regentonnenvariationen mögen ein guter Band sein, er mag vielleicht sogar insgesamt mehr „gelungene“ Gedichte enthalten, ist allerdings für seine Leser ohne größere Überraschungen. Stimmung und Tonlage bewegen sich mit leichten Verschiebungen im bewährten Wagneruniversum. Die Eulenhasser in den Hallenhäusern zielt weiter und birgt überraschendere Ergebnisse. Um es mit Ulf Stolterfoht (der sich freilich zu ganz anderen Texten äußert) zu sagen, es geht um einen Einspruch gegen das falsche Gelingen in einer Zeit allgemeinen Gelingens auf hohem Niveau (Münchner Rede zur Poesie, 11.11.2015). Ein Gedicht wird interessanter, wenn es eine Aufgabe findet, an der es auch scheitern kann. Wagner stellt sich zu guter Letzt aber auch noch auf eine andere Weise zur Disposition: Weil er in den pseudogermanistischen Kommentaren seinen ganzen Erfindungsreichtum präsentiert, quasi den Hallraum ausschreitet, zeigt er, in welchen möglichen Diskursen und Weiterführungsräumen er seine Lyrik denkt, während die Lyrikkritik immer wieder suggeriert, ihre Kriterien würden nicht aus Umgangsformen mit Gedichten entwachsen, sondern die Maßstäbe fielen irgendwie unveränderlich vom Himmel. In der Kritik kam der Eulenhasserband deshalb kaum über ein distanziertes „Ja, aber“-Lob hinaus, auch wenn die meisten Kritiker einräumten, dass sie den Band eigentlich sehr gern gelesen hätten.

Weiter im Heft (Auswahl): Gedichte von Kurt Scharf, Tobias Reußwig, Christoph Rohrbach, André Hatting, Prosa von Jürgen Landt, Kritiken zu Ulf Stolterfoht, Siegfried Pitschmann, Sascha Reh und Frank Witzel.

Warum er Englisch dichtet

Der Dichter Charles Simic kam als 16-Jähriger mit seiner Familie aus Jugoslawien in die Vereinigten Staaten. Bereits ein Jahr später begann er, Gedichte auf Englisch zu schreiben. Vor allem um Mädchen zu beeindrucken, wie er sagt. Mit diesem Argument begegnet er auch denen, die ihm vorwerfen, er habe als Dichter seine serbische Muttersprache aufgeben:

„Ihnen erwidere ich dann: Tja, tut mir leid. Mir liegt eben viel daran, mit den Menschen zu kommunizieren, mit denen ich lebe. Insbesondere den jungen Damen meine Aufwartung zu machen. Ich kann ja nicht sagen: Edna, schau mal, ich habe hier ein wundervolles Gedicht geschrieben. Es ist in Serbisch, aber du kannst mir glauben, es ist voller Liebe für dich.“ / DLR

Wochendigest 5

Unveröffentlichte Kurzgedichte

Ein Band mit unveröffentlichten Kurzgedichten des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore  (1861-1941) wird erstmals in Buchform veröffentlicht. Tagore schrieb diese Gedichte beim Autogrammgeben. Das Buch ‘Knockings at my heart’ enthält etwa 80 solchen Autogramm-Gedichte. Es sind sehr kurze Gedichte, beeinflußt von der Präzision, Tiefe, Kraft und Intensität japanischer Haiku. / Indian Express

Verteidigungsrede der Miss Turkey

[Die wegen Beleidigung des Staatspräüsidenten verurteilte ehemalige türkische Schönheitskönigin Merve] Büyüksaraç sagte nach Angaben der Zeitung „Hürriyet“, sie habe den Text „lustig“ gefunden. Sie habe weder etwas gestohlen, noch habe sie jemanden getötet, sagte die Beschuldigte. Sie frage sich, welcher anderer Politiker so viele seiner eigenen Landsleute vor Gericht bringe. „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar, der inzwischen selbst zu fast sechsjährige Haft verurteilt wurde, kommentierte mit Blick auf die zahlreichen Prozesse gegen Medienvertreter und Kritiker in der Türkei jüngst, inzwischen gehöre es im Präsaidentenpalast offenbar zum guten Ton, Kritiker vor Gericht zu stellen. / Wiener Zeitung

Poetry Slam in Namibia und Deutschland

„Das Gedicht erfährt durch ‚Poetry Slam‘ derzeit einen enormen kulturellen Wandel in Deutschland, da es wieder näher an die Lebenswirklichkeit junger Leute herankommt“, so Pfeiler. So wie in Windhoek füllen die Veranstaltungen auch in Deutschland die Säle. In Bochum können gut und gerne schon einmal 1000 Zuhörer zusammenkommen. „Ich denke, es ist für viele ein Reiz, sich genau das anzuschauen, was man sich selbst nicht zutraut: Vor einem Riesen-Publikum minutenlange Zeilen eines einstudierten Gedichtes oder einer Kurzgeschichte auf Punktladung hin zu präsentieren“, erklärt die 39-Jährige. Es seien eben die „Popstars der Lyrik“.

1000 Leute sind für Windhoeker Verhältnisse (noch) Zukunftsmusik. Doch das Interesse der Leute, andere an ihren Problemen, Freuden oder Traurigkeit teilhaben zu lassen, werde immer größer. „Oft wird beispielsweise über Feminismus, Gewalt an Frauen und Geschlechtergleichheit gesprochen. Es stehen Frauen auf der Bühne, die ihrer Wut freien Lauf lassen“, so Don Stevenson von „SpokenWord Namibia“. Natürlich sei einiges sehr klischeehaft, doch es gebe durchaus sehr talentierte Dichter, die mit ihren Werken an ihre Grenzen gehen und das Publikum fesseln. / Allgemeine Zeitung